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Frau im Ausnahmezustand Kinder kriegen und großziehen ist ein Segen, aber halt nicht nonstop. Stressfallen lauern überall: Wann wem von der Neuigkeit der Schwangerschaft erzählen? Wie dieses verflixte glückselige Strahlen, das alle Welt erwartet, in den Körper bringen? Wie das erste Jahr zwischen Überforderung und monotoner Langeweile meistern? Was tun gegen gnadenlose Bring- und Holzeiten der Kita – und: Funktioniert Eigenverantwortung auch bei Hausaufgaben? Eva Karl Faltermeier erzählt witzig und selbstironisch von den Grenzen der Belastbarkeit und von typischen Situationen, die sie als Mutter aus dem Bauch heraus oder zur Schonung der Nerven radikal pragmatisch löst. Denn: Jede Hürde lässt sich auch wunderbar unperfekt meistern!
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Seitenzahl: 219
Veröffentlichungsjahr: 2023
Eva Karl Faltermeier
Mama Fatale
Bekenntnisse einer Erziehungsberechtigten
dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
Für Fanni und Severin und Kristina Weber, Giuliere, Pola und Andrea Platzer, aus Gründen.
Danke an Valentina, Iris, Binsi, Caro, Teresa, Michi, Linda, Hannes, Martina, Lisa, Susi Engl, Maria, das EoF-Team, meine Eltern und Tanten.
Mangels Vergleichsmöglichkeiten war meine Mutter immer perfekt für mich. Warum ich keinen Vergleich hatte? Nein, ich bin nicht auf einer Berghütte ohne soziale Kontakte aufgewachsen, aber man hat die Gefühle, die man zu einer Mutter hat, nur zu dieser einen Person. Ich konnte zwar vielen anderen Müttern beim Leben zuschauen als Kind. Getauscht hätte ich jedoch nie. Klar war das super, wie manche Freundinnen immer alles durften, etwa in den Urlaub fahren, und wie sie mit ihren Müttern über den ersten Kuss und den ersten Freund sprachen, aber bei mir war das nun mal nicht so. Und ich war sehr zufrieden. Weil meine Kindheit gut war und ich mich wohlfühlte.
Natürlich gab es Zeiten, in denen meine Mutter und ich uns gegenseitig sehr gerne in irgendeine Umlaufbahn geschossen hätten – am besten in die von zwei unterschiedlichen Planeten. Aber wir wussten immer: So in Rage kann uns nur die jeweils andere bringen. Irgendwie auch schön. Und dieses wohlige Gefühl konnten wir lange genießen. Denn meine Pubertät war so intensiv und langwierig, dass sie für zehn normale Pubertierende gereicht hätte, und die Fronten zwischen meiner Mutter und mir waren oft massiv verhärtet. Aber als ich dann selbst Mutter war, habe ich festgestellt: Mama ist immer noch die Beste.
Klar, wir erziehen unterschiedlich, die Zeiten haben sich geändert und wir uns mit ihnen. Meine strenge Mutter war bei der Geburt meiner Tochter eine sehr entspannte Großmutter geworden, und ich wurde mit jedem Stillvorgang plötzlich konservativer. Die ersten Lebensjahre meiner Tochter war das einzig Coole an mir, also das Letzte was an die Punk-Zeiten von früher erinnerte, der »Ramones«-Body meiner Tochter in Größe 68.
Anfangs arbeitete ich mich sehr tief ins Muttersein ein. In Theorie und Praxis. Sämtliche modernen Erziehungsratgeber, meine Hebamme und meine Freundinnen schrien es mir förmlich ins Gesicht: Wir erziehen jetzt alle bindungsorientiert, bedürfnisorientiert und nicht mehr wie in der Nachkriegszeit. Denn die Generation unserer Eltern hatte eben nicht recht, wenn sie uns erklärte, dass wir Babys verwöhnen würden, statt sie schreien zu lassen. Und es war auch nicht richtig, fest nach einem bestimmten Rhythmus zu füttern.
