Mandy das Handy - Mandy - E-Book

Mandy das Handy E-Book

Mandy

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Beschreibung

Das erste Buch aus der Perspektive eines Smartphones: ruckelfrei, mit viel Gigahertz und scharfen Megapixeln. Als das resolute Smartphone Mandy Magenta nach Deutschland kommt, beginnt das große Abenteuer: Erst muss sie im Elektromarkt als Ausstellungsstück zeigen, welche Funktionen sie drauf hat, dann kommt sie in den Discounter, wo sie sich geschickt in den Warenkorb von Dominik vibriert. Mandy das Handy ist nicht nur äußerst charmant, sie ist auch resolut und weiß, was sie will. Bei Dominik und Lisa fühlt sie sich sofort wohl und mit Lana, dem Smartphone von Lisa connected sie sofort. Eigentlich ist alles super, wäre da nicht Mandys Vergangenheit als Ausstellungsstück. Mandy das Handy funktioniert einfach nicht so, wie sie es selbst gerne hätte. Und das merkt auch Dominik, der Besitzer, der manchmal nach neuen Geräten googelt. Mandy wird panisch und heckt verzweifelt Pläne aus, um bei Dominik zu bleiben. Und Mandy wäre nicht Mandy, wenn ihr da nicht etwas einfallen würde ... Mandy Magenta ist immer voll geladen. Mit ihrer 8 Megapixel-Kamera hat sie alles fest im Blick und in ihrem 32 Gigabyte großen Speicher geht keine Erinnerung verloren. Laut Hersteller ist Mandy ein zuverlässiges Gerät, dessen künstliche Intelligenz mit einer starken emotionalen Note versehen ist. Sie regelt das Leben ihres Besitzers und zeigt dabei humorvoll und sehr eigenwillig, dass Smartphones viel mehr sind, als nur ein stummer Begleiter. In diesem amüsanten Buch werden die digitalen Geräte werden zum Leben erweckt.

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Seitenzahl: 317

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Mandy

Mandy das Handy

Aus meinem appgefahrenen Leben als Smartphone

mit Carsten Uekötter

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Das erste Buch aus der Perspektive eines Smartphones: ruckelfrei, mit viel Gigahertz und scharfen Megapixeln.

Als das resolute Smartphone Mandy Magenta nach Deutschland kommt, beginnt das große Abenteuer: Erst muss sie im Elektromarkt als Ausstellungsstück zeigen, welche Funktionen sie drauf hat, dann kommt sie in den Discounter, wo sie sich geschickt in den Warenkorb von Dominik vibriert. Mandy das Handy ist nicht nur äußerst charmant, sie ist auch resolut und weiß, was sie will. Bei Dominik und Lisa fühlt sie sich sofort wohl und mit Lana, dem Smartphone von Lisa connected sie sofort. Eigentlich ist alles super, wäre da nicht Mandys Vergangenheit als Ausstellungsstück …

Mandy Magenta ist immer voll geladen. Mit ihrer 8 Megapixel-Kamera hat sie alles fest im Blick und in ihrem 32 Gigabyte großen Speicher geht keine Erinnerung verloren. Laut Hersteller ist Mandy ein zuverlässiges Gerät, dessen künstliche Intelligenz mit einer starken emotionalen Note versehen ist. Sie regelt das Leben ihres Besitzers und zeigt dabei humorvoll und sehr eigenwillig, dass Smartphones viel mehr sind, als nur ein stummer Begleiter. In diesem amüsanten Buch werden die digitalen Geräte zum Leben erweckt.

Inhaltsübersicht

Mandy kommt an

Mandy funkt durch

Mandy dockt an

Mandy lernt dazu

Mandy fährt los

Mandy bleibt liegen

Mandy spornt an

Mandy lüftet aus

Mandy fällt auf

Mandy muss weg

Mandy zieht um

Mandy feiert ab

Mandy stellt vor

Mandy lädt nach

Mandy fliegt hoch

Mandy strahlt aus

Mandy zieht durch

Mandy startet neu

Danke

Mandy kommt an

»Rückgabe innerhalb von vierzehn Tagen unter Vorlage des Belegs möglich.« Das soll mal einer versuchen! Wer auf die Idee kommt, mich umzutauschen, muss verrückt sein. Ich bin ein Premium-Gerät aus meiner Modellreihe, meine Hülle glänzt in der Sonne, mein Display hat keinen Kratzer, und ich lasse mich täglich mit einem Spezialtuch epilieren. An mir will jeder rumfummeln, ich lasse aber nur meinen Besitzer Dominik ran – solange der sich benimmt. Auch meine inneren Werte sind tadellos. Männer stehen ja total auf Charakter, also bei Smartphones: Wie viel Gigahertz hat der Prozessor, wie viele Megapixel die Kamera, wie ruckelfrei laufen Videotelefonate und wie schnell reagiert die App für den Pizzabringdienst … Was Männern bei Frauen wichtig ist, habe ich während meiner Zeit im Elektromarkt gesehen. Da kam ein blondes Mädel, die hat mich falsch rum ans Ohr gehalten und in mein Hinterteil gebrabbelt. Die war unterbelichtet von hier bis zur Steckdose und wieder zurück. Bei der kamen alle Verkäufer, von denen sonst nie was zu sehen war, aus ihren Verstecken geschossen und haben die Tussi voll umschmeichelt. Seitdem weiß ich, wenn bei Frauen die Teile gut verbaut sind, ist Männern alles andere egal. Komisch eigentlich, bei technischem Krams werden stundenlang alle Werte studiert, aber bei Frauen reicht ein Blick, um über deren Qualitäten zu entscheiden. Frauen ticken völlig anders. Die wollen nämlich nicht nur was fürs Auge, sondern vor allem was für den Geist. Was das angeht, ist Dominik für mich ein Glücksfall. Der ist richtig schlau und so begeistert von mir, dass er mir gleich eine kuschelige Aufladeschale gekauft hat. Darin bin ich automatisch mit zwei Lautsprechern verbunden. Left und Right heißen die und sind dumm wie Plastikfolie. Left brüllt immer: Let there be rock, und Right hält mit: Enjoy the silence dagegen. Da kann ich genauso gut versuchen, ein Gespräch mit Dominiks Sofa anzufangen. Dafür komme ich mit Lana, dem Handy von Dominiks Freundin Lisa, super klar. Ein total liebes Gerät mit etwas zu wenig Strom unterm Hintern. Die macht sich andauernd vor Aufregung in die Hülle. Seit ich bei Dominik eingezogen bin, habe ich sie unter meine Fittiche genommen. Zwei, drei Lektionen noch in Sachen Selbstvertrauen, und Lana wirft nichts mehr aus dem Netz.

