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Mallorca - Geliebte Insel ist eine ebenso herzliche, humorvolle wie originelle Reminiszenz an die Vergangenheit der Insel. Willy Viteka - Schriftsteller, Maler, Autor, Komponist und Photograph - enthüllt uns das Wesen Mallorcas auf eine ganz neue, sehr persönliche und unterhaltsame Art und Weise. Er zeigt uns die Insel aus einem bisher unbekannten Blickwinkel und erzählt aus seiner Jugend, als Massentourismus und Bikinis an den Stränden noch unbekannt waren. Nur wenige sind mit der Insel, der Mentalität der Mallorquiner, ihren Traditionen, ihrer Denkweise und nicht zuletzt ihrem Sinn für Humor so vertraut wie er. Mit seinen autobiographischen und fesselnden Erzählungen lässt der Autor so manchen von uns in unvergessliche Zeiten Mallorcas zurückkehren, und wer sie nicht selbst miterlebt hat, findet in diesem Buch Geschichten über herzliche Begegnungen mit den Menschen der Insel ebenso wie Episoden aus der Jugend des Autors, welche die Freiheit und Ungezwungenheit des damaligen Lebens auf der Insel zeigen, oder Beschreibungen von Orten und Landschaften, die es so nicht mehr gibt. Immer wieder wird spürbar, dass die Liebe des Autors zu dieser Insel trotz aller dort vorgegangenen Veränderungen ungebrochen ist. Mit seiner angeborenen Kreativität und Ironie, die in den hier veröffentlichten Texten und Zeichnungen gleichermaßen zum Ausdruck kommen, lässt uns Willy Viteka an seinen Erlebnissen auf Mallorca teilhaben.
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Seitenzahl: 217
Veröffentlichungsjahr: 2019
www.tredition.de
Über den Autor
Willy Viteka wird in Madrid geboren, wo er Kunst, Literatur und Musik studiert.
Seit seiner Kindheit reist er regelmäßig nach Mallorca, und im Laufe der Jahre wird die „Insel der Ruhe“ zu seiner künstlerischen Heimat.
Sein Vater führt ihn schon früh in die Malerei, Photographie und Graphik ein. Bereits während seines Studiums hat er unter der Schirmherrschaft der UNESCO seine erste Ausstellung mit Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen, die international Beachtung findet.
Nach Beendigung des Hochschulstudiums siedelt er nach London über und beginnt dort als Studiomusiker, Produzent, Musikverleger, Autor, Komponist und Redakteur bei mehreren internationalen Publikationsorganen der Branche zu arbeiten.
Seine Liebe zu Mallorca kommt in seinem literarischen Schaffen zum Ausdruck, autobiographischen illustrierten Erzählungen, von denen mehr als einhundert innerhalb und außerhalb Spaniens veröffentlicht werden.
Seine in verschiedenen Publikationen veröffentlichten zahlreichen Photographien von Mallorca finden in mehreren Ländern Verbreitung.
Seine Balearen-Kalender wurden von der Regionalregierung der Balearen herausgegeben.
MALLORCA
Geliebte Insel
Unvergessliche Geschichten
Erzählungen und Zeichnungen von Willy Viteka
© Willy Viteka
Erstausgabe: 2019
978-3-7469-8451-3 (Paperback)
978-3-7469-8452-0 (Hardcover)
978-3-7469-8453-7 (e-Book)
Erzählungen und Illustrationen: Willy Viteka
Gestaltung des Buchumschlages: Olivia Viteka
Verlag & Druck: tredition GmbH, Hamburg
Inhalt
1. Die Ensaimada
2. Mallorcas Meer
3. Spuren im Sand
4. Wolken
5. Quallen
6. Sterne
7. Der Siphon
8. Die Ball-Hupe
9. Schlüssel
10. Brunnen
11. Die Meeresschnecke
12. Meerjungfrauen
13. Die Ansichtskarten
14. Adam und Eva
15. Das Telefon
16. Die Fischhändlerin
17. Der Troubadour
18. María del Mar
19. Die Grille
20. Der Krake
21. All inclusive
22. Frohe Weihnachten
23. Der Wassereinbruch
24. Das Aquarium
Die Ensaimada
