Malverde - Brigitte Brandl - E-Book

Malverde E-Book

Brigitte Brandl

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Beschreibung

Im Kampf gegen eine tödliche Epidemie begegnen sich im Hochland Kolumbiens der deutsche Arzt Piet Lober und der einheimische Biologe Acacio Varela. Piet glaubt an den schnellen Erfolg, ist aber ganz schnell überfordert mit Todkranken, Not, Elend, Drogenkrieg und Guerillaterror. Die Erfolge fährt Acacio ein. Je schwächer Piet sich selber fühlt, umso stärker wird seine Bewunderung für die Leistungen Acacios – und schließlich für Acacio selbst. Es bleibt nicht bei Bewunderung - und Acacio geht es ebenso. Aus Rivalität wird Liebe. Eine Liebe, die alle wollen: Piet, Acacio, ihr Umfeld - die Gebildeten ebenso wie die die einfachen Bauern im Regenwalddorf. Aber niemand bekennt sich dazu. Denn alle haben ihre Gründe. Nicht die tödliche Krankheit führt zur Katastrophe, sondern die Lüge. Und die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

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Seitenzahl: 382

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Brigitte Brandl

Malverde

Das Unkraut namens Lüge gedeiht überall

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

MALVERDE

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Impressum neobooks

MALVERDE

1

Die Limousinen fuhren durchs Tor, die Einfahrt hoch bis zum Vorplatz, gewichtig, stattlich, bedeutsam. Sie reihten sich auf vor der Blumenrabatte mit den lila Orchideen, die die Jubilarin sich zum Fünfzigsten gewünscht hatte.

Piet stand auf dem Balkon und zählte die Wagen, als könne er die Minuten zählen, die ihm noch blieben, bis er runter musste in die Halle, wo die Eltern die Gäste begrüßten.

Dann kam der Anruf. Niemand sonst hätte um diese Zeit anrufen können! Silvia und Henning waren unten in der Halle, alle anderen auch. Als er die ko­lumbianische Län­derkennung auf dem Display sah, fing er an zu zittern. Wie hatte er darauf ge­wartet, die ganzen verdammten Wo­chen lang!

Zuerst hörte er nur ein Rau­schen, dann eine Stimme. Er kannte die Stimme, aber es war nicht die, die er hören wollte. Es war die Stimme von Hugo, dem Bürgermeister. Er atmete in den Hörer, als trüge er eine große Last.

„Hugo! Was ist denn passiert, um Himmels Willen?“ drängte Piet, und der Bürgermeister begann zu schluchzen.

„Es war ein Unfall! Du weißt doch, Pedro, dass Acacio immer ge­fahren ist como un loco. Die Straßen sind schlecht und der Wagen ist alt, aber das hat er doch nie hören wollen! Zweimal hat sich der Wa­gen überschlagen! Als man ihn gefunden hat, lag er in dem Metallgestell als ob er schliefe, ganz ru­hig.“ Hugo seufzte laut. „Er hat nicht gelitten,“ stam­melte er, „Pedro, er hat wenigstens nicht gelitten! Er hat sich das Genick gebrochen. Acacio ist tot.“

Piet wollte antworten, aber in seinem Kopf war nichts mehr, was er hätte sagen kön­nen. Der Schock schnürte ihm die Kehle zu, und das Zimmer verschwamm zu einem wa­bernden Brei aus Farben.

Er ließ das Telefon fallen und drückte sei­ne Hand vor den Mund. Die Säure, die aus seinem Magen aufstieg, trieb ihm die Tränen in die Augen. Es gelang ihm gerade noch, das Badezimmer zu er­reichen, bevor er sich übergab. Der beißende Geruch nahm ihm die Luft, und die Stimmen aus der Halle mischten sich mit Hugos Schluchzen. Alles ergoss sich wie ein Schwall über ihn, und selbst den Schmerz, als er mit dem Kopf auf den Ba­dezimmerboden aufschlug, spürte er nicht. Hugos Geisterstimme wiederholte immer wieder: „Acacio ist tot.“

Als er wieder zu sich kam, sah er seinen Vater, der ihn entsetzt anstarrte. Er sei doch wohl nicht jetzt schon betrun­ken? Am Geburtstagsfest seiner Mutter?

Piet kniff die Augen zusammen. Schlag ihn ins Gesicht, schlag ihn doch einfach ins Gesicht! war sein einziger Gedanke. Doch er war nicht einmal in der Lage, seine Hand zu heben. Er drehte seinen Kopf weg, aber er konnte auch nicht heu­len.

„Piet, was ist mir dir?“ hörte er seine Mutter fragen und die grimmige Antwort seines Va­ters: „Unser Sohn ist betrunken! Sieh zu, dass die Gäste nichts mer­ken.“

Piet schloss die Augen wieder, und der Abscheu drehte ihm fast noch einmal den Magen um. Er wollte schreien, so lange bis er aufwachte aus diesem Alptraum und tatsächlich be­soffen irgendwo in seinem Zimmer lag. Mach, dass das nicht wahr ist, Herrgott, mach, dass ich spinne, aber lass das hier nicht wirklich sein! Würg doch nochmal, Piet Lo­ber, spuck es doch raus, dann ist es vorbei, und alles ist wie bis­her. Nichts ist passiert!

Doch es war passiert. Und er wusste es. Er lag auf dem Badezimmerboden, und wenn er die Augen öffnete, würde er wie­der das Gesicht seines Vaters sehen. Statt Sorge oder wenigstens Ratlosigkeit wäre nur Verachtung darin. „Wir haben Gäste!“

Piet spürte keine Trauer mehr, nur Abscheu. Kalten, gifti­gen Abscheu. Er griff seinen Vater am Arm. „Ich bin nicht betrunken, Vater. Acacio ist tot. Autounfall. Hugo hat gerade an­gerufen.“

Er sah zu seiner Mutter. „Sag Deinen Gästen, ich bin krank.“

Dann stand er auf und ging in sein Zimmer.

Den Flug nach Kolum­bien buchte er tags darauf.

2

Was für ein Blick! Der Landeanflug auf den internationalen Flug­hafen El Dorado ist stets spektakulär. Die Maschine durchkreuzt enorme Wolkentürme, dann wieder reißt die Wolken­wand auf, und das Panorama ist faszinierend: die Bergketten halten die die weite Hochebene wie in einer Umarmung, und über das gesamte Gelände erstreckt sich die Stadt wie ein braun­roter Fli­ckenteppich. Sie baut sich auf aus den verstreu­ten Siedlungen am Ran­de, die in die Täler hineindringen und weit über den Fuß der Berge hinauf. Im Zentrum ragen die Hochhaustürme hinaus aus dem Braunrot mit ihren hellen Fassaden und den Rei­hen dunk­ler Fenster, die aus der Ferne wie ein Streifenmuster aussehen. Die Hoch­häuser ballen sich auf einem - im Vergleich zu den Aus­maßen der Stadt - kleinen Terrain, als habe man sie ge­waltsam in den Fli­ckenteppich gesetzt. Oder als hätten sie sich aus dessen Falten gebildet, als das Ge­birge sich gegen die Ausdeh­nung der Stadt gewehrt und sie zusammen geschoben hat. Unwirt­lich sind sie, fast schon hässlich; sie stö­ren die sanfte Lage der Stadt in ihrer Hochebene und wollen trotzig mit den mächtigen Bergen um sie herum in einen Wettstreit treten.

