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Kennen wir uns aus einem früheren Leben? Die 26-jährige Sophie hat gerade ihre inneren Dämonen im Griff, als sie auf einer Gala in München den attraktiven Alexander kennenlernt. Sophie beginnt ein Praktikum in seinem Unternehmen und fühlt sich stark zu ihm hingezogen, was nicht nur auf Alexanders Charisma zurückzuführen ist, sondern auch darauf, dass die junge Frau immer häufiger Bilder aus einem längst vergangenen Jahrhundert sieht. Unerklärlicherweise tauchen dort sie selbst und Alexander auf. Auf einer Geschäftsreise nach Florida begreift die Studentin schließlich, dass zwischen ihnen weit mehr zu existieren scheint, als in einem einzigen Leben entstehen kann und Sophie wird klar, dass man vor der Liebe und der eigenen Schicksalsaufgabe nicht flüchten kann. Mögen auch noch so viele Epochen zwischen zwei Liebenden liegen.
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Seitenzahl: 368
Veröffentlichungsjahr: 2018
Der Seele Reise
Ein Leben lang strebt man nach seinen Wünschen
Getrieben von geheimer Macht, die keiner kennt und jeder spürt
Vertraut wie eine beste Freundin und doch fremd mit starker Kraft
Will sie Gutes? Will sie böses, oder uns nur in die Irre führen?
Still und leise mag man sie vernehmen, wenn man ruhig wird, zu sich kommt
Wer immer ihr einst folgte, weiß solang sie leuchtet wird uns Glück zuteil
Doch wehe dem, der sie zerstört, oder ihr Missachtung zollt
Ihr Preis ist hoch, erfordert er doch puren Mut
Warum ihr nicht einfach trauen? Weiß sie doch vielmehr als wir
Jedes Leben in Erinnerung, ist sie unser Privileg
Wir werden lieben, lachen und auch weinen, doch stets wissen das wir richtig sind
Denn jeder der ihr Diener ist, wird finden seinen Schicksalsweg
Für meine Mama, weil sie immer an mich geglaubt hat. Ich liebe dich!
München. Wie sehr ich diese Stadt liebe. Mein Blick schweift von Geschäft zu Geschäft und ich genieße das berauschende Flair der bayerischen Hauptstadt. Für mich ist es die schönste Stadt der Welt. Der Tag, an dem ich einen Masterstudienplatz für Kommunikationswissenschaften an der renommierten Ludwig-Maximilians-Universität bekommen habe, war einer der schönsten in meinem Leben. Seit nunmehr einem Jahr lebe ich alleine in einer kleinen Wohnung im Stadtteil Pasing. Da München teuer ist und ich nicht vollkommen von meinen Eltern abhängig sein will, jobbe ich ab und an als Hostess. Nicht diese Art von Hostess, die am Ende des Abends für ein paar Euro extra mit den Männern ins Bett geht. Nein, eine ganz normale Hostess, die für Messen und Events gebucht wird und jeder Veranstaltung, durch ihre Präsenz den letzten Schliff verleiht. Zu einem solchen Job bin ich auch jetzt unterwegs. Genauer gesagt zu einem Fitting für ein Event, das am morgigen Abend stattfinden wird. Der Kunde stellt die Outfits und möchte sichergehen, dass die Hostessen perfekt gekleidet sind, deshalb sind wir heute für 2 Stunden in den exklusiven Showroom in der Nähe der Maximilianstraße bestellt worden. Mein Magen zieht sich vor Aufregung zusammen, wenn ich an den Job denke. Ich liebe meinen Nebenjob und ich liebe die Energien der Großstadt. Hier stehen die Uhren niemals still. Noch dazu herrscht in München dieses elitäre Flair, das die gesamte Aura der City ausmacht und auf mich schon immer eine immense Faszination ausübte. Ich werfe einen Blick auf meine Uhr. Ein Geburtstagsgeschenk meiner Eltern zu meinem 22. Geburtstag. 4 Jahre ist das nun her. Jahre in denen viel geschehen ist. Ich schließe die Augen und verdränge die dunklen Erinnerungen, denn dafür habe ich keine Zeit. Ich habe nur noch zehn Minuten und muss mich beeilen, weil ich die genaue Adresse nicht kenne und auf keinen Fall einen schlechten Eindruck machen will. Ob ich einfach den Bus nehmen soll? Nein, kann ich nicht. Wenn ich laufen kann, muss ich laufen! Wie ein Gesetz hatte sich diese Vorgabe damals in meinem Kopf eingebrannt. Auch heute bin ich immer noch nicht völlig frei von diesen ‚Regeln‘. Ich greife in die Tasche meines Trenchcoats, um mein iPhone herauszuziehen. Ich muss dringend die genaue Anweisung heraussuchen, um die Adresse zu checken. Ich trage eine 7/8-Slim Fit Jeans, nude-farbene High Heels und einen beigen Trenchcoat. Ich kann mich sehr glücklich schätzen, diesen Job bekommen zu haben. Es hatten sich über dreißig Mädchen beworben und sie hatten nur drei davon ausgewählt. Ich bin eine von ihnen. Ich kann es mir zeitlich nicht erlauben stehen zu bleiben und laufe weiter, während ich mein E-Mail-Postfach nach den Instruktionen durchsuche. Ich wirble herum, da mir schlagartig klar wird, dass ich in die völlig falsche Richtung laufe. Plötzlich stoße ich mit jemandem zusammen und mein Shopper, den ich über der Schulter trage, rutscht hinunter.
„Verdammt, was…!?“ höre ich eine ärgerliche Stimme.
Ich hatte mich bereits nach meiner Tasche gebückt und sehe nun zu der Person, in die ich hineingerauscht bin. Erschrocken von dem wütenden Klang, rechne ich bereits mit dem Schlimmsten. Münchner sind teilweise wirklich überspannt, immer busy und soooo wichtig. Ich sehe auf und vergesse schlagartig alles. Ich habe das Gefühl, die Zeit stünde still. Die Geräusche um mich herum verstummen. Ich schlucke und kann den Fremden nur anstarren. So was nennt man wohl ‚geflasht‘. Auch er hält mitten im Satz inne und sieht mich gebannt an. Ich blicke in stahlblaue Augen, umrahmt von dunklen, etwas grimmig wirkenden Augenbrauen. So dunkel, wie sein fast schwarzes Haar. Ein Bartschatten umgibt seine männlich geschwungenen Lippen.
Oh Gott, ich muss wie eine Vollidiotin wirken, so wie ich hier am Boden sitze und ihn anstarre.
Ich löse mich abrupt aus meiner Starre. „Es tut mir furchtbar leid, ich bin sehr spät dran.“
Sein Mund verzieht sich zu einem sexy Lächeln und ich vergesse, was ich noch sagen wollte. Immerhin scheint er nicht böse. Nur hat sein Lächeln zur Folge, dass ich wieder nicht wegsehen kann. Irgendein Bann liegt in seinem Blick, dem ich mich nicht entziehen kann.
„Da gehören immer zwei dazu“, sagt er lässig.
