Manchmal jaulen, manchmal tanzen wir - Harald Forst - E-Book

Manchmal jaulen, manchmal tanzen wir E-Book

Harald Forst

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Beschreibung

In diesen biografischen und autobiografischen Geschichten begegnen den Lesern Menschen und Tiere, die im Auf und Ab der Gefühle stehen, weil das Schicksal es nicht immer gut mit ihnen meint: "Manchmal jaulen, manchmal tanzen sie". Texte, die Botschaften enthalten, die manchmal überraschen, Mut machen sollen.

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Seitenzahl: 118

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Über das Buch

In diesen biografischen und autobiografischen Geschichten begegnen den Lesern Menschen und Tiere, die im Auf und Ab der Gefühle stehen, weil das Schicksal es nicht immer gut mit ihnen meint – Texte, die Botschaften enthalten, die überraschen.

„Manchmal jaulen, manchmal tanzen wir“, sagt die Patientin in der Geschichte von Friedel Weise-Ney. Ein Hund schenkt der jungen Frau Kraft, ihr Schicksal anzunehmen.

Mathias Scholz meint schelmisch: „So ein Tier ist doch auch nur ein Mensch“, und so behandelte er auch immer die ihm anvertrauten Tiere. Er erzählte den verängstigten Hunden im Tierheim Geschichten. Sie hörten ihm genauso ruhig und fasziniert zu wie früher seine kleinen Töchter bei seinen Gute-Nacht-Geschichten.

„Helene wusste wieder, wie sich Freude anfühlt, wie schön es ist, an jemanden zu denken, und sei es an einen kleinen Hund“, berichtet Harald Forst und schreibt: „Die Liebe war schon vorher da, bevor man Geister und Götter erfand, … weil ohne sie kein Kind großwerden könnte, keine Familie, keine Gemeinschaft überleben würde.“

Tom Witkowski schildert uns u.a., wie er zum Nichtraucher wurde, weil „Ein Bein ihm Beine machte“, und wie er um seine Nase bangen musste. So aufregend kann ein Schauspielerleben sein.

Wenn Michaela Halder von ihrer Kindheit erzählt, dann leuchten ihre Augen, und ich sehe darin Berge, blühende Gärten und Wiesen, aber auch Märchengestalten, also Erinnerungen an ihre überwiegend glückliche Kinderzeit.

Klára Hůrková ist auf der Suche nach ihrem leiblichen Vater und damit nach ihrer eigenen Identität. Beim Lesen ist man ihr sehr nah und zittert mit ihr: Wie wird das Treffen mit den Halbschwestern ausgehen, bleiben sie sich fremd oder werden sie Freundinnen?

Klaus Jäkel bringt die Menschen mit seinen Klangschalen zum Entspannen und zum Schwingen, manchmal auch zum Schweben. Das behinderte Mädchen Jana findet große Freude an den Klangschalen und kann sich kaum von ihnen trennen.

Inhalt

Mathias Scholz Jeden Tag Besuch

Friedel Weise-Ney Bettnachbarn

Harald Forst Die Platzanweiserin

Tom Witkowski Nasenbein-Trümmerbruch

Friedel Weise-Ney Manchmal jaulen wir …

Harald Forst Helene und der Bluthund Rudi

Mathias Scholz Das arme Vieh

Tom Witkowski Wie ein Bein mir Beine machte

Klára Hůrková Gregor Mendels Erbsuppe

Michaela Halder Das Sprechgitter

Harald Forst Die Blumen sind verblüht …

Mathias Scholz In der Ruhe liegt die Kraft

Friedel Weise-Ney Ausgebellt

Mathias Scholz Elefantenschnaps

Harald Forst Erna

Mathias Scholz Rettung in letzter Minute

Friedel Weise-Ney Garten Eden

Harald Forst Gelb

Klaus Jäkel Jana

Tom Witkowski Meine Vanitas-Symbole

Kurzbiographien

Hund Anna (Foto: Mathias Scholz)

Mathias Scholz

Jeden Tag Besuch

Wir wohnten noch keine zwei Monate in Bayern und hatten seit einem Monat unsere Arbeit als Tierheimleiterehepaar aufgenommen, da stellte uns unsere Basset-Hündin Anna ihren neuen Freund vor. Der Nachbarhund Ben war ihr sehr zugetan. Über die Hunde kamen wir auch mit den Besitzern ins Gespräch und es entstand eine bis heute andauernde Freundschaft zu Birgit und Andreas.

