Mama allein in New York - Rena Blessing - E-Book

Mama allein in New York E-Book

Rena Blessing

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Beschreibung

Versehentlich in New York City, mit zu wenig Geld und schlechtem Englisch, dafür mit Baby. Auf Manhattans skurriler Flussinsel Roosevelt Island stolpert Frau Life Science durch ihren Alltag als frisch gebackene Mutter und lernt jeden Tag dazu: Dass Spülmaschinen auch nur Küchenschränke sind, welches Vorhängeschloss sie ins öffentliche Schwimmbad mitbringen muss und wo es Muttertags-Grußkarten für die Schwiegermutter von der Tochter zu kaufen gibt. Mit lakonischem Blick führt Rena Blessing Sie durch ein New York, das Sie noch nicht kannten.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 279

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Den Inselmüttern

INHALT

Wer, wo, was und warum

Spaziergang durch Roosevelt Island, wie es war

Die Grundversorgung gewährleisten

Ein Apartment bestücken

Smalltalk

Kloverstopfung

Familienleben auf engem Raum

Leading the Walk

Frozen Kompost

Christmas Chip für Anfänger

Beim Kinderarzt

Im Glanze der Festtage

Ich war noch niemals in New York, aber meine Socken

Wellnesskur für eine rostige Backform

Hunde und Atteste on Sale

Playdate

Freizeitangebote für Kinder

Kulturschock-olade

It was not nice to meet you

Oh, what a girl can do!

Alleinerziehend

Heimaturlaub

Ein Job für Frau Life Science

Super Markt

Ende eines Familienbesuchs

Kaufen, Baby!

Reif für Jim

Cooling Center

Die Sache mit der Kinderbetreuung

Andere Länder, andere Zeitangaben

Großmarkt

Kafka Wholesale

Halloween für alle

Apple Picking

Eine Hilfsaktion zum in die Haare schmieren

Playdate beim Zahnarzt

Schnitzel mit Aussicht

Je kleiner desto Oh!

Mahlzeit für Misanthropen

Truthahn mit Lamm und Rippchen

Regen in New York

Gloria!

Einstürzende Altbauten

Zweiter Heiligabend

Baby Burnout

Das Kind betreuen oder betreuen lassen

Kita-Eingewöhnung

Yeah! It‘s the water

Bleischwere Befunde

Neues von der Kita-App

To understand the world

No, Thank You

What‘s your rate?

Gute Gründe für eine Taxifahrt

Bright Sparkling Awesomeness

Ungebetene Gäste

Schwindelig

ALDI Food Market

Co-First

Was erhitzen wir heute zu Abend?

Ein Raum voller Erde

Tiramisu à la New York

Wie man in New York optimal Urlaub macht

Freiluftkino im Bryant Park

Meine Mama sittet fremd

Do you speak English?!

Parent Child Play

Das zahlt LeAnn

Hunde in New York

Nächste Station OP-Saal

Cottage Cheese Coffee

Kundenbindung bei Omar‘s Coffee Spot

Redewendungen

Americanized

Kerberos

Next Week!?

Synapsenreiniger gesucht

Valentinstag

Zeichen der Freundschaft

Der Rückwärtsmann

Was es in New York (fast) nicht zu kaufen gibt

Flohmarkt unlimited

Einkaufshilfe

Bright Futures

Willkommen bei Trader Joe‘s

Rundumschlag zum Muttertag

Katzencafé Brooklyn

Wo ist der Roller?

Good Luck, Ms. Rebecca!

Terrible Two

Public Pools

Erziehungskonzepte

Planmäßige Nichtwartung

Heute kochen, was morgen von gestern ist

Was Frau Life Science den ganzen Tag macht

Wenn es Zeit wird

Das Leben leben in Flushing Meadows

Da verläuft eine Angelschnur quer durch Manhattan

Green Eggs and Ham

Hinter den Kulissen einer Kinderparty

Bachelor 2037

Emergency Room

Astorias Bengalischer Barber Shop

Ein Souvenir, aber nicht von Tiffany‘s

Sachen loswerden

Carrying on

Nachwort

WER, WO, WAS UND WARUM

New York. Das passte zu Familie Life Science wie Dubai zu Meister Eders Pumuckl. Nämlich gar nicht. Es passte nicht zu ihren bisherigen Reisegewohnheiten, zum holprigen Englisch von Frau Life Science, nicht zu ihrer guten Stelle als verbeamtete Lehrerin in Baden-Württemberg, die sie doch gerade erst angetreten hatte, und nicht zu ihrem unprätentiösen Lebensstil. Familie Life Science und New York City, das war eigentlich ein Witz. Doch auch Witze können wahr werden und Familie Life Science zog von der Hauptstraße ihrer Kaiserstuhlgemeinde in die Main Street in 10044 New York City.

Und alles nur wegen der Life Science. Aber was ist denn überhaupt Life Science? Grob gesagt ist es erst einmal die gesamte medizinisch-biologische Forschung. Das ist jetzt sehr allgemein gesagt. Für den Lifescientisten bedeutet das konkret, an sehr, sehr kleinschrittigen immunologischen Vorgängen zu forschen, die man nur selten direkt (z.B. im Mikroskop) sehen kann, sondern sich mit technischen Gerätschaften „von hinten durch die Brust ins Auge“ erschließen muss.

