Manchmal trägt der Teufel weiß - Andreas Dürr - E-Book

Manchmal trägt der Teufel weiß E-Book

Andreas Dürr

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Beschreibung

Nach einem Arztbesuch gerät das Leben der jungen Sara völlig aus den Fugen. Sie tötet in Notwehr einen Mann und flieht, ohne zu wissen, dass sie bereits ins Fadenkreuz einer illegalen Organisation geraten ist, die Unglaubliches plant. Es beginnt ein verzweifelter Kampf ums Überleben, bei welchem Sara nur von einem Medizinstudenten unterstützt wird.

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Seitenzahl: 344

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Andreas Dürr

Manchmal trägt der Teufel weiß

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

Lesermeinungen

* »Eine aktuelle, packende Story, ereignisreich und voll atemloser Spannung von der ersten bis zur letzten Zeile – ein idealer Filmstoff.« Dr. med. M.H.

* »MANCHMAL TRÄGT DER TEUFEL WEISS ist in einigen Passagen sehr gewagt – fast am Rande eines Tabubruches. Aber gut! Sehr, sehr gut!« Markus F./Bauingenieur

* »Absoluter Spitzenroman, den man nicht mehr aus der Hand legt, bevor nicht der letzte Satz gelesen ist.«

Roland M./Arzt

*»“Manchmal trägt der Teufel Weiß” ist ein fesselnder Roman, der den Leser in atemberaubendem Tempo von Ereignis zu Ereignis katapultiert.« Julia B./Reiseleiterin

*»Temporeicher, dramatischer und unheimlich fesselnder Roman. Besser geht`s nicht.« Gerd R./Architekt

Zitat des Lektors (Basis-Lektorat):

»Insgesamt … finde ich, dass ihr Roman … einer der besten ist, den ich bisher überarbeitet habe.

1

Die Sonne stand senkrecht über den niedrigen Häusern, die am Rand einer schmalen Straße standen. Häuser, welche die Bewohner vor vielen Jahren mit roten Ziegeln gedeckt und deren Fassaden sie damals bunt gestrichen hatten.

Nur einige Häuserblocks weiter erstreckte sich eine breite, vor Hitze flimmernde, verstaubte Straße in sehr schlechtem Zustand. Auf dem Gehweg standen in regelmäßigen Abständen die verwitterten Holzmasten der Stromleitungen. Die Gebäude in dieser Gegend waren lieblos und äußerst einfach. Teilweise sah es aus, als hätte man in Doppelgaragen Eingangstüren gebaut und darüber eine Hausnummer genagelt. Jedenfalls konnte man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass die Erbauer keine Architekten bemüht hatten. Nur die spärliche Bepflanzung einiger Vorgärten sorgte dafür, dass dieses Viertel nicht gänzlich in Trostlosigkeit verfiel.

Der fünfjährige Ricardo hüpfte an einem Gartenzaun entlang. Er hielt einen kleinen knorrigen Stock in der Hand, den er im Vorbeigehen über die Latten streifte, sodass dabei ein knatterndes Geräusch entstand. Es sah so aus, als würde er gleich eine seiner Sandalen verlieren, die sich bei seinen Luftsprüngen etwas von den Fußsohlen lösten. Seine beige kurze Baumwollhose hätte, genauso wie das gelbe T-Shirt, jedes Waschwasser in eine schwarze undefinierbare Brühe verwandeln können. Er war ein Junge aus einfachen Verhältnissen, so wie die meisten Leute hier, die alle sehr arm waren. Viele hatten Mühe, den täglichen Unterhalt zu verdienen, und somit fanden einige den Weg in die Kriminalität. Hier in Juarez tobte seit einiger Zeit ein unbarmherziger Drogenkrieg, dem viele Menschen zum Opfer fielen.

Ricardo bekam von alledem noch nichts mit. Seine Eltern liebten ihn über alles und vergangenes Jahr war es ihnen sogar möglich gewesen, die notwendig gewordene Polypen-Operation im hiesigen Krankenhaus zu bezahlen. Ricardos Vater konnte dies durch Überstunden, die er in einer Autowerkstatt leistete, erwirtschaften. Die Eltern hatten sich vorgenommen, ihm die beste Schulbildung zu ermöglichen, damit er später einen guten Beruf erlernen könne. Dafür verdiente die Mutter in einer Wäscherei etwas hinzu, was allerdings den Nachteil mit sich brachte, dass ihr Junge Zeit fand herumzustromern. Ricardo lebte in seiner verträumten Kinderwelt, er bekam nichts mit von Drogenkrieg, Mafia, Entführungen und Morden. So bemerkte er auch nicht, dass er seit geraumer Zeit von zwei zwielichtigen Typen verfolgt wurde, die ihn aus einem Jeep heraus beobachteten. Ricardo entfernte sich vom Gartenzaun und näherte sich der Straße. Er bewegte sich immer noch hüpfend vorwärts, wobei sich der eine Fuß auf der Fahrbahn, der andere auf dem Gehweg befand.

Der Jeep brauste in hohem Tempo heran und stoppte abrupt neben dem Jungen. Dabei wirbelte das Fahrzeug eine dichte Staubwolke auf, durch die man nur schemenhaft erkennen konnte, wie ein Mann heraussprang, den kleinen Ricardo schnappte und ihn ins Fahrzeug stieß. Das Ganze hatte nur wenige Sekunden gedauert. Der Jeep raste davon und hinterließ am Ort des Verbrechens lediglich eine Staubwolke. Nur der kleine knorrige Stock, den Ricardo als Spielzeug benutzt hatte, blieb auf dem Bordstein zurück.

Claire Bennett brachte ihren roten Chevy Spark direkt hinter Ryans Fahrzeug am Bordsteinrand zum Stehen. Sie löste ihren Sicherheitsgurt, blickte kurz in den Rückspiegel, öffnete die Tür und schälte sich aus ihrem Sitz. Sie ging rasch auf Ryans weißen Ford zu, aus dem er gerade ausstieg. Ihr schwarzes Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und bildete einen deutlichen Kontrast zu ihrem blauen Halbarmshirt mit dem Aufdruck Pueblo Police Departement am Ärmel. Über ihren schlanken Hüften hatte sie, leicht nach hinten versetzt, ein Holster angebracht, in dem ein 38er Colt steckte.

Ryan Mulroy war gerade am Heck seines Wagens angekommen, da war Claire schon bei ihm. Als sie sich so gegenüberstanden, hätte man denken können, sie seien Geschwister – gleiche Kleidung, beide gebräunte Haut, ebenmäßige Gesichtszüge und dunkles Haar. Ryan überragte Claire um gut einen halben Kopf und natürlich trug er auch keinen Pferdeschwanz, was ihm auch bei allergrößter Mühe nicht gelungen wäre – er hatte kurz geschnittenes Haar.

