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Beschreibung

Der Roman erzählt die Geschichte der Tochter des Mohawk-Häuptlings Malesque, die sich in William Danforth verliebte und ihm ein Baby gebar, über ihr Leben mit einem Siedler und ihr zukünftiges Schicksal. Es wird einen Krieg zwischen den Siedlern und den Mohawks geben und das junge Mädchen muss sich für eine Seite entscheiden.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ann S. Stephens

Malaeska

Die indianische Frau des Weißen Jägers
Translator: August Kretzschmar
e-artnow, 2021 Kontakt: [email protected]

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel. Der Scalp.
Zweites Kapitel. Der Tod des Jägers.
Drittes Kapitel. Der Großvater.
Viertes Kapitel. Das Canoe.
Fünftes Kapitel. Im Walde.
Sechstes Kapitel. Die Verfolgung.
Siebentes Kapitel. Die Rückkehr in den Wald.
Achtes Kapitel. Sarah Jones macht eine Entdeckung.
Neuntes Kapitel. Die Pensionsschule.
Zehntes Kapitel. Der Kranke.
Elftes Kapitel. Die Ankunft.
Zwölftes Kapitel. Der Haß.
Dreizehntes Kapitel. Das Grab des Kriegers.
Vierzehntes Kapitel. Der Tod.

Erstes Kapitel. Der Scalp.

Inhaltsverzeichnis

Der Reisende, welcher, den Hudson stromaufwärts fahrend, in Catskill Halt gemacht hat, erinnert sich ohne Zweifel einer kleinen Bucht, wie die eine Seite des Dorfes bespült, eben so wie eines massiven steinernen Gebäudes, welches in geringer Entfernung vom Wasser auf dem höchsten Puncte einer grünwogenden Prairie steht, die von einem kleinen Bache begrenzt wird, welcher sich in den majestätischen großen Fluß ergießt.

Diese Farm ist der einzige Gegenstand, dessen düstere Farbe gegen das üppige Grün der Landschaft auf dieser Seite absticht, und die Ruhe, welche hier herrscht, bildet einen angenehmen Gegensatz zu dem lärmenden Treiben des kleinen Dorfes, welches auf dem andern Gestade der Bucht erbaut ist.

Es sind mehre Gründe vorhanden, aus welchen die Aufmerksamkeit sich vorzugsweise jenem Hause zuwendet. Abgesehen davon, daß seine Lage eine der reizendsten ist, welche man den ganzen Fluß entlang findet, so hat sein behagliches Ansehen auch keine Aehnlichkeit mit den großartigen Colonnadenhäusern einerseits oder mit den elenden plumpen Hütten andererseits, welche an den Ufern des Hudson den Blicken des Reisenden überall begegnen.

Man athmet in der nächsten Umgebung des Hauses keinen Blumenduft und die Cultur des Bodens ist nur wenig darauf berechnet, dem Auge angenehme Abwechselung zu bieten; die Fruchtbäume wachsen hier aber in großer Menge; ein ungeheuer großer Obstgarten breitet im Sonnenscheine den Schmuck feines Laubwerks aus und frischer Rasen bedeckt den Boden von der Eingangsthür bis zu dem Bache.

Das Innere der Farm hat einen Anstrich von Behaglichkeit, welcher dem, was die Außenseite verheißt, vollkommen entspricht.

Die Hausgeräthschaften sind mit den Bewohnern des Hauses alt geworden. Früher einmal waren sie schön und gegenwärtig besitzen sie den seltsamen Vorzug, mit den Personen, welche sich ihrer bedienen, gut zusammen zu passen. Alles im Hause steht in Uebereinstimmung mit dem Character und den Gewohnheiten des Herrn.

Dieser ist ein reicher Farmer von altem Schrot und korn – schlau, scharfsinnig und klug einer jener Menschen, welche ein junges Herz selbst dann noch zu bewahren wissen, wenn das Alter ihr Blut erkalten und ihr Haar ergrauen läßt.

Der Farmer zählt schon über sechszig Jahre, seine Kleidung aber und seine Bewegungen lassen auf höchstens fünfzig schließen.

Im Winter labt er sich, vor einem großen Feuer sitzend, an einer guten Frucht, die er mit schäumenden Aepfelwein benetzt; im Sommer macht es ihm Vergnügen, auf der vor der Farm sich weit hinstreckenden Wiese eine schöne Heerde Kühe weiden zu sehen.

