Mandura - Die Anfänge I - Enn Bolda - E-Book

Mandura - Die Anfänge I E-Book

Enn Bolda

0,0

Beschreibung

Der Auftakt der Mandura-Saga: romantic fantasy in einer Welt gar nicht unähnlich der unseren. Inmitten undurchdringlicher Wälder lebt die junge Mara auf einer alten, baufälligen Burg. Ihre Eltern hat sie früh verloren und die Menschen in ihrer Umgebung, sogar ihre Freundin begegnen ihr zunehmend mit Misstrauen und Unverständnis. Und so hat Mara nicht wirklich etwas dagegen, dass die Nordländer, angeführt von Hauptmann Reik Domallen, die an einem der ersten schönen Frühlingstage die Burg erobern, sie mitnehmen. Die abenteuerliche, nicht ungefährliche Reise nach Mandura, in die ferne Heimat der Nordländer, erweist sich für Mara als große Chance auf ein besseres, selbstbestimmtes Leben und bietet ihr die Möglichkeit, sich selbst und ihre unglaublichen Fähigkeiten, die Magie, noch genauer kennenzulernen, zu erforschen und zu festigen. Doch haben die Manduraner in Mara tatsächlich die machtvolle Zauberin gefunden, die ihnen in dem drohenden Krieg den entscheidenden Vorteil bringt?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 478

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Enn Bolda

Mandura - Die Anfänge I

Mara I'Gènaija

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Im Winter

Karte der Nordlande

Ankunft

Jäger

Beute

Aufbruch

Dunkle Höhen

Zum Pass

In den Bergen

Dalgena

In Dalgena

Nordwärts

Nach Kirjat

Im Hause Remassey

Auf dem Weg

Kediri

Ankunft in Samala Elis

Der Tempel von Samala Elis

Leseprobe: Ein kleines Stück vom 'Winterkönig'

Impressum neobooks

Im Winter

In meinen Träumen suchen hünenhafte Kerle die Dörfer im Norden des Wildewaldes heim, brennen die Hütten nieder und erschlagen jene Bewohner, die dem Feuer entkommen. Die Barbaren tragen Hosen und Hemden aus Leder, darüber Kettenhemden. Ihre Pferde sind kolossal, mächtig, viel größer noch als die Pferde der Männer Ogarchas. Sie reiten die Menschen, die zu fliehen versuchen, einfach nieder, grölen, brüllen und schreien.

Sie tragen Helme, so dass ich ihre Gesichter nicht erkennen kann, hetzen mich durch den Wald. Doch so schnell ich auch laufe, ich kann ihnen nicht entrinnen. Die Kerle holen mich jedes Mal ein.

Das war zu Anfang des Winters und dem ersten Alptraum sollten noch viele weitere folgen. Seltsam, Mara erinnerte sich nicht, wie der Traum endete. Meist erwachte sie schreiend, mit wild klopfendem Herzen, schweißnass und zitternd. Doch sie durfte nicht schreien, egal, wie furchtbar, wie entsetzlich es war, wie weh es auch tat, sie durfte ni…

Tat es dennoch, schrie und schrie und konnte nicht aufhören, selbst wenn ihre Freundin Anella sie beruhigend im Arm hielt und zu trösten versuchte, die anderen Frauen sich erschrocken und neugierig in der Tür ihrer Schlafkammer drängten.

Der Winter auf Ogarcha war trübe, grau und nass, war erstickende Enge, muffig-modriger Geruch. Kein Raum, keine Möglichkeit, einmal einen Moment für sich zu sein. Mara sehnte sich nach dem Frühling, der Licht und Luft versprach, auch wenn dann … auch wenn es nichts gab, worauf sie sich freuen konnte. Anella würde Luca heiraten, und … Sie wollte den Gedanken nicht zu Ende verfolgen. Der Frühling, gar der Sommer waren noch so fern.

An einem besonders düsteren Tag – es dämmerte bereits, regnete ohne Unterlass – ertappte sie sich dabei, wie sie abwesend auf die Ruine des Nordturms starrte. Rasch blickte sie sich um, niemand beobachtete sie, und eilte über den von Pfützen und altem Laub übersäten Hof zum Eingang des verfallenen Gemäuers. Einst, vor vielen, vielen Jahren, Jahrzehnten, war Ogarcha tatsächlich eine Burg gewesen. Nicht nur eine Ansammlung heruntergekommener Gebäude um den wuchtigen Wohnturm herum, eingefasst von Holzpalisaden und, im Norden, der bröckelnden Tormauer. Lange, bevor eine Gruppe befreundeter, nah verwandter Händlerfamilien beschlossen hatte, hier ein neues Leben zu beginnen. Ihr Vater hatte ihr nie erklärt, warum diese Leute Ténégre und die Küste verlassen hatten.

Um sie herum nur Schutt und zerbrochene Möbel. Vorsichtig, denn das hölzerne Geländer schien morsch und brüchig, stieg sie die ausgetretenen Steinstufen zur Plattform hinauf. Schaute über den Wildewald. Graubraune, winterlich kahle Baumkronen bedeckten die Hügel, so weit sie blicken konnte, dicht an dicht die Stämme, endlos Gehölz in jede Richtung, schier undurchdringlich, da überreich an Unterholz. Bis hin zur Tameran-Kette weit im Norden, deren ferne Gipfel sie nicht einmal erahnen konnte.

Sie fröstelte, als eine Böe ihr den Regen in den Nacken trieb. Direkt vor ihr, unter ihr, lag der große, freie Platz zwischen Burg und Dorf. Ein kleines Dorf, vielleicht drei Dutzend Hütten und Häuschen, daran angelehnt windschiefe Schuppen, Werkstätten, niedrige Ställe, untereinander verbunden durch schlammige, von Buschwerk und Kraut überwucherte Wege, die zu den nahebei liegenden kleinen Feldern führten, auf denen die Dörfler Gemüse anbauten. Mara sah fünf Schweine auf einer feuchten Wiese linker Hand, eine Gruppe Kinder, die kreischend hinter einigen Hunden her jagten, eine gebeugte Gestalt, offenbar eine alte Frau, auf dem Weg am Waldsaum. Rechts von ihr verlor sich eine Schneise im Dunst zwischen den Stämmen, die Ahnung eines breiteren Pfades. Auf dem die Reiter herankommen würden.

Mara presste die Lippen zusammen, es war nur ein dummer Traum, ein Alptraum. Doch sie machte sich selbst etwas vor, sie wusste ganz genau, dass es passieren würde. Die fremden Reiter würden kommen, dessen war sie sich sicher.

Und auch wenn die ihr nicht glauben würden, sie musste zumindest Renzo oder Carlo, einem der Männer vom Rat – so nannten sie sich selbst –, von ihren Befürchtungen erzählen.

***

Vor ihnen erhoben sich die schneebedeckten Gipfel der Tameran-Kette. Üblicherweise übernahm Bro die Führung des Zuges, doch der hatte sich zurückfallen lassen und ritt nun schon eine Weile neben ihm. „Hast du dich gelangweilt? Oder traust du mir nicht zu, diese Sache allein durchzuziehen?“

Verhalten schüttelte Reik den Kopf. „Das sicher nicht. Ich halte es allerdings für eine gute Gelegenheit, mir einige deiner Männer genauer anzusehen.“

„Ah …“ Die Miene seines Onkels hellte sich, anders als der wolkenverhangene Himmel, auf. „Nachschub für die Garde.“

„Womöglich.“ Er nickte. „Zudem wollte ich dieses Unternehmen nicht allein dem Tempel überlassen.“

„Kein bloßer Unsinn für dich, nicht nur ein Haufen Hirngespinste?“

Sinnend schaute Reik über den ansteigenden Pfad, die Lider zum Schutz vor dem Schneeregen zusammengekniffen. „Ich nehme die Hohe Frau ernst. Und ihr ist die Sache offenbar wichtig.“

„Jup.“

„Nach was genau suchen wir überhaupt?“

„Ein Weib, bewandert in der Kunst der Magie und der Hexerei.“ Bros Lachen klang wie ein Bellen. „Soll sich mit einem Rudel Wölfe auf ’nem Turm vergnügen.“

Reik verzog das Gesicht. „Dafür brauchst du bald eine halbe Einheit?“

„Eh, Junge, die Wälder im Süden sind Grenzland, es ist nicht ganz ungefährlich dort.“

„Verstehe. Darum auch keine Uniformen.“

Bro grinste grimmig. „Wie gesagt, is’ Grenzland. Fühlst du dich ohne den blauen Fetzen etwa schutzlos und nackt?“

Reik lachte und trieb seinen Hengst an.

Karte der Nordlande

Ankunft

Die Frauen von Ogarcha, einer Burg im südlichen Wildewald, weilten gemeinsam am Waldrand, scherzten und lachten und pflückten Waldmeisterblätter, bevor die Sonne zu hoch stieg. Die Luft war mild, weich, unzählige kleine Blumen steckten vorwitzig ihre Blütenköpfe aus dem schon kräftigen Grün, es roch wunderbar.

Der Waldmeister war für eine besondere Überraschung am Abend gedacht. Die zerkleinerten jungen Blätter, mit kräftigem Wein angesetzt, würden ein schmackhaftes, erfrischendes und zugleich berauschendes Getränk ergeben.

