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»Ich kenne sie als etwas, das früher war. Vertrautheit ohne Boden.« Ihre Mutter Lilo war eine schöne Frau, Jahrgang 1938, ein Kriegskind. Durch Heirat gelang ihr der soziale Aufstieg von der Modeverkäuferin zur Chefin einer Metzgerei. Das Unglück ist noch nicht absehbar, doch Alkohol- und Tablettenabhängigkeit prägen zunehmend das Familienleben. Als ihre Tochter zwölf Jahre alt ist und nachdem die wohlhabende Düsseldorfer Metzgerfamilie Insolvenz angemeldet hat, verlässt Lilo die Familie. Sie ist für drei Jahre verschwunden, um danach immer wieder kurz im Leben ihrer Tochter aufzutauchen. Doch der Riss lässt sich nicht mehr kitten. Eine beeindruckend klare, literarische Annäherung an eine fremde Frau, die eigene Mutter.
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Seitenzahl: 233
Veröffentlichungsjahr: 2022
Andrea Roedig
Müttern kann man nicht trauern
dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
Man kann Müttern nicht trauen. Wir sind in einem Schwimmbad. Die Sonne scheint grell durch die hohen Fenster, und alles ist blau, das Wasser, die Kacheln, bläulich schimmert der Boden des Beckens, und hellblau ist das Plastiktierchen, das ich schwimmend vor mir herschiebe. Drei Wochen lang verbringen wir den Urlaub in diesem luxuriösen Hotel in Fischen im Allgäu, und heute haben wir das Schwimmbad ganz für uns allein. An den Rändern des Beckens gurgeln tennisballgroße Abflüsse ohne Fangsieb, ein bisschen bin ich besorgt, dass Fips, mein kleiner Drache, angesogen werden und hineingeraten könnte. Ich habe so ein Ding mit kleinen Tierchen, eine Faszination für sie und muss sie doch gleichzeitig immer der Gefahr aussetzen, ich muss sie operieren oder auf ein Holzstück gebunden im Rhein auf Fahrt schicken oder sie als Köder an Angeln hängen, wie diesen eigentlich hässlichen Affen, der zusammengekauert wie ein schwarzes Ei mit rosa Gesicht aussah. Mit dem wollte ich – damals im Urlaub am Schwarzen Meer – Quallen fangen. Ich liebe meine Tierchen, und dieses hier, der kleine Drache Fips, ist ein verzauberter Gott, um den sich viele Geschichten ranken. Meine Mutter, Lilo, schwebt mir auf ihrer Bahn entgegen – sie hat eine dieser altmodischen Schwimmkappen auf, spitz läuft die nach oben hin zu und ist mit Blätterimitaten aus Gummi verziert, die artischockengleich wie Schuppen übereinanderliegen. Lilo hält den Kopf steif emporgestreckt, damit die Haare nicht nass werden. Sie ist keine gute, keine sportliche Schwimmerin. Ins Wasser geht sie für gewöhnlich nur, um sich abzukühlen.
Jetzt ist sie auf meiner Höhe angelangt, den Blick immer noch fest geradeaus gerichtet, fasst sie, ohne hinzuschauen, plötzlich rasch zur Seite, greift nach Fips – das Wasser vor mir strudelt auf – und steuert dann auf einen der Abflüsse zu. Es geht blitzschnell. Ich schreie, schwimme hinterher. Sie soll mir Fips wiedergeben! Sie stopft seelenruhig ihre Finger in den Abfluss. Das kann nicht sein, das kann sie nicht tun! Sie macht nur Spaß! Sie zieht die Finger wieder heraus, ich erwarte meinen Fips, bitte, aber sie zeigt eine leere Handfläche. »Ich hatte ihn gar nicht, hab nur so getan«, sagt sie. Vielleicht ist sie selbst betroffen über das Ausmaß des Unglücks, das dann folgt. Eher nicht. Wie kann ein Kind so dumm sein. Lange suche ich das ganze Becken ab, aber ich finde Fips in all dem Blau nicht mehr.
Diese Fips-Episode ist typisch. Meine Mutter führt mich auf die falsche Fährte, sie tut, als täte sie etwas, aber eigentlich trifft sie keine Schuld – Doppelspiel. Ihre Hand ist leer, und ich habe etwas verloren. Was bedeutet meine Grausamkeit den Tierchen gegenüber und ihre uns, ihren Tierchen gegenüber? Denn ja, vielleicht waren wir – mein Bruder und ich – ihre Tierchen. Vor denen sie sich immer auch ein bisschen fürchtete.