“Morgen, Ryan. Wartest du schon lange?” Claire wartete die Antwort nicht ab und sah stattdessen auf seinen Wagen.

“Sag mal, wie lange dauert das eigentlich noch, bis wir endlich unseren Dienstwagen bekommen?”, fragte sie.

“Noch mindestens eine Woche, meint der Captain. – Drehen wir eine Runde!”

Ryan ging Richtung Gehweg. Claire wollte ihm folgen, da fiel ihr plötzlich etwas ein – sie hielt abrupt an und rief: “Warte!”

Sie ging geschwind zu ihrem Fahrzeug, öffnete es und griff nach einem Gegenstand, der auf dem Beifahrersitz lag. Sie stand augenblicklich wieder bei Ryan, der sie fragend ansah. Claire strahlte ihn an, als sie ihm ein kleines Etui überreichte.

“Hier, Ryan. Für Noel – er hat doch heute Geburtstag.”

Ryan lächelte, nahm die kleine Schachtel, hielt sie an sein Ohr und schüttelte sie ein wenig, so als könnte er dadurch erraten, was sich darin befand.

“Ryan, warum machst du? s nicht auf?”

Ryan sah ihr kurz in die Augen, dann öffnete er das Etui und holte einen kleinen Anhänger heraus.

Claire sah ihn gespannt an. “Du musst die Rückseite anschauen!”

Ryan drehte den Anhänger um und las: “NM – Noel Mulroy”. Er freute sich sichtlich, denn seine Augen schienen noch heller zu strahlen, als sie es sonst ohnehin schon taten.

“Du bist ein Schatz, Claire. Noel wird sich sehr darüber freuen. Ich geb’ ihn ihm gleich heute Abend.”

Dann legte er das Amulett vorsichtig ins Etui zurück, so als hätte er Angst, er könnte es mit seinen Fingern zerbrechen. Dann schien er für einen kurzen Augenblick abwesend zu sein. Claire, die mit Ryan seit drei Jahren Streife fuhr, entging sein nachdenkliches Gesicht keinesfalls. Sie hatten beruflich miteinander schon einiges erlebt. Auch privat war sie des Öfteren bei den Mulroys oder mit Ryan nach Dienstschluss noch auf ein Bier in einem der zahlreichen Lokale im Zentrum von Pueblo, deren Wirte auf ihre Gäste warteten.

“Ist es sehr schlimm?” In Claires Stimme klang viel Mitgefühl.

Ryan hob die Schultern. Er war niemand, der übermäßig viele Worte machte, schon gar nicht bei privaten Dingen. Er war bei seinen Kollegen beliebt, denn er hatte immer ein offenes Ohr, wenn es darum ging, jemandem zu helfen, der in Not geraten war, oder weil er bei einem Umzug einfach mit anpackte und auch bereit war, dafür ein halbes Wochenende zu opfern. Wenn es allerdings um seine eigenen Probleme ging, dann schwieg er.

Dabei war Claire eine Ausnahme. Zu ihr hatte er ein ganz besonderes Verhältnis und uneingeschränktes Vertrauen, welches bereits durch mehrere Einsätze im Dienst gestärkt worden war. Die vielen Gespräche, die er mit Claire nach Dienstschluss geführt hatte, gingen weit über das hinaus, worüber sich ihre Kollegen üblicherweise untereinander unterhielten. Ryan schaute in Claires hübsches Gesicht.

“Der Scheidungstermin ist in ungefähr einer Woche.”

“Wenn du jemanden zum Reden brauchst …” Claire sah ihm dabei aufmunternd in die Augen.

“Danke, Claire. Es geht schon.”

Ryan packte das Etui für seinen Sohn in seine Hosentasche und startete mit Claire in den Arbeitstag. Kurz nachdem sie in eine Seitenstraße abgebogen waren, deutete Claire diagonal auf die andere Straßenseite und Ryan signalisierte ihr durch ein kurzes Nicken, dass er die Situation erkannt hatte. Claire überquerte die Straße, während Ryan ein Stück weiter geradeaus ging.

Ein Mann hockte auf dem Boden des Gehweges. Er verschob flink drei Nussschalen. Dabei hob er eine Schale an, sodass man darunter eine Erbse sah. Er drehte die Nussschalen wieder um und verschob noch mehrfach deren Standort. Dies machte er allerdings so langsam, dass man genau verfolgen konnte, wo sich die Erbse befand. Um ihn herum standen mehrere Leute. Ein junger Mann setzte 200 Dollar als Einsatz. Dann hob er eine Nussschale, unter der sich dann tatsächlich die Erbse befand.

Der Hütchenspieler nahm ein Bündel Geld aus der Tasche und zählte 200 Dollar ab, die er dem Gewinner übergab.

Ein Passant, der das Spiel zuvor beobachtet hatte, glaubte, er könne sich auch auf leichte Art Geld verdienen und setzte hundert Dollar.

Der Hütchenspieler erhob sich und zählte seinerseits 100 Dollar ab, ließ aber dabei einen Schein herunterfallen. Der Gewinner von vorher hob den Schein auf und trat kurz zwischen die beiden. Der Hütchenspieler nutzte die Situation und verschob mit seinem Fuß geschickt die Nussschalen. Der Passant, der dies nicht bemerkt hatte, beugte sich hinab und drehte die Nussschale um, unter der er die Erbse sicher vermutet hatte. Natürlich lag sie nicht darunter.

Augenblicklich erkannte der Passant, dass man ihn soeben getäuscht hatte.

“Das ist doch Betrug!”, schrie er. Der Gewinner von vorhin, der noch immer neben dem Verlierer stand, riss ihm den Hundertdollarschein aus der Hand. Der Betrogene versuchte, den Schein wieder zurückzuholen, doch dazu hatte er keinerlei Chance. Im Gegenteil. Es stellte sich heraus, dass der Hütchenspieler und der Gewinner von vorher gemeinsame Sache machten und ihn wegstießen. Mit weiteren Drohungen schlugen sie ihn in die Flucht und er suchte das Weite. Claire, die mittlerweile nur noch wenige Meter von den Betrügern entfernt war, lief ohne Umweg auf sie zu. Einer der beiden entdeckte sie und warnte seinen Kumpan. Die Spieler drehten sich sofort um und rannten vor ihr in die entgegengesetzte Richtung weg. Doch schon nach wenigen Metern trafen sie auf Ryan, der direkt auf sie zugelaufen kam. Sie stoppten augenblicklich und zögerten einen Moment. Als sie erkannten, dass sie wegen des dichten Verkehrs die Straße nicht überqueren konnten, rannten sie wieder zurück, preschten geradewegs auf Claire zu und wollten sie brutal umrennen.

