9,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 2,99 €
Er ist ihr bester Freund seit Kindertagen. Warum also sehnt sie sich danach, von ihm begehrt zu werden?
Maverick Daly kann keinen Raum betreten, ohne nicht alle Blicke auf sich zu ziehen. Zahllose One-Night-Stands und Frauen, die ihm zu Füßen liegen, bezeugen das. Nur Scarlett ist für ihn tabu. Seit zwei Jahrzenten sind sie gute, platonische Freunde, mehr nicht.
Als Maverick die Zusage zur Teilnahme an einem Gourmet-Wettbewerb erhält, zögert Scarlett deshalb nicht lange, und begleitet ihn in seinem Food-Truck quer durch die USA. Und während die Flammen auf dem Grill hochschlagen, steigt auch die Hitze zwischen den beiden ... Doch wird diese Anziehung einer wahren Feuerprobe standhalten?
»Make me Hot« ist der fünfte Teil der Bayshore-Reihe um die Daly Brüder. Alle Teile können unabhängig voneinander gelesen werden.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 427
Veröffentlichungsjahr: 2025
Liebe Leserin, lieber Leser,
Danke, dass Sie sich für einen Titel von »more – Immer mit Liebe« entschieden haben.
Unsere Bücher suchen wir mit sehr viel Liebe, Leidenschaft und Begeisterung aus und hoffen, dass sie Ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern und Freude im Herzen bringen.
Wir wünschen viel Vergnügen.
Ihr »more – Immer mit Liebe« –Team
Er ist ihr bester Freund seit Kindertagen. Warum also sehnt sie sich danach, von ihm begehrt zu werden?
Maverick Daly kann keinen Raum betreten, ohne nicht alle Blicke auf sich zu ziehen. Zahllose One-Night-Stands und Frauen, die ihm zu Füßen liegen, bezeugen das. Nur Scarlett ist für ihn tabu. Seit zwei Jahrzenten sind sie gute, platonische Freunde, mehr nicht.
Als Maverick die Zusage zur Teilnahme an einem Gourmet-Wettbewerb erhält, zögert Scarlett deshalb nicht lange, und begleitet ihn in seinem Food-Truck quer durch die USA. Und während die Flammen auf dem Grill hochschlagen, steigt auch die Hitze zwischen den beiden ... Doch wird diese Anziehung einer wahren Feuerprobe standhalten?
»Make me Hot« ist der fünfte Teil der Bayshore-Reihe um die Daly Brüder. Alle Teile können unabhängig voneinander gelesen werden.
Ember Leigh stammt aus dem nördlichen Ohio und lebt derzeit mit ihrem argentinischen Ehemann und zwei Kindern in der Nähe des Eriesees, wo sie einen argentinisch-amerikanischen Food Truck betreiben.
Einmal im Monat informieren wir Sie über
die besten Neuerscheinungen aus unserem vielfältigen ProgrammLesungen und Veranstaltungen rund um unsere BücherNeuigkeiten über unsere AutorenVideos, Lese- und Hörprobenattraktive Gewinnspiele, Aktionen und vieles mehrFolgen Sie uns auf Facebook, um stets aktuelle Informationen über uns und unsere Autoren zu erhalten:
https://www.facebook.com/aufbau.verlag
Registrieren Sie sich jetzt unter:
http://www.aufbau-verlage.de/newsletter
Unter allen Neu-Anmeldungen verlosen wir
jeden Monat ein Novitäten-Buchpaket!
Ember Leigh
Make Me Hot
Aus dem Amerikanischen von Michelle Landau
Cover
Titel
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Titelinformationen
Grußwort
Informationen zum Buch
Newsletter
Widmung
Kapitel 1 — SCARLETT
Kapitel 2 — MAVERICK
Kapitel 3 — MAVERICK
Kapitel 4 — SCARLETT
Kapitel 5 — SCARLETT
Kapitel 6 — MAVERICK
Kapitel 7 — SCARLETT
Kapitel 8 — MAVERICK
Kapitel 9 — SCARLETT
Kapitel 10 — MAVERICK
Kapitel 11 — SCARLETT
Kapitel 12 — SCARLETT
Kapitel 13 — MAVERICK
Kapitel 14 — SCARLETT
Kapitel 15 — MAVERICK
Kapitel 16 — SCARLETT
Kapitel 17 — SCARLETT
Kapitel 18 — MAVERICK
Kapitel 19 — SCARLETT
Kapitel 20 — MAVERICK
Kapitel 21 — SCARLETT
Kapitel 22 — MAVERICK
Kapitel 23 — SCARLETT
Kapitel 24 — Scarlett
Kapitel 25 — MAVERICK
Kapitel 26 — SCARLETT
Kapitel 27 — MAVERICK
Kapitel 28 — SCARLETT
Epilog — MAVERICK
Impressum
Widmung
Dieses Buch ist meinem realen Food-Truck gewidmet, der mir als wunderbare Inspiration für diesen Roman gedient hat und mich immer wieder überrascht, selbst wenn ich denke, schon alles gesehen und erlebt zu haben.
SCARLETT
»Entschuldigung, ist der Stuhl neben Ihnen noch frei?«
Die leise geäußerte Frage reißt mich ruckartig aus meinen Gedanken. Ich nippe schon viel zu lange an diesem Glas Chardonnay. Der Wein ist warm. Meine Hand tut weh, weil ich den Stil des Glases zu fest umklammert halte. Und eigentlich habe ich mir das Getränk nur geholt, damit meine Hände etwas zu tun haben und ich nicht mitten im Foyer des Bayshore Theaters über den Tisch greife, um eine meiner nervigen Tischnachbarinnen zu erwürgen.
Ich drehe den Kopf. Eine mir unbekannte Frau mittleren Alters lächelt mich an und deutet auf den leeren Stuhl neben mir. Sie könnte eine Tante sein, oder eine entfernte Cousine. Nicht meine natürlich, schließlich ist das hier nicht meine Hochzeit. Es ist eine Daly-Hochzeit. Grayson Dalys Hochzeit, um genau zu sein. Ich betrachte die Frau, versuche, typische Merkmale der Familie in ihren Gesichtszügen zu erkennen. Möglicherweise hat sie die Daly-Nase. Ich stecke sie mal in die Tanten-Schublade.
»Jaja, der Platz ist frei.« Mit einer Hand wedele ich zu dem Stuhl hinüber, um ihr zu zeigen, wie vollkommen egal es mir ist, dass sie den letzten freien Platz an meinem Tisch belegt.
»Sind Sie sich sicher?«
»Absolut.« Ich schiebe ihr den Stuhl sogar zu. Er repräsentiert den Begleiter, den ich eigentlich mitbringen wollte … bis wir uns vor drei Monaten getrennt haben. »Da sitzt nur der Geist meines Ex-Freundes, und ich bin froh, wenn Sie den vertreiben.«
Mrs Vermutlich-Tante lacht nervös und zieht den Stuhl dann zu einem der Nachbartische. Überraschenderweise wimmelt es bei diesem Empfang nur so vor Familienmitgliedern der Dalys, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Natürlich habe ich keinen PhD in Daly-Genealogie oder so, aber inzwischen sollte ich zumindest ein Ehrenabzeichen verdient haben. Seit knapp zwei Jahrzehnten bewege mich nun schon im Orbit der Familie Daly. War bei Schwimmbadtagen dabei. Bin auf dieselbe Schule gegangen – von der Grundschule bis zur Highschool. Seit unserem zwölften Lebensjahr bin ich Mavericks beste Freundin (mit der er nicht schläft).
»Ahhhh.« Es klingt, als würde Gas aus einem Staubsauger entweichen, aber es ist nur die nervigste meiner Tischnachbarinnen. Veronica. Das Mädchen, das Maverick mitgebracht hat. Sein »Date«, obwohl alle – und ich meine wirklich alle – wissen, dass Maverick nicht datet. Und das Mädel hört einfach nicht auf, diese lang gezogenen Geräusche von sich zu geben, während sie sämtliche Elemente des Empfangs kritisiert. »Die Auswahl der Pfingstrosen kann ich wirklich nicht gutheißen. Sie hätten sich mehr Gedanken zum Farbschema machen sollen.« Jetzt schüttelt sie den Kopf und zieht eine Grimasse, während sie sich über ihren halb vollen Teller beugt, um mit der einzigen anderen weiblichen Person an unserem Tisch – Mavericks Cousine Betsy – über die Blumen herzuziehen.
