Mandarinen aus Jaffa - Patrizia Joos - E-Book

Mandarinen aus Jaffa E-Book

Patrizia Joos

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Beschreibung

Eine große Liebe zweier Menschen, die sich nie vergessen konnten Ein Terroranschlag, der in New York verhindert wird. Eine herzzerreißende Liebesgeschichte, die in London beginnt und ein Hund, der zum Therapeuten und echten Lebensretter wird. Rosamund 'Rose' Harper liebt den älteren jüdischen Architekten Raphael Jaron Rosengarten. Sie ist schön, 20 Jahre alt, aus New Jersey (USA), mit deutschen Vorfahren und studiert Architektur in London. Sie lebt in der Portobello Road in Notting Hill und träumt von einer Karriere als Architekturfotografin. Ihre große Liebe Raphael ist alles für sie. Doch als Raphael eines Tages die Beziehung aus heiterem Himmel beendet, zerbricht eine Welt für Rose und ihre ganze Zukunft gerät ins Wanken ... Ein Liebesroman über die große Liebe. Über das Erwachsenwerden und die Selbstfindung einer jungen Frau, die immer wieder ein neues Kapitel in ihrem Leben beginnt.

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Seitenzahl: 328

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Kurzbeschreibung

Eine große Liebe zweier Menschen, die sich nie vergessen konnten

Ein Terroranschlag, der in New York verhindert wird. Eine herzzerreißende Liebesgeschichte, die in London beginnt und ein Hund, der zum Therapeuten und echten Lebensretter wird. Rosamund 'Rose' Harper liebt den älteren jüdischen Architekten Raphael Jaron Rosengarten. Sie ist schön, 20 Jahre alt, aus New Jersey (USA), mit deutschen Vorfahren und studiert Architektur in London. Sie lebt in der Portobello Road in Notting Hill und träumt von einer Karriere als Architekturfotografin. Ihre große Liebe Raphael ist alles für sie. Doch als Raphael eines Tages die Beziehung aus heiterem Himmel beendet, zerbricht eine Welt für Rose und ihre ganze Zukunft gerät ins Wanken ... 

Ein Liebesroman über die große Liebe. Über das Erwachsenwerden und die Selbstfindung einer jungen Frau, die immer wieder ein neues Kapitel in ihrem Leben beginnt.

Patrizia Joos

Mandarinen aus Jaffa

Eine Liebe erwachte in Notting Hill

Edel Elements

Edel Elements

Ein Verlag der Edel Germany GmbH

© 2018 Edel Germany GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Copyright © 2017 by Patrizia Joos

Lektorat: Rainer Schöttle

Korrektorat: Julia Jochim

Covergestaltung: Anke Koopmann, Designomicon, München

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-96215-159-1

www.facebook.com/EdelElements/

www.edelelements.de/

Der Brief „Unsterbliche Geliebte“ von Ludwig van Beethoven wird zitiert nach:

https://www.beethoven.de/hallo-beethoven/extern/ug-orginaltext.pdf

In Kapitel 4 wird zitiert aus The V&A A Souvenir, 2015, Victoria and Albert Museum, London

Die beiden Briefe Napoleon Bonapartes werden zitiert nach der Briefsammlung „Liebesbriefe großer Männer. Ewig dein, ewig mein, ewig uns“, hrsg. von Sabine Anders und Katharina Maier. Wiesbaden: marixverlag 2012

Der Anfang von Roses Vortrag über die byzantinische Geschichte ist ein Zitat aus:

http://www.osa.fu-berlin.de/byzantinistik/beispielaufgaben/byzantinische_geschichte/

Für meine Familie &

Für die Welt bist du irgendjemand, aber für irgendjemand bist du die Welt.

Erich Fried

Prolog

The peoples of this world must unite or they will perish- J. Robert Oppenheimer (amerikanischer Physiker)

++ Terroristischer Anschlag in New York verhindert ++

Die Meldung verbreitete sich wie ein Lauffeuer in den sozialen Netzwerken. Die ganze Welt schaute an diesem Tag nach New York und die Menschen waren sichtlich erleichtert, dass niemand getötet worden war. Die Menschen, die beinahe ihr Leben verloren hatten, wurden fotografiert und von sämtlichen TV-Sendern interviewt.

Ein älterer Mann mit weißem Haar sagte vor laufender Kamera mit Tränen in den Augen: „Ich bin so dankbar. Ich könnte die ganze Welt umarmen. Ich werde nun anders durchs Leben gehen. Es fühlt sich an, als wäre ich noch einmal geboren worden. Wir hatten heute großes Glück. Allen Menschen auf der Welt möchte ich mitteilen, dass mich dieses Ereignis eines gelehrt hat: Ich möchte nie mehr wieder Streit mit meinen Liebsten haben. Ich bin dankbar für mein Leben und für alles, was ich habe. Seit heute bin ich der glücklichste Mensch auf Erden. Ich bin siebzig Jahre alt und liebe die ganze Welt. An alle, die ich jemals verletzt haben sollte: Es tut mir aufrichtig leid. Verzeiht mir. Verzeihen wir uns und lasst uns dankbar sein für alles, was wir haben. Gott sei Dank ist uns nichts passiert. Liebe ist stärker als Hass. Hören wir auf, uns gegenseitig zu bekriegen! Glauben wir an die Liebe! Wir sehnen uns alle tief in unseren Herzen nur nach Liebe und Frieden. Wir wollen alle leben. Ob Jude oder Christ, Moslem oder Atheist, Buddhist oder Hindu. Wir sind alle Menschen. Menschen dieser Erde. Ich bin ein einfacher alter Mann aus Minnesota, aber das habe ich heute gelernt. Geben wir uns eine Chance! Ich will zu meiner Frau! Gott, ich danke dir! Und beschütze dieses frisch verlobte Paar aus Gate 16. Ich wünsche ihnen ein glückliches Leben. Dieser Hund hat uns alle gerettet. Der Friede beginnt in uns!“

Kapitel 1

Du und ich: Wir sind eins. Ich kann dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen. Mahatma Gandhi

Einige Jahre zuvor in Notting Hill, London

Wieder ging ein wunderbares, malerisches Wochenende in Notting Hill zu Ende. Die beiden liebten sich tief und sehnsüchtig. Ein unsichtbares Band zwischen ihnen war vor längerer Zeit entstanden. Sie waren einander verfallen und konnten ihre Gefühle kaum in Worte fassen. Als wären sie füreinander bestimmt. Manchmal konnten sie ihr Glück kaum begreifen. Es fühlte sich für beide vollkommen an. Wie ein formvollendetes Mosaik, ein fertiges Kunstwerk. Nun verstanden sie die Liebesromane und Filme, die sie beide schon in ihrer jeweiligen Jugendzeit so sehr gemocht hatten, noch intensiver – auf einer erwachseneren und tieferen Ebene. Nun erlebten sie ihre eigene sinnliche Geschichte hautnah. Es waren keine Bücher mehr, keine Erzählungen oder Filme. Es war ihre gemeinsame Geschichte. Ihr gemeinsames Buch. Ihr gemeinsamer Liebesrausch. Die zauberhafte Liebesgeschichte von Rosamund – Rose – Harper und Raphael Jaron Rosengarten im edlen London.