Als der erste auf ihrer Höhe war, wich sie geschickt aus und stellte dem Mann ihren Fuß in den Weg, sodass dieser der Länge nach auf den Asphalt knallte. Der zweite stoppte kurz vor ihr, holte mit der rechten Faust aus und schlug zu. Claire bückte sich und der Schlag ging ins Leere. Sie packte blitzschnell zu und drehte den Arm des Angreifers nach hinten. Der Angreifer schrie vor Schmerz laut auf.

Claire legte ihm die Handschellen an. In der Zwischenzeit hatte Ryan den zweiten Mann erreicht, der sich wieder vom Boden hochgerappelt hatte, und legte auch diesem die Handfesseln an.

Ryan packte ihn unsanft an und schob ihn zu seinem Kumpan. Ryans Ton war leicht genervt, als er wieder neben Claire stand.

“Was machen wir nun mit denen? … Ich hab’ heute noch nicht mal ‘nen Kaffee gehabt.”

Claire war offensichtlich auch nicht danach zumute, seitenlange Berichte zu schreiben. “Wegen so was hab’ ich auch keine Lust auf Papierkram.”

Sie sahen sich kurz an und nicken sich zu. Ryan ging auf die zwei Ganoven zu, öffnete beiden die Handschellen und drehte sich zu Claire um.

“Wie viel?”

“Hundert.”

Ryan hielt den zweien die offene Hand hin.

“Na los, macht schon!”

Einer der beiden zückte widerwillig einen Einhundertdollarschein. Ryan steckte ihn ein und trat beiseite.

“Wenn wir euch hier jemals wiedersehen, dann buchten wir euch für eine ganze Weile ein.”

Die zwei sahen zuerst auf Ryan, dann blickten sie sich gegenseitig kurz an, um sich dann schnellstens aus dem Staub zu machen. Für Claire hatten sie nur einen finsteren Blick übrig.

“Gehen wir einen Kaffee trinken!”, sagte Claire.

Auf dem Weg zu einem Straßencafé trafen sie den zuvor betrogenen Passanten, der die Geschehnisse der vergangenen Minuten aus sicherer Entfernung mit angesehen hatte. Er schaute mit betretener Miene den zwei Beamten entgegen.

Ryan streckte ihm den Hundertdollarschein entgegen und

sagte:

“Das vorhin war Ihnen hoffentlich eine Lehre für die Zukunft.”

Der Passant nickte und bedankte sich bei den Beamten.

2

Nina und Cloe, zwei junge Frauen, saßen auf der Veranda einer Eisdiele und tranken Kaffee. Sie unterhielten sich über all die banalen Dinge, über die sich viele Frauen im Alter von achtzehn oder neunzehn Jahren zu unterhalten pflegten, die da wären: Aktuelle Kinofilme, hippe Frisuren, der unmögliche Haarschnitt einer unbeliebten Bekannten, der Dauerkonflikt mit zumindest einem Elternteil oder wo man sich Abends treffen wolle, um Party zu machen. Ninas Gesicht erstarrte angewidert, als sie erkannte, dass eine junge Frau die Straße heraufgelaufen kam. Es war Sara, zwanzig Jahre alt, blonde schulterlange Haare, sportliche Figur. Sie bestellte sich ein Eis und wollte sich an den Nachbartisch von Nina und Cloe setzen.

“Da kommen nachher noch unsere Freunde”, meinte Cloe.

Sara sah kurz zu den beiden hin und ging dann wortlos zum nächstgelegenen Tisch. Da hörte sie Nina sagen:

“Da ist leider auch besetzt.”

Sara sah böse zu den beiden hinüber, nahm ihr Eis und ging bis ans Ende der Veranda, setzte sich hin und probierte ihr Bananeneis.

Sara bemerkte, wie die beiden am Ende der Veranda ihre

Köpfe zusammensteckten und miteinander tuschelten. Es war offensichtlich, dass es dabei um sie ging. Seit etwas mehr als drei Jahren war Sara für Nina ein rotes Tuch. Damals hatte Nina einen Freund aus der Oberstufe. Nicht, dass sie unsterblich in ihn verliebt gewesen wäre, doch ihr Ego war erheblich verletzt worden, als er sich von ihr abwendete und sein Interesse ausschließlich Sara galt, die dieses nicht erwiderte. Dennoch gab es für Nina eine Person, die sie hasste, und sie ließ sich einiges einfallen, um Sara bei anderen unbeliebt zu machen. Sara hingegen war es ziemlich egal, was andere über sie dachten. Sie löffelte weiterhin ihr Eis, während sie in die Weite blickte.

Ab und zu kam jemand vorbei oder ein Auto fuhr vorüber.

Nach zwanzig Minuten stand Sara auf, warf ihren Pappbecher in den Papierkorb und ging, ohne die beiden weiter zu beachten. Cloe sah ihr mit abschätziger Miene hinterher.

“Endlich ist sie weg!”, sagte sie.

Nina beugt sich über ihren Kaffee und sagte nur: “Schlampe!”

Am Horizont türmte sich eine Staubwolke auf, die immer größer wurde und rasch heranwalzte. Nach kurzer Zeit erkannte man einen schwarzen Jeep, der vor dem Eingang einer Hazienda anhielt. Der Fahrer stieg aus, rückte seine Sonnenbrille zurecht und lehnte sich gelangweilt an das Fahrzeug. Die Beifahrertür öffnete sich. Ein braungebrannter, schlanker Mann mit ärmellosem T-Shirt trat ins Freie. Auf seinen Armen trug er den kleinen Ricardo, der offensichtlich bewusstlos war, und legte ihn auf der Veranda ab. Dann begab er sich zu einem eingetopften Kaktus, schob ihn ein wenig beiseite, holte eine Messingbüchse hervor, öffnete sie, griff hinein und nahm ein Bündel Dollarscheine heraus, das er in die Höhe hielt, sodass sein Kumpan sehen konnte, dass sich die Fahrt wieder einmal gelohnt hatte. Nachdem sie beide wieder ins Fahrzeug eingestiegen waren, rauschten sie davon. Wenig später öffnete sich die Haustür und der Junge wurde hineingetragen.