Die Bewohner der umliegenden Dörfer und Weiler waren eingeladen, mit ihnen auf dem großen Platz vor dem Burgtor den Beginn des Frühlings zu feiern.

Auf der Burg bereiteten derweil die Köchinnen und Mägde die Speisen für das Fest vor.

Die Männer Ogarchas waren nördlich auf der Jagd nach Wachteln und Fasanen. Eine gute Gelegenheit, der muffigen Enge der Burg nach dem langen, trüben Winter zu entfliehen.

Mara wünschte, sie könnte es ihnen gleich tun oder besser noch bei einer richtigen Jagd dabei sein. Wenn die Hunde das Wild im dichten Unterholz aufstöbern und die ganze Meute und Männer und Pferde durch den Wald und über die Hügel hinter einem Rudel Rotwild her hetzen, es langsam einholen und umkreisen, sich auf die Tiere stürzen und ihnen mit langen Messern die Kehle durchschneiden, so dass das warme Blut über ihre Hände fließt und ihre Kleidung besudelt. Und die Leiber der Pferde dampfen in der kühlen Luft des Morgens, das ohrenbetäubende Jaulen und Bellen der Hunde übertönt alles andere, und die Männer lachen und klopfen sich gegenseitig auf den Rücken und umarmen sich, um sich zu ihrem großartigen Fang zu beglückwünschen.

Sie verstand nicht, warum die Frauen lachten, wenn sie von den Fremden redeten. Nordländer. Angeblich waren diese riesengroß und überfielen die Dörfer und Burgen weiter im Norden, so hatte ihr eine Alte aus dem Dorf erzählt. Wie die barbarischen Kerle in ihren Alpträumen.

Mara hatte Anella ein einziges Mal von den Träumen erzählt, aber die hatte sie nur ängstlich angesehen und abwehrend den Kopf geschüttelt. Und Renzo hatte ihr lediglich skeptisch zugehört, damals, zu Beginn des Winters.

Manchmal belauschte sie die Männer, wenn diese zu zweit oder in kleinen Gruppen über die Nordländer redeten. Sie klangen besorgt. Abends in der großen Halle waren sie mutiger, großspurig und zuversichtlich, doch dann konnten ihnen ja auch die Frauen zuhören. Die Männer sprachen nie mit den Frauen über ihre Sorgen, zumindest hörte sie davon nichts. Aber Mara hatte auch keinen Mann, obgleich Anella ihr ständig versicherte, der käme schon noch.

Anella war ihre Freundin und immer nett. Selbst die anderen Frauen waren nicht unfreundlich, sie sprachen nur kaum mit ihr und hielten Abstand. Vielleicht glaubten sie, Mara hätte einen schlechten Einfluss oder ihr Ruf könnte auf sie abfärben, so dass auch sie von den Männern ignoriert werden würden. Dabei ignorierten die Männer sie ja bereits, wenn auch anders, als die Frauen es befürchteten. Das störte die Frauen aber seltsamerweise nicht.

Wenn sie mit Anella darüber sprach, sagte die immer, Mara solle mit diesem Gerede aufhören, sie sei ja verrückt.

Die Packtaschen ihrer kleinen Pferde, die Pferde der Männer waren wesentlich größer, aber auch schwerer zu reiten, waren bis zum Rand gefüllt mit aromatisch duftenden Waldmeisterblättern, so dass sie nach Ogarcha zurückkehren konnten.

Vor der Burg herrschte reges Treiben. Stände und Buden wurden aufgebaut, Bänke und Tische, Kinder liefen zwischen den arbeitenden Erwachsenen herum und spielten ihre Spiele. Aus den umliegenden Dörfern war noch niemand eingetroffen, doch die Leute würden bald kommen; ein Fest war eine willkommene Abwechslung.

Die Männer waren noch nicht zurück.

Anella war beunruhigt, sie machte sich, wie so oft, Sorgen um ihren zukünftigen Ehemann. Mara zog sie hinter den Frauen her, die sich bereits für das Fest umzogen. Was Anella auf andere Gedanken brachte, sie liebte es, sich ständig andere Kleider anzuziehen und bewundern zu lassen.

Mara fand ihre Freundin wunderschön, klein und üppig, mit langen, dunklen Haaren. Ihr eigenes Haar hingegen sah aus, als ob Vögel darin genistet hätten, es kringelte sich in alle Richtungen und ließ sich selbst von Anellas geduldigem Können nur kurzzeitig in eine ordentliche Frisur verwandeln. Zudem war es rot.

Anella lachte oft über Maras Haar und meinte, es wäre sehr lebhaft und nicht so ernst wie der Rest von ihr. Aber sie war ja auch ihre Freundin, zudem kam Anellas frauliche Figur neben ihr noch viel besser zur Geltung; Mara war fast ebenso groß wie ein Mann. Und knabenhaft schlank, wie Anella es liebenswürdig umschrieb. Die Bemerkungen der anderen Frauen waren weniger nett.

Von draußen drangen lautes Rufen und Schreien herauf. Offensichtlich waren die Männer endlich von der Jagd zurück. Doch als Mara aus der Fensteröffnung sah, entsprach das Durcheinander im Hof so gar nicht dem Bild der fröhlichen Begrüßung einer erfolgreich heimgekehrten Jagdgesellschaft.

Menschen liefen aufgeregt im Innenhof herum oder kamen schreiend vom Vorplatz durch das große Tor gerannt, wobei sie die Kinder hinter sich her zerrten. Gleichzeitig mühten sich die Wachen, das Tor zu schließen, welches nach dem langen, nassen Winter aber verzogen war und klemmte. Die heimkehrenden Männer wirkten verängstigt, gänzlich verwirrt, schrien den Wachen Befehle zu, sich doch mit dem Tor zu beeilen.

Etwas war ganz und gar nicht in Ordnung, und mit einem Mal verspürte Mara Angst, lähmende, eiskalte Angst, dachte an ihre Träume und die fremden Reiter … Nordländer.

***

Es war falsch, völlig falsch, so unnötig. Zu spät für erklärende Worte, Janis war tot.

Fluchend trieb Reik den Hengst an, folgte Bro und den Männern, die ihrerseits ihre Angreifer verfolgten. Er raste zwischen den dicht belaubten Bäumen beiderseits des engen Pfades entlang, die sanft geneigte Flanke des Hügels hinunter. Durch Zweige und Blattwerk erhaschte er einen flüchtigen Blick auf eine Handvoll windschiefer Dächer, womöglich ein weiteres, namenloses kleines Dorf. Dicht am Waldsaum.

Vor ihm in der Senke eine Ansammlung größerer Gebäude, ein schlanker Turm, umzäunt. Gestalten bewegten sich hektisch im halb offenen Tor in der doppelt mannshohen Mauer, auf dieser, Menschen rannten schreiend in die vermeintliche Sicherheit.

Er drückte den Helm auf den Kopf, zog blank.

Kaum Leute auf der weiten Wiese, vor der Mauer. Gedränge im Torbereich, der Hengst setzte mit einem weiten Satz über einen am Boden liegenden brüllenden Mann hinweg, landete auf einem teilweise gepflasterten, großen Hof. Die Lage unübersichtlich, Reik wusste nicht, was ihn erwartete. Doch er liebte die Erregung, den Kampf.

Ein überaus ungleicher Kampf; sie waren diesen Kerlen – um wie viele handelte es sich überhaupt, höchstens zwei Dutzend, kaum mehr – weit überlegen. Das waren keine Soldaten, keine Krieger, ungeübt, schlecht bewaffnet. Ihre Gegner ergaben sich, kaum dass der Händel ernsthaft begonnen hatte. Und anders als jene Kerle im Wald, die sie grundlos angegriffen hatten, bestand die Mehrzahl der Verteidiger aus älteren Männern.

Reik senkte sein Schwert, behielt jedoch die zwei, die ihre Waffen als letzte niedergelegt hatten, im Auge. Beide mittelgroß, recht kräftig gebaut, einer war am Oberschenkel verletzt und musste vom anderen gestützt werden.

Jetzt erst hatte er einen längeren Blick für seine Umgebung, die baufälligen Gebäude um das kastige Haupthaus herum, die bröckelnde Mauer, das schief in den Angeln hängende morsche Tor. Der schlanke Turm wurde offenbar schon lange nicht mehr benutzt, dabei war er das einzig Auffällige, Herausragende an diesem Ort. Zeichen von Verfall und Niedergang überall, Dreck und Unrat, Unkraut wucherte auf dem schlammigen, mit Pfützen übersäten Hof.

Ihm schwante nichts Gutes, als er, nach einer knappen, unwilligen Begrüßung und umständlichen Erklärungen – und natürlich sprach niemand Manduranisch, er musste übersetzen –, Bro und einer Handvoll seiner Männer zum Eingang des Hauptgebäudes folgte. Hier würden sie nicht fündig werden.

***

Auf einmal verstummten der Lärm und das Getöse des Kampfes. Nur das Wehklagen eines verletzten Wächters am Tor und das empörte Gezeter einer Schar Elstern auf dem Nordturm hallten noch durch die Stille.