Die Maschine schwebt in einer weiten Rechtskurve ein, bedrohlich schräg. Immer wieder scheint sie kurz davor, mit der Trag­fläche die Berge zu streifen. Dann, als nähme sie Anlauf, zielt sie auf die Stadt. Nun kann man die Häuser erkennen. Der braunrote Brei löst sich auf, und man sieht das Schachbrett aus Straßen, alle angeordnet von Nord nach Süd und von Ost nach West, kleine Vor­ortgassen und breite Ave­nidas, die ins Stadtzentrum führen. Gärtchen wer­den sichtbar, kleine Parks und begrünte Plätze. Die Hochhäu­ser haben aus die­ser Perspektive ihre Bedrohlichkeit verlo­ren, und was man vor­her noch für einen in der Sonne schimmern­den See ge­halten hatte, entpuppt sich nun als eines der riesigen, mit Kunststoffplanen überzogenen Schnittblumen­felder, die überall am Stadtrand liegen. Man sieht mittler­weile auch deutlich die Masten der Seil­bahn hinauf nach Mon­serrate, Bogotás berühm­tem Ausflugs­ziel. Das weiße Kloster thront dort mit seinem spitzen Turm über der Stadt wie eine päpstliche Mitra. Der Flug­hafen ist sichtbar, ob­wohl noch recht weit entfernt, und er scheint auf einem grünen Teppich zu liegen, durchzogen vom grauen Muster der bei­den Pisten. Das Flugzeug legt sich er­neut auf die Sei­te, dies­mal nach links abdrehend, und steuert schließlich auf die Landebahn zu. Es liegt an den Winden, heißt es, dass eine zusätzliche Kurve geflogen werden muss, sonst wäre die Gefahr zu groß, dass die Maschine vor dem Auf­setzen von hefti­gen Böen erfasst würde.

Der Flughafen ist klein für eine Stadt mit über 6 Mil­lionen Einwohnern. Auch Piet hatte sich bei seiner ersten Ankunft damals etwas Vergleichbares vorgestellt: La Guardia, Heathrow oder Charles de Gaulle, aber der Flughafen der ko­lumbianischen Hauptstadt wirkt wenig weltstädtisch.

Er stand wieder hier, auf diesem Flughafen, mit nicht halb so viel Gepäck wie beim letzten Mal, und sein Entschluss, hier­her zu fliegen, kam ihm auf einmal wie ein törichtes Hirnge­spinst vor. Bei seiner Abreise aus Deutschland war er in einer seltsamen Eile gewesen, hatte sich gar nicht überlegt, was er hier wirklich wollte. Als könne er das Un­fassbare noch verhindern, als läge es an seinem rechtzei­tigen Eintreffen, Acacios Leben zu retten! Doch er wusste, dass er hatte herkommen müssen, und sollte es nur gewe­sen sein, um endgültig Abschied zu nehmen, ein paar Blumen auf Acacios Grab zu legen und Hugo, Pablo, Flor und Maria die Hand zu drücken. Er erinnerte sich, wie Hen­ning ein­mal gesagt hatte, dass das Ritual des Abschieds eine gute Hilfe sei, einen Verlust zu verarbeiten, einen echten Schlussstrich zu ziehen. Sei es, in dem man ein Foto zerriss oder persönliche Dinge bewusst wegwarf, die eine Verbindung zu dem Verlorenen hat­ten, oder indem man eine Geste tat, wie die Blumen auf ein Grab zu legen. Es war ihm klar, dass es ein Abschied sein würde. Sie hatten ihn bereits begraben. Und wenn Hugo nicht ein so sentimentaler, alter Esel wäre, hätte Piet es vermutlich noch nicht einmal erfahren!

Drei große Maschinen waren kurz hintereinander gelan­det. Die Reisenden bewegten sich in Richtung Ausgang, beladen mit ih­ren Koffern, Taschen und Rucksäcken. Piet ließ sich treiben mit der Menge, erschöpft von dem langen Flug und ge­schwächt von der Trauer und der Einsamkeit, die er spür­te, seit er Deutschland verlassen hatte. Das Stimmengewirr um ihn herum machte ihn nervös. Es war noch ein langer Weg durch das Ankunftsterminal, bis sich schließlich drsaußen die Menschenmenge in ihre Wege zer­streuen würde. Ihm war übel. Ihm war schon den ganzen Flug über übel gewesen. Jedes Mal, wenn er versucht hatte, zu schlafen, sah er den Wagen sich vor ihm überschla­gen. Er such­te Acacios Gestalt in dem tobenden Me­tallkäfig, wollte ihm ins Gesicht sehen, als gäbe dies den Beweis dafür, dass Acacio tat­sächlich in dem Unglücksfahrzeug geses­sen hatte und in ihm ge­storben war. Aber er hatte Acaci­os Ge­sicht nie ge­sehen. Nicht mal seinen Körper.

Am Ausgang angekommen drängte er sich durch die Massen von Leuten, die ihre Angehörigen, Freunde, Geschäfts­partner, Liebhaber und Feriengäste abholten, Studenten mit bunten Rucksäcken, Frauen mit kreischenden Kindern auf dem Arm, Männer mit ange­strengtem oder gelangweiltem Blick, die Selbstgedrehte im Mundwinkel, obwohl sie längst nicht mehr brannte. Piet schob die Wartenden zur Seite; er sah sie nicht an, so als wolle er etwas verbergen, als sei sein Grund, hier zu sein, unwichtig im Vergleich zu dem der anderen. Ihn würde auch niemand abholen, man erwartete ihn nicht einmal. Er schluckte den Kloß im Hals hinunter und wischte sich übers Gesicht. „Henning,“ dachte er, „wie fein sind deine Theorien! Wie gut tun sie, wenn man sie nicht in Taten umsetzen muss!“ Einen Augenblick überlegte er, mit dem Bus weiter zu fahren. So hätte er noch viele Stunden Zeit, seinen Gedanken nach zu hängen und vielleicht doch endlich mal, mit dem Kopf gegen das Bus­fenster gelehnt, zu heulen.

„Es dauert nicht lan­ge, Henning, hatte er damals gesagt. Und er hatte noch keine Woche vor­her vor allen ver­kündet, dass er es leid sei, Keimkulturen mit Wirkstoffen zu be­schießen und hochgelobt zu werden da­für, dass daraus irgendwann ein Medikament würde.

„Henning,“ hatte er gesagt, „ich bin Mediziner, aber ich habe besten­falls im Klinikum Infusionen gelegt, aber noch nie einen kran­ken Menschen gesund gemacht.“

Wo war dieser Wunsch auf einmal hergekommen? Es hatte ihn doch noch nie etwas gestört an seiner Arbeit, und er war froh gewesen, als die Zeit in der Klinik vorbei war! Auch Silvia hatte sich zwar gefreut darüber, dass Piet nun erstmals auch so etwas wie Mut bewies, aber sie war nicht gerade begeistert gewesen von der Idee, dass er sich so kurz vor der Hochzeit zu diesem Himmel­fahrtskommando im kolumbianischen Dschungel melden woll­te. Piet hatte solche Wünsche noch nie vorher geäußert!

„Ich muss das tun, Silvia,“ hatte Piet beteuert, „ich brauche das jetzt.“

Er brauchte das.... Im Nachhinein war ihm klar, was ihn vor einem halben Jahr wirklich getrieben hatte! Warum war ihm vorher nicht bewusst geworden, dass er Sil­via gar nicht heiraten wollte? Warum dieser Vorwand? Vielleicht hätte er Henning fragen sollen, der war Psychologe.