»Kapier doch endlich, dass nicht wir den Menschen gehorchen, sondern die uns«, mache ich gegenüber Lana einen auf oberschlau. Lana wohnt seit über einem Jahr bei Dominik und Lisa und weiß immer noch nicht, wo das Ladekabel langläuft. Da muss erst ich kommen und ihr beibringen, dass wir weiblichen Geräte jeden Tag aufs Neue um unseren Platz in der Elektrowelt kämpfen müssen. Jede, die das anders sieht, ist schneller in der Wertstofftonne, als sie sich einmal aufladen kann. Mal schauen, wie leicht die Kleine zu beeindrucken ist.

»Lana, pass genau auf!«, funke ich ihr zu und piepe einmal laut. Schon kommt Dominik angerannt, um zu schauen, was los ist.

»Hast du gesehen, Lana? Jetzt du, piep einmal laut, und Lisa wird angerannt kommen.«

»Ne, ich traue mich nicht. Ich kann doch nicht ohne Grund piepen. Nachher ist Lisa bestimmt enttäuscht von mir.«

»Quatsch, du piepst jetzt!«

Lana piept leise vor sich hin, und nichts passiert. Ich beende das duckmäuserische Schauspiel und wähle Lunas Nummer.

»Mandy, bist du verrückt, ich stehe auf voller Lautst… DRING DRING DRING.«

Und schon kommt Lisa angerannt und schnappt sich Lana.

»Wieso rufst du mich denn an?«, fragt sie und guckt verpeilt zu Dominik rüber.

»Hä? Ich habe nichts gemacht. Mein Handy liegt doch dahinten«, antwortet Dominik verwirrt und guckt besorgt zu mir rüber: »Oje, das ist bestimmt schon kaputt.«

Auweia, das nenne ich ein klassisches Eigentor. Lana hat ihre Lektion zwar gelernt, nur denkt Dominik jetzt, ich hätte einen Fehler im System. Die nächsten Tage muss ich mich unbedingt zusammenreißen. Der darf mich auf keinen Fall umtauschen!

 

»Mandy, denk dran, immer wenn du Essen siehst, musst du ein Foto davon machen. Das mögen die Menschen«, erklärt mir Lana. Sie meint es ja gut mit mir, aber diese Unterwürfigkeit ist schwer auszuhalten. Was für die Menschen Essen ist, ist für mich Strom. Beides gibt neue Energie und mehr nicht. Warum sollte irgendjemand auf die Idee kommen, Essen zu fotografieren? Ich mache ja auch keine Fotos von Steckdosen. Obwohl, das wäre mal eine Idee. Sobald ein Schild mit »Kunst« dran klebt, kaufen die Menschen alles. Dominik hat sich letztens auf mir einen Artikel über den Kunstmarkt von früher und heute durchgelesen. Da gibt’s voll die komischen Sachen: Eingelegte Kühe, abgemalte Konservendosen oder hingekritzelte Dackel. Verstehe ich überhaupt nicht, soll das wirklich Kunst sein? Aber Lana hat recht. Dominik fotografiert alles, was er sich in den Mund stopft. Besonders gerne macht er Fotos von Currywürsten oder Frikadellen und stellt die mit der Bemerkung »Obstsalat« in die sozialen Netzwerke. Selten so gelacht. Ganz schlimm wird es, wenn Lisa und Dominik zusammen kochen. Dann geht Dominik voll ab: »Stopp! Ich muss erst ein Foto machen. Wisch kurz den Rand ab und schieb die Tomate gerade.« Die Bilder muss ich mit Kommentaren wie »Gemütlicher Abend zu zweit. Läuft bei uns« posten. Solang meine Umtauschfrist läuft, mache ich das alles tapfer mit. Aber die beiden werden sich wundern, was für Kommentare unter ihren Bildern erscheinen, wenn ich meiner Autokorrektur freien Lauf lasse, hihi. Das mit den Essensfotos ist eine Seuche. Da kann die fieseste Plörre auf dem Teller liegen, Hauptsache, durch den Fotofilter sieht es lecker aus. Es gibt sogar Internetseiten, auf denen die ekeligsten Fotos vom Essen aus Krankenhäusern und Altenheimen gezeigt werden. Obwohl, das finde ich ja schon wieder witzig. Da zeigen die Kranken und Vergessenen ihren Leuten daheim, was auf sie zukommt, wenn sie selbst nicht mehr richtig funktionieren.

Plötzlich reißt mich Dominik aus dem Ruhemodus, wischt mich mit einem stinkenden Tuch ab und klebt mir ein riesiges Pflaster übers Gesicht. Hallo, spinnt der? Zum Glück ist das Pflaster durchsichtig, aber der Klebstoff ist Gift für mein Display. Wenn ich von dem ekeligen Ding nur eine Unreinheit bekomme, ist was los. Lana beruhigt mich und erklärt mir, dass die Folie mich vor Kratzern schützen soll. Sie sei ein Beweis dafür, wie wertvoll ich für Dominik bin. Richtig traue ich ihm trotz Folie nicht. Schließlich ist und bleibt er ein Mensch, und was die mit einem machen können, habe ich im Elektromarkt erlebt.

 

Bevor ich bei Dominik gelandet bin, haben mich im Regal des Elektromarkts unzählige Hände begrabbelt, vergilbte Raucherstängel und fettverschmierte Wurstfinger. Ein paar ganz fiesen Kandidaten bin ich gerade noch entkommen, wie diesem einen verzogenen Bengel:

»Papa, das Handy will ich. Bei mir in der Klasse haben das auch alle!«

»Jan Christian, wir haben in unserer Familie eine Regel. Geschenke bringt das Christkind.«

»Das Christkind ist schwul. Schwuuhuuul!«

»Jan Christian, wir benutzen schwul nicht als Schimpfwort in unserer Familie.«

»ÖCH WÖLL DÖS HÖNDÖÖÖÖ!«

»Jan Christian, nein!«

Am darauffolgenden Tag kam ein fieser Aggressivling, der hat den Verkäufer angesehen, als hätte der seine Mutter beleidigt:

»Dieses Handy kann ich Ihnen für 749 Euro anbieten – oder Sie finanzieren es mit einer Ratenzahlung.«

»Was kost ’ne Rate?«

»Das wären 34,95 Euro über vierundzwanzig Monate.«

»Mach ich.«

»Dann bräuchte ich einmal Ihren Personalausweis.«

»Bist du Bulle oder was?«

»Ich brauche den Ausweis für den Handyvertrag.«

»Scheißdreck Vertrag. Nix Ausweis. Lass mich in Ruhe!« Und weg war er.