Mara konnte Anella leise schluchzen hören; ihr Verlobter Luca war am Bein von einem Schwerthieb verwundet worden. Er tat Mara nicht allzu Leid, sie konnte ihn nicht ausstehen. Luca war der Ansicht, sie würde Anella gegen ihn aufzubringen versuchen, womit er zweifellos Recht hatte, und überhaupt wäre sie eine durch und durch schlechte Person und hätte ein krankhaftes Interesse an Anella.

Sie hörte die Fremden rufen, verstand die Worte aber nicht. Ihre Sprache klang rau und fremdartig. Einige stiegen von ihren Pferden und gingen mit gezogenen Schwertern auf die Männer zu. Dann nahmen sie die Helme ab.

Doch was auch immer Mara zu sehen erwartet hatte, sie sahen schlicht aus wie Männer. Ein besonders großer Fremder mit einem struppigen, hellen Bart, womöglich ihr Anführer, sagte etwas zu Carlo. Der schien aber nicht zu verstehen, schüttelte nur immer wieder erbost den Kopf. Der Bärtige wies in Richtung des Eingangs zur großen Halle, den Mara von ihrem Platz aus nicht einsehen konnte. Die Männer und jene Fremden, die abgestiegen waren, gingen hinein.

Mara fasste Anella an der Hand und wollte die sich sträubende mit sich ziehen.

„Was tust du, Mara, wo willst du denn hin?“

„Wohin wohl, auf die Empore. Von dort aus kann ich die gesamte Halle überblicken.“

„Aber wieso? Was, wenn sie dich sehen?“

„Und wenn schon“, achselzuckend wandte sie sich um. „Ich will wissen, was sie machen, was sie reden.“

„Du wirst Schwierigkeiten bekommen, Mara!“, unkte Anella.

Fast hätte sie gelacht. „Mit wem, dem Rat? Oder den Fremden?“

Sie verließ den Frauentrakt und ging vorsichtig den Korridor entlang, der zur Empore führte. Anella und noch ein paar Frauen folgten ihr ängstlich.

Hinter einem Pfeiler hervor spähte sie in die Halle hinunter, die plötzlich klein und eng erschien, da sich so viele große Männer in ihr aufhielten. Einige saßen an den langen Tischen und machten sich über das Festessen her, tranken ihren Waldmeister-Wein. Sie führten sich auf, als gehörte die Burg ihnen. In gewisser Weise tat sie das wohl auch, die Männer Ogarchas hatten sich ergeben.

„Es sind achtundzwanzig“, murmelte Mara.

„Was?“ Anella sah sie verwirrt an.

„Achtundzwanzig Männer. Die Fremden. Weißt du, wie viele noch im Hof sind?“

„Nein, ich …“

Sie schaute selbst nach. Auf dem Hof lungerten noch einmal mindestens ebenso viele fremde Männer herum. Alle waren inzwischen von ihren Pferden gestiegen, hatten die Tiere abgesattelt und in eine Ecke des Hofes gebracht. Als planten sie einen längeren Aufenthalt, hatten sogar Posten auf der Mauer aufgestellt. Vermutlich waren sie auch schon überall in den Gebäuden.

Mara sah wieder in die Halle hinunter. Der Bärtige stand mit den Ratsmännern am Kamin und redete auf sie ein, ein hochgewachsener, schlanker Mann übersetzte seine Worte. Er sah erstaunlich jung aus.

Dann setzten sich die beiden Fremden in die Sessel, die dem Rat vorbehalten waren, und der junge streckte seine langen Beine aus. Sie benahmen sich nicht unbedingt so, als ob sie gerade eine Burg erobert hätten, deren Bewohner sie feindselig beobachteten.

Plötzlich hörte Mara Schritte auf der Treppe, die Frauen blickten sie entsetzt an. Jemand kam direkt in ihre Richtung und der Weg zurück zu den Frauengemächern führte am Treppenaufgang vorbei.

Aber es waren nur Renzo und Ludeau, die um die Ecke bogen, so dass die Frauen erleichtert aufatmeten. Mara war nicht ganz so erleichtert, vermutlich steckte sie jetzt tatsächlich in Schwierigkeiten, wie Anella gesagt hatte.

„Was macht ihr hier?“ Renzo sah sie erbost an. „Wer hat euch erlaubt, die Gemächer zu verlassen?“

Demütig blickte Mara zu Boden, nicht sicher, ob er sie angesprochen hatte. „Niemand, hoher Rat, es hat aber auch niemand gesagt, wir sollen in den Gemächern bleiben. Was wollen die Fremden hier?“

Erst als die Frauen von ihr wegrückten, wurde ihr klar, dass sie wieder einmal das Falsche gesagt hatte. Verdammte Neugierde, törichte Besserwisserei, warum konnte sie nicht bedachter handeln?

Zudem war jeder in der Halle auf sie aufmerksam geworden, die Fremden blickten zur Empore.

„Bringt die Frauen runter, in die Halle! Vielleicht sind sie ein wenig gastfreundlicher als Ihr, Rat?“

Verstohlen sah Mara zu dem Sprecher hinunter, der junge Fremde betrachtete sie neugierig. Schnell senkte sie wieder den Blick.

Ludeau packte sie grob am Arm und zerrte sie zur Treppe, zischte ihr durch zusammengepresste Lippen zu. „Ich warne dich, Rotschopf, noch ein Fehler und du lernst mich von meiner unangenehmen Seite kennen!“

Als würde Mara die nicht längst kennen. Mit unbewegter Miene schritt sie die Stufen hinunter und Ludeau ließ sie los.

Mit den anderen Frauen, einige weinten und jammerten noch immer, standen sie ein wenig verloren inmitten der Halle, möglichst weit von den Fremden entfernt.

„Erwarten diese Kerle, dass wir sie bedienen?“, wandte Anella sich verwundert an sie.

Mara hob nur die Schultern.

„Hast du Luca gesehen?“ Sie klang besorgt. „Er ist doch verletzt!“

„Kann nicht so schlimm sein, er steht da drüben. Reiß dich zusammen, Anella, oder willst du, dass einer von denen auf dich aufmerksam wird?“

Sie wurden aufgefordert, noch mehr Essen und Wein zu holen, und gingen hinunter in die große Küche. Eine der wenigen anwesenden Köchinnen berichtete, viele Mägde und Diener wären aus lauter Angst von der Burg geflohen und hielten sich im Wald versteckt.

„Wohl nur verständlich. Und wo ist Kora?“, fragte Mara nach.

„Ich weiß es nicht, Herrin.“

„Das ist … schlecht.“ Beschwörend blickte sie ihre Freundin an. „Anella, du solltest mit Luca reden, jemand muss nach Kora suchen, und zwar schnell. Sie kennt sich mit der Versorgung Verwundeter aus.“

„Aber Mara …“

Natürlich kannte sie Anellas Bedenken, es war nicht üblich, einen Mann unaufgefordert anzusprechen. Aber darauf konnte sie keine Rücksicht nehmen. „Bitte, Anella, dich hört er wenigstens an.“

„Gut, ich werde es versuchen. Nimmst du die Weinkrüge? So, wie ich zittere, werde ich alles verschütten.“

„Dir zuliebe.“ Sie packte die schweren Krüge. „Lass uns gehen, die anderen sind schon längst wieder in der Halle.“

Anella folgte ihr, stellte eine Platte mit Speisen auf den langen Holztisch und setzte sich respektvoll neben Luca, redete flüsternd auf ihn ein.

Mara füllte einen Becher nach dem anderen, bezwang ihre Ungeduld und wartete auf eine Reaktion, irgendein Zeichen Anellas. Wieder ging sie in die Küche, füllte die Krüge mit Wein und erfuhr von der Köchin, dass sich die verwundeten Männer in den hinteren Räumlichkeiten neben dem Zimmer des Rates befanden, die verletzten Wachen jedoch bei den Ställen.

„Dorthin solltet Ihr aber besser nicht gehen, Herrin, da sind überall die Nordländer.“

Zurück in der Halle schüttelte Anella bloß verzagt den Kopf. Und während Mara Wein nachschenkte, zermarterte sie sich den Kopf; nur zu deutlich erinnerte sie sich an Ludeaus Warnung.

Sie beugte sich zu Luca, füllte ihm nach, obwohl sein Becher noch nicht leer war. „Luca, Ihr müsst etwas tun!“

Ärgerlich musterte Luca sie. „Dieses eine Mal sehe ich über dein schlechtes Benehmen hinweg, weil du besorgt bist. Es hat keinen Sinn, diese Kerle lassen nicht mit sich reden. Die Verwundeten wurden so gut es eben ging versorgt, mehr können wir nicht tun, sie werden …“

„Ich werde es tun“, fiel sie Luca ins Wort.

„Was?“

„Ich werde den Mann bitten, dass er nach Kora suchen lässt. Er wird mir ja wohl nicht verbieten, mich um die Verwundeten zu kümmern. Oder verbietet Ihr es mir, Luca? Jemand sollte sich möglichst bald auch Euer Bein ansehen.“

„Mara, du weißt nicht …“

„Doch, ich weiß.“ Sie würde großen Ärger bekommen. Schlimmer noch, auch Kora würde Ärger bekommen und bestraft werden, weil diese sie heimlich die Pflege und Versorgung von Kranken gelehrt hatte.