Richtige Panik hatte Lilo bei Mäusen. Das kam aus dem Krieg. Unsere Oma Adler, Gertrud, ihre Mutter, so erzählte sie uns, habe sie oft eingesperrt zu Hause, im Zimmer, wenn sie abends noch mal fortging. Lilo ist allein. Ein kahler Raum, ein großes Bett, darin sie als Kind in weißem Nachthemd. Schummriges Licht, gelblich. Sie hört ein Rascheln, ein Scharren, ein Klacken. Die Falle hat die Maus nicht ganz erwischt, nur der Schwanz ist eingeklemmt. Wie verrückt rennt das Tier, Klemme und Holzblock hinter sich herziehend, durchs Zimmer. Das Mädchen im Bett zieht rasch die Beine an den Körper und schreit. Niemand hört, niemand kommt. Ekel, Panik, Entsetzen – und beide sind gefangen, die kleine Lilo und die verletzte Maus. Schmerz überall, Angst überall, Opfer überall. Meine Mutter kann nicht raus aus dem Raum – es steht dort ein großer Holzschrank, und sie flüchtet hinein, verbringt dort die Nacht.
Ist Furcht die Quelle des Sadismus? Jedenfalls ist Angst die Quelle des Ekels.
Die Kriegsmaus war grau, graubraun vermutlich. Unsere waren weiß. Die weißen Mäuse der 1960er-Jahre, ein Spielzeug, Mäuse mit roten Augen und rosa Schwanz. Wir ließen sie auf uns herumkrabbeln, hoben sie hoch an den Schwänzen. Sie rochen süßlich warm und hinterließen diese kleinen Kotperlchen – Küttel, Mäuseküttel. Die Bedingung war, dass die Mäuse nicht rauskönnen aus ihrem Käfig nachts. Doch irgendwie schaffte es eine von ihnen, den Deckel der Box anzuheben und zu entwischen. Wir alle mussten mitten in der Nacht aufstehen und suchen, nach der Maus, der Maus im Haus. Wir fanden sie nicht. Meine Mutter, in heller Panik, schlief samt Bettzeug in der Badewanne, an deren glatten Wänden das Tier nicht würde hochkrabbeln können, so ihre Logik. Morgens sei die Maus hinter der Badezimmerheizung hervorgekommen, ganz grau vom Staub, behauptete sie. Wer hatte überhaupt zugelassen, dass wir Mäuse bekommen? Mein Vater, der Metzger?Viel, viel später, nach einem unserer sehr seltenen Besuche als Erwachsene bei ihr in Süddeutschland, hatte meine Mutter Mäuse im Haus und war der festen Überzeugung, wir hätten sie mitgebracht. Man kann Kindern nicht trauen. »Mickymaus« – so nannte mich mein Vater oft. Ich habe Angst vor Spinnen.
Schlagen war eigentlich tabu. Eine meiner Freundinnen hatte einmal gemutmaßt, dass der Sadismus meiner Mutter, ihre kleinen Gemeinheiten, Spitzen, ihr Sichlustigmachen über die Kindertierchen, ihre Weise gewesen sei, uns nicht zu schlagen. Irgendwo musste der Druck ja hin, die eigene Erfahrung. Denn kaum zu glauben, die liebe Oma, die weichhautig freundliche, die immer etwas in ihrer Handtasche hatte für uns, deren gut gebräuntes Gesicht, durchzogen von Lachfalten, irgendwie im Zusammenhang stand mit den Pelzmänteln, die sie trug, Persianer, braun für den Alltag, schwarz für den Sonntag, diese gute Oma hatte hart zugelangt. Immer wieder, bis ganz zum Schluss, hat meine Mutter alles, was geschah, auf ihre schlimme Kindheit geschoben, auf diese furchtbare Gertrud Adler, die an ihr kleben würde wie eine geschäftstüchtige Bordellmutter, die sich nicht abstreifen ließ. Nie ist sie sie losgeworden.
Lilo ist 1938 geboren, in Düsseldorf, die Nazis an der Macht, katholisches Milieu. Sehr katholisch. »Wir haben immer Zentrum gewählt«, das war der Spruch meiner Großmutter. Ich habe ihr geglaubt. Wie eine Hitleranhängerin wirkte sie nicht, nur wie eine gnadenlose Mitläuferin, die fasziniert war von der Choreografie der Massenaufmärsche, »schon schön«, so wie später von den Galashows in Fernsehen, bei denen leicht bekleidete, aber eben uniformierte Tänzerinnen im Gleichtakt ihre Beine hoch in die Luft spreizten. Glitzer. Immer gut, wenn etwas glitzert.