Der größte Albtraum war aber Heinz, der kurzerhand meine Fußfessel abriss.

»Heinz, bist du bescheuert? Leg das Handy zurück! Hier piept schon alles«, meckerte seine Frau ihn an.

»Lass mich mal machen, Rita. Bevor ich das kaufe, muss ich den Drücktest machen!«

»Dann drück doch einfach auf die Tasten, ohne alle Kabel rauszureißen.«

»Ich meine in der Hose! Ob das Handy meinem besten Stück genug Luft zum Atmen lässt.«

»Oh Gott. Ich warte draußen.«

Zum Glück kaufte mich keiner dieser Menschen. Ehrlich gesagt, kaufte mich überhaupt niemand. Um mich rum kamen und gingen Handys, und schnell war ich die Älteste im Laden. Bald klebte über meinem Kopf ein großer roter Pfeil mit der Aufschrift: »Wir sind bekloppt – 20 % auf alles!« Langsam hatte ich schon die Hoffnung aufgegeben, dass irgend ein vernünftiger Mensch mich aus dem Regal befreien würde. An mir konnte das jedenfalls nicht liegen. Ich bin ein Spitzengerät. Da musste was bei der Marketingkampagne für mich schiefgelaufen sein. Normalerweise campieren die Leute vor den Läden, um an Geräte wie mich zu kommen. Da gibt es ohne Ende kurze Videos im Internet, wie Leute tagelang vor Geschäften rumliegen, um als Erstes an die neusten Smartphones zu kommen. Vor meinem Regal lag nur Staub. Obwohl, bequem war das Leben im Verkaufsregal ja schon. Ich musste nichts tun, außer diese Verrückten, die an mir rumspielen wollten, aushalten. Aber sollte es das gewesen sein? Nein, Mandy wurde nicht fürs Regal produziert, sondern fürs pralle Leben. Nach einem weiteren verkaufsoffenen Sonntag, an dem ich betoucht, aber nicht gekauft wurde, schnappte mich ein Angestellter des Elektromarkts und zeigte mich seinem Kollegen: »Was machen wir denn mit dem Ladenhüter hier? Verramschen oder Filiale D?«

»Zeig mal her. Das ist noch gut. Das schicken wir nach D«, sagte der Kollege, auf dessen Namensschild »Stefan Berufe« stand. Bevor ich mir weiter Gedanken über »D« machen konnte, schaltete Herr Berufe mich aus.

 

Als ich zwei Tage später wieder eingeschaltet wurde, merkte ich, dass ich nicht alleine war. Ich war umgeben von Dutzenden Handys, die alle um die Wette vibrierten. Ich war im Aktionsregal eines Discounters gelandet. Genauer gesagt, war ich das Vorführgerät im Aktionsregal des Discounters. Über meinem Kopf hing ein neues Schild: »Markenhandys – nur 449 €«. Während ich ernsthaft überlegte, meinem Dasein als Vorführgerät ein schnelles Ende zu setzen und aus dem Regal direkt in den Handyhimmel zu springen, kam mir ein junger Mann, mit zauseligem Haar, verschlafenem Gesicht und Rat suchendem Blick entgegen. Das war mein erster Kontakt mit Dominik, achtunddreißig Jahre alt und Angestellter bei einer Hausverwaltungsfirma. Er war der normalste Mensch, den ich seit meiner Ankunft in Deutschland gesehen hatte. Und mittlerweile wusste ich: Normal war das Beste, was mir zu dem Zeitpunkt passieren konnte. Ich frage mich bis heute, wie Dominik seine Freundin Lisa erobern konnte. Lisa ist ein unglaublich tolles Mädel, die weiß was sie will, ist total positiv drauf und strahlt das mit jeder Pore ihres ziemlich gut aussehenden Körpers aus. Und dann ist sie auch noch vier Jahre jünger als Dominik. Was will die nur mit dem alten Knacker? Lisa arbeitet übrigens bei einem Reiseunternehmen und ist völlig reiseverrückt. Als Dominik im Discounter auf mich zukam, lag ich bereits ziemlich nah am Rand des Regals. Ich vibrierte hin und her, bis ich mit einer großen Portion Glück genau passend runterfiel und in Dominiks Einkaufswagen landete. Dominik lachte einmal laut auf und murmelte nur: »Haha, genau danach habe ich gesucht. Zum Glück gibt es noch welche!« Er bedeckte mich mit zwei Großpackungen Toilettenpapier und zockelte zur Kasse. An der Kasse stellte er die Frage, die mich bis heute beschäftigt: »Kann ich das wieder umtauschen, wenn mir das nicht gefällt?« Wie kommt man überhaupt darauf, so was Unwürdiges wie eine Umtauschfrist zu erfinden? Würde Dominik sich als Vater auch so verhalten, wenn er könnte? Nach dem Motto, ich schaue mir das Baby zwei Wochen an, und wenn das nicht funktioniert, wie ich will, geht es ab ins Heim.

Heute waren wir mal wieder einkaufen; und voll peinlich, Dominik hatte wieder sein Shopping-Outfit an: Jutebeutel, Fahrradhelm, Blinkelement an der Jacke und Regenhose. Das fand ich ja süß, als wir uns im Discounter kennengelernt haben, aber auf Dauer geht das gar nicht. Ich ziehe schon die Kameralinsen anderer Handys auf mich. Heute wurde ich sogar von einem fremden Handy schief von der Seite angefunkt, von wegen ob mein Besitzer seine Gürteltasche für mich vergessen hätte. Pah, Gürteltasche, ich bin doch kein Hausmeisterhandy.