Ihre Freundin blickte sie niedergeschlagen an, Luca völlig überrascht. Und die ganze Zeit über war Mara bewusst, dass der junge Fremde sie beobachtete; er schien der einzige unter den Fremden, der ihre Sprache konnte.

Ihr Blick fiel auf den Krug in ihren Händen. „Möchtet Ihr noch etwas Wein?“

„Ihr wollt mich wohl betrunken machen, Mädchen, damit mich Eure Männer überwältigen können?“, entgegnete der Mann spöttisch.

„Nein!“ Überrascht sah sie auf, sah direkt in sein Gesicht, seine Augen. Blau, tiefblau, strahlend, wunderschön. „Ich …“

„Ja? Ihr seid doch nicht gekommen, um mir Wein anzubieten. Was wollt Ihr von mir?“

„Von Euch gar nichts, von Eurem … Anführer, er muss … Er muss nach Kora suchen lassen, damit sie die Verwundeten versorgen kann. Ich schaffe das nicht allein.“

„So, muss er das?“ Der Mann klang fast belustigt. „Kann Euch denn keine der anderen Frauen helfen, es sind doch genügend hier?“

„Nein, sie … können es nicht. Und Kora hilft nicht mir, sondern ich ihr, sie ist die Heilerin“, versuchte Mara zu erklären.

„Und wer seid Ihr?“

„Niemand.“ Sie schlug hastig die Augen nieder, blickte zu Boden.

„Aber Ihr werdet doch wohl einen Namen haben?“

Was ging diesen dreisten Kerl ihr Name an? „Mara I’Gènaija.“

„Schön. Ich werde nach dieser … Kora schicken lassen, in Ordnung?“

„Ja, danke. Ich muss aber auch zu den verletzten Wachmännern, sie sind neben den Pferdeställen untergebracht.“

„Selbstverständlich, einer meiner Männer wird Euch begleiten. Er kann Euch helfen.“

Mara nickte, wandte sich um und wollte gehen, doch er hielt sie am Arm zurück. „Kann ich sonst noch etwas für Euch tun, Mädchen?“

Mit zusammengebissenen Zähnen blickte sie auf seine Hand, starrte ihn ablehnend an. „Verschwindet von hier. Kehrt dorthin zurück, woher Ihr gekommen seid, das wäre das Beste für alle!“

Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht, sie sah die Verwunderung, dann die Wut in seinen Augen, ehe er sie losließ.

Maras Kopf schmerzte, ihr war schwindelig und übel, womöglich vom allgegenwärtigen Geruch nach Blut in den Räumen der verletzten Männer. Die jetzt richtig versorgt waren, nicht nur notdürftig verbunden. Sie hatte ihnen noch einen schmerzlindernden Heiltee bereitet, als Kora endlich zurückkehrte.

In der Halle, es lungerten immer noch etliche Nordländer herum, kam ihr Anella mit entsetzter Miene entgegen. „Mara, dein Kleid ist ja voller Blut! Was ist denn, setz dich, du bist ganz bleich!“

„Ich bin nur müde“, beruhigte sie Anella. „Hat Kora sich schon um Luca gekümmert?“

„Sie haben ihn gerade ins Ratszimmer gebracht, du möchtest bitte auch kommen. Ich habe auf dich gewartet, Mara, ich werde dir helfen.“

„Du?“ Verwundert sah sie ihre Freundin an. „Du kannst doch kein Blut sehen, wie willst du mir da helfen?“

Anella zog eine klägliche Grimasse. „Du sagst doch selbst immer zu mir: ‚Dann sieh halt nicht hin.’ Nun, genau das habe ich vor. Ich kann Luca doch nicht allein lassen, Mara.“

Trotzdem ächzte Anella, als sie das Gemach betraten. Kora hatte Lucas Beinkleider bereits bis zum Oberschenkel aufgeschnitten; die Wunde war tief und lang, blutete aber nicht mehr stark.

Mara fasste nach Anellas Arm. „Willst du wirklich bleiben? Die Wunde muss genäht werden.“

Diese nickte stumm, sah zu Luca, der Mara grimmig musterte. „Kora sagte mir, du wirst nähen, da du die ruhigere Hand hast. Ich hoffe, du weißt, was du tust?“

„Nur, wenn Ihr das wollt, Luca.“

Er nickte knapp. „Fang endlich an!“

Es war viel zu warm für die Jahreszeit, die Luft drückend. Mit geschlossenen Augen lehnte Mara einen Moment an der wohltuend kühlen Wand des Korridors, ihre Hände alles andere als ruhig. In ihrem Kopf pochte und dröhnte es, er tat scheußlich weh.

„Wieder besser?“ Kora berührte sacht ihre Schulter. „Ich kann auch allein die verletzten Wachmänner versorgen, wenn Ihr Euch lieber ausruhen möchtet.“

„Nein, das ist nicht notwendig, es ist nur … Lasst uns gehen.“

Kora begleitete sie zurück in die Halle. Mara trat an den Nordländer mit den blauen Augen heran. „Wir wollen jetzt zu den verletzten Wachen, wenn Euer … Euer Mann uns noch helfen möchte? Oder habt Ihr es Euch anders überlegt?“

Er musterte sie sinnend, schüttelte den Kopf. „Nein, habe ich nicht, Kjelben wird Euch helfen. Es wäre nicht richtig, die verletzten Männer für Eure Grobheit leiden zu lassen.“

Sie ballte die Fäuste. „Es war auch nicht richtig, die Wachen einfach niederzureiten, denn dann wären sie jetzt nicht verletzt und müssten auch keine Schmerzen erleiden! Nennt Ihr Euer Verhalten vielleicht höflich?! Ich nicht! Ihr seid …“

Bevor Mara in ihrer Wut noch mehr Unüberlegtes sagen konnte, hatte Kora schon ihren Arm gepackt. „Mara, nicht, damit helft Ihr den Wachen auch nicht. Kommt. Verzeiht, Herr, sie hat es nicht so gemeint.“

Kora zog Mara hinter sich her, raus aus der Halle. Den langen, immer ein wenig feuchten dunklen Gang entlang, der zu den Pferdeställen führte.

„Und ich habe es so gemeint. Für wen hält er sich?“, machte Mara ihrer Empörung Luft.

„Ich weiß nicht, für wen er sich hält. Aber er ist eindeutig in der stärkeren Position, also solltet Ihr vielleicht ein wenig bedachter sein, Mara.“

Unwillig schwieg sie, schaute sich kurz zu dem fremden, schon etwas älteren Mann um, der ihnen folgte. „Wie will der Mann uns helfen, wenn er unsere Sprache nicht versteht?“

„Wahrscheinlich ist er so etwas wie ein Feldscher oder auch ein Heiler. Jedenfalls sieht es aus, als wüsste er, was er zu tun hat.“

Das wusste der Mann sogar sehr genau, und bald waren mit seiner Unterstützung die diversen Knochenbrüche geschient, die Blutungen gestillt, die Wunden gesäubert, genäht und verbunden.

Still hatte Mara sich zu einem jungen Wachmann, wie alle Bediensteten und Wächter Ogarchas stammte er aus dem Dorf, gesetzt, der allein in einer Kammer lag. Er war bewusstlos, sein Herz schlug unregelmäßig, sein Atem ging flach.

Er würde sterben, trotz all ihrer Bemühungen, sie … Mara war erschüttert, fühlte sich erschreckend hilflos. Einmal mehr, sie konnte nichts tun. Und Kora, die sie so viel gelehrt hatte, eine der wenigen, der sie vertrauen konnte, wollte Ogarcha in Bälde verlassen. „Kora?“

Die Frau trat zu ihr. „Ihr könnt nichts mehr für ihn tun, Mara, niemand kann das.“

„Aber …“

„Er wird nicht wieder aufwachen, Liebe. Geht doch bitte und holt den Tee für die anderen Männer, sie sollten jetzt ruhen.“

„Nein, ich bleibe bei ihm.“ Sie schüttelte den Kopf. „Geht Ihr.“

„Wie Ihr wünscht“, gab Kora zurück.

Traurig betrachtete Mara sein Gesicht. Er war so jung, kaum im Mannesalter, viel zu jung zum Sterben. Doch er starb, ohne noch einmal aufzuwachen.

Jäger

Wieder nahm Mara den feuchtkalten, dunklen Gang zurück zur Halle, noch düsterer, da der Tag sich seinem Ende entgegen neigte. Keine sonderlich kluge Idee, doch ihr war erneut schwindelig, das Dröhnen in ihrem Kopf übermächtig, und so wollte sie eine Weile für sich sein.

Und plötzlich stand Ludeau vor ihr, packte sie an den Schultern und drückte sie rüde gegen die Wand. „Ich habe dich gewarnt, Rotschopf, oder etwa nicht? Und was tust du? Rennst zu diesem dreckigen Barbaren, sprichst den Kerl einfach an! Glaubst du etwa, so verhält sich eine anständige Frau unseres Volkes, glaubst du das?! Antworte mir!“

„Aber ich …“

Er schlug ihr so hart ins Gesicht, dass ihr Kopf gegen die Wand prallte. „Widersprich mir nicht! Und woher weißt du überhaupt, wie man Verwundete versorgt?! Das ist Aufgabe der Bediensteten! Das wird dir noch sehr leid tun, das versichere ich dir!“

„Ach, und was willst du tun, mich wieder mal verprügeln? Oder was?“ Sie sah ihn verächtlich an und Ludeau riss erneut die Hand hoch.

