Malibu Orange - Ulrike Haidacher - E-Book

Malibu Orange E-Book

Ulrike Haidacher

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Beschreibung

Was ist ein gutes Leben? Zwei Freundinnen treffen sich wieder, doch ein Typ namens Volker stellt sich dazwischen. Eine rasante und tragikomische Geschichte über Freundschaft Stell dir vor, du hast gerade deinen Job gekündigt, ziehst zurück in deinen Heimatort, lebst mit Anfang 30 wieder in deinem alten Kinderzimmer, triffst endlich deine beste Freundin und die kommt nicht allein, sondern mit Volker. Und mit Volker kommen einige Veränderungen, zuerst ist es nur sein selbst gemachtes Granola, das die beste Freundin plötzlich mag, obwohl sie nie Granola mochte, sie wird blasser und dünner, antwortet kaum noch auf Nachrichten, dann kündigt sie ihren Job, schmeißt das Studium und zieht mit Volker auf einen Bergbauernhof ohne Funknetz. Was würdest du tun? Ulrike Haidacher ist eine Meisterin der Übertreibung, zielgerichtet führt sie ihre Figuren ins Verderben, zerlegt Floskeln und Glaubenssätze. Was ist eigentlich ein gutes Leben und wer bestimmt das? Ein Roman, der Komödie und Tragödie auf sensationelle Weise vereint. Cover von Katharina Maya Mair.

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Seitenzahl: 235

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über das Buch

 

Zwei Freundinnen treffen sich wieder, doch ein Typ namens Volker stellt sich dazwischen. Einerasante und tragikomische Geschichte über Freundschaft

 

Stell dir vor, du hast gerade deinen Job gekündigt, ziehst zurück in deinen Heimatort, lebst mit Anfang 30 wieder in deinem alten Kinderzimmer, triffst deine beste Freundin und die kommt nicht allein, sondern mit Volker. Und mit Volker kommen einige Veränderungen, zuerst ist es nur sein selbst gemachtes Granola, das die beste Freundin plötzlich mag, obwohl sie nie Granola mochte, sie wird blasser und dünner, antwortet kaum noch auf Nachrichten, schmeißt das Studium und zieht mit Volker auf einen Bergbauernhof ohne Funknetz. Was würdest du tun?

 

Ulrike Haidacher ist eine Meisterin der Übertreibung, zielgerichtet führt sie ihre Figuren ins Verderben, zerlegt Floskeln und Glaubenssätze. Was ist eigentlich ein gutes Leben und wer bestimmt das?

 

 

Über Ulrike Haidacher

 

Ulrike Haidacher, geboren in Graz, lebt als freie Autorin und Kabarettistin in Wien. Ihre Programme wurden bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Österreichischen Kabarettpreis 2017. Sie schreibt und spielt satirische Kolumnen für ORF-Radio FM4. 2019 erhielt sie das Startstipendium für Literatur des Bundeskanzleramts Österreichs. Ihr Debütroman »Die Party« (Leykam 2021) wurde mit dem Peter-Rosegger-Literaturpreis des Landes Steiermark ausgezeichnet und 2024 im Schauspielhaus Graz uraufgeführt. Für einen Auszug aus »Malibu Orange« wurde sie 2022 mit dem Österreichischen Literaturpreis für Erzählungen ausgezeichnet und zum Bachmannpreis nach Klagenfurt eingeladen.

 

 

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Ulrike Haidacher

MALIBUORANGE

ROMAN

leykam: Belletristik

INHALT

Cover

Titel

Fasching

Das Konzert

Die Hochzeit

Fasching

So ein Buch schreibt sich nicht allein!

DANKE!

Impressum

Fasching

Ein Clownsgesicht aus Pappe, herrlich, „So ein Spaß“, denkt sich auch Anja und schlüpft durch die feierliche Girlande, die darunter hängt und eindeutig schon mehrere Faschings hinter sich hat. Sie tritt ein in das Lokal und spürt, dass heute noch Großes geschehen wird. Zerrt ihre Bienenflügel durch die Tür, menschlicher Dunst schwappt ihr entgegen, frischer Haut- und alter Rauchgeruch, Rauchgeruch noch von der letzten Nacht, weil nach der Sperrstunde werden die Vorhänge zugezogen und die Aschenbecher ausgepackt und jetzt, wo das neue Fest beginnt, ist der Rest vom letzten Fest noch vorhanden, es hat was Beruhigendes, diese Anwesenheit von dem, was nicht mehr ist, sie bahnt sich den Weg zu ihrem Lieblingstisch am Fenster.