All das leuchtete mir ein, und ich konnte mich darüber mit meiner Mutter gut austauschen. Aber ich muss zugeben, wenn meine Freundinnen ausgiebig und intensiv über »Baby led weaning« (vom Baby geführtes Entwöhnen und Abstillen) referiert haben, habe ich innerlich sehr oft an andere Dinge gedacht, das eigene Abendbrot zum Beispiel. Mein Ziel war es nicht, alles nach neuesten Methoden richtig zu machen, denn mir war klar: Die neuesten Methoden würden – sehen wir den Tatsachen mal ins Auge – genauso in zwanzig Jahren als veraltet gelten. Deswegen kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass Menschen je in einer komplett durchdifferenzierten Welt die eine perfekte Methode finden werden, nach der Kinder erfolgreich und komplett schadenfrei aufgezogen werden können. Und ich gehöre außerdem zu den Menschen, denen es überhaupt keine Sicherheit gibt, sondern nur Unsicherheit, wenn sie sich bei der Erziehung stur an das neueste Hype-Erziehungsstandardwerk halten sollen. Ich empfinde es als beklemmend. Ich weiß beispielsweise eh, dass ich nicht schreien sollte, aber – Überraschung – ich schreie trotzdem. Und dann war ich wieder nicht die coole Leitwölfin, die der dänische Familientherapeut Jesper Juul in einem seiner Bücher beschreibt. Sondern ich war dann halt Eva Karl Faltermeier am Rande eines Nervenzusammenbruchs, leicht hangry um 11:35 Uhr in der Küche während eines Streits ihrer Kinder 2022.
»Wer seine Kinder nicht anschreit, der sieht sie zu selten«, hat mir eine Freundin neulich geschrieben, und ich habe das gefühlt.
Aber nach dem Schreien fühle ich mich halt dann auch wie Mist. Ich fühle mich erbärmlich, nicht als souveräne Checkerin der Situation, ich fühle mich wie Schrott. Wie eine Schrott-Mama. Einfach nicht gut. Ich habe das Ideal nicht erreicht. Also dieses Ideal, von dem alle reden. In meinen Versuchen, bindungsorientiert zu erziehen, schicke ich meine Kinder dann doch um 22 Uhr alleine ins Bett, um noch meine Steuererklärung machen zu können. Weil ich nach zwei Stunden ruhigem Überreden, Kuscheln, Lesen und Einschlafbegleitung keine Nerven mehr habe und alleinerziehend bin. Das bedeutet – liebe VerfasserInnen aller Ratgeber –, dass niemand meine Arbeit als Selbstständige erledigt, während ich meine Kinder in den Schlaf kuschele. Bitte findet selbst in den Schlaf. Bitte – nur heute.
Und dann denke ich wieder: Die Kinder werden so schnell groß, was sind schon zwei bis drei Stunden Einschlafbegleitung? Und wieso schaffe ich das nicht? Aber ob es ihnen wirklich hilft, wenn ich die Einschlafbegleitung mache und wir langfristig aus unserem Haus ausziehen müssen, weil ich die Buchhaltung und Rechnungen abends nicht mehr schaffe?
Ich bin unentschlossen. Welche Mutter will ich sein? Woher kommt es, dass wir so wahnsinnig viel über die Erziehung unserer Kinder nachdenken? Sind wir die erste Generation Eltern, die alles richtig machen wollen? Weil die Welt nach uns eine andere sein muss? Oder sind unsere Kinder dann als Erwachsene nur dauergehypte Egomanen? Wir wissen es nicht. Wir können es nicht sagen.
Elternteil sein heißt auch: immer nur auf Sicht zu fliegen. Mit Gefühl und einer sehr langsam wachsenden Technik. Und hinten im Gepäckraum der alten einmotorigen Maschine liegen als Dauergepäck das schlechte Gewissen, die Ratschläge, die Erfahrungen mit den eigenen Eltern und die angefangenen Psychotherapien und schauen uns beim Versuch, selbst fliegen zu wollen, vorwurfsvoll an.
Wir können es nur falsch machen, stimmt’s? Es ist so, oder? Streckenweise sind wir so unentspannt beim Elternsein, dass wir nicht lachen können, wenn Witze darüber gemacht werden, dass wir andere Eltern dauerbeobachten und kritisieren und in Abwesenheit der Kinder kein anderes Thema mehr kennen als sie. Weil sie ja die erste perfekte Generation sein werden. Ihr bemerkt hoffentlich meinen spöttisch-zweifelnden Unterton. Fakt ist jedoch: Wir wissen nicht, was geschehen wird, wir erziehen nach dem eigenen Vermögen, nach bestem Wissen und Gewissen. Und dann kommt da irgendetwas heraus. Irgend so ein Mensch. Unser Kind.