Meine erste Reise nach Mallorca, der Insel der Ruhe, machte ich als Kind Anfang der fünfziger Jahre. Es sollte nicht nur für mich ein aufregendes und unvergessliches Abenteuer werden! Vom Madrider Stadtteil Chamberí in das ferne, paradiesische Mallorca zu gelangen, aus irgendeinem mir damals undurchschaubaren Grund von meinen Eltern die Insel der Ensaimada genannt, gestaltete sich als Großereignis für die ganze Familie, für Freunde und für Nachbarn. In jenen Jahren war es noch nicht möglich, innerhalb von Sekunden per Kreditkarte ein elektronisches Ticket zu lösen, in Madrid-Barajas ein Flugzeug zu besteigen, nach knapp fünfzig Minuten auf Mallorca in Son Sant Joan zu landen und sich sogleich in die kristallklaren Fluten an den Küsten von Mallorca zu stürzen. So eine Reise dauerte einst einen ewig langen Tag im Zug und eine anstrengende Nacht auf der Fähre, alles zusammen so um die vierundzwanzig Stunden. Am Abend vor unserer Abreise lud mein Vater seine Freunde zu einem kleinen Abschiedsfest in die Stammkneipe um die Ecke ein. Im Laufe dieser beschwingten Feier bedachten ihn seine Kumpel mit einem Rettungsring aus Kork, auf dessen weißem, imprägniertem Segeltuch die Aufschrift TITANIC in Großbuchstaben prangte. Mein Vater musste seinen Freunden hoch und heilig versprechen, diesen Rettungsring auf keinen Fall vor dem allfälligen Landgang in Mallorca loszulassen. Und er, der ein Ehrenwort und einen Spaß gleichermaßen ernst nahm, trennte sich sehr zum Leidwesen meiner Mutter auf unserer Überfahrt tatsächlich keinen Augenblick von seinem Korkreifen.
An einem schwülen Julimorgen stiegen wir am Bahnhof Atocha in den Zug, liebevoll eskortiert von den in Bataillonsstärke präsenten Gefährten, die uns direkt am Trittbrett Adieu sagen wollten, als ob wir nach Amerika auswandern würden. In der Kuppel der Bahnhofshalle staute sich der beißende Rauch der Dampflokomotiven, und von den Bahnsteigen stiegen die Ausdünstungen all der Menschen auf, die sich dort zur Verabschiedung ihrer Lieben drängten. Mir schien es, als wären für jeden Reisenden jeweils mehrere Dutzend Leute aller Altersklassen gekommen, um eine gute Reise zu wünschen, und die Anzahl der zum Winken hervorgeholten weißen Taschentücher war größer als bei einem Stierkampf an San Isidro . Mit Abfahrt des Zuges leerten sich die Bahnsteige, die Tränen trockneten und die Taschentücher verschwanden aus unserem Blickfeld.
Von klein auf hasste ich Zug fahren, diese elenden Kisten auf Rädern, heiß wie ein Ofen im Sommer und eisig wie ein Gefrierschrank im Winter, mit ihrem typischen Mief nach Alt und den obligatorischen Verspätungen! Züge nervten mich mit ihrem ewigen tatak,… tatak,… tatak, dem ständigen Klackern der Räder auf den Schienenfugen. Ein Geräusch, das mich hartnäckig um jeden Schlaf brachte. Mein Vater dagegen schlief sofort tief ein, kaum dass er sich auf seinem Platz installiert hatte, und schnarchte solange, bis der Zug in einen Bahnhof einfuhr. Diesmal war ich erleichtert, denn die Tortur der Bahnfahrt sollte ja schon in Valencia enden, am Meer, dem Ziel all meiner Träume. Es war schon seltsam: Eine unbekannte Macht zog mich hin zu diesem Ozean, obwohl ich in Madrid, mitten in der kastilischen Hochebene, geboren war und das bisschen Wasser, das ich bis dahin kannte, nur das mickrige Rinnsal des Manzanares-Flusses und der seichte Weiher im Retiro-Park in der spanischen Hauptstadt waren. Am Sonntagnachmittag mit meinem Vater auf dieser trüben Pfütze Ruderboot zu fahren, war für mich das höchste der Gefühle, und in meiner Phantasie war ich Kolumbus bei der Überquerung des Atlantiks.
Spät am Nachmittag kamen wir endlich am Hafen von Valencia an, und ich war noch aufgeregter als am Weihnachtsabend in Erwartung der Geschenke. Die großartigen Schiffe mit ihren überdimensionalen Masten und Takelagen fesselten meine Blicke. Das einzige Schiff, das ich bis dahin gekannt hatte, war das kleine Segelboot, mit dem ich zuhause durch die Wellen und Stürme meiner Badewanne gefahren war.
