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Wenn die Seele krank wird, geht das häufig mit Wahnvorstellung bei den Betroffenen einher. Das lässt uns als Beobachter oft mit Hilflosigkeit und Furcht reagieren. Ulrike Sammet-Graff erlebte in ihrem Leben mehrere Phasen solcher Wahnvorstellungen. Sie nimmt uns mit in die Welt ihrer wirren Gedanken, den Weg dahin - aber auch den Weg wieder hinaus. Sie erlaubt uns einen Blick auf ihre Erkrankung, der uns Abstand gewinnen lässt, und so versucht uns ein wenig unsere Furcht zu nehmen.
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Seitenzahl: 154
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Ulrike Sammet-Graff
MAL SEHEN, WAS KOMMT …
Wie ich seelisch erkrankte und ins Leben zurückfand
Engelsdorfer Verlag Leipzig 2021
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
Copyright (2021) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Cover
Titel
Impressum
Einleitung
Familiengeschichten
Krankheit
Suche
Ein gelingendes Leben
Schluss
Anhang
Psychische Erkrankungen sind hinterhältig. Es gibt weder sichtbare körperliche Beeinträchtigungen noch ist in der Regel die Intelligenz gemindert – unter Umständen ist sie sogar eher hoch. Psychisch erkrankte Menschen erscheinen oft für den Rest der Welt als schwierige Persönlichkeiten. In der Tat ist es nicht einfach, mit den mit einer psychischen Erkrankung einhergehenden starken Ängsten und dunklen Gedanken, euphorischen Überreaktionen, Wahnvorstellungen und für den Rest der Welt unverständlichen oft überempfindlichen Verhalten ein positives, gelingendes Leben zu erreichen.
Ich bin inzwischen über 60 Jahre alt und habe gelernt entspannt und gut mit meiner Erkrankung umzugehen. Immer wieder bin ich über Hinweise gestolpert, in denen beschrieben wurde, dass Betroffene im Alter nicht mehr so unter einer psychischen Erkrankung leiden (d. h. nicht, dass sie dann geheilt wäre). Ich konnte mir das lange nicht vorstellen, stimme dem aber heute zu.
Für mich kann ich sagen, dass ich einerseits durch lange Erfahrung mit der Entwicklung von Psychosen bei mir mit meinen Medikamenten gut gegensteuern kann, so, dass ich – das hoffe ich jedenfalls auch für die Zukunft – aufkommende Psychosen klein halten kann.
Andererseits habe ich inzwischen zu den hohen Erwartungen, die mir in meiner Kindheit mitgegeben wurden, Abstand gefunden und muss nicht mehr – wie ich es bei mir scherzhaft genannt habe – einen „Nobelpreis gewinnen“. In meine Arbeitstelle in einer Werkstatt für Menschen mit einer psychischen Behinderung habe ich mich hineingefunden.
Aktuell kann ich meine materiellen Bedürfnisse mit einer Erwerbsminderungsrente und dem Entgelt in der Werkstatt gut befriedigen – wenn ich nur auf mich sehe und mich nicht vergleiche. Auch dadurch lebe ich heute sehr entspannt.
Auf dem Weg dorthin – und genau davon möchte ich berichten – habe ich aber auch sehr viel Glück gehabt. Angefangen mit einer Psychotherapeutin, die mir zur Freundin geworden ist, über immer wieder sich fügende wirtschaftlich gute Verhältnisse bis schließlich zu den extrem wertschätzenden Vorgesetzten in meinem Arbeitsleben in der Werkstatt.
Ich möchte hier aber keine falschen Vorstellungen erwecken. Wie gesagt, ich gehe mit strammen Schritten auf das Ende meines Erwerbslebens zu und habe viel Glück gehabt, die Hilfen, die mir angeboten wurden, auch nutzen zu können.
Für viele junge Betroffene ist es wesentlich schwieriger zu akzeptieren, dass ihre Möglichkeiten – sei es finanziell oder das gesellschaftliche Ansehen betreffend – eingeschränkt sind. Niemand ist davor gefeit, mit Vergleichen umgehen zu müssen, aber es hindert daran, ein glückliches, zufriedenes Leben zu führen.