Ich wünsche mir meinen Ex wirklich nicht oft zurück, doch in diesem Moment hätte ich nichts dagegen, wenn er plötzlich auftauchen würde, damit ich mich nicht mehr wie die Außenseiterin an unserem Tisch fühle. Es ist auch wenig hilfreich, dass Maverick von der Daly-Masse verschluckt wurde und dass Betsys Begleiter bestimmt seit einer halben Stunde auf dem Klo ist. Es würde mich nicht wundern, wenn das mit dem merkwürdigen Grünkohlgericht zusammenhängt, das wir vorgesetzt bekommen haben. Ein Blick auf diesen Haufen schlaffer grüner Blätter hat gereicht, um auch meinen Magen nervös zu machen.
»Ich meine, wer hat sich das denn ausgedacht? Wer kombiniert Pfingstrosen mit Nelken?« Betsy schnaubt ungläubig, und ich täusche großes Interesse an den umherschlendernden Gästen vor, damit ich mich der Blumenkritik nicht anschließen muss. Ich versuche so auszusehen, als würde ich nach jemandem Ausschau halten, den ich einfach nicht finden kann. Mein Ex-Freund ist es aber definitiv nicht. Trotz der zwei langweiligen gemeinsamen Jahre ist es mir extrem schwergefallen, mit Tom Schluss zu machen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass er immer noch denkt, gute Chancen zu haben, mich zurückzubekommen. Zumindest behauptet Maverick das. Denn dank des Kleinstadt-Effekts von Bayshore sind er und Tom Kollegen. Was auch sonst?
Ein Lachen, das ich überall erkennen würde, selbst aus dem Jenseits, dringt an mein Ohr. Sofort reiße ich den Kopf herum und entdecke die Quelle: Maverick. Er steht am anderen Ende des Foyers, lacht mit zurückgeworfenem Kopf über etwas, das sein älterer Bruder Weston gesagt haben muss, der neben ihm steht. Beide sehen in ihren schwarzen Anzügen aus wie waschechte Supermodels.
Hazel, Graysons frischgebackene Ehefrau, kenne ich nicht sehr gut, habe aber jede Menge über sie gehört. Diese Frau wollte ihre Hochzeit unbedingt ganz in Mauve und Schwarz halten, mit Eulenskulpturen auf den Tischen, die von weißen Pfingstrosen umgeben sind – und anscheinend auch Nelken, auch wenn mir das ohne meine netten Tischnachbarinnen nie aufgefallen wäre. Hazel ist die Einzige in ganz Bayshore, die dieses etwas morbide und trotzdem extrem elegante Motto durchziehen kann.
Und ich will mich auch gar nicht beschweren – Maverick sieht in diesen Farben einfach umwerfend aus. Auch wenn ich seit der Pubertät Mavericks platonische beste Freundin bin, war ich all die Jahre nicht blind. Dieser Mann ist so heiß, dass im Vergleich zu ihm sogar Lava angenehm kühl erscheint. Und da heiß und heiß sich gegenseitig anzieht, sieht Veronica trotz ihrer nervtötenden Seufzer und der Blumenbeschwerden aus wie die nächste Generation der Kardashians, mit so vollen Lippen, wie man sie sonst nur in Hollywood sieht.
Und was zieht heiß überhaupt nicht an?
Ich. Deswegen bin ich auch nicht Teil dieses Nelkengesprächs. Ich bin die entspannte Freundin, die sich in ein zu enges Kleid gezwängt hat, ihre Lidschattenwahl bereut und sich fragt, was Maverick und Veronica später wohl noch alles treiben und ob er sich auch nur ansatzweise für ihre Persönlichkeit interessiert.
»Lettie.« Mavericks rauer Bariton löst ein Kribbeln in mir aus. Lächelnd sehe ich zu ihm auf, als er um den Tisch herum kommt. Seine etwas längeren Haare, so dunkelbraun, dass sie beinahe schwarz wirken, sind zu einer modernen und dennoch eleganten Frisur zurückgekämmt. Sein Kinn ist so scharfkantig, dass es Glas schneiden könnte, und sein üblicher Stoppelbart ist einer glatten Rasur gewichen. Nicht, dass mir diese Dinge auffallen würden. Mit einem Nicken deutet er auf den leeren Platz neben mir. »Bist du Toms Stuhl losgeworden?«
Hilfloses Lachen bricht aus mir hervor, als er sich neben Veronica niederlässt. Wenn jetzt auch noch Betsys Freund zurückkommt, kann ich wieder in den Schatten verschwinden, wie ich es immer tue.
»Deine Tante hat ihn gebraucht«, sage ich.
Er rutscht seinen Stuhl an den Tisch und wendet sich seinem Teller zu. Veronica hat ihre Portion aus Sorge um ihre Figur nicht aufgegessen, Mavericks Teller ist noch halb voll, weil der Aufruf zu einem spontanen Familienporträt ihn abgelenkt hat. Und eins steht fest: Sämtliche Daly-Söhne nebeneinander aufgereiht zu sehen verlangt einem ganz schön viel Willenskraft ab. Vor allem, als Maverick auch noch drauf bestanden hat, auf Graysons Schultern zu klettern, während die anderen Brüder neben ihnen in die Luft gesprungen sind.
»Er wird ziemlich angepisst sein, wenn er auftaucht und herausfindet, dass du Sally seinen Stuhl überlassen hast. Die übrigens meine Cousine ist.«
Er hat Veronica noch keines Blickes gewürdigt, seit er an den Tisch zurückgekehrt ist, und sie hat nicht mal in seine Richtung geblinzelt. Nicht, dass sie das müssen. Was weiß ich schließlich über die Regeln einer Affäre? Vermutlich könnte man die gesamten Vereinigten Staaten nach einer Mittzwanzigerin durchforsten, die loyaler und bindungsfokussierter ist als ich, und würde niemanden finden. Was meine Freundschaft mit Maverick nur noch witziger macht.
Er ist Mr Einmal-und-fertig. Und ich bin Ms Wünscht-sich-eine-Langzeitbeziehung.
In der sechsten Klasse haben wir uns geschworen, für immer beste Freunde zu sein, und haben es nie bereut. Das Basketballspielen hat uns damals zusammengebracht, daraus hat sich eine entspannte Freundschaft entwickelt, die neben Witzen vor allem darin besteht, füreinander da zu sein. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er mich als weiblich aussehenden Kerl sieht … einen Kumpel, mit dem er sowohl Bier trinken als auch über seine Probleme reden kann, ohne sich den typischen Männerwitzeleien auszusetzen.
»Kriege ich wenigstens Punkte dafür, dass ich sie als Mitglied des Daly-Clans erkannt habe?« Auch ich wende mich wieder meinem Teller zu, obwohl nichts darauf mich interessiert. Ich bin zufrieden mit dem Steak, das ich verschlungen habe, und dem Glas Chardonnay in meiner Hand. Ich bin körperlich extrem aktiv, brauche also mein Protein. Und ich meine sämtliches Protein, das ich bekommen kann.
Maverick zieht eine Grimasse und schüttelt den Kopf. »Maximal drei Punkte. Und das auch nur, weil mein Bruder heute geheiratet hat.«
»Wow.« Ich pfeife leise durch die Zähne. Genau für solchen Quatsch sind Maverick und ich bekannt. Wir könnten Stunden damit verbringen, über die Details unseres Punktesystems zu diskutieren, das wir gerade erst erfunden haben. »Ich hätte gedacht, dass du großzügiger bist, vor allem, wenn man bedenkt, dass ich nur einen Ast im Stammbaum danebenlag, aber okay.«
»Hey. Das sind schließlich nicht ohne Grund separate Äste.«
Ich unterdrücke ein Lachen.
Sein Date starrt uns inzwischen an, als sprächen wir Arabisch. »Was ist mit welchem Baum passiert?«, fragt sie mit zusammengezogenen Brauen.