Rose stand in der Dusche und wusch sich ihre langen honigblonden Haare, die bis zu ihrer Brust reichten. Reine Natur – keine Haartönung – und weich wie Seide. Sie wusste, dass Raphael dies an ihr liebte. Raphael betrat das große Badezimmer mit den hohen Wänden und beobachtete sie dabei, wie sie ihren Körper und ihre Haare pflegte. Ihr Herz schlug vor Freude schneller, denn sie spürte, dass er im Raum war. Mit geschlossenen Augen und einem Lächeln, das sie nicht verstecken konnte, genoss sie diese Situation und spürte ihn ganz nah bei sich. Sie wusste, dass auch er sie genoss, und dieses Wissen erfreute sie. Ihre Seele sehnte sich nach ihm. Langsam und feminin bewegte sie sich unter dem Wasserstrahl. Sie wollte ihm gefallen, ihm ein schönes Bild schenken mit ihrer sonnenverwöhnten feinen Haut.

„Die eleganten Linien“, flüsterte er leise, denn genau so hatte er Roses Figur in ihrer ersten gemeinsamen Nacht zärtlich genannt. Ihre Augen waren immer noch geschlossen, obwohl sie seine Stimme vernommen hatte. Es gehörte zu ihrem gemeinsamen Spiel. Weißer, duftender Schaum lief über ihren Körper – jede Dusche war für sie ein sinnliches Erlebnis. Das Badezimmer war in einen Duft aus Lavendel und Rosen gehüllt. Blütendüfte liebte sie seit ihrer Kindheit. Mit geschlossenen Augen stellte Rose die Temperatur auf kalt. Ihre Haut zog sich zusammen. Sie riss ihre Augen auf und blickte Raphael, der vor ihr stand, direkt in die Augen.

„Ich beobachte dich wie ein Künstler sein Kunstwerk. Du schönes Gemälde. Du schöne Violine“, flüsterte Raphael. Ihr Herzschlag beschleunigte sich vor Freude erneut. Sie lächelte sanft. „Du blühende Amaryllis!“, hauchte er und zog seinen cremefarbenen, seidigen Bademantel aus, ohne dass sie dabei ihren tiefen Augenkontakt verloren, und legte ihn einladend auf das dunkelbraune Holzregal, welches er einst von einer Afrika-Expedition zuerst mit nach New York und dann mit in sein Haus nach London gebracht hatte.

Er öffnete vorsichtig die Glastür und stellte sich zu ihr unter die Dusche. Rasch zog sie ihn zu sich heran und drehte den Hahn schlagartig auf Heiß, denn sie wusste, dass er heißes Wasser liebte. Er nahm sie sanft in seine Arme und sie fingen an, sich liebevoll zu küssen. Sie hielten sich fest umschlungen, wie wertvolle Schätze. Als wollten sie sich nie mehr wieder loslassen. Sie spürte sein Herz, er das ihre. Sie liebte dieses angenehme Gefühl, welches sie schon in ihrer allerersten Nacht mit ihm erlebt hatte. Seinen betörenden Körper, seine wohlgeformten Hände, seine lebendigen Lippen. Seine gepflegte Haut und seinen natürlichen, weltmännisch edlen Duft. Die feine Art, wie er sie küsste, ließ sie schweben. Schweben wie eine Möwe, die frei über den Canal Grande in der Hafenstadt Venedig segelte. Seine wolkenlosen klaren Augen, seine mondänen und gleichzeitig natürlich wilden Haare – alles, sie liebte alles an ihm. Den anregenden Geschmack seines Körpers und den einzigartigen Duft seiner Haut. Sie hielt ihn fest umschlossen. Das Wasser glitt über ihre Körper und bildete eine Art Springbrunnen. Ein Springbrunnen wie jener, der in seinem Rosengarten stand. Auf den sich im Frühjahr die Vögel setzten und ihnen in der Früh ein Ständchen sangen. Sie spürte seine langsamen, behutsamen Liebkosungen an ihrem Körper, an jeder Stelle ihres Wesens. Ihre Haut glühte. Sie spürte ihn auf eine tiefe und sinnliche Weise und küsste ihn tiefer und leidenschaftlicher. Sein Körper versetzte sie in einen fliegenden Zustand. Rose stellte sich auf ihre Zehenspitzen und drückte sich, so fest es ging, an ihn. An seinen Körper. ‚An meinen‘, dachte sie sich. ‚Dieser Körper gehört mir. Raphael gehört mir. Er ist mein und wird es immer sein. Für immer und ewig Raphael.‘

Der Wecker klingelte. Sie erwachten. Ein neuer Tag in Notting Hill war angebrochen. Sie schaltete ihn auf Wiederholung und drehte sich schlaftrunken wieder zu Raphael. Er zog sie behutsam zu sich heran. Sie küssten sich und schauten sich dabei in die Augen. „Guten Morgen. Schalom, beautiful Rose“, sagte er zu ihr und lächelte dabei. Sie lächelte zurück und hauchte mit einem französisch-amerikanischen Akzent: „Bonjour, Schalom, mein Sonnengott!“

Raphael war ein liberaler Jude, der sehr amerikanisch lebte, aber gewisse jüdische Traditionen in seinen Alltag integrierte. Rose war fasziniert davon und fand es herrlich aufregend. Es waren Kleinigkeiten wie Sprichwörter, Angewohnheiten oder auch kleine Rituale. Wenn sie sich nach dem Abendessen zärtlich in den Armen hielten, las er ihr Gedichte und Erzählungen von jüdischen Dichtern und Schriftstellern vor. Das gehörte zu ihren Abendritualen, die sie sich gemeinsam in seinem Schlafzimmer bei Kerzenschein und angenehmer Klaviermusik gönnten. Sie lauschte dabei seinen Worten und stellte sich manchmal vor, wie er wohl als kleiner Junge gewesen war. Oder auch in seiner Jugend. ‚Was für Musik hörte er wohl, als er das erste Mal in ein Mädchen verliebt war, damals in der Schule?‘, fragte sie sich ab und an.