Sara ging geradewegs auf ein mächtiges Backsteingebäude zu, über dessen Eingang in großen Buchstaben “ST. JOSEPHS HOSPITAL” zu lesen war. Sie betrat das Haus, welches sich im Inneren wesentlich von der Außenansicht unterschied. Die Wände im Eingangsbereich waren allesamt in sterilem Weiß gehalten, am Boden hatte man weiße Fliesen mit grauer Marmorierung angebracht, selbst die Anmeldungstheke aus Kunststoff, die fast im Zentrum dieser überdimensional großen Eingangshalle stand, strahlte in hochglänzendem Weiß.

Sara schritt an der Theke vorüber und betrat eine breite Treppe aus massiven Marmorstufen, die am Ende des Foyers nach oben führte.

Als sie die zweite Etage erreicht hatte, schritt sie einen Gang entlang. Mehre Türen führten dort in angrenzende Räume, der Gang war wie leergefegt, nur eine Krankenschwester kam ihr entgegen. Als sie am Ende angelangt war, hielt sie vor einer Tür, an welcher die Aufschrift “Dr. Spack – Chefarzt” zu lesen war. Sie holte nochmals tief Luft, dann klopfte sie an. Nachdem sie hereingebeten wurde, betrat sie das Sprechzimmer.

Ein fast zwei Meter großer Mann kam aus einem Nebenraum, setzte sich an seinen Schreibtisch und kramte in einem Stapel Papier. An seinem weißen Kittel steckte ein kleines Schild mit der Aufschrift “Dr. Spack.” Seine Haare waren leicht angegraut, obwohl er erst Mitte vierzig war. Sara sah in stahlblaue Augen, über die eine Stirn von immenser Größe in die Höhe ragte. Sara, die sonst selten vor etwas Respekt hatte, bemerkte, wie ein seltsames Gefühl in ihr aufstieg, das sie einerseits dem Ausgang dieses Termins und andererseits der übermenschlichen, fast furchterregenden Intelligenz, die Dr. Spack ausstrahlte, zuordnete.

“Ah, ja. Logan. Sara Logan”, sagte er mehr zu sich selbst, um dann freundlich, aber bestimmt fortzufahren: “Bitte nehmen Sie doch Platz.”

Er bot ihr den Stuhl an, der auf der gegenüberliegenden Seite des Schreibtisches stand. Sie ließ sich dort wortlos nieder.

Der Arzt hielt ein Stück Papier in seinen Händen und las. Dann räusperte er sich und sah ihr in die Augen.

“Die Untersuchung ist abgeschlossen. Frau Logan, es ist so …”

Während der Arzt zu Sara sprach, ertönte von draußen ein lauter Knall. Einige Zimmer weiter hatten ein Pfleger und eine Krankenschwester wegen eines Notfalls eilig einen Raum verlassen und dabei die Tür so heftig ins Schloss fallen lassen, dass es weithin zu hören war. Gleich darauf verließ auch eine Ärztin ihr Zimmer, um zum selben Patienten zu eilen. Danach herrschte im Gang vor Dr.

Spacks Sprechzimmer absolute Leere und die übliche Stille

war wieder eingekehrt.

Dr. Spack, der mittlerweile, genau wie seine Patientin, aufgestanden war und jetzt neben Sara stand, überreichte ihr einen Umschlag mit den Worten:

“Warten Sie nicht zu lange mit ihrer Entscheidung.”

Sara nickte, als würde sie es sich überlegen, nahm den Umschlag entgegen und verließ den Raum.

Dr. Spack sah ihr hinterher bevor er die Tür schloss, zum Telefon griff und eine Nummer eintippte.

In einem Stationszimmer der ersten Etage des St. Josephs Hospital hatten sich Schwestern, Pfleger und einige Stationsärzte zu einer Kaffeepause eingefunden. Die in der vergangenen Nacht geglückte Reanimation einer Sechsundachtzigjährigen wurde zum Hauptthema auserkoren. Die meisten saßen an einem Tisch, auf dem in der Mitte eine Kanne dampfenden Kaffees thronte. Einige lehnten stehend an einer Schreibablage oder am Aktenschrank und schlürften ihren Coffein-Drink aus Pappbechern.

Das Stationszimmer hatte breite Glasfronten zu den sich dort kreuzenden Fluren, sodass man das Stationsgeschehen gut überblicken konnte.

Eine der Schwestern war gerade dabei, den anderen mitzuteilen, wie das Ganze wohl ausgegangen wäre, wenn nicht ihre Kollegin, die Nachtdienst hatte, den Herz-Kreislauf-Stillstand der alten Dame sofort entdeckt und den Defibrillator angeschlossen hätte. Da ertönte laut die Melodie Gangnam Style von Psy. Eine Hand nahm das

Handy auf und führte es zum Ohr.

“Ja, hier Abteilung drei.”

Der Mann hörte gespannt zu, während er seinen rechten Fuß, der in einem braunen Cowboystiefel steckte, auf einen Hocker neben sich stellte. Der Stiefelschaft trug ein nicht identifizierbares, verschnörkeltes Muster. Dabei sah er, wie auf dem Flur gerade Sara vorüberging. Er sagte ins Telefon:

“Sie kommt gerade hier vorbei. Ja, ist gut, wir werden uns darum kümmern.”

“Ist was?”, fragte einer der Anwesenden und blickte ihm irritiert hinterher, denn er hatte das Stationszimmer schnell verlassen, nur um davor stehenzubleiben und eine Nummer von seinem Handy aus anzuwählen.

Sara ging einen verlassenen Feldweg entlang, der beiderseits von Getreidefeldern gesäumt war. Sie schlenderte gedankenversunken und ohne jede Eile auf dem schmalen Weg. Plötzlich hielt sie an, sah sich um, teilte die Ähren und verschwand im Getreidefeld. Nach fünf, sechs Metern ging sie in die Hocke und verschaffte sich Erleichterung.

Wenige Minuten später sprang sie mit einem Satz wieder auf den Weg, um ihren Heimweg fortzusetzen. Genau in diesem Moment musste ein Radfahrer seinen Lenker herumreißen und fuhr auf der anderen Seite ins Feld. Nach einigen Metern fiel er zur Seite und landete unsanft auf dem Boden, umgeben von goldenen Feldfrüchten.

Sara erschrak, denn ihr war bewusst, dass sie alleine Schuld daran trug, daher wollte sie nachsehen, ob etwas Schlimmeres passiert war. Bevor sie bei dem jungen Mann ankam, hörte sie ihn brüllen: “Auhh. So eine dumme Kuh. Ahh.”