»Nichts.« Maverick befeuchtet seine Unterlippe, bevor er sich schließlich Veronica zuwendet. Er hat ein künstliches Lächeln aufgesetzt, die Art Lächeln, die ich oft an ihm sehe, wenn er mit seinen Affären, Bettgeschichten und One-Night-Stands spricht. Die Art Lächeln, für die ich ihn zur Rede stellen würde. Aber Veronica kennt ihn nicht gut genug, um zu wissen, dass er ihr etwas vormacht.
Oder vielleicht ist sie genau deswegen hier. Um mit dem größten Playboy zusammen zu sein.
»Ich muss mal aufs Klo«, sagt Veronica mit einem noch künstlicheren Lächeln und steht auf. Betsy folgt ihrem Beispiel, wirft Maverick jedoch einen Blick zu, den ich nicht deuten kann, bevor sie neben Veronica durch die volle Halle davonstolziert.
»Die zwei haben sich ja schnell angefreundet«, sage ich.
Betsys Date hat entweder einen echten Verdauungsnotfall, oder er hat sie sitzen lassen.
Maverick stochert in den Resten seines Essens herum. »Ach ja?«
Einen Moment lang beobachte ich ihn dabei, wie er die Kartoffeln von rechts nach links schiebt. »Du scheinst ja nicht sehr begeistert vom Essen zu sein.« Oder dem Mädchen.
»Es sah deutlich besser aus, als es schmeckt, aber hey …« Maverick lässt die Gabel sinken und lehnt sich zurück. »Ich werde Gray die nächsten fünf Jahre damit aufziehen, kann mich also nicht beklagen.«
»Du hättest das deutlich besser gemacht«, erwidere ich und verschränke die Arme vor der Brust. Mein Dekolleté ist heute Abend ungewohnt zur Schau gestellt – was geplant war, schließlich bin ich frischgebackener Single. Trotzdem finde ich es unangenehm. Ich trage vielleicht zweimal im Jahr ein Kleid, wenn überhaupt.
Er grinst, und einen reizvollen Moment lang driftet sein Blick zu meinem Ausschnitt. »Manchmal vergesse ich, dass du Brüste hast.«
Stummes Lachen lässt meinen Körper beben. Das beweist mal wieder sein absolutes sexuelles Desinteresse an mir – er vergisst sogar, dass ich eine Frau bin.
»Sieh es als deine jährliche Erinnerung.« Ich deute auf meine Brust. »Ich habe Hupen.«
»Ja, aber damit kann man niemanden anhupen«, gibt er zurück.
»Unterschätze nicht meine Brüste«, sage ich. »Nur weil sie nicht so groß sind wie die deines Dates, heißt das noch lange nicht, dass sie kein Verkehrschaos verursachen können.«
Er prustet, erwidert jedoch nichts darauf. Vielleicht war es zu merkwürdig, mich mit seinem Date zu vergleichen. Vermutlich verschwindet er auch gleich aufs Klo, weil er sich bei der Vorstellung meines nackten Körpers übergeben muss – zumindest gehe ich seit unseren Teenagerjahren davon aus, dass das seine Reaktion ist.
Meine Reaktion darauf, ihn nackt zu sehen, wäre eine ganz andere. Es wäre gelogen, würde ich behaupten, ich hätte ihn mir noch nie nackt vorgestellt, aber dieses Szenario wird nie mehr sein als eine Fantasie. Außerdem wäre es viel zu merkwürdig, wirklich zu sehen, wie lang oder dick sein Unaussprechliches ist – was ich mir wirklich nur ein- oder zweimal ausgemalt habe, ehrlich. Freunde sollten die intimsten Körperteile ihrer Freunde weder sehen noch sie sich vorstellen.
»Aber im Ernst«, rede ich weiter, um das Gespräch zurück in sichere Gefilde zu lenken. »Hättest du das Essen gemacht, wäre es hundertmal besser geworden.«
»Vermutlich.«
»Grayson hätte dir den Job geben sollen.«
Schnaubend schüttelt er den Kopf, als wäre diese Idee vollkommen absurd. »So gut bin ich nun auch wieder nicht.«
»Du bist auf jeden Fall gut genug, um eine große Gruppe Menschen zu füttern, so viel steht fest.« Mit dem Kinn deute ich in die ungefähre Richtung der Toiletten. »Schau mal. Da kommt Edward E. Coli.«
Unser lang verschollener Tischnachbar kommt auf uns zu, nach seinem ausgedehnten Kloaufenthalt deutlich mitgenommen aussehend. Mit dem Ansatz eines Lächelns auf den Lippen dreht Maverick den Kopf.
»Wer?«
»Der Partner der neuen besten Freundin deiner Freundin«, sage ich, als wäre das völlig offensichtlich.
»Sie ist nicht meine Freundin. Das weißt du.«
»Meinetwegen. Betthäschen. Was auch immer.«
Einen Moment später lässt sich Betsys Freund mit einem Seufzen auf seinen Stuhl sinken. Seine Krawatte ist gelockert, und ich bin mir nicht sicher, ob er gerade mit einer anderen Frau rumgemacht hat oder ob sein Körper das Abendessen wirklich nicht vertragen hat. So ist das – mein eigenes Leben ist so unspannend, dass ich den Großteil meiner Zeit damit verbringe, mir die spannenden Aspekte im Leben anderer auszumalen. Genau genommen besteht mein Leben nur aus drei Aktivitäten: Arbeit, Sport und auf meine Nichte und meinen Neffen aufpassen.
Der Traum einer jeden Sechsundzwanzigjährigen. Eigentlich sollte ich eine Quarterlife-Krise haben, aber dafür lässt mir mein Job keine Zeit. Stattdessen mache ich einfach ein paar mehr Liegestütze und arbeite im Cleveland Gym weiter an meinen Fähigkeiten in der Luftakrobatik. Das ist der einzige Trost in meinem Leben. Na ja, das und mit Maverick rumzualbern.
»Mann«, sagt Betsys Freund und verschränkt die Arme, »ich brauch jetzt dringend ein Bier.«
Maverick prostet Edward E. Coli mit seinem halb leeren Glas zu. Das ist natürlich nicht sein richtiger Name. Er heißt … Patrick. Richtig.
»Genau genommen ist es doch eigentlich immer Zeit für ein Bier«, sagt Patrick-nicht-Edward.
»Vor allem, wenn das Bier den Großteil deines Abendessens ausmacht«, erwidere ich und nicke zu seinem Teller. »Viel gegessen hast du ja nicht.«
»Schmeckt ja auch wie gebleichte Pappe.« Patrick verzieht das Gesicht. »Die hätten so einen Food-Truck anheuern sollen.«
»In Bayshore gibt’s Food-Trucks?«, fragt Maverick gelangweilt, als würde er nur mit halbem Ohr zuhören. Aber ich erkenne seinen Abwehrmechanismus. Er tut desinteressiert, weil er nicht darüber reden will. Ich kenne diesen Mann einfach zu gut.
»In Bayshore gibt es genau einen Food-Truck, und der ist geheim«, sage ich und werfe Maverick einen vielsagenden Blick zu. Ich will ihm unter dem Tisch auch gegen das Bein treten, erwische jedoch nur das Tischbein und bringe die ganze Tafel zum Wackeln. Aus schmalen Augen sieht Maverick mich an.
»Nein, gibt es nicht«, sagt er. »Noch ist es kein Food-Truck.«
»Du hast einen Food-Truck?«, fragt Patrick mit erhobenen Brauen.
»Nein«, erwidert Maverick.
»Ja«, sage ich im selben Moment. »Er bastelt seit Jahren an einem, langsamer als eine Schnecke.«
»Ist nur ein kleines Projekt, das ich nebenbei mache«, erzählt Maverick Patrick in einem Tonfall, der klarmachen soll, dass es wirklich keine große Sache ist.
»Was für Essen hast du denn vor zu verkaufen?«, fragt Patrick. Ich könnte den Mann küssen. Eigentlich habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, Maverick mit seinem ungenutzten kulinarischen Talent zu nerven, habe aber nichts dagegen, sie vorübergehend abzugeben.