Aber auch in diesem Punkt möchte ich mit meinen Zeilen werben, für das dankbar zu sein, was geht und möglich ist. Oft ist es uns Werkstattmitarbeitern nicht gegenwärtig, dass die Werkstatt selbst ja aus öffentlichen Geldern finanziert wird – und somit auch unser „geschützter Rahmen“ schon viel Geld kostet, zusätzlich zu unserem Verdienst.
Diese Gedanken und die Tatsache, dass psychische Erkrankungen immer noch tabuisiert werden, haben mich veranlasst, nochmal zurückzuschauen und tief in längst zu den Akten gelegten Erinnerungen einzutauchen.
Als ich gefragt wurde, wen ich mit meiner Geschichte erreichen möchte, fielen mir schon diejenigen ein, die selbst betroffen sind. Vielleicht kann es ihnen ja gehen wie mir. Für mich war es immer sehr erleichternd, wenn ich merkte, mit meiner schwierigen Situation stehe ich nicht allein da. Das gab mir schon das Gefühl von ein wenig mehr „Normalität“.
Aber auch über die direkt selbst Betroffenen hinaus möchte ich professionellen Helfern ermöglichen – sollten sie das Büchlein in die Hand bekommen und auch tatsächlich lesen – einmal ohne handeln zu müssen, mit Abstand also – eine Lebens- und Krankengeschichte auf sich wirken zu lassen.
Bei mir geht es um Menschen, die gar nicht erst in Arbeit kommen. Es ist aber gar nicht so selten, dass Menschen, die fest im Arbeitsleben verankert sind, psychisch erkranken.
Wenn man genau hinsieht, gibt es dafür immer auch einen Auslöser, der oft nur schwer zu erkennen ist. Ihn zu lokalisieren und mit diesem Verständnis Gespräche zu führen, wäre die Aufgabe der Personalverantwortlichen.
Aber auch für diesen Personenkreis gilt – genau wie für mich und meine Kollegen in der Werkstatt, dass ein Arbeitsumfeld geschaffen werden muss, das sowohl bei Vorgesetzten als auch Kollegen wertschätzend ist.
Der Gesetzgeber hat, um Menschen mit Beeinträchtigungen einen Weg in die Arbeitswelt zu erleichtern, eine Quote bestimmt, die abhängig von der Größe des Unternehmens Raum für diese Menschen schaffen soll. Das macht immer Mühe und kostet Zeit und Geld – das muss man erklärtermaßen wollen. Davor scheuen sich viele Arbeitgeber und nutzen die Möglichkeit, sich aus dieser Verpflichtung „freizukaufen“.
Heute bin ich mit Jens, Micha, Martin und Patrick verabredet. Es ist immer wieder schön die Kollegen aus dem Industrieservice – eben der Werkstatt für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen – zu treffen, das bedeutet immer, Menschen mit ähnlichen Erfahrungen zu sehen und sich austauschen zu können.
Inzwischen arbeite ich in einem Reisebüro, das Reisen für Menschen mit Behinderungen vermittelt, aber der Industrieservice war viele Jahre meine berufliche Heimat. Hier habe ich langsam gelernt, mir zu vertrauen, meine Stärken einzuschätzen und eine gewisse Gelassenheit zu entwickeln. Auch heute arbeite ich in einem geschützten Rahmen, aber mit Anbindung an den ersten Arbeitsmarkt. Auch besagtes Reisebüro ist ein Teil der Lebenshilfe, aber ich bin als Assistentin der Leitung dieses Büros vor allen Dingen weitgehend selbständig für die Verwaltung dieses Bereiches zuständig. Ich mache den gesamten Schriftverkehr, wickele die Vorbereitung der Schulungen für die Reisebegleiter ab, schreibe Rechnungen und überwache den Geldverkehr. Es ist eine sehr verantwortungsvolle, abwechslungsreiche Aufgabe und macht mir in der Zusammenarbeit mit meinen Vorgesetzten, die mir auf Augenhöhe begegnen, sehr viel Freude.