Sehr kompliziert ist das. Sie können den Lifescientisten gerne selber fragen, aber nehmen Sie sich den Rest des Abends nichts mehr vor. Frau Life Science jedenfalls kommt nicht umhin zu denken, dass „Life Science“ fast nichts Anderes bedeuten kann als die Erforschung des Lebens an sich. Insbesondere in New York. Was wollen einem die Menschen sagen? Wovon wird man satt? Wie kriegt man den Tag mit einem Kleinkind rum? Life Science eben. Ist doch klar.

Bisher war Familie Life Science nicht so viel herumgekommen. Schon als bei der Doktorprüfung des Lifescientisten die Laudatio auf ihn gehalten wurde, wären die Anwesenden vor Langeweile beinahe eingeschlafen, wäre sie nicht so kurz ausgefallen. Es gab nichts zu erzählen, der Lifescientist war einfach seinen ganzen Werdegang über immer im selben Labor gewesen und hatte seinen Landkreis nie verlassen. Das musste sich ändern, wenn er als Wissenschaftler ernst genommen werden wollte.

Die besten Arbeitsgruppen in des Lifescientisten Fachgebiet sind in New York City angesiedelt. Weil der Lifescientist auch der Beste ist – davon geht Frau Life Science zumindest aus – musste er auch dorthin. Er sollte noch mehr lernen.

Als Wissenschaftler wird man nicht entsandt, man entsendet sich selbst. Somit entfallen staatliche Leistungen wie Eltern- und Kindergeld. Das Auslandsprojekt läuft auf eigenes Risiko und ist eine enorme Privatinvestition, von der keiner wissen kann, ob sie sich jemals auszahlt. Eine Jobgarantie nach der Rückkehr beinhaltet ein Auslandsaufenthalt nicht (aber wenn man keinen hat, wird’s garantiert schwierig). Wissenschaftliche Karrieren sind kaum planbar, sind wie viele Dinge im Leben ein Wagnis.

Der Aufbruch ins Ungewisse. Der Lifescientist und Frau Life Science nahmen ihr sieben Wochen altes Baby mit und ließen alles andere zurück. Familie, Freunde, Nachbarn und eine halbe Katze. Die Stelle an der Schule, ihre Wohnung. Sie verkauften ihre beiden Autos und die Waschmaschine. Sie packten fünf Koffer und schickten nicht mehr als drei Kisten in die neue Heimat. Mehr lohnte sich nicht und sollte erst vor Ort beschafft werden. Ihre restlichen Habseligkeiten stellten sie bei ihren Eltern unter oder ließen sie vom Sperrmüll abholen.

In New York bezog die Familie ein 47 m2 großes Zweizimmerapartment, das ihnen die dortige Universität zum vergünstigten Preis zur Verfügung stellte (es kostete „nur“ noch einiges über 2000 Dollar im Monat). Das Apartment war in einem Hochhaus untergebracht, auf einer Insel mitten im East River, die Manhattans Upper East Side vorgelagert ist: Roosevelt Island. Sie war zu der Zeit (2015-2019) einer der skurrilsten Wohnorte, den man sich vorstellen kann.

Das Vorhaben war unterfinanziert. Das erste Jahr lebte die Familie vom regulären amerikanischen Postdoc-Gehalt, wobei man das nicht leben nennen kann. Weitere zwei Jahre griff ein deutsches Stipendium. Das war besser, gut war es nie. Aber Frau Life Science hatte immerhin eine Arbeitsgenehmigung (J2-Visum), und besserte das Familieneinkommen mit äußerst fragwürdigen Nebenjobs auf. Auf Quersubventionierung durch ihre Herkunftsfamilien verzichteten der Lifescientist und Frau Life Science.

Versehentlich in New York mit zu wenig Geld und schlechtem Englisch, das schafft viel Reibung, und Reibung verursacht eben nicht nur Wärme, sondern auch Texte. In den drei Jahren New York entstand ein chaotischer Blog, mit dem Frau Life Science sich und andere bei Laune hielt. Aus diesem Blog geht dieses Buch hervor.

Es wäre jedoch nicht möglich gewesen ohne die erste Initiative, die anhaltende Ermutigung und das kompetente Lektorat von einer, die weiß, was ein Expat-Abenteuer ist: Dr. Jonna Struwe von www.expatmamas.de. Thanks a million.

Das Korrektorat übernahm Dr. Susanne Hartmann. Auch ihr gebührt dafür Dank.

SPAZIERGANG DURCH ROOSEVELT ISLAND, WIE ES WAR

Er beginnt beim Ufer des East Rivers, am Fuße der Roosevelt Island-Brücke in Long Island City, Queens. Über genau diese Brücke war Familie Life Science am 18. November 2015 direkt vom JFK Flughafen mit den fünf Koffern im Taxi auf die Insel gekommen.

Die Brücke ist wie vieles andere auf der Insel von kurioser Art. Sie ist aus bordeauxrotem Stahl gebaut und die Fahrbahn kann mechanisch angehoben und gesenkt werden, was nur selten geschieht. Neben einer Auto- und Fahrradspur gibt es auch einen Fußgängerweg, dem Sie jetzt in nordwestlicher Richtung folgen. Auf einem Stahlgitter marschierend, sehen Sie den East River nicht nur rechts und links von sich, sondern auch direkt unter ihren Fußsohlen.

Schön ist die Brücke nicht, noch hässlicher ist nur das gigantische Kraftwerk auf der Queens-Seite, mit der immerwährenden Duftwolke aus verbranntem Gummi, die Sie schon hinter sich gelassen haben.