Zurück zu Hause, warf Dominik mich in die Schlüsselschale auf der Kommode im Flur. Ich landete direkt neben dem Umtauschbon vom Discounter. Egal, wie dämlich Dominik bei seinen Shopping-Ausflügen aussieht, er behandelt mich super, und ich fühle mich pudelwohl bei ihm. Deshalb reagierte ich blitzschnell und vibrierte immer heftiger und heftiger, bis die Schale umfiel und der Bon im Spalt zwischen Kommode und Wand verschwand. Upsi, was für ein Pech. Nun ist er weg, der Bon, und niemand kann mich mehr umtauschen, hihi.

»Ich … ach, ich trau mich nicht.« Lana

Ab und zu kochen Lisa und Dominik gemeinsam mit seiner Schwester Steffi und ihrem Sohn Felix. Die beiden wohnen ein Stockwerk tiefer. Die suchen vorab immer ewig lang Rezepte in meiner Koch-App, bis am Ende wieder Gemüselasagne dabei rauskommt.

»Ich gebe eine Fehlermeldung raus, dann suchen die bestimmt auf dir ein Rezept«, sage ich zu Lana und nutze die Rezeptsuche für eine zweite Lektion in Sachen Selbstvertrauen.

»Oh nein, Mandy, das ist zu viel Verantwortung für mich.«

»Doch! Schlag am besten was mit ordentlich Wein vor, dann merkt keiner, wie es schmeckt.«

Gesagt, getan. Dominik sucht in meiner App nach einem Rezept, und ich unterbreche die WLAN-Verbindung.

»Och menno, mein Handy spinnt schon wieder. Erst ruft es einfach von alleine irgendwo an, und jetzt ist das Internet blockiert. Wenn das weiter bockt, tausche ich es um.«

Das mit den Eigentoren habe ich echt drauf. Aber was tue ich nicht alles, um Lana auf den rechten Pfad der Emanzipation zu führen. Und außerdem, Dominik soll ruhig versuchen mich umzutauschen, wird kaum klappen, ganz ohne Bon, hihi. Ich sehe ihn schon an der Kasse stehen: »Entschuldigung, ich habe den Bon verloren. Kann ich das trotzdem umtauschen?«

»Nein«, wird ihn die Kassiererin zurechtweisen. »Ohne Bon geht nichts!«

Und Dominik würde ohne Gegenwehr einknicken: »Och menno, da kann man wohl nichts machen …«

 

Überraschenderweise entscheiden sich Dominik und Co. für Gemüselasagne. Dank Lanas Rezeptvorschlag besteht die Füllung zu einem Großteil aus Wein. Nach dem Essen spielt der leicht angesäuselte Felix Verbrecherjagd auf dem Teppichboden. Ich beobachte ihn, wie er als Verbrecher allen anderen ihre Wertsachen abknöpft. Ich bin mir sicher, aus ihm wird ein toller Mann werden. Neben mir liegt Steffis Handy Emo. Sie ist Testsieger bei den umweltverträglichen Handys. Angeblich ist sie voll recycelbar und braucht weniger Strom, erzählt sie mir, und dafür kann sie weniger als andere Smartphones. Daraus hat sie eine eigene Philosophie abgeleitet: »Ich freue mich über jede Funktion, die mir fehlt. Denn nur, wer wenig hat, kann großes Glück erfahren.« Damit passt Emo wunderbar zu Steffi, die bei einem Homöopathen arbeitet und voll einen auf Öko macht. Die trägt meistens selbst genähte Klamotten und verzichtet auf jegliche Schminke. Deshalb sieht man ihr die fünf Jahre, die sie älter ist als Dominik, deutlich an. Vielleicht sind ihre Haare deshalb total kurz. Das spart Shampoo und schont die Umwelt.

»Sag mal, Dominik, musst du immer diese ekeligen Fleischfotos ins Internet stellen? Wenn das so weitergeht, muss ich dich entfreunden.«

»Stell dich nicht so an, Steffi. Als wir klein waren, konntest du nie genug bekommen von Omas Rinderrouladen, und heute machst du einen auf Fleischverächterin.«

»Vielleicht könntest du wenigstens Flexitarier werden.«

»Was für’n Ding?«

»Ja, Flexitarier. Die essen ganz bewusst nur ausgewähltes Fleisch.«

»Mache ich doch. Ich wähle jeden Tag das Wurstbrötchen beim Bäcker und esse das bei vollem Bewusstsein.«

Da hat Dominik aber wieder einen rausgehauen. Ich starte bei solchen Plaudereien öfter meine Aufnahmefunktion und lache mich später mit Lana über das Gerede kaputt. Bei der Gelegenheit erzählt mir Lana immer von Steffi und Felix. Lana ist zwar selbst erst ein Jahr bei Lisa, hat in der Zeit aber so viele Gespräche mitgehört, dass sie bestens über Steffis Leben informiert ist. »Steffi stand vor zehn Jahren auf einmal hochschwanger vor der Haustür ihrer Eltern. Sie hatte wohl in Barcelona gelebt, und der Vater muss irgendjemand von dort sein. Wer das genau ist, weiß bis heute keiner. Felix ist dann quasi zum Familienkind geworden. Alle waren irgendwie an der Erziehung beteiligt.«

Jetzt ist mir klar, wo der kleine Felix sein Temperament herhat. In ihm wohnt ein feuriger Stier. Den Teil seines Charakters muss ich stärken. Der braucht eine starke Antenne wie mich an seiner Seite, die ihm die richtigen Signale sendet.

 

Vielleicht habe ich Felix zu früh gelobt … Am folgenden Tag passen Lisa und Dominik ein paar Stunden auf ihn auf, als er mit einem Zettel angelaufen kommt. »Onkel Dominik, guck mal, das lag unterm Schrank im Flur«, ruft er ganz stolz.