Dann stand Sara vor ihm und sah zu ihm hinunter. Der Mann hatte die Jeans hochgeschoben und hielt sich seinen Knöchel. Das Fahrrad lag noch immer halb über ihm, sein Gesicht war schmerzverzerrt, seine kurzen, dunkelbraunen, leicht lockigen Haare waren durch den Sturz etwas zerzaust. Er blickte verärgert zu Sara hoch, fasste sich wieder an seinen verletzten Knöchel und versuchte, aufzustehen. Doch es gelang ihm nicht. Plötzlich wurde das Fahrrad, welches eben noch auf ihm gelegen hatte, wie von Geisterhand von ihm weggehoben. Nachdem Sara das Fahrrad beiseitegelegt hatte, beugte sie sich hinunter und betastete Ricks Knöchel.

Er sah fassungslos in ihr wunderschönes Gesicht und atmete für einen Augenblick den Duft eines Parfums ein, welches Sara hin und wieder dezent hinter ihre Ohren tupfte. Es war sehr teuer, deshalb verwendete sie es nicht täglich, sondern nur, wenn sie vorhatte, unter Leute zu gehen. Bevor sie sich am Morgen aufgemacht hatte, um im Krankenhaus das Ergebnis ihrer zwei Wochen zuvor durchgeführten Untersuchung abzuholen, musste sie an den Wartesaal denken, in dem sie damals neben einer unablässig jammernden Patientin mit mongolischen Zügen saß, deren körperliche Ausdünstung sie beinahe zum vorzeitigen Verlassen des Spitals veranlasst hätte. Sie hatte durchgehalten, was sie angesichts neunzigminütiger Tortur durch ein Schweiß-Knoblauchgemisch, verstärkt durch Klagelaute einer ihr unbekannten Sprache, für eine bemerkenswerte Leistung hielt. Sie selbst war weder verschwitzt noch hatte sie am Vorabend etwas mit Teilen der Heilpflanze gegessen, die angeblich bei regelmäßiger Einnahme viele Krankheiten verhindern kann. Sie wollte dem Arzt im St. Josephs Hospital angenehm duftend gegenübertreten, was sie dazu veranlasst hatte, ein wenig Parfum hinter ihren Ohren aufzulegen.

“Halb so schlimm. N’ bisschen Jod drauf, damit sich’s nicht entzünden kann, und gut is!”, sagte Sara.

Rick blieb der Mund offen stehen. Dann erwiderte er: “Ich glaube, dir piepsts wohl. Ich kann froh sein, wenn das nicht gebrochen ist.”

Rick versuchte aufzustehen und bekam dabei unerwartet Unterstützung von Sara. Sie fasste ihm unter die Arme. Rick sah sie skeptisch und doch ein wenig bewundernd von der Seite an. Wieder und wieder trat er mit dem verletzten Fuß auf, bis er sicher sein konnte, dass wirklich nichts gebrochen war.

“Na, das fühlt sich doch ganz gut an”, sagte Sara, die dabei die Kennermiene eines Spezialisten aufgesetzt hatte.

Rick sah kurz zu ihr hin, nickte drei-, viermal mit dem Kopf und meinte: “Soso, das fühlt sich ganz gut an. Toll, dass es sich für dich gut anfühlt.”

Rick hob das Fahrrad auf und stellte dabei fest, dass die Lampe defekt war.

Sara trat an ihn heran. “Du, es tut mir leid.” Sie zeigte dabei auf seinen Fuß. “Das wollte ich nicht.”

“Schon gut, es fühlt sich zwar nicht gerade gut an, aber ich werd? s, glaub’ ich, überleben … So, jetzt muss ich aber weiter. Äh, und hier noch ein Andenken an unsere

Bekanntschaft – sie ist jetzt kaputt”, sagte Rick.

Er hielt Sara die Lampe seines Fahrrades hin, die sie

erstaunt entgegennahm. Er setzte sich auf sein Rad und fuhr davon. Sara sah ihm hinterher, bis er hinter einer Biegung verschwunden war, dann wandte sie ihren Blick auf die Lampe in ihren Händen und schlenderte langsam weiter. Es dauerte keine zehn Minuten, da war sie an einem kleinen grauen Haus angekommen, das an ein heruntergekommenes, überdimensioniertes Schrebergartenhaus erinnerte. Als sie die Eingangstreppe hinaufgehen wollte, öffnete sich die Tür und ein kleiner, fetter Mann mit Halbglatze stand plötzlich auf dem Podest. Hinter ihm folgte eine Frau mittleren Alters. Sie trug ein langes, schmuddeliges Kleid, das ihr bis zu den Füßen reichte, die in ausgetretenen Sandalen steckten.

Sara erschrak zutiefst und versteckte sich hinter der Hauswand.

“Tut mir leid, George, dass Sara noch nicht da ist. Und du willst wirklich nicht warten? Sie muss bald …”

“Lass nur. Ich komme ein andermal. Versprochen!”

Furcht, nichts anderes als die blanke Furcht war in diesem Moment in Saras Augen zu erkennen.

Der Mann ging recht zügig für seine Erscheinung zu seinem Wagen, den er auf der gegenüberliegenden Straßenseite geparkt hatte.

Die Frau war in der Zwischenzeit wieder im Haus verschwunden. Sara zitterte am ganzen Leib und wartete, bis der Wagen außer Sichtweite war. Dann ging sie, als trüge sie eine schwere Last auf den Schultern, die Treppe hinauf.

Miriam saß vor dem Fernseher auf dem Sofa und richtete ihr Augenmerk auf den Bildschirm, in dem irgendeine Soap lief, bei welcher die wichtigste Vorgabe für den Betrachter “mitdenken unerwünscht” sein musste.

Das Verhältnis zwischen Sara und Miriam war ständig angespannt, es gab nur selten Momente, in denen sich Sara zu Hause richtig wohlfühlte. Deshalb war sie häufig unterwegs, wenngleich auch meistens alleine, denn richtige Freunde hatte sie keine. Hätte sie welche, wäre es ihr nicht möglich gewesen, diese nach Hause einzuladen, denn viel zu sehr schämte sie sich für ihre Mutter.

Sara konnte bis heute nicht begreifen, dass sie selbst mit einem so klaren Verstand ausgestattet war. Ihre einzige Erklärung war, dass sie die dafür erforderlichen Gene von ihrem Vater geerbt hatte, den sie mit fünf Jahren zuletzt zu Gesicht bekommen hatte. Miriam hatte ihr vor Jahren mitgeteilt, dass ihr Vater tot sei. Er war Außendienstmitarbeiter einer Finanzberaterfirma gewesen, der auf einer Dienstfahrt einen schweren Unfall erlitten hatte. Nach fünf Tagen im Koma hatte man ihn schließlich für tot erklärt.