Meine Großmutter war dreißig Jahre alt bei der Geburt ihrer Tochter, des einzigen Kindes. Über die Geschichte dieses Familienzweigs weiß ich fast nichts. Gertrud Adler, geborene Lindemann, kam aus sogenannt kleinen Verhältnissen, zumindest was ihre Mutter angeht, die hochgeheiratet hatte in ein besseres Milieu. Meine Großmutter als junge Frau: gewelltes Haar, braune, ausdrucksvolle Augen, dunkler Teint, markante Gesichtszüge. Erstaunlich groß wirkt sie in ihrer eleganten Kleidung und lacht viel, manchmal etwas unsicher, manchmal keck. Sonntags geht sie mit ihrem schwarzweiß gescheckten Hündchen in den Düsseldorfer Parks spazieren, balanciert ihren kompakten Körper auf den verhältnismäßig kleinen Füßen, die in Riemchenschuhen stecken.
Es wird musiziert in dieser Familie, damals, vor dem Krieg. Der Bruder ist ein guter Violinist, spielt auch Posaune in der Musikkapelle, später wird er im Krieg fallen. Gertrud singt im Chor. Sie hat eine Zwillingsschwester, Bubi, die früh an Leukämie stirbt. Leicht dreht sich Bubi, von hinten aufgenommen, ins Profil und schaut versonnen in die Ferne. »Zum Andenken, an Bubi, deine Schwester«, steht auf der Rückseite eines Fotos und
»Fester Grund sei deinem Ich: Nie dein Wort zu brechen/
Drum vor allem hüte dich/
Grosses zu versprechen/
Aber auf dich selbst gestellt/
Handle gross im Leben/
Gleich als hättest du der Welt/
Drauf dein Wort gegeben.
Deine Schwester.«
All das sieht nach einer gediegenen Herkunft aus, die Eltern meiner Großmutter wirken wohlhabend, mächtig wölbt sich das Doppelkinn des Vaters über den geschlossenen Hemdkragen – aber es gibt da einen stummen Bruch und etwas sehr Schlichtes in Gertruds Gemüt. Sie habe als Kind immer schon gerne »Abwiegen« gespielt, hatte sie mir einmal erzählt, immer habe sie Dinge in den Händen gehalten – einen Kamm in der einen, ein Schälchen in der anderen – und mit Hingabe gegeneinander aufgewogen. Daher sei klar gewesen, dass sie Verkäuferin werden würde. Nach der Volksschule – nein, vom Ersten Weltkrieg habe man eigentlich so gut wie nichts mitbekommen – machte sie eine Lehre und wurde Fleischereiverkäuferin.
Gertrud, genannt Traudel, wird schnell fülliger, ein wenig drall ist sie schon, als mein Großvater ins Spiel kommt, 1935 muss das gewesen sein. Wochentags steht Traudel im Laden, und Heinrich Adler liefert regelmäßig die Fleischpakete von Zumke, »Erste Schinkensalzerei Düsseldorfs«. Er ist ein fescher, fröhlicher Metzger, Mitglied eines Turnvereins, kräftig, nicht sehr groß, aber aufrecht, die Haare hat er aus der Stirn gestrichen, die Hemdsärmel aufgekrempelt. Bringt die Verkäuferinnen hinter der Theke immer zum Lachen mit einem flotten Spruch. Er hat schöne braune Augen und einen weichen, sinnlichen Mund, stolz steht er mit seinen Kollegen, den Metzgersburschen, vor aufgehängten gehäuteten Kühen oder aufgetürmten Schinkenhaufen. Fleisch ist wertvoll.
Heinrich Adler scheint einen Bruder gehabt zu haben und eine Schwester. Am Wochenende geht es auf Landpartie. Man fährt nach Altenahr in die Eifel, in die Weinberge bei Koblenz, man schwimmt im Rhein. Die Herren mit Strohhüten auf dem Kopf, ein Ei wie das andere, winken gut gelaunt in die Kamera, wenn sie Glück haben, mit einer Dame im Arm. Man hat rheinischen Humor: Auf einem Bauernhof gruppieren sich in weißen Schürzen eine Frau und fünf Männer breitbeinig im Halbkreis um zwei am Halfter geführte Kühe. Die Frau hat die linke Hand beruhigend auf den Rücken eines der Tiere gelegt, während sie ihm mit der rechten ein langes Metzgermesser entgegenstreckt, und von hinten hält einer der Männer schon ein Beil bereit. In der Mitte des Ganzen steht mein Großvater, freundlich lachend, breitbeinig, einen Vorschlaghammer geschultert. »Firma Gerhard Prinz, kurz vor der Schlachtung.« Zum Standesamt fahren Gertrud und Heinrich Adler mit einer Pferdekutsche, und sie finden eine Zweizimmerwohnung in der Brunnenstraße, die erstickt ist in Kleingemustertem. Tapeten, Vorhänge, Teppich, Sofa – nichts ist hier ohne Blumenaufdruck. Heinrich sitzt am Tisch, mit steifem Anzug und Krawatte und schaut fast streng hinab auf seine Frau, die, aufs Sofa hingestreckt, ihn anlächelt, verliebt durchaus. Die Streifen des hochgeschlossenen Kleides betonen ihren üppigen Körper.