Es ist schon einiges los, seltsam, wie gut sie dieses Lokal kennt, wie oft sie diese Tür aufgemacht hat, jeden Tisch kennt sie in- und auswendig, die Bar, die aufgestellten Pokale und die Glasvitrine mit den Kuchen darin, erstaunlich, wie wenig sich verändern kann in fünfzehn Jahren, es wirkt fast so, als wären die Kuchen auch noch dieselben, als würden sie seit den Nullerjahren darauf warten, endlich herausgenommen zu werden, um zu einer heißen Schokolade oder einem schmackhaften Cola Rot genossen zu werden.

Sie ist also wirklich wieder da, jetzt, wo sie im Café Ulli ist, merkt sie erst, wie sehr sie wieder da ist, zurück in ihrer Heimatstadt, zurück im obersteirischen Industriekaff, wie sie es gern nennt, in das sie nie zurückwollte. Um genau zu sein ist sie schon seit ein paar Wochen wieder zurück, noch dazu bei ihren Eltern, und das mit dreißig Jahren, sorry, das geht eigentlich gar nicht, aber Anja hat zurückkehren müssen, weil sie zu gar nichts mehr fähig war.

Das hat sie ziemlich eindeutig festgestellt, als sie mit ihrem Gehörsturz noch weitergearbeitet hat, weil warum nicht, ist ja nicht so schlimm, Arbeit ist Arbeit und somit wichtiger als ein Gehörsturz, und dann eigentlich nur kurz Pause machen wollte, sich einen feinen Kantinensalat gegönnt hat, auf der Bank vor dem Krankenhaus, und auf einmal nicht mehr schmecken hat können, was sie isst. Ob der Käse, der auf dem grünen Salat gelegen ist, wirklich Käse war oder Fleisch. Anja hat den fauligen Tod vom Fleisch ganz sicher im Mund geschmeckt, obwohl auf der Verpackung eindeutig als Inhalt „Käse“ gestanden ist, sie hat nicht mehr gewusst, was stimmt und was nicht, was sie sich einbildet und was nicht, hat sich nicht mehr rühren können und die Panik gekriegt und dann Magda geschrieben, dass sie sich nicht mehr rühren kann und die Panik kriegt, weil, was soll das, und Magda, die schon seit ein paar Monaten bemerkt hat, dass Seltsames mit Anja geschieht, hat sie abgeholt, ins Auto gesetzt, ist mit ihr nach Hause gefahren, nach Hause in Anjas Elternhaus und hat gesagt: „Da bleibst du jetzt, bis du dich auskuriert hast.“

Und Anja ist geblieben, hat sich zum ersten Mal in ihrem Leben krankgemeldet, spannend war das, hat gar nicht gewusst, ob so eine Geschmacksverwirrung samt Gehörsturz Grund genug ist, sich krankzumelden oder ob sie nur faul ist oder eine Simulantin, aber nachdem sogar ihre Mutter gesagt hat, „Du kurierst dich jetzt aus“, hat sie sich also auskuriert, hat geschlafen hauptsächlich und ihre Eltern haben sich gefreut, dass sie wieder da war, haben ihr Essen gekocht und sie „Wie gehts dir heute?“ gefragt, und es ist schnell besser geworden. Zumindest so viel besser, dass Magda Anja besucht hat, sie spazieren gegangen sind und gemeinsam in gedämpfter Lautstärke ferngesehen haben, es war wie früher, wie damals, in ihrer gemeinsamen Schulzeit, jeden Nachmittag haben sie miteinander verbracht, Anja und Magda sind wieder die geworden, die sie waren, Anja und Magda eben, „die beiden Unzertrennlichen“, wie Anjas Oma sie damals voller Entzücken genannt hat. In Wirklichkeit sind sie das auch immer geblieben, und das, obwohl sie sich in den letzten Jahren nur mehr selten gesehen haben, wegen dem Leben, das weitergegangen ist.

Und heute ist also das große Faschingsfest im Café Ulli, es ist ein großer Tag für Anja, der erste Abend seit ihrem Gehörsturz und dem ganzen Chaos, an dem sie wieder fortgeht, vielleicht wird sie sogar was trinken, wer weiß, und es ist auch der erste Abend seit fast einer Woche, an dem sie Magda wieder trifft. Sie hat sich so daran gewöhnt, Magda jeden Tag zu sehen, dass sie sie schon richtig vermisst, aber Magda war so busy in letzter Zeit und so hat Anja ihr noch gar nicht die große Neuigkeit erzählen können, nämlich, dass sie jetzt auch noch gekündigt hat.