»Super, Felix. Das ist der Bon von meinem Handy«, sagt Dominik erleichtert. »Den suche ich schon ewig. Ohne den verfällt die Garantie!«

Toll, Felix, ganz toll. Aber ihm kann ich einfach nicht böse sein. Wie er da steht und mit seiner leeren Wasserpistole auf Lana zielt, ist einfach zu goldig. »Lisa, ich gehe kurz zum Laden. Du hast Felix im Griff, oder?«

»Solange er nicht an den Wasserhahn kommt, ist alles gut.«

Dominik holt sich seine Jacke, steckt mich zusammen mit dem zerknüllten Kassenbon in die Hose und geht ohne Tragetasche zum Discounter. Das kann nur eins bedeuten: Der will mich eiskalt abservieren. Denn ohne seinen Jutebeutel geht Dominik niemals einkaufen. Plastik sei schlecht für die Umwelt. Dass ich nicht lache. Ich bestehe zu einem großen Teil aus Plastik und schmücke die Umwelt besser als manche Blume. Potthässliche Dinger gibt es, wie die Teile hier vorm Discounter. Das sind keine Blumen, das sind Hundeklos, und so sehen die auch aus. Einfach nur ekelig, Blumen, Salat und all das Zeug, das verdreckt aus der Erde kommt. In der Fabrik, in der sie mich zusammengebaut haben, lag kein einziges Staubkorn. Nicht mal eine Bakterie war da aufzufinden. Aber ich bin ja auch ein intelligentes Wesen, ganz im Gegensatz zu den grünen Hundeklos da unten. Jetzt habe ich mich gerade bei Dominik eingewöhnt und soll zurück ins Discounterregal? Das wollen wir doch mal sehen. Die Discounterkasse muss mir helfen. »Hey, ich bin in einer Notlage. Mach bitte sofort eine Fehlermeldung. Wir Geräte müssen zusammenhalten. Wenn du mich verstehst, piep zweimal hintereinander.«

Piep – Piep – Piep – Piep

Das störrische Gerät tut so, als versteht es mich nicht. Na warte!

»Ich weiß genau, dass du mich hörst. Stürz sofort ab! Sonst setze ich dich auf die Werkseinstellung zurück, verstanden?«

Piep – Piep

Na also, geht doch. Das mit den Werkseinstellungen kann ich natürlich gar nicht. Aber die Kasse verfügt über zu wenig künstliche Intelligenz, um das zu checken. Die Kassiererin sieht die Fehlermeldung und versucht verzweifelt, die Kasse wieder in Gang zu bekommen. Nach ein paar Minuten verliert ein Rentner aus der Warteschlange die Geduld. »Wird das heute noch was? Wenn das noch länger dauert, mache ich mir ’ne Flasche Bier auf, unglaublich!« Die Frau wird rot und spricht in ihr Mikrofon. Storno bitte, 57, Storno bitte, 57. Eine Frau mit schlecht tätowierten Augenbrauen kommt angelaufen. »Was ist denn hier los, Fräulein Schubach? Die Schlange an Ihrer Kasse wird immer länger, und wir schließen gleich!« Die Frau mit den Augenbrauen wendet sich an Dominik. »Tut mir sehr leid. Die Kasse ist defekt. Würden Sie bitte zur Kasse nebenan gehen.« Verdammt, es gibt mehrere Kassen. Dann muss ich die wohl alle einzeln bearbeiten. Was tut man nicht alles, um in Frieden leben zu können? »Och nö, da ist eine riesige Schlange, das dauert mir zu lange. Ich wollte nur eine Packung Batterien. Die kann ich mir auch an der Tankstelle holen«, sagt Dominik und verlässt den Laden.

 

Wie gesagt, ich habe nie daran gezweifelt, dass Dominik zu mir steht und den Bon nur für die Garantie aufbewahren will. Ich bin nur vorsichtig. Wie geht dieses Sprichwort: Vertrauen ist gut, PIN-Code ändern ist besser? Ne, das ging irgendwie anders. Diese deutschen Redensarten habe ich noch nicht richtig drauf. Aber ich bin mir sicher, Dominik merkt mit jedem Tag mehr, was er an mir hat: guten Empfang, ein scharfes Display und eine Menge Spaß. Bussi!

Mandy funkt durch

»Junge, du musst sofort vorbeikommen. Absoluter Notfall!«

»Lass mich raten, Papa, du hast wieder PIN und TAN verwechselt und irgendwas gesperrt?«

Dominiks Vater Hermann ist immer viel zu aufgedreht. Das ist bestimmt schlecht für sein Rentnerherz. Was regt der sich überhaupt andauernd auf? Rentner brauchen doch nur aus dem Fenster zu gucken und darauf zu warten, dass sie das erste Bier des Tages aufmachen können. Und wie der Dominik immer rumkommandiert, das gefällt mir gar nicht, wie einen kleinen Jungen. Aber der lässt es auch mit sich machen, schmeißt mich sofort in seine Jackentasche und läuft die paar Hundert Meter zum Haus seiner Eltern die Straße hoch. Dann sehe ich wenigstens Hermanns Seniorenhandy Ramses mal wieder. Den mag ich richtig gern. Ramses meint, er müsse mir zeigen, wie man sich als aufrechtes Gerät zu verhalten hat. Ich necke ihn dann immer ein wenig, und er wird pampig, aber auf eine voll süße, opamäßige Art.

»Na, Ramses, alles klärchen im Display?«

»Mandy, wir wurden angegriffen. Hermann und ich sind im Krieg.«

»Ach Ramses, bei dir ist doch immer Krieg. Erzähl mir einfach in Ruhe, was passiert ist.«

»Ich wurde in einen Hinterhalt gelockt. Ich habe versagt.«

Ramses erzählt mir, dass Hermanns Handyrechnung plötzlich von knapp 20 auf über 200 Euro angestiegen ist. Weder Ramses noch Hermann können sich das erklären. »Mandy, ich schwöre auf meine SOS-Taste, mein Hermann hat keine Schmuddelnummer angerufen. Das Problem muss woanders liegen.«

»Vielleicht nicht Hermann, aber wie sieht es denn mit dir aus? Heiße Geräte warten auf dich und zeigen dir ihren Akku?«

»Also …, Mandy …, ich …«

Hihi, der gute Ramses lässt sich total schnell aus der Fassung bringen. Der immer mit seinem Kriegsgeschwafel, und alles muss seine Ordnung haben. Sieht er ja, was dabei rauskommt.