Vergessen scheint der Ärger. Er streckt mir die Hand entgegen, um mir aufzuhelfen. Ich wäge kurz ab, die Hand einfach zu ignorieren und alleine aufzustehen. Toughe, coole Frauen, wie ich sie bewundere, würden alleine aufstehen. So weit bin ich aber noch nicht. BASTA! Außerdem ist mein Wunsch ihn zu spüren stärker, als mein Wunsch unabhängig zu wirken. Ich lege meine Hand in die seine und es durchfährt mich wie ein Blitz. Vielleicht hätte ich doch lieber selbst aufstehen sollen. Ich schlucke und blicke ihm in die Augen. Er zeigt keine Regung abgesehen davon, dass kurz etwas in seinen Augen aufflackert, bevor sich ein leicht überheblich, ironischer anmutender Zug auf sein Gesicht legt. Er sieht sehr sexy dabei aus. Ich richte mich schnell auf. So hastig, dass ich in den hohen Schuhen fast das Gleichgewicht verliere. Ich drücke seine Hand fester, um Halt zu finden. Als ich wieder sicher stehe, lasse ich sie so schnell los, als hätte ich mich verbrannt. Ich kann überhaupt keinen klaren Gedanken mehr fassen, wenn er mich berührt. Er mustert mich von oben bis unten. Fast anmaßend ist seine Leibesvisitation. Stolz recke ich das Kinn. Ich bin perfektionistisch veranlagt. Was Fluch und Segen sein kann. Ein Segen ist es in den Momenten, in denen ich von anderen beurteilt werde. Solche Situationen machen mir Angst, aber wenn ich äußerlich perfekt angezogen und zurechtgemacht bin, habe ich das Gefühl den urteilenden Blicken besser standhalten zu können. Auch wenn Ruhe das letzte ist, was mich sein Blick gerade empfinden lässt. Ich unterziehe auch ihn einer kurzen Musterung, Zeitdruck hin oder her. Er interessiert mich. Als erstes fällt mir seine Größe auf. Trotz meiner hohen Schuhe überragt er mich, was bei einer Größe von über 1,70cm als Frau eine Seltenheit ist. Er trägt eine dunkelblaue Jeans mit Waschung, ein hellblaues, eng sitzendes Hemd, was ich ohnehin enorm sexy bei Männern finde. Bei ihm allerdings lässt es den Sexiness-Faktor in ungeahnte Höhen kapitulieren. Ein brauner Gürtel, um männlich schlanke Hüften und ebenso braune cognacfarbene Schuhe runden seine stilvolle Erscheinung ab. Modegeschmack hat er. Über dem Arm trägt er lässig ein Sakko, das Smartphone locker in der Hand. Das lässt mich zu der Überzeugung gelangen, dass nicht ich allein an unserem Zusammenprall schuld war. Irgendwas klingelt. Schöner Klingelton. Versonnen lauschend, lege ich leicht den Kopf schief. Ich kann ihn irgendwie immer nur anlächeln, wenn sich unsere Blicke treffen.
„Ich glaube ihr Telefon klingelt“, sagt er spöttisch und lächelt Seine Stimme ist anziehend. Tief, rauchig irgendwie und verdammt männlich. So eine Stimme, wie man sie sich bei den Protagonisten in Liebesromanen üblicherweise vorstellt. Er hebt die Augenbrauen und weist auf das rosa Handy in meiner Hand. Erst jetzt wird mir bewusst, dass es vibriert. Gott wie peinlich, es ist mein Telefon, das klingelt, deswegen finde ich auch den Klingelton so schön. Ich spüre wie ich rot werde. Am liebsten würde ich im Erdboden versinken. Toll, Sophie! Super, wie du bei dir bleibst und dich nicht sofort von einem gut aussehenden Mann aus dem Konzept bringen lässt.
„Ha, das hätte ich fast überhört.“ Ich lache nervös auf und mache eine wegwerfende Handbewegung, als käme es jeden Tag vor, dass ich mein klingelndes Handy in der Hand halte und vergesse den Anruf entgegenzunehmen. „Ich habe es ohnehin furchtbar eilig.“ Für wie deppert er mich schon halten muss! „Wie gesagt, nochmal Entschuldigung und auf Wiedersehen.“ Ich will mich abwenden und so schnell wie möglich weg. Mehr Raum zwischen mich und dieses peinliche Intermezzo bringen, doch seine Hand schnellt vor und ergreift zielsicher meinen Oberarm. Ich starre ihn an und blicke zu der Stelle hinab, an der seine Hand meinen Arm umschließt. Er trägt eine teuer wirkende, hoch technisierte Armbanduhr. Ich erschrecke, als mir die Stellung der Uhrzeiger auffällt.
„Verdammt“, entfährt es mir. Es ist bereits nach 11 Uhr und ich bin damit offiziell zu spät. „Ich müsste schon längst da sein,“ sage ich hastig. So begierig ich darauf bin herauszufinden, warum er mich zurückgehalten hat, ich will meinen Job behalten!
Er gibt mich frei und ich eile davon. Ich bin schon immer gut auf High Heels gelaufen, entsprechend gut renne ich auch damit. Ich kann dem Drang nicht wiederstehen, mich noch einmal umzudrehen. Er steht noch immer an der Stelle, an der wir zusammengestoßen sind und sieht mir nachdenklich nach. Ich zwinge mich weiterzulaufen und renne, bis ich seinen brennenden Blick im Rücken nicht mehr spüre. Ich komme völlig außer Atem vor meinem Zielpunkt zum Stehen. Ich hole tief Luft. Wahnsinn! Das war wirklich eine außergewöhnlich intensive Begegnung. Ich werde das Gefühl nicht los, trotz meines Zeitdrucks, irgendwie vor ihm geflüchtet zu sein. Bei 10 Minuten Verspätung hätten es eigentlich auch 15min sein können!? 5 weitere Minuten, in denen ich hätte herausfinden können, wer er ist. Was ich so nie wissen werde… Damit stoße ich die Türen auf und betrete den eleganten Laden.
Wann wir wohl endlich da sind? Ich sehe aus dem Fenster des Beifahrersitzes und blicke auf die strahlenden Lichter in der ansonsten bereits dunklen Stadt. Papa fährt und erzählt etwas von der Arbeit. Er lacht. Ich lache ebenfalls, obwohl ich in Gedanken ganz woanders bin. Er kreist so um sich selbst, er wird den Unterschied ob ich zuhöre, oder nicht, ohnehin nicht bemerken und ich bin einfach zu aufgeregt. Mein Vater, der Fernsehmoderator Roman Tander und ich sind heute Abend unterwegs zum Münchner Presseball.
Papa konzentriert sich jetzt auf den dichten Verkehr und ich bin froh nicht länger den Anekdoten seiner letzten Talkshows lauschen zu müssen. Mein Vater ist ohne Zweifel ein brillanter Moderator, jedoch redet er entschieden zu viel von sich und seiner Karriere. Das ist auch alles, wofür er sich interessiert. Meine Mutter hat sich mit diesem Umstand in der Form arrangiert, dass sie sein Geld verprasst. Er nimmt es hin, dafür hält sie eine Ehe aufrecht, die meiner Meinung nach seit Jahren nur noch von Illusionen lebt. Aber das ist ein anderes Thema. Ich seufze. Ich hatte mich eigentlich vehement gesträubt und wollte meine Mutter mit meinem Vater auf diese Veranstaltung schicken. Ich hatte damit gerechnet, dass meine Mutter mit Begeisterung in die nächste Boutique eilen würde, um endlich wieder einen Anlass zu haben ein neues Cocktailkleid zu kaufen, denn „die Ehefrau von Roman Tander, darf keinesfalls zweimal im gleichen Kleid gesehen werden“. Wenn ich nicht so aufgeregt wäre, müsste ich angesichts der Szene, wie meine Mutter sich in den Boutiquen wichtig gemacht hätte, schmunzeln. Oder weinen? Mein Widerstand war allerdings zwecklos. Sie hat diesmal darauf bestanden, dass ich meinen Vater begleite. Natürlich nicht, ohne mir noch ihre selbstlosen Motive unter die Nase zu reiben.