„Ihr werdet das Mädchen nicht noch einmal schlagen!“

Ludeau fuhr herum, funkelte den blauäugigen Fremden, der drohend auf ihn zu kam, voller Hass an. „Wollt Ihr es mir etwa verbieten? Ich kann mit ihr machen, was ich will!“

„Nicht, solange ich hier bin. Lasst sie los!“ Die Stimme des Nordländers war leise, aber sehr bestimmt.

Ludeau ließ sie los und stürmte wütend den Gang entlang. Gegen einen wesentlich größeren Mann, der noch dazu bewaffnet war, hatte er keine Chance.

Mara rutschte zitternd an der Wand zu Boden, vergrub den Kopf in den Armen und begann zu weinen.

„Ist es sehr schlimm?“

Sie schaute schluchzend auf. Der Nordländer hockte vor ihr und betrachtete sie mitleidig.

„Er ist gestorben, er …“ Sie unterbrach sich. Offensichtlich hatte der Mann etwas anderes gemeint, denn er sah sie irritiert an.

„Der Wachmann, er ist tot. Ich weine seinetwegen, nicht Ludeaus wegen. Der kann mich nicht zum Weinen bringen. Er war so jung und er ist nicht einmal mehr aufgewacht, ich konnte nichts für ihn tun. Nur dasitzen und warten, dass er stirbt. Aber das ist Euch wahrscheinlich egal.“

„Nein, das ist es nicht. Es tut mir Leid, auch wenn Ihr mir das nicht glauben werdet.“ Er klang zumindest mitfühlend.

„Was macht es für einen Unterschied, ob ich Euch glaube? Davon wird er auch nicht wieder lebendig.“

Er musterte sie schweigend, stand auf und half ihr auf die Füße. Der Mann war wirklich sehr viel größer als sie.

„Ihr solltet vorsichtig sein, Herr, Ludeau wird sich an Euch rächen, Euch töten wollen. Was …“ Verwirrt hielt sie inne. „Warum seht Ihr mich so an?“

„Ich wundere mich. Wieso tut Ihr das?“

„Euch warnen? Ihr habt mir doch nichts getan, im Gegenteil, und … Ich verabscheue es, wenn Menschen getötet werden. Ihr …“

Diese Augen! Sie fühlte sich ihm ausgeliefert, vollkommen hilflos, und das Merkwürdige war, sie fand es angenehm. Für einen Moment vergaß sie den toten Wachmann, die Verletzten, das Blut, vergaß, dass ihr schwindlig war, ihr Kopf entsetzlich weh tat und sie in ernsthaften Schwierigkeiten steckte. Wollte für den Rest ihres Lebens hier stehen, nichts mehr denken und nur noch in diese unwahrscheinlich blauen Augen sehen.

Sanft strich er ihr mit der Hand über die Wange, fuhr mit dem Daumen den Umriss ihrer Lippen nach, und sie schloss die Augen. Als Mara seine Lippen auf ihren Schultern, ihrem Hals spürte, hatte sie das Gefühl, als müsste sie sterben, konnte sich nicht wehren, wollte sich nicht wehren. Er zog sie an sich, seine Hände wanderten über ihren Körper.

Aufstöhnend schob sie ihn zurück. „Nicht, Ihr dürft das nicht tun! Wenn nun jemand kommt?“

„Heißt das, Ihr hättet nichts dagegen, wenn wir allein wären und niemand könnte kommen?“ Sein Lächeln gefiel ihr.

„Nein, ich … Ihr werdet nicht mit mir allein sein, ganz sicher nicht! Und jetzt lasst mich los!“

Zögernd ließ er sie los. Mara lehnte mit schlotternden Gliedern an der Wand; sie war müde, verwirrt und vor lauter Kopfschmerz und Schwindel konnte sie nicht mehr klar denken.

„Ist alles in Ordnung mit Euch?“

„Nein, es ist gar nichts in Ordnung! Nichts! Könnt Ihr mich nicht in Ruhe lassen?“ Sie sollte nicht schreien, er war doch nur freundlich.

„Ungern. Wo sind Eure Gemächer?“

Sie starrte ihn fassungslos an. „Meine was?“

„Eure Gemächer, Euer Zimmer, der Ort, wo Ihr schlaft. Ich bringe Euch hin.“

„Aber …“, abwehrend schüttelte sie den Kopf. „Das dürft Ihr nicht! Versteht Ihr nicht, Ihr …“

„Natürlich darf ich, wer sollte mir etwas verbieten? Und da Ihr meine Gefangene seid, gewissermaßen, gibt es auch keinen Grund, Euch etwas vorzuwerfen, falls Ihr Euch darüber Gedanken macht. Also, wohin?“

Es war lächerlich, der Kerl hatte nicht die geringste Ahnung, wovon er redete, er wusste nichts.

Er packte ihren Oberarm und zerrte sie, ungeachtet ihrer Widerworte, mit grimmiger Miene durch die Burg, so dass die Leute ihnen verwundert nachschauten, erschreckte die Frauen im Wohnraum, indem er wild hineinstürmte.

Doch er tat ihr nichts. Und verließ tatsächlich die Schlafkammer, als Mara ihn darum bat.

* * *

Reik hatte nicht vorgehabt, sich in die Streitereien dieser Leute einzumischen, er hatte auch ganz sicher nicht geplant, für dieses Mädchen Partei zu ergreifen. Und es doch getan.

Er konnte gar nicht anders, konnte einfach nicht zulassen, dass der verdammte Kerl sie erneut schlug. Dann hatte er sie geküsst, und das hatte ihm sehr, sehr gut gefallen. Sie gefiel ihm, trotz ihrer doch sehr biestigen, ja beleidigenden Art. Aber wie hätte er denn an ihrer Stelle reagiert, wenn sein Heim unerwartet angegriffen und erobert worden wäre, doch auch nicht gastfreundlicher.

Offensichtlich hatte sie jedoch nichts gegen seine Küsse und Zärtlichkeiten einzuwenden gehabt. Anfangs zumindest.

Er unterdrückte sein Grinsen und wies zwei Männer an, vor ihrer Tür Wache zu stehen, bevor er sich zu Bro begab. Sie hatte ihn schließlich vor diesem Kerl, Ludeau, gewarnt.

Vielleicht würde der Aufenthalt hier doch nicht ganz umsonst sein.

Sein Onkel war schlecht gelaunt, was Reik gut verstand; einer seiner Männer war tot, weil diese idiotischen Hinterwäldler sie sinn- und grundlos angefallen hatten. Und jetzt hatte er auch noch dieses heruntergekommene Gemäuer, diese halb verfallene Burg am Hals, in der es aus jeder Ecke stank.

Und die Frauen? Nicht eine hatte ihnen beim Reden auch nur ins Gesicht gesehen, sie waren so verängstigt gewesen, dass es ihn nicht gewundert hätte … Heulten und greinten und versteckten sich hintereinander, hinter ihren alten Männern. Dazu dieser niederträchtige Kerl, Ludeau, ließ seine Wut an einem jungen Mädchen aus. Er konnte sich lebhaft vorstellen …

Ächzend sank er in einen Sessel, fuhr sich über das Gesicht und erwiderte Bros irritierten Blick.

„Noch mehr Ärger?“

„Nein. Oder ja, ich weiß nicht. Nicht so wichtig. Irgendwelche guten Neuigkeiten?“ Dankend nahm er von Kjelben einen Becher mit reichlich schalem Bier entgegen, trank widerwillig einige Schlucke.

„Nun, ich sehe keinen zwingenden Grund, länger als ein, zwei Nächte hier zu bleiben.“ Bro lachte bellend. „Du hast die Frauen ja selbst erlebt.“

„Ja.“ Hatte er. „Die schmale, rothaarige …“

Kjelben meldete sich nach einem Blick auf Bro zu Wort. „Scheint ein bisschen reinlicher als der Rest, jedenfalls stinkt sie nicht. Und kennt sich recht gut mit der Heilkunde aus, aber das … hat die Kleine wohl von dieser Heilerin, Kora, gelernt. Der Kräuterfrau aus dem Dorf. Vielleicht solltet Ihr Euch mal mit der unterhalten, Hauptmann.“

Reik nickte. „Hab’ ich morgen gleich als erstes vor. Aber ich bezweifle ernsthaft, dass hier …“

Das Klopfen an der Tür unterbrach ihn, er erhob sich. Das Mädchen, von dem sie gerade geredet hatten, betrat aufgebracht den nur mäßig erleuchteten Raum. Sie trug noch immer das blutfleckige Gewand, das zerdrückt war, so als hätte sie darin geschlafen; vielleicht hatte sie kein anderes.

Und ging gleich wieder auf ihn los. „Was soll das? Warum habt Ihr zwei Wachen vor unserer Tür postiert? Oder soll ich besser sagen, vor meiner Tür? Denn ich gehe nicht davon aus, dass auch die anderen Frauen eine solche … Behandlung erfahren.“

„Kommt mit.“ Ungewollt klang seine Stimme barsch.

„Wohin?“ Sie zögerte.