Das Gefühl der Gastfreundschaft herrscht in seinem Herzen noch eben so lebendig, wie zur Zeit seiner Jugend, und er ist mit einem Worte ein Musterbild jener republicanischen Farmer des vorigen Jahrhunderts, welche sich glücklich schätzen, das Haus zu bewohnen, welches ihr Vater erbaut, und ihre alten Tage unter dem Dache zu verleben, welches ihre Kindheit schirmte.

Während der Zeit, welche wir im Laufe des vorigen Jahres in der Nähe dieser Farm verweilten, war e8 für uns ein großes Vergnügen, unsere Abende bei dem alten Farmer zuzubringen.

Wir hörten ihn gern Indianersagen und Revolutionsgeschichten erzählen. Mit gleichem Interesse vernahmen wir sein Urtheil über die Gegenwart und unterbrachen ihn von Zeit zu Zeit, um die Arbeit zu bewundern, womit seine vortreffliche Gattin sich beschäftigte, oder um die Liebenswürdigkeit eines reizenden kleinen Mädchens zu rühmen, welches sich auf seine Knie stützte und mit den silbernen Schnallen seiner Schuhe spielte.

Dieser rüstige und hochgewachsene Mann und dieses sanfte Kind gewährten, wenn die Gruppe, die sie bildeten, von der Flamme des Heerdes beleuchtet ward, ein allerliebstes Gemälde des mit der Kindheit spielenden Alters. Es glich in jeder Beziehung einem jener Meisterwerke der niederländischen Schule, welche hinter uns in ihren Goldrahmen an der Wand hingen und nebst der auf dem Tische liegenden flämischen Bibel mit ihren messingenen Schließhaken das kostbarste Erbtheil ausmachten, welches auf den alten Farmer von seinem Vater übergegangen war.

Dieses Gemälde war in der That ein bezauberndes; eben so gern aber, als wir dasselbe betrachteten, hörten wir auch die Sagen und Geschichten, welche der Farmer erzählte. Wenn die, welche ich hier mittheile, nicht genau in denselben Ausdrücken wiedergegeben ist, deren der Farmer sich bediente, so wird der Leser doch nicht verfehlen, in Malaeska die schöne junge Indianerin zu erkennen, von welcher der alte Farmer uns erzählte.

Zur Zeit unserer Geschichte, war das prachtvolle Land, welches sich vom Fuße des sogenannten Blauen Gebirges bis zum Hudson erstreckt, weiter nichts, als eine ungeheure Einöde.

Der stattliche Fluß rauschte in einem Schweigen entlang, welches etwas Feierliches hatte, beschattet von Bäumen, welche dem Sturm mehrer Jahrhunderte widerstanden hatten.

Nichts störte die Ruhe seiner Fluthen, als höchstens zuweilen das Geräusch, welches der Stiel eines ihn durch schneidenden leichten Indianercanoes machte.

Der dunkelfarbige Wall des Gebirges ragte gen Himmel empor, wie noch heutigen Tages; sein Anblick aber ward durch die fast undurchdringlichen Dickichte, welche seinen Fuß umgaben, noch düsterer gemacht. Jenes Meer von Laubwerk, welches von Weitem aussah, wie ein Nebel, schien den Eingang zu einer Welt der Nacht und Finsterniß zu bilden.

Von diesem ganzen Landstrich, dessen Erzeugnisse gegenwärtig Tausende von Menschen ernähren, war damals nur ein kleiner Winkel angebaut, welcher dem Wanderer wie eine Oase in der Mitte der Wüste entgegenlächelte.

Eine Schaar kühner Ansiedler hatte nämlich einige hundert Ader Boden urbar gemacht und eine gewisse Anzahl plumper einfacher Hütten erhob sich im Herzen des schmalen Thales, wo man gegenwärtig das Dorf Catskill sieht.

Obschon in der Nähe eines Indianerstammes, waren die Colonisten in ihren bescheidenen Arbeiten doch niemals beunruhigt worden. Sie dehnten ihre Bodencultur um das Dorf herum immer weiter aus und ernährten sich und ihre Familien von dem Wildpret, welches in dem Gebirge in Fülle vorhanden war.

Mit den Indianern kamen sie nur selten in Berührung und bis jetzt hatte weder von der einen noch von der andern Seite irgend ein Act der Feindseligkeit den Frieden zwischen den Ansiedlern und den Wilden gestört.