Aber was ist Schönheit. Sie liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Als im weitesten Sinne „schön“ empfand man auch einmal den Baustil, der heute im negativen Sinne „Brutalismus“ geschimpft wird und der vielleicht nie so gemeint war, wie er jetzt wirkt. So ist es auch mit dem Parkhaus, durch dessen Treppenhaus Sie jetzt auf die Insel gelangen. Man betritt die Insel über ein Parkhaus. Seltsam, nicht? Aber an das Wundern müssen Sie sich hier gewöhnen.

Der Sichtbeton des Parkhauses ist schlecht gealtert, die rohen Formen wirken so trostlos, wie es wohl nie jemand vorhergesehen hat. Auch bunt gestrichene Geländer können da nichts ausrichten.

Brutalismus-Bauten begegnen Ihnen noch häufiger auf der Insel. Verwitterter Beton, freiliegende Funktionseinheiten als Gestaltungsmittel, groteske Lüftungsrohre in poppigen Farben und alles hat schon bessere Zeiten gesehen. Dazwischen ein paar modernere Apartmenthochhäuser. Eine Frau in der U-Bahn fragte einmal, ob man denn auf Roosevelt Island auch wohnen könne. Man konnte ja fast nichts Anderes.

Sie gehen die Main Street entlang, die einzige Main Street, die Sie im Postleitzahlenbereich Manhattans finden werden – und auch die einzige ernstzunehmende Straße überhaupt auf dieser Insel, deren Form an einen Fieberthermometer erinnert. Bestimmt gondelt der „Red Bus“ an Ihnen vorbei, ein kostenloser Bürgerbus dieser Insel, der kaum Fahrgeschwindigkeit aufnimmt, weil er an jedem zweiten Haus hält. Vielleicht steigt beim nächsten Stopp Mr. Goldschuh ein oder aus, der ein gealterter Popstar sein könnte, weil er durch seine extravaganten Pelzmäntel und meist goldene Schuhe auffällt.

Folgen Sie der Main Street in südlicher Richtung, finden Sie Geschäfte und Restaurants, die in undurchschaubaren Zeiträumen neu eröffnen und zugrunde gehen. Vielleicht begegnen Sie dem unermüdlichen Senior Jim, der von seinem nahegelegenen Building herkommend einen ausrangierten Einkaufswagen schiebt, in welchem er Gitarre, einen Beutel voller Plastikbälle, das Instrument des Tages und eine Tüte voller Xylophone und dergleichen mehr in Richtung Gemeinderaum in der historischen Kirche bugsiert.

Schließlich erreichen Sie die Apartmenthochhäuser in „South Town“ mit ein paar Hochhäusern aus den Nullerjahren und jünger. In den unteren Geschossen wieder ein paar versprengte Geschäfte und Restaurants. Vor der schäbig wirkenden U-Bahn-Station des F-Train grüßt der Gemüsehändler. Auf der Subway Plaza weht ein frisches Lüftchen über eine von Pfaden durchzogene Wiese mit ein paar wenigen Bäumchen, unter denen im Frühling Japaner sitzen und im Sommer Kinder selbstgemachte Limonade zu verdorbenen Preisen verkaufen. Früh übt sich.

In South Town spannt sich auch die Queensboro Bridge von Queens bis Manhattan über die Insel. Ihr imposantes stählernes Fachwerk, das neun Fahrspuren auf zwei Stockwerken trägt, verändert sich optisch mit dem Wetter und mit dem Licht der Sonne. Die steinernen Brückenpfeiler fußen auf der Insel. Wäre der Aufzug noch in Betrieb, könnten Sie zu Fuß nach Manhattan gehen. So aber können Sie die Brücke nur angucken. Auch schön.

Direkt unterhalb der Brücke dröhnt ein stetiges Rauschen und Surren, das weniger von dem Verkehr auf der Brücke, sondern von Seilgetrieben kommt. Eine waschechte Seilbahn mit zwei knallroten Kabinen sehen Sie vor sich und Sie werden sich an Ihren letzten Skiurlaub erinnert fühlen. Mit dieser Seilbahn, die Tram genannt wird, können Sie über den East River nach Manhattan gelangen, in der East 59. Street berühren Sie nach sechsminütiger Schwebefahrt den Boden. Die Tram ist Identifikation und Kultobjekt, Touristenmagnet und stinknormales Beförderungsmittel für gestresste Berufstätige zugleich.

Aber Manhattan interessiert Sie jetzt nicht, Sie möchten die Insel erkunden. Hinter der Tram-Station liegt der in Familie Life Sciences Residenzzeit fertiggestellte hochmoderne Campus einer technischen Universität, der für alle offen ist. In der eleganten Cafeteria sitzt Zuzana und schmiert ihren drei Kindern Cream Cheese auf die Bagels.

Dahinter liegt der Four Freedoms Park. Hinter der riesigen Büste von Theodor Roosevelt, Namensgeber der Insel und Pate des Parks, läuft die Insel in einer Spitze aus. Sie sehen das UN-Gebäude, das in jedem zweiten Heute-Journal zu sehen ist, und ein paar Häuserfronten. Vor dieser imposanten Kulisse führen die Enten ihre Küken spazieren.

Auf dem Parkrasen haben ein paar Mütter ihre Kinderwägen im Schatten geparkt, Picknickdecken und Spielzeug auf dem Rasen ausgelegt und machen nach Anleitung der unermüdlichen Franziska und mit Musik aus dem I-Phone Gymnastik, soweit es ihre Betreuungstätigkeit zulässt oder fangen lachend ihre Kinder wieder ein.