Sie ist ganz aufregt, sie kann es selbst nicht glauben, dass sie tatsächlich ihren Job gekündigt hat und somit offiziell keine diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin mehr ist und sie zum ersten Mal in ihrem Leben keinen blassen Schimmer hat, wie es weitergehen wird. Aber jetzt einmal das Faschingsfest, Anja hat ein Bienenkostüm, das sie in der alten Faschingskiste gefunden hat, angezogen, ein recht gelungenes Kostüm, wie sie selbst findet, und sie findet auch, dass sie sich nach dem ganzen Wahnsinn nicht weniger als ein wenig Spaß verdient hat, und nach dem Spaß sehen wir weiter, aber ein bisschen wird sie noch bleiben, im obersteirischen Industriekaff, nur zum Übergang, nur bis sie herausgefunden hat, was sie ohne ihren Beruf ist, ob sie überhaupt wer ist ohne ihn, und was sie weitermachen will, und bei so einer Neuorientierung tut eine alte Heimat mit Eltern auch wieder wohl, aber gut, picken bleiben sollte sie halt nicht.

Anja zwängt sich durch die Menge und verwendet jetzt doch die Ohrstöpsel, die sie eingesteckt hat, so Menschen sind lauter als vermutet, sie zwängt sich also durch, gar nicht so einfach, wenn man eine Biene ist, sie hält ihre Antennen am Kopf fest, sieht die Menschen, die haben sich echt alle verkleidet, das bereitet ihnen also eine Freude so eine Verkleidung, lieb sind sie, alle wirken so ausgelassen, so froh, Anja nickt Silke zu, die lachend hinter der Bar steht und deren Gesicht mit Glitzer und Blumen bemalt ist, Silke prostet Anja zu, die es endlich zum kleinen Tisch am Fenster geschafft hat. Schade, dass man nicht jetzt schon rauchen darf, das würde sie beruhigen. So viele Personen sind jetzt schon hier, wie das wohl weitergehen wird, so viele Personen, nur Magda noch nicht, dabei ist Magda der einzige Grund, warum sie überhaupt hergekommen ist. Und das Café Ulli. Das ist auch immer ein guter Grund herzukommen.

Das Café Ulli ist Anjas und Magdas Stammlokal seit damals, seit immer eigentlich, und wenn Silkes Geburtstagsfeier ein Faschingsfest im Café Ulli ist, sind sie natürlich dabei, also dass Magda dabei ist, war sowieso klar, Magda ist überall dabei, aber wenn wir ehrlich sind, und das sind wir: Anja ist das zuwider. Dieser provinzielle Humor, ups, nein, das würde sie so nie denken oder gar sagen, immerhin ist das auch ihre Heimat, sie ist da aufgewachsen, ist eine von ihnen sozusagen, dazu steht sie auch, ist voll ok für sie, dass sie eine von ihnen ist, Anja würde es vielleicht eher so formulieren: „Das ist mir alles fremd geworden.“ Und wer verstehen will, versteht, und wer nicht, der eben nicht, jaja, so ist Anja, schon irgendwie eine arrogante Sau.

Nur weil sie die letzten Jahre in Wien gelebt hat in einer Wohnung mit weißen Möbeln und Holztafeln mit positiven Sprüchen an den Wänden, glaubt sie anscheinend, ihr Humor ist feinsinniger, die werte Dame, aber dass sie beim Spazierengehen Angst vor einer Blindschleiche hat, die sich am Wegesrand sonnt, und ihr dabei durchaus der Gedanke kommt, dass diese Blindschleiche Tollwut haben und sie überraschend anspringen und töten könnte, das gibt ihr wieder nicht zu denken. Aber es ist eben so, und das kann man vielleicht schon verstehen: Ihr Wiederdasein in einem Leben, das sie einmal gelebt hat, das aber schon lange nicht mehr ihr Leben ist, sondern nach ihrer Jugend aufgehört hat, ihr Leben zu sein und zu einem ganz anderen Leben geworden ist, zu einem erwachsenen Leben mit Beruf und Eigenständigkeit und Wohnung und jetzt wieder zurückmutiert ist, genau dorthin, wo es seinerzeit aufgehört hat, nämlich in den Nullerjahren, als sie Hüfthosen getragen und Avril-Lavigne-Poster über dem Bett hängen gehabt hat, das ist ihr zuwider, es ist geil und widerwärtig zugleich, ja oft hat man zu einer Situation viele gegensätzliche Gefühle gleichzeitig.