Lasse ich meine letzten acht Jahre als Mama Revue passieren, bin ich mir in Erziehungsdingen nur bei einer Sache sicher: Wir müssen uns alle weniger stressen, weniger wichtig nehmen und weniger unter Druck setzen. Und genau deshalb habe ich dieses Buch geschrieben. Zunächst einmal: Wer es ernst nimmt, sollte vielleicht etwas Zeit im Keller verbringen, um das Lachen zu üben. Und allen anderen, die trotz Erziehung noch Humor haben, möchte ich sagen, dass bei Eltern nichts falsch ist, solange es Liebe zu den Kindern gibt und das ehrliche Bemühen, es bestmöglich zu machen. Wer sind wir, andere ständig zu beurteilen? Wer sind wir, an uns selbst kein gutes Haar zu lassen? Was soll das ganze Verkopfte? Was sagt unser Bauch? Und sind nicht alle, die sich nonstop überhaupt so viele Gedanken um die Erziehung machen können, wahnsinnig privilegiert? Also, ich frage nur mal laut.
Die folgenden kleinen Geschichten sind ziemlich erfunden und zusammengetragen, dennoch auch irgendwie wahre Collagen. Trotzdem gibt es in jeder Geschichte eine Ich-Erzählerin, und der Einfachheit halber bin das immer ich. Ich nehme es euch jetzt mal ab, die Mama of Disaster zu sein. Seid euch beim Lesen sicher: Es gibt immer noch eine chaotischere Mutter als euch selbst – und es gibt auch unfassbar viele, die den Ratgebern und momentanen Idealen nicht entsprechen, weil sie einfach Menschen sind. Menschen, die scheitern, leben und sich jeden Tag Mühe geben. Die stets versuchen nachzujustieren – und erneut scheitern, aber anders. Oft an sich selbst, an der Müdigkeit.
Männer, Väter und jene, die sich nicht definieren, dürfen dieses Buch natürlich auch lesen – weil ein schlechtes Beispiel kann optimal für alle gelten. Grenzenlos schrottig also. Und somit: perfekt.
»Eva, warum bist du so grün im Gesicht? Ist dir schlecht?« Meine Freundin Steffi schaut mich prüfend an, und ich bleibe betont stoisch. Allerdings würde ich es am liebsten rausbrüllen. Ich würde es gerne an Wände schreiben, einen Newsletter verschicken und einen Zeppelin mit einem Spruchband über der Stadt kreisen lassen, denn ich bin schwanger. Und ich bin so schwanger, ich atme schwanger, ich schwitze schwanger, ich rieche schwanger – ich bin die schwangerste Frau seit jeher.
Nach insgesamt drei Fehlgeburten und wenig optimistischen Aussagen mancher Ärztinnen ist es für mich auch wie ein Wunder: Dieses Kind scheint zu bleiben. Noch. Ich traue es mich gar nicht zu denken, weil ich so abergläubisch bin. Und außerdem will ich Steffi nicht ihren Moment nehmen, weil sie mir gerade gesagt hat, dass sie auch schwanger ist. »Die zwölfte Woche ist jetzt vorbei, und jetzt schaut es einfach gut genug aus – jetzt sagen wir es«, verkündete sie mir stolz. Wo ich sie so ansehe, merke ich, dass sie schon anders sitzt, anders atmet und anders geht. Sie ist ebenfalls sehr schwanger. Doch während sich meine Schwangerschaft anfühlt wie ein unwirklicher Dauer-Magen-Darm, scheint Steffi genau zu wissen, wie man das macht. Dieses freudige Erwarten.
Steffi gesteht mir, bereits einen mehrstufigen Plan bis zur Geburt des Kindes zu haben. Eventuelle Ängste zeigt sie derweil überhaupt nicht, und es wirkt, als wäre sie schon zum zehnten Mal schwanger. In mir tobt hingegen seit dem positiven Test eine Art innerer Kampf. Einerseits ist es nach drei Fehlgeburten, vergeblichen Versuchen und vielen Tränen wirklich wunderbar, dass es nun wohl endlich geklappt hat. Andererseits kann ich mein Glück gar nicht fassen, bin hypernervös und denke mir ständig, dass das wohl nicht mehr lange gut geht mit der Schwangerschaft. Als ich nach dem Test bei meiner Frauenärztin zum Ultraschall war, hatte sie eine Sekunde lang die Augen zusammengekniffen – und mir waren schon die Tränen eingeschossen: Klar, jetzt ist es vorbei. War es aber gar nicht. Sie hatte nur ihre Brille verlegt.