Auf dem Rückweg entlang der Queens-seitigen Ufer-Promenade, hört man das Klappern von Sandalen auf dem Steg, eine junge Frau möchte die nächste Fähre noch erwischen. Der Matrose winkt ab, es ist schon noch etwas Zeit.

Sie werden nun statt der Main Street eine der beiden Uferpromenaden wählen, vielleicht die Manhattan-Seite. Möglicherweise begegnet Ihnen der Ehemann einer japanischen Bekannten, der neben Weltspitzen-Forschung und Familie noch Zeit findet, für den nächsten Marathon zu trainieren und auch dazu, Sie formvollendet zu grüßen. Wenn er kurze Zeit später noch einmal vorbeikommt, aus eben derselben Richtung, aus der er schon gekommen war, wird er die Insel umrannt haben.

Auf den Holzstufen an der Promenade sitzt Linn von der öffentlichen Bücherei und hält einer Schülergruppe ein aufgeschlagenes Buch vor. Sie hat die heutige Vorlesestunde ins Freie verlegt. Genau dieses Motiv, das aufgeschlagene Buch ist auch auf ihrem Unterarm tätowiert.

Auf Höhe des kleinen Swimmingpools, der rundum in schrillen Bonbonfarben angestrichen ist, treffen Sie auf Ms. Bee und Ms. Geraldine von der Daycare schnatternd auf dem Heimweg. Sie haben eine lange Schicht hinter und noch einen weiten Heimweg vor sich. Das extravagante orangefarbene Outfit von Ms. Bee flattert im Wind und wird nur heute und dann nie wieder in dieser Ausführung zu sehen sein, denn Wiederholungen sind Ms. Bee´s Sache nicht.

Hinter dem Apartmenkomplex mit dem Kindergarten kommen Sie an einer Klinik vorbei, die auch schon bessere Zeiten gesehen hat. Unter einem hölzernen Pavillon verbringen schwer Kranke ihre zu umfangreiche Freizeit. Ein Hingucker ist der historische kleine Leuchtturm an der Nordspitze der Insel. Von hier aus sehen Sie zwischen Upper Manhattan und Queens Randalls und Wards Island.

Das war´s. Jetzt haben Sie die Insel erkundet. Sie können sich wieder auf und davon machen. Steigen Sie in den F-Train, in die Tram oder betreten Sie das nächste Boot nach Williamsburg oder Downtown Wall Street.

Oder vielleicht gehen Sie schnell vor zum überteuerten Supermarkt, besorgen Grillkohle, Würstchen und Pappteller und werfen Sie einen der öffentlichen Grills am Leuchtturm an.

Bleiben Sie doch noch eine Weile und erleben Sie Ihre eigenen Inselgeschichten.

1. Die Grundversorgung gewährleisten

Zwar musste Frau Life Science in ihrem bisherigen Leben schon oft mit wenig Geld auskommen, über den Preis von Essen hat sie jedoch kaum einmal nachgedacht. Das ist hier anders: Schlicht exorbitant sind die Preise für Lebensmittel in Manhattan und auf der Insel. Da packt Familie Life Science das Entsetzen. Das Einzige, was nichts kostet, sind Tüten. Man bekommt sie stets doppelt ineinandergesteckt gereicht und davon möglichst viele. Apropos Plastik: In Deutschland überlegte Familie Life Science noch, ob sie Wasser aus Weichmacher-Plastikflaschen trinken wollten. Hier stellt sich nur noch die eine Frage: In welcher (Plastik-)Flasche ist das Wasser am günstigsten? Der Chloraufguss, genannt Leitungswasser, ist jedenfalls nicht genießbar.

Die Lebensmittelausgaben stehen in keinem Verhältnis zum derzeitigen Einkommen der Familie und zum gigantischen Kühlschrank, den sie damit offenbar füllen soll. Das treibt sie am Wochenende zu langen U-Bahn-Fahrten hinaus nach Queens, wo es bei ALDI noch was gibt fürs Geld, zum Beispiel Schokolade, die man essen kann.

So weit so gut, aber wie das ganze Zeug gallonenweise nach Hause tragen? Da ist man froh, einen Kinderwagen zu haben! Aber, Halt! Nicht jede U-Bahn-Haltestelle oder Umsteigestation verfügt über Rolltreppen oder einen Aufzug. Wo es einen Aufzug gibt, kann man keinesfalls sicher sein, dass er funktioniert. Wenn er gerade nicht als „temporarily out of order“ (vorübergehend außer Betrieb) bezeichnet wird, kann es nämlich gut sein, dass er „permanently out of order“ (dauerhaft außer Betrieb) ist. Da heißt es: Kinderwagen packen und sich die Treppe runterkämpfen. Wenn man Glück hat, hilft jemand, wenn man noch mehr Glück hat, kommt man heil unten an.

Was übrigens auch sehr hochpreisig gehandelt wird, ist jegliche Art von Zellstoff, besonders Klopapier. Bathroom Tissue ist hier ein Luxusgut; ob seiner Kostbarkeit wird es mitunter in einzelnen Rollen verkauft. Haben Sie sich schon einmal über den Preis einer einzelnen Klopapierrolle Gedanken gemacht?

Merke: New York City ist im wahrsten Sinne des Wortes scheißteuer und das hat große Auswirkungen auf die Lebensgestaltung.