»Ich habe noch keine Speisekarte oder so was«, erwidert Maverick und fährt sich dabei mit der Hand über die zurückgegelten Haare. »Aber ich mache vor allem Burritos und Reisgerichte. Und ich habe ein Gericht im Kopf, das ich ›Hot Mess‹ nennen will …«
»Alter, hast du von dem Food-Truck-Wettbewerb gehört, der bald stattfindet?« Patrick nickt Maverick zu. »Da solltest du mitmachen! Einfach nur zum Spaß.«
Maverick grinst, doch als Veronica und Betsy in dem Moment an den Tisch zurückkehren, legt sich etwas Hartes über seine Miene, und er zuckt mit den Schultern. »Mhm, mal sehen.«
»Was gibt’s?«, fragt Veronica, als sie wieder neben Maverick Platz nimmt und Patricks Freundin dabei ein verschwörerisches Grinsen zuwirft. »Ist irgendwas Spannendes passiert, während wir weg waren?«
»Wir wollten gerade eine Runde Getränke bestellen«, antwortet Maverick, bevor Patrick oder ich den Food-Truck erwähnen können.
»Ooooh, für mich noch einen Blanc, bitte«, schnurrt Veronica wie eine Schauspielerin in einem schlechten Porno. Sie schlingt ihren Arm um seinen Nacken und drückt ihm einen schmatzenden Kuss auf die Lippen. Im ersten Moment wirkt Maverick überrascht, macht dann aber schnell mit. Ich muss zugeben, dass ich ihren Kuss ein wenig zu lange aus dem Augenwinkel beobachte, aber a) ist das wie ein Autounfall, bei dem man einfach nicht wegsehen kann, und b) frage ich mich sowieso viel zu oft, wie es sich anfühlen würde, Maverick zu küssen.
Es ist nicht so, als wollte ich Maverick küssen, obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass ich Ja sagen würde, sollte er mich jetzt fragen. Zumindest solange wir uns vorher darauf einigen, dass es ausschließlich für wissenschaftliche Zwecke ist, denn ich würde niemals etwas tun, das unsere jahrzehntelange Freundschaft zerstören könnte. Es ist einfach eine schon lange vor sich hin köchelnde Neugier, die mir erst vor Kurzem bewusst geworden ist. Ich weiß alles über diesen Mann – also sollte ich auch wissen, wie seine Lippen schmecken, oder?
Wie gesagt, ein rein wissenschaftliches Interesse.
Doch so gut ich Maverick auch kenne, es muss einiges geben, das ich nicht weiß. So einen Blick wie den, mit dem er Veronica ansieht, als sie sich von ihm löst, habe ich noch nie von ihm bekommen, in über fünfzehn Jahren Freundschaft nicht. Die Art Blick, die ihm ein Mädchen wie ich niemals entlocken könnte.
Ein vertrautes, schmerzhaftes Gewicht legt sich auf meine Brust, ich kenne es gut, setze mich aber nicht oft damit auseinander. Es ist leichter, den Blick abzuwenden, einfach zu lächeln, ihm aus der Ferne dabei zuzusehen, wie er von Frau zu Frau springt, und mir einzureden, dass es mir egal ist. Doch als Mavericks Blick mich wieder findet, knistert etwas Elektrisierendes darin, das mich festnagelt und die Frage wieder an die Oberfläche bringt, die seit Neustem in meinem Kopf kreist wie ein Hai, der Blut gerochen hat: Wie wäre es wohl, die Frau an seinem Arm zu sein?
MAVERICK
»Ich dachte, ich bringe die Party mal in Schwung, bevor wir zu betrunken sind.« Veronicas Flüstern streift als heiße Wolke mein Ohr. Es ist genau die Art sexy Schnurren, für das Männer pro Minute bezahlen. Aber ich bekomme davon keine Gänsehaut. Nicht mal ansatzweise. Stattdessen erinnert es mich genau wie der feuchte Kuss, den sie mir eben aufgedrückt hat, daran, dass ich sie niemals hätte einladen sollen.
»Lass mich schnell zur Bar gehen, bevor die Torte angeschnitten wird«, sage ich und werfe noch einen kurzen Blick in Scarletts Richtung, bevor ich mich erhebe. Ich will sie wortlos bitten, mir zu folgen, damit wir uns einen Plan überlegen können, um Veronica loszuwerden, die Dessertauswahl analysieren und dann irgendwann zu mir fahren können, um uns richtig zu besaufen.
Doch sie begegnet meinem Blick nicht. Stattdessen wickelt sie sich eine lange Locke um den Zeigefinger, während sie Patrick beobachtet, oder vielleicht auch ein Gespräch am anderen Ende des Raums. Ich entschuldige mich und schiebe mich dann durch die gut gelaunte Menge zur Bar.
Dieser Tag war großartig. Hazels und Grays Hochzeit ist definitiv die beste, auf der ich je war, und das trotz des unterdurchschnittlichen Essens. Allerdings bin ich mir nicht sicher, wie lange das so bleibt, da Dom und London in einigen Wochen und Connor und Kinsley im Herbst heiraten werden. Weston und Nova haben entweder schon heimlich geheiratet oder planen eine Hochzeit in einer Höhle an der italienischen Küste oder etwas ähnlich Wildes.
Seine vier älteren Brüder heiraten zu sehen würde in den meisten Männern wohl das Gefühl auslösen, dass sie sich lieber auch schnell eine Frau suchen sollten. Aber bei mir nicht. Ich bin der einzige Ungebundene des Daly-Clans. Nicht nur nicht verlobt, sondern der absolute Single. Genau so mag ich es. Und genau so wird es auch bleiben, einfach, um meinem Vater eins reinzuwürgen. Er und meine Mom hoffen darauf, dass ich mich den glücklich verheirateten Daly-Brüdern anschließen werde, aber da können sie lange warten. Es wird nicht passieren.
Meine vier älteren Brüder mögen sich freiwillig an die Kette haben legen lassen, aber ich kenne die Wahrheit. Ich bin nicht für diesen Monogamie-Quatsch gemacht. Und ja, ich habe es ausprobiert, ein- oder zweimal. Es ist nie gut ausgegangen. Und wie heißt es in der Wissenschaft? Probier es ein paarmal, wenn es dann nicht klappt, gib auf und betrink dich lieber. Ich grinse vor mich hin, während ich an der Bar warte – der Witz hätte Scarlett gefallen.
Eine Hand auf meiner Schulter reißt mich aus meinen Gedanken. Weston steht neben mir und schüttelt mich leicht.
»Wir haben dieselbe Trinkgeschwindigkeit, Bruder.«
»Wenn du es auch darauf anlegst, dich zu besaufen, dann ja«, sage ich, streiche mir dabei wieder über die Haare. Ich genieße diese Gelegenheit, mich schick zu machen und mein Haar zurückzukämmen. Normalerweise bin ich nach der Arbeit voller Dreck und Öl und habe fast schon vergessen, wie es ist, sich rauszuputzen. Das letzte schicke Event, zu dem ich gegangen bin, war die Eröffnung von Doms kardiologischer Praxis hier in Bayshore, und das ist schon eineinhalb Jahre her. Die Zeit vergeht wie im Flug, wenn man heiße Schlitten repariert und jede Menge Sex hat.
»Schieß dich nicht zu sehr ab, sonst kannst du Gray nicht mehr durch den Dreck ziehen«, warnt Weston. »Ich bin extra aus Aruba eingeflogen und werde mich nicht zufriedengeben, bis jeder von uns über Grayson hergezogen ist.«
»Ich weiß, dass du aus Aruba eingeflogen bist.« Ich verdrehe die Augen, aber es ist lieb gemeint, ehrlich. Er und Nova befinden sich gerade auf ihrem jährlichen USA-Trip, bei dem sie ihre Familien in Ohio und New York besuchen. Und wieder einmal haben sie einen Mietwagen, den ich mir niemals leisten können werde. Ich habe gehört, wie gut ihr Geschäft auf Aruba läuft, und kann deswegen nur davon ausgehen, dass sie im Geld schwimmen. Was bedeutet, dass vier der fünf Daly-Brüder es in die Kategorie »Erfolgreich« geschafft haben.
Aber ich bin nicht neidisch. Ehrlich nicht. Das schwöre ich auf die Bibel. Ich habe jede Menge Spaß als Automechaniker, und erst recht dabei, mich durch die ganze Region zu vögeln. Ist das nicht der Traum aller Männer? Autos und Frauen. Und ich lebe diesen Traum. Wenn ich mir das nur oft genug vorsage, wird es bestimmt wahr.