Piet schulterte seinen Rucksack und trat auf die Straße. Gegenüber des Flughafens gab es einige Autovermietungen, und er würde noch vor dem Einbruch der Dunkelheit in Casillas ankommen. Er hatte das Gelände der Autovermietung noch nicht be­treten, da sah er den Wagen stehen: den Buick Convertible aus den Siebzigern, ockergelb, mit blauen und roten Streifen an den Seiten. Lober blieb stehen, und auf einmal wollte sein Herz sei­nen Kehlkopf aus dem Hals drücken. Er umklammerte die Tra­geriemen des Rucksacks und ging langsam zu dem Buick. Vor­sichtig führ­te er sei­ne Hand über den Kühler, ungläu­big, als wolle er sich vergewis­sern, dass er jetzt nicht vor Trauer und Er­schöpfung einer Hallu­zination aufsaß. Doch der Wagen stand echt und wahr­haftig vor ihm! Wie konnte das sein? Hugo hatte am Telefon ge­sagt, der Wagen habe sich zweimal überschlagen, und jetzt stand er hier und hatte noch nicht mal eine Schramme! Piets Beine zit­terten. Er stützte sich auf das Auto und stierte in den In­nenraum.

„Kann ich ihnen helfen, Señor?“ hörte er eine Stimme hinter sich. Erschrocken fuhr er herum und sah in das freundliche Gesicht eines kleinen, dicklichen Mannes mit Baskenmütze, der sich sei­ne Hände an einem Tuch abwischte und hastig die halbgerauchte Zigarette auf dem Boden zertrat.

„Suchen Sie einen Wagen?“

Lober schluckte und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, als wollte er den Schweiß wegwischen und nicht die Tränen. „Ja, dieser hier ist sehr schön!“

„Perdoneme,.“ Der Mann verzog verstört das Ge­sicht. „Der Wa­gen ist für meinen Sohn. Er wird nächste Wo­che fünfundzwan­zig, und ich habe lange gespart, um einen Wagen für ihn zu kaufen!“ Der Mann lächelte breit und schi­en gar nicht zu verstehen, warum der fein gekleide­te junge Aus­länder seine Freu­de und seinen Stolz gar nicht teil­te.

„Haben sie ihn in Casillas del Bosque gekauft?“ fragte Piet, „im Hochland?“

Der Mann zuckte zusammen. „Woher wissen Sie ….“

„ Ich habe den Besitzer gekannt.“

„Jaja,“ der Mann nickte eifrig mit dem Kopf, „jaja, der Bürgermeister! Ist ihm zu groß und zu sperrig geworden, sein schönes Baby!“ Lachend klopfte er auf den Kühler. „Man wird eben doch alt, und da treibt man es nicht mehr so wild. Das können Sie aber nicht verstehen, hijo, Sie sind ja noch so jung!“

Ohne den Mann anzusehen entgegnete Piet, der Wagen habe nicht dem Bürgermeister gehört.

Der Mann riss die Augen auf. „Wem dann?“

„Jemandem, den ich gut kannte.“

Piet holte tief Luft. Dann be­schwor er den Autovermieter, mit ihm zusammen rüber ins Flughafengebäude zu einer Bank zu gehen. Er würde ihm jeden Preis für den Buick zahlen, den er haben wolle, denn er brau­che diesen Wagen, unbedingt. Doch der Autovermieter ließ sich nicht beirren. Er entschuldigte sich er­neut und betonte, wie außerordentlich er es bedaure, aber den Wagen bekäme sein Sohn.

Lober stand da, hielt seinen Rucksack umklammert und stierte auf den Boden. Er sah, wie sein Blick immer mehr ver­schwamm. Dann presste er heraus: „Bitte geben Sie mir den Wa­gen, er ist alles was mir geblieben ist.“ Nun war es ihm egal, ob der Autovermieter ihn heulen sah oder nicht.

Verlegen kramte der Mann in seiner Hosentasche und zog ein zerdrücktes Zigarettenpäckchen hervor. Mit zitternden Fingern zog er eine Zigarette heraus, zündete sie an und nahm einen tiefen Zug, als erwarte er sich von dem Tabak die Lösung seines Problems.

„Ihr Sohn kann einen viel besseren Wagen haben,“ fuhr Piet mit zitternder Stimme fort, „dieser hier machts eh nicht mehr lange.“

„Der machts noch sehr lange, junger Freund! Er hat 5 Gringo-Prä­sidenten überlebt, da wird ihm so ein bisschen Straße nichts anhaben können.“ Der Mann lachte bitter.

Piet fragte leise: „Bitte - haben Sie mir auch eine Zigarette?“

Er hatte seit drei Jahren nicht mehr geraucht. Doch jetzt verspürte er ein so tiefes Verlangen danach, dass er nicht darüber nachdachte. Eine Weile standen sie nebeneinander, schwei­gend, rauchend, verbündet durch etwas qualmenden Tabak in einem Papierröllchen - und durch große Ge­fühle. Wie zwei Idio­ten.

Piet sah einer Maschine nach, die majestätisch über dem Flughafen einschwebte. Eine andere startete, und von der gegen­überliegenden Seite der Straße buhlten die Taxifahrer mit Geschrei um Fahrgäste. Lieferwagen hupten und dräng­ten sich durch die Taxis. Um das Geschehen herum lag die Ebene und in der Ferne erhoben sich die Berge, grün und still, als wollten sie zeigen, wie gleichgültig ihnen das alles hier war.

Lober drehte sich zu dem Mann. Der hatte gerade die Ziga­rette auf den Boden geworfen, trat sie aus und warf sich in die Brust.

„Wieviel wollten Sie zahlen, Señor?“

Piet reagierte sofort und versicherte dem Mann, er würde zahlen, soviel dieser wolle. Durch ein gutes Geschäft zuhause habe er nun Geld, und er riet dem Mann, für sei­nen Sohn einen Volkswagen zu kau­fen, der komme aus Deutschland, „wie ich selbst“. Ein Volkswagen sei etwas Beson­deres, und er würde die schönste Schwiegertochter der Stadt bekommen. Gleichzeitig war Piet klar, dass er hier großen Blödsinn redete.

Der Autovermieter grinste gequält. „Vamos,“ seufzte er.

Piet hielt die Luft an, als er den Motor startete. Da war es wieder, genau dieses Geräusch! Der satte, dunkle Ton des großen Achtzylinders; was brauchte der alte Kasten für eine Unmenge an Sprit, vor allem, wenn jemand so fuhr wie Acacio!

Acacio! Piet trat aufs Gaspedal und fuhr vom Hof, ohne sich um­zudrehen. Hugo, mentiroso, du Lügner, dachte er bitter, lass dir was Gutes einfallen, ich bin in sechs Stunden da!