Es war im Monat Mai, ein Jahr nach der Niederlassung der Weißen an diesem Orte, als eines Tages sechs oder acht der Muthigsten sich auf den Weg nach dem Walde machten, um auf die Jagd zu gehen. Man hatte bei Anbruch des Tages am Saume des Waldes einen Bären bemerkt, und während die Meisten sich zur Verfolgung eines weniger furchtbaren Wildes aufmachten, folgten drei der Entschlossensten der Spur des grimmigen Thieres, welches den Weg nach dem Gebirge genommen hatte.

Der Anführer dieser drei Jäger war ein Engländer von ungefähr vierzig Jahren. Er trug einen weiten Rock von grobem blauen Tuche, seine Kamaschen waren bis an das Knie herauf zugeknöpft und sein Hut, von ziemlich origineller Form, war sehr abgetragen. Seine Jagdausrüstung verrieth die ganz besondere Sorgfalt, womit seine Landsleute darauf zu sehen pflegen, daß es ihnen an Nichts fehle, wenn sie sich zu dergleichen Expeditionen aufmachen.

Die beiden anderen Jäger waren weit jünger, als der erste. Ihre Kleider bestanden ebenfalls aus grobem Stoff und sie trugen außerdem eine Art Ueberwurf von Wergleinwand.

Beide junge Männer waren schön, aber dabei besaßen ihre Gesichter jedes ein anderes Gepräge.

Der Character des Einen zeigte sich in seiner Heiterkeit und in der Leichtigkeit seines Ganges. Er folgte dem Engländer dicht auf dem Fuße, indem er mit der Mündung seiner Jagdbüchse das Gesträuch auf die Seite bog, und beobachtete mit lebendigem Auge die abgebrochenen Zweige und die niedergetretenen Blätter, welche die Fährte des verfolgten Thieres bezeichneten.

Sein Costüm hatte gewissermaßen Etwas kriegerisches; seine Fuchsmütze hing nachlässig seitwärts von seinem schönen Kopfe herab und ließ in der Nähe des linken Ohres schwarzes kurzes Haar hervorlugen, und sein vorn offenstehender Rock ließ einem Hals, auf welchen Apollo stolz gewesen wäre, freie Bewegung. Er war ein Jäger von Profession, welcher nur zufällig in der Colonie Halt gemacht hatte, denn er brachte sonst ganze Wochen in den Wäldern zu und verschaffte sich alle möglichen Arten von Pelzwerk, entweder durch sich selbst oder durch Vermittelung der am Fuße des Gebirges lagernden Indianer.

Der zweite hatte ein weniger lebhaftes Auge und auch seine ganze Haltung war weniger leicht und ungezwungen. Seine hohe, ernste, durch Sonne und Luft gebräunte Stirn besaß jedoch den Ausdruck eines hohen Grades von Intelligenz. Sein gedankenvoller Blick und seine anmuthige würdevolle Haltung bezeichnete einen jener Menschen, welche unter dem Anschein von Kälte und Gleichgültigkeit tiefe und warme Gefühle bergen.

Er war früher Schulmeister gewesen, hatte aber sein Amt und den Ort, wo er dasselbe bekleidet, niedergelegt, weil er sich durch die schönen Augen und das heitere Gelächter einer gewissen Martha Fellows hatte verführen lassen.

Dieses Mädchen war siebzehn Jahre alt. Ihr Vater hatte sich im vergangenen Sommer in der Colonie niedergelassen und sie sollte mit dem ehemaligen Schulmeister, wie man sagte, vermählt werden, sobald ein Geistlicher in das Dorf käme, und den Bund der Liebenden einsegnen könnte.

Die drei Jäger lenkten ihre Schritte nach dem Süden der Colonie, und gelangten an eine Stelle des Waldes, wo man plötzlich eine große schöne Prairie findet, welche damals den Holländern unter dem Namen der Straka bekannt war, was, wie unser alter Freund uns erklärte, ein Stück Land bezeichnete. Diese Straka war ein längliches Viereck und hatte einen Umfang von acht bis zehn Adern.

Es dauerte nicht lange, so ward sie sichtbar mit ihren Bäumen, ihrem grünen Rasen und ihren Blumen, benetzt von dem Thau und funkelnd in dem lauen Sonnenschein eines Frühlingsmorgens. Diese Oase bildete einen eigenthümlichen Gegensatz zu der Einöde, welche die Jäger soeben durchschritten.

