Maigrets Memoiren - Simenon Georges - E-Book

Maigrets Memoiren E-Book

Simenon Georges

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Beschreibung

Als Rentner in seinem Landhaus in Meung-sur-Loire schreibt Maigret seine Memoiren. Er erinnert sich an seine Kindheit, seine Anfänge bei der Polizei und an seine ersten Begegnungen mit Madame Maigret, die ein gewisser Georges Simenon in seinen Romanen nicht ganz wirklichkeitsgetreu gezeichnet hat – wie so vieles andere auch ... Kommissar Maigret muss einiges zurechtrücken. Maigrets 35. Fall, wenn man ihn überhaupt so bezeichnen kann, spielt in Saint-Fiacre in Allier, in Nantes, Paris und in Meung-sur-Loire.

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Georges Simenon

Maigrets Memoiren

Roman

Aus dem Französischen von Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Bärbel Brands

Kampa

1Wo ich endlich und ungeniert die Gelegenheit ergreife, meine Beziehungen zu einem gewissen Simenon zu erläutern

Es war im Jahr 1927 oder 1928. Ich habe kein Gedächtnis für Daten, und ich gehöre nicht zu denen, die über ihr Tun und Lassen sorgfältig Buch führen, was in unserem Beruf häufig vorkommt und sich für manche als nützlich und sogar einträglich erwiesen hat. Erst kürzlich habe ich mich an die Hefte erinnert, in die meine Frau, lange ohne mein Wissen, ja sogar heimlich, die Zeitungsartikel eingeklebt hat, in denen von mir die Rede war.

Vermutlich könnte ich das genaue Datum anhand eines bestimmten Falls feststellen, der uns in jenem Jahr viel Ärger bereitet hat, aber ich habe keine Lust, die Hefte durchzublättern.

Es ist auch gar nicht wichtig. Zumindest an das Wetter erinnere ich mich noch genau. Es war zu Beginn des Winters, an einem jener farblosen grauweißen Tage, die ich gern Bürotage nenne, weil man meint, dass sich in einer so trüben Atmosphäre nichts Interessantes ereignen kann und einem nichts zu tun bleibt, als liegen gebliebene Berichte fertig zu schreiben und verbissen, aber lustlos die laufenden Geschäfte zu erledigen.

Wenn ich dieses trübe Grau so deutlich hervorhebe, so geschieht das nicht, weil ich einen Sinn fürs Malerische habe, sondern um zu zeigen, wie banal dieses Ereignis als solches gewesen ist, eingewoben in die Routine eines banalen Arbeitstags.

Es war etwa zehn Uhr morgens. Der Rapport war kurz gewesen und seit einer halben Stunde vorbei.

Heute weiß eigentlich jedermann, was der Rapport bei der Kriminalpolizei bedeutet, aber zu jener Zeit hätten die meisten Pariser wohl nicht einmal sagen können, welche Behörde sich am Quai des Orfèvres befand.

Pünktlich um neun ertönt ein Klingelzeichen, das die verschiedenen Abteilungsleiter in das geräumige Büro des großen Chefs zusammenruft, dessen Fenster auf die Seine hinausgehen. Es ist eine ungezwungene Versammlung. Man begibt sich, Pfeife oder Zigarette rauchend, dorthin, meistens mit einer Akte unterm Arm. Der Tag hat noch nicht recht begonnen, und dem einen oder anderen liegt der Geschmack von Milchkaffee und Croissants noch auf der Zunge. Man schüttelt einander die Hand und unterhält sich, bis alle versammelt sind. Dann berichtet jeder dem Chef, was sich in seinem Dienstbereich zugetragen hat. Einige bleiben stehen, manchmal am Fenster, und betrachten die Busse und Taxis, die über den Pont Saint-Michel fahren.

Anders als die Leute denken, ist nicht nur von Verbrechern die Rede.

»Wie geht es Ihrer Tochter, Priollet? Hat sie immer noch Masern?«

Ich erinnere mich, dass man sich auch sachkundig über Kochrezepte verbreitete.

Natürlich spricht man auch von ernsteren Dingen, zum Beispiel vom Sohn eines Abgeordneten oder Ministers, der Dummheiten begangen hat und im Begriff steht, weitere zu begehen, und den man dringlichst und möglichst unauffällig zur Vernunft bringen muss. Oder aber von einem reichen Ausländer, der vor Kurzem in einem Luxushotel an den Champs-Élysées abgestiegen ist und dessentwegen die Regierung sich beunruhigt zeigt. Von einem kleinen Mädchen, das man vor ein paar Tagen auf der Straße aufgelesen hat und dessen Angehörige sich noch nicht gemeldet haben, obwohl ihr Bild in allen Zeitungen erschienen ist.

