1,49 €
Vincent West, arroganter Schönling im Dienste der Damenwelt seines Abiturjahrgangs, mit Flausen seinen beruflichen Werdegang betreffend im Kopf, hat sich gerade wieder einmal eine seiner berühmten drei- vierwöchigen Liebschaften angelacht, als sein Englisch LK einen bemerkenswerten Neuzugang zu verzeichnen hat. Diese Tamara scheint anders als all die ihm bekannten Mädchen, schöner und erotischer, aber auch fremdartiger und durchaus seltsam. Mit ihrer sinnlich exotischen Ausstrahlung beeindruckt sie Lehrer und Schüler gleichermaßen und wirkt dabei trotzdem wie aus einer anderen Welt gefallen. Schon bald glaubt Vincent besondere Fähigkeiten und Eigenschaften an diesem rotgelockten Wesen feststellen zu können. Kann sie etwa hellsehen? Kann sie heilen und Liebestränke brauen? Steht sie mit Größerem, Böserem im Bunde? Diverse Vorkommnisse lassen zumindest darauf schließen. Immer mehr verstrickt er sich in ihren Fängen und zieht auch seine Freundin Hannah in diese unheilvolle, erotische Menage zu dritt mit hinein. In seinen schwülen Träumen lodern die Flammen meterhoch, öffnen sich Himmel und Hölle und Weiber tanzen und betatschen sich im Abendlicht. Als sich Hannah dann dem hoffentlich Guten zuwendet, gibt es für den Arztsohn kein Halten mehr. Er muss Tamara erobern, koste es was es wolle. Ein Kuss versengt ihm die Lippen. Seine Leidenschaft wird ihn verbrennen. Aber ist er wirklich zu jedem Opfer bereit? Wird er seinen besten Freund verraten? Wird er dessen Freundin für seine Zwecke benutzen? Und warum verschlägt es dieser unscheinbaren Sabine nach einer erotischen Nacht für Wochen die Sprache? Wer wusste auch schon, dass Maria dereinst Zwillinge gebar.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2013
Prolog
Feuer! Feuer! Lodernde Flammen und züngelndes Gelb. Rauchschwaden wabern um die knisternde Hitze. Ein heißes Flirren verbrennt die Luft. Meterhoch züngelnd und Funken sprühend erhellt die Glut die dunkle Nacht. Trommeln wirbeln in rhythmischen Schlägen, nackte Körper zucken im flackernden Licht. Bumm, bumm, bumm. Der Takt wird schneller. Wilder. Schreie explodieren. Sirenen singen. Der Himmel brennt.
Weiber, Weiber, die um das Feuer tanzen. Die nackten Glieder schütteln und lachen. Sich gegenseitig mit Lehm beschmieren. Die Farben der Erde, der Mutter, lustvoll auf den blanken Busen verreiben, so dass die Warzen ockergelb oder rotbraun schimmern. Aufgeregt schwatzen sie miteinander. Der Wind trägt ihr Wispern bis zu seinem Versteck. Sein Gesicht brennt vor Hitze und vor Erregung. Vorsichtig späht er hinter der knorrigen, alten Eiche hervor. Immer schneller wirbeln nun die Trommeln. Immer lauter schwillt ihr Gesang. Angetrieben von ekstatischer Erregung, den uralten Schlag des Lebens in den Lenden, beginnen sie sich gegenseitig zu küssen und zu betasten. Vereinzelt ein Stöhnen, ein spitzer, kleiner Schrei oder ein raues Lachen. Sein Glied erigiert. Sein Atem stockt. Plötzlich öffnet sich mit einem lauten, Mark und Bein erschütternden Donnern die Erde. Kraftvoll entreißt sich ihr uraltes Brennen aus den Tiefen hin zum Licht. Vom Himmel fällt Feuer. Eine gigantische Säule aus Brennen, aus Flammen, aus uralten Kräften baut sich vor seinen ungläubigen Augen meterhoch auf. Die Glut vereinigt sich. Ein allerletzter, finaler, das Trommelfell zerfetzender Paukenschlag und...
1.Kapitel
Im Grunde weiß man doch, was bei so etwas heraus kommt. Glasklar. So etwas kann nicht gut gehen. Zu viel Liebe, zu viel Leidenschaft, zu viel von allem eben. Sein Blick schweift träumerisch aus dem Fenster. Seine Gedanken verlassen Romeo und Julia, den Unterricht seines Leistungskurses am Goethe-Gymnasium in Arnheim und sein eigenes kleinstädtisches Leben hier am Rande des großen Waldes. Ihm schweben größere Dinge vor, eigene Dichtungen, eigene Unsterblichkeit, in Shakespeares Fußstapfen sozusagen. Und immer dieses halb debile Gesülze. Wie er romantisches Gefasel aller Art inzwischen hasst! „Ich liebe dich und wie ich dich liebe!“ Zu oft hatten ihm dies die hübschesten Mädchen ins Ohr gehaucht. Zu viele samtene Mädchenaugen hatten ihre lüsternen Blicke anerkennend über seinen wohl geformten Körper gleiten lassen. Hatten ihn kokett zugeblinzelt, lasziv ihre vollen oder schmalen Lippen befeuchtet, das zartrosa Zünglein kreisen lassen, um es ihm hernach immer zielgerichtet tief in den Schlund zu stoßen. In seinen Schlund! Weiber!
„Vincent!“
Erschrocken fährt er hoch. Sein Lehrer, Studiendirektor Dr. Klein baut seine schmächtige Gestalt gerade bedrohlich vor ihm auf und stiert ihn erwartungsvoll an.
„Nun... Vincent?“ flötet er, schülerisches Unwissen fröhlich erahnend.
„Ähm, Entschuldigung, Dr. Klein, wie war doch gleich noch einmal die Frage, bitte?“
Nach deren Wiederholung gibt Vincent irgendeine belanglose Antwort, von der Sorte, die Lehrer gerne hören, die bestes Aufpassen und Zuhören verrät und eigene Auseinandersetzung mit der betreffenden Thematik andeutet, aber nicht vertieft. So erklärt er fachmännisch, dass sich am Ende die beiden verfeindeten Clans angesichts dieser Tragödie wieder an den Gräbern ihrer Kinder versöhnen. Allerdings wundert sich Vincent schon, wie leichtfertig diese Idioten ihr Leben wegwarfen. Eine vermeintlich tote Geliebte und schwupps her mit dem Gift, ein wirklich toter Liebhaber und rein mit dem Dolch. Wie dumm muss man eigentlich sein? Für nichts und niemanden lohnt es sich zu sterben, da ist sich Vincent in seinem zarten Alter von nun mehr bald 19 Lenzen sehr sicher. Wie er überhaupt mit der Arroganz der Jugend in allen Bereichen seines banalen Schülerlebens sehr sicher scheint. Mit seiner ausladenden Körpergröße von 1,92 Metern, seinem schlanken, aber dank des hiesigen Fitness-Studios durch trainierten und mit echten Sixpacks versehenen Bodys gehört er sicher zu den bestaussehenden Typen in diesem gesamten Kaff hier. Seine ebenmäßig schönen Gesichtszüge werden von leicht gewellten dunklen Haaren umrahmt. Eine an Michelangelos David erinnernde Nase und hohe Stirn lassen auf gewisse Inhalte in letzterer zumindest schließen. Dieser leicht arrogante Zug um die schmalen Lippen macht ihn für die Damenwelt nur noch erstrebenswerter. Die ironischen Grübchen in den schmalen Wangen mildern das Gletscherblau seiner Augen, die einem fröstelnd an die Weiten des Eismeeres erinnern. Deswegen steht auch eindeutig fest, dass er der begehrteste Mann am ganzen Gymnasium ist. Die Mädels liegen ihm zu Füßen, so dass er im unausgeschlafenen Zustand am frühen Morgen schier über sie stolpern könnte. So pflückt er sich Schönheit für Schönheit und lässt sie später nach Lust und Laune wieder fallen. Lieben tut er keine. So viel ist sicher. Warum auch? Immerhin man weiß doch, wozu so etwas führt: Siehe Romeo und Julia... Außerdem ist ganz sicher, dass seine Eltern bemitleidenswerte Spießer sind, die außer ihrer dämlichen Arztpraxis und seiner persönlichen Zukunft genau darin nichts im Kopf haben. Dabei kann er überhaupt kein Blut sehen, hat es nie gekonnt. Als sich eine Sophie beim abendlichen Sektumtrunk an einer kaputten Sektflöte geschnitten hat und das Blut aus ihrem bleichen Finger tropfte, war es ihm speiübel geworden. Er musste das Zimmer verlassen, als sie sich den blutenden Finger auch noch in den Mund steckte. An Sex war an diesem Abend freilich nicht mehr zu denken. Vincent kotzte, Sophie heulte und lief wutentbrannt, ob dieses erbärmlichen Samariters und Arztsohnes nach Hause. Im Grunde ist er auch kein ausgewiesener Menschenfreund, der voll Ruhe und innerer Anteilnahme deren peinliches Gejammer Tag für Tag stoisch erträgt. „Ach, Rückenschmerzen oder entzündete Mandeln, eine beginnende Lungenentzündung oder ein eitriger Finger, eine Überweisung zum HNO oder Augenarzt, bitteschön Frau Meier, danke schön Herr Müller und wir sehen uns zur nächsten Vorsorge, Frau Schneider....“ Nein. Nein. Seine Ambitionen liegen auf anderen Gebieten. Vergeistigter. Körper ferner. Er will Schriftsteller werden. Über Menschen schreiben. Ihre Banalitäten bloß legen. Ihre Freuden einfangen. Ihre Gier nach was auch immer in wohl formulierte Worte fassen. Seine selbst kreierten Geschöpfe nach seinem Plan über das geduldige Papier schieben. Freilich hat er schon mit seinem ersten Roman angefangen und einen gewissen Tom erschaffen, der denn auch flugs die gesamte Damenwelt in seiner Redaktion flach legt. Erste Schreibversuche tragen ja durchaus häufiger gewisse autobiografische Züge. Eine gewisse Hannah, die er nach einem gleichnamigen Exemplar in seiner Schule in abgewandelter Form freilich modelliert hat, verfolgt seinen wackeren Tom dabei in nahezu penetranter Weise. Wie ihr Vorbild ihn. Er wird ihren Namen ändern müssen.