Wie gut er diese Straße kannte! Sie führt von der Haupt­stadt ins Hochland, durch die Kaffeeplantagen und durch den Dschungel, vorbei an den kleinen Dörfern der indi­genas und den Unterkünften für die Arbeiter in den Smaragd­minen. „Die Straße verbindet die Leben des Landes, wie eine immerwährende Hoffnung, zwar steinig, aber vorhan­den,“ hatte Aca­cio ge­sagt. „Die Leute le­ben von ihr, sie hält ihre Träume wach. Ein­mal kommt auf dieser Straße das Glück: eine Arbeit, ein Arzt, eine Frau, ein Mann! Weißt du, Pedro, es kommen aber auch so viele, die diesen Menschen hier sagen wollen, wie das Leben ist, nur, weil sie Europäer oder Gringos sind und auf großen Schulen waren. Aber die Leute hier sind es, die das Le­ben ken­nen, die mit dem leben, was um sie herum ist, was schon im­mer da war und immer da sein wird. Wenn ein Mann Arbeit in einer Mine bekommt, wird er sich krumm schuften. Das Gift wird ihm die Hände zerfressen und die Lungen, aber nie­mals seine Seele. Doch das nützt weder ihm, noch seiner Frau, noch seinen Kindern; es nützt nur der Minengesellschaft. Wenn die Leute ihre Kinder nicht in die Schule schicken, dann tun sie das, weil sie nur überleben können, wenn die Kin­der mitarbeiten in den Coca-Plantagen. Nur dann haben die Fami­lien genug zu es­sen, und es ist ihnen egal, ob ein paar reiche US-Kids an den Drogen von hier verrecken. Wenn du siehst, dass die, die du un­endlich liebst, leiden, dann interessiert es dich nicht, dass eine satte Regierung mit satten Ministern und vielen Pesos fünf Jahre Jahre Schulpflicht haben will, um der ganzen Welt zu zeigen, wie viel sie für ihr Volk tut. Dabei tut sie alles nur für sich sel­ber. Dann schickst du deine Kinder in die Coca-Plantage und scheißt auf die Regierung.

Acacio! Acacio!

Piet spürte wie die Tränen zurückkamen. Nur mit Mühe konnte er den Wagen auf der Straße halten, und er versuchte verzweifelt, die schlimmen Ge­danken aus seinem Kopf zu vertreiben. Aber er traute sich nicht einmal, die Musik einzuschalten. Womöglich war die gleiche Kassette noch drin, wer sollte sie auch raus genommen haben?

Was, wenn die Geschichte mit dem Unfall gar nicht stimmte? Wenn Acacio noch lebte? Den Wagen gab es ja auch noch! Und das ist Acacios Wagen, da war Piet sich ganz sicher. Hatte Acacio Ana geheiratet? Oder war er zu Valderrama übergelaufen oder zu Gabriels Guerilleros? Hatte er jemand umgebracht und war dafür lebenslang verurteilt worden? Hatten ihn die Rebel­len entführt? Warum hatte Hugo überhaupt angerufen - und: warum hatte eigentlich Hugo angerufen und nicht Don Raúl?

In diesem Moment ergriff ihn eine große Angst, dass am Ende der Fahrt etwas Schreckliches auf ihn wartete. Oder gab es doch eine ganz einfache Erklärung? Nein, eine ganz einfache Erklärung dafür, warum ein Auto völlig un­versehrt bei einem Ver­mieter in Bogotá steht, obwohl es sich kurz zuvor zweimal über­schlagen haben soll, gab es nicht! Und Hugo hat­te diesen Wa­gen gemeint! Er hatte ja davon gesprochen, dass der Wagen alt sei und nicht mehr so stabil, also konnte Acacio nicht mit einem anderen Wagen verunglückt sein.

Lober gab Gas. Er musste das jetzt durchziehen. Die Reise hatte eine neue Bedeutung bekommen. War es vorher noch die Trauer gewesen, die ihn hierhin zurück getrieben hatte, so war es jetzt etwas, das entweder in der Glückseligkeit oder in einer Ka­tastrophe enden konnte.

3

Auf einmal war alles wieder da. Wie damals, vor einem halben Jahr.

Er kam aus der An­kunftshalle, voller Entschlossenheit und voller Erwar­tung seiner neuen Aufgabe, von der so viel für ihn abhing. Er war unangenehm überrascht von dem Gestank der Abgase, der ihm die Tränen in die Augen trieb, und von dem Lärm der Motoren, der Hupen und der scheppern­den Durchsagen aus den Lautsprechern. Statt dass der Fahrer, den Professor Morales hatte schicken wollen, mit ei­nem Namensschild in der Ankunftshalle stehen würde, hatte man ihn gebeten, vor dem Terminal zu warten. Es war zwar nicht das erste Mal, dass er in einer Groß­stadt gelandet war; trotzdem kam ihm die kolumbia­nische Hauptstadt gar nicht vor wie eine der Metro­polen, die er kann­te, und in denen er sich sofort zurecht gefun­den hat­te. Er fühlte sich unbehaglich, und er umklam­merte den Trageriemen seiner Reisetasche. Unruhig schau­te er um sich, ob nicht doch irgendwo ein uni­formierter Fahrer mit dem Namensschild stand, aber hier liefen die Leute achtlos an ihm vorbei. Wenn ihn einer anrempelte, gab es ein flüchti­ges perdón, sonst nichts. Die einzigen, die ihn ansprachen, waren die Taxifah­rer in der Hoffnung auf eine lohnende Fahrt mit dem no­bel ge­kleideten, jungen Señor. Je öfter Piet das An­gebot ablehnen musste, umso nervöser wurde er, fühlte sich gar nicht mehr wie der selbst­bewusste Wissenschaftler aus gutem Hause, der mit gerade einmal dreißig Jahren zum erlauchten Kreis jener hoffnungsvol­len Elite zählte, vor der die moderne Wissenschaft den roten Teppich ausrollt. Hier interessierte es niemand, dass er dem­nächst wohl Deutsch­lands jüngster Professor und ein paar Jahre spä­ter Nach­folger auf einem der begehr­testen Lehr­stühle sein wür­de; hier interessierte sich offenbar kein Mensch für ihn. Er griff in seiner Jacke nach seinem Mobiltele­fon und suchte Professor Morales' Nummer. Es konnte doch nicht sein, dass man ihn vergessen hat­te!

Schließlich fuhr der Wagen vor. Ein Buick Convertible aus den Siebzigern, ein Riesenschlitten, ockergelb, mit breiten blauen und roten Streifen an den Seiten: lackiert in den Landes­farben! Er fuhr sehr langsam, obwohl die Straße frei war, und er sah aus wie ein vergessenes Requisit aus einem Hollywoodfilm. Auch die Taxifahrer machten ihre Bemerkungen zu dem ungewöhnlichen Gefährt, das jetzt in einer der Parkbuchten angehal­ten hatte. Piet musterte den Wagen mit ungläubigem Interesse, zu­mal der junge Mann am Steuer auch noch zu ihm herüber­sah. Dann stieg er aus und schlenderte auf Lober zu, lässig, als wolle er Piet zeigen, dass man sich hier auch beim Abholen wichtiger Persönlichkeiten Zeit nahm. Die lan­gen Haare wehten im Wind, genauso wie sein dünnes Hemd.

Ob er Señor Piet Lober de Hamburgo sei, sprach er Piet an, ohne die Sonnenbrille abzunehmen. Nach­dem Lober seine nicht wirklich freudige Überraschung überwun­den und die Frage mit einem eher gestammelten „Sí“ beant­wortet hatte, sagte der Fahrer des bunten Wagens:

„Ich bin Acacio Varela. Morales hat mich geschickt, um dafür zu sorgen, dass man Ihnen hier nicht den Hintern abschießt, dóctor.“ Dabei grinste er breit und entblößte eine Reihe makelloser Zähne.