Einige Jahre später lebt Gertrud in derselben Wohnung allein mit ihrer kleinen Tochter Lilo, es ist Krieg, ihr Mann ist fort, und sie hat bei der Feinkostmetzgerei Lintorf eine Anstellung gefunden. Trotz der schlechten Zeiten amüsiert sie sich gern, schunkelt bei feuchtfröhlichen Anlässen und bekommt manchmal, vielleicht, auch Herrenbesuch, der Pralinen bringt. Oder sie geht abends aus und schließt ihr Kind zu Hause ein. In Gertrud ist etwas untergegangen und etwas anderes hervorgetreten, etwas Herrschsüchtiges und Devotes zugleich. Sie muss sich durchbringen und ihr Kind. Sie ist gierig nach Geld und vor allem nach Schmuck, sie schaut auf zu den Wohlhabenden, muss sich genehm machen und auf Vorteil rechnen. Hin und wieder betreibt sie kleine Tauschgeschäfte mit Fleisch und Wurst, eine Hand wäscht die andere, beklaut – ganz wenig, ein bisschen, fast gar nicht – ihre Arbeitgeber. Sie achtet peinlich darauf, dass niemand ihr etwas nachsagen kann. Bloß nicht auffallen. Und wenn sie sich ärgert, bestraft sie ihr Kind für jede Kleinigkeit, für jede Unachtsamkeit, drakonisch. »Ohne Pipimachen ins Bett«, heißt eine der Züchtigungen und »runter in den Hofdurchgang«. Dort schlägt sie das kleine süße Mädchen, das Luder, damit die Nachbarn die Schreie nicht hören. Hauen auf den Kopf, paff, paff, paff, wie im blinden Hass. Hartes Treten in den Hintern. »Hören Sie auf! Sie schlagen das Kind ja tot«, soll eine Passantin entsetzt gesagt haben, als sie eine dieser Szenen mitbekam.
Gertrud ist allein mit Lilo. Lilo ist allein mit Gertrud. Heinrich Adler, der Vater, der sie hätte schützen können, war die große Leerstelle. 1942 als Wehrmachtssoldat eingezogen, wird er bald schon vermisst im Russlandfeldzug. Man habe lange auf Nachricht gewartet, erzählte meine Großmutter, und in der Nacht, bevor der endgültige Bescheid kam, habe sie diesen Traum gehabt. Da schwimmt Heinrich in einem extrem hellblauen Meer, im gleißenden Licht, und aus der Ferne winkt er ihr zu, er winkt und winkt, aber er ruft nichts, es ist still. Sie wusste, was das bedeutet, und mehr hat sie von ihm nicht erzählt. Sie hat nie wieder geheiratet.
Für Lilo blieb die Sehnsucht nach einem Vater das Motiv, lebenslang. Sie war vier Jahre alt, als er in den Krieg zog. Sie konnte sich kaum erinnern. Sie wäre so gern die hübsche Tochter eines gütigen Vaters gewesen. Stattdessen diese Mutter. Sie hat sie gehasst, sie wollte alles sein, nur nicht so wie Gertrud Adler. Das Ordinäre meiner Großmutter, das Grobe, das Derbe, das lebenslustig-rheinländisch Feiste, der etwas zu schwere Körper, die glänzende Haut – all das lehnte sie ab. Sie ekelte sich. Sie hat erzählt, dass sie, wenn sie abends im Bett lag, hören konnte, wie Gertrud sich im Nebenraum wusch, untenrum, und es immer dieses schmatzende Geräusch machte, schlapf, schlapf, als die Hand mit dem Waschlappen zwischen die Beine fuhr. Feiner wollte sie sein, gepflegt und niemals nackt. Sie stellte sich vor, ja, sie glaubte fest, dass sie in Wahrheit das uneheliche Kind von »Tanti« Lintorf sei, Gertruds Arbeitgeberin, die zugleich auch ihre Patentante war, sie trug ja sogar deren Namen: Liselotte. Eigentlich war sie eine andere Rasse, eine höhere Geburt, nicht herausgekommen aus dem Bauch dieser Frau, die allerhöchstens eine böse Stiefmutter sein konnte, mehr nicht. Denn warum sonst hätte sie sie derartig geschlagen?