„Du wirst dort von hochrangigen Personen begrüßt werden. Das ist gut für dein soziales Standing, mein Kind. Ich würde ja selbst gehen, aber für dich ist das in Anbetracht deiner eher schleppend vorangehenden Karriere wichtiger.“
Im Geiste verdrehe ich die Augen. Meine Eltern hätten gerne gesehen, dass ich mich bereits während meiner Schulzeit in den Jugendgruppen bestimmter Parteien engagiere, um eine Karriere in der Politik anzustreben. Ich stattdessen hatte meine Reitstiefel geschnappt und war von früh bis spät im Stall gewesen. Nebenbei hatte ich Abitur gemacht und nun studiere ich Kommunikationswissenschaften. In den Augen meiner Mutter eine „brotlose Kunst“, denn die Medienbranche sei so überlaufen und eine vorbildliche Karriere, wie die meines Vaters, sei für mich ohnehin unmöglich. Ich ließ mich nicht beirren und folgte meinen Talenten und meiner Intuition. Nach den ersten vier Semestern mit fantastischen Ergebnissen, hatte meine Mutter schließlich ihre spitzen Bemerkungen eingestellt. Seitdem habe auch ich unterlassen ihre Art der Eheführung zu kritisieren. Ein stiller Handel, der mir nur leider vor Augen führt, wie fremd wir einander sind.
Was mich wohl heute erwartet? Um mich abzulenken, sehe ich an mir hinab und überlege, ob ich an meinem Make-Up noch irgendetwas auffrischen muss. Ich trage ein dunkelgrünes, bodenlanges Kleid. Der Ausschnitt ist gerafft und zaubert ein wenig mehr Fülle, als ich mit meinem knappen B-Körbchen zu bieten habe. Die drapierte Seite wird von einem goldenen Lorbeerblatt zusammengehalten. Ich trage goldene High Heels und eine goldene Clutch dazu. Mein dunkles Haar ist geglättet und fällt seidig und glänzend über meine Schultern. Es ist endlich wieder lang geworden. Nach den schlimmen Ereignissen in den vergangenen Jahren, hatte ich es abgeschnitten. Ein kurzer Bob sollte alles verändern, jedoch hatte ich bereits nach ein paar Tagen gemerkt, dass ich auch durch einen neuen Haarschnitt die bedrückenden Gefühle nicht loswerden konnte, die ich in der Vergangenheit durchlebt hatte. Ich schüttle leicht den Kopf, als könnte ich dadurch die dunklen Dämonen verscheuchen. In solchen Momenten wünsche ich mir, meine Gefühle kontrollieren zu können. So wie damals, als ich einfach alles abgetötet habe.
Ich erschrecke, weil ich plötzlich einen stechenden Schmerz im Unterarm spüre. Ich hatte ohne zu bemerken was ich tat, den spitzen Verschluss der Abendhandtasche in meinen Unterarm gedrückt. Ein kleiner Blutstropfen läuft geradewegs meinen Arm hinunter. Um Gottes Willen, hör auf damit! Das ist vorbei! Ich beeile mich ihn wegzuwischen, bevor Papa es sieht. Zum Glück ist er so mit der Straße beschäftigt, dass ich in Ruhe meinen Arm reinigen kann, ehe es mein Kleid beflecken würde.
„Du siehst wunderschön aus“, sagt er plötzlich. Dass du das bemerkst? „Danke Papa.“ Ich sehe ihn überrascht an, aber kann nicht verhindern,
dass Freude über das Kompliment in mir aufsteigt. Mein Vater geht nicht besonders großzügig mit Lob und Gefühlsäußerungen um. Er erwartet von jedem um ihn herum Huldigung seiner großartigen Leistungen, seiner beeindruckenden Interviews und seiner einflussreichen Kontakte. Doch ist Wertschätzung nichts, das er anderen zuteilwerden lässt. Immer geht es nur um ihn. Seine Feststellung beruhigt mich dennoch ein wenig, denn ich spüre in Gegenwart anderer Menschen häufig Unsicherheit.
Ich trage noch einmal Lippenstift auf, denn ein Blick auf das Navi verrät mir, dass wir in Kürze das Schloss Nymphenburg erreichen würden. Wir fahren über die Isar direkt auf das große Anwesen zu und ich bin fasziniert von den prachtvollen Bauten. Im Tageslicht hatte ich sie schon mehrfach bewundert, doch im Dunkeln der Nacht, beleuchtet von bunten Scheinwerfern, bietet das Schloss einen Anblick, den ich so nicht mehr vergessen werde. Es ist einfach atemberaubend!
Wir suchen die VIP-Parking Tickets heraus und passieren die Parkplatz-Security.
„Guten Abend Herr Tander, es ist uns eine besondere Freude Sie heute Abend hier begrüßen zu dürfen. Wir haben einen Parkplatz direkt am Eingang des Gebäudes für sie reserviert. Wir wünschen Ihnen und Ihrer Begleitung einen wunderschönen Abend.“ Die Dame trägt eine dunkelblaue Uniform mit dem Logo der Sicherheitsfirma, für die sie arbeitet. Ihr Lachen ist strahlend, aber wirkt aufgesetzt und sie sieht für meinen Geschmack viel zu neugierig ins Wageninnere. So als suche sie nur nach einem Anhaltspunkt für Klatsch.
Ein Vorteil am Job meines Vaters ist es, dass alle immer zuvorkommend und freundlich sind. Immer! Nur bin ich mir nicht sicher, ob die Beweggründe der Leute immer selbstlos sind. Aber mir bleibt keine Zeit, um weiter über die aufgesetzte Höflichkeit nachzudenken, denn wie magnetisch angezogen, spüre ich, wie ich mich im Sitz umwende und nach hinten blicke. Ein Aston Martin DB10 passiert gerade nach uns die Passage. Ich sehe fasziniert auf das Auto, das ich vor zwei Wochen noch als James Bonds neues Spielzeug im Kino bewundert habe. Irgendetwas sorgt dafür, dass mein Blick ihm ununterbrochen folgen will. Ich sehe interessiert durch die Windschutzscheibe. Wer fährt wohl ein solches Auto? Dummerweise ist es zu schnell unterwegs, als dass ich etwas erkennen könnte. In meinem Kopf lebt die Fantasie auf. Der Fahrer ist bestimmt attraktiv. Mindestens so sexy, wie der berühmte Geheimagent! Moment, Moment, Moment! Meist fahren hässliche, übergewichtige, alte Männer teure Luxuskarossen, um ihr Ego aufzupolieren. Wahrscheinlich ist der Besitzer des Wagens also ebenfalls unattraktiv.
Wir steigen aus, laufen auf das große Eingangsportal zu und zeigen unsere Tickets, was auch hier nicht nötig gewesen wäre, denn mein Vater wird wieder sofort erkannt.
„Herr Tander! Ist das denn die Möglichkeit, dass Sie hier bei mir….“ Ich verdrehe im Geist die Augen und sehe zu, wie das Ego meines Vaters aufblüht. Immer zieht er diese Show ab. Der Mann notiert mit Häkchen auf einer Liste unsere Anwesenheit und bindet mir ein gelbes und ein lila Bändchen um mein Handgelenk. Vor ein paar Jahren stachen hier noch deine Knochen hervor. Ich verdränge die Erinnerung daran schnell.
„Ihre Tochter ist so wunderschön, sie können sich wirklich glücklich schätzen.“ Ja, das könnte er, wenn es ihm bewusst wäre.
„Ich danke Ihnen, das ist sehr freundlich.“ Achtungsvoll den Kopf neigend, quittiere ich das Kompliment mit einem distanzierten Lächeln.