2. Ein Apartment bestücken

Als eine Kollegin vom Lifescientisten im Apartment vorbeischaut, weil sie etwas vorbeibringen möchte, sagt sie mit Blick auf den umgekehrten Karton, der als Couchtisch dient: „We all started like this“. Immerhin ist eine winzige Zweisitzer-Couch von Ikea vorhanden.

„Ich kam ja hier in ein leeres Apartment und hatte nichts als eine Wasserflasche“, gibt der Lifescientist gerne zum Besten, wenn er von den Wochen erzählt, die er vorab ohne Familie in New York startete. Man fängt eben bei null an – „to start from scratch“ sagt der Amerikaner. Das Notwendigste war natürlich in der Wohnung vorhanden – Küchengeräte, Gemeinschaftswaschmaschine, drei überaus praktische Wandschränke. Aber alles andere fehlte.

Es hatte Frau Life Science im Vorfeld gewurmt. Ob sie nicht vom Vormieter des Apartments einen Teil der Einrichtung übernehmen könnten? Sie hat auch versucht, den Lifescientisten das organisieren zu lassen. Aber: so läuft’s nicht. Die Wohnung wird komplett leer und frisch gestrichen übergeben, egal, ob der neue Mieter dieselben Möbel nachkauft, die der andere zwei Wochen davor auf den Sperrmüll gestellt hat. Es lässt sich in einem Hochhaus mit rund 100 Parteien einfach nicht bewerkstelligen und es entspricht auch nicht der Denkweise in einer amerikanischen Großstadt.

Wenn man nichts zu sitzen und zu liegen hat, landet man früher oder später bei Ikea. Das Möbelhaus in Brooklyn sieht fast gleich aus wie das in Freiburg und deutsche Geschenkgutscheine sind anerkanntes Zahlungsmittel. Nur das Publikum ist etwas bunter, man reiht sich in die Kassenschlange mit orthodoxen Juden mit Hut und Schläfenlocke, ihren Frauen und vielen, vielen Kindern.

Es hört sich alles einfach an. Man geht eben zum Möbelhaus, bestellt sich die Grundeinrichtung und lässt sie nach Hause liefern. Theoretisch. Rein praktisch funktionierte jedoch die Bankkarte des Lifescientisten nicht wie sie sollte und er musste seinen allerersten Einkauf von rund 2000 Dollar, mühsam in telefonischer Kooperation mit Frau Life Science zusammengestellt, im Warenhaus Brooklyn zurücklassen. Natürlich hatte er mit seiner deutschen Hausbank besprochen, dass die Karte zum Bezahlen in den USA geeignet sei.

Eine günstigere Möglichkeit seinen Haushalt aufzubauen, ist der internationale Moving Sale. Es wird hier ganz schön was zusammengemoved. Alle kommen von irgendwo oder gehen irgendwo hin. „We recently moved from Philly“, oder „We just go to California”. Keiner bleibt länger irgendwo. Daher stellt sich auch anderen die Frage: Woher bekommt man Möbel und Hausrat und wie wird man alles wieder los? Der sogenannte Moving Sale, das Verscherbeln seiner sieben Sachen vor einem Umzug, brummt allzeit. Es gibt verschiedene Möglichkeiten daran teilzuhaben, zum Beispiel: Den E-Mail-Verteiler des Family´s Network, den Aushang im hauseigenen Laundry Room oder einfach Mund-zu-Mund– Propaganda.

Beim Moving Sale erübrigen sich teure Anlieferung, mühsamer Möbelaufbau und weites Schleppen. Der Transport von Hochhaus zu Hochhaus oder innerhalb des eigenen Gebäudes geht immer irgendwie, der Verkäufer hilft mit. So werden Wissenschaftler zu Möbelpackern, United Nations-Mitarbeiter zu Couchhändlern und Frau Life Science kann aus vollem Herzen ihren Flohmarkt-Spleen ausleben.

Beim Moving Sale wandert aus der Wohnung einer chinesischen Familie vom dritten Stock ein schwarzes Kalax-Regal als Raumteiler zu Familie Life Science in den sechsten und wo sie gerade schon mal da sind, nehmen sie auch gleich noch einen Schreibtisch mit, der einige Bohrlöcher in der Tischplatte aufweist, aber – who cares? 10 Euro will der Chinese dafür und hässliche Klappstühle, denn zusätzliche Sitzgelegenheiten kann man immer gebrauchen.

Merke: Die Bedeutung einer ästhetisch hochwertigen Einrichtung samt zur Schau gestellter Buchrücken und Deko-Schnickschnack wird allgemein überschätzt. Pragmatismus, Minimalismus und Improvisation heißen die heißen Wohntrends der nächsten drei Jahre.

3. Smalltalk

Dass Amerikaner gerne smalltalken, ist hinlänglich bekannt. Besonders auffällig ist das beim Personal rund um den „Front Desk“, der dem bescheidenen Dasein von Familie Life Science täglich den scheinbaren Glanz eines Hotelaufenthaltes verleiht.

Ein Hausangestellter, zu dessen Aufgabe die tägliche Reinigung gehören, unterbricht seine Polierarbeiten am Aufzugspaneel, grüßt und fragt Frau Life Science unter anderem nach ihrer Apartmentnummer. Da muss doch sicher irgendetwas kontrolliert oder repariert werden. Frau Life Science erkundigt sich, ob sie jetzt ins Apartment hinein wollten oder später und was sie tun müsse. Es stellt sich allerdings heraus, dass er sich einfach nur unterhalten wollte. Unterhalten, ach so? Da wäre Frau Life Science nicht draufgekommen.