Ich habe es gespürt dann, später, am eigenen Leib, wie sehr Lilo ihre Herkunft verachtete. »Welche Stimme singst du im Chor?« – »Alt.« – »Wie die Oma.« Und immer fragte sie, bis ganz zum Schluss, als sie nur noch Haut und Knochen war: »Wie viel wiegst du?«, und war zufrieden, dass sie weniger wog als ich. Leichter ist sauberer. So leicht und sauber wie sie konnte man nicht sein, durfte man nicht sein. Der Ekel vor ihrer Mutter muss sie ein Leben lang begleitet haben. Der leichte Ekel vor den Kindermäusen dann vielleicht auch. Wir haben jeden Tag gebadet. Wir durften uns dreckig machen, durften auf dem Spielplatz buddeln, aber dann ab in die Badewanne. Weiße Bademäntel. Sauber geschrubbte Kinder. In uns kehrte ein Stück Gertrud wieder, Fleischlichkeit, vor allem in mir, der Tochter. Ekel und Scham. Der Ekel der Mütter ist die Scham der Töchter. Ekel, Scham, Angst und Stolz. Das waren die Koordinaten des Lilo-Systems.
Das zerstörte Düsseldorf der Nachkriegszeit; Bombenkrater überall, Ruinen, in denen Menschen nach Verwertbarem suchen. Lilo geht zur Schule in dieser Zeit, sie ist schüchtern, sie stottert. Steht vor dem Lehrer und bekommt d-d-d-d-d-d-das nicht raus. Wie ein Würgen. Schmal ist sie, zart, ein hübsches, scheues Kind mit dunkel glänzenden Augen und einem zum Dutt gelegten blonden Haarschopf. Sie mag Puppen, am liebsten zwei auf einmal, sie ist sehr gerne Mädchen. Sie trägt ihre Kindchen im Arm und am Finger einen Ring wie eine kleine Ehefrau. Sie steht stolz im weißen Rüschenkleid stramm und hält die riesige Kommunionkerze wie ein zum Salut erhobenes Schwert.
Lilo ist ein wirkliches Einzelkind, sie hat wenig Freundinnen, sie darf nicht oft hinaus auf die Straße, ihre Mutter verbietet es, weil dort Gefahr lauere und Chaos. Sie lernt nur schlecht schwimmen, sie lernt nicht Rad fahren, hat es auch später nie gelernt, sie träumt sich hinein in ihre eigene Mädchenwelt. Hunger hat sie nicht, denn Gertrud hat Zugang zu Lebensmitteln, aber aufgegessen werden muss alles, auch wenn es ekelt. Wehe du weigerst dich. Die Lintorfs, selbst schon älter und kinderlos, haben Lilo ins Herz geschlossen. Sie sind warm und freundlich und herzlich und in der Wohnung von »Tanti und Onkel Pips« ist alles schön und geschmackvoll eingerichtet. Vertraut schlingt die vierjährige Lilo ihre Arme um den Hals von Tanti, ganz nah ist sie da, fast Wange an Wange.
Kriegsgeschichten. Die Maus in der Falle, der Luftschutzbunker. Eng ist es da bei Bombenalarm. Die kleine Lilo lehnt neben ihrer Mutter mit dem Rücken zur Wand. Direkt ihr gegenüber und den Blick zum offenen Eingang gewendet, sitzt eine Frau mit langen schwarzen Haaren. Wie in Zeitlupe wird vom Luftdruck einer einschlagenden Bombe draußen das Haar dieser Fremden platt an die Wand gepresst und ihr Gesicht zerdrückt, zerquetscht zu nichts. Lilo schilderte es, als wäre das Gesicht dieser Frau zersprungen wie ein Teller, der in Stücke geht, die auseinanderfliegenden Haare wie eine weit aufgespreizte schwarze Aureole und dazwischen ein Gesicht durchrissen von roten Scherbenlinien. Das Bild vom Krieg.
Die andere Kriegserzählung meiner Mutter war moralischer Natur, eine Lehrfabel: Kehren zwei Väter aus dem Krieg heim. Der eine ist prächtig erhalten, trägt Anzug, bringt seiner Frau einen riesigen Strauß Blumen mit und dem Kind eine teure Puppe zum Spielen. Der zweite Vater hat im Krieg ein Bein verloren, ist arm, zerrupft und geht an Krücken. Der Tochter hat er aber als Geschenk ein aus einer Streichholzschachtel gebasteltes Puppenbettchen mitgebracht. Welcher der Väter ist der bessere? Es war klar, welche Antwort wir geben mussten. Besser arm und ehrlich. Von diesen zwei Versionen der erhofften Rückkehr passte eine zu meiner Großmutter, die sich den glorreich wiederkehrenden Mann phantasierte, die andere war der Wunsch meiner Mutter. Ihre Moral. Kleine Puppe, große Liebe. Lilo war zwar angezogen vom Reichtum, verachtete ihn aber gleichzeitig, das Hängen an Dingen. Wir haben diese Miniaturstreichholzbettchen tatsächlich gebastelt als Kinder. Und hineingelegt, auf Watte gebettet, ein winziges Püppchen aus bemalter Pappe.