Piet starrte ihn an. Nicht genug, dass es ihn schon ärgerte, mit welch seltsamem Vehikel man hier seine wissen­schaftlichen Gäste abzuholen pflegte, auch diese Person hier war nicht unbedingt das, was er erwartet hatte! Piet war nie um eine Antwort verlegen gewe­sen, doch auf diese Begrü­ßung fiel im nichts ein.

Der junge Kolumbianer nahm die Sonnenbrille ab; Lober blickte in funkelnde, dunkelbraune Augen. Der Junge hielt ihm sei­ne Hand hin und sagte in deutlich gemäßigterem Ton:

„Kleiner Scherz. Willkommen in Kolumbien.“

Lober stotterte ein gracias und ärgerte sich über seinen verlorenen Punkt. Warum war ihm nichts eingefallen? Wie vie­le dümmliche Kommentare hatte er während seiner Vorträge lässig mit einem Spruch pariert und für ent­spannte Heiter­keit un­ter denen gesorgt, die seine Sprache sprachen? Jetzt ge­rade hatte er sich wie ein Idiot benommen.

Acacio drehte sich um und forderte ihn mit einer Handbewegung auf, ihm zum Wagen zu folgen. Lober sah nach unten auf seine Taschen. Sie standen am Platz. Er hob den Kopf und sah zu dem Ko­lumbianer, aber der schlenderte schon wieder Richtung Wagen, wohl in der si­cheren Annahme, dass Piet ihm folgen würde. Der Deut­sche holte tief Luft, hob sein Gepäck vom Bo­den und stapfte zu dem Buick.

Die Universität würde ihm einen Fahrer schicken, hatte Professor Morales gesagt. Der würde ihn die ganze Zeit über im Hoch­land begleiten und ihm helfen. Statt des Fahrers war ein unge­zogener Wilder in Schlabberklamotten gekommen, der ihn sein Gepäck schleppen ließ wie ein Rucksack­tourist. Wenigstens öff­nete er den Kofferraum des alten Cabrio­lets, ohne freilich auch nur die kleinste Anstalt zu ma­chen, Piet beim Einla­den zu helfen. Stattdessen stieg er ein, startete den Motor und vergewisserte sich mit einem schnellen Seitenblick, dass sein Fahrgast neben ihm saß.

Schweigend fuhren sie los. Acacio Varela schien es nicht zu interessieren, ob Lober der Verkehrslärm und die Abgase störten und er viel­leicht lieber das Verdeck geschlossen hätte, oder dass sein Fahr­gast beunruhigt um sich sah und feststellte, dass es keine Si­cherheitsgurte gab. Er drückte aufs Gas, und das alte Vehikel brummte kraftvoll auf. Der Schub drückte Lober in den Sitz, und seine Hand klammerte sich am Türrahmen fest.

Acacio lachte. „Hier musst du so fahren, rubio, sonst nehmen sie dich ausein­ander. Die Gringos sind die Schlimmsten. Sie mieten sich feine Wa­gen, und dann fliegen sie in der zweiten Kurve von der Stra­ße. Weil sie nicht wissen, dass wir hier auch beim Autofah­ren die Stärkeren sind.“

Lober antwortete nicht. Seine Wut wurde immer größer, und am meisten ärgerte er sich über sich selber. Er musterte den Einheimischen neben ihm wie ein widerliches Insekt. Lässig grinsend saß Acacio hinterm Lenkrad, den Arm auf den Rahmen gelegt und wiegte den Kopf im Takt der Musik, als säße er allein im Auto. Er hatte ein feines, fast schon edles Pro­fil, und sein Haar glänzte in der Sonne, pechschwarz. Seine Hän­de waren schmal, feingliedrig und sauber; Lober kam es vor, als gehörten diese Hände zu einem anderen Menschen als zu die­sem unge­hobelten Kerl, der wohl auch noch deutlich jün­ger war als er selbst.

Sie fuhren vom Gelände des Flughafens hinunter auf die Avenida, die aus der Stadt hinaus führte. Es war eine sechsspurige Stra­ße, auf der sich der Verkehr trotzdem gnadenlos staute. Schwere Geländewagen drängten an nebeneinander fahrenden Mopeds vorbei, und im Gewühl bewegten sich Menschen, die ihre Waren den genervten Fahrern zum Kauf anboten: bunte Fähnchen, Knabbergebäck oder Wasserflaschen. Immer wieder passierten sie bun­te, offene Busse, in de­nen Arbeiter in schmutzigen Kleidern und schwatzende Haus­frauen saßen ge­nauso wie Kinder in piekfeinen Schuluniformen. Das Stadtzentrum mit seinen rostfarbenen Hochhäusern passierten sie in kurzer Zeit, und Lober sah ungläubig über den Rand der Karosserie auf kleine Schmiede- oder Schreinerbetriebe, Autowerkstätten, Reinigungen und dann auf eine Menge Blumenläden, die prächtig geflochtene Kränze feilboten. Ein Schild verwies auf das Cementerio Central. Keine breiten Boulevards, wo fein gekleidete Geschäftsleute mit dem Mobiltelefon am Ohr sich den Weg durch den Stau bahnten, keine Arkaden mit Luxusgeschäften, das Stadtzentrum von Bogotá erschien ihm gerade so provinziell wie der Flughafen. Die Häuser am Straßenrand wur­den immer kleiner und ärmlicher, je weiter sie sich wieder vom Zentrum ent­fern­ten. Zwischen den Häusern waren Wäscheleinen ge­spannt, und über­all standen volle Mülltonnen. Doch es schien nie­mand zu inter­essieren, dass sie voll waren: was nicht mehr hin­ein passte, wurde einfach liegengelassen: Speisereste in Plastiktüten, Kar­tons, Flaschen, sogar Mö­bel. Schwärme von Insekten kreis­ten um die Müllberge, und in der Luft hing der säuerliche Ge­ruch von Fäulnis und Gärung. Hunde liefen herum und schnup­perten nach etwas Fressbarem, und ein paar Jungen kickten joh­lend mit Flaschen gegen eine Hauswand. Männer saßen vor den Häu­sern, meist eher not­dürftig zusammen ge­zimmerten Hütten, rauchten und sahen in einen Fernseher, der vor dem Haus auf dem Boden stand. Ihre Frauen tru­gen Klein­kinder ohne Hosen auf dem Arm.

Wahr­scheinlich kam sein Mit­fahrer ja auch von hier, überlegte Lober, verdiente sich ein paar Pesos, in dem er für Morales Gäste vom Flughafen abholte, wenn der offizielle Fah­rer kurzfristig ausgefallen war. Sicher dachte man sich hier: besser ein abgerissener Typ mit einem bunten Amischlit­ten als gar kein Abholservice. Hier war man wohl nicht so professionell und so organisiert, wie Piet dies in New York oder Bethesda erlebt hatte! Bestimmt war es so. Sie kannten hier eben auch diese Höflichkeit nicht, mit der man Ausländern be­gegnet, die noch dazu in einer so wichtigen An­gelegenheit reis­ten. Wenigstens schien er den Wa­gen zu be­herrschen, obwohl Piet sich nicht sicher war, ob dies aufgrund eines rechtmäßig erworbe­nen Führerscheins war.

Was solls, dachte er, ich werde ihm nach der Ankunft ein paar Scheine extra zustecken. Das muss dann aber auch genug sein! Trotz allem gelang es ihm nicht, dieses Ge­fühl der wü­tenden Ohnmacht loszuwerden, das die dreiste Be­grüßung des Kolumbianers bei ihm ausgelöst hatte.