Da ertönt der Gong und der Leistungskurs Englisch drängt geschlossen in die wohl verdiente Pause. Vincent folgt zu guter Letzt.
„Hast du eine Kippe?“, fragt ihn besagte Hannah mit ihrem rätselhaften Augenaufschlag.
„Hmh,“ brummt er und trabt missmutig hinter seiner samstäglichen Eroberung her. Auf der Party vom Martin in bestimmt nicht mehr nüchtern zu nennendem Zustand hat sie sich flugs seiner bemächtigt. Hat mit ihm, dem Wehrlosem eng getanzt, ihn geküsst und seine trägen, schwachen Hände auf ihre kleinen, prallen Brüste gelegt. Zum späteren kleinen Fick am Clo reichten seine Kräfte aber dann doch noch zur vollsten Zufriedenheit aus. Und hiermit war für Hannah die Sache klar. Sie war, ist und bleibt von nun an seine Freundin. Stets sucht sie seine Nähe, will Händchen halten, Liebesschwüre schluchzen und vermutlich demnächst das Restaurant für ihre Hochzeitsfeier mieten.
„Super!“, sie klatscht vor Begeisterung in die Hände und drückt ihn einen feuchten Schmatz auf den Mund. Am liebsten möchte er ihn abwischen, wie weiland die ekligen mütterlichen, aber das erscheint ihm dann doch zu kindisch und zu beleidigend. So trottet man gemeinsam in die gut versteckte Raucherecke hinter den blühenden, gelben Fosythiensträuchern des weit läufigen Pausenhofes. Vincent hält sein Päckchen Marlboro ungnädig Hannah und deren Freundin Sabrina zur Bedienung hin.
„Coole Party am Samstag,“ meint diese mit einem ironischen Grinsen auf den breiten Lippen über denen ihre markante Nase fürstlich thront. Das kurze, braune Haar trägt Sabrina Meyer seit neuestem asynchron geschnitten. Mittelgroß, schlank und durchaus sportlich aufgestellt gefällt sie sich am besten in praktischen Jeans und Shirts. Auffallend an ihr sind die sehr großen Hände, mit denen sie zumeist zur Untermalung ihrer farbenfrohen Schilderungen vor den Nasen der Zuhörer herum wedelt.
„Klar,“ entgegnet Vincent gelangweilt, den Riesentatzen geschickt ausweichend, während er der Runde Feuer gibt.
„Immerhin hat sich gefunden, was zusammen gehört,“ frohlockt Hannah und legt ihm voller Besitzerstolz den dünnen Arm um die Schultern. Überhaupt ist sie viel zu schmal und zierlich für seinen Geschmack. Er bevorzugt ehrlich gesagt robustere Ausgaben des weiblichen Geschlechts, solche, die bei leichten Windböen nicht gleich gen Himmel schweben oder sich am Büfett den Teller so richtig schön voll laden. Hannah aber ist einer dunklen Elfe ähnlicher als einem menschlichen Wesen. Ihre tiefschwarzen Haare hängen ihr glatt und glänzend, nach Ebenholz schimmernd in das bleiche, entrückte Gesicht. All ihre körperlichen Attribute sind kleiner, zarter und verletzlicher als bei allen anderen seiner ehemaligen Geliebten. Eine Aura von Geheimnis, von Weltferne und verschwommenen Nebelschleiern umgibt sie, wohin sie auch geht. Mit ihr wird sogar ein Besuch in einer x-beliebigen Dönerbude zum Abstieg in die Feengrotte oder so etwas in der Art. Eine Blondine, eine hübsche, dumme Blondine erscheint ihm plötzlich wünschenswerter denn je.
„Hmh,“ knurrt er schließlich um überhaupt einen Laut von sich zu geben.
„Ja, ja, die junge Liebe,“ plaudert Sabrina fröhlich drauf los, „ aber, dass mir das ja nicht wie bei Romeo und Julia endet, nicht wahr?“
„Never,“ presst Vincent mit einem Grinsen hervor. „Aber nein, wo denkst du hin, Sabrina, dafür ist unsere Liebe doch viel zu groß, nicht wahr, Vinc? Vinc!“
„Ähm, naja, Hannah, ich weiß ja nun wirklich nicht, aber Moment,“ er zählt die Finger an seiner rechten Hand; „Samstagnacht, Sonntag, Montag und heute der angebrochene Dienstag. Vier Tage, wenn man den Samstag überhaupt als ganzen Tag zählen lassen will. Okay, also vier Tage. Nun wie gesagt, ich weiß ja nun wirklich nicht, ob man nach so einer kurzen Zeitspanne solch gewagten Aussagen schon treffen kann.“
Sabrina prustet los. Hannah versucht ihn beleidigt zu ignorieren. Als er aber in ihren dunklen Augen dieses gefährliche Glitzern bemerkt wird es ihm innerlich ganz heiß. Er wird es schnell beenden müssen. Reinen Tisch machen müssen, bevor sich diese Glut weiter erhitzt und ihn verbrennt. Allerdings erscheint ihm die Schlußmacherei via ISY wesentlich ungefährlicher, als es ihr nun plump von Angesicht zu Angesicht beibringen zu müssen.
„Leute, wir müssen, der Grundkurs ruft,“ spricht Sabrina und so eilt man gemeinsam der Photosynthese der Biologie oder der Verstädterung der Erdkunde entgegen.
Und? Wie war die Kurzarbeit in Bio?“ seine Mutter fixiert ihn dabei unerbittlich und streng aus ihren grünblauen Augen. Ihre blondierten, glatten Haare trägt sie wie meist zu einem strengen Pferdeschwanz straff gebunden. Alles an ihr wirkt äußerst professionell, sauber, ja klinisch rein. Als ob sie jeden Morgen mit Desinfektionsmittel duschen würde. Als ob sie den Strahlefrauen aus der Waschmittelreklame Konkurrenz machen möchte. Das Weiß ihrer Berufskleidung übertrifft noch das von Meister Popper. Schon versucht sie es mit einem halbwegs aufmunterndem Lächeln.
„War okay,“ antwortet Vincent schnell, sich den nächsten Löffel Tomatencremesuppe in den Mund schiebend.
„Okay?“ erklingt das Echo seines Vaters ungläubig. „Was soll das heißen „okay“? Hast du alles gewusst? 13 oder 14 Punkte? Oder was?“
„Naja, dann wohl eher oder was,“ entgegnet Vincent noch fröhlich.
„Junge!“ weist ihn die Mutter barsch zurecht und zuckt ein wenig bedrohlich mit dem rechten Arm. Der Sohn duckt sich. Duckt sich ganz automatisch und streckt schließlich herausfordernd das Kinn vor.
„Was denn? Keine Ahnung,“ mault er genervt, „irgendetwas werde ich wohl schon richtig haben. Macht euch da mal keine Sorgen.“
„Irgendetwas?“ schnappt die Mutter nun aufgebracht, sich gerade noch mühsam beherrschen könnend „ Junge! Wir sind Naturwissenschaftler, wir haben nicht irgendetwas richtig, wir Wests haben alles richtig, mindestens aber 13 Punkte! So ist das!“ Und dabei verschränkt sie ihre dürren Ärmchen vor ihrer schmalen, aber drahtigen Gestalt und nickt bekräftigend mit ihrem kleinen Kopf, so dass ihr gerader, blonder Pony lustig dazu auf und ab wippt.
„Junge! Denk doch an dein Medizinstudium,“ fällt der Vater mit ein. „Du sollst doch einmal unsere Praxis übernehmen.“
„Wie oft soll ich es euch eigentlich noch sagen? Ich studiere keine Medizin, ich studiere auch keine anderen Naturwissenschaften, ich studiere nämlich überhaupt nichts. Mir reichts mit dieser ganzen stupiden Büffelei! Und wenn ihr mich jetzt noch weiter nervt, dann schmeiß ich das ganze Gymi hin. Als Schriftsteller braucht man kein Abitur. Ganz und gar nicht.“
„Mag sein, Junge, aber die Schreiberei ernährt nun leider auch nicht jeden. Wie viele Romane hast denn du beispielsweise gleich noch einmal veröffentlicht? Vincent?“ Der gestandene Mediziner, ein Hausarzt der alten Schule , der weder vor ausgiebigen Hausbesuchen, noch besorgten Neumüttern zurückschreckt, lächelt den renitenten Sohn dabei ganz hinterhältig an. Seine markanten Gesichtszüge mit den typischen West Grübchen werden von einer Narbe aus der schlagenden Verbindung dramatisiert. Die inzwischen ergrauten, dunklen Haare trägt er als militärisch, knappen Bürstenschnitt. Zeit seines Lebens achtet er stets auf eine gesunde Lebensweise. Ernährt sich mit Vorliebe nach den neuesten ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen. Treibt in seiner Freizeit mit Begeisterung Ausdauersport wie Wandern und Radfahren und meidet freilich alle Spaß machenden Substanzen von A wie Alkohol bis N wie Nikotin. Für Erik West hat es immer nur ein Berufsbild gegeben. Eine Möglichkeit sein Geld zu verdienen, eine Chance für sein Leben. Schon als ganz kleiner Junge wollte er Menschen helfen und heilen. Als andere noch Flausen im Kopf herumgingen, leistete er schon Zivildienst beim Roten Kreuz. Während seine Schulkameraden Indien, bewusstseinsverändernde Drogen und sonst irgendetwas entdeckten, studierte er fleißig an der Uni Heidelberg. Hier lernte er auch seine spätere Frau Maria, die gerade erst aus Siebenbürgen ausgewandert war, kennen und lieben. Von Kindheit an an den Mangel gewöhnt, galt Marias ganzes Sinnen und Trachten aus den Klauen der Armut, des Kommunismus und der bedrohlichen Securitate zu entkommen. Als Spätaussiedlerin war sie mit dem typisch brennenden Ehrgeiz der Emporkommenwollenden ausgezeichnet. Ihre erklärten Ziele hießen und heißen Wohlstand, Prestige und noch einmal Wohlstand. Gemeinsam träumte man hinfort von einer eigenen Praxis auf dem Lande, die dann tatsächlich kurz nach Vincents Geburt in Reichweite rückte. Im kleinen Städtchen Arnheim mit seinen 20 000 Einwohnern am Rande des großen Waldes baute man sich mit Fleiß und Engagement über grippale Infekte, Warzen und Akne einen großen Kundenstamm auf.