Aus ihrer Kindheit kam Lilo mit scheinbar kaum etwas heraus. Sie durfte nichts und konnte – mit heutigen Maßstäben gemessen – wenig. Sie hatte lediglich die achtjährige Volksschulbildung. Aus ihrer Familie gab es schon in meiner Kindheit niemanden mehr, alle waren tot, wie ausradiert. Meine Mutter trat ohne Genealogie auf, ohne Herkunft, es gab da keine Großeltern, keine Tanten, Onkels, keinen Vater – nichts. Auch keine Erzählungen, keine Geschichten gab es. Nur diese Mutter, die Lilo nicht loswurde.
Als spränge sie über einen Graben hinweg, wollte Lilo alles anders machen als Gertrud Adler. Eine moderne Mutter wollte sie sein.Keine Schläge als Erziehungsmittel, das hatte sie sich vorgenommen. In der Regel hat sie das durchgehalten, mein Bruder kriegte manchmal eine drüber, aber mich hat sie nicht geschlagen – nur einmal, in der schlimmen Zeit schon, als alles im Chaos war und ich das Geschirr im Bad abwusch, weil ich das so bei der Oma gesehen hatte, die, um ihre Spüle aus Chrom sauber glänzend zu halten, kleinere Teller und Tassen im Badezimmerwaschbecken reinigte.Als meine Mutter mich im Bad das Geschirr spülen sah, schlug sie wie rasend zu, heftig, konnte kaum aufhören. Es war die Zeit, in der sie, halluzinierend, auch Gertruds Stimme durchs Radio sprechen hörte oder, ein anderes Mal, das ganze Ehebett auseinanderbaute, weil sie sicher war, dass ihre Mutter darunter lag.
Ich habe ein Tagebuch meiner Mutter. Es ist ein aufwendig in Pergament gebundenes, quadratisches Heft, vermutlich als Poesiealbum gedacht, auf dessen Vorderseite ein Postillion auf einer Pferdekutsche sein Horn bläst. Meine Mutter bekam es als Zehnjährige zu Weihnachten geschenkt, »Unserer lieben Lotti, von Tante Liselotte und Onkel Pips«, steht vorne darin und in kindlicher Schrift: »Liebe Leute Groß und klein, haltet mein Poesiealbum rein.« Benutzt hat meine Mutter dieses Buch aber erst acht Jahre später, nicht als Poesiealbum, sondern um ihre erste Verliebtheit zu verarbeiten. Auf dem Schmutztitel vorne – noch eine Zeitschicht weiter – ist ein Brief vom 23. Oktober 1974 eingeklebt, mit dem sie mir dieses Buch in pathetischer Geste zugeignet: »Und keinem sonst würd ich dies Büchlein schenken, als dir Andrea, meinem Kind, zum ewigen Besinnen – zum Andenken. Deine Mami.« Sie hatte zu dichten begonnen in der Zeit, kaum auszuhalten ist dieser in lila Filzstift geschriebene Sermon, der dann in der Formel vom »ewigen Besinnen« endet. Peinlich. Ich schäme mich für sie, immer noch. Ein Jahr später, 1975, würde sie verschwunden sein. »Deine Mami« – bei der Unterschrift stocke ich: Ich habe eine Mami gehabt. Tatsächlich.
Das Tagebuch ist zum Teil in Geheimschrift verfasst, bei der einzelne Buchstaben durch Zahlen ersetzt sind, das macht es anstrengend zu lesen. Nichts in diesem Buch deutet auf das hin, was später mit meiner Mutter geschehen wird, und nichts darauf, was vorher war, das Kindheitstrauma des Geschlagenwerdens, des ausbleibenden Vaters, der elenden Kriegs- und Nachkriegszeit. Es herrscht Wirtschaftswunder jetzt, und Liselotte Adler, »Lotti« wird sie gerufen, meine junge Noch-nicht-Mutter, ist in Ausbildung als Modefachverkäuferin beim angesehenen Bekleidungshaus Raves auf der Düsseldorfer Königsallee. Erste Adresse.
Lilo besucht noch die Berufsschule und lernt in den verschiedenen Abteilungen des Modehauses alles über Stoffe, Schnitte, Muster, Formen, Kleidungsstile und Trends. Die Kundschaft ist exklusiv, Raves fertigt vorzugsweise Einzelstücke an, und als sie weiterkommt in ihrer Ausbildung, nicht mehr Lehrling ist, sondern schon »Volontärin«, darf Lilo auch Kollektionen vorführen. »Die war ja ein Mannequin«, wird eine der Schwestern meines Vaters später sagen.