Es hat etwas eigenartig Anziehendes, dieses alte Vertraute, das es nicht mehr gibt, das aber irgendwie noch da ist, aber abstoßend sind die Dinge, die darauf hindeuten könnten, dass sie jetzt länger bleiben wird, dass mehr daraus werden könnte als eine Erinnerung, dass das auf Dauer ihr Leben und ihre Vergangenheit ihre Zukunft werden könnte.

Zum Beispiel ist sie in letzter Zeit zu irgendwelchen Brunch-Gruppen hinzugefügt worden, von ehemaligen Schulfreundinnen, die aus irgendwelchen Gründen mitgekriegt haben, dass Anja wieder da ist, und vielleicht denken, Anja bleibt jetzt und wird eine von ihnen, ehemalige Schulfreundinnen, die jetzt alle selbstverständlich und rechtschaffen in heterosexuellen, verehelichten österreichischen Beziehungen gestrandet sind, die haben sie plötzlich hinzugefügt in Gruppen und Dinge geschrieben wie: MeineLieben! Ich lieeeeebe Frühstücken!! Und am allermeisten lieeebeich frühstücken mit meinen Mädels, darum möchte ich meinenGeburtstag bei einem genussvollen gemeinsamen Frühstück/Brunch/verfrühtem Lunch mit open end (Julius ist bei der Oma) im Irgendwo feiern.

Anja merkt sich diese blöden Kaffeehausnamen nicht, sie will sich nur das Café Ulli merken, weil das Café Ulli cool ist, es war das erste Lokal, in das Anja und Magda jeden Samstagabend gegangen sind, mit Schminke und entsprechender Kleidung, ausgegangen sind sie sozusagen, bis 21 Uhr hat das Jugendschutzgesetz das Ausgehen für sie vorgesehen gehabt, davor haben sie sich eine SMS geschrieben, eine SMS von ihrem Klaxmax-Handy, dem neuen, haben sie sich geschrieben: Heit bechern? Und sind dann eben ins Café Ulli schon um fünf, sonst hätte es sich nicht ausgezahlt, und haben sich die Malibu Orange runtergeschüttet, Anja schmeckt heute noch diese Mischung aus klebrigem Kokos und billigem Orangensaft aus der Packung, sie haben das damals total edel gefunden, den Kokosgeruch, haben sich gefühlt wie in Baywatch oder einer Jugendzeitschrift und am alleredelsten haben sie es gefunden, wenn eine Orangenscheibe am Glas gesteckt ist oder sogar ein Schirmchen, und haben sich vorgestellt, wie ganz zufällig zwei süße Jungs vorbeikommen, sie haben wirklich „süße Jungs“ gedacht und sich weiter vorgestellt, wie aus dem zufälligen Vorbeikommen zufällig „mehr“ wird, was natürlich nie passiert ist, niemand ist zufällig vorbeigekommen und mehr ist auch nicht daraus geworden, aber die Malibu Orange, die waren weiterhin treue Begleiter.

Zwei für jede haben schon gereicht, nach zwei waren sie schon megadicht, wie man es gern formuliert hat, und die Memphis Blue haben sie dazu geraucht, die Memphis Blue, die Magda in der alten Kommode bei ihrem Onkel gefunden hat, und dann noch ein letzter Malibu Orange und dann ab aufs Klo, und haben sich gegenseitig den Finger in den Hals gesteckt, es war ein Zeichen der Freundschaft, des Vertrauens, dass man sich gegenseitig den Finger in den Hals steckt, bis die andere den Malibu Orange wieder herausbricht, ohne gleich dazu zu brechen, echten Freundinnen graust es vor gar nichts, schon gar nicht vor einem freundschaftlichen Brechreiz, haben das also vollendet, das Ritual des gegenseitigen Malibu-Orange-Herausbrechens, um rechtzeitig wieder nüchtern zu sein, wenn es 21 Uhr schlägt, die bedeutungsvolle Stunde, um die man wieder zu Hause sein hat müssen.