Sara dachte früher, wenn sie alleine in ihrem Zimmer saß, darüber nach, wie es möglich war, dass sich ihr Vater mit Miriam einlassen konnte. Es war ihr immer schleierhaft. Vielleicht hatte sie ihren Vater damals arglistig getäuscht, als sie gezeugt wurde, indem sie sich zuvor bei einem Maskenbildner in einer mehrstündigen Sitzung herrichten ließ, oder man hatte ihn dazu gezwungen. Vielleicht hatte Miriam ja auch etwas gegen ihren Vater in der Hand. Je mehr sie sich darüber Gedanken gemacht hatte, desto klarer wurde ihr – Dad musste völlig betrunken gewesen sein.

Sara wollte an Miriam vorbei auf ihr Zimmer gehen, als diese sie bemerkte.

“Wo warst Du so lange? Wegen deiner Verspätung ist uns

jetzt wieder was entgangen.”

“Du meinst, dir ist etwas entgangen, Mom.”

Miriam schaute Sara böse an.

“Werd’ nur nicht frech, sonst setzt’s was und das nicht zu knapp!”

Die Wohnung war recht unordentlich. Der Müll lag teilweise neben dem Mülleimer, im und um den Ausguss stapelte sich das Geschirr. Während sich Miriam wieder auf den Fernseher konzentrierte, sagte sie: “Bring mal den Müll raus, dann mach’ was zu essen, ich hab’ Hunger.”

Sara verdrehte die Augen und verschwand in ihrem Zimmer.

Miriam sah ihr hinterher.

“Faules Miststück!”, sagte sie.

Dann füllte sie sich ein Glas mit Bier.

Sara saß in ihrem Zimmer auf dem Bett und spielte mit der beschädigten Radlampe, die sie von ihrer neuen Bekanntschaft erhalten hatte. Während sie diese in ihrer Hand hin und her drehte, ging sie plötzlich an. Sie suchte gezielt nach dem Ein-Ausschalter und betätigte ihn mehrfach. Tatsächlich, sie funktionierte noch.

Sie legte die Lampe neben sich, dabei kam ihre Hand an das Papier, das sie am Vormittag von Dr. Spack erhalten hatte. Ihr schmunzelndes Gesicht versteinerte sich augenblicklich. Sie nahm den Befund in die Hand und las noch einmal das Ungeheuerliche, das darin stand. Dann sank ihr Arm auf ihren Schoß und einige Tränen rannen über ihre Wangen.

Sara stand auf und legte den Bericht auf den Tisch. Sie ging zum Schrank, öffnete ihn, kramte unter ihren Sachen und zog einen Joint samt Feuerzeug hervor.

Sie setzte sich schluchzend aufs Bett, entzündete den Joint und zog einige Male kräftig daran. Danach drückte sie die Kippe im Aschenbecher aus, legte sich aufs Bett und starrte an die Decke.

3

Dr. Spack war einer der fähigsten Chirurgen in ganz Colorado, jedenfalls der renommierteste im St. Josephs Hospital. Unter seinem Messer lagen bisher viele bedeutende Persönlichkeiten dieses Staates. Sie kamen zu ihm, weil er unangefochten als Koryphäe für Organtransplantationen galt. Es gab so gut wie kein Organ, das er nicht schon mehrfach erfolgreich transplantiert hätte.

Seine Augen waren konzentriert auf seine Arbeit gerichtet, auch gegen Ende, als er mit dem letzten Stich die Wunde zunähte. Er warf das Besteck in die Nierenschale und trat aus dem OP-Saal. Kaum hatte er ihn verlassen, warf er Mundschutz, Kopfbedeckung, Handschuhe und Kittel in die dafür vorgesehenen Behälter. Dann ging er in den Waschraum. Am Waschbecken stellte er den Wasserhahn an, befeuchtete ein Tuch, von denen über dem Waschbecken etliche bereitlagen, und tupfte sich den Schweiß von der Stirn.

Er hatte den Waschraum kaum verlassen, da teilte ihm eine Schwester mit, dass er unbedingt Frau Hernandez aus Arizona zurückrufen sollte. Dr. Spack nickte nur und ging am Ende des Flurs in sein Büro.

Er nahm einen Ordner aus einem Schrank, suchte darin eine Nummer, die er ins Telefon eintippte, ohne die Zahlenfolge nochmals nachsehen zu müssen. Er wartete zwei Rufzeichen ab und schon meldete sich am anderen Ende Frau Hernandez.

“Dr. Spack am Apparat.” Dr. Spack hörte sich an, was Frau Hernandez zu sagen hatte. Dann versicherte er ihr Folgendes:

“Frau Hernandez, Sie können sich darauf verlassen, dass die Operation termingerecht durchgeführt wird. Es wird keinerlei Verzögerungen geben. Sie müssen nur dafür sorgen, dass sich Ihre Tochter zum besagten Zeitpunkt in Bisbee befindet. … Ja, das wünsche ich Ihnen auch.”

Dr. Spack legte den Hörer auf und dachte kurz nach. Dann nahm er sein Handy und wählte erneut.

Sara war eingeschlafen, doch nach nur einer Stunde wachte sie wieder auf und sah zur Uhr. Sie erhob sich und legte die Fahrradlampe auf die Kommode, holte ihre Badesachen aus dem Schrank, stopfte sie in ihre Tasche und verließ das Zimmer.

Sie ging schnell durch den Wohnraum.

“Ich geh’ noch kurz an den See.”

Miriam hatte das kaum mitbekommen, stattdessen rülpste sie und nahm noch einen Schluck aus ihrem Glas.

Sara klemmte ihre Tasche auf den Gepäckträger ihres Fahrrades, stieg auf und fuhr los. Sie radelte die Straße hinunter und bog nach etwa fünfhundert Metern in eine Nebenstraße ab. Minuten später verließ sie die Straße und hatte noch ungefähr einen Kilometer auf einem Waldweg zurückzulegen, der an einem wunderschön gelegenen See endete. Sie lehnte den Drahtesel an einen Baum, nahm ihre Tasche vom Gepäckträger und suchte sich einen gemütlichen Platz, wo sie ihr Handtuch ausbreitete. Sie zog sich ihr Shirt und die Hot Pants aus und sprang in ihrem Bikini, den sie schon zu Hause angezogen hatte, ins Wasser und schwamm einige Runden in dem erfrischenden Nass.