Und dann würde ich so gerne mit allen über meine Ängste und meine Freude und den Hormonwandel reden, aber bisher weiß es nur mein Mann, und der sagt dann mit gleichgültigem Ton Dinge wie: »Wow, schon verrückt so ein Baby/weiblicher Körper/Gynäkologe ohne Brille.«
»Das Wichtigste an einer Schwangerschaft ist einfach, dass man ruhig bleibt. Kein Stress. Das überträgt sich ja sonst aufs Kind«, erklärt mir Steffi, und ich bin mir für einen Moment nicht sicher, ob sie und ich gleichzeitig in derselben Stadt schwanger sein können. Regensburg hat zwar mit 165000 EinwohnerInnen auf den ersten Blick genügend Fassungsvermögen, aber meine Nerven hatten nicht ausreichend Kapazität für Steffis Weisheiten.
Überhaupt ist mein Zustand gerade vollkommen zerrissen. Endlich schwanger, aber trotzdem schlechte Gesamtverfassung, Lust, es allen zu erzählen, und trotzdem die Angst vor einer weiteren Fehlgeburt. Und dann noch das Wissen, dass es auch im Fall einer Fehlgeburt gut sein kann, es allen zu erzählen, weil sonst ja niemand weiß, dass man gerade trauert. Und wie sollen dann alle Rücksicht nehmen? Verzwickt. Alles.
Und natürlich: Ich habe mich auf die Schwangerschaft mein ganzes Leben lang gefreut. Klar auch deswegen, weil ich ein Kind wollte und der Weg dahin beschwerlich war. Aber auch, und da bin ich vor mir selbst ganz ehrlich, weil ich einfach mal eine Pause gebraucht habe vom Arbeitsleben.
Die Aussicht auf Mutterschutz und Elternzeit war so verlockend. Die Chance, noch mal ganz neu anzufangen, irgendwie. Steffi erzählt gerade, wie sehr sie sich freut, dass sie mit Kind später nicht mehr auf Silvesterpartys muss, weil sie die schon immer gehasst hat. »Da kann ich dann endlich mal ausschlafen.« Ich muss innerlich grinsen. Klar, so wie junge Eltern ja immer dauernd ausgeschlafen sind. Und gerade wenn Feuerwerke knallen, schlafen Kinder besonders gut durch. Oh Gott. Vermutlich habe ich bei meiner Sehnsucht nach Elternzeit etwas übersehen. Mir wird übel. Also noch mehr als eh schon ständig. Steffi ist nicht übel. Sie strahlt und plappert weiter.
Ich beneide Steffi um ihre Ambitionen, das Leben des Ungeborenen bereits jetzt komplett durchzuplanen, bei gleichzeitiger kompletter Ahnungslosigkeit. Und die ist ihr überhaupt nicht bewusst. Dafür spüre ich das in meinem neuen Zustand quasi stündlich umso stärker: das Wissen, dass ich nichts weiß. Und dazu dieses Gefühl, dass da jetzt einiges anders kommen wird als erwartet. Alles vermutlich.