Mein Vater nickt bekräftigend. „Das tue ich, das tue ich, guter Mann.“ Er lacht maskenhaft und wendet sich zum Gehen. Pff. Wer’s glaubt.
Uns werden die Türen aufgehalten und wir treten ein. Ein langer Gang mit lilafarbenem Teppich beflockt, tut sich vor uns auf. Vater bietet mir galant seinen Arm und wir laufen auf einen großen Spiegel am Ende des Ganges zu. Er trägt einen Smoking und sieht für seine fünfundfünfzig Jahre wirklich sehr attraktiv aus. Dies scheinen auch die älteren Damen an der Garderobe zu bemerken. Sie lächeln ihn zuvorkommend an und versuchen zu flirten. Ich lächle ebenfalls. Wenn meine Mutter diese Blicke bemerkt hätte, hätte sie sicherlich einen Weg gefunden, eine scheinbar beiläufige Bemerkung einzustreuen, um deutlich zu machen, dass dieser berühmte, gutaussehende Mann zu ihr gehört.
Wie gut ich selbst aussehe, wird mir erst bewusst, als wir in den großen Ballsaal laufen und ich die begehrlichen Blicke der Männer und die bösen der Frauen, auf mir spüre. Ich kümmere ich nicht weiter um die Anfeindungen und sehe mich um. Es ist edel und festlich dekoriert. An den Seiten des großen Raumes, in dem gut 500 Leute Platz haben und bequem tanzen können, hängen Satin Gardienen akkurat zusammengerafft von den deckenhohen Fenstern. Draußen auf dem Balkon stehen die vornehm gekleideten Gäste, halten ihre Champagnerflöten in den mit Ringen, Armbändern und Uhren geschmückten Händen und genießen den Ausblick auf den Nymphenburger Schlosspark. Im Hintergrund vernehme ich sanfte Walzerklänge, die vermischt mit den einzelnen Tanzpaaren auf dem Parkett, für ein stimmiges Ambiente sorgen. Ich genieße den Anblick so sehr, dass ich den livrierten Kellner neben mir gar nicht bemerke.
„Entschuldigen Sie, ein Glas Champagner die Dame?“
Ich fahre erschrocken herum und blicke in das Gesicht eines farbigen, sehr gepflegten jungen Mannes. Wie die um ihn herumschwirrenden Kollegen, trägt er eine schwarze Anzughose, ein blütenweißes Hemd, wie es für Servicepersonal üblich ist und eine dunkelrote Weste, scheinbar das Markenzeichen der Cateringfirma. Ich finde ihn auf Anhieb attraktiv und auch er sieht mich deutlich interessierter an, als es sich für den Service gehört. Ich schmunzele und mir ist nach einem Flirt. Um mein Selbstbewusstsein steht es, nach der Anerkennung durch die Blicke der anwesenden Männer, recht gut und ich beschließe die Wirkung meines Aussehens ein wenig auf die Probe zu stellen. Ich vollführe einen perfekten Augenaufschlag und versuche von unten zu ihm aufzusehen. Das ist angesichts meiner 1,77m Körpergröße schon eine Herausforderung. Dazu setze ich mein schönstes Lächeln auf und werfe meine langen, braunen Haare zurück. Mein Gebaren scheint seine Wirkung nicht zu verfehlen, denn der junge Mann versucht nach einem Glas auf seinem Tablet zu greifen, greift aber zweimal ins Leere. Anstatt den Blick von mir zu wenden, starrt er mich weiter an. Ich bin fast schon belustigt, dass man einen Mann so schnell aus dem Konzept bringen kann und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.
Bevor ich das Verhalten des Kellners dadurch brüskieren kann, wird der Versuch meine Wirkung auf das männliche Geschlecht zu testen je gestoppt. Eine leicht gebräunte Hand, in einem Hemd, dessen Ärmel mit silbernen Manschettenknöpfen besetzt sind, greift um mich herum nach einem Glas, gefüllt mit der perlenden Flüssigkeit. Da er um mich herumgreift, spüre ich seine Präsenz zuerst im Rücken. Anders als der Service-Junge, ergreift er das Glas zielsicher. Mir wird heiß und es beginnt angenehm in meinem Bauch zu ziehen. Obwohl ich den Mann noch nicht gesehen habe.
„Wir wollen doch nicht, dass der jungen Dame die Kehle trocken wird.“ Der Satz wird von einem ironischen, spöttischen Unterton begleitet und ich komme nicht umhin zu vermuten, dass dies eine Anspielung auf mein Kokettieren sein soll. Was nimmt sich der Mann heraus? Seine Stimme ist tief und kehlig, als hätte er schon ein wenig mehr Gläser intus als ich. Während ich mich umdrehe, registriere ich, dass mir die Stimme irgendwie bekannt vorkommt, doch ich kann sie keiner Person zuordnen. Als ich mich dem Mann gegenübersehe, verschlägt es mir augenblicklich die spitze Erwiderung, die ich auf der Zunge hatte. Ich sehe direkt in die Augen des Mannes, mit dem ich vor Wochen in der Maximilianstraße zusammengestoßen bin. Er sieht mich ob meines erstaunten Blickes belustigt an. Gott, er sieht wirklich gut aus, noch besser als ich ihn in Erinnerung behalten habe. Ich bin erneut wie gebannt von der Art und Weise wie er mich ansieht, von der Intensität mit der er mich aufzunehmen scheint. Wir sehen uns nun schon länger an als üblich und die Zeit, die meinem Empfinden nach stehen geblieben schien, beginnt langsam wieder voranzuschreiten. Sich hier erneut zu treffen muss Schicksal sein! Erschrocken von dem Gefühlsaufruhr, den ein simpler Blickkontakt hervorzurufen vermag, löse ich mich aus meiner Starre und greife nach dem Glas, dass er mir immer noch entgegenreicht.
„D-D-Danke“, stottere ich und so holprig wie meine Ausdrucksweise, ist auch das Verhalten meiner Fingerspitzen, als ich nach der Flöte greife. Zu meinem Leidwesen verstärkt sich das Zittern, als meine die Seinen bei der Übergabe leicht streifen.
„Steht‘s zu Diensten“, er lächelt charmant. „Ich glaube, der junge Freund hier wäre dazu nicht mehr in der Lage gewesen.“ Mit diesen Worten stellt er sein leeres Glas, was meine These über den Ursprung seiner kehligen Stimme bestätigt, auf das Tablett des Kellners. Dieser steht perplex dreinblickend, mit einem mittlerweile dunkelrot angelaufenen Gesicht, bedröppelt neben uns. Als der attraktive Fremde ihn mit hoch gezogenen Augenbrauen streng ansieht, setzt er sich schnell wieder in Bewegung.
Der Fremde sieht nun wieder mich an. Er mustert mich eingehend.
Ich verziehe die Lippen zu einem Lächeln und hebe fragend die Augenbrauen. Er sieht wieder an mir nach oben und lächelt nun ebenfalls. Das Lächeln sorgt dafür, dass seine Gesichtszüge weniger streng wirken und sich in meinem Bauch etwas verlangend zusammenzieht. Ein bisher ungekanntes und zugegebenermaßen verwirrendes Gefühl...
„Nicht alle Kellner durcheinanderbringen, die haben hier heute Abend noch einen Job zu erledigen.“ Er zwinkert mir zu und geht mit einem angedeuteten Diener in meine Richtung und seinem interessanten Lächeln auf den Lippen davon.
Ich sehe ihm sprachlos nach und zu meinem Leidwesen, dreht er sich nicht noch einmal um. Diesmal hat eindeutig ER mich stehen gelassen.