Das ist das Café Ulli, ein anständiges Lokal mit Erinnerungen und Grind und Anja und Magda drin, und das, also Anja und Magda, das ist eine echte Freundschaft, Anja vermisst die alte Zeit, die schon so lang her ist, und ist sich nicht sicher, ob man mit dreißig schon so denken darf, also ob man mit dreißig schon Herzweh haben darf, weil das Alte vergangen ist, aber sie ist sich bei vielem nicht sicher, sie versteht sowieso nicht genau, wie das mit dem Leben so funktioniert. Aber der Punkt ist: Wenn schon in ein Lokal, dann will sie mit Magda ins Café Ulli. Sie hat keine Lust, mit irgendwelchen Schulkolleginnen von irgendwann, die jetzt andere Nachnamen haben und die sich selbst als „Mädels“ und, das kommt noch erschwerend hinzu, „Mamis“ bezeichnen – zu deren „Mami-Gruppen“ Anja aber zum Glück nicht hinzugefügt wird, weil sie eben keine Mami ist, da hat sie in einer Mami-Gruppe auch nichts zu suchen – in irgendwelche Brunch-Lokale zu gehen. In irgendwelche Bäckereien mit starkem Milchgeruch darin, Anja will NICHT mit ihnen AUSGIEBIG brunchen, genussvoll in den Tag hineinleben, die Seele baumeln lassen, einmal richtig reinhauen, mhhh, LECKER, YUMMY, mhhh, gutes, frisches Gebäck, mhhh, die gute Gurke, mhhh, der selbst gemachte Liptauer, nein, sie will das garantiert nicht, will kein „Schlemmerfrühstück klein, mittel oder groß“ bestellen, von dem sie sich vorstellen muss, wie die Schinkenplatte mit roter Paprikagarnierung seit dem Vortag mit Frischhaltefolie überzogen im Kühlschrank auf ihren großen Moment gewartet hat, in dem sie endlich von den hungrigen Mamis genossen werden darf, die sich dann den Mund abwischen, während ihnen der Liptauertopfen aus dem Mundwinkel quillt, und mit vollem Schlemmermund formulieren: „Mah, endlich tu ich was für mich.“

Ja, vielleicht ist Anja ein bisschen ein Arschloch, kann schon sein, aber mehr so eines, das in Wirklichkeit eh nett ist, es ist mehr die besondere Lebenssituation, die diese Arschlochhaftigkeit aus ihr herausholt, weil sie eben nicht weiß, wie es weitergehen wird, sie war noch nie in so einer Situation, das muss man sich einmal vorstellen, sie hat immer gewusst, was kommt und wie es weitergehen wird, hat immer einen genauen Plan von allem gehabt, was bedeutet, dass sie bis vor Kurzem kein Arschloch war, sondern ganz im Gegenteil, sie war wirklich immer nett und zuvorkommend, vielleicht hat sie auch das in den Gehörsturz getrieben, das könnte ja auch eine Überlegung sein, aber was mit dieser Erklärung ausgesagt werden will: Man merkt, Anjas Arschlochhaftigkeit ist relativ neu und besteht aus guten Gründen, es braucht also niemand empört zu sein von ihr, man kann auch Verständnis haben für sie, sie hat es auch nicht leicht und beeindruckt zumeist auch mit viel Verständnis für andere.

Aber bei allem Verständnis, Anja ist recht froh, dass Silkes Feier nicht irgendein Genießerinnen-Selbstliebebrunch ist, nein, es ist eine ordentliche abgefuckte Faschingsfeier, und um diese sogleich zu beginnen, bestellt Anja einen Pfirsichspritzer, der Pfirsichspritzer ist der Aperitif zum Malibu Orange, der selbstverständlich erst bestellt werden kann, wenn Magda da ist. Magda ist die Einzige, der sie von ihrer Kündigung erzählen will in der jetzigen Situation. Menschen mögen so was nicht, so eine Planlosigkeit, Menschen wollen Geschichten hören wie „Ich arbeite bereits seit zwanzig Jahren in diesem Unternehmen und alles geschieht zu meiner Zufriedenheit“ oder „Ich krieg ein Baby, so schöne Neuigkeiten, ich bin die nächsten zwei Jahre in Karenz und dann in Bildungskarenz und dann krieg ich das zweite Kind und dann mach ich ein Sabbatical“. Das sind Geschichten, die Menschen hören wollen, in denen ist alles klar, in Anjas Geschichte ist nichts klar. Weder wie sie ab jetzt ihre Wohnung in Wien finanziert noch ob sie dort überhaupt weiter leben will, und das kann sie nur mit Magda besprechen, weil Magda sich freuen wird, dass Anja gekündigt hat, das weiß Anja.