Mit geschlossenen Augen atmete ich den einzigartigen, betörenden Duft nach Meer ein, der mich wie ein magisches Elixier von exotischen Stränden hinter dem Horizont träumen ließ, an dem der Vollmond langsam aufging.
Auch ein weißer Ozeandampfer mit seinem riesiggroßen, rauchenden Schlot, seinen roten Rettungsbooten und den unzähligen Bullaugen machte großen Eindruck auf mich, und obwohl er bestimmt schon ein halbes Jahrhundert lang die Wogen des Mittelmeers durchpflügt hatte, war er doch allem Anschein nach das modernste Dampfschiff im Hafen. Und wenn er es doch nicht war, so hatte er wenigstens den größten Schornstein.
Zu meinem großen Bedauern konnte ich das Geheimnis des rätselhaften Gebäcks namens ensaimada nicht gleich lüften. Denn meine Mutter, bleicher als eine Heilige auf einem Gemälde von Murillo, hatte ein großes Glas Wasser mit einem Schlafmittel und einer Pille gegen die Übelkeit eingenommen. Sie packte mich am Arm und zog mich energisch und ohne viel Federlesen in unsere Kabine.Grundsätzlich verabscheute sie alle Schiffe und die darauf häufig grassierende Seekrankheit. Ihrer Meinung nach konnte man eine solche Überfahrt wie die unsere nur im Zustand der Bewusstlosigkeit überstehen, also schlafend. Sie legte sich in ihre Koje, steckte den Kopf unter die Kissen und war dank der eingenommenen Tabletten im Nu im Reich der Träume verschwunden.Aber ich wollte nichts von dem prächtigen Wellengang draußen verpassen, und am wenigsten die tollen Kapriolen unserer Fähre mitten im großen Meer. Ich war gespannt auf ein unvergleichliches Abenteuer. Nur einmal hatte ich schon so etwas ähnliches erlebt, allerdings in einer eher abgespeckten Variante, auf dem Rummelplatz beim San Isidro-Fest in Madrid, als ich Schiffschaukel fahren durfte. Vor allem musste ich jetzt, egal wie, so schnell wie möglich zurück in die Bar, um die süße Versuchung zu verschlingen, die in der Vitrine tanzend auf mich wartete.
Mit kindlichem Übermut dachte ich, die Kulisse mit den riesigen Wellen und dem stampfenden Schiff, das eigentlich in jedem Moment in den Fluten versinken konnte, sei speziell für mich, zu meinem ganz persönlichen Vergnügen inszeniert worden, ensaimada inbegriffen.Es schien, als ob alle Passagiere und Besatzungsmitglieder vom Schiff verschwunden wären. In Wahrheit kämpften die Armen auf Toiletten, in Kabinen und im Schiffsbauch mit einer abscheulichen Übelkeit, ekelhaftem Brechreiz und gewaltigem Bauchgrimmen.Kaum war meine Mutter wie ein Murmeltier eingeschlafen, kramte ich allem Geschlinger zum Trotz den Rucksack mit meinen Badesachen für den Strandeinsatz unter der Koje hervor. Darin hatte ich eine Holzschaufel, einen Blecheimer und einen Rettungsring in Form einer Gummiente verstaut. Aus voller Lunge blies ich die Ente auf, zog sie mir über den Bauch und war überzeugt, damit bald genüsslich die schönsten Wellenberge abreiten zu können.
Völlig aufgeregt rannte ich damit durch die schmalen Gänge in Richtung Bar, wobei ich ziemlich unfreiwillig wie eine Kickerkugel von einer Wand zur anderen geworfen wurde, während mir beim bloßen Gedanken an die auf mich wartende "ensaimada" das Wasser im Munde zusammen lief.
Trotz des entsetzlichen Stampfens des Schiffes blieb ich wie angewurzelt stehen: Die "ensaimada" war aus der Vitrine verschwunden! Nur der leere Teller rutschte im Takt der Wellenberge immer noch von einem Ende des Glasschrankes zum anderen. Hatte ich vielleicht alles nur geträumt? Der Kellner war auf einmal auch von der Bildfläche verschwunden. Mein Vater allerdings hing nach wie vor fest vor Anker. Er schnarchte aus vollem Halse und hatte den Kopf mitsamt seinem Rettungsreifen auf die Bartheke gebettet. Ich musste mich mehrmals kneifen, um festzustellen, dass ich tatsächlich nicht träumte oder gar schlafwandelte.