Sie blieben einen Augenblick lang am Fuße einer hohen Buche stehen, um diese köstliche Frische zu genießen.

Das Terrain war sonst ganz und durchgängig eben.

Von der Mitte an neigte es sich und bildete einen sanften Abhang bis zu den stolzen Bäumen, welche die Einhegung ausmachten.

Die Umrisse der Prairie waren nicht regelmäßig; hier und da fehlten die Bäume, und man gewahrte Lichtungen im Walde, auf welchen das Sonnenlicht spielte gleich dem Lächeln auf der Lippe des träumenden Kindes.

Zu beiden Seiten trugen riesige Baumstämme ein fast ununterbrochenes Laubgewölbe gleich den Säulen eines mit Erde bedeckten, in Trümmern liegenden Gebäudes, oder ragten fern hin in dem Walde, durch den Nebel hindurch kaum sichtbar.

Die schweren Aeste, welche über dem Gesträuch hingen, schaukelten sich im Hauche des Augustwindes. Die Hitze hatte noch nicht die Blätter getroffen, denn dieselben waren noch ganz feucht, und die Sonne ließ sie in tausend verschiedenen Farbennuancen erscheinen.

Eine Quelle funkelnden Wassers sprudelte auf dem höchsten Theile der Prairie aus dem Boden und überall war derselbe mit hohem dichtem Gras bedeckt.

Dieses Gras war von dem kleinen Bache bewässert, der mit einem Geräusch, welches dem Lachen eines Kindes glich, sich mitten hindurchschlängelte. Wiesenblumen entfalteten ihre weißen Sterne am Rande, gerade als ob dieses harmonische Geräusch sie einlüde, zu erblühen, und ihre Farbe mischte sich mit dem Azur der wilden Lilien.

Bis auf den heutigen Tag hatten unsere Jäger die Straka stets still und einsam gefunden. Dieselbe war nur von den Vögeln und den Dammhirschen besucht, welche aus dem Gebirge herabkamen, um das dichte Gras abzuweiden.

An diesem Morgen jedoch stiegen Rauchwolken zwischen den Bäumen nach Norden zu empor, und über eine Lichtung hinweg sah man ein Dörfchen, welches aus etwa einem Dutzend Wigwams bestand. Einige davon waren sogar dicht am Rande der Lichtung erbauet.

Das Gras war ringe herum niedergetreten und drei oder vier kleine halbnackte Indianer wälzten sich auf dem Rasen, während sie ein lustiges Geschrei ausstießen und sich des schönen Morgens freueten.

Eine junge Indianerin tummelte sich ebenfalls zwischen ihnen herum. Sie hielt ein Kind in den Armen und spielte mit demselben. Ihr Gelächter hatte etwas Musikalisches, wie der Gesang eines Vogels. Sie ging da und dort hin, bald in den Wald hinein, bald kam sie wieder in den Sonnenschein heraus. Ihr langes Haar glänzte wie der Fittig eines Raben und ihre Bewegungen besaßen die Anmuth einer Gazelle.

Die Jäger sahen selbst aus der Entfernung, in welcher sie sich befanden, daß das Kind, welches die Indianerin trug, ebenfalls schön war, und da der Wind von dieser Richtung herkam, so hörte man ganz Deutlich das lustige Geschrei des Kleinen.

"Das ist aber zu tod!" murrte der Engländer, indem er seine Büchse zur Hand nahm. "Können diese Menschen sich nicht anderwärts festsetzen, als gerade hier in der Straka? Beim heiligen Georg, ich hätte die schönste Lust, diese Dirne niederzuschießen und diesen verwünschten Bälgern die Hälse umzudrehen."

Versucht es nur!" rief Danforth, der Jäger von Profession, indem er sich mit wüthender Miene nach dem Sprechenden herumdrehete. "Wagt, ihr nur ein Haar zu krümmen und bei dem Gott, der mich geschaffen, ich schieße Euch eine Kugel durch den Kopf oder zerschmettere Euch den Schädel an diesem Baume."

Der Engländer stieß mit dem Kolben seiner Kugelbüchse auf den Boden und dunkle Zornesröthe überzog seine Wangen bei diesen so unerwarteten und gleichzeitig so verwegenen Worten. Einen Augenblick lang sah er den jungen Jäger an, dessen Gesicht einen furchtbaren Ausdruck angenommen hatte. Dann ergriff er seine Büchse und ging mit gleichgültigem Schritt weiter.