Man ist unter sich, unter Fachleuten, und die Ereignisse sind von rein beruflichem Interesse. Man verliert kein unnützes Wort, was alles sehr vereinfacht. Es ist sozusagen das Tagesgeschäft.

»Nun, Maigret, haben Sie Ihren Polen aus der Rue de Birague noch nicht verhaftet?«

Ich beeile mich, hier zu erklären, dass ich nichts gegen Polen habe. Wenn ich ziemlich oft von ihnen spreche, so nicht deshalb, weil es sich um ein besonders bösartiges oder verdorbenes Volk handelt. Damals herrschte in Frankreich Mangel an Arbeitskräften. Man holte Tausende Polen ins Land und schickte sie in die Bergwerke im Norden. Ganze Dörfer, Männer, Frauen und Kinder, wurden auf diese Weise zusammengetrieben und in Züge verfrachtet, ähnlich wie früher die schwarzen Arbeitskräfte.

Die meisten waren sehr gute Arbeiter, und viele sind brave französische Bürger geworden. Aber wie zu erwarten, war auch Gesindel dabei, und dieses Gesindel hat uns eine Zeit lang viel zu schaffen gemacht.

Indem ich ein wenig zusammenhanglos von meinen damaligen Sorgen spreche, möchte ich versuchen, dem Leser einen Begriff von der Welt zu geben, in der ich mich zu jener Zeit bewegte.

»Es wäre mir lieb, Chef, wenn man ihn noch zwei oder drei Tage in Freiheit ließe. Bisher hat sich nichts ergeben. Aber er wird sich bestimmt noch mit seinen Komplizen treffen.«

»Der Minister wird allmählich ungeduldig. Die Zeitungen …«

Immer die Zeitungen! Und immer an oberster Stelle die Angst vor den Zeitungen, vor dem Urteil der Öffentlichkeit. Kaum ist ein Verbrechen begangen worden, muss unverzüglich ein Schuldiger präsentiert werden, koste es, was es wolle.

Am liebsten würde man uns schon nach ein paar Tagen sagen:

»Verhaften Sie irgendjemanden, egal wen, damit die Öffentlichkeit beruhigt ist.«

Ich werde wahrscheinlich noch darauf zurückkommen. An jenem Morgen ging es übrigens nicht um den Polen, sondern um einen frisch verübten Diebstahl, der nach einer ganz neuen Methode begangen worden war, was selten vorkommt.

Drei Tage zuvor, um die Mittagszeit, als die meisten Geschäfte nicht geöffnet waren, hatte ein Lastwagen gegenüber einem kleinen Juweliergeschäft am Boulevard Saint-Denis gehalten. Männer hatten eine riesige Kiste vor die Tür gestellt und waren dann wieder abgefahren.

Hunderte von Leuten waren an der Kiste vorbeigegangen, ohne sich zu wundern. Der Juwelier hingegen runzelte die Stirn, als er aus dem Restaurant zurückkam, in dem er zu Mittag gegessen hatte.

Er schob die erstaunlich leichte Kiste zur Seite und sah, dass man auf der Seite, die der Tür zugewandt war, ein Loch hineingesägt hatte und ein weiteres in die Ladentür und dass seine Regale ebenso wie sein Geldschrank geplündert worden waren.

Eine solche Untersuchung ist eine mühselige Sache, kann sich über Monate hinziehen und den Einsatz der halben Belegschaft erfordern. Die Einbrecher hatten weder Fingerabdrücke noch sonst irgendeine Spur hinterlassen.

Da die Methode neu war, handelte es sich bei den Tätern wohl kaum um aktenkundige Ganoven.

Das einzige Indiz war eine gewöhnliche, wenn auch riesige Kiste, und seit drei Tagen suchte ein gutes Dutzend Inspektoren alle Kistenfabrikanten auf und ebenso alle Firmen, die große Kisten verwendeten.

Ich war also wieder in mein Büro zurückgekehrt und hatte begonnen, einen Bericht abzufassen, als das Haustelefon läutete.