Nach etwa zehn Minuten stieg sie aus dem See und wunderte sich, dass neben ihrem Handtuch ein weiteres Badetuch lag. Der Besitzer war nirgends zu sehen. Sie achtete nicht weiter darauf und legte sich in die Sonne.

Saras Sonnenbad verlief nur kurze Zeit ungestört, dann hörte sie einen Schwimmer, der sich dem Ufer näherte. Sie setzte sich auf und traute nicht ihren Augen, denn ihre Bekanntschaft vom Morgen stieg aus dem Wasser, ging geradewegs auf sie zu und blieb vor ihr stehen.

“Darf ich?”

Er deutete dabei auf sein Handtuch, das unmittelbar neben ihrem ausgebreitet lag.

“Na, da der Badestrand heute mal wieder komplett überfüllt ist, will ich mal nicht so sein.”

Sie deutete dabei mit einer ausladenden Handbewegung auf die Umgebung, die völlig menschenleer war.

Rick lächelte und setzte sich neben sie.

“Ich habe dich vorhin beobachtet – du schwimmst einen

ausgezeichneten Stil.” Er streckte ihr die Hand entgegen.

“Mein Name ist Rick, Rick Stewart.”

Sara streckte ihm mit einem Lächeln ihrerseits die Hand entgegen.

“Ich heiße Sara.”

Rick war freudig erstaunt. “Sara, wirklich? Meine Schwester heißt Sara … Ich kann nur hoffen, dass ich meinen Eltern von Dir erzählen kann, bevor ihnen einer meiner Freunde von der heißen Nacht erzählt, die ich mit Sara hatte …”

Sara bekam funkelnde Augen.

“Wie bitte?”

Mittlerweile erkannte Rick, was er da von sich gegeben hatte. Doch es war zu spät. Sara holte aus und schlug Rick auf die linke Wange. Rick hielt sich sofort die Hand an die schmerzende Stelle.

“Autsch … Das hat gesessen. Hab’ ich wohl verdient. Ich weiß nicht, was ich jetzt sagen soll.”

Rick sah sie um Verzeihung bittend an. Saras Blick war durchdringend und ernst.

Rick rang um die richtigen Worte.

“Was soll ich, ich meine … es tut mir wirklich sehr … ich wollte nicht …”

Sara lachte laut los. Ricks Gesichtszüge entspannten sich. Er lächelte nun auch.

“Ich hab’ schon davon gehört, dass es Leute gibt, die schneller sprechen, als sie denken … Rick, kann es sein, dass du zu denen gehörst, die das aussprechen, was sie gerade denken?”, sagte sie und sah ihm dabei schelmisch ins Gesicht.

Rick hatte seine vorübergehende Sprachlosigkeit überwunden und war wieder gefasst.

“Ich hab’ dich recht schnell richtig eingeschätzt!”

“Und, darf ich fragen, wie du mich einschätzt?”

Rick sah ihr schmunzelnd in die Augen.

“Du bist ein ganz großer Frechdachs. Hab’ ich nicht recht?”

“Mmhh, ich lass mir zumindest nicht alles gefallen.”

Mit hoffnungsvoller Stimme fragte Rick:

“Aber du hast mir doch verziehen, ja?”

Sara rümpfte zum Spaß die Nase.

“Mmhh, ich weiß nicht so recht …”

Rick neigte den Kopf reumütig zur Seite.

“Also gut, ich will mal nicht so sein”, sagte Sara.

Rick tat freudig erregt, griff in die Tasche und nahm sein Handy heraus. Dies hielt er ihr, nachdem er die Starttaste des Recorders gedrückt hatte, vor ihren Mund und sagte:

“Nur, damit ich es später beweisen kann.”

“Ah, ein Handy mit Diktierfunktion!”

Sara machte den Spaß mit, beugte sich nach vorne und sprach ins Mikrophon.

“Hiermit sei Rick verziehen, dass er, hmm, sagen wir, seinen geheimen Wunsch nicht für sich behalten hat.” Rick tat kurz beleidigt, doch dann lachte er und schob sein Handy wieder zurück in seine Tasche, danach saßen sie beisammen und sahen in die Ferne.

Sara stand plötzlich auf.

“Komm, lass uns noch eine Runde schwimmen.”

“Ok.”

Er sprang auf und rannte ihr hinterher. Bei über dreißig

Grad Celsius tat ihnen diese erneute Abkühlung gut. Es war mitten am Nachmittag, die meisten Menschen mussten arbeiten, dennoch war es ein Glücksfall, dass sie den ganzen See für sich alleine hatten. Es gab sonst immer einige Leute, die hierher kamen, um zu schwimmen oder am Strand zu relaxen.

Nach einer Viertelstunde verließen sie das kühle Nass und schlenderten miteinander in Richtung Liegeplatz.

“Du kannst deine Lampe bei mir abholen, wenn du willst. Sie funktioniert noch.”

“Ach ja, dann gib mir doch einfach deine Adresse – ich hole die Lampe dann später ab.”

Sara überlegte kurz, ob sie ihm so einfach ihre Anschrift aushändigen sollte. Nicht, weil sie ihm Misstrauen entgegen brachte. Nein, sie dachte dabei mehr an Miriam. Doch in diesem Fall wollte sie das Risiko eingehen, dass sie ihn, nachdem er Bekanntschaft mit Miriam gemacht hat, nie wieder sehen würde.

“Das ist einfach zu finden. Wenn du …” Sara erklärte Rick den Weg zu ihr nach Hause. Als sie nur noch wenige Meter von ihrem Liegeplatz entfernt waren, blieben sie wie angewurzelt stehen.

“Wer war das?”, meinte Sara irritiert. Rick zuckte nur mit den Schultern. Sie sahen genauer nach und leerten ihre Taschen.

“Rick, ich meine, wer ist so bescheuert und klaut nur die Badetücher. Dein Handy hat er nicht angerührt.”

Rick richtete sich auf und sah sich um. Er wirkte kurz sehr nachdenklich.

“Lass uns gehen!”, sagte er.

Ryan öffnete das Tor zu seinem Grundstück, besser gesagt, zu seinem ehemaligen Grundstück, denn seine Ehe war gerade in die Brüche gegangen. Der Scheidungstermin stand kurz bevor und Ryan würde das Haus seiner Frau überlassen, sofern sie bereit war, die fälligen Hypotheken zu

bezahlen. Das Haus wäre in neun Jahren abbezahlt.