Vormittags hat am Front Desk meist die Front Desk-Chefin Dienst. Täglich ruft sie Frau Life Science zu: „Good morning – how are you – ok – all right – see you later – byyyyyyyeeeee“. Als Frau Life Science das zum ersten Mal hörte, wunderte sie sich schon etwas. See you later? Gab es denn irgendeine Art von Verabredung? Es ist schlicht der unerwartet herzliche und freundschaftliche Ton, der diese scheinbare Verbindlichkeit erzeugt und Frau Life Science so verwirrt.

Nice to meet you! Was haben sich die Leute hier schon gefreut, Frau Life Science zu treffen. Wie gut, dass sie extra aus Deutschland gekommen ist…!

Es heißt übrigens nur einmal „Nice to meet you“. Beim nächsten Treffen sagt man „It was good to see you“ oder so etwas. Die Verstörung in den Blicken, wenn man zum wiederholten Male „It was nice to meet you“ sagt, wird nur von der übertroffen, die eintritt, wenn man auf „Nice to meet you“ spröde schweigt. Beides lässt man als Neuling ganz schnell bleiben.

Interessant ist auch, wie auf Amerikanisch Komplimente gemacht werden. Das Gefallen eines Kleidungsstücks, Haarschnitts, Fortbewegungsmittels oder was auch immer, wird nicht wie häufig im Deutschen scheinbar „objektiv“ benannt, nach dem Motto „cooler Roller!“ oder „schickes Hemd“, sondern diejenige Person, die das Kompliment übermittelt, setzt immer die eigene Person in Beziehung zum Gegenstand des Kompliments. „I love your dress.“ Das ist etwas ganz Anderes und es wirkt ganz anders.

Man mag nun zum Thema Small Talk sagen: „Die Amerikaner sind halt oberflächlich“. Aber muss man das so kritisch sehen? Es ist einfach ein höheres Energieniveau, zum Teil auch bessere Umgangsformen. Frau Life Science erinnert sich da an die Lebensberichte eines autistischen Autors namens Peter Schmidt („Ein Kaktus zum Valentinstag“). Als Geologe ist er immer gerne gereist. Weniger um Menschen zu begegnen, als vielmehr um Straßen zu „sammeln“. In den USA kam er, wie er berichtet, stets bestens zurecht. Die Amerikaner dachten wohl: Der ist halt Deutscher, und sie hatten damit eine schlüssige Erklärung für sein Verhalten gefunden.

Frau Life Science jedenfalls ist den Amerikanern oder den amerikanisch sozialisierten Menschen dankbar. Für alle aufgehaltenen Türen – im eigentlichen wie im übertragenen Wortsinn. Dankbar dafür, dass sie das Gespräch am Laufen halten, solange Frau Life Science es noch nicht selber kann und dafür, dass sie sich freuen, sie zu treffen. Frau Life Science freut sich auch hier zu sein. Manchmal. Immer öfter.

Merke: Nett sein ist des Amerikaners höchste Pflicht. Schön so!

4. Kloverstopfung

Dass Toilettenpapierrollen hier so teuer sind, als handle es sich um aufgewickelte Dollarnoten, ist ja bereits bekannt. Nun sei auch das Geheimnis des Grundes gelüftet, warum das so ist: Die teuren Preise sind dazu da, das einwandfreie Funktionieren der hiesigen Toiletten sicherzustellen. Solange das Papier so viel kostet, benutzt es nämlich keiner und das ist gut, denn: Amerikanische Toiletten und Klopapier vertragen sich gar nicht.

Frisch eingereist, kann Frau Life Science das ja nicht wissen und hat naiverweise das Teufelszeug von Klopapier einige Zeit benutzt, was nach einer Woche zu einer totalen Abflussrohrverstopfung und Überschwemmung im Badezimmer führte. Weitere Details spart sie an dieser Stelle aus. Der Lifescientist ist natürlich wieder nicht da, und es gibt keine andere Möglichkeit, als den feschen diensthabenden Doorman (Aufsichtspersonal im Hochhaus) zu informieren, der Frau Life Science das übliche Formular für Reparaturaufträge reicht. Wann ist der Auftrag? Wo? Wie heißen Sie? Was genau ist zu tun? Angesichts dieser bürokratischen Herangehensweise erklärt Frau Life Science in ihrem brillanten Englisch, dass es ja eigentlich „urgent“ ist. Mittels Pantomime stellt sie sprudelnde Quellbewegungen dar. Ah! Da schnappt der Doorman sein Funkgerät und wenig später sind vier Leute vor Ort, inklusive der Doorman selbst und begutachten die Situation. Mit einer Reinigungsspirale ist das Problem allerdings schnell behoben. „What did we do wrong?“, fragt Frau Life Science und bekommt zur Antwort: „Too much paper!“

„Thank you.”

„You´re welcome.”

Merke: Mit Toilettenpapier sparsam umgehen und dringend einen Pömbel anschaffen.

5. Familienleben auf engem Raum

Als Familie im One Bedroom, auf Deutsch Zweizimmerwohnung, zu leben, ist manchmal eine Herausforderung, aber man gewöhnt sich dran. Wie sieht das denn praktisch aus, das Familienleben im One Bedroom?

Zum Beispiel abends. Der Bedroom ist ja Bedroom für alle drei Bewohner. Das Zimmer, das nicht der Bedroom ist, ist das, wo man zu später Uhrzeit noch das Licht angeschaltet haben, mit Geschirr klappern und auf dem Laptop rumtippen kann. Aber die wachen Personen müssen sich darüber einig sein, was gemacht wird. Nicht selten gibt es Ehekrach, weil ein Elternteil noch am PC arbeiten, der andere aber in Ruhe fernsehen oder auf der Couch schlafen will. Oder, oder.