„Kommt noch,“ knirscht der unwillige Sohn nun.
„Vincent, deine Schriftstellerei mag ja ein ganz nettes Hobby sein, aber du brauchst deswegen auch immer noch einen Brotberuf. Du musst doch von irgendetwas leben, deine Miete und deinen Strom bezahlen. Glaub ja nicht, dass wir dich bis in alle Ewigkeit finanziell unterstützen!“ Seine Mutter Maria, der alte Geizhals, schaut ihn herausfordernd an.
„Ist nicht nötig. Behaltet eure Kohle ruhig. Ich komm schon zurecht. Eure paar Kröten brauch ich nun wirklich nicht, da geh ich ja noch lieber Teller waschen!“ Dabei streckt Vincent sein markantes Kinn wütend vor und rollt eigene Coolness demonstrierend mit den Augen.
„Als denn!“ schreit sein Vater nun aufgebracht, „Dienstagabend heute, musst du da nicht in den Hirschen?“ Und da zwinkern sich diese beiden Oberspießer tatsächlich noch verschwörerisch zu.
Schnell schnappt sich Vincent seine Jacke und entfleucht grußlos. Wie ihm das alles auf die Nerven geht. Dieser ewige familiäre Kleinkrieg. Diese nicht enden wollenden Scharmützel seine berufliche Zukunft betreffend: Vincent, sei schön fleißig! Vincent, du musst mehr lernen! Für ein Medizinstudium braucht man nun einmal gute Noten! Arzt ist doch ein angesehener Beruf. Und unsere Praxis läuft doch bestens! Das haben wir alles doch nur für dich aufgebaut. Bla, bla, bla. Mürrisch schwingt er sich auf sein Rennrad und düst den steilen Berg in die Stadtmitte hinunter. Um den altehrwürdigen Neptunbrunnen des mittelalterlichen Marktplatzes gruppieren sich vor allem gastronomische Einrichtungen aller Spielarten. Neben der Eisdiele Dolomiti und der Dönerbude Ömer firmiert hier seit über 500 Jahren das älteste Wirtshaus der gesamten Waldregion, der „Goldene Hirsch“. In dritter Generation von der Familie Fleischmann geführt kann man fast Abend für Abend die wichtigsten Honoratioren des Städtchens, die Vorstandssitzungen der meisten hiesigen Vereine, sowie Gourmets aus Nah und Fern begrüßen. Vor allem die feinen Wildspezialitäten aus den heimischen Wäldern mit allerlei Kräutern und anderen regionalen Produkten verfeinert bzw. serviert erfreuen auch die anspruchsvollsten Gaumen. Seit seinem 16. Lebensjahr arbeitet Vincent nun schon des Dienstags und des Freitags Abend hinter dem nahezu antiken, Holz getäfelten Tresen als Ausschankhilfe. Neben dem Einschenken aller im Sortiment befindlichen Getränke, hat er für deren Nachschub aus dem Kühlhaus zu sorgen und sich um die Unterhaltung der Stammgäste an der Theke zu kümmern. Je nach dem momentanen alkoholischen Pegelstand wird so die aktuelle politische Lage in Arnheim und im Rest der Welt, die neuesten Entwicklungen den FC Arnheim und andere unbedeutendere Fußballvereine etwa die Bayern aus München betreffend erörtert oder sämtliche persönlichen Problemchen und Krisen in Bezug auf die eigene Person, den Nachbarn oder Arbeitskollegen durchgehechelt. Selbst die harmlosesten Details über Wein, Weiber und Gesang bleiben somit einem einfühlsamen Kellner freilich keineswegs verborgen. Auf diesem Wege musste er leider in Erfahrung bringen, dass Frau Z. keinen Sex mehr mit ihrem Ehemann wünschte, dass der Sohn von Herrn H. seit über drei Jahren drogensüchtig war und dass die Geliebte von Herrn A. ein Kind von ihm erwartete und noch allerhand derart romantische Tändeleien mehr. Allerdings besonders scharf war und ist Vincent nie auf derartiges Wissen gewesen, vielleicht gerade noch im Hinblick auf die eventuelle Verwertung in einem seiner zukünftigen Romane lohnt sich das Zuhören, aber Vincent ist ein guter Barkeeper und als solcher hat er immer oder fast immer ein offenes Ohr für die Anliegen seiner werten Kundschaft. So plappern die Gäste munter weiter. Nach Bier Nummer 5 ist man meistens bereits beim „Du“ angelangt. Nach einem oder zweien weiteren wird man fast immer mit Anekdoten aus dem wahren Leben erheitert. Und einen Schnaps später heulten bereits gestandene Stadträte an seiner starken Schulter über die harten Unbillen dieser bösen, bösen Welt.
Vincent stellt sein Rad in den Ständer vor dem Hirschen ab und sperrt es geschwind noch ab. Vor Arbeitsbeginn genehmigt er sich traditionell noch eine Zigarette. Während er genussvoll inhaliert, betrachtet er die vor zwei Jahren renovierte Fassade nachdenklich. Über dem Eingang hängt ein uraltes Wirtshausschild mit dem namens gebendem Hirschen darauf. Die Fenster bestehen aus gemütlichen Putzenscheiben, vor denen im Sommer wahre Orgien von Blumen leuchten. Immerhin hat man auch beim hiesigen Blumenwettbewerb schon vier Mal in Folge den ersten Platz belegt. Der ortsansässige Malermeister Hempe hat sich mit einer Wald- und Jagdszene natürlich mit samt dem Hirschen an der Hauswand verewigt. Schnell nimmt Vincent seinen letzten Zug, wirft sich hernach ein Fishermans Friend ein und betritt die Lokalität durch den Hintereingang. In der Küche herrscht bereits Hochbetrieb. Diverse Köche, Kochlehrlinge und Küchenhilfen wirbeln durch den stark erhitzten Raum.
„Hi Vinc,“ wird er von einigen freudig begrüßt.
„22 Uhr? Zigipäuschen? Wie gehabt?“ strahlt ihn Ralph, der Kochazubi im letzten Lehrjahr an.
„Geht klar, bis denn,“ mit diesen Worten eilt der Angesprochene zu seinem Arbeitsplatz, bindet sich geschickt seine schwarze Kellnerschürze um und bezieht seinen Posten am Ausschank. An diesem Abend sind Silvia und Conny für den Service zuständig.
„Du stinkst,“ flötet die fesche Silvia leichthin und wirbelt im Kreis, so dass ihre blonden Löckchen neckisch tanzen.
„I wo,“ lacht Vincent gut gelaunt, „das sind doch nur die Kumpels von dem Fischer!“ und Silvia stimmt heiter mit ein.
„Okay! Drei Pils, zwei Weizen und eine Apfelschorle für mich...“
„Geht klar.“
„Oh, hallo, Süßer,“ zirpt die zierliche, dunkelhaarige Conny mit dem enormen Vorbau.
„Hi Schatz,“ entgegnet er Augen zwinkernd.
„Also, ich brauch dann zwei Cola, drei Russen und vier Gewässer für die Ladies an Tisch 4.“
„Wird prompt erledigt, Frau Chefin!“
Hier ist er in seinem Element. Hier kann er mit hübschen Mädchen schäkern, ohne Händchen halten zu müssen. Hier kann er zwischendurch mal ein Bierchen zischen oder mit Ralphi ne Kippe durchziehen. Hier kann er Mensch sein, und nicht Arztsohn. Er macht sich an die Arbeit, schenkt Getränk für Getränk ein, holt neue Kästen Bier und Limo und tratscht ein wenig mit Stadträtin I. über die Krise in ihrem Gremium. Derart beschäftigt bemerkt er die neu eintreffenden Gäste gar nicht. Erst als sich die beiden schwatzend am Tresen niederlassen, erkennt er das Unheil.
„Hallo, Vinc,“ haucht Hannah und hält ihm dabei die vollen Lippen gespitzt zum Kusse hin. Was denkt die sich nur? An seinem Arbeitsplatz herrscht striktes Knutschverbot, da legt seine Chefin, Frau Fleischmann gesteigerten Wert darauf. Eine gewisse Erregung, garantiert nicht sexueller Art fährt ihm heiß durch seinen Körper. Ärger und Unmut lassen sein Gesicht rot schimmern.
„Hi Hannah,“ zischt er so schnell zwischen Pils und Apfelschorle.
„Hi Hannah? Und mehr fällt dir jetzt nicht ein, oder was?“ mault sie beleidigt zurück.
„Nein, Süße. Mehr fällt mir gerade jetzt nun wirklich nicht ein. Du siehst doch, ich bin hier zum Arbeiten und nicht zum Süßholzraspeln!“
„Na gut, okay, dann schenk mir eben einen Asbach Cola ein, ein bisschen fix, wenn ich bitten darf, mein Lieber;“ und dabei klimpert sie doch tatsächlich kokett mit den viel zu stark geschminkten Lidern. Dann kichert sie albern und stößt der schweigsamen Freundin aufmunternd in die Seite.
„Nun mal langsam, meine Liebe, immer schön der Reihe nach,“ schaltet sich Silvia ganz professionell ein. „Nun bin erst einmal ich am dransten, gell!“
Wütend starrt Hannah diese vorlaute Blondine an. Dann schweift ihr Blick zu ihrem leicht in sich hinein grinsend Freund oder Samstagabendliebhaber, wie auch immer man derartige Exemplare nennen mag. Natürlich springt er ihr keineswegs ritterlich bei und weist diese Xanthippe da in ihre verdienten Schranken. Er feixt nur. So hat sie sich das nicht vorgestellt. Freude hat sie erwartet. Vielleicht ein schnelles Küsschen, eine nette Plauderei am Tresen, ein paar intime Worte, so dass all die anderen weiblichen Gäste vor Neid erblassen würden, weil sie, Hannah diese Prachtausgabe von einem Mann tatsächlich ergattert hat. Er hat ihre Brüste berührt! Er hat sie..., ach was, Scheiß drauf. Er hat ihr von der Liebe erzählt. Ja zählt das nun gar nichts mehr? Eine unerwartete Welle der Eifersucht schwappt über ihr zusammen, so dass ihr sofort eine peinliche Röte ins Gesicht schießt.