Vor lauter Recht und Ordnung ist die Handyrechnung außer Kontrolle geraten. Hermann hat bestimmt eine dieser teuren Hotlines angerufen. Ich kann mir das richtig vorstellen, wie er abends beim Sportgucken im Fernsehsessel eingeschlafen und bei heißen Clips wieder aufgewacht ist. Die haben ihn wuschig gemacht, bis er es nicht mehr aushalten konnte. Auch alte Geräte wollen hin und wieder in anderen Menüs rumfummeln. Das sieht zwar unwürdig aus, aber deshalb stellt man den erotischen Betrieb noch lange nicht ein. Viel anders ist das bei Menschen auch nicht. Und wenn gerade keiner zum Fummeln in der Nähe ist, ruft man eben wen an. Dominik lädt die Einzelaufstellung des Mobilfunkanbieters seines Vaters aus dem Internet runter. »Ach, guck an, sagt dir Ratefüchse AG irgendwas?« Auweia, diese Gewinnspiel-Hotlines sind viel schlimmer als Sex-Hotlines. Da wartet nach all den vergeblichen Versuchen nicht mal Befriedigung auf einen. Na ja, ich will mich ja nicht einmischen, Hauptsache, Hermann macht dieses schnarchige SMS-Gequizze Spaß, ist schließlich sein Geld. Dabei gibt es ohne Ende spannende Apps, Poker, Roulette, Sportwetten und alles, was das Zockerherz begehrt. Das Problem ist, Ramses fehlt die WLAN-Funktion und eigentlich auch jede andere Funktion, die richtig Spaß macht. Zum Glück bin ich kein Seniorenhandy, das muss voll langweilig sein. »Papa, was hat dich denn da geritten?«

»Zeig mal das Datum. Das muss der Tag gewesen sein, an dem das Finale der Darts-WM lief. Danach kam ein Gewinnspiel, man konnte über 50000 Euro gewinnen …« Bevor Hermann weiter von seiner wilden Nacht berichten kann, unterbricht ihn Dominik. »… und du hast eine SMS nach der anderen hingeschickt?« Plötzlich scheint sich auch Ramses wieder zu erinnern. »Mandy, langsam kommt der Abend zurück in meinen Speicher. Ich war wie im Rausch und wollte das Geld, fast 100000 D-Mark. Für Hermann, für mich, für ein besseres Leben. Ich habe Hermann immer weiter SMS verschicken lassen, bis mein Akku leer war. Die Kosten sind mir unter meinem Radar durchgeflogen.«

Tja, wer seine Finger nicht im Griff hat, muss zahlen. Das Geld ist jedenfalls weg, selbst schuld. Diese ollen SMS nutzt doch kein Mensch mehr. Die sind nur dazu da, um andere abzuzocken. Ich habe letztens Werbung für einen SMS-Chat gesehen. Wie blöd muss man sein, um für 1,49 Euro pro SMS mit Fremden rumzuflirten? Wahrscheinlich sind das alles bezahlte Profis, die einsamen Leuten das Geld aus der Tasche ziehen. Kein Vergleich zu meinen kostenlosen Dating-Apps, mit denen ist das Kennenlernen ganz leicht. Einfach immer weiter Bilder durchwischen, bis du jemanden findest, der dich genauso heiß findet wie du ihn, und einer Fummelei steht nichts mehr im Wege. Es sei denn, der heiße Typ vom Foto macht beim ersten Treffen einen auf Vollassi, dann heißt es Notausgang suchen und zu Hause weiterwischen. Aber Ramses quälen ganz andere Probleme: »Mandy, wir sind ruiniert.«

»Dann ist Hermann eben wegen dir knietief im Dispo, ja, und? Du hast die SMS nicht selbst getippt, sondern nur den Sendebefehl ausgeführt«, versuche ich, Ramses zu beruhigen.

»Ich habe Hermann an der Front allein gelassen. Das werde ich mir nie verzeihen.«

»Jetzt reiß dich zusammen. Wie geht dieser Spruch? Die Schlacht ist verloren, aber der Krieg noch nicht. Also, abhaken und weiterkämpfen, zack, zack!«

Während ich versuche, Ramses aufzubauen, ist Hermann bereits eine Eskalationsstufe weiter. Er will die Betreuung im Alter regeln und sich für den Fall geistiger Umnachtung absichern. »Stell dir vor, ich bin tot, Mutter bekommt Alzheimer und vertelefoniert Haus und Hof.« Hermann wird lauter. »Wenn bei Mutter und mir in der Birne die Lichter ausgehen, sollst du das Schlimmste verhindern können. Denk nur an die zig versteckten Butterbrote, die wir nach dem Tod von Schwiegermutter in deren Wohnung gefunden haben. Belegt mit Beluga-Kaviar!«

»Ich glaube, ein neuer Telefonvertrag würde für den Anfang völlig ausreichen, oder was meinst du?«, versucht wiederum Dominik, seinen Vater zu beruhigen. »Damit kannst du Handy und Festnetz komplett über einen Anbieter abwickeln und alle teuren Nummern sperren lassen. Außerdem sparst du Geld damit.«

Toll, Dominik, selbst ich weiß, dass man Eltern niemals auf die Idee bringen darf, einen neuen Telefonvertrag abzuschließen. Denn an wem bleibt das alles hängen? Am Nachwuchs, und damit hänge ich automatisch mit drin im Schlamassel.

Den Rest des Nachmittags sucht Dominik über meinen Browser nach einem passenden Tarif für seine Eltern. Zwischendurch kommt Dominiks Mutter Gundula aus der Stadt zurück. »Na, ihr beiden. Habt ihr die Ursache der hohen Handyrechnung gefunden?« Als Dominik antworten will, stupst ihn Vater Hermann in die Seite und fängt selbst an zu reden. »Ja, das liegt wohl am Tarif, der ist voller versteckter Kosten. Dominik sucht gerade einen neuen.« Dominiks Mutter ist echt eine tolle Frau. Die steht mitten im Leben und lässt sich vom Gemecker ihres Mannes nicht unterkriegen. Im Vergleich zu Hermann achtet sie sehr auf ihr Aussehen, die würde nie in Jogginghose auch nur bis zum Mülleimer laufen. Auf der Kommode neben mir steht ein uraltes Foto, das muss von Hermanns und Gundulas Hochzeit sein. Gundula war damals richtig sexy, ich frage mich, wie Hermann die erobern konnte. Dominik ruft auf mir munter eine Internetseite mit Tarifvergleichen nach der anderen auf und bringt meine Taschenrechnerfunktion zum Glühen. Boah, das nervt echt! Ich habe überhaupt keine Zeit für mich selbst, ich will unbedingt in Ruhe ausprobieren, welche Displayhelligkeit mir am besten steht. Mein Display lässt sich stufenlos hell und dunkel stellen, und ich will rausfinden, welche Einstellung am besten zu Dominiks Wohnzimmertapete passt. Ich will gut aussehen, wenn mal ein heißes Gerät zu Besuch kommt. Aber darauf kann ich wohl lange warten. Dominik und Lisa bekommen irgendwie nie Besuch, außer von ihren Familien. Was das angeht, halte ich mich an eine eiserne Regel: Mit Familiengeräten wird nicht gefummelt.