Rose schaute Raphael an. Sie mochte sein zerknittertes Gesicht kurz nach dem Aufwachen sehr. Ihm gefiel ihr ungekämmtes Haar, das an eine zärtliche Nacht voller Liebe erinnerte und nach wilden Rosen duftete, das war ihr bewusst und damit spielte sie gerne. Sie waren durstig nacheinander. Sie küssten sich zärtlich. Ihr Herz schlug schneller. Wenn sie sich liebten, hielt sie sein Herz und er hielt ihres. Sie waren so tief miteinander verbunden. Durch ihren Kopf schwirrten Farben, Klänge und das Rauschen eines Meeres – gemischt mit dem Gezwitscher der Vögel in seinem Garten. Ihre Augen waren geschlossen. Rose drückte sich stärker an ihn. Spürte seine charmante Leidenschaft und fühlte seine Haut an ihrer. ‚Es fühlt sich an wie ein Sommergewitter‘, dachte Rose. Sie spürte ihn auf eine anmutige Weise an ihrem ganzen Körper.

Sie atmete tief aus und blickte ihm in seine blauen Augen und spürte ihr Herz pochen. Es pochte gegen ihre Rippen. Ihr Körper vibrierte und verband sich so mit dem seinen, als wären sie ein einziger Organismus. Verschmolzen in der Ewigkeit. Sie küssten sich sinnlicher und tiefer. Sie spürte seine weichen Lippen an ihrem ganzen Körper – als wolle er direkt in ihr Herz eindringen. Sie spürte seine liebevollen Küsse an ihrem Hals. Zärtlich küsste er das Goldkreuz, welches sie immerzu um ihren Hals trug. Sie liebten sich zärtlich und leidenschaftlich auf einer Ebene tiefer Verbundenheit. Sie fühlte sich wie auf einem Schiff auf hoher See. Die Wellen brachen über das Schiff herein und die Sonne strahlte und brannte. Als sie sein tiefes Ausatmen vernahm, dachte sie – und gewiss auch er – an seinen barocken Springbrunnen im Garten. Die Vögel zwitscherten. Sie strich über seinen Brustkorb, inhalierte seinen kultivierten Duft, der sie in höchstem Grade anregte, und deckte sich und ihn mit der großen, leichten dunkelblauen Decke zu. Rose empfand wie am ersten gemeinsamen Morgen, damals in seinem Haus in New York.

‚Was bin ich nur für eine glückliche Frau‘, dachte sie sich – und in diesem Augenblick ertönte das erneute Rasseln des Weckers. Sie blinzelte Raphael an. Er küsste ihre Stirn und sagte mit seinem Ostküstenakzent: „Ich habe so gut geschlafen.“ Und drehte sie wie einen Kreisel um ihre eigene Achse, stieg aus dem Bett und riss die Balkontür auf. „Schau, die Vögel am Brunnen.“

Sie sah vom Bett aus zu ihm hinüber und lächelte glückselig. Wie er den Brunnen und den Garten betrachtete und studierte. Sie liebte seinen Körper und die Art, wie er sich bewegte und die Welt studierte.

‚Ein wohlgewachsener und wohlgebildeter Mann‘, dachte sie sich. Ein Mann, der alles detailgenau inspizierte und beobachtete. Raphael wollte wissen, was sich dahinter verbarg. Hinter allem. Dieser durchdringende und einnehmende Blick war es, was sie bei ihrer allerersten Begegnung in London so faszinierend gefunden hatte. Sie nannte ihn Raphaelblick. Sie liebte seine Haare, die in gesunden Wellen, wie ein rauschendes Meer, bis zu seinen Ohren wuchsen. Seine Augenbrauen waren dunkel und mächtig und wuchsen wild über seinem dunklen Wimpernkranz. Seine Nase erinnerte an eine antike Statue, stolz und aufrecht stand er am Balkon. Seine Lippen waren die Lippen eines sinnlichen und erfahrenen Mannes. Weich und tiefrot. Sein Wesen und seine Erscheinung erinnerten sie an Helios, den Sonnengott. So nannte sie ihn seit ihrer ersten Begegnung. Ein kräftiger und sinnlicher Körper zugleich. So war auch sein Wesen. Sinnlich und kraftvoll. Sie liebte ihn mehr als sich selbst.

Raphael drehte sich zu ihr. Seine Blicke und die Sonnenstrahlen spürte sie auf ihrem Körper. Er öffnete die Balkontür und verließ das Schlafzimmer. Sie beobachtete seinen Gang, bis er für sie nicht mehr sichtbar war.

So wie sie für ihn empfand, empfand er für sie. Er blickte auf seinen Garten hinaus und dachte an die letzte Nacht. An das glückliche Gefühl, das er hatte, wenn er mit ihr zusammen war, sie in den Armen hielt und sie küssen durfte. In seinen Beschreibungen war sie immerzu zart, aber auch gleichzeitig stark und feminin. „Eine Augenweide. Ein Frühjahrsgedicht“, sagte er leise vor sich hin. Er versank tiefer in seinen Gedanken. Wann immer er Gedanken fassen wollte, musste er sie aussprechen. Leise fing er an in Richtung des Rosenstrauchs an der Hauswand zu sprechen: „Rose, ich kenne so viele Facetten an dir. Ich weiß nicht, ob ich dich jemals fangen und begreifen kann. Wenngleich wir eine so tiefe Verbundenheit haben und Seelenverwandte sind, erinnerst du mich an ein junges Mädchen und gleichzeitig wieder an eine gereifte Frau mit langer Lebenserfahrung. Ich liebe dich. Du bist noch eine junge Blüte. Blütenjung. Blutjung. Du hast noch nicht viel gesehen von dieser Welt. Du bist keine Frau mit langer Lebenserfahrung. Uns trennen Jahrzehnte.“ Plötzlich überkam ihn eine tiefe Angst. Er atmete tief ein und ging wieder zurück in die Richtung seines Schlafzimmers. Er blickte noch einmal zurück auf den Rosenstrauch und verließ dann den Balkon.