Ben, ein schwarzer, kurzhaariger Schäferhund, gab gegenüber Anna den seriösen Hundegentleman, der auch noch zwei Jahre älter war als sie. Die beiden mochten sich auf Anhieb. Er behandelte sie, obwohl er viel größer war, nie von oben herab. Jeden Tag gingen Birgit und Andreas mit ihrem Hund spazieren und kamen dabei bei uns am Tierheim vorbei. Anna konnte wegen ihrer Größe nicht durch die Glasscheibe der Haustür sehen, doch wenn Ben in Anmarsch war, spürte sie es instinktiv. Sie konnte ihn über ihr gutes Gehör orten, zumal Birgits immerwährende Ordnungsrufe kaum zu überhören waren. Es gab nur eine kurze Begrüßung mit vorder- und rückseitigem Beriechen, dann dackelten die beiden ohne große Emotionen hinter uns her. Wie tief ihre Zuneigung zueinander war, stellten wir erst viel später fest.

So vergingen die Monate. Ben bekam mit seinen zwölf Jahren eine alterstypische Rückenkrankheit, auch Dackellähme genannt. Die Rückenwirbel verändern sich, wichtige Nerven für die Hinterbeine sterben ab, sodass der Hund nicht mehr laufen kann. Entweder er wird steif oder eine OP verlängert seine Lauffähigkeit, so die Diagnose des Tierarztes. Große Hunde werden kaum älter als 12 Jahre.

Leider vergessen wir bei unseren Haustieren das Alter gerne einmal oder wir verdrängen es. Es ist zum Beispiel gar nicht so einfach, wenn man den eigenen Kindern einen Hamster schenkt, der nur eine Lebenserwartung von circa zwei Jahren hat. Das Sterben und die erste Beerdigung sind eine Herausforderung für die ganze Familie, wobei die Grabpflege von den Kindern meist zuverlässiger ausgeführt wird als die tägliche Fütterung zu Lebzeiten.

Unsere Nachbarn entschlossen sich dennoch, Ben operieren zu lassen. Bei einem Spezialisten für Hunderücken-OPs wurde er behandelt. Daraufhin musste der Patient einige Tage in der Klinik bleiben. Anna verstand die Welt nicht mehr. Kein Ben zum Gassi-Gehen mehr. Sie ging in diesen Tagen höchstens zehn Schritte und ließ sich fallen, um genau an dieser Stelle auf Ben zu warten. Kein Schritt vor und keinen zurück ohne ihren Freund. Allein sie wieder ins Haus zu bekommen, war Gewalt an der Leine. Dann kam der Tag, an dem wir den ersten Besuch machen konnten. Ben durfte mit seinen verschraubten Rückenwirbeln noch nicht laufen. Ruhe und wenig Bewegung, so hatte es der Tierarzt verordnet.

Sobald es Nachmittag wurde, war es bei Ben mit der Ruhe allerdings vorbei. Wir verabredeten uns daraufhin zu einem Krankenbesuch. Je näher wir ihrem Freund kamen, desto schneller wurden Annas Trippelschrittchen. Als sie ihn endlich im Zimmer beschnuppern durfte, war die Welt der beiden Hunde wieder im Lot. Anna merkte sofort, dass er sich nicht richtig bewegen konnte, darum legte sie sich einfach neben seinen Korb. Ohne sich weiter zu berühren, waren beide einfach nur glücklich. Die Augen der beiden Hunde sprachen Bände. Beim Kaffeetrinken erfuhren wir alles über die Operation. Erstaunlicherweise kam Anna danach ohne Murren wieder mit nach Hause. Dieses Besuchsritual wiederholte sich von nun an jeden Tag. Anna ging am Nachmittag ohne Eile zum Nachbarn zum „Gassi-Liegen“. Als wir einmal die Zeit verpasst hatten, ging sie ohne uns los. Wenn wir ihr Fehlen bemerkten, konnten wir uns schon denken, wo sie war.

Nach zwei Wochen konnte Ben schon etwas laufen, wobei der erhoffte Erfolg lange ausblieb. Es bereitete ihm immer noch erhebliche Schwierigkeiten, gerade zu laufen. Zum Glück kann ein Basset seine Geschwindigkeit anpassen, ohne dass es auffällt. Anna schnupperte einfach bei jedem Schritt etwas mehr.

Leider konnten die beiden ihre Freundschaft nur noch etwas über ein Jahr genießen. Ben starb mit 13,5 Jahren. Als es geschah, merkte man Anna kaum etwas an. Sie drängte nicht nach draußen, wie damals beim Klinikaufenthalt von Ben. Die beiden mussten sich anscheinend bei ihren letzten Treffen verabschiedet haben.