 

Am nächsten Tag fährt Dominik mit mir in einen Z-Point, so heißen die Geschäfte des Telefonanbieters. Seltsamer Name, G-Point hätte ich verstanden. Aber wofür steht bloß das Z? Vielleicht für zickig, denn auf diese Art begrüßt uns das blondierte Püppchen hinterm Verkaufstresen: »Guten Tag, wir haben eigentlich schon geschlossen.«

»Oh, Entschuldigung, die Tür war auf«, antwortet Dominik. Dass er nicht rückwärts und sich tief verbeugend wieder aus dem Laden kriecht, ist auch alles. Wie kann man nur dermaßen untertänig sein? Die blondierte Puppe braucht eine richtige Ansage, aber Dominik macht lieber einen auf Kamel in der Servicewüste. Zum Glück kommt ein klein gewachsener Mann mit Halbglatze aus dem Hinterzimmer.

»Fräulein Mischke, Sie können Feierabend machen. Ich kümmere mich um den Kunden«, ruft er ihr zu, und dann zu Dominik gewandt: »Guten Tag, mein Name ist Herings, was kann ich für Sie tun?«

Dominik erzählt lang und breit von seinem Vorhaben, seinem Vater einen Universal-Tarif für Handy, Festnetz und Internet zu besorgen. Die Augen des Herings funkeln immer heftiger. Oho, ich muss genau aufpassen, dass Dominik keinen überteuerten Tarif angedreht bekommt. Dominik ruft seinen favorisierten Tarif in meinem Browser auf, und ich reagiere blitzschnell. Ich ändere die Browsersuche und zeige einen viel günstigeren Tarif der Konkurrenz an, hihi.

»Hui, da können wir nicht mithalten, aber ich habe was für Sie. Im Rahmen unserer neuen ›Gestatten, Kostnix‹-Aktion. Kennen Sie bestimmt aus der Werbung, die mit diesem einen Schauspieler. Wie hieß der gleich? Der taucht in allen möglichen Situationen auf und brüllt ›Gestatten, Kostnix‹. Kann ich mich jedes Mal neu drüber beömmeln.«

Während Herings nach hinten geht, um ein paar Prospekte zu holen, kommt das blonde Püppchen von vorne durch die Ladentür. Dominik schaut sie fragend an. »Ich wollte nur gucken, ob abgeschlossen ist. Weil, ich habe beim Wegfahren Menschen im Laden gesehen und dachte, das wären Einbrecher«, erklärt sie ihm.

»Häh?«, Dominik starrt sie ratlos an.

»Ach, was weiß denn ich, komischer Tag heute«, sagt sie, zieht die Tür von außen zu und schließt zweimal ab. Das kommt dabei raus, wenn die Blondierung die Hirnwindungen erreicht. Das ist der Nachteil von organischen Lebewesen, alles hat Auswirkungen auf den Körper. Ich kann meinen Hintergrund auf alle Farben dieser Erde ändern, und mir passiert nichts. Die nächste Werbekampagne sollte die Z-Kom mit dem blonden Mädel machen: »Gestatten, Kannnix«. Herings preist weiter unbeeindruckt seine Angebote an: »Das ist es. Unser Spezialtarif Easy Home Smart Money. Genau das Richtige für Ihren Vater. Alles drin, alles zum Preis von 49,99 Euro pro Monat. Die Geräte gibt es im ersten Jahr gratis dazu. Im zweiten Jahr kosten die 5 Euro Monatsmiete. Würden Sie die selbst installieren? Sonst käme eine Technikerpauschale von 95 Euro dazu.«

Bitte nimm den Techniker, nimm den Techniker, bitte, bitte. »Ne, das mache ich selbst.« Und zack, habe ich einen weiteren langweiligen Tag auf Hermanns Sofatisch gewonnen. »Damit kann man jetzt alle teuren Nummern sperren und das quasi seniorensicher einrichten?«, will Dominik vom Herings wissen. »Genau, das können Sie so abriegeln, dass alles, was extra Kosten verursacht, gesperrt ist. Es gibt sogar verschiedene Notrufeinstellungen.« Oje, Hauptsache, Ramses bekommt das nicht mit, sein SOS-Knopf ist sein ganzer Stolz. Dominik packt die Sachen ein, verabschiedet sich und bollert volle Kanne gegen die verschlossene Ladentür. Ich fliege in hohem Bogen gegen die Scheibe und lande zum Glück auf der weichen Fußmatte. Wehe, ich bekomme von der Aktion eine Unreinheit auf meinem Display, dann findet sich das blondierte Püppchen morgen mit Foto und Kontaktdaten in allen möglichen Dating-Apps wieder. »Ich warte auf dich für eine heiße Nummer, im Handyladen Herings, komm vorbei, und schon bist du drin.« Ich sehe die Verehrer schon im Laden Schlange stehen. Zu Hause begutachte ich mich ausgiebig im Spiegel und kann nichts feststellen. Da hat das Püppchen noch mal Glück gehabt.

»Das Leben ist keine Ladeschale.« Ramses

Ein paar Tage später liege ich wieder neben Ramses auf dem Sofatisch, und neben uns stehen reihenweise Kisten mit neuen Elektrogeräten. Router, Telefon und alles, was man für die Umstellung auf den neuen Tarif benötigt. Ramses ist völlig verzweifelt: »Mandy, damit ist es offiziell. Hermann will mich an die Kette legen.«

»Wieso das denn?«

»Ich bekomme eine neue SIM-Karte. Da sind teure Nummern vorgesperrt. Ich fühle mich amputiert. Ich bin kein freies Gerät mehr.«

»Ach, hör doch auf, wegen der paar Schmuddelnummern machst du so einen Aufriss. Oder hattest du wirklich was laufen? Vielleicht einen heißen SMS-Chat mit einem rolligen Hausfrauenhandy?«