Vor Beginn unserer Reise hatten mir meine Eltern erklärt, dass wir unsere Ferien auf der fernen Insel der ensaimada verbringen würden. Und jetzt, je näher ich dieser Insel kam, wirbelten und spukten immer mehr Trugbilder über dieses mysteriöse Gebäck durch meinen kleinen Kopf. Schlimmer noch: Ich hatte ganz kurz ein Exemplar zu Gesicht bekommen, ohne es anfassen oder schmecken zu dürfen, und allein der Gedanke an die wie durch Zauberhand verschwundene ensaimada reichte aus, um in meiner ausufernden Phantasie die tollsten Hirngespinste und fabelhaftesten Vorstellungen herauf zu beschwören: Ich stellte mir Mallorca als ein Schlaraffenland vor, in dem ensaimadas auf Bäumen mit Blättern aus Zuckerwerk gezüchtet wurden, oder als eine gigantische ensaimada, die frei auf dem Meer schwamm.
Durch die Bullaugen erspähte ich Wellenkämme, die wie prächtige Märchenschimmel glänzten, und schwarze Schlünde, die das Schiff in die dunklen Abgründe des Ozeans hinunterziehen wollten. Hoch oben erschien dazu ein unbeirrbarer Mond zwischen silbergrauen Wolken, er hatte sich in eine phosphoreszierende ensaimada verwandelt.
In meiner Verzweiflung robbte ich immer wieder in alle Ecken der Bar. Meine ängstliche Suche machte auch vor dem dort aufgestellten Mülleimer nicht halt: ich stülpte ihn um und beschnupperte jede einzelne Papierserviette, die mir entgegenfiel, ohne auch nur eine einzige Spur oder einen Hinweis auf die ensaimada darin zu finden.
Traurig und enttäuscht kroch ich unter Tischen und Sesseln hindurch bis zu einer Ecke mit einer großen Luke, von wo aus ich mich wenigstens mit dem Anblick der hypnotisch leuchtenden ensaimada trösten konnte, die durch den Nachthimmel über dem Mittelmeer tanzte.
Der Wind aus dem Golf von Lyon peitschte die Wellen immer wieder zu haushohen Brechern auf und ließ sie wütend auf unsere Backbordseite knallen. Der Dampfer ächzte, stöhnte und krachte in allen Fugen, er war wie ein Papierschiffchen zum Spielball der mächtigen See geworden.
Die Wogen hoben ihn hoch und ließen ihn fallen, balancierten ihn kurz aus und stürzten sich dann mit voller Wucht auf das Deck, und der Schaum lief an den Luken herab wie beim Sichtfenster einer Waschmaschine, obwohl mich die Spritzer mehr an einen Milchshake erinnerten. Der Mond, in eine himmlische ensaimada verwandelt, hüpfte wie ein Jojo schwindelerregend auf und ab und verwirrte mich derart, dass ich darüber sogar meine Schwimmente vergaß und was ich mit ihr vorgehabt hatte.
Schrille Schreie aus dem Unterdeck holten mich unsanft zurück aus meinem Traum vom ensaimada-Mond. Das Gekreische wurde immer lauter, als der Koch mit einem überdimensionalen Teigroller bewaffnet auf allen Vieren die Treppe herauf gekrochen kam, gefolgt vom Küchenjungen, der einen Topfdeckel als Schutzschild auf seinen Kopf presste. Keuchend und mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen schrieen beide aus vollem Hals: "Pferde, Pferde, die Pferde kommen!"
Tatsächlich hörte man kurz darauf, durch die dröhnende Kakophonie der Stimmen und des Sturms hindurch, ein ohrenbetäubendes Gewieher und das in dieser Umgebung verwunderliche Geklapper von Hufen. Der Koch und sein Lehrling setzten in panischer Angst über den Tresen der Bar und äugten vorsichtig dahinter hervor.
Plötzlich erschienen unter lautem Getöse zwei zügellose Pferde. Sie hatten sich ihrer Fesseln entledigt, waren aus dem Laderaum geflüchtet und auf das Unterdeck und in die Küche gestürmt. Dort hatten sie ein heilloses Durcheinander angerichtet und absolutes Chaos verursacht. Die durchgegangenen Gäule, Schaum vor den Nüstern wie die wütenden Wellen draußen, setzten über die Sessel und sprangen zwischen den Tischen des Salons hin und her. Und ich, in meiner Ecke, schaute fasziniert diesem surrealen, verrückt gewordenen Karussell zu.