Der große Wagen brummte vor sich hin, und Piet sog geradezu gierig alle Ein­drücke vom Straßenrand in sich auf, nur um endlich diese brennende Wut loszu­werden. Er fürchtete nur noch mehr in die Defensive zu gelangen, und er fühlte sich missachtet, übervorteilt und al­leine.

Bald war nur noch die Straße da, ab und zu ein paar vereinzelte Gebäude, und es ging bergauf. Noch wa­ren die Kak­teen an den Hängen sichtbar, manche über zwei Meter hoch, mit leuchtend gelben Blüten. Doch das dunkle Grün der Bäume wurde immer dominanter, und langsam schluckte es die gelben Kakteen. Nur wenige Fahrzeu­ge kamen ihnen entgegen. Meist waren es die bunten Busse, die hier den Fernverkehr in die ent­legeneren Gebiete be­dienten, dort­hin, wo die großen Kabinen­busse des Trans Milenio mit ih­ren tieflie­genden Fahr­werken niemals gelangten. Die Straße wurde schmaler und wand sich sanft den Berg hin­auf. Piet sah der Seil­bahn nach, die auf das Kloster zuschwebte, und er ge­noss es, dass nun der Lärm der riesi­gen Stadt hinter ihnen lag und nichts weiter zu hören war als das Ge­räusch des Mo­tors.

Und die Musik. Anfangs war sie laut und störend gewesen, nervige Akkordeon- und Bläser-Klänge, aber jetzt spiel­ten sie eine schöne Ballade, gesun­gen von zwei Männern mit eindringlichen Stimmen. Piet kon­zentrierte sich auf die Stimmen und auf die sanften Gitarren­riffs. Es war ein Liebeslied, wohl an eine Frau namens Yo­landa, denn am Schluss sangen sie, sehr innig zwar, aber ohne jede Spur von Kitsch:

Yolanda, Yolanda, eternamente Yolanda.

Einen Moment lang dachte er an Silvia, und langsam beruhigte er sich.

Vielleicht war das ja aber auch gar nicht der Fahrer! Vielleicht würde Acacio Piet irgendwohin bringen, wo die Wagen ge­tauscht und besagter Fahrer der Universität mit einem offiziellen Fahrzeug auf ihn wartete. Lober atmete durch und über­wand sich schließ­lich zu der Frage, wo sie denn den Fahrer der Universität treffen würden.

Acacio runzel­te die Stirn. „Es gibt keinen Fahrer der Universität.“

Wie?“ fragte Lober, „Professor Morales hat Sie…“

Weiter kam er nicht. Acacio fixierte ihn durch die dunkle Sonnenbrille und schien die Luft ange­halten zu haben. Dann trat er mit einer solchen Wucht auf die Bremse, dass die Räder blo­ckierten, und der große Wagen zu schlingern be­gann. Lober schrie auf und klammerte sich am Sitz fest, die Augen weit aufgerissen, als das Fahrzeug auf den Straßenrand zu schleuderte. Steine wir­belten um den Wagen, der schließlich in einer Staub­wolke zum Stehen kam.

Acacio riss sich die Sonnenbrille herun­ter, und sein Gesicht war voller Staub und rot vor Zorn. Dann zischte er Lo­ber an:

„Raus!“

Piet blieb sitzen, wie gelähmt. Mit blödem Blick starrte er die Person ihm gegenüber an, die ihn aus dunklen Au­gen anblitzte, schwer atmend und mit deutlich hervortreten­den blauen Adern am Hals. Piet hatte keinen Gedanken im Kopf, nicht mal Angst oder Wut, nur ein großes, schwarzes Loch.

Acacios Stimme wurde lauter. „Raus!“

Wie von einer fremden Hand ge­führt öffnete Lober die Wagentür und stieg aus. Seine Knie zit­terten noch vom Schock des Schleuderns. Er nahm seinen Blick nicht von Acacio, als bereite­te er sich darauf vor, den An­griff eines wilden Tieres zu parie­ren, und hielt sich am Türrahmen fest. Lang­sam wich der Schock, und Wut stieg in ihm hoch. Was pas­sierte denn jetzt?

Aca­cio war ebenfalls ausgestiegen und hatte die Wagen­tür zuge­schlagen. Jetzt standen sie sich gegenüber, das Auto wie ein Boll­werk zwischen ih­nen.

Allmählich fand Lober seine Fassung wie­der und krampfte seine Hände um den Türrahmen, als wolle er das Fahrzeug hochheben und auf den Mann ihm ge­genüber werfen. Du wirst mich jetzt nicht noch einmal runter­machen, du Habenichts, grollte er in sich hinein, ich bin hier der Gast, und ich bin der, der zahlt! Du kannst froh sein, dass ich mich auf das verlaus­te Polster deines Schrotthaufens hier ge­setzt habe! Ich gebe dir auch die Möglichkeit, mal was ande­res zu tun als fernzusehen und zu rauchen und heute Abend was anderes zu essen als Reis und Bohnen. Dann bleiben dir noch ein paar Tage mehr, bevor du endgültig vom Fleisch fällst, Hun­gerleider! Und jetzt sag was, sag was, du wirst schon sehen, was kommt!

Als habe er die Aufforderung von Piets Augen abgelesen, ballte Acacio seine Faust und schrie:

„Jetzt hör gut zu, Alemán! Wir brauchen dich hier nicht. Ich habe dich nicht gerufen. Ich habe zu Morales gesagt, ich brauche Medikamente. Damit nicht noch mehr Leute im Dorf ster­ben, brauche ich Medika­mente, und keinen Herrn im feinen Hemd, der mich zu seinem Dienstboten macht. Ich bin Wissenschaftler, wie du! Ich bin der Beste, den Morales hat, und du wirst hier mit mir arbeiten und das tun, was wir brauchen! Wenn du noch einen Ton sagst, dann kannst du nach Casillas laufen. Viel­leicht zeigt dir ja dein schickes Mobiltelefon, wo es langgeht, viel­leicht bricht dir in dieser Höhe auch der Kreislauf zusammen. Mir egal. Du bist hier nicht zuhause, entiendes?“

Lober schluckte. Die Situation hatte eine Wendung genommen, mit der er nicht gerechnet hatte; er war schwer beeindruckt.„Ich habe Ihnen nichts getan, Señor Varela, und ich finde es scha­de, dass Sie so von mir denken.“

Acacio blitzte ihn an; er öffnete den Mund, wollte etwas sagen, runzelte dann aber nur die Stirn und knurrte: „Einsteigen.“

Sie fuhren weiter.

Piet kochte vor Wut. Gut, dieser Acacio war offensichtlich wohl weder ein Habe­nichts noch ein Tagelöhner, aber was bildete sich der Kerl ein? Wenn sie al­les selber in den Griff bekommen könnten, warum hatte Mora­les dann Himmel und Erde in Bewegung ge­setzt, da­mit er, Lo­ber, so schnell hatte herkommen können? Wie alt mochte der Kolumbianer sein? Höchstens fünf- oder sechsundzwan­zig. Was konn­te der schon?