Rose machte ihre morgendlichen Beinbewegungen auf dem großen Bett mit dunkelblauer Satinbettwäsche und schaute dabei lächelnd zu Raphael, der ins Schlafzimmer zurückkehrte. Sie spürte, dass er mit schattigen Gedanken beschäftigt war, und wollte ihn aufheitern. „Schau, kannst du das auch?“, fragte sie ihn und lachte aus vollem Herzen. Er betrachtete ihren Körper. „Nein. Das kann nur Rose. Mit ihren wohlgeformten Beinen und feinen Füßen“, antwortete er und lächelte liebevoll zurück.

„Du wirkst heute so fidel und jung!“, flüsterte er in ihre Richtung und lächelte sanft dabei. Sie lächelte zurück.

Er ging zurück auf seinen Balkon und atmete tief ein und aus. Traurig betrachtete er den Rosenstrauch und fragte ihn mit ernster Miene: „Soll ich diese Liebe beenden? Diesem fidelen Spiel mit Rose ein Ende setzen? Noch an diesem Tag? Sie liebt mich und ich liebe sie, aber ich habe bereits meinen Rucksack des Lebens an und trage meine Vergangenheit mit mir. Jeden Tag. Jede Nacht. Jede Stunde. Jede Minute und jede einzelne Sekunde. Wir können unsere Vergangenheit nicht einfach löschen – wie eine Nachricht oder einen Tafelaufschrieb in der Schule. Die Vergangenheit gehört zu uns und prägt uns. Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Realität. Geschaffen durch die Erlebnisse.“ Er schaute zur Schlafzimmertür. „Ich muss die Verantwortung übernehmen“, flüsterte er leise, „sie ist noch so jung. Eine zarte Rose. Jeder Mensch hat sein Päckchen.“ Mit einem unguten Gefühl kehrte er zurück ins Schlafzimmer.

Rose beobachtete, wie er zurückkam, stieg freudestrahlend aus dem Bett, ohne den Blickkontakt zu ihm zu verlieren, bewegte sich auf ihn zu und stand nackt vor ihm und schaute ihm direkt in die Augen. „Ich bin die glücklichste Frau auf dieser Welt“, sagte sie in diesem Moment, um seinen schattigen Blick zu erhellen. „Ich liebe dich, Raphael. Die Sonne scheint für alle umsonst. Ich mache mir einen Kaffee. Willst du einen Tee?“, fragte sie und küsste ihn auf den Mund. Er atmete ihren Atem tief ein und drückte sie zärtlich an sich. Ihre Düfte vermischten sich ein weiteres Mal. Rose stellte sich auf ihre Zehenspitzen und drehte sich wie eine Balletttänzerin um ihre Achse. Sie lief in Richtung Küche.

„Nein, danke. Ich gehe nachher frühstücken. Zu Paul. Ich brauche einen frisch gepressten Orangensaft und ein Croissant mit einer französischen Schokolade. Eine Stärkung française“, antwortete er.

Sie rief aus der Küche: „Eine sehr gute Idee. Es ist wirklich schade, dass ich zur Universität muss. Ich würde gerne mitkommen. Mon Dieu, ich liebe diese Schokolade. Für diese französische Schokolade würde ich sterben.“ Rose bereitete sich einen Kaffee zu. „Heute Abend habe ich übrigens ein Essen mit diesem Kunstagenten. Ich schlafe dann bei mir zu Hause. Es könnte vielleicht spät werden“, sagte sie, während sie mit einer Kaffeetasse in der Hand und noch immer nackt zurück in sein Schlafzimmer kam. Raphael stand an der Balkontür. Er hatte sich keinen Zentimeter bewegt und schaute auf den Brunnen im Garten. Sie spürte ihn, obwohl er sie nicht anschaute.

Rose setzte sich auf den Rand des Bettes und nahm einen Schluck frischen Kaffee. „Die Vögel finden wieder zurück nach dem Winter“, sagte er und drehte sich zu ihr um. „Sie finden den Weg ohne Navigationssystem. Jetzt sitzen sie hier bei mir auf dem Brunnen. Waren den ganzen Winter über fort. Nun beginnt ein neues Leben für sie. Sie mussten hinaus, um überleben zu können. Alleine auf sich gestellt. Wären sie hier geblieben, hätten sie den Winter nicht überlebt. Manchmal muss man hinaus in die Welt, um zu überleben. Alleine und nur auf sich gestellt. Letzten Endes sind wir auch alleine. Wir kommen alleine zur Welt und gehen alleine. Denn unsere Tage sind gezählt. In China sagt man: Besser auf neuen Wegen etwas stolpern als in alten Pfaden auf der Stelle zu treten.“

Als Raphael den letzten Satz aussprach, verschluckte sich Rose an ihrem Kaffee und musste laut husten. Raphael schaute sie an.

„Ach, Rose. Hast du einen zu großen Schluck genommen?“, fragte er wie ein besorgter Vater. Rose hustete weiter und antwortete röchelnd mit erhitztem Gesicht:„Ja. Statistisch gesehen sterben mehr Menschen am Verschlucken von Lebensmitteln als an terroristischen Anschlägen!“ Er lachte und sagte: „Du und deine Statistiken. Heute wird nicht gestorben. Heute beginnt für dich ein neues Leben, du schöne Rose!“

Rose lachte zu ihm rüber und schüttelte den Kopf. Ihre Haare fielen auf ihre Schultern. Rose wippte mit ihrem rechten Bein, das sie über das linke geschlagen hatte. „Ein neues Leben? Du meinst wegen des Abendessens heute?“ Rose lächelte zu ihm hinüber. ‚Wenn das Essen gut verläuft, wäre ich durch diese Chance noch schöner für Raphael‘, dachte sie euphorisch, ‚dann wird er mich noch mehr lieben!‘

Aber er antwortete nicht. Rose stand auf und sagte: „Ich gehe unter die Dusche. Mein Kurs beginnt in einer Stunde.“ Sie schenkte ihm ein Lächeln, drehte sich um ihre Achse und spazierte geschmeidig aus dem Schlafzimmer.