Die Leute, eilen nach und nach auf meinen Vater zu, der etwas entfernt mit einem Freund spricht. Im Stillen nenne ich sie Speichellecker. Er bemerkt diesen Umstand nicht und falls doch, ist es ihm egal. Er sonnt sich in der Bewunderung und Aufmerksamkeit der Menschen um ihn herum und saugt die Bestätigung förmlich auf.
Ich hingegen bin freundlich, aber halte die Leute auf Distanz. Im Gegensatz zu meinem Erzeuger, weiß ich um die Falschheit und Ausgesetztheit der Schleimer. Dankend nehme ich die Komplimente, was mein Vater doch für eine tolle Tochter hätte, entgegen und registriere mit einem kleinen Stich im Herzen sein Desinteresse an diesen Bekundungen. Als kleines Mädchen verstummte ich immer, hielt mich still im Hintergrund und bewunderte meinen Vater, der sich so gewandt, so kosmopolitisch mit Jedermann zu unterhalten schien. Mittlerweile habe ich erkannt, dass er ein Verhalten an den Tag legt, das einstudiert ist und keinesfalls seinem wahren Wesen entspricht. Wie eine Rolle, die sich ein Schauspieler zu eigen gemacht hat. Die Umstehenden bemerken dies nicht. Sie sind damit beschäftigt die Aufmerksamkeit dieser großen, besonderen Persönlichkeit zu gewinnen. Dabei ist alles nur Fassade! Im Stillen seufze ich und beteilige mich an der Konversation. Mein Selbstvertrauen ist mittlerweile stark genug, um meine Sichtweise kundzutun und wo nötig auch zu widersprechen.
So vergehen die nächsten 30min wie im Flug. Es ist schon 20:00 Uhr, als das Buffet nach einer kurzen Rede der Gastgeber eröffnet wird. Wir gehen mit Programmchefs und Fernsehdirektoren zu einem der festlich dekorierten Tische. In der Mitte befindet sich ein riesiges Buffet, auf dem appetitlich angerichtet, die leckersten Speisen arrangiert sind. Ich spüre Panik aufwallen, angesichts des großen Angebots an Essen und der vielen Menschen, in deren Gesellschaft ich jetzt würde essen müssen. Ich sehe viele Gerichte, die mich ansprechen. Wie gerne ich all das essen würde: Pasta, Überbackenes, Dessert. Aber ich kann nicht! Meine Dämonen haben mich von einem Moment auf den anderen wieder fest im Griff. Selbst jetzt, nach meiner Therapie.
Ich lasse, während ich mich gezwungenermaßen in die Schlange am Buffet einreihe, den Blick über die umliegenden Tische schweifen und sehe einige bekannte Vertreter der Medienwelt. Pasquale Di Roggi, der Chefredakteur einer bekannten Wochenzeitung und seine Ehefrau, die ehemalige Moderatorin eines bayerischen Boulevardmagazins, stehen neben einem Minister, den ich aus dem Fernsehen kenne. In einer anderen Ecke, entdecke ich einige bekannte Moderatoren und die Vorsitzende eines Kinderhilfswerkes. Ein Wohltätigkeitsverein, den auch meine Eltern jährlich unterstützen. Ich drehe mich um und erstarre in der Bewegung. Ich sehe direkt in die Augen des Mannes, der mir vorhin so galant das Champagnerglas reichte. Mein Maximilianstraßen-Mann. Er steht am anderen Ende des Raumes und sieht ebenfalls zu mir herüber. Durchdringend fixiert er mich und ich kann nicht sagen, wie lange wir uns ansehen. Unter seinen Blicken, verliere ich jedes Mal das Zeitgefühl. Er sieht so verdammt attraktiv aus! Das dunkle Haar und die markante Nase lassen ihn Patrick Dempsey ähneln. Er strahlt Erfahrung und Ruhe aus und wirkt deutlich älter als 30. Wie alt er wohl ist?
Ich habe Angst, dass er zuerst wegsieht. Es ist mir unerklärlicherweise extrem wichtig, was er über mich denkt und ob er mich ebenso anziehend findet, wie ich ihn, denn es ist mehr ist als sein attraktives Äußeres, das mich fesselt. Es ist das Gefühl, dass unser Blickkontakt in mir auslöst. Mir wird heiß und wie ein Magnet, zieht es mich zu ihm. Verunsichert über diese Wirkung, senke ich schnell den Blick und drehe mich wieder dem Buffet zu. Ich greife nach einem der großen, angewärmten Teller. Meine Hände zittern und ich bin wütend auf mich selbst, dass er mich so aus der Fassung bringen kann. Reiß dich zusammen, Sophie! So wie er aussieht, hat er an jedem Finger fünf Frauen. Konzentrier dich und komm wieder zu dir. Die Strategie mit mir selbst zu sprechen, hat mir meine Psychologin damals ans Herz gelegt und sie scheint auch heute zu wirken. Mein Puls verlangsamt sich wieder.
Die Köche lächeln mir freundlich und zuvorkommend zu, als ich an ihnen vorübergehe und scheinen nur darauf zu warten, dass ich an einer ihrer Stationen ein Gericht auswähle. Jeder scheint um ein Lächeln von mir zu wetteifern, doch ich bleibe reserviert, denn mit meinen Gedanken bin ich woanders. Bei ihm. Ich hatte die Begegnung vor einigen Wochen nicht vergessen. Das, was ich empfunden hatte, war zu stark, zu außergewöhnlich, um es einfach abzutun.
Ich nehme mir von den Gerichten, von denen ich guten Gewissens essen kann, ohne ein schlechtes Gewissen zu verspüren. Verdammt, Verdammt, Verdammt! Immer diese Kontrolle. Die Therapie hatte dazu geführt, dass ich leichter in Gesellschaft anderer essen konnte und meine damals untergewichtigen 50kg Körpergewicht, um ca. 13kg erhöhen konnte. Ich bekomme meine jahrelang ausgebliebene Periode wieder regelmäßig und bin körperlich gesund und leistungsfähig, aber soweit mir einfach so Gerichte zu nehmen, die damals auf meiner verbotenen Liste standen, bin ich noch lange nicht. Ich lasse mir einige kohlehydratfreie Vorspeisen, sowie Spinat und Schwertfischfilet geben. Mein Vater und sein Gefolge steuern gerade auf den Tisch zu, hinter dem vorhin der Maximilianstraßen-Mann mit einer Gruppe von Männern stand. Doch die Plätz sind nun frei. Schade. Ich schließe mich ihnen an, greife nach Messer und Gabel und verspüre einen Kloß im Hals. Ich zwinge mich kein Aufsehen zu erregen, doch der forschende Blick meines Vaters ist Warnung genug. Er würde mir nie verzeihen, wenn ich das nach außen sorgsam gepflegte Bild der perfekten Familie Tander ins Wanken bringen würde. Also zwinge ich mich zu essen. Mit jedem Bissen wird es leichter und mein Vater scheint zufrieden, denn Minuten später nimmt er, wie so oft, keine Notiz mehr von mir.