»Sind Sie’s, Maigret? Würden Sie bitte einen Augenblick zu mir kommen?«

Auch das war nichts Ungewöhnliches. Jeden Tag – oder fast jeden – rief mich der große Chef außerhalb des Rapports in sein Büro, manchmal mehrmals am Tag. Ich kannte ihn seit meiner Kindheit. Er hatte seinen Urlaub oft im Departement Allier verbracht, ganz in unserer Nähe, und war ein Freund meines Vaters gewesen.

Und dieser große Chef war in meinen Augen wirklich der große Chef, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Unter ihm hatte ich mir meine ersten Sporen bei der Polizei verdient, und ohne dass er mich tatsächlich protegierte, hatte er meinen Werdegang diskret im Auge behalten. Er war es gewesen, der vor meinen Augen in seinem schwarzen Anzug, den Hut auf dem Kopf, ganz allein im Kugelhagel auf ein Landhaus zugegangen war, in dem sich Bonnot und seine Bande seit zwei Tagen verschanzt hatten.

Ich spreche von Xavier Guichard, dem Mann mit den listigen Augen und der weißen Dichtermähne.

»Treten Sie ein, Maigret.«

Es war so trübe, dass Guichard die Lampe mit dem grünen Schirm auf seinem Schreibtisch angezündet hatte. Neben dem Tisch saß ein junger Mann. Er erhob sich und gab mir die Hand, als wir einander vorgestellt wurden.

»Kommissar Maigret. Monsieur Georges Sim, Journalist …«

»Nicht Journalist, Schriftsteller«, protestierte der junge Mann lächelnd.

Xavier Guichard lächelte ebenfalls. Und er verstand es, auf vielfältige Art zu lächeln und damit jede Nuance seines Denkens auszudrücken. Er verfügte über eine Ironie, die nur jene wahrnahmen, die ihn gut kannten, und andere zuweilen als ein Zeichen von Naivität deuteten.

Er sprach zu mir mit dem größten Ernst, als handelte es sich um eine wichtige Angelegenheit und um eine bedeutende Persönlichkeit.

»Monsieur Sim braucht für einen Roman einen genauen Einblick in die Arbeit der Kriminalpolizei. Wie er mir soeben auseinandergesetzt hat, finden viele menschliche Tragödien in diesem Haus ihr Ende. Er hat mir auch erklärt, ihn interessiere weniger das Räderwerk der Polizei – darüber hat er sich bereits anderswo informiert – als vielmehr die hier herrschende Atmosphäre.«

Ich warf einen flüchtigen Blick auf den jungen Mann. Er musste etwa vierundzwanzig Jahre alt sein, war mager und hatte beinahe so lange Haare wie der Chef. Das Wenige, was ich über ihn sagen konnte, war, dass er an nichts zu zweifeln schien, schon gar nicht an sich selbst.

»Wären Sie so freundlich, ihm alles zu zeigen, Maigret?«

In dem Augenblick, da ich mich zur Tür wenden wollte, hörte ich diesen Sim sagen:

»Entschuldigen Sie, Monsieur Guichard, aber Sie haben vergessen, dem Kommissar zu sagen …«

»Ach ja. Sie haben recht. Monsieur Sim ist, wie er betont hat, kein Journalist. Wir laufen darum nicht Gefahr, dass er in den Zeitungen über Dinge berichtet, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Ohne dass ich ihn erst darum bitten musste, hat er mir versprochen, dass er das, was er hier sehen oder hören wird, nur für seine Romane verwenden wird. Und zwar so abgewandelt, dass uns keine Schwierigkeiten daraus entstehen können.«

Ich höre noch, wie der große Chef, über seine Post gebeugt, ernst hinzufügte:

»Sie können volles Vertrauen haben, Maigret. Er hat mir sein Wort gegeben.«

Trotzdem hatte sich Xavier Guichard einwickeln lassen. Das spürte ich sofort und sollte es bald bestätigt finden. Nicht nur von der jugendlichen Kühnheit seines Besuchers, sondern aus einem Grund, den ich erst später erfahren habe. Der Chef hatte außer seinem Beruf eine Leidenschaft: die Archäologie. Er gehörte mehreren archäologischen Gesellschaften an und hatte ein umfangreiches Werk (das ich nie gelesen habe) über die Frühgeschichte von Paris und Umgebung geschrieben.

Nun, unser Sim wusste das – ich frage mich, ob es sich dabei um einen Zufall handelte – und war darauf bedacht gewesen, mit Guichard darüber zu sprechen.