„Was für ein herrlicher Tag!“, flüsterte sie leise vor sich hin und spürte seine Blicke auf ihrem Körper. ‚Dieser Tag wird mein Leben verändern‘, dachte sie hoffnungsvoll. „Ich freue mich auf die Wochen am Meer mit dir, Raphael! Das Meer, du und ich. Es wird ein wunderbarer Sommer mit dir werden“, flüsterte sie verheißungsvoll in sich hinein.

Raphael beobachtete, wie Rose das Schlafzimmer verließ, und flüsterte: „Dieser unbeschwerte Gang, diese eleganten Linien, diese edlen Haare, dieser feine und zarte Rücken und die femininen Beine. Diese begehrenswerten Füße. Du schöne Rose!“

Er atmete tief ein. Schmerzverzerrt schaute er ihr nach. Tränen stiegen ihm in die Augen. „Goodbye, lustige Rose! Schalom!“, flüsterte er und seufzte schweren Herzens leise weiter, „ich werde dich nie wieder im Leben aus meinem Schlafzimmer gehen sehen. Was für ein furchtbarer Tag!“

Kapitel 2

Trennung ist für die Liebe wie der Wind für die Flamme: Kleine Liebe löscht sie aus, große bläst sie noch stärker auf. - Russisches Sprichwort

Rose fuhr mit ihrem Fahrrad beglückt und freudestrahlend die Bayswater Road entlang. Heute würden sie im Hyde Park Licht und Schattenphänomene fotografieren. Licht und Schatten in der Natur – so lautete der Titel des heutigen Kurses. Rose war aufgeregt und freute sich auf diesen Tag. Ihre Nikon hatte sie in ihrem Rucksack. Rose hatte eine Vorliebe für Kameras. Besonders ihre eigenen liebte sie sehr. Ihre allererste hatte sie als junges Mädchen bekommen. Diese analoge Kamera war feuerrot und sie war ihr Ein und Alles. Ihr Vater war es, der ihr schon in ihrer Kindheit gezeigt hatte, wie das Fotografieren funktionierte. In Tierparks und auf verschiedensten Reisen zeigte er Rose sehr geduldig, was man beim Fotografieren beachten musste. Licht und Schatten, Motivauswahl, Perspektive und das Abwarten auf den richtigen Moment. Diese eindrucksvollen Momente hatte sie nie vergessen. „Gebrauche erst deinen Verstand und dann den Auslöser der Kamera! Nimm dir Zeit dafür“, hatte ihr Vater immerzu gesagt und dann anschließend das jüdische Sprichwort erwähnt: „Und gebrauche erst deinen Verstand und dann die Zunge!“ Eine gute Erziehung war ihm und Roses Mutter sehr wichtig. Jüdische Sprichwörter und Redewendungen gehörten in ihrer Familie zum Alltag, denn viele Freunde ihrer Vorfahren waren jüdische Auswanderer, die Europa den Rücken gekehrt hatten, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Die meisten hatten sich in New York und New Jersey niedergelassen. Auch Raphael war ein Nachfahre von jüdischen Auswanderern, die Europa vor langer Zeit Lebewohl gesagt hatten.

Roses Vater war, neben Roses Mutter und ihren Großvätern, ein großes Vorbild für sie. Obwohl er in der Finanzenwelt zu Hause und ein leidenschaftlicher Angler und Jäger war, hielt sie ihn für einen feinen und ästhetischen Geist mit kreativer Ader. Er lebte minimalistisch und schätzte das Geld auf der Bank. „Ohne Geld gibt es keine Welt.“ Diese jüdische Weisheit war im Hause der Harpers allgegenwärtig. Sie waren keine Juden, sondern Christen. Die Vorfahren der Familie waren mit dem Schiff von Hamburg nach Amerika ausgewandert und stammten ursprünglich aus Süddeutschland. Und nun war sie, Rosamund Harper, wieder in Europa. Wo ihre Familiengeschichte vor Jahrhunderten begonnen hatte.

Rose erreichte den Hyde Park. Die Sonne schimmerte durch die Äste der Bäume und verwandelte den Park in ein einziges Lichtspiel. Der Himmel war blau. Der Hyde Park grün. Es duftete nach Frühling. Rose schloss für einen kurzen Augenblick die Augen und inhalierte den Duft der Natur. Der Fahrtwind ließ ihre Haare wehen und ihre helle, luftige Bluse flattern. Sie fühlte sich großartig. Geliebt. Raphael war ihre große Liebe. Rose wollte für immer mit ihm sein. Mit ihm alt werden. Ihm täglich sagen, dass sie ihn begehrte. Dass sie seine Husky-Augen anbetete. Seit ihrer Kindheit waren Huskys ihre Lieblingstiere gewesen. War das reiner Zufall? Gab es Zufälle? Dies fragte sich Rose sehr häufig. Rose spürte Raphael noch an ihr. Noch in ihr. Sein natürlicher Duft war an ihrer Kleidung und an ihrem Hals. Sie atmete diesen Duft tief ein und schloss für einen kurzen Moment noch einmal ihre Augen. Beflügelt und beschwingt und in Gedanken versunken fuhr Rose durch London. ‚Mein London‘, dachte sie. ‚Das London von Raphael und Rosamund‘. Sie hatte nun die Mitte des Hyde Parks erreicht.

„Hey Rose“. Ein Kommilitone kam um die Ecke mit seinem Fahrrad. Sie wachte aus ihren Träumen auf und grüßte ihn: „Hey Alex!“ Er freute sich wahnsinnig, sie zu sehen, und sie freute sich auch. Er war gerne in ihrer Nähe. Obwohl er von Raphael wusste. Wer wusste nicht von Raphael? Sie erzählte so gerne von ihm. Von seinen brillanten Gedanken. Was sie von ihm bereits nach kürzester Zeit übernommen und gelernt hatte. Von seinem spannenden Leben. Wie sehr sie ihn liebte. Wie leidenschaftlich er kochte. Welche erlesenen Teesorten er trank. Dass er keinen Kaffee mochte. Wie er sich auf seine großen Reisen und Expeditionen vorbereitete und seine Jeans trug. Welche Zigarettenmarke er rauchte. Wie er als liberaler Jude seine Traditionen in den modernen Alltag integrierte. Wo er sein Frühstück einnahm. In welchen Ländern er bereits gelebt und als großartiger Architekt gearbeitet hatte. Welche Kunst er schätzte. Welche Bilderrahmen er sammelte. Dass er Wildbraten liebte, besonders Hirsch – und wie gut er sein Saxofon beherrschte.