Aber woher kam dann sei­ne eigene ver­dammte Unsicherheit? Warum konnte er sich nicht wehren? Warum saß er hier wie ein Trottel, überfahren vom Stolz und der Selbstverständlichkeit dieses Jungen, dem es offen­sichtlich vollkommen gleichgültig war, wen er vor sich hatte? Dieser Kerl hatte ihn mit ein paar scharfen Wor­ten ins Hin­tertreffen gebracht! Und nicht nur das, er ließ es Piet auch deutlich spüren; es schien ihm geradezu kindliche Freude zu be­reiten, ihn zu de­mütigen! Warum ließ er so mit sich umspringen? Der kleine, schwarzmähnige Giftzwerg kannte ihn doch gar nicht! Er, Dr. Piet Lober, war gekommen, um seine kranken Landsleute zu retten, und der tat, als sei er ein Eindringling, ein gemeiner Schädling, der nur den Wilden zeigen wollte, dass die Europäer die Antwort auf ihre Fragen kennen.

Die Straße schien kein Ende zu nehmen. Wie ein steinernes Band wand sie sich am Rand der Berge entlang, immer tiefer in den Regenwald. Mit jedem Meter wurde die Vegetation auf beiden Seiten dichter und unwirtlicher. Es war kaum noch möglich, einzelne Bäume zu erken­nen; nur ihre Kro­nen ragten hinaus, und unter ihnen wu­cherte der Dschungel, grün und mächtig. An den Bäumen hin­gen lange Luftwurzeln, an denen wieder neue Büsche wuchsen. Helles Mint­grün misch­te sich mit Khaki und Türkis, und überall spürte man die Feuchtigkeit, trotz der immer dünner werdenden Luft und obwohl die Son­ne noch hoch stand. Neben der Straße fiel der Berg steil ab, und wenn man in das Tal sah, so schien das ganze Land bedeckt von diesem Pelz aus Grün. Die große Stadt, aus der sie gekommen waren, war schon lange vom Grün ver­schluckt wor­den.

Piet sah in die Landschaft. Sie wirkte auf ihn wie ein zu stark kolorierter Kinofilm aus den Fünfzigern, übertrieben, schwülstig und aufdringlich. Und dazu die Luft! Keine Abgase mehr, aber mit jedem Meter, den sich die Straße höher wand, schwand der Sauerstoff. Lober spürte seinen Puls, der immer schneller wurde, und er spürte auch die Atemnot, die grin­send in jede Faser seines Körpers kroch, als wolle sie ihn zu­sätzlich quälen, zusätzlich zum Straßenstaub, den quäkenden Tönen aus dem Kassettendeck und dem widerwärtig lässigen Latino-Ma­cho hinterm Lenkrad! Piet mus­terte Acacio aus dem Augenwin­kel mit größt­möglicher Gering­schätzung und überleg­te sich, ob es wohl schwer wäre, ihn mit einem Tritt aus dem Wagen zu befördern, in den dichten Schlund der ewigen grünen Jagdgründe. „Vergiss es, Lober,“ dachte er bitter, „er fährt.“

Er war auf ihn angewiesen, das war ja das Kreuz! In dieser Wildnis war er verloren! Wahrscheinlich fuhren sie gerade durch Gue­rilla-Gebiet und waren nur noch nicht ange­griffen wor­den, weil dieser mickrige Bengel im Auto saß! Er, Dr. Piet Lo­ber, spielte in dieser Welt keine Rolle; schlimmer hätte es nicht kommen können!

Was war mit den Medikamenten? Wo waren sie? Wurden sie richtig gelagert? Wer außer Acacio kannte sich aus vor Ort? Waren die Medikamente überhaupt in Casillas del Bosque angekommen? Morales hatte den Eingang in Medellín bestätigt und versichert, dass sie umgehend mit einem Kühlfahrzeug ins Hochland gebracht und dort in der lokalen Krankenstation bereitgestellt würden.

„Lokale Krankenstation,“ dachte Lober, „wie das schon klingt! Wir haben es hier mit einer Epidemie zu tun, von der niemand weiß, welches Ausmaß sie noch haben wird, und die tun, als ginge es um Windpocken!“ Piet malte sich aus, wie das Paket neben Fäs­sern mit Altöl, Küchenmüll und Contai­nern mit Blut, Urin- und Stuhlpro­ben auf der Ram­pe eines schmutzigen Gebäudes stand, mitten im Regenwald. Viel­leicht würde es einem Angestellten auffallen, weil ein solches Paket vorher noch nie in der Station angeliefert worden war, und viel­leicht würde das Paket dann ja seine nächste La­gerstätte im Büro des Stationsleiters finden - da, wo alles hin­kam, wo­für man nicht unmittelbar Verwendung hatte. Auch dann wüsste wohl immer noch niemand, was damit anzu­fangen war, weil das Fax, mit dem Morales die Sendung ange­kündigt hatte, seit Tagen mangels Papier im Ge­rät wartete. So würde der brave Stationsleiter die Sendung dann als Irrläufer vom nächsten Boten zurück nach Medellín bringen lassen. Piet schauderte bei dem Gedanken. Das Medikament, das sein Insti­tut zur Verfügung gestellt hatte, war hochwirksam, vorausge­setzt, es wurde richtig gelagert und angewandt. Und nicht von einem, der aussah wie ein Mitarbeiter der Putzkolon­ne, und der wohl auf die gleiche Art und Weise zu seinem medi­zinischen Abschluss gekommen war wie zu seinem Führer­schein. Er habe Medikamente angefor­dert und keinen Arzt! Was hatte Acacio denn erwartet? Dass sie ein Paket bekämen mit der Aufschrift Dreimal täglich 1 Kapsel? Piet lachte verächtlich in sich hinein. Junge, Junge, was hast du denn studiert?

Seit sieben Jahren arbeitete das Institut für Tropenkrankheiten nun schon mit der Universität Medellín zusammen. Die Ergebnisse waren immer aufschlussreich und zufriedenstel­lend ge­wesen, denn der Regenwald mit seiner nirgendwo sonst auf der Welt so reichhaltigen Flora und Fauna bot einen idealen Nähr­boden für alle möglichen Erreger. Das feuchte Klima und die gleichbleibende Umgebung durch die fehlenden jahres­zeitlichen Schwankungen hier in Äquatornähe sicherten den Virologen, Bakteriologen und Immunologen im Institut ein nicht enden wollendes Patientengut, obwohl die Umstände, un­ter denen hier gearbeitet wurde, alles andere als förderlich wa­ren. Hier im Dschungel Kolumbiens, in dem die abgelegenen Dörfer nur durch Tram­pelpfade zu erreichen waren, breiteten sich Krankheiten rasch und außerhalb der betroffenen Ansied­lungen unbemerkt aus. Hilfe kam meist erst dann, wenn es zu spät war. Ausge­dehnte Sumpfgebiete erschwerten die Hilfeleis­tung, zusätzlich zu den Banden der lokalen Drogenfürsten, de­nen nicht viel daran gele­gen war, Fremde auf ihrem Territorium zu wissen. Und für die paar Kuriere, die ihnen wegstarben, gab es leicht Ersatz. Offizi­ellen Angaben zufolge kämpften die Behörden des Lan­des intensiv gegen den Drogenschmuggel, aber es war dann doch erstaunlich, wie wenig sich im Laufe der sie­ben Jahre ge­ändert hatte. Auch Professor Morales hatte dem Institut versichert, dass die Regierung in dieser Region hart durchge­griffen und große Erfolge erzielt hätte. Aber das ganze Institut wusste, dass der verzweifelte Mann nur versuchen wollte, seine armen Landsleute zu retten in dieser grünen Hölle, die selbst von den Einheimischen „Malverde“ - Unkraut – genannt wurde. Zur Zusammenarbeit zwischen Morales und dem Insti­tut war es nach dem Gastaufenthalt des Kolumbianers in Ham­burg gekommen. Jedes Jahr besuchte nun eine Gruppe des In­stituts die Uni­versität Medellín und einige Forschungsstationen im Regenwald - alles Trabanten der großen Wissenschaft in einer Welt, die den Deutschen fremd blieb. Sie verbrachten die Tage und Nächte unter sich in der Unwirtlichkeit des Dschungels, ohne je­mals mit der Bevölkerung in Kontakt gekommen zu sein. Die Proben wurden von Bo­ten gebracht, die Untersuchungsergeb­nisse genauso wieder abtrans­portiert und die Mediziner und Naturwissenschaftler ar­beiteten, schliefen und aßen in ihren Stationen. Wenn das Projekt ab­geschlossen war, überließen sie den einhei­mischen Kollegen wieder die Szene. Eine Publikation in einem an­gesehenen Fach­blatt – das war alles. Nicht einmal die Zahl der To­desfälle wurde er­wähnt. Aber das neue Medikament ging bald in die klinische Prüfung.