Hatte man mich deswegen persönlich bemüht? Fast jeden Tag gibt jemand am Quai den Fremdenführer. Meistens sind die Besucher prominente Ausländer oder Personen, die irgendeinen Posten bei der Polizei ihres Landes bekleiden. Manchmal auch nur einflussreiche Bürger aus der hiesigen Provinz, die stolz das Empfehlungsschreiben ihres Abgeordneten vorzeigen.

Das ist zur Routine geworden. Fehlt nur noch, dass wir wie bei der Besichtigung historischer Denkmäler einen auswendig gelernten Text herunterleiern.

Aber für gewöhnlich genügt ein Inspektor. Es muss schon eine sehr bedeutende Persönlichkeit sein, wenn man einen Abteilungsleiter als Fremdenführer bemüht.

»Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir zunächst zum Erkennungsdienst hinauf.«

»Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich lieber mit dem Warteraum beginnen.«

Das war die erste Überraschung. Er sagte es übrigens äußerst liebenswürdig, mit einem entwaffnenden Blick, und fügte noch hinzu:

»Wissen Sie, ich möchte den gleichen Weg gehen, den Ihre Kunden für gewöhnlich nehmen.«

»In dem Fall müssten wir in der Wache beginnen, im Depot, denn die meisten verbringen dort die Nacht, bevor sie uns vorgeführt werden.«

Ruhig erwiderte er:

»Dort war ich schon letzte Nacht.«

Er machte sich keine Notizen. Er hatte weder einen Block noch einen Stift bei sich. Er blieb mehrere Minuten im verglasten Warteraum, wo in schwarzen Rahmen die Fotos der Polizeibeamten hängen, die im Dienst ums Leben gekommen sind.

»Wie viele kommen im Durchschnitt jährlich ums Leben?«

Dann bat er, mein Büro sehen zu dürfen. Aber der Zufall wollte es, dass gerade Handwerker damit beschäftigt waren, es neu herzurichten. Ich hauste provisorisch in einem ehemaligen Büro im Untergeschoss, das ziemlich altmodisch und verstaubt war, mit Möbeln aus schwarzem Holz und einem Kohleofen von der Art, wie man sie nur noch in manchen Provinzbahnhöfen sieht.

Es war das Büro, in dem ich meine Laufbahn bei der Kriminalpolizei begonnen, in dem ich fast fünfzehn Jahre lang als Inspektor gearbeitet hatte, und ich gestehe, dass ich mit einer gewissen Zärtlichkeit an dem bauchigen Ofen hing. Ich füllte ihn immer bis zum Rand und liebte es, wenn der gusseiserne Deckel sich rötete.

Es war weniger eine Marotte als vielmehr eine Art Disziplin, ja eine List. Mitten in einem schwierigen Verhör nämlich erhob ich mich und begann, lange im Ofen zu stochern, und dann schüttete ich Schaufeln voll Kohle hinein, wobei ich eine harmlose Miene aufsetzte, während mein Kunde mich vollkommen verwirrt betrachtete.

Und es stimmt, dass ich mich nach meinem alten Ofen zurückgesehnt habe, als ich schließlich ein modernes Büro mit Zentralheizung bezog. Ich hätte ihn liebend gern mitgenommen, aber ich habe nicht darum gebeten, wusste ich doch, dass die Bitte abschlägig beschieden würde.

Der Leser möge mir verzeihen, dass ich bei diesen Einzelheiten verweile, aber ich habe damit etwas Bestimmtes im Sinn.

Mein Gast betrachtete meine Pfeifen, meine Aschenbecher, die schwarze Marmoruhr auf dem Kamin, das kleine Emaillebecken hinter der Tür und das Handtuch, das immer nach nassem Hund riecht.

Er stellte mir keine einzige fachliche Frage. Die Akten schienen ihn nicht im Geringsten zu interessieren.

»Über diese Treppe gelangen wir zu den Laborräumen.«

Auch dort betrachtete er das zum Teil verglaste Dach, die Wände, die Fußböden und die Gliederpuppe, doch das eigentliche Labor mit seinen komplizierten Apparaten interessierte ihn ebenso wenig wie die Arbeit, die dort verrichtet wurde.