Es schien so, als hätte Rose keine anderen Gedanken, kein anderes Thema mehr. Raphael war ihr Thema. Jeden Tag. Jede Stunde. Jede Minute und jede einzelne Sekunde. Wenn sie nicht bei ihm sein konnte, war sie in Gedanken bei ihm. Tagein, tagaus. Er war ihr König. Sie liebte und verehrte ihn mit jedem Teil ihres Körpers. Sie hatte sein einzigartiges Gesicht und seinen wunderbaren Körper täglich studiert und hätte ihn detailgenau zeichnen oder malen können. Sie kannte jeden einzelnen Leberflecken und jedes noch so kleine Muttermal an seinem Körper. Wie eine Landkarte hatte sie ihn studiert, ihn wie eine Naturforscherin erforscht. Ihn, den Mann ihrer tiefen Träume und Sehnsüchte. Sie schätzte seine Reife und liebte es, dass er ihr, wann immer sie zusammen waren, seine ganze Aufmerksamkeit schenkte, ihre Gefühle respektierte und achtete. Roses Ziele und Träume genau kannte und sie in der Umsetzung unterstützte. Er behandelte sie wertschätzend und nahm jeden ihrer Gedanken ernst. Er liebte sie bedingungslos und half ihr, wann immer er konnte. Rose fühlte sich ihm so nah wie keinem anderen Menschen je zuvor. Sie hatten sich beide fallen lassen, ohne zu wissen, was die Zukunft bringen würde. Sie hatten sich geöffnet und sich dadurch verletzbar gemacht. Ohne Schutzmauer hatten sich Raphael und Rose kennen- und lieben gelernt. Auf einer tiefen und kosmologischen Ebene. Das alles blieb aber ihr und sein Geheimnis. Darüber sprach sie mit niemandem. Niemals hätte sie seine Gefühle verletzen wollen. Sie trugen jeweils das Herz des anderen behutsam auf den Händen. Raphael und Rose waren auf eine Weise miteinander verbunden, die man nicht in Worte fassen konnte.

Rose und Alex stiegen von ihren Fahrrädern. „Hast du heute Abend das Essen mit dem Kunstagenten, Rose?“

„Ja. Ich treffe mich mit ihm in Notting Hill. Portobello Road. Bei mir um die Ecke.“

„Bist du aufgeregt?“

„Ja. Ein bisschen. Ich will bei ihm unter Vertrag kommen.“ Rose nahm ihr Mobiltelefon aus dem Rucksack. Keine Nachricht von ihm. Normalerweise schrieb Raphael ihr sofort, wenn sie das Haus verlassen hatte. Sie tippte eine Nachricht:

Raphael. Es war wunderbar. Ich vermisse dich jetzt schon. Ich wünsche dir einen schönen Tag. Xxx Rose.

Dann ging sie zu den anderen des Kurses.

„Ist etwas nicht in Ordnung, Rose?“ Alex schaute sie fragend an.

„Nein, nein. Alles ist gut.“ Ihr Mobiltelefon verkündete den Eingang einer Nachricht. Sie freute sich, denn sie wusste, dass es Raphael sein würde, und startete beruhigt mit den anderen den Kurs. Ihr Lächeln war zurück. ‚Warum hatte ich mir eben Sorgen gemacht‘, fragte sie sich. ‚Es war so eine intensive und bezaubernde Nacht!‘

In der Mittagspause nahm sie ihr Mobiltelefon aus dem Rucksack, schaute nach und las: Hey Rose. Das wünsche ich Dir auch. Xx Raphael.

Eine Nachricht von ihm ging direkt in ihr Herz. Rose errötete, als sie an die letzte Nacht dachte. Gedanklich spielte sie noch einmal die Nacht und das Wochenende mit Raphael durch.

„Rose, willst du auch einen Keks?“ Rose wachte wieder aus ihren Tagträumen auf. Ihre Kommilitonin Christy hielt ihr einen Schokokeks unter die Nase. „Ich habe sie selbst gebacken.“

Rose lächelte Christy an: „Danke. Das ist so aufmerksam von dir.“

„Wie war es mit Raphael?“, fragte Christy.

„Ich fühle mich wie in einem Roman. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich in ihn verliebt bin. Er ist die Liebe meines Lebens. Ich schreibe gerade eine Liebesgeschichte. Sie handelt von zwei Menschen, die sich sehr begehren. Sie leben in einem Zelt am Südpol. Sie wollten ursprünglich nur eine Expedition machen und sind einfach dort geblieben. Nur die beiden. In einem Zelt inmitten von Eis und Schnee und reiner Natur. Es sind zwei Aussteiger. Zwei Seelen, die sich gefunden haben.“ Rose lächelte Christy an.

„Eine Autobiografie der Zukunft?“, lachte Christy.

„Ein Thriller? Denn eines Tages werden sie von hungrigen Tieren aufgefressen?“, scherzte Alex.

„Ich hoffe nicht“, entgegnete Rose.

„Wie geht es aus? Bleiben sie für immer dort am Südpol?“, fragte Christy.

„Ja. Die beiden begehren sich. Und wollen den ganzen Tag zusammen sein und sich intensiv kennenlernen. Es ist nicht einfach, aber sie lieben sich bedingungslos, und auf eine sehr tiefe Weise sind sie miteinander verbunden. Eine Seelenverwandtschaft.“

„Und keiner macht Fehler? Nur erfüllte Liebe? Und nichts passiert? Wie langweilig. Ohne Dramatik wird sich das Buch nicht verkaufen lassen. Außerdem ist das sehr unrealistisch. Meine Großmutter in Stratford-upon-Avon sagt immer: Eine gute Beziehung bedeutet Arbeit. Nur zwei starke und unabhängige Partner können ein Leben lang glücklich zusammenleben. Aber wie soll man so einsam am Südpol unabhängig voneinander sein?“, stichelte Alex liebevoll weiter.

„Es ist die Abhängigkeit, die diese Liebe so intensiv werden lässt. Die beiden sind sich leidenschaftlich ausgeliefert“, flüsterte Rose. Die drei lachten sich an und Rose dachte an Raphael. Sie wurde unruhig.

„Vermutlich würde ich es lesen!“, sagte Alex und schaute Rose in die Augen.