Wohin ausweichen, um den Familienfrieden zu wahren? Die Küche(nzeile) geht auch nicht, die ist offen im Wohnraum integriert. Und der Gemeinschaftsraum, sofern vorhanden, schließt nachts.

Eine Möglichkeit: Vor der Wohnungstür im Flur sitzen und dort beispielsweise noch Schreibarbeit erledigen. Hat der Lifescientist schon öfter gemacht. Bisschen merkwürdig fühlt er sich dann schon, wenn der Aufzug klingelnd anhält und andere vom Ausgehen oder Hund spazieren führen zurückkehren und er da so vor der eigenen Tür sitzt. Oder wenn die Housing-Leute noch einmal einen Rundgang machen. Ist bestimmt wieder verboten, so vor der eigenen Tür zu hocken.

Es gibt aber auch noch eine andere Option: Das Badezimmer! Die Kinder eines Lifescientisten-Kollegen sagen scherzhaft Daddy´s Office dazu. Immerhin hat man dort eine Sitzgelegenheit. Tatsächlich hat sich schon manche/r LifescientistIn zum Arbeiten in dieses spezielle Office zurückgezogen. Kein Witz.

Nicht nur die Aufteilung lebender Personen muss im One Bedroom wohlüberlegt sein, auch die Verteilung von materiellen Dingen ist ein wichtiges Thema. Platz sparen lautet die Devise! Ein One Bedroom heißt schließlich auch so, weil in den einen Raum genau „One Bed“ reinpasst. Sonst nichts. Stellt man weitere Möbel hinein, wird es sehr eng. Darum hat Frau Life Science auch dauerhaft blaue Zehen. Ständig stößt sie irgendwo an.

Unter dem Bett sind Lebensmittelvorräte in Rollkästen verstaut. Der Handel bietet übrigens schon Plastikklötze an, um das Bett und damit den Stauraum darunter zu erhöhen. Die Dinger, die aussehen wie viereckige Blumentöpfe, heißen „Bed Riser“. To create an additional 3 inches of Storage, verkündet der Hersteller, sie schaffen über 7 Zentimeter zusätzlichen Stauraum.

Die chinesische Mutter aus dem Nachbarhaus nutzt den Backofen als Küchenschrank. Wenn sie ihn aufmacht, offenbaren sich Alufolie, Küchenkrepp und Frischhaltefolie und was man sonst noch so in der Küche braucht. Die junge Chinesin steht nicht auf Backen, sie macht lieber Hot Pot oder schmeißt die Mikrowelle an. Warum sollte sie den Backofen leer stehen lassen, wo er doch so einen schönen Schrank abgibt?

Merke: Der Platzanspruch des Durchschnittsdeutschen in seiner Privatwohnung ist überzogener Luxus.

6. Leading the Walk

Auf der Insel gibt es das 500 Mitglieder starke „Family´s Network“, das nicht mehr und nicht weniger ist als ein gut gepflegter Verteiler mit E-Mail-Adressen von Eltern guten Willens. Das Family´s Network ist Gold wert. Nicht nur für den „Moving Sale“. Frau Life Science hat darüber die Krabbelgruppe für den kleinen Schatz gefunden und die „Moms on the Move“ – Gymnastik. „On the move“ passt, denn die teilnehmenden Mütter kommen aus diversen US-Staaten, aus aller Herren Länder und aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten.

Dank des Family´s Network hat Frau Life Science endlich wieder Verantwortung. Sie hat eine Aufgabe übernommen, die für die internationale Elternschaft von großer Bedeutung ist: „Ms. Life Science is leading the walk“, Frau Life Science leitet den Spaziergang, so wird es in der Rundmail angekündigt. Termin ist vor der Sportstunde jeden Donnerstag. Montags übernimmt diesen Part eine verantwortungsvolle Kollegin, da geht es auch mal ohne Frau Life Science.

Man trifft sich immer um halb zehn an der Tram-Haltestelle. Dann geht es zum South Point und man schießt ein Foto, womit über das Family´s Network oder die lokale Presse für die Aktion nächste Woche eingeladen wird. Man könnte auch immer dasselbe Foto nehmen, das tut man aber nicht. Man soll schon sehen, dass die Mütter wirklich bei dem Wind / dem Regen / dem Schnee / mit den Zwillingen / mit dem Großvater von… unterwegs waren. Nach dem „Walk“ findet die eigentliche Turnstunde im Gemeinschaftsraum irgendeines der Apartmentbuildings statt. Diese Gemeinschaftsräume sind Playrooms, also Spielzimmer für die Kinder.

„Und was ist jetzt genau Frau Life Sciences Aufgabe?“, werden sich manche fragen. Das ist nicht zu unterschätzen.

Das Handy geladen haben zum Beispiel. Auf Textnachrichten antworten. Ab 9.00 Uhr a.m. geht das Gebimmel los. „Ich komme später“, „ich komme nicht“, „ich komme vielleicht“ und „Wo seid ihr gerade?“ „Sollen wir nicht doch besser in XXX [irgendeine größere Hausnummer] Gymnastik machen?“ „Hast du einen mobilen Lautsprecher für die Musik?“ „Soll ich dir Leberwurst mitbringen? Ich habe übrig“, und so weiter und so fort.