"Wir wollen uns nicht streiten," sagte er; "es war blos ein Scherz von mir. Kommt, kommt! Wir haben die Spur verloren, und wenn wir länger hier verweilen, so wird das Thier uns entrinnen. Rasch vorwärts! vorwärts!"

Mit diesen Worten warf der Engländer seine Büchse auf die Schulter und ging weiter in den Wald hinein. Jones, der ehemalige Schulmeister, folgte ihm. Danforth blieb zurück.

"Ich muß wissen, was das bedeutet," sagte er bei sich selbst, indem er bald seinen Begleitern nachschaute, bald die Gruppe der jungen Indianer betrachtete. "Welcher Grund kann sie so in die unmittelbare Nähe der Colonie geführt haben?"

Noch einen Blick warf er den sich entfernenden Jägern nach, dann durchschritt er die Straka und nahm die Richtung nach den Wigwams.

Jones und der Engländer hatten bereits den kleinen See oder Sumpf erreicht, welcher sich ungefähr eine Meile von der Straka befand, als Danforth sie wieder einholte. Seine Stirn war wieder heiter geworden und er schien die Wirkung so beleidigender Worte durch größere Liebenswürdigkeit als gewöhnlich wieder verwischen zu wollen. Bald war auch das gute Einvernehmen unter den drei Jagdgenossen wieder hergestellt. Sie folgten von Neuem der Fährte des Thieres und drangen immer tiefer in das Gebirge ein.

Gegen Mittag befanden sie sich mitten in den Schluchten, welche man auf der Höhe der Blauen Berge antrifft, an der Stelle, wo gegenwärtig das sogenannte Berghaus steht.

Jones betrachtete aufmerksam die Landschaft, welche sich ihm hier darbot. Dabei blieb er aber allmählich hinter den andern Beiden zurück und lange zuvor ehe er es bemerkte, waren sie weit über das Bereich seiner Stimme hinaus.

Als er seine Lage erkannte, sah er, daß er sich in einer Schlucht befand, welche in das Herz des Gebirges hineinführte. Ein kleiner Bach strömte von dem Felsenabhange herab und fein Sonnenstrahl drang bis hierher, obschon das Tagesgestirn jetzt sehr hoch am Horizont stand.

Auf den Abhängen ruhete die Einsamkeit in ihrer ehrfurchtgebietenden Erhabenheit. Der Schatten war erfrischend und der Bach ließ über sein Kieselbett dahinrieselnd ein Geräusch hören, welches einen eigenthümlichen Reiz ausübte.

Es dauerte nicht lange, so schlug noch ein anderes Seräusch, welches dem durch Blätter und Blumen säuselnden Winde glich, sanft an das Ohr des einsamen Wanderers.

So wie er weiter kam, ward das Geräusch stärker und die Töne waren voller. Endlich bemerkte er, daß dieselben von dem Rauschen des Wassers in ziemlich geringer Entfernung herrührten. Die Schlucht ward immer tiefer und Felsblöcke hemmten hier und da den Lauf des Baches.

Arthur Jones blieb stehen und ließ Blicke des Erstaunens um sich herumschweifen. Sein Herz wallte über von Poesie und er bewunderte die Macht des Schöpfers. Vergebens suchte er sich einer Gemüthsbewegung zu erwehren, die ihm bis jetzt unbekannt gewesen. Zu beiden Seiten sah er nichts als Abgründe und über einander gethürmte Felsen, welche bis in die Wolken emporragten. Aus den Ritzen und Spalten waren riesige Bäume hervorgewachsen und sie schaukelten ihre Gipfel gleich einem von dem Winde bewegten Banner.

Ein tief blauer Himmel breitete sich über dies Alles aus und bildete einen prachtvollen Dom, der mit Liebe diese Schlucht zu schirmen schien, welche niemals durch die Strahlen der Sonne erwärmt ward.

Jones that noch einen Schritt und der Wasserfall war vor ihm. Es bot sich ihm nun ein Schauspiel dar, welches nicht weniger schön war, als das bis jetzt gesehene. Er ward nicht müde, diese Wassermasse zu bewundern, welche wie Schnee aus den Wolken von den Felsen herabstürzend etwa hundert Fuß tiefer in den finstern Abgründen des engen Thales verschwand.