Steffi beschreibt mir in den schillerndsten Farben, wie sehr sich ihr Mann Christoph auf das Vatersein freut und wie geeignet er dafür zu sein scheint. »Weißt du, der Christoph wird mal ein absolut super Vater, das merke ich schon, wie der einen Einkaufswagen schiebt. So verantwortungsvoll. Weißt, wie ich mein?«
Und da passiert es. Ich habe plötzlich keine Lust mehr auf Rausschreien und beschließe still für mich, meine Schwangerschaft einfach niemandem zu erzählen. Ist doch auch egal. Muss wirklich keine Sau wissen, dass ich schwanger bin. Hat das schon mal jemand gemacht? Schlicht nichts kommentiert? Ganz stoisch geblieben? Jede Frage nach einer Schwangerschaft cool abgeblockt: »Nein, ich bin nicht schwanger, ich hab nur zugenommen. Nein, ich trinke Alkohol, aber nur alleine daheim und nicht unter Leuten. Das wirkt jetzt nur so, als hätte ich Morgenübelkeit, dabei ist das ein Ayahuasca-Ritual, das ich jeden Tag durchführe.«
Steffi führt gerade aus, wie sie ihre Wohnung umräumen, um das Kinderzimmer perfekt zu gestalten, und in mir manifestiert sich immer mehr die brennende Lust am Verheimlichen meines Zustands. Ich möchte kein Teil dieser Schwangerschaftsbewegung sein. Ich möchte nicht so werden, wie Steffi gerade ist. Ich möchte – bei aller freudigen Erwartung – weiter über andere Dinge sprechen, anders wahrgenommen und nicht nur auf Entbindungstermine reduziert werden. Ich konnte im Büro lange genug beobachten, wie eine Kollegin mit bereits erwachsenen Zwillingen meiner anderen Kollegin während ihrer Schwangerschaft einen nervigen Rat nach dem anderen gegeben hat. Ständig unterlegt mit leichten Vorwürfen: »Wie, du bist müde? Isst du genug Eisen? Komisch. Mir ging’s bei den Zwillingen tadellos. Bis zum Entbindungstermin!« Zwillinge sind ja auch so ein Totschlagargument. Was will man als normale Schwangere schon gegen eine Mutter von Zwillingen ausrichten? Die gewinnen in der Hierarchie immer.
Und auch das möchte ich vermeiden. Ich will keine Tipps, keine Vorwürfe, keine Belehrungen und auf keinen Fall irgendwelche fremden Hände auf meinem Bauch. Nein.
Ich bin bockig. Nein. Ich werde niemandem sagen, dass ich schwanger bin. Neun verdammte Monate lang. Die eigentlich zehn sind, aber das sagt dir vorher ja auch niemand. Ich hasse alles.
Steffi steht auf: »Also, schön war’s. Ich muss jetzt los. Wir wollen heute gleich mal ein wenig mit Christophs Eltern über Babynamen brainstormen. Soll ja schon auch in den Stammbaum passen, unser Kleines.«
»Ich bin auch schwanger!«
Steffi erstarrt. »Was? Und da sagst du nichts? Bist du verrückt?«
»Zehnte Woche!«
»Was? Und da sagst du es schon, bist du verrückt?«
»Tu einfach so, als hätte ich es dir nie erzählt!«
»Eva, du bist so seltsam. Ich schicke dir heute Abend ein paar Links mit interessanten Büchern zu dem Thema. Und dann reden wir drüber, wenn wir uns nächsten Dienstag sehen. ’nen Platz in meinem Schwangerschaftsyoga organisiere ich dir, und meine Hebamme nimmt dich sicher. Ich muss los!«
Ich habe es gewusst: Ich hätte es nie jemandem sagen sollen.
Schwangerschaft – unendliche Weiten. Vor allem, wenn man wie ich als Schwangere, jede Bewegung geflissentlich gemieden hat. Interessiert hörte ich mehrmals täglich meiner Freundin Steffi zu, die mir am Telefon von ihrem wahnsinnig guten Schwangerschaftsyoga-Kurs erzählte, während ich mir – fast geräuschlos – eine Tafel Schokolade im Mund zergehen ließ. Die Schokolade kitzelte an meinem Rachen, und ich musste kakaoartige Spucke in mein Handy husten. Aber auch kurz vor dem Erstickungstod wusste ich: Steffi hatte total recht. Schwanger sein ist keine Krankheit. Und früher haben sie die Kinder während der Arbeit am Kartoffelacker bekommen, in ein Tuch gewickelt – und weiter ging es mit der Ernte.
Ich sehe das auch nach wie vor so, dass wir als westliche Mütter komplett verweichlicht sind, deshalb erscheint mir plötzlich die Idee von »Hypnobirthing« echt fantastisch. Nur absolute Memmen empfinden bei der Geburt Schmerz. Moderne, starke Frauen lassen das Kind einfach los und aus. Fertig. Der Käse ist gebissen, wie man in Bayern sagt. Das Kind ist da, die Mutter glücklich. Wieder ein perfekter rosaroter Tag in einer makellosen Barbie-Welt. Also in der Welt der teilemanzipierten Barbie. Die, die alles schafft. Fehlerlose Arbeit, gutes Aussehen, ideale Kinder, schmerzlose Geburt, emotionslose Trennung, reibungslosen Tod.