Genau in diesem Augenblick wachte mein Vater an seinem Ankerplatz auf und überprüfte in Anbetracht des außergewöhnlichen Schauspiels diskret die Cognacflasche in seiner Jackentasche. Zweifellos erwog er für einen Moment, ob er vielleicht doch etwas zuviel davon erwischt hatte.
Nachdem die beiden Pferde praktisch das gesamte Mobiliar zertrümmert hatten, machten sie sich wiehernd und schnaubend über die Treppe zurück nach unten davon. Fast gleichzeitig hatten der Koch und sein Lehrling die irrwitzige Bühne verlassen und sich in Luft aufgelöst. Durch die wilde Bearbeitung durch Hufschläge und das Anrennen der Pferde von ihren Befestigungen am Boden befreit, schienen sich die Sessel in rasende Autoscooter verwandelt zu haben, ein Vergnügen, das mir immer schon auf Volksfesten so gefallen hat. Angetrieben von den bösen Schlingerbewegungen unseres Schiffes sausten sie im Zickzackkurs über das Parkett des Salons. Ohne groß zu überlegen, warf ich mich auf den erstbesten dieser fahrenden Polsterstühle. Aber der erste Zusammenstoß mit einem anderen Möbelstück war so heftig, dass ich aus meinem Sessel katapultiert wurde, bäuchlings über einen noch verankerten Tisch rutschte und von dort aus kopfüber auf dem Boden landete. Bevor ich das Bewusstsein verlor, stach mir die Silhouette der phosphoreszierenden ensaimada durch das Bullauge ins Auge und ich sah, wie sie sich über meinen peinlichen Sturz halb tot lachte.
"Wach' auf, wach' auf, wir sind gleich in Mallorca!", hörte ich meinen Vater rufen, während er mir sanft die Wangen tätschelte. Verwirrt öffnete ich die Augen, meinte aber immer noch zu träumen, denn ich fand mich in der Koje in unserer Kabine wieder, die aufgeblasene Gummiente zu meinen Füssen.
Seinen Rettungsring nach wie vor um den Hals, zwinkerte mir mein Vater hinter dem Rücken meiner Mutter unauffällig zu, die sich gerade zurechtmachte. Dieses Augenzwinkern war unser abgemachtes Zeichen, wenn es um Geheimnisse nur zwischen ihm und mir ging. Ziemlich verdattert merkte ich, dass unser Schiff, die „Rey Jaime“, nicht mehr von einer Seite auf die andere rollte. Meine schmerzhafte Beule am Kopf war dennoch Beweis genug, dass ich die vergangene Nacht nicht hier auf diesem Bett verbracht und von magischen ensaimadas, Riesenwellen und wild gewordenen Pferden nur geträumt hatte.
Um unbequemen Fragen meiner Mutter aus dem Weg zu gehen, deckte ich schnell meine Blessur mit dem Strandhut zu und streifte mir meine Gummiente über den Bauch, um das Ablenkungsmanöver noch etwas zu vervollkommnen.
Dann erklomm ich mit meinen Eltern voller Erwartung das Deck, wo sich gerade mehrere seekranke Passagiere krümmten und über die Reling beugten, um geräuschvoll „die Möwen zu füttern“.
Wie von Zauberhand waren Wind und Wellen verschwunden, und das Meer breitete sich im Licht eines herrlichen Sommersonnenaufgangs als schimmernde Schale vor uns aus, wo ganz ab und zu die silbrig glänzenden Leiber eines Schwarmes fliegender Fische die glitzernde Oberfläche durchbrachen.
Vom Bug aus erkannte man die spektakuläre Westküste Mallorcas, mit der imposanten Silhouette der Insel Dragonera an ihrem äußersten westlichen Ende. Aber so sehr ich den Horizont wie der "Letzte Mohikaner" aus einem Wildwestfilm auch absuchte, ich konnte keine einzige ensaimada am Ufer entdecken. Nur die llaüts, die typischen Fischerboote aus Mallorca, durchpflügten mit ihren schneeweißen Segeln das ruhige, türkisblaue Wasser.
Als wir uns dem Hafen von Palma näherten, beeindruckten mich die sagenumwobene Burg von Bellver und die unvergleichliche, scheinbar direkt am Ufer klebende Kathedrale. Allein, es gab immer noch keine einzige Spur oder irgendeinen Hinweis auf die Existenz einer ensaimada.