Ryan hatte, kurz vor der Geburt seines Sohnes vor über zehn Jahren, vierzig Prozent Eigenkapital angezahlt und für die ersten zehn Jahre einem recht straffen Finanzierungsplan zugestimmt, damit das Haus nach zwanzig Jahren endgültig ihnen gehören würde. Die noch ausstehenden moderaten Raten würde seine Frau mit ihrer Nebentätigkeit als Aushilfslehrerin bewältigen können.

Der Groll über den Verlust seines Eigenheimes hielt sich immer dann in Grenzen, wenn er mit seinem Jungen zusammen war und ihm klar wurde, wem das alles eines Tages gehören würde.

Er selbst wohnte in einem Zweizimmerappartement in der Innenstadt, was immerhin den Vorteil hatte, dass er nur zwei Minuten zum Police Departement benötigte.

Nach einem langen Tag als Police Officer beim Pueblo Police Departement freute er sich jetzt auf ein Treffen mit seinem Sohn. Ein großes Paket klemmte unter seinem Arm.

Er hatte gerade die Hälfte des Weges auf seinem ehemaligen Grundstück zurückgelegt, da stürmte ein zehnjähriger Junge auf ihn zu.

“Dad, hallo Dad.”

Der Sohn sprang seinem Vater mit einem Satz entgegen.

Dieser fing ihn auf und umarmte ihn. Das Paket glitt ihm dabei aus den Händen.

“Hallo, Geburtstagskind.”

“Hast du heute viele Verbrecher eingesperrt?”

Ryan lachte, doch bevor er antworten konnte, entdeckte der Junge den Karton, der auf dem Boden lag. “Ist das für mich?”

“Das darfst du nach dem Abendessen auspacken, ok?”

“Yuhuu. Ein Geschenk für mich … Spielst du mit mir Fußball? Bitte Dad, bitte.”

Ryan war von seinem Arbeitstag ziemlich erledigt, dennoch setzte er den Jungen ab und ging mit ihm auf den Rasen hinter dem Haus. Als Ryan vor mehr als zehn Jahren die Außenanlage plante, war ihm die großzügige Rasenfläche wichtig. Er hatte sich damals gegen seine Frau durchgesetzt, die dort lieber ein Rosenbeet angelegt hätte. Doch Ryans Plan war auf Jahre im Voraus genau durchdacht. Erstens gefiel ihm der Anblick von saftigem Grün, zweitens war Rasenmähen so ziemlich die einzige Gartenarbeit, zu der man ihn nicht unter Androhung von roher Gewalt zwingen musste, und drittens dachte er schon dort daran, dass er hier eines Tages mit seinem Sohn Fußball spielen würde.

Im jetzigen Alter seines Jungen hatte Ryan damals selbst leidenschaftlich gerne Fußball gespielt. Damals war der Sport hierzulande noch nicht so populär. Man spielte eher Basketball, Football oder Baseball.

Ryan musste schmunzeln, als er darüber nachdachte.

Wahre Qualität setzt sich über die Jahre hinweg eben doch durch, dachte er.

Ryan begab sich in ein kleines Tor, das er am Ende des Grundstückes für Noel aufgebaut hatte.

An einem Fenster des Hauses bewegte sich ein Vorhang. Eine Frau sah kurz hinaus. Inzwischen hatte sich der Junge den Ball geschnappt und schoss aufs Tor. Noel hatte eine Riesenfreude, als er den Ball beim vierten oder fünften Versuch ins Netz traf. Nach einer halben Stunde, Noel hatte eben wieder ein Tor geschossen, meinte Ryan im Hinblick aufs Abendessen:

“Noel, jetzt ist es aber genug. Du hast ja heute haushoch gewonnen. ”

“Ohh, schade. Können wir nicht noch Elfmeterschießen üben?”

“Das machen wir dann morgen, für heute ist’s genug, Ok?”

Irgendwie hatte es sich so eingebürgert. Wann immer irgendetwas beendet sein sollte, setzte Ryan die Bemerkung “Ok” an den Schluss eines Satzes. Das Beste daran war: Es funktionierte prima. Danach war sein Sohn meistens einverstanden mit den Vorschlägen oder Anordnungen seines Vaters. Die Mutter hatte damit allerdings weniger Erfolg und Ryan fragte sich, wie lange es wohl dauern würde, bis es auch ihm nicht mehr gelingen würde.

Sie gingen langsam auf das Haus zu. Der Junge trug das Paket auf seinen Armen. Zum Glück war es nicht ganz so schwer, wie man aus seiner Größe hätte schließen können.

“Bringst du mich morgen zur Schule?”

Ryan lachte.

“Nein, Noel, das geht nicht. Ich habe Frühschicht.”

Der Junge machte ein enttäuschtes Gesicht. Doch Ryan fügte hinzu: “Aber weißt du was?”

Der Junge blieb stehen und sah interessiert zu seinem Vater hoch.

“Wenn ich rechtzeitig fertig werde, hole ich dich Mittwoch aus der Schule ab.”

Der Junge strahlte übers ganze Gesicht. Er freute sich kolossal, wann immer er mit seinem Vater zusammen sein konnte.

Die Tatsache, dass er ihn von der Schule würde abholen kommen, barg für ihn einen weiteren interessanten Aspekt, der nicht zu unterschätzen war: Die Mitschüler und Schüler der Parallelklasse und vor allem die etwas älteren hatten große Hochachtung vor der Uniform, die sein Vater direkt nach dem Dienst meistens noch anhatte. Es kam schon einmal vor, dass sich die Jungen im Pausenhof rauften. Davor war auch Noel nicht gänzlich verschont geblieben. Doch hatte er nie unter schwerwiegenden Übergriffen älterer Schüler zu leiden, denn dazu war der Respekt vor Noels Vater viel zu groß.

Noel wusste, wenn sein Vater ihn von der Schule abholen käme, dann standen die Chancen nicht schlecht, dass sie danach etwas gemeinsam unternehmen würden. Daher sagte er zu seinem Vater:

“Au ja, und dann gehen wir noch in den Tierpark.”

Ryan schmunzelte.

“Mal sehen. Ach ja, hier. Das soll ich dir noch geben. Es ist von Claire.”

Ryan übergab Noel den Anhänger, den er von Claire erhalten hatte. Noels Augen glänzten vor Freude, als er den Anhänger sah. Er streifte ihn sich gleich über den Kopf.

Noels Mutter öffnete die Tür und der Junge stürmte ins

Haus. Sie sah Ryan streng an und sagte: “Aber nur kurz.”

“Bitte keine Szene vor dem Jungen. Nicht heute. Ich bin auch gleich wieder weg.”

Ryan ging mit ins Haus.

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