Und so sollte ja wohl auch meine Schwangerschaft sein. Ich wünschte mir die Schwangerschaft einer Powerfrau. Heidi-Klum-Style. Ich wollte – das wusste ich sofort, als ich den positiven Test in der Hand hielt – nicht mehr als zehn Kilo zunehmen, weil alles andere eher ungesund für Mutter und Kind war. Außerdem hatte das bei meinen Freundinnen auch hervorragend geklappt.
»Dass man in der Schwangerschaft für zwei isst, das ist ein Mythos. Inzwischen weiß man, dass das anders ist«, erklärte mir meine Freundin Steffi. Und empfahl mir auch, von Umstandskleidung Abstand zu nehmen. »Du wirst sehen, das braucht man alles nicht. Dieses übertriebene Abgefeiere von Schwangerschaft ist einfach zu extrem und kapitalistisch. Davon profitieren nur die Schwangerschaftslinien von Läden wie H&M.«
Ich quetschte mich also noch sehr lange in meine alten Jeans, die zunehmend enger wurden, aber ich wollte mit meiner Schwangerschaft wirklich keine Konzerne unterstützen. Dann eben Boyfriend-Style mit den Klamotten meines Freundes. In dem »Schalke 04«-Hoodie in der fünfzehnten Woche habe ich interessant ausgesehen, aber als ich Steffi davon am Telefon berichtete, musste die nur leicht amüsiert grinsen (ich sah das durch die Leitung zwar nicht, aber konnte es fühlen, dafür kennen wir uns zu gut und zu lange). Kein Wunder. Steffi war Schwangerschafts-Profi. Immerhin war sie mir um zwei Wochen voraus. Sie kannte sich aus.
»Ach, Eva«, entgegnete sie. »Das Schöne ist doch, dass wir durch die Schwangerschaft so von innen heraus leuchten. Daran kann Gott sei Dank sogar ein Abstieg von Schalke nichts ändern!«
Auch hier musste ich Steffi recht geben. Von ganzem Herzen. Alle Schwangeren, die ich so auf der Straße traf, hatten ihn: diesen Glow. Einschließlich Steffi. Sie glänzte golden von innen heraus, als wären ihre Muskeln mit Blattgold ummantelt oder als hätte sie das Elfenbeinzimmer verschluckt. Ich freute mich schon auf dieses Leuchten. Es war auch schön zu wissen, dass man vermutlich bald leuchten würde. So ein Gefühl hatte ich zum letzten Mal gehabt, als ich mich auf ein Date mit meinem heutigen Mann gefreut hatte. Lange her, aber ich kannte es noch. Und lang konnte das auch nicht mehr dauern mit dem Leuchten. Ich fühlte es tief in mir schon sacht anglimmen und war mir sicher, dass ich – trotz meiner neu errungenen Schwangerschaftsstreifen, des heftigen Sodbrennens und des ständigen Dauerschwindels – bald mit dem extremem Geleuchte anfangen würde.
Eines Nachmittags – ich saß bei meiner Mama – traf mich dann folgender Satz: »Eva, du musst Eisen nehmen, weil – du schaust zurzeit unfassbar fertig aus!«
Ich blicke mich um. Nein, es war keine andere Eva anwesend. Ich zeigte auf meinen Bauch und blickte meiner Mama etwas ungläubig in die Augen. »Ich? Was? Ich sehe doch super aus. Mama, ich leuchte! Ich bin schwanger!«
»Eva, wenn das dein Leuchten ist, dann möchte ich dich nicht sehen, wenn der Akku nachlässt. Für mich hast du irgendeinen Mangel. Isst du ausgewogen?«
»Klar!«, log ich. Drei verschiedene Chips-Sorten waren sicher nicht ausgewogen. Aber irgendwo hatte ich mal gelesen, dass man Gelüsten in der Schwangerschaft nachgehen müsse. Das Baby wüsste genau, was dem Körper fehlt. Und mir fehlten anscheinend gesättigte Fettsäuren.