„Kommt mit, ich will allein mit Euch reden“, forderte Reik sie auf.

„Aber ich nicht mit Euch. Euer Anführer versteht also doch unsere Sprache? Der andere auch, Kjelben, der Heiler?“

Doch er packte sie einfach am Arm und zog sie in den Nebenraum, sie hörte ja eh nicht zu, schloss die Tür. Es war stockdunkel.

„Ja, sie verstehen Eure Sprache, zumindest ein wenig. Deswegen wäre ich Euch auch sehr dankbar, wenn Ihr meinen Onkel nicht immer als Anführer bezeichnen würdet. Er heißt Bro Domallen und die korrekte Anrede für ihn lautet Eure Hoheit.“

„Kann ich ja nicht wissen, wir sind einander nich …“, unvermittelt schrie sie auf.

„Was ist denn? Habt Ihr …“

„Ich habe mir die Zehen gestoßen. Hier sollte es eine Tür zu einem kleinen Garten geben. Ich mag nicht, wenn es so dunkel ist.“

„Habt Ihr Angst vor der Dunkelheit oder vor mir?“ Die Frage konnte er sich nicht verkneifen.

„Ich bin bloß vorsichtig. Und ich fühle mich besser, wenn ich Euch sehen kann.“ Sie klang immer noch patzig, so als hätte sie ständig das Gefühl, sich verteidigen zu müssen.

Offenbar hatte sie aber die Tür gefunden, von der sie geredet hatte, stieß sie auf. Der Mond stand hoch am Himmel und erleuchtete hell das Viereck des verwahrlosten Gartens. Der Boden war sicherlich kalt unter ihren nackten Füßen. Er folgte ihr. „Würdet Ihr mir jetzt vielleicht erklären, was dieser Auftritt sollte?“

„Ich will keine Wachen vor meiner Tür stehen haben, das ist lächerlich.“

Verstand sie den Grund wirklich nicht? „Mir erscheint es angebracht. Ihr habt mich doch selbst vor diesem …“

„Ludeau“, half sie ihm

„Diesem Ludeau gewarnt, er würde sich rächen wollen. Ich kann auf mich aufpassen, aber Ihr …“

„Das ist meine Angelegenheit, ich möchte nicht, dass Ihr Euch einmischt. Ist Euch nicht klar, dass Ihr mich in Schwierigkeiten bringt? Sogar Anella fragte mich, wieso Ihr mich unbedingt in meine Kammer begleiten wolltet, und Anella ist meine Freundin. Ich will gar nicht wissen, was die anderen Frauen für Vermutungen anstellen.“

Ging es lediglich darum? „Lasst sie doch reden …“

„Ihr versteht nichts! Es ist vollkommen sinnlos, Euch irgendetwas erklären zu wollen. Ich möchte, dass die Wachen vor meiner Tür sofort verschwinden. Und ich erwarte, dass Ihr Euch von mir fern haltet, und wenn Ihr mich schon unbedingt ansprechen müsst, dann fasst mich gefälligst nicht an!“ Ihre Arroganz war erstaunlich. Grob.

„Nein. Ich werde die Wachen ganz sicher nicht abziehen. Ich werde nicht zulassen, dass er Euch noch einmal anfasst oder schlägt.“

„Glaubt Ihr wirklich, Ihr könntet mich beschützen? Wie wollt Ihr das machen, vielleicht für immer hierbleiben?“

Die Antwort war doch viel einfacher. „Nein, ich …“ Ihre blasse Haut schimmerte silbrig, ihre schmale, schlanke Gestalt schien seltsam unwirklich. „Ihr seid wunderschön im Mondlicht.“

Abwehrend schüttelte sie den Kopf. „Oh bitte, fangt jetzt nicht so an.“

Sie stolzierte ins Gebäude zurück und verschwand, begleitet von ihrem Wächter, genauso plötzlich, wie sie erschienen war.

Reik war sich nicht im Klaren, ob er über ihren Auftritt einfach lachen oder sich ärgern sollte. Das Mädchen war doch völlig … Sie nur eigenartig zu nennen wäre untertrieben.

* * *

Maras Kopfschmerzen waren zurückgekehrt, schlimmer als zuvor. Auf der Treppe wäre sie fast gestolpert, da ihr schwindelig wurde.

Lange konnte sie keine Ruhe finden und als sie endlich schlief, neben Anella in dem Bett in der engen Kammer, die sie sich teilten, quälten sie grauenhafte Alpträume.

Die Barbaren überfallen die Burg, töten alle. Ich flüchte mit Anella in den Wohnturm, aber als wir auf die Plattform gelangen, erkennen wir, dass es keinen Ausweg mehr gibt. Mit dem Schwert in der Hand wende ich mich zum Treppenaufgang, um dem Feind entgegen zu treten.

Ein Mann tritt aus dem Aufgang, der Kerl mit den blauen Augen. Er ist über und über mit Blut beschmiert, trägt keinen Helm mehr. Anella klettert auf die Brüstung des Turmes und springt in die Tiefe, ohne ein Wort. Schreiend stürze ich mich auf den Fremden, das Schwert mit beiden Händen umklammernd, stoße es ihm bis zum Heft in den Leib. Und er lacht, sein Blut fließt heiß über meine Hände, besudelt mein goldfarbenes Kleid, immer mehr Blut, und er lacht noch immer. Ich schreie, kann nicht aufhören zu schreien, schreie immer weiter.„Nein!“

„Mara, wach auf! Es ist nur ein Traum, Mara.“

Sie klammerte sich wimmernd an Anella, schluchzte.

Die fremden Wachmänner waren mit gezogenen Schwertern ins Zimmer gestürmt, Anella schickte sie wieder hinaus. „Es ist alles gut, ich bin ja bei dir, ich halte dich. Ganz ruhig.“

Irgendwann schlief Mara wieder ein, träumte erneut; so viel Blut.

Es war noch dunkel, als sie am Morgen erwachte, kühl.

Vorsichtig stieg sie aus dem Bett, bemüht, Anella nicht zu wecken, nahm fröstelnd ihre Schuhe in die Hand und ging leise zur Tür.

„Mara, wo willst du denn schon hin? Es ist mitten in der Nacht, komm wieder ins Bett“, klang es von unter den Decken und Kissen her.

„Die Sonne geht bald auf. Ich muss den Heiltee für die verletzten Männer bereiten. Schlaf ruhig noch weiter, Anella, wir sehen uns beim Frühstück.“

Anella murmelte verschlafen eine Antwort und drehte sich auf die andere Seite.

Wie schon in der Nacht folgte ihr auch jetzt ein Wächter, als sie nach unten in die Küche ging, vermutlich war es sogar derselbe. Er war jung, ziemlich jung, hatte hellbraunes, wirres Haar und haselnussbraune Augen, ein hübsches Gesicht. Und er war groß, größer als die Männer, die sie kannte, aber das waren die Nordländer alle.

Niemand war in der Küche, dabei wimmelte es hier um diese Zeit üblicherweise nur so vor Köchinnen und Mägden, die das Frühstück vorbereiteten. Verwundert schürte Mara das Feuer im Herd, immerhin war die Glut noch nicht erloschen, drehte sich zu dem Wächter um und drückte ihm zwei Eimer in die Hand. „Wenn Ihr schon hier seid, könnt Ihr Euch auch nützlich machen. Ich brauche Wasser, versteht Ihr? Der Brunnen ist auf dem Hof.“

Sie wies ihm den Weg und bald darauf kam er mit vollen Eimern zurück. „Danke. Stellt die Eimer neben den Herd. Ja, genau, dahin.“

Nachdem sie einen großen Kessel mit Wasser aufgestellt hatte, begab sie sich in den Nebenraum, wo Kräuter und Gewürze gelagert wurden, um einen anregenden Tee für die Verwundeten vorzubereiten. Mischte sich anschließend selbst einige Kräuter; auch sie brauchte etwas zur Stärkung und gegen die anhaltenden Kopfschmerzen.

„Wisst Ihr, ich glaube nicht, dass Ihr überhaupt nicht versteht, was ich sage.“, versuchte sie ein Gespräch.

Der junge Wächter beobachtete sie aufmerksam, lächelte, wann immer sie zu ihm sah, sagte aber nichts.

Seufzend kehrte Mara in die Küche zurück und goss kochendes Wasser über die Kräuter; allein der Geruch war belebend. Sie stellte die Kanne auf den groben Holztisch in der Ecke neben der Hoftür, suchte Brot und einige Reste vom gestrigen Festessen hervor. „Bitte, setzt Euch. Ihr seht aus, als könntet Ihr ein Frühstück vertragen. Und der Tee vertreibt die Müdigkeit und die bösen Träume.“

Lächelnd griff der Bursche nach der gefüllten Schale, die sie ihm reichte, trank aber erst, nachdem Mara getrunken hatte. Glaubte er etwa, sie würde ihn vergiften wollen?

Missmutig starrte sie in ihre Schale, trank ihren Tee aus und kaute an einem Kanten Brot herum. Das war absurd, warum sollte sie so etwas tun? Er hatte ihr schließlich nichts getan. Gut, seine Leute hatten die Burg erobert, aber deshalb würde sie keinen Mord begehen, schon gar nicht mit Gift.