„Komm, Hannah, wir gehen ins Venezia rüber, hier sind mir jetzt echt zu viele Spießer und außerdem hab ich Bock auf so ein herrliches Spaghettieis,“ rettet sie die gute Sabrina und zieht sie schnell unter hakend aus dem Gastraum.
„Hast ja recht,“ kreischt Hannah noch schrill, „ein Spaghetteis ist allemal besser, als von Schnepfen und Spinatwachteln bedient zu werden.!“
Dem verdutzen Vincent bleibt es selbst überlassen in welche Kategorie der Schnepfen oder Spinatwachteln er sich selbst nun einordnen will.
Am nächsten Morgen verschläft Vincent. Wieder hat ihn dieser seltsame Traum von Feuer und nackten, sich küssenden Frauen heimgesucht. Wieder ist er erregt, fasziniert und abgestoßen zugleich. Nur mit großer Mühe kann er sich von den Nachwirkungen befreien und benommen aufs Clo wackeln. Immerhin hat er seit etwa einem Jahr ein eigenes und muss sich am Morgen nicht mit den mürrischen Eltern um die Benutzungsreihenfolge balgen. In einer Anwandlung von Großzügigkeit haben die beiden Geizhälse ihm letztes Jahr den Dachboden ausbauen lassen. Nun mehr verfügt er über ein eigenes Bad und Toilette und unnützerweise auch über eine eigene Küche. Eine eigene Putzfrau schien den rechtschaffenen Altvorderen dann aber doch zu viel des Guten und er hatte hinfort seine Wohnung immer schön zu putzen. Einmal die Woche erschien seine Frau Mama um genau jenes peinlichst genau zu kontrollieren. Immerhin konnten sich in seinem durchaus geräumigen Wohnzimmer die Jungs zu allen Bayernspielen versammeln und lautstark ihre Lieblingsmannschaft anfeuern. Bei reichlich Bier und fetten Chips wurde so feste gegrölt und gefachsimpelt. Außerdem waren diverse örtliche Schönheiten auf seiner schwarzen Ledercouch in den Genuss diverser romantischer Komödien gekommen, die hernach freilich gleich und voller Eifer in das reale Leben umgesetzt wurden. Nun wackelt er weiter. Stellt schnell die neue, coole Kaffeepadmaschine, ein Weihnachtsgeschenk seiner Großmutter, an. Während diese fröhlich den morgendlichen Muntermacher aufbraut, putzt er sich kurz die Zähne, schmeißt sich eine Hand voll kalten Wassers ins Gesicht und striegelt sich die Mähne. Er hat Augenringe. Müde gähnt er herzhaft. Wieder einmal ist es viel zu spät geworden gestern. Auf alle Fälle zu spät für das Schluss machen mit Hannah im ISY. Nach dem Ansturm, etlichen Päuschen mit Ralphi und seinen üblichen drei Bieren, wollten die Mädels unbedingt noch einen Cocktail mit ihm trinken. Konnte er schlecht ablehnen. Und so war es gekommen, wie es wohl kommen musste: Zu viel Alkohol, zu viel Nikotin, zu viel Geschäker und viel zu wenig Ernsthaftigkeit. A propos Ernsthaftigkeit, schrieben sie heute nicht am Ende die gefürchtete Matheklausur? Die wichtigste Arbeit seiner derzeitigen Tage? Würde er die versieben, stand es schlecht um sein Abi. Soviel ist klar. Aber zu seinem größten Glück verfügt er ja immer noch über eine Freundin, die gute Hannah, die beste Mathematikerin des ganzen Kurses, ach was des ganzen Jahrgangs. Zufälle gibts im Leben...
Gestärkt mit starkem, heißem Kaffee schwingt er sich hernach auf sein Rennrad und braust den Hügel abwärts durch ihr anheimelndes, mittelalterliches Städtchen über den Marktplatz und den steilen Berg wieder hinauf zu ihrem altehrwürdigen Goethe-Gymnasium. Schnellen Tritts radelt er durch die Neubausiedlung „Krummer Bug“ und prescht unter argem Schnaufen und Keuchen um die Kurve zu den Fahrradständern. Georg, sein ältester Freund, rollt gleichzeitig mit ihm ein.
„Na, Alter, alles klar? Arg gebüffelt gestern oder hat so etwas Banales unser kleiner Herr Einstein nicht nötig?“
„Guten Morgen, Georg, erst einmal.“
„Ja schon recht, guten Morgen, der Herr. Nun sprich schon, haste hoffentlich richtig gebüffelt?“
„Ich? Nicht die Bohne! Du weißt doch Dienstagabend ist Hirschen-Time!“
„Ach... Und jetzt?“ „Hannah,“ entgegnet Vincent lapidar.
„So, so, hat die Entsorgung via ISY gestern Abend nicht mehr so gut funktioniert?“
„Nein, wie gesagt, Dienstagabend ist Hirschen-Time. Für solcherart Aktionen reichten meine gestrigen Kräfte zum Glück nicht mehr aus.“
„Na denn, halt die Ohren steif. Heute Abend? Champions League?“
„Geht klar. Bringt aber bitte nicht mehr diese eklige Egler-Plörre mit!“
„Da schau her, Frau Einstein persönlich.“
Grußlos und hoheitsvoll schwebt Hannah an ihnen vorüber.
„Hi Hannah,“ ruft Vincent ihr schnell nach. Sie aber nimmt keinerlei Notiz von beiden. Hat wahrscheinlich auch schlecht geschlafen und wild geträumt, vom lodernden Feuer, von gierigen Weibern und einem kleinen, geilen Vincent. Er wird sich entschuldigen müssen. Süßholz raspeln müssen. Küssen müssen. Ihr an die Wäsche gehen. Letzteres ihr zumindest ins Ohr hauchend versprechen müssen. Mathe ist wichtig und er hat absolut keinen Bock auf diese endlosen, fruchtlosen Diskussionen mit seiner Elternschaft wegen einer erneut versiebten Matheklausur.
„Hannah, Hannah, so warte doch,“ rufend läuft er ihr nach.
„Was denn? Kennst du mich auf einmal wieder?“ schnappt sie bissig zurück. „He?“
„Entschuldige, bitte, Hannah, aber das ist doch mein Job. Die zahlen mich da fürs Ausschenken und nicht fürs nette Plaudern mit den Gästen. Tut mir echt leid. Ich wollte dich wirklich nicht kränken.“
„Bah!“ genervt zieht sie einen Flunsch und will schon davon eilen.
„Aber Hannah, bitte! Du, ich brauch doch das Geld. Du weißt doch wie knausrig meine Eltern diesbezüglich sind. Und naja, so ein romantisches Candle Light Dinner ist eben auch nicht umsonst zu haben.“
„Ts, ts, ts,“ zischt sie und zieht dabei durchaus interessiert die geschwungenen Augenbrauen hoch.
„Candle Light Dinner,“ flötet er weiter, „du und ich, Süße, heute Abend, ganz allein. Na, was hältst du davon?“ Was er nicht alles für Opfer für diese Matheklausur zu bringen bereit war. Würden die Jungs heute einmal alleine Fußball gucken müssen. Mathe ist wichtiger.
„Echt? Ist das dein Ernst?“ die freudige Erregung in ihrer Stimme ist nicht mehr zu überhören.
„Klar, würd ich dich sonst einladen? Ich liebe dich doch, Schätzchen, echt...“ komisch nur, wie leicht ihm seine Lügen über die Lippen gehen. Und er wird noch nicht einmal rot dabei.
„Danke, Vinc, ich freue mich. Weißt du, ich dachte schon..., aber egal....,“ sie schaut auf die Uhr und zieht ihn mit, „so komm, wir müssen, die Matheklausur....“ Und wie brav und andächtig er hinter ihr her dackelt, man könnte im Ernst an die große Liebe glauben.
„Und? Alter? Wie stehen die Aktien?“ Georg zwinkert ihm fröhlich zu, während sie beide an den Zahlenschlössern ihrer Rennräder herum fummeln.
„Die mathematischen, würd ich mal meinen, stehen ganz gut, was allerdings die fußballerischen angeht, da schaut es für heute Abend zumindest Essig aus.“
„Wie? Was denn? Heute Abend spielen die Bayern!“
„Schon..... Ich kann aber nicht....“
„Was denn? Du kannst nicht? Bayernspiele sind Pflicht! Die Jungs wollen alle kommen. Und dann auch noch die Champions League! Gegen Barca!“
„Ja, ja, ich weiß, ich weiß, und glaub ja nicht, dass mir das gefällt, aber heute geht es wirklich nicht. Sorry, Alter.“
„Nun spucks schon aus, Vinc. Wie weit musstest du diesmal gehen? Wie tief musstest du dieses Mal sinken?“
„Bla, bla, bla ... Du redest leicht daher! Du kennst doch meine Alten. Die machen mir die Hölle heiß, das kannst du ruhig glauben,“ den hohen, leicht affektierten Tonfall seiner Mutter imitierend fährt Vincent fort, „In den Naturwissenschaften haben wir Wests alles richtig, mindestens aber 13 Punkte. Verstehst du?“ grinst er den Freund verschwörerisch an.