Magda ist ganz anders als Anja, war sie immer schon, sie ist laut, blond, groß, überpräsent, hat sehr viele Sommersprossen, das findet Anja nach wie vor äußerst beeindruckend, diese fast flächendeckenden Sommersprossen, und Magda auf jeden Fall sagt immer, sie braucht keine Sicherheit, eine Sicherheit gibt es nicht und das Universum regelt die Dinge schon für sie. Das, und das ist jetzt sicher keine Überraschung, weil da ist Anja nicht die Einzige, ist ihr schon immer unglaublich auf die Nerven gegangen, dieses Gerede über das Universum, das „die Dinge regelt“. „Die Dinge“ muss man selbst regeln, von nix kommt nix, das hat auch Anjas Mutter immer gesagt, darum soll die Anja am besten „auf die Schwesternschul“, so wie ihre Mutter und ihre Oma auch, da findet sie sicher einen Job und sinnvoll ist es auch, das ist ein guter Weg, „die Schwesternschul“, hat Anjas Mutter bestimmt, Ärztin ist weniger was für sie, sonst kommt sie erst mit siebenunddreißig dazu, Kinder zu zeugen, und das ist eindeutig zu spät, ab dreißig heißt es ja schon Ticktack bei den Frauen, bei den Männern ist das anders, die können zeugen, so lang sie wollen, wenn sie mit achtzig Lust auf eine Kindererzeugung haben, gern, her damit, gar kein Problem, lieber alter Vati, so ein guter männlicher Samen wird nicht so schnell schlecht, ein weiblicher Eierstock jedoch schon, dieser veraltet gern einmal, wenn der Tag lang ist und die Jahre kurz, aber vielleicht hat so ein Mann auch nie Lust auf eine Kindererzeugung, das könnte auch der Fall sein, das macht dann auch nichts, weil für so ein Mannsein gehört so eine Kindererzeugung nicht zwingend dazu, was es zum Frausein jedoch schon tut, was wiederum bedeutet, dass ein Mann ein ganzes Leben lang Zeit hat für seine Bildung und was er sonst noch so wollen könnte, was so einem Arztsein nicht im Wege steht, wobei ein Frausein so einem Wollen schon im Wege stehen würde, ein Glück, wenn man keine Frau ist, ticktack, sagen wir da nur, ticktack.

Und ohne viel nachzudenken, war das einfach klar für Anja, dass Leben so geht, und sie ist auf „die Schwesternschul“ (wobei sie nicht wie ihre Oma und ihre Mutter „Schwesternschul“ sagt, sondern den heutigen Begriff „Ausbildung im gehobenen Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege“ verwendet, der gefällt Anja besser, der klingt so gehoben und so komplex und somit mehr nach dem, was der Beruf wirklich ist, und weniger nach katholischem Internat, in dem man mit nassen Fetzen verdroschen wird).

Auf jeden Fall hat Anja nach ihrer Ausbildung gleich gearbeitet, was gut war wegen Geld und Sicherheit, aber Magda hat oft zu ihr gesagt, dass sie das alles nie packen würde, ihr wäre das alles viel zu heftig und viel zu sehr angebunden und außerdem zu freiheitsfeindlich. Magda wollte sich nie aufopfern für einen Job. Hat Soziologie studiert und Philosophie und dann Pharmazie, alles nur kurz, hat ihr alles nicht entsprochen, wollte was finden, was ihr entspricht, und wollte sowieso lieber reisen, Magda wollte immer reisen und hat dann in einem Kindergarten in Argentinien gearbeitet und seitdem macht sie das so, dass sie in ein anderes Land fährt und dann zurückkommt. Jetzt arbeitet sie im Feinkostladen zum Beispiel, das macht sie meistens, zwei Monate im Feinkostladen der Kindheit arbeiten und dann wieder weg ins nächste Land, das hat auch was, sagt sie, der Feinkostladen, die Kundschaft, zu sehen, wie die Leute von früher geworden sind, wer da geblieben ist und warum, man erfährt so viel.

Anja wäre viel zu feig für so ein Leben und genau deshalb ist sie so stolz auf ihre spontane Kündigung, das wird Magda gut gefallen, die noch immer nicht da ist, Anja schreibt also schnell: Kommst du eh noch? Man weiß ja nicht, vielleicht ist was, aber Magda antwortet sofort: BIN GLEICHDA!! mit vielen Clownsgesichtern dazu.