Das Licht spielte auf dem Laubwerk über dem Kopfe des Wanderers eben so wie auf dem Puncte, wo das Wasser von dem Felsen hinwegsprang.

Als der Jäger seine Kaltblütigkeit wiedergewonnen, bemerkte er mit welcher Harmonie das Schöne sich mit dem Erhabenen vermählte. Die Abgründe hatten ein vollkommen wildromantisches, schauerliches Ansehen, die Felsen waren mit sammetweichem Moos bedeckt und mit glänzend weißen Blumen geschmückt.

Diese reizenden Blumen waren in so großer Anzahl vorhanden, daß es schien, als ob jeder Wassertropfen an der Stelle, wo er niederfiel, eine hervorsprießen ließe.

Der Jäger fand außerordentliches Vergnügen daran, dieses prachtvolle Gemälde zu betrachten. Er lehnte sein Jagdgewehr an den Felsblock, setzte sich und heftete die Augen auf den Wasserfall. Als er so unverwandt hinschauete, kam es ihm endlich vor, als ob die Felsen sich immer höher emporhöben, bis sie endlich an den Himmel stießen.

Noch war er in dieser seltsamen optischen Täuschung welche sehr oft Schwindel erzeugt, befangen, als plötzlich der Knall eines Flintenschusses an sein Ohr schlug.

Sofort sprang er auf die Füße. Eine Kugel pfiff ihm am Stopfe vorbei und streifte die dichte Masse Haar, welche auf sein Gesicht herabfiel.

Gleichzeitig fühlte er sich wie von einer Betäubung überwältigt und gewahrte einen halbnackten Wilden, der am Fuße des Wasserfalls auf dein Felsenrande lag. Das Wasser spritzte schäumend bis auf seine Schultern.

Schon legte der Wilde seine Flinte wieder an, um einen zweiten Schuß abzufeuern. Rasch wie der Blitz legte auch Jones seine Büchse an und gab seinerseits Feuer.

Der Indianer stieß ein furchtbares Geschrei aus, sprang empor wie ein wildes Thier, und stürzte von dem Felsen hinab.

Vor Gemüthsbewegung zitternd, aber dennoch muthig und fest lud der Jäger sein Gewehr wieder und hielt sich bereit, sein Leben so theuer wie möglich zu verkaufen. Er zweifelte in der That nicht, daß die Schlucht mit hier im Hinterhalte liegenden Wilden angefüllt wäre, welche wie ein Rudel Wölfe über ihn herstürzen würden.

Alles aber blieb ruhig und als er sich überzeugt hatte, daß er allein war, begann der Gedanke, einem Menschen das Leben geraubt zu haben, ihn auf das Grausamste zu martern. Seine Kniee zitterten, und das Blut stieg ihm in die Schläfe empor.

Einem Gefühl der Humanität nachgebend, kletterte er von Felsen zu Felsen hinab, und gelangte auf diese Weise bis zu dem von ihm getroffenen Wilden.

Der Unglückliche lag mit dem Gesicht gegen die Erde gekehrt und gab kein Lebenszeichen mehr von sich.

Jones zog sein Messer, packte das lange schwarze Haar des Todten und schnitt es ihm ab. Dann durchschritt er die Schlucht, diese Trophäe in der Hand haltend.

Diese Heldenthat hatte ohne Zweifel seine Befürchtungen verscheucht, denn er erstieg mit festem Schritt die Felsen und drang dann in den Wald hinein, ohne, wie es schien, sich um die Richtung zu kümmern, welche er einschlug.

Der Knall eines abermaligen Schusses bewog ihn, plötzlich stehen zu bleiben. Er horchte eine Weile, und lenkte dann seine Schritte nach der Stelle, wo später das oben erwähnte Berghaus erbauet ward.

Hier fand er den Engländer. Zu den Füßen desselben lag ein ungeheurer Bär ausgestreckt, und der Sieger überschauete die prachtvolle Region, welche sich mehre hundert Klafter tief unter ihm hinstreckte. Seine Gesichtsfarbe war belebt und sein Athemzug schneller als gewöhnlich.

Danforth stand neben ihm und auch an ihm waren noch die Spuren des so eben stattgehabten Kampfes zu sehen.