Das Tagebuch beginnt im sehr verregneten Sommer 1956. Lilo, siebzehn Jahre alt, hat drei Wochen frei, bleibt in der Stadt und ist unsterblich in Dieter verliebt, D0te3 im Tagebuch. »019 we0ß g23 n019t, 6b 019D0te3 l03be.« Alles ist so unglaublich normal. Lilo geht ins Kino, »Lügen haben hübsche Beine«, »Die Kirschen in Nachbars Garten«, »Die tätowierte Rose«, sie flaniert mit den Freundinnen Christa und Gerda über die Kö, sie singt im Kirchenchor – gemeinsam mit »Mami«, die auch Solo-Parts übernimmt. Sie raucht ihre erste Zigarette am 1. Juli 1956, was ihr gar nicht schmeckt, sie macht Ausflüge mit Tanti und Onkel Johnny ins Neandertal, nach Koblenz, man geht ins Restaurant, geht Kaffee trinken, manchmal in die Düsseldorfer Rheinterrassen, »es war ganz prima«, »es war sehr nett«, kommentiert sie und ist so unglücklich. Ich mag diese Stimmung, in der sie da ist, dieses Sehnen.
Denn Dieter, ein Arbeitskollege aus der Herrenabteilung, der eine »winzige Lambretta« besitzt – immer werden die Jungs in einem Atemzug mit ihren Fahrzeugen vorgestellt –, ist unerreichbar, und meine Mutter sitzt da, in diesem nicht enden wollenden Regen. »Es gibt nichts furchtbareres als Langeweile«, schreibt sie, »man kann richtig gemütskrank werden«. »Wenn ich doch nur nicht so einsam wäre. Lieber Gott, lass mich bitte auch mal jemand liebhaben. Mein Herz ist so voll Sehnsucht. Aber immer nur Regen«, 19. Juli 1956.
Verliebtheit macht so einsam; Lilo wohnt noch zu Hause bei ihrer Mutter, in der kleinen Wohnung in der Brunnenstraße, sie versucht sich tagsüber mit Lesen, Spazieren, Aufräumen zu beschäftigen und nicht so oft an Dieter zu denken. Abends kommt Gertrud von der Arbeit. Die jetzt auch stolz auf ihre Tochter ist, das Schmuckstück, aber aufpassen muss man auf sie. Hin und wieder gibt es Streits, vor allem um Ausgang – bis 22 Uhr höchstens und keine Minute länger. Gertrud ist neugierig, deshalb ist Lilos Tagebuch in Geheimschrift verfasst. Mutter und Tochter gehen gemeinsam zu den wöchentlichen Proben des Kirchenchors, Lilo singt in der jungen Gruppe beim Sopran, und sonntags bei der Messe. Im Sommer 1957 unternimmt die Chorgruppe einen Tagesausflug ins Siebengebirge, es wird gespielt, gesungen, alles ist »sehr prima, sehr nett«, bis Lilo mit den Jüngeren hinauf auf den Berg steigt – man findet einen Heuschober da oben – und die Stimmung kippt: »Verschiedene haben sich unmöglich benommen, dass ich ganz rot geworden bin.«
Als sie Dieter im Herbst wiedersieht, muss Lilo sich an einer Tischkante festhalten, »so schwindelig war es mir plötzlich.« Sie ist hin- und hergerissen zwischen »grenzenlosem Vertrauen« und Verzweiflung. Sie weiß ja aus den Romanen, die sie liest, dass die wahre Liebe Zeit braucht, aber Dieter ist wirklich sehr zurückhaltend, und außerdem hat auch Christa ein Auge auf ihn geworfen. »D0ete3 …, ach, es hat keinen Zweck weiterzuschreiben.« An ihrem achtzehnten Geburtstag wünscht sich Lilo nur eins, natürlich in Geheimschrift: »Lieber Gott – G6tt – bring mir in diesem Lebensjahr die Liebe des einen Menschen, den ich so innig und tief liebe. … Amen.«
Etwas mehr als ein Jahr später ist Lilos Handschrift lockerer geworden, der Geheimcode aufgegeben, es gibt lange Lücken in den Aufzeichnungen. Sie hat mehrere Bekanntschaften gemacht, Klaffe, Eckhart und Kalle, sie geht gern aus, ins Espresso, die Toni Bar, das La Bohème, das Kabbelgatt. »Heute war Bäckerball … Christa und ich hatten wirklich ein entzückendes Kostüm. Wir gingen als Blumenmädchen.« Darunter eine winzige Modezeichnung, zwei Damen im Pettycoat mit Wespentaille. »Hatten viele Chancen.«
Einmal, auf dem Heimweg von einem Fest, kommen ihnen zwei der Jungs hinterher, deren Bekanntschaft sie eben gemacht hatten. Vermutlich sind sie nett, aber zumindest einer von ihnen sieht »abstoßend und bemitleidenswert« aus. Die beiden folgen Christa und Lilo durch die Altstadt, lassen sich auch durch Finten nicht abschütteln. Christa und Lilo beschleunigen die Schritte, soweit die Pumps das zulassen, biegen scharf in eine kleine Nebenstraße ab, die Verfolger rufen ihnen jetzt blöde Worte hinterher. Da bleibt Lilo abrupt stehen, dreht sich um, geht auf die beiden zu: »Untersteht euch, uns weiter zu folgen«, sagt sie forsch, schüttelt dem, der ihr am nächsten steht, die Hand, »auf Wiedersehen«, und geht zu Christa zurück. Sie reckt in solchen Situationen den Kopf ein wenig vor, als wolle sie dem Gegenüber im wörtlichen Sinn die Stirn bieten, doch ihre Stimme, die einmal gestottert hat, ist nicht ganz fest. Die Jungs sind verdutzt und folgen, jetzt erst recht interessiert, den beiden Frauen noch eine Zeit lang weiter. Lilo kann sich vor Lachen nicht halten, ist aber dann doch erleichtert, als sie in ihrer heimischen Haustür verschwinden kann.