Nach dem Essen, begibt sich die Festgesellschaft in den großen Ballsaal. Ein Streichquartett spielt und ich verspüre das dringende Bedürfnis zur Toilette zu gehen. Ich entschuldige mich und laufe eilig durch die langen Gänge nach draußen. Ich spüre die Musterungen der Mädchen und Frauen, die mir auf meinem Weg entgegenkommen. Die Männer sehen mich deutlich freundlicher und interessiert an. Ich wende zwar jedes Mal den Blick ab, aber meinem Selbstbewusstsein tut es dennoch gut. Aber trotz der Dankbarkeit darüber, dass ich mit einem ansprechenden Äußeren beschenkt wurde, verspüre ich eine tiefe Sehnsucht anstelle von oberflächlichen Äußerlichkeiten, über mein Inneres definiert zu werden. Nicht sofort in irgendeine Schublade gesteckt zu werden, sondern meines Geistes, meines Intellekts und meiner Persönlichkeit wegen gemocht zu werden.
„Vielleicht ist das gar nicht möglich, weil du einfach nicht liebenswert bist. Du kannst nur durch dein hübsches Aussehen bereichern. Mehr hast du nicht zu bieten.“ Die Stimme ist fies. Einschmeichelnd leise versucht sie die Worte nachdrücklich in meinen Kopf zu pflanzen.
Ich zucke zusammen. Ich kenne diese Momente, diese kleinen Gemeinheiten meines Unterbewusstseins nur zu gut. Während meiner Magersuchtphase hatte ich sie täglich, nun nur noch in Situationen, in denen ich unter Stress stehe. Wütend gebiete ich ihr mit einem stillen Monolog Einhalt. „Ruhe. Ich lasse mich nicht mehr manipulieren von dir. Wenn wir alle hier stünden, mit nichts bekleidet, keinen Markenklamotten, keinen Designer Heels und keinen Handtaschen, für deren finanziellem Wert andere Familien ganze Urlaube verbringen, dann hätte ich immer noch etwas, das mich ausmacht, weil es meine Talente, mein Können und meine Ausstrahlung sind, die mir keiner nehmen kann.“ Ich atme tief durch. Ich spüre, wie der Aufruhr in meinem Inneren sich legt und mich die taxierenden Blicke der anderen Frauen weniger belasten. Zum Glück habe ich mittlerweile Wege gefunden, wieder zu mir zu kommen, wenn ich mit mir hadere. Mit diesem Gefühl, biege ich um die Ecke und laufe auf die Toiletten zu. Die Schlange vor den WC-Räumen ist lang, aber ich reihe mich dennoch brav ein und warte geduldig. Als mein iPhone vibriert, ziehe ich es aus der goldenen Clutch. Eine WhatsApp Nachricht meiner Mutter, die sich erkundigt wie es mir gefällt und ob ich mit dem Essen zurechtgekommen bin. Eigentlich hätte sie auch nur den zweiten Teil schreiben können. Das einzige, was sie interessiert! Keine Sorge Mum, ich habe Vater und dich nicht blamiert und für Aufsehen gesorgt. Wütend, tippe ich eine zweizeilige Antwort, stecke das Smartphone genervt in die Tasche zurück und drehe mich, einem inneren Impuls folgend, um. Und sehe direkt in die Augen von Mr. Maximilianstraße. Himmel, jetzt spüre ich ihn schon quer durch Räume. Aus Angst, den Anschein zu erwecken ihn zu verfolgen, drehe ich mich schlagartig wieder weg und starre konzentriert auf die lange Schlange vor den WC-Türen. Vor meinem inneren Auge sehe ich ihn immer noch mit zwei weiteren Männern und einer sehr hübschen Blondine zusammen am Ende des Ganges stehen. Wahrscheinlich seine Freundin. War ja klar, dass so ein Mann nicht ungebunden ist! Ernüchtert will ich mich eigentlich nicht mehr umdrehen, aber meine Neugier siegt. Prompt treffen sich unsere Blicke wieder. Jemand läuft auf ihn zu und schlägt ihm auf die Schulter. Er wendet sich dem Mann zu und lacht. Ein tiefes, kehliges Lachen. Sie beginnen ein Gespräch. Ich wende mich schnell ab und versuche mich damit abzulenken auszurechnen, wie lange eine Frau durchschnittlich für den Toilettengang braucht und wie lange ich noch hier würde stehen müssen. Ich gebe nach kurzer Zeit auf, denn ich kann mich ohnehin nicht konzentrieren. Seltsam angespannt, verspüre ich ein geradezu schmerzhaftes Sehnen nach einer Person, die einige Meter entfernt steht, und unerreichbar scheint. In diesem Moment habe ich ein Déjà-Vu. Seltsam, ich kann mich an keinen Moment meines Lebens erinnern, in dem ich so etwas schon einmal empfunden habe. Ich beschließe mich noch ein letztes Mal umzudrehen. Er wendet sich im selben Moment um und es durchzuckt mich wie ein Blitz, als sich unsere Blicke zum dritten Mal treffen. Wieder ist sein Blick so intensiv und forschend, wie zuvor im Ballsaal. Ich fühle mich unbehaglich unter dieser Leibesvisitation. In dem Moment, in dem ich diesen Gedanken gedacht habe, wendet er sich seinem Gesprächspartner zu und setzt das Gespräch fort. Ich drehe mich frustriert ebenfalls um und beschließe dieses ganze „Geschaue und Wieder-Weggegucke“ zu beenden, indem ich einfach verschwinde. Plötzlich wird mir auch wieder bewusst, wie dringend ich eigentlich aufs Klo muss. Schnell laufe ich in den nächsten Gang und gehe auf die Behindertentoilette. Nachdem ich die Tür hinter mir geschlossen habe, lehne ich mich dagegen und atme tief durch. Wieviel Sicherheit das Verschließen eines Türschlosses vermittelt.
Kurze Zeit später kehre ich in den Ballsaal zurück. Ich sehe Papa am Eingang immer noch mit einigen Geschäftsleuten reden. Zwei derjenigen, mit denen er sich unterhält kenne ich. Einer von ihnen ist der Leiter einer Versicherungsagentur und der andere ist Hotelier. Ich erinnere mich an mein Vorhaben heute Abend eine Stelle für das im Rahmen meines Studiums geforderte Praktikum zu ergattern. Nirgendwo wäre es günstiger als hier und heute. Außerdem will ich mir selbst einen Praktikumsplatz suchen. Ich will keine Almosen, nur weil ich die Tochter von Roman Tander bin. Ich will aufgrund meines Könnens und meiner Leistung eingestellt werden und nicht aufgrund des sozialen Standings meines Vaters. Dies ist allerdings etwas, was man mir seit meiner Schulzeit unterstellt: Das ich seit Klein-Auf alles hinterhergeschmissen bekommen habe. Wie falsch sie damit liegen. Ich zog aus den Kontakten meiner Eltern noch nie persönliche Vorteile für mich. Doch ein Gutes hat das Ganze: Ich habe früh den Ehrgeiz entwickelt unabhängig und erfolgreich zu werden, ohne das Zutun meiner Eltern. So geselle ich mich zu der Gruppe, die meinen Vater umgibt, höre aufmerksam zu und warte auf eine passende Gelegenheit. Jedoch scheint keiner der Runde Teil des richtigen Unternehmens zu sein, das für ein Praktikum in Betracht kommt. Resigniert beantworte ich Fragen über mein Studium, auch wenn ich heraushöre, dass die Leute nicht wirklich an mir, sondern wie immer mehr an der Gesellschaft meines Vaters interessiert sind. Umso erfreuter bin ich, als ich Helmut Bauer im Saal auftauchen sehe. Er ist Marketingbeauftragter der Sportfirma, die den alljährlichen München Marathon sponsert. Er ist einer der Freunde Romans, die ich wirklich mag. Mit seinen 65 Jahren kennt er mich, seit ich klein bin und er ist wie ein Großvater für mich. Ich winke und rufe laut seinen Namen. Als er mich entdeckt, breitet sich ein Strahlen auf seinem Gesicht aus und er steuert geradewegs auf unsere Gruppe zu. Wie sehr ich ihn vermisst habe! Ich laufe ihm mit einem strahlenden Lächeln entgegen.