"Ah! Da kommt Ihr ja, Ihr wollt wohl Euern Antheil an der Beute haben?" sagte der ältere Jägersmann, als Jones sich näherte. "Nicht übel von Euch, daß Ihr Euern Posten verlasset, wenn die Gefahr da ist. Aber zum Teufel, Kamerad, was habt ihr da?" rief er, indem er auf den Skalp des Indianers zeigte.

Jones erzählte seine Begegnung mit dem Wilden.

Der Engländer schüttelte den Kopf mit prophetischer Miene.

"Dieser Vorfall," sagte er, "wird uns, ehe noch eine Woche vergeht, viel zu schaffen machen. Ihr habt da einen großen Fehler begangen, aber deswegen laßt Euch nicht Angst sein. Ich hätte es eben so gemacht wie Ihr, wenn ich diesen Teufel von einer Rothhaut hätte feuern sehen. Kommt; wir wollen den Mann wenigstens so gut es geht begraben."

Jones kletterte voran wieder hinunter, sie fanden aber blos einige schwarze Haare und Blutpfützen. Der Körper des Wilden und seine Flinte waren verschwunden.

Wie war dies zugegangen? Die drei Jäger verloren sich hierüber in allerhand Vermuthungen.

Eines der größten Häuser der Colonie war so eingerichtet, daß man später ein Gasthaus daraus machen wollte. Hier pflegten die Ansiedler sich zu versammeln, wenn sie von ihren Ausflügen aus den Gebirgen und Wäldern heimkehrten. Die hier aufbewahrten Vorräthe an Branntwein und andern geistigen Flüssigkeiten waren der Obhut Jones Fellows und der schönen Martha, seiner Tochter, anvertraut, von welcher letzterer wir bereits gesprochen haben.

Gegen Sonnenuntergang begannen die Männer, welche am Morgen zur Jagd ausgezogen waren, mit dem erlegten Wildpret zurückzukehren. Zwei Hirsche und eine große Anzahl kleinerer Thiere lagen bereits vor der Thür, als der Engländer und seine beiden Kameraden anlangten. Sie brachten den von ihnen erlegten Bären.

Sie wurden mit einem lauten Freudenrufe empfangen und Ade drängten sich eifrig um sie herum, um ihre Beute in Augenschein zu nehmen.

Als Jones aber den Skalp des Indianers an dem Nagel aufhing, sahen sie einander mit düsterem Schweigen an. Der junge Jäger blieb bleich und stumm vor ihnen stehen. Es war das erste Mal, daß einer von ihnen einen Indianer um's Leben gebracht, und Ade sahen ein, daß man, indem man das Blut eines rothen Mannes vergossen, die Schranke niedergerissen hatte, welche bis jetzt den Ansiedlern zum Schutze gedient.

"Das ist eine schlimme Geschichte," sagte einer der ältesten Jäger, indem er den Kopf schüttelte und zuerst das allgemeine Schweigen brach. "Es wird von nun an nicht angenehm sein, in den Wald zu gehen. Aber wie kam dies nur, Jones? Sagt uns, wie Ihr zu diesem Skalp gekommen seid. Hat vielleicht ein Indianer auf Euch geschossen? Erkläret Euch."

Alle drängten sich um Jones und er wollte eben die Umstände erzählen, in Folge deren er den Skalp erbeutet, als plötzlich die Thür sich öffnete und er das durch Gelegenheit erhielt, einen Blick in das Innere des Zimmers zu werfen, in welches diese Thür führte.

Dieses Zimmer war fast nur mit Bänken und Schemeln möblirt; in einem Winkel stand jedoch ein Bett.

Martha Fellows, die Verlobte des jungen Jägers, saß an einem plumpen Tische, auf welchem man zwei oder drei Becher, ein paar halbgeleerte Flaschen und einen Krug Wasser stehen sah.

Nichts konnte anmuthiger sein, als dieses junge Mädchen, welches vorwärts geneigt mit gespannter Aufmerksamkeit die Worte anhörte, welche William Danforth, der neben ihr saß, leise zu ihr sprach.

Er hatte sich seines Ueberwurfs von roher Leinwand entledigt und seine Mütze vor sich auf den Tisch gelegt. Seine starke Brust war unter dem Rocke, der sie umschloß, in ihrer ganzen Breite sichtbar.