Aber der Weg dahin war weit und führte eben über besagten Industrieservice und im Verlauf meines Lebens über viele Irrungen und Wirrungen, von denen ich im Folgenden berichten möchte. Ich hoffe, ein wenig Vorurteile gegenüber uns „Psychos“ abbauen zu helfen, indem ich zeige, dass wir gar nicht so verschieden von den „normalen“ Menschen ticken.
Zunächst freue ich mich auf mein Treffen mit den ehemaligen Kollegen. In dem gemütlichen griechischen Lokal setzen wir uns an unseren angestammten Tisch, der für uns schon reserviert ist. Wie immer bestelle ich die gegrillte Leber und ein alkoholfreies Weizenbier. Schnell sind wir in ein intensives Gespräch vertieft. Wir alle arbeiten inzwischen an verantwortungsvollen Positionen und unsere Arbeit wird sehr geschätzt – aber trotz allem ist uns allen gemeinsam, dass wir in einem geschützten Raum arbeiten, der den äußeren Druck begrenzt.
Wie das aussieht und warum das nötig ist, wird, wie ich hoffe, im Folgenden deutlich.
Geboren wurde ich an einem Sonntag im Jahre 1955. Der März in diesem Jahr war noch so kalt, dass meine Mutter eine Woche vorher auf dem Weg zum Briefkasten auf vereister Straße gestürzt war. Auf dem Weg zum Briefkasten – mein Vater hatte seine erste Anstellung als Berufsschullehrer in einer relativ großen Stadt in Niedersachsen und meine Mutter lebte in einer Schrebergartenkolonie in Berlin-Spandau – Wohnraum war 10 Jahre nach dem verlorenen Krieg immer noch knapp. Damals wurde der Kontakt schriftlich mit Briefen gehalten, was uns heute mit Whatsapp etc. oder wenigstens Telefon vorsintflutlich erscheint.
Eben weil der Wohnraum knapp war, wohnte mein Vater damals möbliert zur Untermiete. Eine gemeinsame Wohnung an seinem Wohnort war damals noch undenkbar.
Es war also schon eine nicht ganz einfache Situation, aber mein Start stand eigentlich schon vorher unter einem ungünstigen Stern, denn mein Vater war ganz und gar nicht einverstanden gewesen, als ich mich angekündigt hatte. Endlich nach vielen Wirrungen verdiente er eigenes Geld. Wenn es auch noch nicht viel war, ermöglichte es doch einen gewissen Lebensstandard zusammen mit dem Gehalt meiner Mutter als Fürsorgerin – ein Beruf, der der heutigen Sozialarbeiterin entsprechen mag. Und nun sollte er es also alleine richten, was ihm eine ungewollte Last schien.
Diese Haltung meines Vaters blieb meiner Mutter natürlich nicht verborgen und verunsicherte sie so sehr, dass ich in meinen ersten Lebenswochen kaum eine sichere Geborgenheit erleben konnte und – hypersensibel wie ich war, was sich auch später noch öfter als schwierig herausstellen sollte – kaum die Ruhe fand so viel zu trinken, dass ich gedeihen konnte. Deshalb war ich mit drei Wochen bis zum Skelett abgemagert.
Paradox mag es erscheinen, aber gerade mein Vater sorgte dafür, dass ich nicht verhungerte. Noch als erwachsene Frau erinnere ich die kalten, strengen Augen meines Vaters, die in mir eine Art Todesangst auslösten, so dass ich mich ins Unausweichliche ergab – und so etwas Simples tat, wie meine Flasche auszutrinken.
Überhaupt beherrschte meine Eltern eine tiefe Verunsicherung. Damals spürte ich das nur, heute sehe ich ein wenig in die Vergangenheit und sehe zwei junge Menschen, die mit sechs Jahren als kleine wissbegierige Grundschulkinder die nationalsozialistische Ideologie als wunderbar und unumstößlich kennenlernen mussten. Beide Elternhäuser waren zwar eher unpolitisch, aber in gewisser Weise – ohne die nationalsozialistische Politik verteidigen zu wollen, die unmenschliche Gräueltaten zu verantworten hat – holte sie die Kinder in ihren Organisationen dort ab, wo sie sich gut und geborgen fühlten. Deshalb hatten meine Eltern das staatstragende System bis in ihre Jugend nicht hinterfragt und wurden beide mit ihren 18 Jahren hart in die Realität geholt.