„Sophie mein hübscher Schatz, du siehst toll aus.“ In diesem einen Satz liegt mehr Gefühl als ich in der gesamten Kindheit von meinem Vater zu spüren bekam. Ein weicher Gesichtsausdruck legt sich auf seine Züge und er zieht mich in eine feste Umarmung.
Gerührt von der offensichtlichen Zuneigung des älteren Mannes, gebe ich ihm einen Kuss auf die Wange und strahle ihn an. „Wie schön dich zu sehen Helmut, du hast mir gefehlt.“
„Du mir auch, auch meine Kleine. Ich habe eher damit gerechnet deine Mutter hier zu sehen! Was ist geschehen, warum verzichtet sie auf diese Möglichkeit sich…“. Er lässt den Satz unvollendet und zieht verschwörerisch grinsend die Augenbrauen hoch. Wir wissen beide wie meine Mutter tickt.
„Frag mich nicht, sie hat darauf bestanden, dass ich Vater begleite.“
Ich verdrehe die Augen und wir lächeln einander zu, doch mein Blick wird von einem vorbeigehenden Mann angezogen. Es ist der attraktive Fremde. Das kann langsam auf einem Ball mit über 500 Gästen kein Zufall mehr sein. Helmut scheint meinem Blick gefolgt zu sein und den Unbekannten gut zu kennen.
„Hey Alex.“
Der Maximilianstraßen-Mann hält im Laufen inne und ein Zug des freudigen Erkennens gleitet über sein Gesicht. „Helmut, wie lange ist das jetzt her?“ Er steuert direkt auf uns zu. Oh Gott.
Die Männer drücken einander kumpelhaft und obwohl er einige Schritte von mir entfernt steht und wir uns nicht berühren, spüre ich seine Präsenz überdeutlich. Helmut scheint sich nun auch wieder an mich zu erinnern, denn er deutet auf mich. „Das ist Sophie Tander, die Tochter von Roman.“ Mit einer Hand weißt er in Richtung meines Vaters und zieht mich mit der anderen näher. Ich sehe unsicher auf und unsere Blicke treffen sich. „Das ist Alexander von Waldenfels. Er hat nach dem Tod seines Vaters in sehr jungen Jahren die familieneigene Firma „LogoLife“ übernommen“, setzt Helmut die kleine Vorstellung fort.
„Ich kenne Ihre Firma.“ Ich lächle ihn an. Ich habe bereits gelesen, hinter welchen großen Deals er steckt. „Sie machen faszinierende Werbung. Es muss schwer gewesen sein, so früh die Verantwortung zu übernehmen und in die Fußstapfen Ihres Vaters zu treten“, sage ich mit ehrlicher Anerkennung in der Stimme.
Er sieht mich für einen kurzen Moment erstaunt an. „Danke Sophie.“ Ohne den Blick von meinem Gesicht zu nehmen, streckt er mir seine Hand entgegen. „Alexander.“
Er fügt seiner Begrüßung keine dieser abgedroschenen Floskeln wie „freut mich“, „nett sie kennen zu lernen“, oder ähnliches hinzu. Das hätte auch nicht zu ihm gepasst. Die Begrüßung ist klar, direkt und stark, wie sein Blickkontakt. Und er duzt mich.
„Hi.“ Ich ergreife die mir dargebotene Hand. Meine Stimme klingt zu meinem Leidwesen alles andere als stark und fest, was daran liegt, dass er meine Hand länger festhält als nötig. Als er sie loslässt, lässt er seine Fingerspitzen an meinen Handinnenflächen entlanggleiten. Ich erschaudere und sehe ihn aus weit aufgerissenen Augen an. Zwischen meinen Beinen wird es feucht. Allein durch diese Berührung. Das ist mir noch nie passiert. „Woher kennt ihr zwei euch eigentlich?“, werfe ich hastig ein, um von meinen körperlichen Reaktionen auf ihn abzulenken.
„Helmut hat damals mit dem Sponsoring bei meiner Jugendhandballgruppe mit der Nachwuchsarbeit begonnen.“ Er grinst dem Marketingchef zu und dieser haut ihm anerkennend auf die Schulter. Aha, Handball. Ideal bei seiner Größe. Obwohl ich 12cm hohe Schuhe trage, ist er immer noch größer als ich.
„Guten Abend.“ Die sonore Fernsehstimme meines Vaters unterbricht meine Gedankengänge. Er mustert Alexander eingehend und ich erkenne erstaunt, wie interessiert er an dem etwa Mitte/Ende dreißigjährigen Mann ist. Alexander sieht ihm direkt in die Augen, ergreift fest die ihm dargereichte Hand und beginnt ein Gespräch mit meinem Vater. Sie stellen sich einander vor und ich bekomme die Möglichkeit Alexander unauffällig aus der Nähe zu betrachten. Die Art und Weise, wie er mit meinem Vater umgeht beeindruckt mich. Er wirkt nicht unterwürfig, oder um seine Aufmerksamkeit bemüht, wie der Rest der jüngeren Männer, die sich sonst mit ihm unterhalten. Er wirkt selbstsicher, selbstbewusst und stellt sogar kritische Fragen zum neuen TV-Format, das mein Vater präsentiert. Aus der Nähe sieht er noch atemberaubender aus, als von weitem. Er muss meinen Blick bemerkt haben, denn er sieht zu mir herüber. Soviel zu „unauffällig“ beobachten. Meine Beine zittern und plötzlich verblasst der Raum immer mehr vor meinen Augen. Als würde ich eine Brille aufsetzen, in dessen Gläsern ein privater, nur für mich bestimmter Film abläuft, tanzen die Bilder vor meinen Augen.