Ein Taschentuch von rother Seide, welches ihm als Gürtel diente, verlieh seinem natürlichen Costüm ein eigenthümliches Gepräge. Es stand in Einklang mit seinem Wuchse, ebenso wie mit der kühnen Haltung seines Kopfes, der als ein wahrhaftes Muster von männlicher Schönheit betrachtet werden konnte.

Eine Wolke der Unruhe flog über Arthur's Stirn und ein seltsames Gefühl von Eifersucht regte sich in seinem Herzen. Er begann sein Abenteuer in verworrener Weise zu erzählen, der Engländer aber unterbrach ihn und übernahm selbst die Aufgabe, die ungeduldige Neugierde der übrigen Jäger zu befriedigen.

Auf diese Weise ward es Arthur Jones möglich gemacht, jeden Blick und jede Bewegung der Dame seines Herzens genau zu beobachten.

Der junge Mann sah, wie die dunkle Röthe ihre von der Sonne gebräunten Wangen bedeckte. Er sah, wie ihre schwarzen Augen vor Freude funkelten, wie um ihren Mund herum sich reizende Grübchen bildeten, und seine Traurigkeit und Niedergeschlagenheit steigerten sich.

Als aber der schöne Jäger seine Hand in die Marthas legte und den Kopf so neigte, daß sein Haar sich mit ihren spiegelnden Loden mischte, da konnte der arme Verliebte sich nicht länger mäßigen.

Rasch die Gruppe, bei welcher er bis jetzt gestanden, verlassend, trat er majestätisch in das Zimmer hinein, näherte sich ihr, die ihm in diesem Augenblick qualvolle Schmerzen bereitete und rief:

"Martha Fellows!"

Er sprach diese Worte mit so starker Stimme, daß die schöne Schuldbewußte rasch ihre Hand aus der des Jägers losmachte und vor Schrecken zwei zinnerne leere Becher umwarf.

"Was wünscht Ihr, Herr?" antwortete Martha, welche, ihre Kaltblütigkeit schnell wieder erlangend, Danforth einen boshaften Blick zuwarf, welchen der letztgenannte erwiderte.

Arthur Jones sah ein, daß er sich lächerlich machte, und seinen Zorn bemeisternd setzte er, nachdem er pathetisch eingetreten, hinzu:

"Wollt Ihr mir ein Glas Wasser geben?"

Martha zeigte mit ihrer kleinen gebräunten Hand auf den Wasserkrug.

"Da steht welches," sagte sie.

Dann wendete sie ihm den Rücken zu und wechselte mit Danforth abermals einen Blick heimlichen Einverständnisses. Zugleich ergriff sie seine auf dem Tische liegende Pelzmütze, begann darauf zu blasen und dann sich die Baden damit zu streicheln, als ob sie ein Kätzchen liebkoste.

Alles dies that sie in der sehr lobenswerthen Absicht, den Unglücklichen zu quälen, der sie liebte und den sie selbst mehr liebte, als sonst Etwas in der ganzen weiten Welt.

Einige Minuten später traten auch die andern Männer ein und Jason Fellows, Martha's Vater, verkündete, die Jäger hätten in Folge eines vor der Thür gehaltenen Rathes beschlossen, daß Arthur Jones und William Danforth, als die jüngsten Mitglieder der Colonie, zu der nächstgelegenen geschickt würden, um diese um sofortigen Beistand gegen den Angriff der Indianer zu bitten, welcher mit gutem Grunde zu befürchten stand.

Martha ließ, als sie den Namen der zu dieser Mission bestimmten Männer hörte, den Becher fallen, den sie so eben gefüllt.

"O nein! Schickt nicht ihn, oder vielmehr schiet nicht die Beiden," rief sie in bittendem Tone. "Sie würden unterwegs von den Indianern überfallen und erschlagen werden."

Sie heftete, indem sie dies sagte, ihre ängstlichen erschrockenen Blicke auf ihren Vater.

"Danforth wird dableiben," sagte Arthur Jones, indem er sich dem Tische um einen Schritt näherte. "Ich mache mich anheischig, diesen Auftrag allein zu vollziehen."

Martha traten die Thränen in die Augen, und sie wendete sich mit vorwurfsvoller Miene nach ihrem Verlobten herum.

Dieser aber entfernte, fest entschlossen, sich tödten und skalpiren zu lassen, sich mit stolzem Schritt, ohne Notiz von dem Ausdruck ihrer Augen zu nehmen, welcher darauf berechnet war, seine eifersüchtige Aufregung zu beschwichtigen.