Meine Mutter musste während ihres Arbeitsdienstes in einer Munitionsfabrik mit Jüdinnen aus einem nahen Konzentrationslager zusammenarbeiten. Die menschenverachtende Behandlung dieser Frauen, die hungerten und doch keine gut gemeinten Lebensmittel annehmen durften oder harte Strafen zu fürchten hatten, wenn sie nicht schnell genug arbeiteten (was zu beurteilen der Willkür der Aufseher unterworfen war) traf meine Mutter so hart, dass sie in eine tiefe Krise geriet und mit hohem Fieber nach Hause geschickt wurde. Auf dem Heimweg nach Radebeul entkam sie nur knapp der vernichtenden Bombardierung von Dresden.
Mein Vater entkam zwar dem vernichtenden Einsatz an der Front, wo alle seine Klassenkameraden in den letzten Kriegswirren fielen, da er bis zur Kapitulation in Holland in einem Ausbildungslager für Fallschirmjäger untergebracht war, der Gefangenschaft entkam er jedoch nicht. Aber ein im Vergleich harmloses Erlebnis traumatisierte ihn dennoch. Bei der Inhaftierung durch die Kanadier musste er in der Kolonne durch das Spalier der Bevölkerung marschieren, von der die jungen deutschen Soldaten ausgepfiffen und bespuckt wurden. Ihn, der der Überzeugung war, für das Richtige eingetreten zu sein, traf das ins Mark. Diese Last trägt er bis heute als 91-jähriger, immer noch der im tiefsten Inneren getroffene und verunsicherte Junge.
Was hat das mit mir und meinem Werdegang zu tun? Es ist der Hintergrund vor dem sich meine Kindheit abspielte. Und ich meine, dass bei jedem Menschen die Familiengeschichte einen großen Anteil daran hat, was man an Möglichkeiten in die Wiege gelegt bekommt.
Erwartungsgemäß kann ich mich an die folgenden ersten Jahre meines Lebens in Berlin nicht erinnern. Auch wurde in der Familie nicht viel erzählt von den ersten zwei Jahren, die ich mit meiner Mutter in besagter Schrebergartenkolonie verbrachte. Einzige Wegbegleiter waren laut Fotodokumentation die Eltern meines Vaters bzw. Vater und Stiefmutter, denn die Mutter meines Vaters war in den letzten Kriegstagen nach einer anstrengenden Flucht im Winter 1945 in Ostpreußen gestorben. Für meine Mutter waren diese Besuche vermutlich wenig entspannt. Meine (Stief)oma war Hebamme – sie hatte mir schon auf die Welt geholfen – und wusste wahrscheinlich sehr gut Bescheid über den Umgang mit Säuglingen und Kleinkindern.
Aber in Niedersachsen wurde in diesen Zeiten viel gebaut und so kam es, dass mein Vater zwei Jahre nach meiner Geburt eine Dreizimmerwohnung in einem niegelnagelneuen Haus ergattern konnte. Für damalige Verhältnisse war die Wohnung komfortabel. Sie verfügte über einen Balkon und ein Badezimmer mit Badewanne und Badeofen.
Gern erinnere ich mich dann an spätere Zeiten – was wohl in den frühen Jahren nicht anders gewesen sein mag –, in denen der Samstag der Badetag war. Ich sehe mich noch in das mollig warme Badezimmer treten, in dem mein Vater das Feuer im Badeofen hütete und dabei die Schuhe der Familie putzte. Was ich nicht erinnere, ist, ob wir alle nacheinander in das nur begrenzt zur Verfügung stehende Badewasser gestiegen sind. Aber bis heute lässt mir die Erinnerung wohlige Schauer über den Rücken laufen, wenn ich an das Gefühl denke, das sich nach dem Baden, abfrottiert mit dem großen Badetuch, eingemummelt in das mit frisch gewaschener, gestärkter und gemangelter Bettwäsche bezogene Bett eingestellt hat.