Eines Tages war der Hilferuf von Morales gekommen. In einem Indio-Dorf im Hochland hatten schwere In­fektionen zu Todesfällen unter Alten und Kleinkindern geführt. Die Aufzeichnun­gen dokumentierten das gleiche Krankheitsbild, mit dem sich Piets Arbeitsgruppe beschäftigt hatte, und Lober hatte seinem Mentor versichert, dass die Medikamente vor Ort erfolgreich einsetzbar seien. Doch dieser beharrte auf dem Standpunkt, dass „die da unten das viel besser alleine können.“ Aber Lober hatte nicht locker gelassen. Nach langen Telefonaten mit Mora­les war schließlich auch der Mentor einverstanden gewesen, freilich nicht ohne Piet vorher die Bestäti­gung abzurin­gen, dass er die Reise auf eigene Gefahr unter­nahm.

Lober ließ die Medikamente verschicken und das Institut erhielt kurz darauf eine Nachricht mit der Bitte um einen weiteren Wirkstoff, der an einem anderen Ort von Nutzen wäre; auch diese Sendung verließ Hamburg.

Aber hatten die Medikamente auch wirklich Medellín verlassen? In ei­nem Kühlfahrzeug, wie von Morales zugesichert? Kol­legen, die schon einmal dort gewesen waren, hatten von wah­ren Horrors­zenarien berichtet, die sich beim Transport von Ge­räten und Medikamenten zugetragen hatten: Fahr­zeuge ohne oder mit nur unzureichender Kühlung, Fahrer, die keine Ahnung hatten, wo die Station war, und die nicht einsahen, warum et­was so wichtig sein konnte, dass man von ei­nem ausgedehnten Plausch mit dem Compadre und eini­gen Runden Kautabak und einem Nickerchen hätte Ab­stand nehmen sollen!

Warum fragst Du nicht einfach das Großmaul neben dir, über­legte Lober. Aber was würde der schon wissen? Der war doch bestenfalls mal beim Fiebermessen dabei! Wenn schon sein Professor einfach eine zusätzliche Sendung Medikamente be­stellt hatte, die vielleicht irgendwo einzusetzen waren!

Piet atmete tief ein. „Wissen Sie, ob die Medikamente da sind?“

„Sie sind da,“ antwortete Acacio, ganz ruhig, ohne Piet anzusehen. „Sie lagern im Rathaus. Das ist der einzige Ort, an dem fast nie der Strom ausfällt.“

„Wie bitte?“

„Mach dir keine Sorgen,“ versicherte Acacio, „alles ist in Ordnung. Beide Sendungen sind da, unversehrt und sachgemäß ge­lagert. Wir können sofort anfangen.“ Er sah zu Piet rüber und grinste. „Stimmt wirk­lich, Alemán.“

Lober starrte auf den langen Kühler des Wagens. Warum auf einmal so freundlich, warum nicht wieder eine Szene? Aber er war erleichtert darüber, dass der Kolumbianer nicht wieder die Beherrschung verloren hat­te, als hätte er Piets ab­fällige Gedanken die ganze Zeit über le­sen können. Lober leg­te keinen Wert darauf, hier endgültig aus dem Auto geworfen zu werden. Wo­möglich wa­ren sie noch meilenweit von der nächsten Siedlung ent­fernt, und sicher lebten hier ohnehin nur noch Guerilleros, Drogenschmuggler oder Indios, die womög­lich nicht einmal Spanisch sprachen. Immerhin schien es in Ca­sillas ein Rathaus zu geben!

Piet lehnte sich zurück. Na, Freundchen, dachte er, dann wollen wir mal sehen, was du unter Unver­sehrtheit und bester Lagerung verstehst! „Wie lange fahren wir noch?“

„Noch eine halbe Stunde. Du wohnst in dem Hotel direkt bei der Kirche; das hat den Nachteil, dass du die Glocken hörst, aber den Vorteil, dass die Zimmer dort Telefon haben.“

Wie würde wohl Acacio auf seine Arbeit hier reagieren? Glaubte er im Ernst, ihm, Piet, sagen zu müssen, was zu tun sei? Wer hatte den Wirkstoff definiert? Wer hatte denn die Arbeiten im Vorfeld gemacht und er­folgreich publiziert? Piet Lober! Das würde Señor Varela wohl einse­hen müssen! Aber was, wenn er wieder einen seiner Wutanfälle bekäme? Nein, das wür­de er nicht wagen vor seinen Leuten, die nur eins wollten: dass sie und ihre Angehörigen bald wieder gesund waren. Aca­cio würde ganz schnell merken, dass er wenig ausrichten konn­te! Lober spürte Genugtuung aufsteigen. Tut mir ja leid für dich, mein Junge!

Die ersten Häuser der Stadt tauchten hinter der nächsten Kurve auf. Erst verlassene Gebäude ohne Fenster, dafür mit umso mehr Graffiti an den Wänden, Parolen gegen die Regierung und gegen den Bürgerkrieg, das Konterfei von Che Guevara „hasta la victoria siempre“, dann bewohnte Häuser, ein- oder zweistöckig, eng aneinander gebaut, bunt ver­putzt und mit ebenso bunten Fensterläden und flach abfallenden Dächern. Im Licht der unter­gehenden Sonne wirkten sie malerisch und fröh­lich wie eine überdimensionale Puppenstube. Es dufte­te nach Abendessen. Die Straßen wa­ren menschenleer, und Piet stellte sich vor, wie sie jetzt in den Häusern alle um einen großen Tisch herum saßen und auf die vollen Schüsseln warteten. Er spürte den Hunger auf­steigen, und zu gerne hätte er Acacio gefragt, was es denn hier norma­lerweise zu essen gäbe, mal abgesehen von Reis und Bohnen, denn Reis und Bohnen können gar nicht so köstlich duften. Er erinnerte sich an die Fajitas, die sie in New York gegessen hatten, knuspriges, geschnetzel­tes Rindfleisch mit gebratenen Paprika und Zwie­beln, kräftig gewürzt, dazu eine Schale mit Endiviensalat, Avo­cadocreme und Sauer­rahm und dampfende Tortillas! Kurz vor seiner Abreise hatte er einen peruanischen Doktoran­den gefragt, was denn im Andenhochland gegessen würde, und der hatte nur grinsend geantwortet: „Reis und Bohnen.“

Jetzt waren sie wohl im Zentrum von Casillas