Es war früher Abend geworden. Der Kurs im Hyde Park war zu Ende. Die Architekturstudentinnen und -studenten machten sich auf den Heimweg. Rose fuhr mit ihrem Fahrrad zurück über die Bayswater Road in Richtung Portobello Road. Setzte sich in das Café, in dem sie später den Kunstagenten Michael Cunningham treffen würde, und rief Raphael an. Er nahm das Gespräch nicht an. ‚Vielleicht ist er im Gym‘, dachte sie sich. Sie bestellte ein großes Glas Wasser mit Zitrone. Ihre Hand suchte das kleine braune Buch in ihrem Rucksack und zog es heraus. Rose öffnete das Buch, in dem sie Gedanken und Gefühle gerne festhielt, und begann zu zeichnen.

Wann würde sie Raphael ihrer Familie vorstellen? Wann würden sie so weit sein, den nächsten Schritt zu gehen?, fragte sie sich. Rose war nun zwanzig Jahre alt und fühlte sich bereit für eine erwachsene Beziehung. Bereit für das Leben. Sie lebte ein unabhängiges Leben – weit entfernt von der Heimat. Von ihrer Familie. Weit entfernt von dem Leben in New Jersey. Rose war nun in London. Sie liebte New Jersey, aber London war ihr Zuhause geworden. Raphael war ihr Zuhause geworden. New Jersey würde immer ihre Heimat bleiben, aber London und Raphael waren nun ihr Leben. Sie erinnerte sich an ein Gespräch mit Raphael. Er hatte sie an ihrem ersten gemeinsamen Tag gefragt: „Was ist für dich Heimat?“, und sie hatte ihm geantwortet: „Heimat, ist da, wo meine Wurzeln begonnen haben zu wachsen. Es ist nicht unbedingt an einen Ort gebunden. Eher an Menschen, es kann aber auch in einem drin sein. Wie bei einer Karotte. Man sieht die Wurzeln nicht, wenn die Karotte noch in der Erde steckt. Es ist eher ein Gefühl. Heimat ist ein Gefühl.“ Er hatte daraufhin nichts geantwortet.

Raphael hatte New York, kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten, verlassen und war nun auch in London. ‚Zwei Amerikaner in Great Britain‘, dachte sich Rose vergnügt. Es war für sie eine kostbare Zeit. Raphael behielt sein Haus in New York zwar noch – denn er hatte über drei Etagen eine Kunstsammlung in seinem Haus eingerichtet, die er nicht mit nach London bringen wollte, aber seinen Lebensmittelpunkt verlagerte er in die britische Hauptstadt. In sein neues Haus in Notting Hill, ein paar Straßen von ihrer Portobello Road entfernt. „Meine Kunstsammlung gehört in das Haus in New York. Ich will sie nicht entwurzeln. Wie eine Karotte, die man aus dem Boden zieht“, hatte er gesagt, als Rose ihn erstaunt fragte, warum er das Haus in New York behielt.

„Miss Harper?“

„Ja. Rose. Rose Harper.“

„Michael.“

„Guten Tag.“

„Guten Tag. Schön, dass es geklappt hat.“

„Darf ich mich setzen?“

„Natürlich!“, sagte Rose. Plötzlich überkam sie eine Art Nervosität. Michael Cunningham vertrat momentan die Newcomer der Kunstszene in London. Rose wollte unbedingt von ihm unter Vertrag genommen werden.

„Erzählen Sie! Warum sollte ich Sie vertreten? Ihre Architekturfotografien hatten Sie mir ja geschickt. Die sind gut. Obwohl ich normalerweise keine Architekturstudenten vertrete, würde ich eventuell bei Ihrem Talent eine Ausnahme machen. Aber ich will jetzt etwas von Ihrer Persönlichkeit und ihrer Vision erfahren.“

Rose war etwas verwirrt und wusste nicht so genau, wie sie mit der Situation umgehen sollte. Sie fuhr sich durch die Haare und begann ruhig zu erzählen:„Mein Name ist Rose. Ich bin zwanzig Jahre alt und komme aus den USA und wohne nun in Notting Hill. Ich studiere Architektur, weil ich gerne Neues und Altes verbinde. Wenn ich ein altes Gebäude betrachte, dann kommen mir sofort viele Ideen, wie man es noch schöner und neu gestalten könnte, ohne dabei die Grundidee des Gebäudes zu verändern. Gebäude haben auch ein Herz und eine Seele. Man muss nur genau hinschauen und sich darauf einlassen. Außerdem liebe ich alte Gebäude und fotografiere sie gerne. Meine Arbeiten zeigen die Ästhetik einer Stadt. Die Ästhetik dieser Gebäude. Straßen, die wie ein Musikstück verlaufen. Licht und Schatten. Ja, die Schönheit einer Stadt möchte ich zeigen. Die Schönheit von Paris – die unterschiedlichen Architekturstile der verschiedenen Stadtteile, das ganze Flair, die Atmosphäre. Jede Stadt ist auf ihre einzigartige Weise schön, finde ich. Jede Stadt hat ihren speziellen Reiz. Selbst eine Kleinstadt, die niemand kennt, kann aus der richtigen Perspektive ein ästhetisches Erlebnis werden. Ich möchte die Schönheit zeigen in meinen Arbeiten, die Menschen gebaut und erschaffen haben. Das ist für mich die Musik der Architektur. Ja, und Kunst. Architekten sind Schöngeister.“

Michael Cunningham schaute Rose an und musterte sie.

„Ihre Fotografien von Paris sind gut. Deshalb bin ich hierhergekommen. Aber Sie, Sie sehen so jung aus. Als hätten Sie noch gar nicht gelebt. Erzählen Sie etwas von sich. Wer sind Sie?“

„Vielleicht eine junge Frau mit Träumen? Ich liebe das Schöne, die Kunst, die Oper, Musik, Architektur, die Renaissance, Michelangelo, Raffael, Tizian, Giorgio Vasari, Botticelli, Masaccio. Florenz, Venedig, ja, und Rom liebe ich auch. Ich besitze ungefähr zweihundert Bücher über italienische und europäische Kunstgeschichte und Künstler. Ein Tag ohne schöne Musik ist für mich ein verlorener Tag. Ein Tag ohne ein schönes Wort ist für mich ein verlorener Tag. Ein Tag ohne eine schöne Aussicht ist für mich ein verlorener Tag. Ich möchte keine verlorenen Tage, deshalb ziehe ich durch die Städte und fotografiere die schönsten Ecken und sauge diese Stimmungen auf“, antwortete Rose.