Der Balkon ging zur Straße hinaus, was wohl der Grund dafür war, dass er zwar für Fototermine, aber eher nicht zum dort Verweilen genutzt wurde. Trotzdem bepflanzte meine Mutter die Balkonkästen jahrein-jahraus mit bunten Petunien, die sie mit Hingabe mit Wasser und Dünger versorgte und die auch jedes Jahr für eine bunte Pracht sorgten.
Die Winter waren sehr gemütlich, da die Wohnung in allen Räumen mit eher handlichen Kachelöfen ausgestattet war. Das erste, was meine Mutter täglich in der kalten Jahreszeit tat, war die Öfen anzufeuern. Aufstehen entpuppte sich dann nicht selten als Mutprobe, die Beine aus dem warmen Bett in die Kälte zu strecken. Aber zum Frühstück herrschte dann wohlige Wärme.
Die Erinnerung daran fühlt sich gut an, jedenfalls an die ersten vier Jahre bis mich die Schule einholte. Diese vier Jahre waren außerdem geprägt von einer ungetrübten Zeit auf dem großen Hinterhof mit Sandkiste, Teppichklopf- und Wäscheplatz. Wir waren etliche gleichaltrige Vorschulzwerge – Mädchen und Jungen. Große Sträucher und Bäume luden zum Verstecken und Klettern ein. Pfützen sorgten für wunderbare Matschorgien – sehr zum Leidwesen der Mütter. Aber Mütter waren überhaupt nur gefragt, um nach Aufforderung Marmeladenbrote aus dem Küchenfenster in den Hof zu werfen.
Damals war auch klar, wen ich heiraten würde – Heiko. Ein Jahr älter als ich waren wir in diesen Jahren unzertrennlich, bis Heiko mit seinen Eltern in eine andere Wohnung zog und wir uns aus den Augen verloren.
Einige Zeit nachdem wir in die neue Wohnung gezogen waren, kündigte sich mein Bruder an. Kurz nach meinem dritten Geburtstag war er dann da. Schon als Baby war er sehr lebhaft und hielt die Familie auf Trab. So schaffte er es – offensichtlich war seine Körperkraft unterschätzt worden – eines Sonntagmorgens von seinem Laufstall aus mit einem kräftigen Zug am Tischtuch, den Frühstückstisch abzuräumen. Später – er wird so zwei Jahre alt gewesen sein – sperrte er meine Mutter und mich auf dem Balkon aus, wo wir gerade die Blumen gegossen hatten, und veranstaltete im Badezimmer eine Überschwemmungsorgie, was sonst streng verboten war. Glücklicherweise hatte meine Mutter ihren Wohnungsschlüssel in der Schürzentasche, sodass sie einem Nachbarn den Schlüssel hinunterwerfen konnte. So konnten wir befreit werden.
Überhaupt lebte ich in der Familie eher im Schatten meines Bruders, war eher Zaungast seines Lebens, wenn ich ihn und meine Mutter in den Kindergarten – zu meiner Zeit war daran nicht zu denken gewesen – oder zum Judotraining begleitete.
In diese Zeit muss es auch gefallen sein, dass mein Vater zusätzlich zu seiner Ausbildung zum Berufsschullehrer, die damals nicht akademisch war, ein Psychologiestudium absolvierte. Er erhoffte sich durch ein Studium bessere Chancen auf eine Beförderung. Er arbeitete danach, zusätzlich zu seiner Stelle als Lehrer, als Schulpsychologe, ehe er tatsächlich ins Kultusministerium befördert wurde.