Kaum spürten wir feste Mallorquiner Erde unter den Füßen, ließ mein Vater einen Träger herbeirufen, dem er zunächst unser Gepäck auf seinem Karren anvertraute, sogleich aber auch Anweisung gab, uns "mit Rückenwind und vollen Segeln" in die Bar am Hafen zu lotsen, nicht ohne vorher dem perplexen Kofferkuli feierlich den immer noch um seinen Hals hängenden "Titanic"-Rettungsring zu überreichen.
Meine Mutter, sichtlich über das Verschwinden des verflixten Accessoires erleichtert, und ich, immer noch auf der Hut wegen meiner Beule, die mir ordentliches Kopfweh bereitete, nahmen auf der Terrasse einer Bar gegenüber der Mole Platz, während mein Vater im Inneren der Kneipe verschwand, wo Fischer und Mitglieder der Guardia Civil dicht gedrängt standen und lauthals über die Ereignisse beim letzten Stierkampf diskutierten. Nach kurzer Zeit erschien mein Vater wieder, mit einem breiten Lächeln drei Teller balancierend. Als ich sie entdeckte, gingen mir die Augen über und das Wasser lief mir im Munde zusammen: Auf zwei Tellern befand sich je eine ensaimada, auf dem dritten sogar zwei, eine auf der anderen. Er streckte mir diesen Teller entgegen und sagte mir mit seinem besonderen Augenzwinkern: "Die untere ensaimada ist der Nachtisch von gestern Abend, und die obere ist dein erstes Frühstück auf Mallorca."
Ich erinnere mich noch gut an die erste Kostprobe dieser himmlischen Versuchung und weiß auch noch genau, wie diese unvergleichlich süßen Stücke eines nach dem anderen in meinem Mund zergingen und ich zum Schluss die letzten Spuren des Puderzuckers mit dem Finger vom Teller tupfte. Nie werde ich diese Momente des Glücks vergessen: Endlich war ich angekommen in Mallorca, an der Küste des von mir so sehnsüchtig herbeigewünschten Mittelmeers, und an meinem Gaumen schmolz eine ensaimada !
In den Ferien auf der Insel machte es mir nie etwas aus, früh aufzustehen und für meine morgendliche ensaimada bis zur einzigen Bäckerei in Cala d'Or zu laufen. Allzu viele buk dieser Bäcker nicht, und wenn ich zu spät aufstand, konnte es mir passieren, dass die Vitrine leer war. Allein schon die Vorstellung einer Vitrine ohne ensaimada löste bei mir seit der ersten Überfahrt nach Mallorca eine ausgewachsene Panik aus. Wenn es aber doch irgendwann so kam, und mein Lieblingsgebäck ausverkauft war, dann strampelte ich wie ein Verrückter die fünf Kilometer bergauf bis zum nächsten Bäcker in Calonge, oder auch bis zum übernächsten in S'Horta. Manchmal musste ich sogar bis nach Felanitx, in die berühmte Konditorei "Forn de Can Vica", das war dann schon fast ein Marathon von 40 km für die Hin- und Rückfahrt, und alles nur für eine einzige "ensaimada"!
Selbstverständlich packte ich vor meiner Rückkehr nach Madrid immer meinen Koffer bis zum Bersten mit achteckigen Schachteln mit Creme oder Engelshaar gefüllter ensaimadas voll.
Wehmütig erinnerte mich daheim in Madrid jeder Bissen davon an meine glücklichen, unbekümmerten Tage auf Mallorca. Mit jeder ensaimada-Schachtel, die ich mir auch heute noch von der Insel mitnehme, begleitet mich immer ein innig geliebtes Stück Mallorca zurück nach Hause.
Mallorcas Meer
Schon in frühester Kindheit fühlte ich mich vom Meer über die Maßen angezogen, habe aber schlichtweg keine Ahnung, von wem oder woher ich das habe. Keiner meiner Vorfahren hatte irgendeine Verbindung zu Seefahrt, Fischerei oder Marine. Zudem kamen meine Eltern am Fuße der österreichischen Alpen und am Ufer der Donau zur Welt und wuchsen dort auch auf.