Forsch ist Lilo und scheu zugleich, ehrgeizig ist Lilo und zurückhaltend. Etwas zurückhaltend. Die Arbeit bereitet ihr nicht viele Sorgen, sie ist gut in der Berufsschule, pflichtbewusst und erfolgreich im Verkauf – »habe heute 6 Prozente gemacht« –, denkt nicht viel über Karriere oder berufliches Fortkommen nach. Sie ist beliebt bei den Kolleginnen, weil sie lustig ist und viel lacht, sie wird »Stubs« genannt und hat immer einen Spruch parat. Die anderen denken, sie sei ein einfaches, fröhliches Gemüt, aber nein, in Wirklichkeit ist da noch etwas anderes. Sie kann ihre Gefühle nicht so gut zeigen. Ja, sie liebt Dieter – »er ist für mich das Ideal eines Mannes« –, aber »sobald er in meiner Nähe ist, werde ich frech«. Lilo ist weniger verzweifelt mittlerweile, sie übt sich stattdessen in altkluger Geduld: Noch ist es nur eine Freundschaft, es wird mehr werden, sie muss dem Zeit geben. An ihrem neunzehnten Geburtstag fühlt sie sich gefestigt und rein: »Ich bin vor allen Dingen noch so, wie ein junges Mädchen noch sein soll. Darum kann ich frohen Mutes in mein 20. Lebensjahr schauen.« Unbefleckt.
Bald darauf geschieht dann das Neue. Das Tagebuch endet mit einer mehrere Seiten umfassenden Erzählung aus dem Januar 1958: »Es war Samstag. Plötzlich Telefon. Ich gehe ran. Gisela. ›Lotti, ich habe uns für heute Abend verabredet!‹« Das Treffen gilt einer Tanzbekanntschaft, Herrn Richter, der noch einen Freund mitbringen wird. »›Wir sollen heute Abend um halb 6 bei Israel sein, was ziehst du an?‹ Natürlich Kostüm ohne Bluse und Mantel drüber«, schreibt meine Mutter. Die Rechnung von Eddy Richter geht auf: Sein mitgebrachter Freund, Manfred Irmer, Manni, ein 1,92 Meter großer Typ mit Brille (»aber modern«) und Besitzer eines hellblauen Opel Kapitän mit vier Türen, macht erst keinen, aber dann doch Eindruck auf meine Mutter: »Wir setzten uns in eine gemütliche Ecke und zankten uns den ganzen Abend lang.« Ich mag diesen Satz sehr.
Von Manni erhält meine Mutter ihren ersten Kuss – große Kulisse im strömenden Regen, die Lichter der Stadt blinken über den Rhein, der Verehrer nimmt Lilo, »mich nassen Kater«, in die Arme. Manni kommt, stellt sich heraus, aus einer ziemlich wohlhabenden Familie; regelmäßig holt er Lilo mit seinem Wagen von der Arbeit ab. »Man kann sich vorstellen, wie alle glotzten.« Man kann sich vorstellen, wie stolz sie war. Die Kolleginnen sehen ihr durchs Schaufenster nach, wie sie auf die Straße tritt, leichten, grazilen und doch nicht zu schnellen Schrittes, und wie dieser 1,92 Meter große, nicht ganz hübsche, aber sehr gut gekleidete Mann aussteigt und Lilo den Wagenschlag aufhält. Wie sie einsteigt und mit ihm davonrauscht ins nächste Abenteuer. Und dann beschließt meine Mutter ihr Tagebuch: »Meine Backfischzeit ist vorbei, und ich bin eine junge, verliebte Dame geworden. … Die Liebe meiner Jugend habe ich überwunden und die reifere ist angebrochen.« Sie unterzeichnet diese letzte Seite wie einen Vertrag: Liselotte Adler.