„Zur Genüge, Alter, zur Genüge. Und glaub ja nicht, dass man es mit Juristen als Erzeuger leichter hat! Keineswegs!“
„Na siehst du! Und genau deswegen braucht man eine Hannah.“
„Oder am Abend vorher genügend Sitzfleisch am hauseigenen Schreibtisch, gell, Kumpel?“
„Ja, ja, schon recht, jetzt lass aber mal gut sein.....“
Georg fasst sich an seinen Kopf voller semmelblonder Locken, kratzt sich ausgiebig und ruft schließlich: „Du, Vinc, wir könnten doch trotzdem bei dir glotzen, ist doch schon alles ausgemacht mit den Jungs... Was meinst du?“
„Aber echt nicht! Am Ende will sie auf meiner Couch noch ein wenig kuscheln und dann hockt mir die Bude voller besoffener Kollegen. Nein, nein, vergiss es!“
„Kuscheln, mein Bester? Hab ich da etwas Entscheidendes verpasst? Wollte man nicht Schluss machen? War es einem nicht schon wieder zu viel der Küsse und der Liebe? Was ist denn da passiert? Hat man sich eventuell noch verliebt? So rein aus Dankbarkeit, mein ich. Soll alles schon vorgekommen, hab ich mir sagen lassen,“ und dabei fletscht er sein süßes Bübchengesicht zu diesem hinterhältigen Grinsen, so dass sämtlichen, dicht besiedelten Sommersprossen keck zu tanzen beginnen. Würden heutzutage noch Lausbubenfilme gedreht, was freilich nicht der Fall ist, Georg Fleischmann würde den besten Hauptdarsteller aller Zeiten dafür abgeben. Das Gesicht von den vielen morgendlichen Nutellasemmeln leicht füllig, Pausbäckchen, die den kitschigsten Putten zur Ehre gereicht hätten und eine knubbelige große Nase, die zu manchen Späßen und Kosenamen Anlass gegeben hätte, wäre ihr Träger nicht so und so der lustigste Junge der Klasse gewesen. Sein dröhnendes Lachen ließ Heerscharen von Erzieherinnen und Lehrern erblassen. Sein meist gutmütiger Spott verzauberte selbst strengste Studienräte und heiterte manche knochentrockene Deutschstunde auf. Selbst jetzt in der Phase der coolen Jugend, bleibt Georg was er ist, lustig, witzig, nie um ein Späßchen verlegen. Deswegen mag ihn Vincent auch seit Kindergartentagen. Deswegen braucht ihn Vincent, um eine gewisse Bodenhaftung zu bewahren. Grinsend blafft er den Freund an: „Waffel halten, Kollege! Was weißt du überhaupt von der Liebe?“
„Ach, Gottchen, die alter Leier wieder...Aber, Alter, sag mal, wer darf eigentlich deine ganzen Abgelegten trösten und wieder aufrichten, he?“
„Du, Georgiboy, nur du. Und sei doch froh darüber, denn sind wir mal ehrlich, sonst würdest du doch überhaupt keine abkriegen, von der Sabine Keim einmal ganz zu schweigen...“
„Die Keim!“ entsetzt starrt Georg den Freund an mit einem Blick, der noch jede Freundschaft kündigen könnte. „Das ist jetzt aber nicht dein Ernst, oder?“
„Zumindest scheint die aber mit Sicherheit ein Faible für dich entdeckt zu haben oder wie darf man die schmachtenden Blicke bewerten, die sie dir immer im Bio-Grundkurs zuwirft?“
„Als ob ich auf die Keim stehen würde! Also echt, Alter, glaubst du mir graust es vor gar nichts?“
„Siehste. Und deswegen sei dankbar für all die hübschen Julias, Annas und Hannahs, die dir dank meiner treuen Freundschaft in schöner Regelmäßigkeit so zufließen, nicht wahr.“
„Bah ei, dann nen schönen Abend auch, Alter! Und übertreibs nicht mit dem Süßholzraspeln, sonst musst du am Ende noch heiraten oder irgendetwas in der Art...!
„Nie im Leben!“ und mit diesen Worten schwingt sich Vincent auf sein Rad und tritt „Tschau, Alter“ brüllend kräftig in die Pedale.
Ungeduldig blickt Vincent auf seine Armbanduhr. Vor fünf Minuten war Anpfiff in der Arena. Die Jungs sitzen jetzt alle gemütlich bei Toni, ihrem Lieblingsitaliener, und zischen vergnügt Bierchen für Bierchen. Wahrscheinlich passt Luca Toni gerade auf Ribery oder so etwas in der Art. Und er wartet nun seit geschlagenen 15 Minuten auf die Dame seines Herzens oder seiner hoffentlich bestandenen Matheklausur ganz nach Belieben und sie kommt nicht. Langsam wird er nervös. Schon wieder schwebt der Kellner dienstbeflissen heran und fragt nach den werten Wünschen. Nun wird es Vincent aber langsam zu dumm und er ordert schon einmal die billigste Flasche Rotwein des Hauses. Irgendwelche Vorteile muss diese elende Warterei doch auch haben. Als die Bestellung prompt gebracht wird, kippt Vincent sofort ein Glas davon auch nüchternen Magen hinunter. Wärme breitet sich in seinem Magen aus und ein Anflug von guter Laune steigt ihm in den Kopf. Vergnügt werdend blickt er sich um. Die SansiBar ist die nobelste, gastronomische Adresse im Städtchen. Creme weiße Hussen verkleiden die hohen Stuhle. Vornehmer Damast deckt den Tisch, auf dem in einem silbernen Leuchter ebenfalls creme weiße Kerzen brennen. Ein Arrangement aus weißen Blüten vervollständigt das vornehme Ambiente. Nur wenige Gäste haben an diesem Abend den Weg hierher gefunden. Natürlich es spielen ja auch die Bayern gegen Barca. Da bleibt man zu Hause, fläzt auf dem Sofa und brüllt gemeinsam mit den Kumpels bei jedem Tor. Endlich öffnet sich die Tür und eine zarte, dunkle Fee in einem rattenscharfen Cocktailkleidchen tänzelt herein. Hannah. Endlich.
„Hi, Vinc,“ haucht sie und lächelt ihn geheimnisvoll an.
Ihm stockt fast der Atem.
„Hallo, Hannah. Schön dich zu sehen. Ich hab dich schon erwartet....“
„Oh! Entschuldige bitte. Gab noch ein wenig Stress mit meiner Mutter.“
„Hmh.“
„Naja, Hauptsache, ich bin jetzt hier und wir haben einen schönen Abend zusammen.“
„Ja klar. Du, Hannah, naja, gut siehst du aus, schönes Kleid...“
„Danke. Hab ich extra für diesen Abend, für dich gekauft. War auch nicht billig. Deswegen hat sie ja so getobt.“
„Oh, das tut mir leid. Du wegen mir, ach, egal, komm wir trinken einmal, ist ein Trollinger, hab ich mir sagen lassen. Lass uns anstoßen!“
Beide heben die Gläser und lassen sie zart klingen.
„Auf die Liebe,“ flüstert Hannah, „möge sie wachsen und gedeihen wie Potenzen hin zur Unendlichkeit.“
„Oh ja freilich,“ erwidert Vincent dem Pathetischen eher fremd. „Wusste gar nicht, dass du so eine poetische Ader hast.“
„Hmh, eines kannst du mir ruhig glauben, Vincent, nach 3, 4,“ dabei zählt sie demonstrativ die Finger ihrer Hand, „5 Tagen, kannst selbst du mich noch nicht völlig in- und auswendig kennen.“
Beide lachen. Der Wein und auch die gelöste Atmosphäre erzeugen eine sehr angenehme und milde Stimmung in ihm. Selbst sein Gegenüber erscheint im flackernden Kerzenlicht und mit diesem mitreißendem Lacher auf den Lippen viel begehrenswerter. Wie es scheint, verfügt Hannah sogar noch über eine gehörige Portion Humor. Und was braucht ein Mensch mehr in diesen harten Zeiten. Vincent schmunzelt. Vielleicht ganz gut, dass er dieser Beziehung noch etwas Raum zum Wachsen lässt. Beenden kann er sie jederzeit.
2.Kapitel
Der Klein scheint ihn langsam, aber sicher auf dem Kicker zu haben. Gerade stellt er schon wieder eine dieser hinterhältigen Fragen zu diesem idiotischen Liebespaar. Was geht ihm überhaupt die Liebe anderer Leute an? Hat er nicht schon genug mit seinen eigenen Affären und seiner neu erwachten Begeisterung für Hannah zu tun? Wie der erste Freier der Julia heißt. Keine Ahnung. Romeo scheint es zumindest nicht gewesen zu sein. Soviel kann Vincent immerhin dem notorischen Gekicher der Streber entnehmen. Weiteren Peinlichkeiten wird er zumindest für den Moment enthoben, als es laut und fordernd an der Tür klopft.
„Herein,“ ruft Klein unwirsch. Leider scheint ihm nun mehr die verdiente Zurechtweisung des Schülers West zu entgehen.
Forschen Schrittes tritt Frau Schneider, die Direktorin ihres ehrenwerten Gymnasiums, herein. In ihren üblichen weiten Tuniken aus Biobaumwolle oder Naturseide geschneidert, in den Farben des Regenbogens gefärbt sieht sie einer Künstlerin ähnlicher denn einer Pädagogin. Ihre wallende, rot gefärbte Mähne wuselt in unzähliger Lockenpracht um die gut gepolsterten Gesichtszüge mit diesen scharfen, grünen Augen. Streng blickt sie über die schwarze Intellektuellen-Hornbrille. Die lustigen Grübchen in den rosigen Wangen verkünden aber auch eine gewisse Lebensfreude.
„Herr Kollege,“ beginnt sie professionell lächelnd. „Entschuldigen Sie bitte die Störung, aber ich darf Ihnen und selbstverständlich auch der gesamten Klasse unseren Neuzugang Tamara Ost vorstellen.
Sofort erhebt sich ein Wispern und Raunen in der Klasse. Georg winkt ihm aus der zweiten Reihe fröhlich zu und macht noch andere, merkwürdige Gesten. So deutet er ein Pfeifen an, verdreht wie in erotischer Ekstase die Augen und grinst breit über das ganze Gesicht. Anscheinend wird die gesamte männliche Belegschaft als bald von diesem unheimlichen Virus befallen. Zumindest geht ein beglücktes, erotisiertes Staunen durch die Klasse. Etliche Kinnladen sinken eine Stufe tiefer und manche Blicke wirken gar zu verträumt.
„Danke, Frau Schneider, dann sind wir ja nun mehr komplett! Der West sitzt da hinten und der, ähm, die Ost, ähm Osten, im Osten da geht die Sonne auf.“ Ganz offensichtlich hat die grassierende Männerseuche auch ihren guten Dr. Klein sofort befallen. Sein sehr ausgeprägtes Kinn hängt oberhalb des hüpfenden Adamsapfels. Der Mund steht ihm offen. Zum Glück sabbert er noch nicht.
„Treffend bemerkt, Herr Kollege. Fast schade, dass Sie keine Geografie unterrichten,“ schmunzelt die Direktorin.
Ein befreiendes Lachen lockert nun auch die männliche Gesichtsmuskulatur.