Aus Gewohnheit erklärte ich:

»Wenn man irgendeinen geschriebenen Text mehrere hundert Male vergrößert und diese Vergrößerungen vergleicht …«

»Ich weiß, ich weiß.«

Und dann fragte er mich plötzlich wie beiläufig:

»Haben Sie Hans Gross gelesen?«

Ich hatte diesen Namen noch nie gehört. Später habe ich erfahren, dass es sich um einen österreichischen Untersuchungsrichter handelte, der in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts den ersten Lehrstuhl für Kriminalistik an der Universität Wien innehatte.

Mein Besucher hatte seine beiden dicken Bände natürlich gelesen. Er hatte alles gelesen, eine Unzahl von Büchern, von deren Existenz ich nicht einmal wusste und deren Titel er mir in lässigem Ton nannte.

»Folgen Sie mir über den Flur, ich werde Ihnen das Archiv zeigen, in dem die Karteien aufbewahrt werden von …«

»Ich weiß, ich weiß.«

Allmählich ging er mir auf die Nerven. Hatte er mich nur gestört, um Mauern, Decken, Fußböden zu betrachten und uns alle zu mustern, als wollte er ein Inventar erstellen?

»Um diese Zeit wird es im Erkennungsdienst von Leuten wimmeln. Mit den Frauen ist man wahrscheinlich schon fertig. Jetzt sind die Männer an der Reihe …«

Es waren etwa zwanzig, alle splitternackt, die man im Laufe der Nacht aufgelesen hatte und die nun darauf warteten, vermessen und fotografiert zu werden.

»Dann bleibt jetzt also nur noch«, sagte der junge Mann, »die medizinische Sonderabteilung im Depot.«

Ich runzelte die Stirn.

»Besucher sind dort nicht zugelassen.«

Von diesem Ort weiß die Außenwelt am wenigsten. Verbrecher und Verdächtige werden dort von Gerichtsmedizinern untersucht und verschiedenen psychologischen Tests unterzogen.

»Paul Bourget pflegte den Untersuchungen beizuwohnen«, antwortete mir mein Besucher seelenruhig. »Ich werde um EINE Genehmigung bitten.«

Ich habe an diese Begegnung im Grunde nur eine farblose Erinnerung bewahrt, genauso farblos wie das Wetter an jenem Tag. Dass ich nichts unternahm, um den Besuch abzukürzen, lag vor allem daran, dass der große Chef mich gebeten hatte, den jungen Mann herumzuführen. Außerdem hatte ich nichts Besonderes zu tun und konnte so immerhin etwas Zeit totschlagen.

Er kam schließlich noch einmal in mein Büro, setzte sich und reichte mir seinen Tabakbeutel.

»Wie ich sehe, sind Sie auch Pfeifenraucher. Pfeifenraucher sind mir sympathisch.«

Wie immer lag ein halbes Dutzend Pfeifen auf meinem Tisch. Er betrachtete sie mit Kennermiene.

»Womit beschäftigen Sie sich im Augenblick?«

So sachlich wie möglich erzählte ich ihm die Geschichte von der Kiste vor dem Juweliergeschäft und fügte hinzu, es sei das erste Mal, dass man diese Methode angewandt habe.

»Nein«, erwiderte er. »Sie ist schon vor acht Jahren in New York angewandt worden, vor einem Geschäft in der Eighth Avenue.«

Dass er das wusste, musste ihn mit Stolz erfüllen, aber ich gebe zu, er brüstete sich nicht damit. Er rauchte mit ernster Miene seine Pfeife, als ob er zehn Jahre älter wirken und sich auf die gleiche Stufe mit dem reifen Mann stellen wollte, der ich damals schon war.

»Wissen Sie, Herr Kommissar, Berufsverbrecher interessieren mich nicht. Ihre Psychologie wirft keine Rätsel auf. Es ist nun mal ihr Beruf, Punktum.«

»Wer interessiert Sie dann?«

»Die anderen. Menschen wie Sie und ich, die eines schönen Tages jemanden töten, ohne sich darauf vorbereitet zu haben.«

»Das kommt nur selten vor.«

»Ich weiß.«

»Abgesehen von den Verbrechen aus Leidenschaft.«

»Verbrechen aus Leidenschaft sind auch nicht interessanter.«

Das ist in etwa alles, was mir von dieser Begegnung im Gedächtnis geblieben ist. Ich muss ihm beiläufig von einem Fall erzählt haben, mit dem ich mich wenige Monate zuvor befasst hatte, eben weil es sich nicht um Berufsverbrecher handelte, sondern um ein junges Mädchen und eine Perlenkette.