Anja ist schon so aufgeregt, sie macht sich bereit, ob Magda sehr beeindruckt von ihrem Bienenkostüm sein wird? Bestimmt wird sie das, Anja streicht sich über ihre samtigen Flügel und muss jetzt schon lachen, und überhaupt, was Magda wohl antworten wird, wenn sie einfach so, ganz nebenbei den bedeutungsvollen Satz sagen wird: „Ich hab gekündigt.“ Wird sie überhaupt einfach sagen: „Ich hab gekündigt“? Gute Frage, gut, dass diese Frage jetzt gestellt wird, jetzt, bevor Magda kommt, und dass nicht mehr überlegt werden kann, es ist wichtig, bereits im Vorfeld überlegt zu haben, wie die Pointe am besten präsentiert werden kann, das ist eine wichtige Überlegung, so eine Pointenpräsentation. Soll Anja gleich direkt zur Punchline kommen, so „He Magda, ab jetzt bin ich arbeitslos“? Oder soll sie die Geschichte eher aufbauen, alles von Anfang an erzählen, so wie Magda und Anja das immer machen, sich jeden Scheiß und jedes Detail ausführlichst berichten?

Sie könnte die Geschichte bereits in der Arztpraxis beginnen, in der sie war, als die Kündigung passiert ist, Anja könnte Magda die Anekdote mit den beiden alten Damen erzählen, damit Magda auch was davon hat, damit sie nicht nur die Information der Kündigung erhält, sondern auch ein bisschen Spaß hat und dann ganz erleichtert ist, wenn die Pointe folgt, nämlich, dass Anja raus ist aus dem Job, mit der Oberpointe, dass sie gar nicht weiß, wie es weitergehen wird, sodass Magda begeistert aufschreien können wird, wie es ihre Art ist, aufkreischen wird sie und laut lachen und dabei jubeln und in die Hände klatschen, wird einen Gin Tonic zum Malibu Orange dazu bestellen und vielleicht noch einen Haxenspreitzer, das Café Ulli ist das einzige Lokal, von dem Anja weiß, das noch Getränke mit derartig unerhörten Namen verkauft.

So machen das Anja und Magda immer, sie regen sich auf, stundenlang, darüber, dass ein Getränk tatsächlich einmal Haxenspreitzer geheißen hat, damals, in den sexistischen 90ern, und hier, in der Provinz noch immer so heißen darf, und bestellen dann erst recht einen für sich, trinken auf ex und dann, irgendwann, reißt Magda Anjas Beine auseinander und kreischt hinein, „Na, wirkts schon?“, und beide lachen überlaut und wenn sie Glück haben, schaut jemand empört her, was beiden immer sehr gut gefällt.

Andererseits was wissen wir schon, wie Magda reagieren wird, wir wissen ja nichts über ihr Innenleben und was die Magda, die immer so offen und volksnah tut, aber in Wirklichkeit schon ziemlich undurchschaubar ist, genau hören wollen wird. Trotzdem soll Anja die Geschichte von vorn erzählen, also, wie sie zur Nachkontrolle zur Hausärztin ist, wegen dem Ohrenproblem. Und soll auch erzählen von dem jungen Typen, der in Jogginghose vor ihr auf der Straße gegangen ist und von dem sie gleich gewusst hat, dass er auch auf dem Weg zur Ärztin ist, weil er sehr schwer atmen hat müssen in seiner Jogginghose und mit seinem wiederverwendbaren Coffee-to-go-Becher in der Hand, in dem aber kein Coffee to go drinnen war, sondern ein Kräuterteebeutel gut sichtbar herausgehängt ist. Der Typ, der natürlich in die Praxis rein ist und dann mit glasigen Augen und sehr deutlich und für alle hörbar laut schniefend mit sehr verstopfter Nase zur Sprechstundenhilfe gesagt hat: „Ich brauch eine Krankschreibung. Es geht mir nicht gut“, und dann weiter: „Und ich müsst auch zur Frau Doktor hinein, ich brauch ganz dringend einen Nasenspray“, und hat den Nasenspray sehr betonen müssen mit seiner sehr schwer verstopften Nase, und weil nur mehr ein Platz frei war im Warteraum, hat Anja ihm den einen Platz freilich überlassen, nicht, dass er umfällt, der arme junge Typ mit seiner äußerst verstopften Nase.