Viel Kontakt nach außen hatten meine Eltern nicht. Es war deshalb immer ein Ereignis, wenn die Großeltern aus Radebeul – die Eltern meiner Mutter und zärtlich von mir geliebt – über die Grenze zur DDR zu uns kamen. Zu meiner grenzenlosen Freude siedelten sie einige Zeit später in die BRD über, um in der Nähe meiner Mutter zu sein, von der sie im fortgeschrittenen Alter Unterstützung erhofften. (Aber das kam ja leider anders.)
Überhaupt: Meine Großeltern in Radebeul. Ich erinnere mich an wunderschöne, glückliche Besuche dort. Meine Großmutter hatte einen großen Gemüsegarten, Hühner und Kaninchen. Ich sog die Tage voller Freiheit und Glück einfach in mich ein. Ich durfte Hühner füttern, Eier einsammeln, Kaninchen auf den Arm nehmen und mich an der liebevollen Zuwendung meiner Großeltern erfreuen.
Später, als meine Großeltern längst in der Nähe lebten, hatten sie das, was man einen Schrebergarten nennt. Damals konnte ich sie dann gut unterstützen und den inzwischen gebrechlichen alten Menschen schwere Arbeit abnehmen. So grub ich Beete um und mähte mit einem Handrasenmäher das kleine Rasenstück.
Die letzte unbeschwerte Erinnerung vor dem Schulbeginn betrifft meine Feier zu meinem sechsten Geburtstag. Wie zu erwarten bekam ich einen Lederschulranzen und eine Frühstückstasche – ebenso aus Leder –, wie das eben so üblich war. Rollschuhe komplettierten den Geburtstagstisch. Nachmittags gab es eine richtig große Feier mit meinen Freundinnen und Freunden vom Hof. Mein Geburtstag liegt ja im Frühling, wenn das Wetter noch nicht so zuverlässig trocken und schön ist. Deshalb hatte meine Mutter alles für eine Feier in der Wohnung vorbereitet. Sie hatte nicht nur eine wunderschöne Buttercremetorte mit einem Marzipanhasen als Schmuck gebacken, sondern auch für jedes Kind ein Kostüm gebastelt, das eine Blume darstellte. So begrüßten wir den Frühling. Es war eine fröhliche unbeschwerte Feier, die unter eine fröhliche Kindheit einen Schlusspunkt setzte.
Es gibt ein Sprichwort: Lehrers Kinder und Pastors Vieh geraten selten oder nie. Warum das so sein sollte, bleibt im Verborgenen, aber was mich anging, traf der erste Teil des Spruches für meine Schulzeit absolut zu. Während ich das Gefühl hatte, mich mit den anderen in der Schule messen zu müssen und gemessen an diesem Maßstab immer durchzufallen, waren meine Eltern völlig hilflos. Sie hatten keine Idee, wie sie mich „dazu bringen konnten“, die Schule problemlos zu bewältigen. Ich war gepeinigt von der Angst zu versagen, vor der versammelten Klasse mich zu blamieren.
In besonderer Erinnerung ist mir der beliebte Kopfrechenwettstreit geblieben (Welcher, wie ich kürzlich erfuhr, noch heute in schrecklicher Weise bei Lehrern beliebt ist): Die gesamte Klasse steht, Rechenaufgaben werden vom Lehrer in den Raum geworfen, derjenige, der zuerst die Antwort laut schreit, darf sich setzen. Wehe, man bleibt als letzter übrig! Viel mehr Erinnerungen habe ich an den Unterricht in der Volksschule, wie die Grund- und Hauptschule damals noch hieß, nicht. Allerdings kann ich mich noch gut an die leuchtend rot lackierten Fingernägel an dicken, roten Wurstfingern von Frau Soballa, meiner ersten Lehrerin, erinnern. Diese Finger wurden für mich zum Sinnbild eines weiblichen Drachen – bis heute.
Wie gesagt, meine Eltern hatten – wie man heute sagen würde – keinen Plan. Ich nehme heute an, dass sie sich auch an einem strengen Maßstab maßen und Angst hatten – als Pädagogen, die sie ja beide waren – eine Schulverweigerin zu produzieren, also jemanden, den sie in ihrem jeweiligen beruflichen Umfeld als Problem zu bewältigen hätten.