»Wieso kommst du uns nicht mal besuchen?«, fragt Weston, mich mit der Schulter anstoßend. »Du weiß, dass du jederzeit bei Nova und mir willkommen bist.«
»Ich habe niemanden, den ich mitnehmen könnte«, erwidere ich.
»Was ist mit dem Mädel, das du heute mitgebracht hast? Ist sie nicht deine Freundin?«
Über die Schulter sehe ich zurück zu unserem Tisch. Mein Blick landet auf Scarlett. Nein, Moment. Sie ist nicht meine Freundin. Sie ist Toms Freundin, auch wenn die beiden gerade eine Auszeit haben, die sicher jeden Moment zu Ende ist. Weston spricht von Veronica, die weniger meine feste Freundin ist als ein Mädchen, mit dem ich ein paarmal geschlafen habe.
»Wir sind nicht …«
»Ahh ja. Verstehe. Du kannst auch allein vorbeikommen.«
Ich verziehe das Gesicht. »So was mache ich nicht, sorry.«
Weston stupst mich an, als der Barkeeper zu uns kommt, und bedeutet mir, dass ich zuerst bestellen soll, weil er nun mal der Höflichste von uns ist.
»Ein IPA bitte. Ach, lieber gleich zwei.« Scarlett freut sich bestimmt, wenn ich ihr eins mitbringe. So langsam wie sie ihren Wein trinkt, kann er ihr nicht schmecken. Und da ich weiß, in was für einer Geschwindigkeit dieses Mädchen Bier runterkippen kann, sehnt sie sich bestimmt nach einem. Ich durchschaue ihre schicke Fassade.
Scarlett trägt sonst nie Kleider. Das wäre mir aufgefallen. Und großer Gott, sie hat der Welt einen Hammerkörper vorenthalten. Ich weiß nicht, ob mich dieses Wissen neugierig machen oder abschrecken sollte, also tue ich einfach so, als würde es mich nicht interessieren.
Diese Grenze haben wir nie überschritten. Und ich habe nicht vor, das jetzt zu ändern. Außerdem ist Scarlett vergeben. Selbst wenn ich versuchen würde, was mit ihr anzufangen – in einem Paralleluniversum oder so –, kann ich jetzt schon hören, wie sie mich lauthals auslachen würde.
»Kommt noch etwas dazu?«, fragt der Barkeeper.
»Was auch immer er will«, erwidere ich und deute auf Weston. »Oh, und äh, einen Sauvignon Blanc.« Beinahe hätte ich Veronicas Bestellung vergessen. Und die Frau im Allgemeinen.
Der Barkeeper nickt und wendet sich an Weston, um dessen Bestellung aufzunehmen. Mein Bruder wirft mir einen amüsierten Blick zu.
»Danke, dass du mich an der offenen Bar zu einem Drink einlädst, Bruderherz.«
»Hey, jederzeit.« Ich grinse frech, bevor ich meinen Blick über die gut gelaunte Menge schweifen lasse, die uns umgibt.
Weston gibt seine Bestellung auf und wendet sich dann wieder an mich. »Läuft’s gut in der Werkstatt?«
Die Frage ist nicht als Spitze gemeint wie bei meinem Dad, würde der sich mal dazu herablassen, sich nach meiner Arbeit zu erkundigen. Weston will wirklich wissen, ob ich glücklich bin. Er löchert mich nicht, um herauszufinden, ob ich schon angefangen habe, auf ein Ferienhaus zu sparen, oder die erste Million geknackt habe.
Genau deswegen ist Weston der Beste von uns, und ich bin, na ja, der Schulabbrecher – nicht nur das, ich bin der Loser, der erst das College hingeschmissen hat und dann auch noch Automechaniker geworden ist. Das wird mir mein Vater nie verzeihen, weswegen wir auch seit eineinhalb Jahren nicht mehr miteinander gesprochen haben und uns heute für die Familienfotos zum ersten Mal näher als zwei Meter gekommen sind.
»Läuft super«, sage ich, als ich die zwei IPAs vom Barkeeper entgegennehme. Während ich schon einen Schluck aus meiner Flasche nehme, stopfe ich noch einen Zehn-Dollar-Schein ins Trinkgeldglas. »Jede Menge zu tun. Gute Bezahlung. Ich lebe den Traum.«
Weston nickt, wirkt jedoch nicht überzeugt. Ich sage mir diesen Satz – Ich lebe den Traum – mindestens fünfmal täglich vor. Als könnte die ständige Wiederholung vertuschen, dass dieser Satz tatsächlich überhaupt nicht auf mein Leben zutrifft. Ich hebe mein Bier als wortlose Verabschiedung in Westons Richtung, doch er hält mich auf.
»Du hast den Wein vergessen«, sagt er.
»Verdammt.« Mit meinen Fingern forme ich ein Dreieck, um das Glas Weißwein auch noch tragen zu können. »Wir sehen uns später. Jetzt muss ich diese Frauen erst mal abfüllen.«
Weston klopft mir noch einmal auf die Schulter, dann schlängle ich mich durch die Menge zurück an unseren Tisch. Ich stelle alle drei Getränke auf meinem Platz ab und schiebe Scarlett dann ihre Bierflasche zu. »Ich dachte, du willst vielleicht eins.«
Veronica gurrt neben mir und greift nach ihrem Wein. »Daaaanke, Mavie.«
Ich lasse mich auf meinen Stuhl fallen und lege einen Arm auf Veronicas Rückenlehne. Scarlett grinst ihre Bierflasche an, als wäre sie ein Geschenk Gottes. Als sie schließlich mich ansieht, liegt ein durchtriebenes Funkeln in ihren Augen. Ein Funkeln, das perfekt zu der Wölbung ihrer Brüste in diesem engen Kleid und dem satten Rot ihrer Lippen passt.
»Daaaanke, Mavie«, sagt Scarlett, bevor sie die Flasche an die Lippen setzt. Sie sagt es gerade näselnd genug, dass Veronica nicht mitbekommt, wie sie verarscht wird. Ich muss mich anstrengen, um mein Lachen zu unterdrücken. Ich sollte nicht lachen. Ich werde nicht lachen.
Scarlett nimmt einen herzhaften Schluck von ihrem Bier, und in dem Moment treffe ich eine Entscheidung: Ich werde Veronica abschießen. Scarlett und mir wird sicher was einfallen, was wir nach dem Empfang treiben können. Seit sie mit Tom Schluss gemacht hat, ist sie mindestens einmal die Woche bei mir. Meistens finden wir uns angetrunken im High 5 – einer Bar in der Innenstadt von Bayshore – und landen irgendwann bei mir zu Hause, um Mitternachts-Quesadillas zu essen, die Scarlett zufolge die besten im ganzen Land sind. Ich werde ihr da sicher nicht widersprechen. Und heute ist doch ein guter Tag, um sie daran zu erinnern, dass ich alle Quesadilla-Zutaten zu Hause habe.
Ich freue mich so sehr darauf, diesen Plan in die Tat umzusetzen, dass meine Hände kribbeln. Mir war von Vornherein klar, dass es nicht die beste Idee ist, Veronica zur Hochzeit meines Bruders einzuladen. Aber Scarlett konnte ich nicht einladen, und allein bei einer Hochzeit aufzukreuzen ist nicht mein Stil. Um das klarzustellen: Ich hätte nicht gezögert, Scarlett offiziell zu fragen, aber ihr Ex Tom ist ein extremer Sturkopf und hätte den falschen Eindruck bekommen. Er weiß zwar, wie eng Scarlett und ich befreundet sind, aber eine Hochzeit ist so viel Drama nicht wert.
»Du arbeitest also in der Sportwagen-Werkstatt in East Side?«, fragt Patrick mich und schließt damit an die Was-tun-wir-alle-so-Konversation an, die wir vorhin begonnen haben.
»Ja. Bald zwei Jahre.«
»Dann hast du sicher einen ziemlich heißen Schlitten in der Garage stehen«, meint Patrick mit einem wissenden Grinsen.