„Sie sind eine interessante Frau. Was war das Schlimmste, was Sie in Ihrem Leben ertragen mussten, Rose?“

„Warum wollen Sie so etwas wissen?“, stutzte sie etwas und gab ihm auf diese Frage keine Antwort.

„Hören Sie, Rose. Ich bin erst zweiunddreißig Jahre alt und möchte nicht wie ein alter Mann klingen. Verstehen Sie? Ich finde Ihre Bilder ausgezeichnet. Aber Sie müssen noch etwas erleben. Sie müssen vielleicht eine Europareise machen. Sie müssen fallen und wieder aufstehen. Sie müssen bereit sein, für die Kunst zu leiden. Die meisten Künstler können sich ihre Miete kaum leisten. Sie leiden für ihre Kunst. Es ist wie in einer Liebesbeziehung: auch dort gibt es wundervolle und furchtbare Zeiten. Wie im Leben eines Künstlers auch. Es gibt keine Sicherheit. Verstehen Sie?“ Er schaute sie durchdringend an. „Sie brauchen mehr Stoff. Verstehen Sie? Eine Europareise!“

„Als Kind habe ich schon einige Europareisen gemacht. Die Vorfahren meiner Eltern waren Europäer. Sie sind mit einem Schiff aus Hamburg nach Amerika aufgebrochen. Das waren mutige Menschen. Sie hatten nur ein paar Koffer bei sich. So wie ich, als ich mit nur einem Koffer alleine nach London gekommen war. Und nun bin ich hier in Europa, zurückgekehrt zu den Wurzeln meiner Vorfahren.“

„Interessant! Aber, ja, Stoff. Mehr Material. Sehen Sie, Rose, die meisten Künstler sind feige. Sie trauen sich nichts mehr. Sie kennen den Markt und lehnen sich zurück. Man darf sich auf seinem Talent nicht ausruhen. Viele denken: So funktioniert das, das ändere ich nicht mehr. Die Ideen gehen ihnen aus. Diese Künstler verlieren ihr Arbeitsethos. Angepasst und träge. Das ist nicht Kunst. Wenn Sie eine Ausstellung machen wollen, dann müssen Sie etwas erzählen. Schöne Bilder reichen nicht. Der Kunstsammler möchte wissen, was Sie denken, was Sie fühlen. Ich wette, dass Sie bisher noch nicht einmal verlassen wurden.“ Rose schaute Michael fassungslos an und war sprachlos. „Schau, Rose. Ich duze Sie jetzt einfach. Du bist zwanzig Jahre alt. Du bist begabt. Du bist eine leidenschaftliche Fotografin, das spürt man, wenn man deine Fotografien betrachtet. Ich glaube auch, dass du Erfolg haben wirst. Gerne auch mit meiner Agentur. Aber ich muss dich als Ganzes verkaufen. Du machst erst einmal deinen Abschluss. Dann meldest du dich wieder bei mir. Ich will, dass du reist. Dass du die Welt siehst. Es gibt weit mehr als nur London und die USA. Ich schätze deine Arbeit. Aber du bist noch nicht … noch nicht …“

„Was kann ich Ihnen bringen?“, unterbrach ihn der Kellner.

„Einen … einen … einen starken Kaffee.“

„Gerne“, antwortete der Kellner.

Michael Cunningham fuhr fort: „Rose. Du hast noch ein ganzes Leben vor dir. Reise! Fotografiere! Lass dir dein Herz brechen und gehe weiter. Mache Fehler und probiere dich aus! Du bist eine Erscheinung, Rose. Spiele damit! Komm zurück nach London und ich nehme dich unter Vertrag.“

Rose schaute ihn an, dachte nach und antwortete leicht gekränkt: „Gut. Ich verstehe. Herzlichen Dank für Ihre Offenheit!“ Sie trank ihr Wasser. Michael schaute sie an. Rose schaute in die Ferne. Der Kellner brachte den Kaffee.

„Danke. Ich würde auch gerne bezahlen“, sagte Michael und bezahlte sogleich. Er betrachtete ihre Lippen und ihre Augen. Rose schaute weiter ins Weite. Sie dachte an Raphael und an Michael Cunninghams Worte. „Das ist meine private Mobiltelefonnummer. Ruf mich an, wenn du dich erfahrener fühlst. Ich warte auf dich, Rose!“

Beide fühlten sich wie verändert. Das Treffen hatte beide gedanklich angestoßen. Wie Kugeln bei einem Billardspiel. Michael stand auf, nahm seine Jacke und verließ das Café. Er drehte sich noch einmal zu ihr um. Rose saß in Gedanken versunken auf ihrem Stuhl. Er drehte sich eine Zigarette und machte sich auf den Weg. Er dachte darüber nach, dass er aus Rose etwas machen könnte. Obgleich sie noch so jung und verletzlich wirkte. „Momentan würde man über sie herfallen wie die Löwen über eine Gazelle. Ich musste einfach so handeln.“

Michael Cunningham wollte sie vor der Kunstwelt in Schutz nehmen. Ihr Gesicht und ihre Figur erinnerten ihn an seine erste Freundin aus der Schulzeit – Natalia, ein russisches Mädchen in seiner Abschlussklasse. Auch deshalb hatte er Rose heute eine Absage erteilt. Er wollte sie beschützen. Auch wenn sie es noch nicht verstand.

„Wie wunderschön sie ist“, sagte er vor sich hin. „Glasklar und gleichzeitig so verletzlich. Wie eine zarte Blume. Wenn sie sich nicht meldet, werde ich es tun“, flüsterte er und zog an seiner Zigarette. Heute würde er anfangen, nach Natalia zu suchen. Er liebte sie noch immer. Das wurde ihm an diesem Abend durch die Begegnung mit Rose bewusst. „Danke, Rose!“, flüsterte er und lief schnellen Schrittes in Richtung Notting Hill Gate. Mit Natalia im Kopf und Natalia im Herzen. „Natalia, ich werde dich finden!“

Rose schob in sich gekehrt und leicht zerstreut ihr Fahrrad nach Hause. Sie dachte an einen weisen Spruch, den ihr Vater beinahe täglich im Munde führte: „Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler!“ ‚