Ärgerlich goss sie den Tee für die Verletzten auf und nahm den großen, schweren Krug. Sie hatte zu tun, und wenn die Köchinnen nicht bald kamen, hatte sie noch viel mehr zu tun. Doch darüber konnte sie sich später Sorgen machen. Erst einmal brachte sie den verwundeten Wachmännern den Heiltee, wechselte, wenn notwendig, die Verbände.

Auf dem Weg zu den hinteren Räumen traf sie Kora. „Gut, dass Ihr da seid, Kora. Ich fürchtete schon, Ihr wäret gegangen. Wisst Ihr, wo die Köchinnen abgeblieben sind? Um diese Zeit sind sie doch längst bei der Arbeit?“

„Nun mal langsam, Kindchen. Ich sagte Euch doch, dass ich noch nicht gehe“, beruhigte ihre Lehrerin sie. „Und die Köchinnen und Mägde sind gerade mit mir durchs Tor gekommen, Ihr müsst Euch also keine Sorgen machen. Wolltet Ihr zu den verletzten Männern?“

„Ja, bei den Wachen war ich schon.“

„Gut, ich werde für Euch gehen. Und keine Widerrede, Ihr seht aus, als fallt Ihr gleich um, Liebes. Ihr geht jetzt in die Halle und frühstückt richtig, nicht nur ein Stück Brot und einen Schluck Kräutertee. Gestern habt Ihr doch sicher auch nichts gegessen, oder?“ Kora klang sehr streng.

„Nein, aber ich habe …“

„Mein liebes Kind, Ihr könnt mir nicht helfen, wenn Ihr vor Hunger und Müdigkeit ganz zittrige Knie habt. Also, geht bitte.“ Sie wandte sich an den jungen Wächter und redete in seiner Sprache eindringlich auf ihn ein. Der junge Mann nickte nur wortlos.

Mara schaute Kora erstaunt an. „Ihr könnt ihre Sprache? Aber …“

„Mara, Ihr wolltet doch gehen. Ich habe ihm lediglich gesagt, er soll aufpassen, dass Ihr genug esst.“

Mara verstand überhaupt nichts mehr. Kora konnte die Sprache der Fremden? Warum sprach sie dann erst jetzt mit ihnen? Oder …

Mit einem Mal kam ihr Koras Verhalten doch sehr fragwürdig vor. Ihr schien es, als weilte diese schon immer auf Ogarcha, aber das stimmte gar nicht. Kora war vor ungefähr zehn Jahren hergekommen, oder etwas früher, auf jeden Fall erst, nachdem Maras Mutter gestorben war. Und davor?

Mit nachdenklich gesenktem Kopf folgte sie dem jungen Burschen in die Halle, wo sich schon etliche versammelt hatten, zumeist Nordländer, aber auch ein paar Bewohner der Burg.

Mara begab zu den Frauen und setzte sich neben Anella, die sich flüsternd vorbeugte. „Du bist ihn immer noch nicht losgeworden, was? Der andere ist zu dem Fremden gegangen, du weißt schon, der mit den blauen Augen.“

Sie nickte nur.

„Er schaut die ganze Zeit zu dir herüber.“

„Wer, mein Leibwächter?“, fragte sie nach.

„Der auch. Nein, der Fremde.“

„Wenn es ihm Spaß macht.“ Lustlos stocherte sie auf dem Holzteller herum, sie hatte keinen Hunger. „Anella, hat Luca davon gesprochen, was die Fremden hier eigentlich wollen?“

„Nein, er hat nicht viel gesagt. Sie haben wohl lange mit dem Rat geredet, aber er weiß auch nicht, worüber. Es geht ihm heute schon viel besser, er sitzt bei den anderen Männern, ist das nicht schön?“

Mara verzog den Mund. „Ich wette, sie berichten ihm von den spannenden Ereignissen der letzten Nacht, die Frauen haben bestimmt alles haarklein weitergegeben.“

„Mara, wieso bist du so … so …“

Verärgert fuhr sie auf. „Wie bin ich denn, wütend? Meinst du das vielleicht, ja?!“

Verblüfft schaute Anella sie an. „Schrei doch nicht.“

„Warum denn nicht, ich bin wütend, ich will schreien! Und es ist mir so egal, ob ich damit auffalle, verstehst du?! Es ist mir egal, es ist mir vollkommen egal!“

„Bitte, setz dich wieder, beruhige dich doch!“ Ihre Freundin zog an ihrem Arm, damit sie sich wieder auf die Bank setzte, aber Mara riss sich los. „Lass mich, ich will mich nicht beruhigen!“

„Aber sie schauen schon alle her! Mara, du bringst dich wirklich in Schwierigkeiten, hör auf!“

„Ach nein, ich bringe mich in Schwierigkeiten, wer hätte das gedacht? Warum hast du das nicht früher gesagt, dann hätte ich besser aufpassen können?!“

Anella blickte sie flehend an, Tränen liefen ihr übers Gesicht.

Doch Mara konnte nicht aufhören. Als hätte sie eine unsichtbare Grenze überschritten, und jetzt gab es kein Zurück mehr. „Es tut mir ja sehr Leid, dir das sagen zu müssen, aber du hast nicht die geringste Vorstellung von meinen Schwierigkeiten! Und nicht ich bin es, die sich in Schwierigkeiten bringt, sondern diese verdammte Burg mit ihren … Bewohnern, mit ihren dummen Regeln. Hätte ich nicht heimlich und entgegen den Regeln bei Kora gelernt, wären einige Männer jetzt ziemlich schlecht dran, unter anderem dein Verlobter. Aber hat es mir irgendjemand gedankt? Nein, natürlich nicht, sie machen mir Vorwürfe! Ist das nicht reizend? Ich habe es satt, verstehst du, es reicht mir! Endgültig!“

Bevor Mara die Halle verließ, drehte sie sich noch einmal zu den tuschelnden, empört dreinblickenden Männern und Frauen um. „Das war alles, ihr könnt jetzt weiter essen. Ich habe euch nichts mehr zu sagen. Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich habe rasende Kopfschmerzen und werde mich vermutlich gleich übergeben.“

* * *

Jula, Soldat in der manduranischen Armee, hatte kaum ein Wort von dem, was die junge Frau sagte, verstanden. Aber er hörte ihre Wut und Verzweiflung, ihre Resignation heraus; sie tat ihm Leid. Beinah kam es ihm so vor, als würde sie sich verabschieden, und das beunruhigte ihn zutiefst.

Sie war freundlich zu ihm gewesen und das hätte sie sicher nicht sein müssen. Schließlich musste sie in ihm einen Feind sehen, einen der verhassten, gefürchteten Nordländer. Ängstlich hatte sie aber nicht auf ihn gewirkt, oder so verhuscht wie viele der anderen Frauen, eher …

Er kam nicht darauf, folgte ihr mit den Augen. Sie schien die düstere, nicht sonderlich anheimelnde Halle, das spärliche Licht kam von irgendwo hinter der Empore oben, verlassen zu wollen. Eilig stand er auf.

Just in dem Moment, als ihr einer der Kerle, die sie gestern auf der Lichtung heimtückisch angegriffen hatten, drohend in den Weg trat. Sofort griff Jula zum Schwert, zog aber nicht, noch nicht.

Verstand nicht, was die zwei redeten, doch klang es nicht gut. Feindselig, voller Wut, Hass und, von Seiten des Mannes, Häme.

Jula hörte den fragenden Ton in der Stimme der jungen Frau, bevor diese sich zu ihm umwandte. Bevor der Kerl sie packte, ihr brutal den Arm verdrehte und gleichzeitig ein Messer an die Kehle drückte. Jula zog blank.

Einige Weiber kreischten, ein hübsches, dunkelhaariges Mädchen sprang auf, kreidebleich im Gesicht. Er glaubte Domallens Blick auf sich zu spüren, sah Len auf der anderen Seite hinter dem Mistkerl, der die junge Frau bedrohte, seine beruhigenden Gesten. Zu weit entfernt.

Die junge Frau schrie nicht, wehrte sich auch nicht, sondern sprach zu dem Kerl. Welcher ihr nur stärker den Arm verdrehte, Jula hörte ihr unterdrücktes Stöhnen, und sie zurück in die Halle drängte. Einige Schritte vor Domallen, der wie alle anderen aufgestanden war und ihn wachsam beobachtete, blieb der Dreckskerl stehen, seine Worte klangen fordernd.

Domallen befahl Jula mit ruhiger, fester Stimme, das Schwert wegzustecken, und er gehorchte.

Wieder wurde geredet, wieder konnte er nur erahnen, worüber, konnte nicht eingreifen, während seine Wut auf diesen verdammten Kerl wuchs, der die junge Frau bedrohte, ihr weh tat, das sah er ihr doch an, und wenn … Unvermittelt stand Len neben ihm, berührte seine Schulter. „Immer schön ruhig, Junge. Überlass das dem Hauptmann.“

„Was? Aber …“

Der Kerl verdrehte einmal mehr den Arm der jungen Frau, so heftig, dass diese aufschrie, ihr Gesicht ganz blass. Doch bevor Jula reagieren konnte, hatte Len fest seine Schulter gepackt. „Der Idiot ist so dämlich, ihn zum Zweikampf zu fordern. Keine Frage, Domallen macht ihn fertig.“

„Die haben doch …“

Len, seit Jahren ein guter Freund, in vielerlei Hinsicht sein Vorbild, obwohl er ihm das nie gesagt hatte, zuckte die Achseln. „Hinterwäldler-Pack, du kannst ihnen nicht trauen.“

Tatsächlich brachte jemand das Schwert des Mannes. Doch der nahm es nicht auf. Meinte, noch mehr reden zu müssen. „Ihr nehmt meine Herausforderung an, Reik aus dem Haus Domallen?“

„Ja. Zweikampf bis zum Tod.“

Das hatte Jula allerdings verstanden, er ballte die Fäuste.