»Wie kommst du darauf?«
»So ist das doch bei allen Automechanikern«, erwidert er, und etwas an der Art, wie er Automechaniker betont, stößt mir sauer auf. Vielleicht erinnert es mich an die Reaktion meines Dads, als ich ihm eröffnet habe, dass ich Mechaniker werden will. Keine Ahnung. Ich versuche, meinen Ärger runterzuschlucken, schließlich ist dieser Typ mit meiner Cousine hier. Und er hat zumindest teilweise recht. Ich habe wirklich ein Bastelprojekt in meiner Garage stehen, aber es ist kein heißer Schlitten. Es ist der Food-Truck, über den ich nicht reden will.
»Keine heißen Schlitten, tut mir leid«, sage ich, mich innerlich schon auf Scarletts Widerspruch vorbereitend. Sie wird mich korrigieren. Das kann ich spüren.
»Nicht mal ein altes Sportcabrio, das seit den Sechzigern nicht mehr anspringt?«, drängt Patrick.
»Nicht mal das«, bestätige ich mit einem Seitenblick zu Scarlett. Doch sie hört uns gar nicht zu. Irgendein Typ – definitiv nicht Teil des Daly-Clans – ist an unseren Tisch gekommen und hat sie in ein Gespräch verwickelt. Er hat breite Schultern und die Art Gesicht, die regelrecht Muskelprotz schreit. Trotzdem unterhalten er und Scarlett sich angeregt und lachen miteinander, als würden sie sich seit Jahren kennen.
»Ich überlege, mir einen Miata zuzulegen«, murmelt Patrick, mehr zu sich selbst als an irgendjemanden sonst gerichtet. Meine Cousine und Veronica sind in ihr eigenes Gespräch vertieft. Scarlett hatte recht. Die beiden haben sich wirklich schnell angefreundet.
»Ooh«, quietscht Veronica plötzlich und reißt die Hand hoch, um jemandem zuzuwinken. »Da ist meine Freundin. Entschuldigt mich, ich muss ihr kurz Hallo sagen.« Veronica steht auf und zieht ihren kurzen Rock ein paar Zentimeter runter, bevor sie auf ihren hohen Absätzen davon stakst. Ich sehe ihr nach, als sie sich durch die Menschenmenge schlängelt. Sie ist heiß, keine Frage. Aber irgendetwas passt einfach nicht.
Ich glaube, das hängt mit der Frage zusammen, die mich in ruhigen Momenten immer wieder heimsucht: Ist das wirklich alles?
Ich habe einen guten Job gefunden, den ich gern mache. Ich habe meine eigene Wohnung. Ich schlafe mit den heißesten Frauen.
Was kommt als Nächstes?
»Mav«, beginnt meine Cousine. Sie beugt sich über Veronicas leeren Platz, um nach meinem Handgelenk zu greifen. »Ich liebe Veronica!«
»Dann solltest du mit ihr ausgehen«, erwidere ich.
Patrick schnaubt, sammelt sich aber schnell wieder. »Da wäre ich voll dabei.«
Betsy wirft ihm einen vernichtenden Blick zu, bevor sie sich wieder mir zuwendet. »Ist das mit euch was Ernstes?«
»Definiere ernst«, erwidere ich, unfähig, mein Grinsen zu verbergen.
Sie bedenkt mich mit demselben vernichtenden Blick, den eben ihr Freund abbekommen hat. »Du weißt ganz genau, was ich meine. Du bringst jedes Mal eine andere Frau mit. Aber diese hast du zu Grays Hochzeit eingeladen! Bedeutet das nicht, dass ihr zwei, keine Ahnung, zumindest regelmäßig miteinander ausgeht oder so?«
Es bedeutet nur, dass ich lieber ein paar Stunden leide, als bei so einem Event allein aufzutauchen. Wieder sehe ich zu Scarlett rüber, wünsche mir, dass sie endlich etwas von diesem Gespräch mitbekommt. Ich warte nur darauf, dass sie sich einmischt. Aber der Muskelprotz hat inzwischen einen Stuhl an unseren Tisch gezogen – Toms Stuhl ist also quasi zurückgekehrt –, und sie sind immer noch voll und ganz in ihr Gespräch versunken.
Ein merkwürdiges, heißes Gefühl trifft mich in der Magengrube, doch es verfliegt schnell wieder, und gerade gibt es Wichtigeres, worüber ich nachdenken muss. Wie’s aussieht, wird nichts aus meiner geplanten Quesadilla-Nacht, was mich mehr enttäuscht, als ich in diesem Moment begreifen kann.
»Wieso schaust du so? Machen dich etwa schon die Worte ›regelmäßig ausgehen‹ sauer?« Meine Cousine schnaubt und drückt noch mal mein Handgelenk. Ich versuche, zu lachen und mich auf dieses Gespräch zu konzentrieren, aber es fällt mir schwer, mich von dem abzuwenden, was sich zwischen Scarlett und ihrem neuen Freund entspinnt. Ich fürchte, Tom wäre alles andere als begeistert davon – nicht, dass ich es ihm erzählen werde.
»Ich sehe keinen Sinn darin, mich an eine Person zu binden«, sage ich zu Betsy. Die Worte sind einstudiert. Allein in den letzten sechs Monaten habe ich sie mindesten ein Dutzendmal zu meiner Mom gesagt.
»Auch später nicht?«, fragt Betsy mit erhobenen Brauen.
Ich zucke mit den Schultern. Die Wahrheit ist, dass ich mich vor langer Zeit nach einem romantischen Happy End gesehnt habe, nur wollte niemand ein Happy End mit mir. Und man muss Liebeskummer nur einmal erleben, um zu wissen, dass man dieses Gefühl lieber meiden sollte. Außerdem war ich schon mit genug Frauen zusammen, um diese Fantasie aufzugeben. Mag sein, dass meine Brüder die Richtige gefunden haben, aber ich habe mehr als genug Recherche betrieben, um zu wissen, dass es für mich unmöglich ist.
Wieso also nicht einfach Spaß haben und nicht weiter drüber nachdenken?
Betsy wendet sich Patrick zu, und lautes Lachen von der anderen Tischseite lenkt meine Aufmerksamkeit wieder auf Scarlett. Muskelprotz erzählt ihr irgendeine Geschichte, die sie richtig zum Lachen bringt. Das ist etwas ganz anderes als das aufgesetzte Lachen, das sie ihren Kunden im E. Lago – dem Restaurant am See, in dem sie kellnert – präsentiert, wenn sie gefragt wird, wieso ihre Haarfarbe nicht zu ihrem Namen passt. Nein, jetzt sind sogar ihre Lachgrübchen zu sehen, und sie hält sich den Bauch.
»Hör auf«, stößt sie atemlos hervor. »Sonst mach ich mir noch in die Hose.«
»Du trägst gar keine Hose«, erinnert Muskelprotz sie, was sie wieder losprusten lässt.
Ich verdrehe die Augen. Was für ein bescheuerter Spruch. Ich will gerade nach meinem Handy greifen, um ihr eine heimliche Nachricht zu schreiben, dass später noch Quesadillas auf der Speisekarte stehen, als Muskelprotz sich dicht zu ihr beugt.
»Du musst mir versprechen, nachher noch mit mir zu tanzen, okay?« Seinen Tonfall kenne ich nur zu gut. Es ist genau der Tonfall, den ich verwende, wenn ich jemanden verführen will. Ich reibe mir den Nacken und schiebe meinen Stuhl zurück, damit ich mich von dem abwenden kann, was direkt vor meinen Augen passiert. Sie hätte dieses Kleid nicht anziehen sollen. Darin sieht sie viel zu gut aus. So gut, dass sogar ich mich gefragt habe, wie es wohl wäre, ihr dieses Teil auszuziehen und zu erkunden, was sich darunter verbirgt.
Scarlett war immer nur einer von den Jungs für mich. Sie ist theoretisch weiblich, so wie man weiß, dass Tomaten eigentlich Obst sind, auch wenn man nie darüber spricht. Aber Scarlett würde nie in mein Beuteschema fallen. Da passt sie genauso wenig rein wie Tomaten in einen Obstsalat.