Zum Altern und zum Tod haben Tiere vermutlich einen anderen Draht als wir Menschen. Tiere sind durchaus zur Trauer fähig. Die Erfahrungen haben uns gezeigt, dass sie dabei im Gegensatz zu uns Menschen viel rationaler sind. Anna starb ein Jahr später. Wenn es einen Hundehimmel gibt, finden sich die beiden sicherlich wieder und laufen jetzt wieder nebeneinander her.

„Das Licht einfangen“ (Foto: Friedel Weise-Ney)

Friedel Weise-Ney

Bettnachbarn

Schon zwei Wochen liege ich in diesem Krankenhaus. Wie sagte der junge Stationsarzt neulich: „Vor die Therapie haben die Götter die Diagnose gesetzt.“ Dieser Spruch eines berühmten Professors ist doch geradezu Blasphemie. Der junge Arzt hält sich wohl für einen Gott, denn er gibt mir jetzt schon starke Medikamente, ohne Diagnose.

Mir ist schon klar, dass die Ärzte mich erst richtig behandeln können, wenn sie genau wissen, was mit mir los ist. Aber warum dauert alles so lange? Ich freue mich über jede kleine Abwechslung.

Heute morgen saß ich in der Röntgenabteilung, da huschte so ein merkwürdiges Männlein aus dem Behandlungsraum. Erst bekam ich einen Mordsschreck, aber dann wollte ich am liebsten laut loslachen, so komisch sah der Typ aus. Spontan dachte ich an Rumpelstilzchen.

Die Tagesschau läuft gerade, ich bin eingenickt, höre, wie ein Pfleger ein Bett ins Zimmer schiebt.

Zwischen den Kissen schaut ein Auge in meine Richtung. Ein dünner Arm schlägt die Bettdecke zur Seite, und das merkwürdige Männlein von heute Morgen setzt sich auf den Bettrand. Ein außerirdisches Monster mit einem riesigen Schädel und kleinem dünnen Körper.

Unter all den Falten blinzeln zwei helle Knopfaugen in meine Richtung, der runde kleine Mund spricht mit schriller Stimme: „Ich heiße Max, und du?“ – „Ich bin Gabriel“, antworte ich. „Dreißig Jahre, und du?“ Das komische Männlein hustet, zwei kleine Löcher schnaufen aus dem Faltenberg, es sind wohl die Nasenlöcher. „Auch wenn ich aussehe wie achtzig, ich bin erst achtzehn. Meine Gene altern jeden Tag. Dreißig werde ich nicht mehr in diesem Leben. Hast du auch schlechte Gene?“, pfeift er in meine Richtung.

„Keine Ahnung, sie suchen noch nach einem Namen für meine Krankheit. Jetzt schicken sie Blut von mir nach Amerika und Paris.“ – „Du hast doch hoffentlich nichts Ansteckendes?“, ruft er entsetzt. Ich zucke mit den Schultern. Er zischt ein gurgelndes Lachen aus seinem runden Mund. „Entschuldige, war ein Scherz, nicht so gemeint“, ruft er in meine Richtung und dreht das Radio auf volle Lautstärke. Ich halte ihm meine Kopfhörer hin. Er nickt, springt auf, reißt sie mir aus der Hand und steckt sie sich in seine kleinen Ohrlöcher. Vom Nahen betrachtet sieht er aus wie ein riesiges Pantoffeltierchen. Er zieht aus seiner Reisetasche jede Menge Taschenbücher und wirft sie auf den Nachttisch.

„Wir kennen uns doch?“, fragt er mich. Ich nicke, denn er hört mich ja nicht mit den Kopfhörern im Ohr.

Plötzlich reißt er die Kopfhörer runter. „Magst du keine Musik?“, fragt er.

„Doch, doch, ich mag Jazz, und du wirst lachen, auch Orgelmusik. Ich bin müde von den Medikamenten.“ Er nickt und nimmt sich ein Buch vom Stapel. Der große Schädel wackelt und mit ihm die Falten im Gesicht. Wie Wellen, die an einen Felsen schlagen, denke ich und schlafe ein.

Eine Krankenschwester rüttelt mich an der Schulter: „Ich habe Ihnen das Abendessen auf den Tisch gestellt.“ Beinahe hätte ich es verschlafen. Am Tisch sitzt schon mein Bettnachbar. Seine dünnen Beine baumeln unterm Stuhl, seine Ärmchen streifen den Tellerrand. Mit großer Anstrengung schmiert er sich die Butter aufs Brot. „Kann ich dir helfen?“, frage ich und setze mich ihm gegenüber. „Danke, geht schon“, pfeift er aus dem kleinen Mund. „Magst du meinen Apfel? Mir reicht die Tomate.“

Ich danke und greife mir seinen Apfel vom Tablett. „An apple a day keeps the doctor away“.