Den Worten wieder halbwegs kundig entgegnet Klein: „Nun gut, Fräulein Ost, vielleicht nehmen Sie dann wirklich gleich einmal neben unserem Herrn West Platz. Der hat zumindest was Englisch angeht einige Lichtblicke der aufgehenden Sonne bitter nötig.“
„Sehr gerne,“ antwortet die Sonne und durchschreitet wie eine Königin ihr neues Sonnensystem. Und alle Planeten, ob sie nun Vincent oder Georg, Holger oder Peter, Herr Klein oder Herr Mathis, ihr Erdkundelehrer, heißen strahlen vor Freude über ihr zukünftiges Tageswerk, das sich auf das Umkreisen ihrer Sonne beschränken dürfte.
Vincent fehlen schlicht die Worte. Ihm, dem Schriftsteller, verschlägt es glatt die Sprache. Er findet keine Sätze um auszudrücken, was ihm in diesem Moment durchfährt. Seine Nackenhaare stellen sich wohlig. In seinem Magen tanzen alle diesbezüglichen Hormone fröhlich Samba. Und ein richtiggehend idiotisches Grinsen ziert seine entgleisten Gesichtszüge. So etwas hat er noch nie gesehen. Dabei dachte er immer die Frauen zu kennen. Er glaubte an keine größeren weiblichen Wunder mehr, jenseits seiner hübschen Blondinen, Brünetten und Schwarzen. Sie aber ist rot, feuerrot. Wie beim kitschigsten Sonnenuntergang in Bella Italia direkt neben der berühmten Blauen Grotte leuchten ihre Haare. Wild wie die hungrigen Löwen der heißen, afrikanischen Savanne schimmern ihre unbändigen Locken. Ihre grünen, leicht schräg stehenden Katzenaugen scheinen jeden Mann nur als potentielle Beute zu fixieren. Und Beute sein will jeder. Jeder Mann. Ganz sicher. Ihre rosige Haut glänzt vor Jugendlichkeit und Frische. Wie duftende Pfirsiche in einer leichten Morgenbrise. Eine recht große, sehr gerade Nase beherrscht das strahlende Antlitz wie ein Turm so manchen mittelalterlichen Marktplatz. Das markante Kinn zeigt Willenskraft und Durchsetzungsvermögen, aber auch eine leicht irritierende Härte und Mitleidslosigkeit. In den sehr großen, etwas abstehenden Ohren versammeln sich Edelsteine aller Herren Länder zu einem lauschigen Plausch. Auf ihren vollen, runden Brüsten baumelt ein seltsames Amulett. Ein großer, grüner Stein mit einer schwarzen Pupille in der Mitte lässt den Betrachter an ein weit aufgerissenes, alles sehende Auge denken. Sie trägt eine enge, knapp sitzende, lila Bluse mit weiten Ärmeln und Lochstickereien. Der weite, schwingende Rock erinnert an die pittoresken Zigeunerdamen diverser, alter Spielfilme. Die bunten Stoffen, die in Patchworktechnik an einander genäht wurden, hätten jedem Flohmarkt alle Ehre gereicht. Kleine Glöckchen, die eine geschickter Schneiderin in diesem Gesamtkunstwerk untergebracht hat, klingen bei jedem ihrer Schritte. Feste, schwarze Stiefeletten vervollständigen das ungewöhnliche Outfit. Hoheitsvoll durchschreitet sie die Reihen. Huldvoll lächelt sie nach rechts und nach links. Teenagerhaft plump fällt sie auf den freien Stuhl neben Vincent.
„Hi,“ nickt sie ihm durchaus freundlich zu.
„Hallo,“ stammelt er und wendet seinen Blick schnell ab.
„Gut,“ meint die Rektorin, „ich seh schon, Fräulein Ost wird hier bestens integriert.“ Und mit diesen Worten verabschiedet sie sich Richtung Direktorat.
„Also gut... Wo waren wir?“ versucht Dr. Klein die Aufmerksamkeit wieder auf das Unterrichtsgeschehen zu lenken.
„Nun, Sie waren gerade dabei den Westen über den ersten Freier der Julia auszufragen.“ erklärt Babett fröhlich lächelnd. Diese Mistkröte von einer Streberin, ein blondes Gift vor dem Herrn, ist sich aber auch für gar keine peinliche Aktion zu schade. Gekünstelt streicht sie eine widerborstige Strähne aus dem aristokratischen Gesicht. Ihre blauen Augen strahlen vor unverhüllter Schadenfreude. Ihr hinterhältiges und abgefeimtes Grinsen kennt Vincent nur zu gut. Seit er vor etwa einem halben Jahr mit ihr Schluss gemacht hat, verfolgt es ihn auf Schritt und Tritt. Springt ihn völlig unerwartet im Stadtbus an. Fällt ihn harmlos am Schulkiosk in der Schlange stehend an. Sucht ihn so manche Nacht in seinen tiefsten Träumen heim. Babett, Streberin und Mistkuh.
„Oh ja, danke Babett,“ frohlockt der Klein, „Genau! Also, Vincent, wie lautet nun deine Antwort?“
Eine ungewöhnliche Scheißröte schießt ihn urplötzlich ins Gesicht. So etwas kennt er gar nicht. Peinliches Erröten stand bisher nicht auf dem Verhaltenstableau eines Vincent Wests. Sein Gesicht glüht. Er schwitzt.
„Weiß ich nicht,“ knurrt er kaum hörbar.
„Wie bitte? Herr West? Ich kann Sie nicht verstehen?“
„Ich weiß es nicht, Herr Doktor Klein. Tut mir leid,“ presst er schließlich schmallippig heraus.
„Na gut, etwas anderes war wohl auch nicht zu erwarten, nicht wahr. Haben Sie den Text überhaupt gelesen?“
Gedemütigt ringt sich Vincent ein Nicken ab.
„Na gut. Seis drum. Wer kann mir denn die Frage beantworten?“
Voller Triumph meldet sich Babett natürlich sofort.
„Graf Paris,“ verkündet sie voller Stolz in der Stimme.
„Prima, Babett, sehr gut. Vielleicht erläuterst du einmal unserem Neuzugang den Stand der Dinge.“
„Gerne,“ und Babett referiert und erklärt, redet und stellt fest und ist vollständig in ihrem Element.
In den nächsten Stunden versucht man dem Neuzugang ein wenig näher zu kommen. Es werden viele Fragen gestellt. Nach ihrer früheren Schule, dem vorherigen Wohnort, den familiären Wurzeln, persönlichen Vorlieben und dem Musikgeschmack. Die Sonne strahlt dazu zwar stets hell und leuchtend, bleibt aber klare Antworten schuldig. Sie lächelt viel. Redet von einer alleinerziehenden Mutter, vielen Tanten und Cousinen. Erzählt von längeren Internatsaufenthalten auch im Ausland und einer Vorliebe für das mittelalterliche Madrigal, was ihre Absonderlichkeit natürlich noch steigert. Die Mädchen finden Tamara seltsam und ein wenig Angst einflößend. Sicher auch, weil ihnen die männlichen Reaktionen nicht verborgen bleiben und sie eine gewisse Eifersucht nicht verleugnen können. Auch Vincent war es bisher nicht geglückt seiner schönen Banknachbarin kleine Geheimnisse zu entlocken oder eine gewisse Nähe oder freundschaftliche Kameradschaft aufzubauen. So sehr er sich auch bemühte, erntete er doch nur das gleiche, durchaus wohlwollende Lächeln wie all die anderen.
Nun sitzt die Klasse erwartungsvoll im Kunstsaal und kein Pädagoge erbarmt sich ihrer. Obwohl es längst gegongt hat, passiert nichts. Die Klasse tuschelt. Man beginnt sich anderweitig zu beschäftigen. Leonie zeichnet verworrene Mandalas. Karl liest sich schnell noch einmal sein Referat für die nächste Stunde durch. Und Irina holt ein altes, abgegriffenes Kartenspiel aus ihrer Büchertasche. Irina ist so etwas wie die Exotin der Klasse. In Rumänien geboren und mit reichlich Sintisippschaft gesegnet, spricht sie neben Deutsch und Rumänisch, auch Englisch und Französisch fließend. Hochintellegent, aber immer auch fremd, versucht sie die Gleichaltrigen mit diversen kleinen Zaubertricks und Taschenspielereien zu beeindrucken. In den nun mehr acht Jahren seitdem sie gemeinsam die Schulbank drücken, ist es ihr nicht gelungen, tiefere Freundschaften aufzubauen oder gar eine beste Freundin zu finden. Von recht stämmiger Statur und mit breiten slawischen Gesichtszügen erinnert sie an eine gestandene Jungbäuerin bei der Arbeit auf dem Felde. Die Wangen leuchten. Die tiefschwarzen Haare glänzen. Irina strotzt vor Gesundheit und Schaffensdrang. Jetzt mischt sie die Karten. Geschickt gleiten ihr Buben, Damen und Könige durch die geschmeidig, langen Finger. Dann steigert sie das Tempo. Die Karten scheinen nun mehr von einer Hand in die andere nur so zu fliegen. Neugierig tritt Georg von hinten heran und fragt: „Und? Irina? Hast du einen neuen Trick auf Lager? Mal was anderes als immer nur das olle 32 heb auf?“
Friederike kichert. Die Bilderbuchstreberin beobachtet ebenfalls interessiert Irinas Künste. Von kleiner Gestalt und untersetzt, hockt sie mit herabhängenden Schultern da und harrt der Dinge, die da kommen mögen. Da gesellt sich Holger ebenfalls zur Runde. Er ist ein Draufgänger, ein wilder und ungehobelter Junge, den man früher mit Ritalin ruhig gestellt hat, bis er den Alkohol für sich entdeckte. Nun säuft er Wochenende für Wochenende in irgendwelchen heruntergekommenen Spelunken, was man ihm durchaus auch schon ansehen kann. Oft künden rotblaue Augenringe von den Exzessen der vergangenen Wochenenden. Oft schafft er es noch nicht einmal mehr sich das schwarze, lange Haar am Morgen zu waschen. Immer wieder dünstet er üble Gerüche nach veritablen Katern, nach Vergorenem oder nach lauten Ächzen der Leber aus. Desöfteren lieferte er sich mit Gesinnungsgenossen die ein oder andere Schlägerei und erwachte durchaus schon in der polizeilichen Ausnüchterungszelle.