Ich nehme einen tiefen Schluck von meinem Bier und stehe auf. Zeit, einen meiner Brüder zu belästigen oder so. Denn ich ertrage es einfach nicht mehr, Scarlett kichern zu hören wie ein kleines Mädchen. Wieder steigt diese Hitze in mir auf, als ich mich an dem neuen glücklichen Paar vorbeischiebe, darum bemüht, ihnen keine Beachtung zu schenken. Denn wenn ich Scarlett noch eine Sekunde länger ansehe, mit diesem Lächeln auf ihren roten Lippen und der gefährlichen Wölbung ihrer Brüste in diesem verdammt engen Kleid, traue ich mir zu, eine Tomate aufzuschneiden und sie Erdbeere zu nennen.
MAVERICK
Es ist Mitternacht, und ich bin zu Hause an meinem Wohlfühlort: der Küche.
Ich bin ziemlich angeheitert, da ich seit sechs heute Abend durchgehend ein Bier in der Hand hatte. Andere Leute würden meinen Zustand wohl betrunken nennen, aber ich bin ein sechsundzwanzigjähriger Junggeselle, der in einer Autowerkstatt arbeitet, in der alle Kollegen Alkoholschwämme sind. Meine Toleranzgrenze ist ziemlich hoch. Aber ich bin nicht so dumm, in diesem Zustand ins Bett zu gehen. Was bedeutet, dass der Quesadilla-Plan doch noch umgesetzt wird.
Während in einer Pfanne schon Pilze brutzeln, schneide ich Frühlingszwiebeln in feine Ringe. Zwischendurch wische ich mir die Hände an dem Geschirrtuch ab, das über meiner nackten Schulter hängt. Ich koche meistens oben ohne, was mich zwar nicht zum klügsten Koch in der Küche macht, aber da es in dieser Küche nur einen Koch gibt, ist das egal.
Und ja, Scarlett hatte recht. Ich hätte einen besseren Job gemacht als der Caterer, den Gray angeheuert hat, aber noch bin ich nicht bereit, mich so zu vermarkten. Ich koche, weil ich es liebe. Ich muss dieses Hobby nicht zu meiner Karriere machen, nur damit ich es am Ende hasse, was vermutlich passiert wäre, hätte ich alle hundertfünfzig Mäuler stopfen müssen, die zum Empfang ins Bayshore Theater gekommen sind.
Mein Handy vibriert. Es ist eine Reihe Bilder von meiner Mom. Sie ist noch wach, genießt vermutlich das Hochgefühl, ihren ersten Sohn verheiratet zu haben. Eins der Fotos zeigt mich mit einem Mikrofon in der Hand, als ich eine kurze Rede auf Gray und Hazel gehalten habe. Es ist schwer, nicht zu lächeln, obwohl meine Wangen schon wehtun, nachdem ich heute so viel gelacht und gelächelt habe. Der Rest der Hochzeitfeier war super, und meine Rede war sowohl die witzigste als auch die kürzeste, was definitiv zusammenhängt.
Dom hat so lange von Seelenverwandtschaft und Grammy Ethel geschwafelt und London dabei so intensiv angestarrt, dass ich fast damit gerechnet habe, dass sie davon noch mal schwanger wird oder sofort die Wehen einsetzen. Doms Intensität hat ganz neue Höhen erreicht, seit er verliebt ist, und ich schwöre, wenn er noch einmal davon anfängt, dass wir alle mit unserem Erbe die wahre Liebe finden, befördere ich ihn eigenhändig ins Koma.
Als das erste Mal der »Macarena« lief, bin ich gegangen. Veronica habe ich auch abgeschossen. Ich kann auf beides gut verzichten. Nicht mal die Betthäschen, wie Scarlett sie nennt, schaffen es noch, mich wirklich zu befriedigen, was mir etwas Sorge bereitet. Ich habe früh gelernt, dass dieser ganze langfristige Mist nichts für mich ist. Mit achtzehn wurde mir das Herz gebrochen, von dem Mädchen, mit dem ich geplant hatte, den Rest meines Lebens zu verbringen. Ich war der bescheuerte Trottel, der gegoogelt hat, wie man am besten einen Heiratsantrag macht, während sie andere Männer gegoogelt und hinter meinem Rücken Nacktbilder verschickt hat. Es ist leicht zu sagen, dass wir zu jung waren, um es besser zu wissen – denn das waren wir. Und jetzt weiß ich es besser. Mein Herz kommt mit langfristiger Bindung nicht klar, deswegen fasse ich diesen Mist nicht mal mit einem drei Meter langen Kondom an.
Mein Magen knurrt vor lauter Vorfreude auf diese verdammt geile Quesadilla. Ich gehe rüber zum Kühlschrank, hole eine Packung Speck raus, die ich fast vergessen hätte, und stelle eine zweite Pfanne auf den Herd. Dieser Mitternachtssnack hat gerade ein ganz neues Level erreicht. Als der Speck schließlich in der Pfanne brutzelt, wische ich mir noch mal die Hände ab und ziehe dann mein Handy aus der Gesäßtasche meiner Anzughose. Bevor ich zu lange drüber nachdenken kann, schicke ich Scarlett ein Bild vom aktuellen Status auf meinem Herd.
Sie antwortet blitzschnell. Ehrlich, manchmal denke ich, dass wir telepathisch miteinander verbunden sind und die Handys nur als Attrappe dienen. Früher haben wir nicht so viel gechattet und telefoniert, aber in den letzten Jahren haben wir uns von lebenslangen Bekannten zu unbestreitbaren besten Freunden entwickelt. Ihre Antwort kommt auch in Form eines Fotos: ihr Mittelfinger vor ihrer Decke. Vermutlich liegt sie auf dem Sofa. Das ist ihr Wohlfühlort, dort entspannt sie sich immer nach einem langen Tag.
MAV: Das hättest du alles haben können.
SCARLETT: Meine Einladung muss verloren gegangen sein. Hast du sie mit der Post geschickt oder mit FedEx?
MAV: Du hast sie wohl verpasst, weil du mit diesem Football-Spieler rumgeknutscht hast.
Hitze steigt in meiner Brust auf, und ich lege das Handy weg, um mich wieder dem Herd zuzuwenden. Sie hat diesen Typ nicht geküsst, hätte es aber genauso gut tun können. Ich habe gesehen, wie er sie auf der Tanzfläche begrapscht hat, wie er seine Hand über ihre Hüfte geschoben hat, um ihren knackigen Hintern zu drücken, der mir im Lauf des Abends selbst ein-, zweimal aufgefallen ist. Möglich, dass ich sie im Auge behalten habe wie ein überfürsorglicher großer Bruder, obwohl ich nicht ihr Bruder bin, und auch nur zwei Monate älter als sie.
Trotzdem. Sie braucht jemanden, der auf sie aufpasst. Scarlett ist Frischfleisch, und Idioten riechen so was auf eine Meile Entfernung. Das weiß ich. Schließlich bin ich einer dieser Idioten.
SCARLETT: Niemand hat hier irgendwen geknutscht, wenn ich bitten darf. Sein Atem hat nach Fisch und abgestandenem Bier gerochen.
MAV: Gute Kombi. Ich glaube, das setze ich bei unserem nächsten gemeinsamen Abendessen auf die Speisekarte.
SCARLETT: Du bist so ein Arsch, das ist dir klar, oder?
MAV: Halt die Klappe und komm dir deine Quesadilla holen.
Inzwischen rast mein Herz, und ich bin mir nicht sicher, wieso. Ich wende den Speck, rühre die Pilze um und bereite die Tortillafladen vor. Es ist kaum genug für zwei Portionen, aber falls nötig, teile ich gern.
SCARLETT: Sorry, aber ich habe nicht vor, das dritte Rad am Wagen zu sein.
Ich spüre, dass das meine Chance ist. Grinsend wische ich über den Bildschirm, Sekunden später erklingt das Freizeichen. Ich stelle die Lautsprecherfunktion ein und lege das Handy auf die Arbeitsplatte. Beim zweiten Klingeln geht sie ran.
»Versuch gar nicht erst, mich zu überreden«, sagt sie statt einer Begrüßung. »Ich bin auf meinem Sofa und habe es hier sehr bequem.«
»Aber ich habe dir eine Quesadilla gemacht«, sage ich.