Ich sehe Alexander, allerdings hat er plötzlich etwas ganz Anderes an. Er befindet sich in einem großen Saal, dessen Raumaufteilung dem jetzigen ähnelt, allerdings ist er völlig anders dekoriert und die Wände sind nicht mehr verputzt. An den Steinmauern hängen Fackeln und überall im Raum stehen Personen. In Kostümen, wie mir scheint. Altertümlich angehauchte Gewänder, bestehend aus Brokatballkleidern, Kniebundhosen und edlen Abendfracks zieren die Körper der anwesenden Männer und Frauen. Je mehr ich mich dazu entschließe das, was vor meinen Augen abläuft aufzunehmen, desto klarer werden die Bilder. Als hätte ich einen Kanal geöffnet, strömen die Farben und Konturen immer deutlicher auf mich ein. Die Umrisse der Personen werden immer schärfer. Der Mann, den ich anfangs für Alexander hielt, gleicht diesem nur. So erschreckend ähnlich wie sich die beiden sehen, hatte ich sie im ersten Moment für ein- und dieselbe Person gehalten. Alexanders Double lehnt in einer Ecke des Raumes und ist umringt von einigen anderen Männern, doch diese treten aus meinem Blickfeld nicht so deutlich hervor wie er. Ich kann seltsamerweise keine Schlüsse ziehen. Ich kann nur beobachten. Mein Blick liegt immer noch auf dem attraktiven Mann. Er trägt ein Brokat-Jacket, wie es vor vielen Jahrhunderten einmal Mode war. Es ist silbergrau und harmoniert perfekt mit dem weißen Hemd und den schwarzen Kniebundhosen, die er trägt. Der Stoff schimmert so seidig, wie sein schwarzes Haar. Das finden scheinbar auch viele der anwesenden Frauen. Sie tuscheln, kichern und fächern sich Luft zu, wenn er sie mit einem seiner raubtierhaften Blicke streift. In diesem Moment wird meine Aufmerksamkeit auf ein junges, ein rotes Kleid tragendes Mädchen gezogen. Je näher ich sie betrachte, desto mehr Ähnlichkeiten zwischen mir und ihr fallen mir auf. Ihre Haut ist hell und ihre Gesichtszüge ebenmäßig. Anders als viele Anwesende Frauen hat sie keine markant hervorgehobenen Wangenknochen, ihr Gesicht ist weich. Wie meines. Auch unser Körperbau und die Größe scheinen identisch. Das einzige, was uns unterscheidet ist die Haarfarbe, denn ihres ist hellblond. So blond, wie ich immer gerne sein würde. Im Gegensatz zu dem etwa Ende dreißigjährigen, gutaussehenden Mann am anderen Ende des Saals wirkt sie sehr jung, sie muss etwa 18 Jahre alt sein. Ihr langer Hals ist gereckt und sie beobachtet, wie Alexander die Aufmerksamkeit der Frauen genießt und mit einigen offensichtlich flirtet. Ein Schatten huscht dabei über ihr Gesicht. Seine Freunde schlagen ihm auf die Schulter, sie lachen lauthals und scheinen sich über intime Dinge zu unterhalten. Sie flüstern sich vertraut ins Ohr und es dauert nicht lange, bis Alexander mit einer der Frauen den Raum verlässt. Das Mädchen steht abseits von dem fröhlichen lockeren Gemenge, so als gehöre sie mit ihrer nachdenklichen, in sich gekehrten Art nicht dazu. Sie bemerkt ebenfalls, wie er in Begleitung den Saal verlässt und wendet sich rasch ab, so als wolle sie sich dadurch vor den Gefühlen, die sein Verschwinden mit seiner Begleitung in ihr hervorruft, schützen. Viele Männer sehen sie an, doch sie ist diejenige, welche die Herren nicht wahrnimmt. Als einer ihrer Bewunderer sie zum Tanzen auffordert, sieht sie ihn fast abfällig an und dreht sich abweisend weg. Der Mann sieht für einen kurzen Moment enttäuscht aus und wendet sich dann verärgert ab. Das ist das letzte, das ich klar erkenne, dann verschwimmt das festliche Treiben vor meinen Augen.
An die Stelle der sonderbaren Bilder treten immer klarer die Umrisse von Vater und Alexander. Auch der Raum tritt wieder völlig anders in Erscheinung. Allerdings ähnelt die Form fast vollkommen den Umrissen des Gebäudes, das noch vor wenigen Sekunden die Kulisse einer tanzenden in Gewändern des 18. Jahrhunderts gekleideten Gästeschar war. Ich blinzle zweimal und blicke direkt in Alexanders Augen. Er sieht mich für einen Moment fragend an, als wüsste er, dass ich für einige Zeit im wahrsten Sinne des Wortes woanders war, dann wendet er sich wieder konzentriert meinem Vater zu. Was war da gerade eben nur geschehen? Was hatte ich gesehen?
Ich erzähle Helmut von meinem Studium und meinem geplanten Praktikum. Mein Vater scheint das Wort „Praktikum“ aufgeschnappt zu haben, denn er schaltet sich augenblicklich in das Gespräch ein.
„Sophie, was für ein Praktikum?“ Verärgert, dass ich mich in diesem Bereich seiner Kontrolle entziehe, sieht er mich lauernd an. Alexander hingegen sieht mich angesichts meiner Rechtfertigungsnöte grinsend an.
Er sieht atemberaubend aus, wenn er lächelt.
„Alexanders Unternehmen scheint mit PR und Marketing genau der Bereich zu sein, der dich interessiert. Vielleicht wollt ihr das näher besprechen?“ Widerstrebend wende ich den Blick von Alexander ab um Vater anzusehen.
„Ich glaube nicht, dass Alexander Praktikantinnen beschäftigt. Dafür sind die Kampagnen viel zu groß….“
„Das sehen wir dann, erzähl mir erstmal mehr darüber“, unterbricht mich Alexander resolut.
„Ich muss im Rahmen meines Master Studiums ein 3-monatiges Praktikum absolvieren und bin noch auf der Suche nach dem passenden Unternehmen.“ Ich lächle schief. Er bringt mich so durcheinander, mein Herz schlägt so laut, hoffentlich hört niemand das laute Pochen.
„So so, du musst ein Praktikum absolvieren.“ Dem Wort „musst“ gibt er einen spöttischen Unterton, doch seine belustigt glitzernden Augen strafen den strengen Unterton lügen. Flirtet er etwa? Ich verdrehe kokett die Augen und grinse ihn an.
„Nein, ich möchte natürlich gerne ein Praktikum machen. Das Wort ‚möchte‘ spreche ich dabei betont süffisant aus. Als ob irgendjemand gerne ein Praktikum macht!
Er sieht mich an. Durchdringend und mit einem faszinierten Ausdruck in den stahlblauen Augen, der mich feucht werden lässt. Ist es wirklich ungefährlich für mich hier so herum zu flirten? Er ist viel älter und erfahrener, er kann damit umgehen, wenn er angehimmelt wird. Passiert wahrscheinlich jeden Tag. Meine Gefühle erwidern wird er ohnehin nicht. Unruhig trete ich von einem Fuß auf den anderen und spüre, wie sich Röte auf meinen Wangen ausbreitet. Als wüsste er, was er in mir hervorruft, legt sich ein selbstzufriedenes, arrogantes Lächeln auf seine Züge. Verdammt sieht er sexy dabei aus.
„Ich bin immer offen für neue Kontakte und wenn sich diejenigen als kompetent und talentiert erweisen, auch immer an einer Zusammenarbeit interessiert.“
Ein Praktikum in seinem Unternehmen ist das Beste, was meiner Vita passieren kann. „Ich bin verantwortungsbewusst, habe hervorragende Noten und bin kreativ. Zudem kann ich sehr gut schreiben. Geben Sie mir eine Chance und ich werde Sie nicht enttäuschen.“ Ich muss ihn unbedingt überzeugen, dass ich die richtige für ein Praktikum bin. Hoffnungsvoll sehe ich ihn an. Mir ist bewusst, dass er mich duzt und ich ihn in meiner Nervosität gesiezt habe, aber ich habe einfach zu viel Respekt vor seiner Leistung, als ihn einfach vertraulich beim Vornamen nennen zu können.
Er scheint belustigt, greift in seine Anzugtasche und holt eine Visitenkarte heraus. Diese übergibt er mir, allerdings nicht ohne mit den Fingerspitzen noch einmal die meinen zu streifen.
„Ruf mich nächste Woche an. Ich denke das kriegen wir hin.“ Übrigens waren wir beim Du…“ Er lächelt dieses unverschämt sexy Lächeln. „Trotz Aufgeregt-Sein“. Er zwinkert mir zu und wendet sich dann der Gruppe zu, erhebt die Stimme so laut, dass er sich der Aufmerksamkeit der Umstehenden sicher ist und verabschiedet sich.
Zuletzt dreht er sich noch einmal zu mir und sagt leise, sodass nur ich es hören kann: „Ich hoffe wir haben demnächst mehr Zeit als bei spontanen Zusammenstößen in der Stadt und bei Small Talks auf abendlichen Events.“ Das Lächeln um seine Mundwinkel ist auf seltsame Weise versprechend und sinnlich.
Er hat mich wiedererkannt. Er hat mich auch nicht vergessen und gerade offenkundig zurückgeflirtet.