Irina schaut hoch. Freut sich über das zahlreicher werdende Publikum. Da kommt auch Vincent hinzu. Immer schneller wirbeln die Karten. Irina lächelt geheimnisvoll.
„Was denn?“ meint Georg, „Ist es nun ein neuer Trick oder was?“
„Tarock,“ erklärt Irina, „Kann man in die Zukunft blicken. Antworten finden. Den baldigen Liebsten entdecken. Na, wer mag zuerst?“
Suchend gleitet Irinas Blick über die staunenden Gesichter.
„Friederike? Wie wärs mit dir? Was wolltest du schon immer wissen?“ Aufmunternd nickt Irina der Angesprochenen zu.
„Ich? Nichts! Gar nichts! Ich weiß doch alles.“
Alle lachen.
„Das ist uns schon klar, liebste Rike,“ grinst Georg, Ich glaub aber Irina meint ein wenig etwas anderes. So ein Wissen etwas anderen Kalibers, kein Schulwissen. So von der Art, ob unser Romeo Vinc hier auf dich steht und dich in naher Zukunft ehelichen will.“
Friederike errötet und beginnt zu stammeln: „Geht doch euch überhaupt nichts an, das.“
„Natürlich nicht,“ erklärt Georg geduldig, „aber falls du das wissen möchtest, könnte dir unsere Irina hier eine Antwort geben. Nun?“
„So ein Blödsinn aber auch,“ schnauft Friederike und macht auf dem Absatz kehrt.
„Freilich kannst du auch fragen, wie lange der Georg schon auf dich steht. Oder welche ganz besondere Karriere auf dich zukommt.“
Neugierig geworden bleibt sie stehen. Irina legt die Karten. Eine Ass, ein König und eine Dame. Dabei murmelt sie leise vor sich hin: „Die Dame im siebten Haus und der Bube im zweiten...., hmh, naja, das könnte....“
Erwartungsvoll starren alle die große Magierin und Geheimwissenschaftlerin an.
„Also,“ beginnt sie immer noch mit gedämpfter Stimmlage. „Liebe Friederike, ich sehe bei dir freilich zunächst einmal ein glänzend bestandenes Abitur. Klassenbeste selbstverständlich mit einem sensationellen 1,0 Schnitt. Daran schließt sich nahtlos ein mit Summa cum laude bestandenes Medizinstudium an. Nach einigen Irrungen und Wirrungen, im Verlauf derer sich dein ursprünglicher Wunsch einer eigenen HNO-Praxis in Luft auflöst, landest du schließlich in der Forschung. Nach jahrelanger, erfolgreicher Karriere in einem international renommierten Forschungsinstitut wirst du für deine bahnbrechenden Forschungsarbeiten zum Thema AIDS mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Vor allem die Entwicklung eines Impfstoffes wird dir dabei besonders hoch angerechnet.“
„Bah ei,“ frohlockt der Georgi-Boy, Wusste ichs doch immer, die Friederike König. Wann war doch gleich noch einmal unser Hochzeitstermin?“
Irine starrt weiter auf die Karten. Ein etwaiges Lachen verbeißt sie sich tapfer.
„Nun, heute in genau sieben Jahren, würd ich mal sagen.!
„Jetzt aber,“ lacht Georg, „da soll noch einer einmal sagen, dass Karten lügen...“
„Blödsinn, das,“ schnaubt Friederike, „ich heirate doch keinen Mathe-Looser!“
„Och, nicht?“ grinst er fröhlich zurück, ganz die Unschuld vom Lande. „Da bin ich jetzt aber traurig. Keine Hochzeit mit der Nobelpreisträgerin. Nun komm schon, Irina, schau doch mal bei mir. Was wird denn nun aus so einem hoffnungslosen Mathe-Looser wie mir? Wer erbarmt sich meiner? Wer nimmt mich? Wer?“ Theatralisch klopft er sich dabei auf seine Brust.
Erneut mischt Irina die Karten. Legt diverse Häufchen und hebt Karten ab. Offene Bildkarten schiebt sie über die blanke Schulbank. Den Joker legt sie dabei in die Mitte und gruppiert die anderen Karten um ihn herum.
„Georgi-Boy, dass du unser Sonny-Boy bist, dürfte ja allen klar sein. Und wohin du auch gehst, da geht die Sonne auf,“ zwinkert sie ihn fröhlich zu. Gerührt freut er sich über diese Wärme und Zuneigung und will freilich mehr davon hören. Und so fährt Irina fort: „Natürlich wirst du Schauspieler. Sehr zum Leidwesen deiner Eltern freilich, die so gerne einen ehrenwerten Richter aus dir gemacht hätten. Nach mittelmäßig bis schlechtem Abitur besuchst du eine renommierte Schauspielschule in Berlin. Zunächst beginnt die Karriere aber eher schleppend mit kleinen, unbezahlten Auftritten bei diversen Kindertheatern und Low-Budget-Filmchen. Erst eine Gastrolle im Tatort und der anschließende Karrieresprung, die Beförderung nämlich zum waschechten Tatort-Kommissar gewährleisten ein Auskommen in diesem Beruf. Im Privatleben sehe ich mindestens drei gescheiterte Ehen und unzählige, anderweitige Beziehungen, als ob du unseren Vincent hier in seinen jugendlichen Glanztagen nacheifern möchtest.“
„Schauspieler,“ trällert Georg vergnügt, „Ich werde Schauspieler, tatsächlich Schauspieler! Sagenhaft, Irina, woher du das alles nur weißt! Hast du magische Hände oder Augen oder was? Kannst du in mein Innerstes blicken? Meine geheimsten Sehnsüchte erkennen? Schauspieler! Also echt!“
„Und welche Gattin bin dann ich?“ hakt Friederike empört nach, „Die Erste, die Zweite oder die Dritte?“
Wieder geht ein Lachen und Raunen durch die Reihen. Weitere Schüler und Schülerinnen drängen von hinten heran und wollen zuhören und zusehen.
„Meine Erste und Liebste,“ versichert ihr Georg grinsend, „Und natürlich bleiben wir auch zeitlebens aufs Innigste miteinander verbunden, gell?“
Irina schiebt die Karten zusammen und mischt erneut. Fragend blickt sie in die Runde.
„Und? Wer will als Nächstes? Vinc?“
Er nickt. Macht sich innerlich bereit für die bevorstehende Erfolgsstory: Hört schon von seinen Karrierehöhepunkten künden: dem Pulitzerpreis, dem Nobelpreis für Literatur am Ende seiner langen Schaffensperiode, nach unzähligen, bejubelten Lesereisen durchs In- und Ausland, nach monatelanger Vorherrschaft auf den Bestseller-Listen. Freilich werden auch seine Erfolge beim weiblichen Geschlecht nicht unerwähnt bleiben. Am Ende heiratet er sogar eine echte Prinzessin oder machtgeile Politikerin oder sonst eine coole Traumfrau.
„Nun, Vincent, nach einem mehr schlecht als recht bestandenen Abitur.“
„Wen wunderts,“ giftet die ebenfalls dazu gekommene Babett dazwischen.
„Also, nach diesem erbärmlichen Abitur schaut es für die große Medizinerkarriere natürlich erst einmal Essig aus. Du, Vincent, das fällt mir nun wirklich nicht leicht, aber, naja, hier steht, also wenn ich die Karten richtig lese, zwingt man dich in eine Ausbildung als Arzthelfer...“
„Bah ei, Arzthelfer,“ kreischt Georg belustigt dazwischen, „Arzthelfer! Ich wusste ja gar nicht, dass dieser Beruf auch von Männern ausgeübt wird!“
„Ach, halt doch die Klappe, Kollege,“ zischt Vincent entsetzt, seine geheimsten Albträume bestätigt sehend.
„Naja, aber alles halb so schlimm,“ fährt Irina fort und stößt den Dolch noch ein Stück tiefer um ihn dann in seinen waidwunden Eingeweiden noch einmal herzhaft umzudrehen. „Unsere hübsche Hannah hier schafft immerhin problemlos ihr Medizinstudium und übernimmt danach mit deiner Hilfe als Arzthelfer,“ und dieses dämliche Wort spricht sie dabei derart langsam und gewichtig aus, dass die Meute überhaupt nicht mehr aus dem Lachen heraus kommt, „die Praxis deiner Eltern. Soweit man hört, sind die deswegen auch sehr froh, das zumindest die Schwiegertochter ihren Erwartungen gerecht wird.“ Nur Hannah registriert verwundert und amüsiert zugleich ihre plötzliche Liebe zur Medizin, hat ihr bisher doch immer eine berufliche Tätigkeit mit Kindern vorgeschwebt.
„Quatsch mit Sauce,“ knurrt Vincent und versucht sich möglichst cool zu geben. Tatsächlich tobt in ihm aber ein Kampf: Ein Stimmchen schreit: Hau ihr eine rein. Ein anderes plärrt: Hau ab, hau einfach ab. Das nächste ruft zur Besinnung: Kann doch gar nicht sein, unmöglich. Arzthelfer, von wegen. Er ist ein todsicherer Aspirant für sämtlichen Literaturpreise der gesamten Welt.
„Und im Privatleben,“ fährt Irina unbeirrt fort, „sehe ich viele süße Bambinis, die du als Arzthelfer in Teilzeit und Erziehungsurlauber alle aufziehen darfst.“
Alle prusten. Selbst Hannah wischt sich verstohlen ein paar Lachtränen aus den Augenwinkeln. Das Gelächter scheint kein Ende mehr nehmen zu wollen. Erst als Irina erneut die Karten zu mischen beginnt, steigt die Neugierde und die Meute verstummt langsam.
„So? Wen haben wir denn da noch?“
Holger schnalzt mit seinen Fingern: „Ich! Ich! Komm schon, Irina, ich will auch wissen, was aus mir wird. Schau in deine Karten, bitte!“
„Gut, Holger,“ nickt sie, während sie erneut die Karten zu legen beginnt. Unbemerkt von allen anderen ist Tamara herangetreten und lugt auf die fliegenden Karten. Irina legt den Karo-Buben und verschiebt die Herzdame. Freilich hat Irina keine Ahnung von Kartenlegen, Wahrsagerei oder solchen Dingen. Sie will sich wichtig machen. Will ihr Publikum unterhalten und erheitern. All ihre Prophezeiungen sind ihre persönlichen Erfindungen beruhend auf ihren Analysen die jeweilige Person betreffend. Bei Holger will ihr nun allerdings so gar nichts einfallen.