»Ich danke Ihnen, Kommissar. Ich hoffe, ich werde das Vergnügen haben, Sie einmal wiederzusehen.«

Und ich antwortete im Stillen: Ich hoffe nicht.

 

Wochen vergingen, Monate. Ein einziges Mal, mitten im Winter, glaubte ich, besagten Monsieur Sim auf dem Flur der Kriminalpolizei auf und ab gehen zu sehen.

Eines Morgens fand ich auf dem Schreibtisch neben meiner Post ein kleines Buch mit einem abscheulich illustrierten Umschlag, wie man sie an Zeitungskiosken und in den Händen junger Mädchen sieht. Es hieß: Das Mädchen mit den Perlen, und der Name des Autors lautete Georges Sim.

Ich hatte keine Lust, das Buch zu lesen. Ich lese wenig, und Groschenromane schon gar nicht. Ich weiß nicht einmal, was ich mit dem auf billigem Papier gedruckten Büchlein gemacht habe. Wahrscheinlich warf ich es in den Papierkorb und dachte nicht mehr daran.

Dann, eines anderen Morgens, fand ich wieder ein Exemplar des Buches auf meinem Schreibtisch, und von da an lag jeden Morgen ein neues neben meiner Post.

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich bemerkte, dass meine Inspektoren, vor allem Lucas, mir manchmal amüsierte Blicke zuwarfen. Lucas war es auch, der mich schließlich aufklärte, als wir eines Mittags einen Aperitif in der Brasserie Dauphine nahmen. Nachdem er lange um den heißen Brei herumgeredet hatte, sagte er:

»Nun sind Sie zum Romanhelden geworden, Chef.«

Er zog das Buch aus der Tasche.

»Haben Sie es gelesen?«

Er gestand, dass Janvier, damals der Jüngste in der Brigade, jeden Morgen ein Exemplar auf meinen Schreibtisch legte.

»In gewissen Zügen ähnelt er Ihnen, wie Sie sehen werden.«

Er hatte recht. Er ähnelte mir – in etwa so, wie die Skizze eines Amateurkarikaturisten auf dem Marmortisch eines Cafés einem Menschen aus Fleisch und Blut ähnelt. Er hatte mich dicker und schwerer gezeichnet, als ich von Natur war. Ich bekam, wenn ich es so ausdrücken darf, ein erstaunliches Gewicht.

Was die Geschichte betraf, sie war nicht wiederzuerkennen. Und die Methoden, die ich darin zuweilen anwandte, kann man bestenfalls ausgefallen nennen.

Als ich an jenem Abend nach Hause kam, hielt meine Frau das Buch in der Hand.

»Die Milchhändlerin hat es mir gegeben. Es scheint darin von dir die Rede zu sein. Ich bin noch nicht dazu gekommen, es zu lesen.«

Was konnte ich tun? Besagter Sim hatte, wie versprochen, keinen Zeitungsartikel verfasst. Es handelte sich aber auch nicht um ein anspruchsvolles Buch, sondern bloß um ein billiges Heftchen, dem niemand Bedeutung beimessen konnte, ohne sich lächerlich zu machen.

Er hatte meinen Namen benutzt. Aber er konnte mir entgegenhalten, dass viele Maigrets in der Welt herumliefen. Ich gelobte mir immerhin, ihn ziemlich kühl zu behandeln, sollte er mir je wieder über den Weg laufen, während ich zugleich überzeugt war, dass er es nicht wagen würde, sich noch einmal bei der Kriminalpolizei zu zeigen.

Aber ich täuschte mich. Als ich eines Tages beim Chef anklopfte, um ihn um einen Rat zu bitten, sagte er munter:

»Ah, das trifft sich gut, Maigret. Ich wollte Sie gerade anrufen. Unser Freund Sim ist hier.«

Freund Sim war nicht im Mindesten verlegen. Im Gegenteil, er wirkte sehr selbstsicher und hatte eine besonders dicke Pfeife im Mund.

»Wie geht es Ihnen, Kommissar?«

Und Guichard erklärte mir:

»Er hat mir soeben einige Stellen aus einem Schmöker vorgelesen, den er über den Quai des Orfèvres geschrieben hat.«

»Den kenne ich schon.«

Xavier Guichards Augen lachten, aber diesmal war ich derjenige, über den er sich lustig zu machen schien.

»Er hat mir dann allerlei Treffendes gesagt, was Sie gewiss interessieren wird. Er wird es Ihnen wiederholen.«