Meine Großeltern und Urgroßeltern, von Beruf Archäologen, Paläontologen und Speläologen, verbrachten einen Großteil ihres Lebens damit, in Ruinen, Höhlen und Bergen Bruchstücke der Vergangenheit zu suchen, auszugraben und zutage zu fördern, oder in ein Meer verstaubter Bücher, Landkarten und Handschriften einzutauchen. Dabei verloren sie natürlich nie den Boden unter den Füßen, auch wenn dieser bisweilen nicht ganz fest war.
Was mich betrifft, so wurde ich an dem am weitesten vom Meer entfernten Punkt der Iberischen Halbinsel geboren, nämlich mitten auf der kastilischen Hochebene im Madrider Stadtteil Chamberí. Das Einzige, was mich dort als Kind mit dem fernen und märchenhaften Meer verband, waren die Sardinen und kleinen und großen Seehechte, die erstarrt auf einem Bett aus zerstoßenem Eis am Fischstand auf dem Markt ausgestellt waren, dekoriert mit Farnblättern, um den Eindruck von Frische zu erwecken, während sie geduldig ganze Schwärme von Fliegen auf ihren Schuppen ertrugen, sowie die unvermeidlichen in Essig eingelegten Sardellen, die in der Kneipe auf der anderen Straßenseite leblos in einer flachen Schale lagen und noch bleicher waren als die Gesichter auf einem Gemälde von El Greco.
Einmal im Jahr präsentierte sich das Meer in seiner durch den Menschen pervertierten Form in den Straßen Madrids, nämlich am 18. Juli, und zwar in Form unzähliger frisch gebügelter weißer Uniformen, die auf dem nahen Paseo de la Castellana paradierten. Auf allen Vieren zwischen den Beinen der Zuschauer hindurchkriechend, bahnte ich mir einen Weg in die vorderste Reihe, doch so sehr ich meine Nase auch anstrengte, die makellose Kleidung der Kadetten der Kriegsmarine verströmte weder den Geruch von frischem Fisch noch den Duft des Meeres, wie ich ihn mir vorstellte. Vielmehr schlug mir eine üble Wolke von durchaus bekanntem und sehr „terrestrischem“ Schweißgeruch entgegen, die mir den Atem raubte.
Mir blieb also nichts anderes übrig, als weiter den Ferientag herbeizusehnen, an dem ich – an einem jener wunderbaren Strände von Cala d´Or - zum ersten Mal Mallorcas Meer an meinen Kinderfüßen spüren sollte.
Bevor ich jedoch das Traumziel meiner Sommerfrische erreichte, musste ich erst eine quälende und mühsame Tagesreise im Zug von Madrid nach Valencia und eine schier unendliche und bewegte nächtliche Überfahrt per Schiff über mich ergehen lassen und schließlich drei Stunden die Stöße und das Schaukeln und Ruckeln von „La Exclusiva“ ertragen, jenem vorsintflutlichen Bus, der die einzige Verbindung zwischen der legendären Bar Avenidas in Palma und dem abgelegenen – und damals kaum bekannten – Cala d´Or an der weit entfernten Costa de Llevant bediente. Trotz der unbequemen Fahrt über staubige, nicht asphaltierte Landstraßen mit kleinen und großen Schlaglöchern und verwirrt umherlaufenden Hühnern, denen der Fahrer auszuweichen versuchte, Straßen, auf denen kaum Verkehr herrschte, abgesehen von dem einen oder anderen Eselskarren oder einem einsamen Bauern, der gemächlich in die Pedale seines klapprigen Fahrrads trat, war die Reise an Bord dieses überladenen Ungetüms unterhaltsam. Ich fragte mich aber ein ums andere Mal, wo denn das Meer sei. Außer während des kurzen Aufenthalts im Hafen, als ich noch etwas verschlafen und seekrank war, hatte ich kaum erkennen können, dass ich am Meer war, und nun, vom Autobus aus, sah ich nur trockene Felder und in der Ferne ein paar Berge. Durch das ständige Geschaukel fühlte ich mich wie in einem Sturm auf hoher See und nicht wie mitten auf der Insel Mallorca, die mich ihren Staub schlucken ließ.
In jedem Dorf kündigte „La Exclusiva“ die schon erwartete Ankunft mit Pauken und Trompeten, sprich: mit einem ohrenbetäubenden Hupkonzert, an. Dieses endete erst „nach Erreichen der Parkposition und Abschalten der Triebwerke“ auf dem Hauptplatz vor dem Wirtshaus und gegenüber der Kirche. Dort waren die Einheimischen schon voller Erwartung versammelt und drängten sich sogleich mit lautstarker Geschwätzigkeit um das Gefährt. Mit den Reisenden trafen die neuesten Nachrichten und Klatschgeschichten aus Palma ebenso ein wie die Post, die Zeitungen sowie alle möglichen Waren und sogar Tiere, die auf dem Dach des Busses verstaut waren.