„Holger,“ beginnt sie denn auch zögernd und auf plötzliche Inspiration hoffend. Es wird ganz ruhig. Keiner der Umstehenden getraut sich noch einen Laut von sich zu geben. Man könnte die berühmte Sticknadel fallen hören. Die Stimmung kippt. Die heitere Ausgelassenheit nach den Wahrheiten über den alten Angeber und Weiberhelden Vincent schlägt in Spannung und eine eigenartige Beklemmung um. Aus dem leichten Spiel scheint Ernst zu werden. Die Luft gefriert. Eine unerklärliche Ängstlichkeit und Bänglichkeit ergreift die Schüler.
„Holger,“ versucht es Irina noch einmal flüsternd gegen das Schweigen. Wieder aber bricht sie verwirrt ab.
„Holger,“ erklärt auf einmal Tamara mit fester Stimme, „Holger will überhaupt nicht wissen, was in den Karten steht.“
Alle drehen sich verblüfft um. Starren dieses seltsame Mädchen aus großen Augen an. Ernst hält sie allen Blicken stand.
„Natürlich will ich wissen, was in den Karten steht,“ brüllt Holger fast in das andächtige Schweigen. „Spucks aus, Irina, welche Großtaten siehst du in meiner glorreichen Zukunft?“
„Frag doch die da!“ zischt Irina wütend, dass ihr durch diese seltsame Neue die Schau gestohlen wird. „Frag sie doch, wenn sie sich angeblich so gut auskennt!“
Sofort wendet sich Holger Tamara zu: „Also gut, was will ich nun nicht wissen?“
Tamara erbleicht. Ihre sonst so rosigen Wangen werden fahl. Sie schüttelt unwillig den Kopf.
„Du machst mich neugierig,“ insistiert Holger, „Nun sag schon, was siehst du?“
Auch andere Zuschauer stimmen ihm zu und wollen endlich wissen, welch besonderen Posten oder Räusche auf den guten Holger zukommen.
„Tamara, lass hören: Was wird denn nun aus unserem flotten Holger hier?“
All die fragenden Augen bohren sich in Tamara fest. Noch einmal schüttelt sie traurig den Kopf. Dann dreht sie sich abrupt um und läuft wortlos davon. Alle starren ihr ungläubig hinterher. Dieses seltsame Gefühl der Lähmung, dieses Einfrieren der Normalität lässt langsam nach.
„Komische Braut, das,“ murmelt ein verblüffter und auch verunsicherter Holger, „so schlimm wirds doch nicht kommen, oder?“ setzt er leise nach.
„Find ich auch! Und wie die schon immer herumläuft! Solche unmöglichen Klamotten! Im Ernst, ich hab die noch nie in einer Jeans gesehen. Noch nie!“ spottet Irina in einem Versuch die Aufmerksamkeit wieder an sich zu reißen.
„Aber irgendwie hat sie schon etwas ganz Besonderes,“ sinniert verträumt der Georgi-Boy und Vincent nickt eifrig dazu.
Endlich erscheint auch ein Lehrer, ein Vertreter des erkrankten Kunstpädagogen. So beginnt man an den angefangenen Kunstobjekten weiterzuwerkeln, zeichnet dementsprechende Entwürfe oder schwätzt vertieft mit seinem Banknachbarn.
„Schon komisch die Geschichte mit dem Holger,“ meint Georg zu Vincent.
„Naja,“ antwortet dieser ausweichend.
„Ja findest du das etwa nicht?“
„Ja, ja, ja, was weiß denn ich?“ keift Vincent unwillig zurück.
Georg starrt ihn wortlos aus großen Augen an.
„Schau nicht so blöd. Du wirst doch so einen Käse nicht glauben. Mir ist das jedenfalls wurschtegal, komplett scheißegal.“ Dabei errötet Vincent schon wieder. Ein Knoten von Ärger und unterdrückter Wut schnürt seinen Magen zusammen. Der Freund wirft ihn mitleidige Blicke zu. Da könnte er getrost darauf verzichten.
„Oh je, oh je, was ist denn dir über die Leber gelaufen?“
„Nichts,“ knurrt Vincent.
„Oh weh, oh weh, wird doch nicht ein Arzthelfer gewesen sein?“
„Br,“ beißt Vincent um sich. Aus dem Knurrstadium ist er nun bereits draußen. Ein weiteres Wort und er springt den Kollegen an und beißt ihn tatsächlich in die Wade.
„Und kein Literaturpreis?“ spottet Georg belustigt weiter, „Überhaupt keine Veröffentlichungen, dafür Erziehungsurlaube ganz für die lieben Kleinen.“
Vincent Arm schnalzt bereits Richtung Georgs Kehle, als dieser lachend einlenkt.
„Gemach, gemach, Kumpel, nichts für ungut, nur ein kleines Späßchen. Ist mir schon klar, das in dir kein kleiner Arzthelfer schlummert. Mensch, Vinc, ich glaub doch an dich. Entschuldige bitte.“
„Du hast gut reden, Kollege,“ grient er, „immerhin wirst du ein begnadeter Schauspieler mit vielen Eroberungen und ich darf am heimischen Herd für die schlaue Hannah und unsere liebreizenden Brut ein wenig köcheln. Mein absoluter Lebenstraum: Hausmann mit Anhang! Also echt!“
„Na, jetzt beruhig dich wieder. So wie sich diese seltsame Alte aufgeführt hat, steht dem Holger eine weitaus unerfreulichere Zukunft bevor. Schon komisch, nicht wahr? Du, ich hatte eine richtige Gänsehaut. Und hast du ihre Augen dabei gesehen? Junge, Junge, schon unheimlich... Und wie sie dann einfach so davonrannte, merkwürdig...“
„Nun übertreibs mal nicht! Oder hast du seit Neuesten einen Hang zum Übersinnlichen? Der gute Holger wird sich halt wieder einmal ein Bierchen zu viel hinter die Pinte gießen oder so etwas in der Art eben. Du wirst doch so einen Quatsch nicht glauben. Die wollen sich doch nur wichtig machen, diese Irina, genau wie die Neue. Irgendwie muss man doch Aufmerksamkeit erregen!“
„Naja, diese Tamara erregt doch durch ihre bloße Anwesenheit mehr Aufmerksamkeit als manchen Mann gut tun dürfte, scheint mir zumindest so. Ich nehm mich da im übrigen gar nicht aus. Und dein belämmerter Gesichtsausdruck spricht doch auch Bände.“
„Wenn du meinst.“
„Ja. Aber trotzdem,“ beharrt der Freund, „irgendetwas war da... Irgendetwas war anders, unheimlich..., komisch....“
„Ja, ja, okay, so etwas werden eben bloß Leute wie du mit diesen besonderen schauspielerischen Antennen spüren und keine Arzthelfer mit ihren 12 lustigen Bambinis!“
Georg lacht: „Jetzt geh aber weiter, gell! Aber, Alter, am Samstagabend das Bayernspiel ist doch gebongt? Oder musste die Zukünftige wieder ausführen?“
„Die Bayern gegen Stuttgart, geht klar, Kollege...“
Am Montag nach diesem ersten sehr sonnigen Maiwochenende findet sich der Englisch Grundkurs heiter und gut gelaunt zu einer neuen Lektion in Sachen Romeo und Julia zusammen. Alle schnattern und erzählen sich gegenseitig die Erlebnisse der vergangenen Tage. Da gilt es neue romantische Entwicklungen zu bestaunen, alkoholische Exzesse zu verdauen und einige Tränen wegen leichtem Liebeskummers zu trocknen. Niemanden fällt der leere Stuhl auf. Irina hat den ersten Sonnenbrand auf der Nase. Hannah kämpft mit starken Periodenschmerzen und Georg zupft sich das Grind von seiner Schürfwunde.
Pünktlich mit dem Gong tritt Dr. Klein mit ernster Miene ein.
„Guten Morgen,“ begrüßt er sie leise, fast um die Worte ringend. Sein Blick drückt Ungläubigkeit und Betroffenheit aus. Er setzt sich mit hängenden Schultern vorne auf das Lehrerpult und schaut stumm in die Klasse. Erwartungsvoll spitzen alle die Ohren.
“Es tut mir leid,“ beginnt er erneut. „Es tut mir leid, euch mitteilen zu müssen, dass euer Schulkamerad Holger Weimann im Krankenhaus liegt.“
Man nimmt dies zur Kenntnis. Murmelt leise. Erwartet nähere Informationen.
„Wird wohl wieder einmal der Magen ausgepumpt,“ wirft Karl keck in das Raunen der Klasse.
„Ja, das haben die mit Sicherheit gemacht, aber...“, bricht der Klein sichtlich mitgenommen ab. Dann sammelt er sich wieder und fährt fast flüsternd fort: „Es tut mir leid, aber euer Schulfreund Holger liegt nach geschätzten 35 bis 40 Wodka Red Bull im Koma. Tut mit leid.“
Ungläubiges Schweigen. Vereinzeltes Schluchzen und Seufzen. Einige starren Tamara an. Stark und stolz hält sie die Blicke aus.
„Die ist schuld,“ kreischt auf einmal Irina hysterisch. „Das hat sie ihm doch prophezeit! Diese Hexe!“
Sofort beginnen alle durcheinander zu reden. Einige stimmen Irina zu, andere bemühen sich um Sachlichkeit.
„Hat sie eben nicht,“ meint Georg nur lakonisch.
„Natürlich,“ stimmt Babett eifrig zu, „so ein dramatischer Abgang kann doch einfach nichts Gutes bedeuten!“
„Nun beruhigt euch doch bitte,“ versucht Dr. Klein die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken.
„Ist doch wahr,“ schnaubt Irina, „und die Wahrheit muss ans Licht!“
„Also bitte, Irina, um was geht es denn hier überhaupt?“ hakt der Lehrer nach. „Wessen bezichtigt ihr Tamara überhaupt?“
„Der Hexerei,“ erklärt sie bestimmt und nickt bestätigend dazu.
„Also bitte, Irina! In welchem Jahrhundert leben wir denn?“ entfährt es Dr. Klein unwirsch.