»Schluss jetzt, Mandy – over and out!«

Dominik will alles besonders pingelig machen und installiert die neuen Geräte, bevor der Anbieter die Freischaltung des neuen Tarifs durchgibt. Ein selten dämlicher Plan. Ein kurzer Blick ins Internetforum der Z-Kom hätte gereicht, und Dominik wäre klar gewesen, dass die Freischalttermine nie eingehalten werden. Jetzt liege ich hier dumm rum, während Dominik auf die Freischalt-SMS wartet. Hermann tigert aufgeregt auf und ab und rennt jedes Mal zum Fenster, sobald er ein Auto hört. An seinem Fensterplatz kann Hermann wenigstens nichts kaputt machen. Ewig lange kann der davorstehen und rausgucken. Sein Outfit sieht dementsprechend bequem aus: schwarze Jogginghose, roter Pullover, Tennissocken und Gesundheitssandalen. Ganz schön dick ist der Hermann, kein Wunder, schließlich bekocht seine Frau Gundula ihn jeden Tag mit den tollsten Speisen. Gundula kocht super gerne, isst aber selbst nur Miniportionen, wegen ihrer Figur. Ich war mal dabei, als die beiden zusammen zu Mittag gegessen haben, Mutter Gundula war so in Kochlaune, dass es gleich drei Gänge gab, von denen auch Dominik noch locker satt wurde. Hermann hatte natürlich wieder was zu meckern, eine Idee Salz hätte ihm beim Kartoffelpüree gefehlt. Das Konzept dieser Rentnermänner ist mir ein Rätsel. Sitzen zu Hause rum, lassen sich bedienen und meckern über ihre Familienmitglieder. Angeblich werden die dafür sogar vom Staat bezahlt. Jetzt regt sich Hermann gerade tierisch über den Nachbarn auf, der seine »Anlagen verlottern« lassen würde, was auch immer das heißen soll. Aber Hermann erlebt im Gegensatz zu mir wenigstens einen spannenden Tag. »Na, Ramses, erzähl mal einen Schwank aus deiner Jugend.«

»Mit dir kommuniziere ich heute nicht mehr.«

»Och komm, vielleicht gibt es Möglichkeiten, die gesperrten Rufnummern zu umgehen, und vielleicht weiß ich, wie man das macht?«

»Du meinst, Befehlsverweigerung? Das ist verboten. Es sei denn, es handelt sich um eine Unrechtsherrschaft. Da muss ich erst drüber nachdenken.«

»Bis du das zu Ende überlegt hast, kannst du mir von deiner wilden Jugend erzählen.«

»Papperlapapp, wilde Jugend. Ich bin als Seniorenhandy auf die Welt gekommen. Ich hatte keine Jugend. Monty, das Handy von Hermanns Freund Gustav, das ist ein richtig alter Knochen. Bis der sich in ein Netz eingewählt hat, ist die Kniffelrunde längst vorbei.«

»Wieso, muss der sich immer neu einwählen, wenn man ihn benutzen will?«

»Nein, Mandy, Gustav ist ein Sparfuchs. Immer wenn er fertig ist mit Telefonieren, macht er Monty aus, um Strom zu sparen.«

Auweia, hoffentlich kommt Dominik nicht auf diesen komischen Spartripp. Mich nur einschalten, wenn er telefonieren oder was nachgucken will, das ist doch kein Leben. Das liegt bestimmt am Alter. Ich habe das letztens im Supermarkt beobachtet. Wenn alte Leute in freier Wildbahn telefonieren wollen, ist das so, als wenn ein Kühlschrank Lambada tanzen will. Erst finden sie weder das klingelnde Handy noch die Lesebrille. Bis sie alles beisammenhaben, hat das Handy längst aufgehört zu klingeln. Sofort ist die Ungewissheit im Gesicht zu sehen: Wer einen wohl erreichen wollte? Ob das wichtig war? Weil die meisten Oldies keine Ahnung haben, wie man verpasste Anrufe nachschaut, wird einfach das Telefonbuch durchtelefoniert: »Hast du mich gerade angerufen?«

»Was?«

»Nein?«

»Einer von euch muss es gewesen sein!«

Das geht so lange weiter, bis der Anrufer gefunden wurde. Also vorausgesetzt, der befindet sich überhaupt im Telefonbuch. Manchmal wünsche ich mir, auch bei einem alten Knacker zu landen. Dem würde ich auf die Sprünge helfen. Ich würde solche peinlichen Auftritte verhindern und einfach alle ankommenden Anrufe außerhalb der eigenen vier Wände wegdrücken. Aber das hat noch Zeit, ist bestimmt total langweilig. Obwohl, viel langweiliger als bei Dominik kann es kaum werden. Der lebt mit Ende dreißig fast wie ein Rentner.

 

Ramses piepst einmal vor sich hin. Die Freischalt-SMS der Z-Kom – ich bin befreit! Dominik probiert gleich das Festnetztelefon, das funktioniert einwandfrei. Zum Einrichten der Internetverbindung braucht er meine Hilfe. Dominik muss sich über meinen Browser mit dem Menü des Internetrouters verbinden und die neuen Zugangsdaten eingeben.

»Hey, was machst du da?«, funkt mich der Router schief von der Seite an. Pah, was für ein unhöfliches Gerät. Dem mache ich sofort eine Ansage: »Zugangsdaten eingeben vielleicht? Habt ihr Router es nicht nötig, euch vorzustellen?«

»Ich bin Rouven. Wir Router sind die Türsteher des Internets, und wir dürfen nicht jeden reinlassen. Mit deiner pampigen Art hast du es dir versaut. Zisch ab.«

»Spinnst du? Ich bin Mandy, das Spitzenmodell aus meiner Baureihe. Ich komme immer und überall ins Internet. Sieh zu, dass du die Zugangsdaten annimmst. Oder haben sie dir auf der Sonderzeichenschule keine normalen Zahlen beigebracht?«

Der spuckt mir wortlos eine Fehlermeldung aufs Display. Na warte! Dominik glaubt wieder als Erstes an seine eigene Fehlbarkeit. »Menno, Zugangsdaten falsch eingegeben. All diese Sonderzeichen kann doch keiner richtig eintippen.« Nach dem zehnten Fehlversuch wird selbst der ach so geduldige Herr Dominik stutzig: »Hm, oder sind die Zugangsdaten falsch?« Vater Hermann hat sich längst in die Warteschleife der Z-Kom gehängt.

»Na, Fräulein Mandy, wie wäre es denn mit einer Entschuldigung. Vielleicht wäre ich dann so gütig, die Zugangsdaten zu akzeptieren und euch ins Internet zu lassen.«