Er lacht. Schweigend kauen wir unsere Brote und gehen sofort ins Bett.

In der Nacht erwache ich mit Klopfen in der Brust, ich hatte wieder einen Albtraum. Ich erinnere mich nur noch daran, dass ich in einem Zug saß und nicht wusste, wo er hinfährt. Im Licht der Notbeleuchtung sehe ich einen großen Schädel mit Kopfhörern aufrecht in den Kissen. Max wiegt seinen faltigen Kopf auf und ab, hält ein Buch in den Händen.

Mein Wecker zeigt zwei Uhr nachts. Schwester Ellen kommt lächelnd ins Halbdunkel unseres Zimmers. Meinem neuen Bettnachbarn Max reicht sie ein Gläschen mit irgendeiner Flüssigkeit. „Prost,“ ruft sie ihm zu.

„Gute Nacht. Wollen sie auch einen Schlaftrunk?“ fragt sie mich. „Gerne“, antworte ich, „die Nacht ist ja leider noch nicht vorbei. Ich saß eben noch in einem Zug und wusste nicht, wohin die Reise geht.“ Ellens Lächeln gefriert. „Bitte sprechen Sie doch mit unserem Chefarzt, der soll Ihnen sagen, wo die nächste Station auf der Reise liegt“, antwortet sie und reicht mir ein Gläschen mit Schlaftropfen.

Beim Frühstück fragt mich Max, mein Monstermännlein: „Warum bist du hier? Ich bin nur Versuchskaninchen, ohne Chance auf Heilung, und du?“ Ich schlucke gerade ein Stück Käse runter, huste und sage: „Ich bin auch Versuchskaninchen, sie wissen nicht, was ich habe. Die Lunge ist voller Flecke unbekannter Herkunft. Die Medikamente schlagen nicht an.“

Er legt seinen Faltenkopf zur Seite und schielt zur Decke, trinkt aus seiner Schnabeltasse und fragt:

„Was machst du beruflich? Ich studiere.“ – Ich bin platt und stottere: „Ich habe Kunst und Pädagogik studiert, gerade habe ich eine Stelle als Lehrer angeboten bekommen,aber wegen meiner Krankheit nicht antreten können.“ – „Ich verstehe“, hustet er, „ich werde gar nicht erst so weit kommen. Ich studiere Literaturwissenschaften und Französisch. Die Mitstudenten mobben mich, das bin ich schon aus der Schule gewohnt. Ich bin übrigens Schriftsteller.“

Nun verschlucke ich mich, eine Traube steckt mir im Hals, ich muss husten. „Du schreibst, was denn?“, frage ich. „Ich schreibe Jugendliteratur. Mein erstes Buch handelt von einem Jungen, der weiß, dass er bald sterben wird. Ich kann dir das Buch mal ausleihen.“

Am Nachmittag habe ich sein Buch in einem Rutsch ausgelesen, es gefällt mir. Mit melancholischem Witz hat er über den Tod geschrieben. Der trat als Freund auf, machte dem Jungen Versprechungen, erzählte ihm, was er nach seinem Leben alles bekommen würde: „Es gibt ein Paradies mit schönen Mädchen, großen Schlössern, goldenen Früchten an den Bäumen“, meinte der Tod.

Aber all das Versprochene trat nicht ein. Als der Junge tot war, kam er zwar ins Paradies, denn er hatte ja nichts Schlimmes im Leben getan, aber dort war nichts, kein Mensch, kein Baum, kein Schloss. Was er dort auf einem großen Platz liegen sah, war ein Spiegel. Er sah hinein und erkannte sich und war glücklich. „Sich selbst zu sehen, so wie man ist, das ist eins der größten Geschenke“, steht da in seinem Buch.

„Schön“, sage ich, dein Buch macht Hoffnung, danke. Wir sollten mal darüber reden.“ Unter all den Falten sehe ich ein Lächeln.

„Max und Gabriel, zwei Künstler in einem Zimmer also“, rufe ich. Wieder verziehen sich die Falten zu einem Lächeln. „Ein Engel mit Schwert und eine Witzfigur von Wilhelm Busch, würde ich sagen“, gibt er zur Antwort. Nun lachen wir beide.

Ich beginne in meinem Zeichenblock dieses Lächeln festzuhalten. Es sieht aus wie eine schrumplige Kartoffel. Ich versuche es noch einmal, nun sieht mich ein alter freundlicher Mann vom Papier