Für den reibungslosen Ablauf und als Ansprechpartner für eventuelle neue Interessenten ist es wichtig, dass jemand um halb zehn vor Ort und erreichbar ist. Um 10 Uhr sollen die Spaziergänger dann im Playroom sein, für diejenigen, die nur Sport machen, nicht aber spazieren gehen wollen. Frau Life Science verrät Ihnen ein offenes Geheimnis: 10 Uhr reicht nie. Es kann nicht reichen, aber egal. Vielleicht, wenn man pünktlich losginge, tut man aber nicht. Aber Frau Life Science ist ja erreichbar um die aktuellen Ortskoordinaten durchzugeben. Meistens ist sie das. Sie hat aber auch schon versagt. Gebimmel an der zugigen Inselspitze überhört, falsche Hausnummern gepostet und vieles mehr. Aber man kann in so eine Verantwortung auch hineinwachsen.

Die Besuchsdisziplin bei Frau Life Sciences Müttergruppen ist übrigens etwas sprunghaft. Nicht jeder legt die Gewissenhaftigkeit einer Beamtin im Schuldienst an den Tag, wenn es darum geht, ein bisschen zu turnen und zu quatschen. Jede kommt mal und kommt auch wieder nicht, alles ist Frau Life Science ein Rätsel. Manchmal tauchen auf einmal Leute auf, die hat sie noch nie gesehen, und das will etwas heißen, sie ist ja immer da. Sie vermutet beinahe, es ist unhöflich, immer zu erscheinen.

Was soll der Quatsch? Warum machen die zweimal die Woche immer denselben Spaziergang? Müssen sie sich deswegen dauernd anklingeln? Warum turnen die in einem viel zu kleinen Raum? Machen die überhaupt Gymnastik, oder schieben die nur das Spielzeug hin und her?

Merke: Der Sinn so mancher Veranstaltung erschließt sich nur demjenigen, der irgendwann einmal hier auf einer Insel im East River gestrandet ist und morgens halb zehn in dieser großen, verrückten Stadt auf warmherzige Menschen traf. Frau Life Science sollte den Walk leiten, solange sie kann.

7. Frozen Kompost

Rechtzeitig zu Thanksgiving gibt es nun die Möglichkeit, private Gemüseabfälle an der Kompoststation am Farmer´s Market, dem Wochenmarkt der Insel abzugeben. Dort stehen ab sofort jeden Samstag unter einem orangefarbenen Pavillon ein paar Mülltonnen, in die Sie ihre siffende Spende der letzten Woche reinkippen können. Auf dem Flyer heißt es: „Help save a lot of waste going into the landfill and make wonderful compost for our plants and trees instead!” Der Vorgang wird von ein bis zwei Mitarbeitern einer Recyclingfirma oder irgendwelchen Öko-Aktivisten betreut, die sich euphorisch für die Gabe bedanken. Aus den gespendeten Abfällen wird, so erfährt man, Komposterde für die städtischen Grünanlagen von New York hergestellt. Unter der Queensboro Bridge im selbigen Stadtteil schütten sie den Biomüll auf und verarbeiten ihn weiter.

Kompost sammeln? Da ist Familie Life Science natürlich dabei! Müllvermeidung interessiert ja sonst die wenigsten hier. Es gibt zum Beispiel kaum ein Café, in dem Ihnen Ihr Heißgetränk nicht in einem Plastikbecher gereicht wird – egal, ob Sie bleiben möchten oder zum Mitnehmen bestellt haben.

Appetitlich ist das nicht, den gesamten Kompost der letzten Woche mit zum Einkaufen zu nehmen. Die ganze Woche schon gammelt er da vor sich hin. Aber wenn man sich an der Geruchsentwicklung im eigenen Apartment stört, gibt es von den Fachleuten einen praktischen Extra-Tipp: Den Biomüll einfach wegfrieren! Im heimischen Eisschrank.

Kompost wegfrieren!? Auf so eine Idee können doch nur New Yorker kommen.

Merke: Beim Auftauen von Speisen eine mögliche Verwechslungsgefahr im Auge haben.

8. Christmas Chip für Anfänger

Frau Life Sciences neue Bekannte aus Japan ist schon einen Monat länger hier als sie, hat aber leider die Vorzüge des Family´s Network noch nicht so recht nachvollziehen können. Japanerinnen treten nicht einfach so einer Gemeinschaft bei. Frau Life Science hat versucht, es ihr zu erklären, fürchtet aber, sie denkt, sie möchte sie für eine Fitness-Sekte werben, wo man bei schlechtem Wetter und mit unbeaufsichtigten Babys im Park schrecklich anstrengende Übungen macht. Nur das Allerletzte stimmt.

Bei einem gemeinsamen Spaziergang fragte Frau Life Science einmal, ob sie zum North Point oder zum South Point der Insel gehen sollten. Eine andere Möglichkeit gibt es ja auch nicht, es sei denn, man verlässt die Insel. „Gehen wir doch zum North Point, da bin ich noch nie gewesen“, sagte die japanische Mutter. Aha! Scheint so, als würde sie sich sehr viel Zeit lassen, die Welt um sich herum zu entdecken.

Da wundert es Frau Life Science auch nicht, dass sich die Japanerin beim „Christmas Chip“ unsicher ist. Diesen lasse man offenbar zu Weihnachten dem Hauspersonal zukommen – was Frau Life Science wiederum nicht wusste. Im Internet hatte die Japanerin dann recherchiert: ein Betrag von $50 sei durchaus angemessen, hieße es da.