»Nimmst du Folsäure?«
»Mama, ich trinke am Tag vier alkoholfreie Biere – was meinst du denn, was da an Folsäure drin ist. Dazu nehme ich noch Schwangerschaftsvitamine – es geht mir super!«
»Du weißt, dass auch im alkoholfreien Bier noch Restalkohol drin ist?«
»In Apfelschorle auch!«
Meine Mutter schaute gekränkt und besorgt gleichzeitig, und ich beschloss, dass es Zeit war zu gehen.
»Sei halt nicht so hormonell«, verabschiedete meine Mutter mich entnervt.
Und ich brüllte, kurz bevor ich die Tür hinter mir ins Schloss fallen ließ, noch einmal herzhaft in den Hausflur: »Ich bin nicht hormonell, ich leuchte, verdammt!«
Ich war so wütend, dass ich während der Heimfahrt weinen musste. Kaum zu Hause angekommen, legte ich mich auf meinen Kraftort, die Couch, und suchte mit Google: »Leuchten in der Schwangerschaft«. Was ich fand, schockierte mich. Haufenweise Frauen berichteten von einem gänzlichen Ausbleiben des Leuchtens. Das war mir vollkommen neu. Unangenehm berührt von der neuen Realität rief ich meine Mutter an. Canossa.
Meine Mama zischte die Begrüßung und wollte wissen, ob ich denn gut nach Hause gekommen sei.
Schweigen in der Leitung.
Dann sagte ich: »Duhuuuu, Mama … wie ging’s denn dir so in der Schwangerschaft?«
»Furchtbar! Kind, es gibt einen Grund, warum es von meinen drei Schwangerschaften nur ein Foto von mir gibt: Ich habe es gehasst!«
»Echt? Ich hab immer gedacht, dass ihr halt damals während des Hausbaus kein Geld hattet für Farbfilme!«
»Nein, es war einfach furchtbar. Ich hab ausgeschaut wie ein Zombie!«
Nun wurde mir einiges klar. Das Leuchten würde nicht kommen. Ich hatte die unterbelichteten Schwangerschaften von meiner Mama geerbt. Verdammt. Und jetzt? Ich hatte doch schon zwei Schwangerschaft-Shootings gebucht. Ich konnte mich doch jetzt nicht so wie meine Mutter verstecken. Ich musste auch rausgehen.
Ich rief die Fotografin an. Immerhin war sie mit Sicherheit die Frau in meinem Umfeld, die am meisten mit Schwangeren zu tun hatte. Sie erklärte mir, dass es tatsächlich so sei, dass nur die Schwangeren mit dem Glow zu ihr kämen. »Die anderen, die nicht leuchten, die bleiben wohl viel daheim!«
Was? Was war denn das für eine Verzerrung der Wirklichkeit! In mir kämpften zwei Seelen. Einerseits war ich eine große Kämpferin für eine realistische Außendarstellung – ich feiere Body Positivity –, andererseits musste ja nicht unbedingt ich sofort und als Einzige mit dem Realismus anfangen. Reichte schon, dass ich der Sache innerlich auf den Grund gegangen war. Wie schaut das denn sonst auf Instagram aus, wenn alle leuchten bis Woche zweiundvierzig und ich in Woche dreizehn schon ausschaue, als hätte mir jemand den Stromstecker gezogen.
Ich überlegte, was ich tun konnte, um insgesamt besser auszusehen. Klar, ich konnte mich aufwendig schminken. Aber ich war nicht die begabteste Make-up-Artistin. Auch meine Ernährung umzustellen, wäre vermutlich sinnvoll, aber das Ergebnis wäre nicht schnell genug sichtbar. Außerdem wollte ich die Vorzüge meines schnellen Stoffwechsels in der Schwangerschaft voll genießen.
Da fiel es mir ein. Ich packte meinen Geldbeutel und verließ augenblicklich das Haus. Zehn Minuten später war ich in einem Sonnenstudio. Ich weiß, Sonne ist nur bedingt gesund. Aber es gibt ja auch Frauen am Strand, die schwanger sind. Und außerdem hatte ich mich schon immer gefragt, für was ein Solarium wohl gut sei, in dem man sich im Stehen bräunen konnte. Jetzt wusste ich es: Es war für jede Bauchform geeignet.