Ein Raunen ging durch die Halle, doch der Dreckskerl musste noch einige Worte loswerden. Starrte Domallen hasserfüllt an und stieß die junge Frau grob weg.

Dann erst tauschte der Kerl sein Messer gegen das Schwert.

Mitleidig schaute Jula zu der Frau, die am Rand des unregelmäßigen, weiten Kreises, der sich um die beiden Kontrahenten gebildet hatte, stehen geblieben war, ihren Arm umklammerte. Er hätte ihr gern geholfen, wenn er nur gewusst hätte, wie. Aber er konnte ja nicht einmal mit ihr reden, verstand dieses verfluchte Südländisch nicht. Len ließ ihn nicht aus den Augen, als befürchtete der, er könne etwas Dummes machen. Zu der blassen, jungen Frau stürzen, die sich geistesabwesend mit dem dunkelhaarigen Mädchen unterhielt, sie schnappen, auf sein Pferd setzen und mit ihr nach Mandura abhauen? Nee, das sicher nicht, obwohl …

Er richtete seine Aufmerksamkeit auf die beiden Männer, die sich kampfbereit gegenüber standen. Und plötzlich genug davon hatten, sich abwartend zu umkreisen. Der Dreckskerl griff Domallen an, stieß überhastet zu, doch der Hauptmann parierte den Hieb mit Leichtigkeit.

Julas Blick wanderte zu der jungen Frau, die dem Kampf wie gebannt zusah, sichtlich fasziniert. Kein guter Zweikampf, er hatte bessere gesehen – wenn auch keinen auf Leben und Tod –, hatte Domallen schon weit besser kämpfen gesehen.

Der Südländer, ein kräftiger, gedrungener Kerl, deutlich kleiner als Domallen und womöglich ein paar Jahre älter, griff wieder und wieder an, traf aber kein einziges Mal, kam mit keinem Hieb, keinem Stoß durch Domallens Deckung. Der sich kaum zu bewegen schien, einfach abwartete, in Julas Augen nicht die beste Taktik, lediglich die Angriffe des Südländers abwehrte. Was den immer mehr in Rage brachte.

Dann endlich griff Domallen an, traf seinen Gegner an der Seite. Keuchend wich der Mann zurück, die Hand auf die Wunde gepresst, Blut quoll ihm zwischen den Fingern hervor. Aber Domallen setzte nicht nach, sondern gab dem unterlegenen Südländer mit gesenktem Schwert die Chance, sich zu erholen. Oder gar aufzugeben?

Wieder griff der Südländer an, was sollte er sonst tun, stürzte sich schreiend auf Domallen und traf, verletzte ihn am Oberarm. Und dann ging alles sehr schnell, Domallen bedrängte den Südländer, der rückwärts taumelte, im Fallen sein Schwert losließ und auf dem Rücken landete, hilflos wie ein Käfer. Mistkäfer.

Der Hauptmann stand drohend über ihm, die Spitze seines Schwertes schwebte über der Kehle des Besiegten, aber er stieß nicht zu. Wandte sich stattdessen an die junge Frau.

Jula ahnte, wenn er die Worte auch nicht verstand, was Domallen sie fragte. Und sie wartete lange, die Unruhe unter den Leuten in der Halle wurde immer größer, sehr lange mit ihrer Antwort, schien gar nicht recht anwesend zu sein. Fast als würde sie träumen, ihre Stimme rau, belegt.

Im nächsten Moment kippte sie einfach um, Jula konnte sie gerade noch auffangen.

* * *

Es gefiel Reik nicht, lediglich auf die Ereignisse zu reagieren, nicht selbst handeln und das Geschehen bestimmen zu können. Sein Vorgehen eines Hauptmanns der Garde nicht würdig. Aber was sollte er machen, die junge Frau war krank, nicht einmal ansprechbar.

Mehrmals am Tag schaute er kurz nach der jungen Frau, wenn die Heilerin Kora oder dieses Mädchen, Anella, bei ihr waren. Doch wirklich tun konnte er nichts, während seine Gedanken ständig um sie kreisten, ihr seltsames Verhalten, ihre abweisende, zugleich so faszinierende und widersprüchliche Art. Sie interessierte ihn.

Anderen wurde, auf seine Anweisung hin, der Zutritt zu dem Zimmer verweigert, und dieser Ludeau gelangte ganz sicher nicht mehr zu ihr.

Der Kerl hatte nach dem Zweikampf nicht nur schleunigst die Halle, sondern offenbar auch das Gelände der Burg verlassen, blieb selbst nach zwei Tagen noch verschwunden.

Immerhin konnte er Bro überreden, ihren Aufenthalt um einige Tage zu verlängern, bis … ja, bis er endlich mit ihr reden konnte. Es erschien ihm immer wichtiger. Bedeutsam.

* * *

Immer der gleiche, qualvolle Traum, und jedes Mal schien er schlimmer zu werden. Die Fremden überfielen Ogarcha, metzelten alle Bewohner nieder und sie floh mit Anella auf den Turm. Der Fremde folgte ihnen und Anella sprang, sie stieß ihm das Schwert in den Leib, aber er lachte nur, und sie schrie und schrie und jedes Mal dauerte es länger, bis sie von ihren eigenen Schreien erwachte.

Doch in manchen Träumen verfolgte sie etwas Anderes, etwas derart Grauenhaftes, dass sie nicht einmal schreien konnte.

Wenn Mara nicht schlief, nicht träumte, quälten sie Kopfschmerzen, oftmals so stark, dass sie glaubte, ihr Kopf würde zerbersten, so arg, dass ihr übel wurde und sie sich übergeben musste. Hilflos zitternd saß sie auf der Bettstatt, die Knie angezogen, den Rücken gegen die Wand gepresst, und wagte nicht, sich zu bewegen, aus Angst, die Schmerzen könnten noch schlimmer werden.

Mitunter war Anella bei ihr, redete leise mit ihr. Ein Mal sprach sie mit Kora, doch worüber sie redeten, vergaß sie sofort wieder.

Vielleicht war Kora auch gar nicht da gewesen und sie hatte nur geträumt? Sie unterhielt sich wiederholt mit Menschen, die nicht da waren, nicht da sein konnten, weil sie längst tot waren. Redete mit ihrem Vater. Er erzählte ihr von der Wolfsjagd und sie wunderte sich, denn als er noch lebte, hatte er ihr nie von der Wolfsjagd berichtet oder davon, wie man den Wolf tötet, ohne selbst verletzt zu werden.

Und dann waren da die Stimmen, die unablässig auf sie einschwatzten, laut keiften und kreischten, bis ihr die Ohren klangen. Die Stimmen machten sie zornig, so zornig, dass sie ihre Kopfschmerzen vergaß und aufsprang und … auf dem Fußboden erwachte und alles tat ihr weh, wieder einschlief.

Und irgendwann war alles gleich, sie wusste nicht mehr, ob die Nordländer noch immer mordend durch die Burg zogen und Anella vom Turm gesprungen war oder ob sie träumte, sie hätte rasende Kopfschmerzen. Sie konnte nicht sagen, ob jemand bei ihr in diesem unaufgeräumten halbdunklen Zimmer war und zu ihr sprach oder ob sie träumte, jemand wäre da und redete. Vielleicht träumte sie, vielleicht auch nicht und vielleicht war sie tot.

Mara begann zu lachen, nein, tot war sie wohl nicht, Tote hatten sicherlich keine Kopfschmerzen und ihnen war auch nicht übel. Lachend kroch sie zum Bett und amüsierte sich darüber, dass sie auf dem Boden lag, lachend schlief sie ein, obwohl sie nicht sicher war, ob sie tatsächlich einschlief, und darüber lachte sie noch mehr.

* * *

„Ihr könnt nicht zu ihr, Mara ist krank. Ihr könnt unmöglich mit ihr reden!“ Das dunkelhaarige, dralle Mädchen, noch ein halbes Kind, gebarte sich wie eine Tiermutter, die ihr Junges verteidigte. Nur um Reik zum wiederholten Mal daran zu hindern, das Zimmer zu betreten, in dem die Frau, auf seine Anweisung hin, untergebracht worden war.

„Ich muss aber mit ihr reden, es ist wichtig!“

„Nein, sie wird sich nur wieder aufregen und das kann nicht gut für sie sein.“

Der flehende Ton, das Verhalten des Mädchens war beinah anrührend, doch darauf konnte Reik keine Rücksicht nehmen. Ihm lief die Zeit davon, Bro wollte nicht mehr lange bleiben. „Versteht Ihr denn nicht, es …“

„Nein, und ich will auch gar nicht verstehen. Geht jetzt, bitte!“