Mir schien es, als sei dieses historische Vehikel die Nabelschnur, die diese verschlafenen Dörfer mit der damals noch so fernen und von vielen Inselbewohnern als „Nabel der Welt“ empfundenen Hauptstadt verband. Mit jedem Halt sank die Zahl der mit der schaukelnden und hupenden „La Exclusiva“ weiterreisenden Passagiere, und je weiter wir uns von Palma entfernten, desto kleiner wurden sowohl die Dörfer als auch meine Hoffnung, jemals in Mallorcas Meer hineinspringen zu können.
Die Fahrt mit der betagten „La Exclusiva“ von Palma nach Cala d´Or wurde in meiner Fantasie allmählich zu einer Seereise bei Sturm in einer Nussschale. Außerdem war sie nicht nur von Schaukeln und Schütteln begleitet, sondern auch von stickiger Hitze, denn sie fand während der heißesten Stunden des Tages statt, wobei die Abfahrt vor der „Bar Avenidas“ planmäßig um halb drei Uhr nachmittags erfolgte und die voraussichtliche Ankunft in Cala d´Or „abhängig vom Wind“ für ungefähr halb sechs Uhr vorgesehen war. Meiner Meinung nach wäre es um diese Tageszeit besser gewesen, unter einer Pinie an der Küste von Mallorcas Meer eine Siesta zu halten, als sich in einem eingestaubten Backofen auf Rädern weich kochen und durchschütteln zu lassen.
Als sich der Bus in Calonge, dem allem Anschein nach letzten Halt vor unserer Ankunft in Cala d´Or, in Bewegung setzte, waren meine Eltern und ich die letzten Passagiere, die sich noch an den rissigen und arg strapazierten Ledersitzen festklammerten. Ganz benommen vom Geklapper unseres Gefährts, begann ich mir zu diesem Zeitpunkt vorzustellen, dass ich wohl nie das Meer, sicher aber so etwas wie das Ende der Welt aus der Nähe zu sehen bekommen würde. Der einzige Hoffnungsschimmer, der mir noch blieb, war die Tatsache, dass „La Exclusiva“ rundum blau lackiert war, und das musste doch eine Bedeutung haben und in irgendeinem Zusammenhang mit der Endstation der Reiseroute stehen: Mallorcas Meer.
Während wir bergab fuhren und eben das letzte Haus von Calonge hinter uns gelassen hatten, lag plötzlich und wie von Zauberhand von einem Ende des Horizonts bis zum anderen das heiß ersehnte Meer vor uns.
Meine Eltern brachen in Ausrufe des Entzückens und der Erleichterung aus, während ich mit offenem Mund dasaß und mich in den Arm kniff, um sicher zu sein, dass ich nicht träumte. Das Meer glänzte unter der sengenden Sonne in intensivem Blau, und in der Ferne leuchteten aus dem kräftigen Grün üppiger Pinien als vereinzelte weiße Farbtupfer die wenigen Chalets – in dem für Ibiza typischen Baustil - hervor, aus denen diese Oase des Friedens und der Beschaulichkeit namens Cala d´Or zur damaligen Zeit bestand, „erfunden“ und gegründet durch Pep Costa, einen von Ibiza stammenden Journalisten und Karikaturisten.
Den Blick fest auf das fesselnde Blau des Meeres gerichtet und hypnotisiert von der großartigen Szenerie, bemerkte ich nicht einmal mehr die ungeheuerlichen und unablässigen Stöße, Schaukelbewegungen und Schläge, mit denen uns „La Exclusiva“ auf den letzten vier Kilometern bis Cala d´Or malträtierte, wobei sie mit lautem Geklapper den engen und einsamen Weg entlang schwankte, der mit Schlaglöchern, Rinnen und Steinbrocken übersät und zu beiden Seiten von Trockensteinmauern eingefasst war, zwischen denen sie gerade so hindurchkam.
Nie werde ich jenen Sommer-Nachmittag vergessen, an dem ich am Ende einer anstrengenden Reise endlich am „Caló de ses Dones“ stand, wie die Cala Petita von Cala d´Or damals hieß.