Da stand ich nun also nackt, umgeben von Solariumröhren, und ließ mich zu den Klängen von Cardi B bräunen. Ich wippte mit und fühlte mich wie J.Lo. Bald würde ich karamellbraun leuchten und aussehen, als hätte ich gerade vier Monate in der Karibik verbracht. Perfekt.
Zwei Tage nach meinen zwanzig Minuten im Solarium traf ich mich mit Steffi.
»Schau, jetzt hast du ihn auch«, rief sie begeistert.
»Wen?«, fragte ich.
»Ja, den Glow! Ich hatte schon Angst, dass er bei dir nicht kommt, weil du so fertig ausgeschaut hast!«
»Ach, ich hatte nur eine leichte Erkältung«, erklärte ich kurz und beschloss, unter die Dauer-Sonnenbank-Besucherinnen zu gehen. Denn es musste ja wirklich nicht jeder von außen sehen, wie wenig ich innerlich strahlte.
»Einen Vorteil hat deine Risikoschwangerschaft schon – immerhin gibt es dann total oft Baby-TV«, sagt Steffi zu mir und schaut mich verträumt an.
Sie sitzt aufrecht trotz Sieben-Monats-Bauchs und hat dabei die Aura einer Elfe. Ich bin sogar im Liegen angestrengt und schnaufe bei jedem Schritt so laut, dass mein Mann inzwischen sagt, dass er sich leicht schämt, wenn wir spazieren gehen. »Du wirkst wie so ein Sauna-Nerd, der beim Aufguss immer betont einatmet«, erklärt er mir zum Beispiel, und ich möchte ihn manchmal treten. Aber ich traue mich nicht, weil ich ungut auf einem Bein stehen kann in meinem Zustand. Und eigentlich will ich ihm bei solchen Aussagen gerne sagen, dass er ein unsensibler Mensch ist, doch auch das verkneife ich mir, weil ich gerade nicht so viel Energie habe. Ich fühle mich wie ein sehr vollgesaugter Schwamm, und meine Füße sehen lustigerweise auch so aus.
Wenn ich von Vox auf Netflix umschalten muss, ist das für mich das Maß an Sport, das ich gerade noch schaffe, und eigentlich habe ich das Gefühl, diese Schwangerschaft hört nie auf.
Natürlich ist es schön, wenn man dann den Grund der Strapazen – das Neugeborene in spe – da so gemütlich im Fruchtwasser abhängen sieht. Wenn man etwas erkennt auf dem verschwommenen Ultraschall. Oder falls es mal ein 3D-Ultraschallbild gibt. Allerdings ist der Anlass für mein erhöhtes Ultraschallaufkommen gar nicht so großartig. Denn immerhin habe ich seit der siebzehnten Woche immer wieder Frühwehen wegen einer Infektion und muss daher viel liegen. Und ständig zur Kontrolle. Engmaschig.
Und natürlich gehört zu jeder dieser Kontrollen ein CTG. Beim CTG bekommt man als Schwangere eine Art Gurt umgewickelt, und unter den Gurt legt die Sprechstundenhilfe komische Plastikteile, die mit einem Wehenschreiber verbunden sind. Unter so ein Plastikteil wird Ultraschallgel verteilt, und dann geht’s ab. Oder besser gesagt: Es geht nicht ab. Man liegt da. Und liegt. Und liegt. Und die Bunte vom Wartezimmer ist so unerreichbar entfernt, nur das Handy bietet Abwechslung, wenn überhaupt. Und dann liegt man da ungefähr eine halbe Stunde, außer es kommt eine Wehe, denn dann liegt man noch länger da.
Schließlich taucht die nette Frau vom Empfang der Arztpraxis nach einer halben Stunde CTG auf, schaut auf das Papier, das aus dem Wehenschreiber gedruckt wurde, und sagt: »O je, schläft das Kleine? Das müssen wir jetzt aufwecken, und danach messen wir noch mal!«
Klar, logisch. Sie drückt sachte am Bauch und weckt das Baby, und ich sehe vor meinem inneren Auge meine Lebenszeit vorbeiziehen. Ich habe schon ganze Tage gefühlt am Wehenschreiber verbracht und mich gefragt, wann ich endlich aufstehen kann. Interessant war auch das eine Mal, als keine andere Schwangere in der Arztpraxis war und die Sprechstundenhilfen schlicht vergessen haben, dass ich noch am CTG angeschlossen war.