Und Anja hat eine Zeitschrift zur Hand genommen, um das lange Stehen zu verkürzen, es waren doch einige vor ihr dran, hat sie kurz durchgeblättert, die Zeitschrift mit viel Mode und Gesundheit, und dann wieder weggelegt, weil viel ist darin auch nicht passiert, und hat auf einmal so komische Vibes um sich herum gespürt und zwei Frauen gesehen, so ältere Frauen, so ältere gepflegte Frauen mit schwerem Parfum und dickem, rotem Lippenstift und großem Schmuck, die gemeinschaftlich den Kopf geschüttelt haben, sodass ihre Hautfalten gewackelt haben. So Frauen, die ihre übertrieben angemalten Lippen aufeinander gepresst und dann empört gelächelt haben, sodass die angebrauchten Zähne hervorgeragt haben, und dann mit Fingerspitzen die Zeitschrift, die Anja hingelegt hat, zurechtgerückt haben, so, dass die Zeitschrift exakt im gleichen Winkel auf den anderen Zeitschriften gelegen ist, weil Anja sie anscheinend nicht korrekt auf den Stapel gelegt hat. Anja hat ein bisschen gebraucht, um zu verstehen, dass so was ein Problem sein kann, ein Fauxpas, ein Tabu gar, die Damen haben einander angeschaut, kopfschüttelnd, und einander möglichst laut gesagt: „Wir haben das noch gelernt.“ Und haben gelacht auf so eine Art, die höflich tut, aber aggressiv gemeint ist, da war sich Anja sicher, und haben sich zugenickt, als müssten sie sich selbst bestätigen, dass sie im Recht sind, dass sie gerade einen gesellschaftlichen Missstand aufgedeckt haben, den nur sie auszusprechen wagen, und durch dieses mutige Aussprechen dieses Missstandes tragen sie zu einer besseren Welt bei, einer Welt, in der Magazine ab jetzt nur mehr symmetrisch übereinanderliegen, endlich, hat sich Anja gedacht, endlich kümmert sich jemand, nein, nicht irgendjemand, sondern diese Damen im Speziellen, endlich kümmern sie sich um dieses Thema, über das in unserer tabuisierten Gesellschaft viel zu wenig gesprochen wird. Gehen wahrscheinlich hobbymäßig zur Ärztin, verabreden sich wöchentlich in der Ordination, denken sich, sie zahlen ein gutes Geld in ihre Krankenversicherung ein, da wollen sie auch was haben dafür. Ihr Leben lang haben sie ihr ehrliches und moralisch anständiges Geld hineingegeben in das gute Krankenversicherungsgeldtascherl, eh viel zu viel, wenn wir uns ehrlich sind, da steht es ihnen auch zu, mindestens einmal in der Woche einen Arzt ihrer Wahl besuchen zu dürfen und dort haben sie außerdem das Recht, anständig drapierte Magazine vorzufinden, denn das ist wohl das Mindeste, denn sie haben das gelernt, damals noch, damals in der guten alten Zeit haben sie das gelernt.

Anja kennt sie schon, Anja kennt sie ganz genau, diese Patientinnen, das sind die gleichen, die wegen jedem Scheiß ins Krankenhaus rennen und sich dort eine exquisite Behandlung erwarten, denn sie sind schließlich ehrliche Steuerzahler und zahlen somit mit ihrem guten, wertvollen Geld für diese Dienstleistung, und ja es ist eine Dienstleistung, so eine Gesundmachung, man kann sich das vorstellen wie in einem Supermarkt, in den gehen sie auch hinein und wollen was haben dafür. Zum Beispiel wollen sie manchmal eine gute Banane kaufen, die sie als zahlender Kunde dann auch erwarten im Gegenzug zu ihrem ehrenhaften Geld, denn sie sind guter, zahlender, wertvoller Kunde und alle Mitarbeiter haben ihm, dem zahlenden Kunden, der sich sicher nicht Kundin nennt, nein, so viel Zeit ist nicht, einen Dienst zu erweisen und das Produkt herzugeben, das gerade erwünscht ist, und wenn das erwünschte Produkt, die gute Banane zum Beispiel, nicht erhältlich ist, dann gibt es folgerichtig eine Beschwerde beim Vorgesetzten, haben wir uns verstanden?

Anja kennt diese Menschen, „Au!“, sagen sie, „Au! Das tut so weh“, und „Fräulein“ sagen sie auch recht gern in