»Du machst das beste Essen in ganz Bayshore, aber nicht mal diese supersaftige Scheibe Speck wird mich davon überzeugen, das Lachen dieser Frau zu ertragen, vor allem nicht so früh am Morgen.« Sie hält inne. »Warte … Bin ich etwa laut gestellt? Maverick!«
»Du bist laut«, bestätige ich, während ich die Platte unter den Pilzen abstelle.
»O Gott«, jammert sie dramatisch. »Wieso machst du so was? Hat sie mich gehört?«
»Nein, Scarlett, hat sie nicht.« Mein Herz hämmert. Ich wende noch einmal den Speck. »Sie ist nicht hier.«
Dröhnende Stille füllt die Leitung, dann sagt Scarlett: »Oh.«
»Und wie gesagt, ich hab dir eine Quesadilla gemacht.«
»Mav, ich bin betruuuuunken.«
Seufzend drehe ich auch die Platte unter dem Speck ab, damit ich das Fett wegkippen kann. In Momenten wie diesem wäre es so viel einfacher, wenn wir zusammenwohnen würden. Es fühlt sich merkwürdig an, das auch nur zu denken. Aber wir wären ja nur Mitbewohner. Würde ich einen meiner Kumpel fragen, würde sich das auch nicht komisch anfühlen.
»Ich auch. Und eine Quesadilla hilft dagegen.«
»Kannst du sie nicht von einem dieser Fahrradliefertypen zu mir bringen lassen?«
»Klar, weil so einer ja auch bei mir wohnt.«
»Sollte er, so oft wie du kochst und mir das unter die Nase reibst, wenn ich nicht vorbeikommen kann. Es ist höchste Zeit, dass du einen Fahrradliefertyp davon überzeugst, bei dir einzuziehen.«
»Vielleicht solltest du einfach bei mir einziehen«, sage ich, und sofort ist das merkwürdige Ziehen in meiner Brust zurück. Mein Puls dröhnt in meinen Ohren. Da. Ich hab’s ausgesprochen. »Dann müsstest du jetzt nur aus deinem Zimmer stolpern statt einmal quer durch Bayshore.«
»Ja, klar, ich ziehe einfach bei dir ein. Super Idee.« Ihr Sarkasmus trieft nahezu aus dem Lautsprecher. »Ich bin mir sicher, deine Betthäschen würden sich riesig freuen, wenn sie vorbeikommen und rausfinden, dass du eine weibliche Mitbewohnerin hast.«
»Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert, Scarlett. Männer und Frauen können auf freundschaftlicher Basis zusammenwohnen. Das hat sogar schon in den Neunzigern funktioniert. Hast du nie Friends gesehen?«
»Das war etwas vor unserer Zeit«, sagt Scarlett.
»Tja, dann müssen wir deine Allgemeinbildung wohl mal mithilfe von Netflix aufpolieren.« Mit einem Klonk stelle ich meine gusseiserne Pfanne auf den Herd.
»Ist das die Gusseiserne?«, fragt Scarlett.
»Es ist die Gusseiserne.«
»Machst du die Soße drauf?«
Damit meint sie meine hausgemachte Aioli, die ich für nahezu jedes Gericht verwende. »Ich mache die Soße drauf.«
Sie stöhnt. »Gott, du bist so ein Arsch!«
Ich werfe einen Blick auf die Uhr. Es ist kurz vor halb eins. Mehr als genug Zeit, um sie abzuholen und uns noch einen lustigen Abend zu machen. »Wie wäre es, wenn ich dich abhole?«
»Kannst du etwa schon wieder fahren?«
Blinzelnd mache ich eine kurze Bestandsaufnahme meiner inneren Organe. »Nein. Aber nachdem ich diese Quesadilla gegessen habe … vermutlich schon.«
»Du kannst deine Quesadilla aber nicht ohne mich essen. Das verfehlt doch den Zweck des gemeinsamen Quesadilla-Essens.«
»Und wenn ich dir ein Taxi schicke?«
Sie stößt ein Seufzen aus. »Maverick Ian Daly. Nein. Ich lasse mich doch nicht durch die Stadt kutschieren wie so eine Quesadilla-Schlampe.«
»Du willst mir damit also sagen, dass du nicht begeistert davon wärst, wenn ich jetzt mein Video anmache, damit du zuschauen kannst, wie ich das Essen anrichte?«
»Ganz genau.«
Ich drücke auf die Schaltfläche mit der kleinen Kamera. Einen Augenblick später sieht Scarlett mich durch den Bildschirm böse an. Ich stelle mein Handy auf, winke ihr zu und schenke ihr ein breites, übertriebenes Grinsen.
»So schön, dich zu sehen!«, sage ich mit meiner künstlichsten professionellen Stimme.
Ein Lächeln zupft an ihren Lippen, die immer noch rubinrot schimmern. Das rabenschwarze Haar fällt ihr in sanften Wellen um die Schultern. Sie hat die schicke Hochsteckfrisur gelöst – ein Schlag in die Magengrube, mit dem ich nicht gerechnet habe. »Kann ich nicht behaupten.«
»Na gut. Ich versuche ja nur, ein guter Freund zu sein, indem ich dich diesen heiligen Akt der Kreation miterleben lasse. Aber wenn du mich nicht unterstützen willst …«
»Nein, nein. Schon gut. Ruf mich gern mitten in der Nacht an, nur um mich zu zwingen, dir dabei zuzusehen, wie du etwas isst, das ich nicht haben kann. Sehr aufmerksam von dir.«
Lachend träufle ich etwas Öl in die gusseiserne Pfanne und werfe die Tortilla hinein.
Schließlich fragt sie: »Hast du vor, auf deinem Waschbrettbauch zu kochen, oder zeigst du mir noch, was du da eigentlich tust?«
»Oh, richtig.« Ich habe fast vergessen, dass die Kamera auf meinen Bauch gerichtet ist. Wobei es nie schaden kann, sie daran zu erinnern, was ich zu bieten habe. Manchmal glaube ich, dass sie überhaupt nicht wertschätzt, wie hart ich an meinem Körper arbeite. Zumindest lässt sie es sich nie anmerken, deswegen reibe ich es ihr in Momenten wie diesem – wenn wir angetrunken und dementsprechend etwas lockerer sind – gern unter die Nase, um zu sehen, ob sie anbeißt. Nur um herauszufinden, ob ich überhaupt eine Chance hätte. »Wusstest du das nicht? Ich bin die Quesadilla.«
Sie prustet. »Das habe ich aber nicht bestellt.«
Natürlich beißt Scarlett nie an. Denn wir sind nur Freunde. Mehr werden wir nie sein. Mehr können wir nie sein. Außerdem, welcher Mann will sich schon lächerlich machen, indem er eine Tomate in den Obstsalat wirft? Und genau das würde ich tun, sollte ich jemals einen echten Versuch wagen. Scarlett würde sich schlapplachen.
Ich bemühe mich, das Handy auf einem Regalbrett so zu positionieren, dass der Herd im Bild ist. Als ich schließlich den richtigen Winkel gefunden habe, sagt Scarlett: »Ich glaube, so nah bin ich deinem Haaransatz noch nie gekommen.«
»Wie sieht er aus?«
»So wie man es bei einem Typ Ende zwanzig erwarten würde.«
»Mitte zwanzig«, korrigiere ich sie.
»Meinetwegen. Ich bin mir sicher, es wird deine Wirkung auf die Betthäschen dieser Welt nicht beeinträchtigen. Die stehen doch auf ältere Männer, oder?«
Ich stelle mich direkt vor dir Kamera, damit sie meinen bösen Blick genau sieht, bevor ich an den Herd zurückkehre.
»Das erinnert mich irgendwie an eine dieser Reality-TV-Sendungen«, sagt sie einen Moment später, während ich den Fladen erwärme. Dann brummt sie. »Gott, Mav! Stimmt! Du musst bei dieser Reality-Show mitmachen!«
»Bitte was?« Ich greife nach der Käsemischung, die ich vorbereitet habe, und streue einen Teil davon auf den Tortillafladen.
»Diese Wettbewerbssache, von der Edward E. Coli erzählt hat!« Sie schnalzt mit der Zunge. »Nein, er hieß Patrick. Mist. Wie auch immer. Du weißt, wen ich meine. Der Freund deiner Cousine.«
