MANGOKNÖDEL - Nina Waitz - E-Book

MANGOKNÖDEL E-Book

Nina Waitz

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Beschreibung

Ein Tiroler sucht sein Glück in Afrika. Der Mittvierziger Wilhelm hat genug von seinem harten, traurigen Leben im tristen Tiroler Bergbauerndorf und beschließt, ins kleine westafrikanische Land Gambia aufzubrechen. Dort will er seinen Traum vom eigenen Restaurant wahr werden lassen und endlich eine Partnerin finden, die ihn wirklich liebt. Auch die junge Gambierin Fatou hat einen Traum, der mithilfe von Wilhelm erfüllt werden könnte. In diesem unterhaltsamen und spannenden Roman gewährt die Autorin tiefe Einblicke in zwei vollkommen verschiedene, ihr wohlbekannte Welten: Das karge Tiroler Bergbauernleben der 1960er/1970er Jahre und ein von Auf- und Ausbruch geprägtes westafrikanisches Land der Gegenwart. Sie lässt uns teilhaben am Versuch zweier Menschen, trotz dieser Unterschiede einfach glücklich zu werden.

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Seitenzahl: 243

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Mangoknödel

Auf der Suche nach dem afrikanischen Glücksrezept

Nina Waitz

INHALTSVERZEICHNIS

WILHELM - PITZTAL7

Kapitel 17

Kapitel 213

Kapitel 318

Kapitel 421

Kapitel 524

Kapitel 626

Kapitel 732

Kapitel 835

Kapitel 939

Kapitel 1040

Kapitel 1150

Kapitel 1251

Kapitel 1356

Kapitel 1458

Kapitel 1560

Kapitel 1663

Kapitel 1765

Kapitel 1868

Kapitel 1972

Kapitel 2073

Kapitel 2175

Kapitel 2276

WILLY - GAMBIA79

Kapitel 179

Kapitel 285

Kapitel 394

Kapitel 4102

Kapitel 5110

FATOU112

Kapitel 1112

Kapitel 2116

Kapitel 3118

Kapitel 4123

Kapitel 5127

Kapitel 6130

WILLY UND FATOU132

Kapitel 1132

Kapitel 2136

Kapitel 3142

Kapitel 4144

Kapitel 5145

Kapitel 6153

Kapitel 7155

Kapitel 8158

Kapitel 9162

Kapitel 10165

Kapitel 11168

Kapitel 12173

Kapitel 13175

Kapitel 14182

Kapitel 15185

Kapitel 16189

Kapitel 17191

Kapitel 18195

Kapitel 19197

WILLY UND DAS DUMPLING PARADISE202

Kapitel 1202

Kapitel 2205

Kapitel 3211

Kapitel 4216

Kapitel 5218

Kapitel 6220

Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit

einem gewissen Grad an Verrücktheit.

Erasmus von Rotterdam

WILHELM - PITZTAL

Kapitel 1

Wilhelm steht am offenen Grab seiner Mutter und starrt hinunter auf den Sarg, der schon bald mit Schnee bedeckt sein wird. Er ringt mit sich selbst, er fühlt sich schuldig, denn er kann keine Trauer empfinden. Alles, was er in sich spürt, ist Befreiung, es fühlt sich an, als würde er fliegen, als wäre eine große Last von ihm genommen worden. Er kann es kaum erwarten, sich in sein neues Leben zu stürzen, mag es allen anderen auch noch so verrückt und unvernünftig vorkommen.

Er schaut sich um auf dem kleinen Friedhof in St. Leonhard. Hier ist das Pitztal, seine Heimat, besonders eng und dunkel. Drei Monate im Jahr schafft es die Sonne nicht, mit ihren wärmenden Strahlen zwischen den steilen Felswänden hervorzukommen. Dementsprechend kalt und lange sind die Winter. Wilhelm erschaudert ob der eisigen Kälte um ihn herum und auch in seinem Inneren. Sein Blick fällt auf die umliegenden Gräber. Sie sehen alle gleich aus. Ausnahmslos bestehen sie aus einem kleinen, mit grauen Ziegeln eingefassten Blumenbeet, dahinter befindet sich der Grabstein aus grauem Granit mit Inschrift – natürlich alle in der gleichen verschnörkelten Schriftart – und darauf steht ein schwarzes, schmiedeeisernes Kreuz. Aus der Reihe tanzen wird auch hier nicht gerne gesehen.

Alle Nachnamen auf den Grabsteinen sind Wilhelm ein Begriff, viele der Verstorbenen hat er selbst gekannt, von fast allen kennt er jemanden aus der Familie. Das Gemeindegebiet hat zwar eine Fläche von ungefähr 200 km2, jedoch besteht der Großteil aus steilem Gebirge und Felsen. Deshalb ist die Einwohnerzahl auch nicht besonders groß, in den drei Dörfern und unzähligen kleinen Weilern leben gerade mal 1400 Menschen. Und man kennt sich in St. Leonhard, schon seit Generationen. „Zuagroaste“ - Leute, deren Stammbaum nicht vorwiegend im Pitztal herangewachsen ist – gab es immer schon wenige. Das karge, enge Tal mit den langen, kalten Wintern und schwierigsten Arbeits- und Lebensbedingungen war nie sehr attraktiv für Zuwanderer. Deshalb blieb man unter sich im hintersten Pitztal.

Wilhelm wurde im Weiler „Neurur“ geboren, zu dieser Zeit, 1958, standen dort 8 Häuser, jetzt sind es sage und schreibe 23. Jedes dieser 8 Häuser war ein sogenannter „Hof“, ein Bauernhof einer Bauernfamilie, die seit Generationen hier in ärmsten Verhältnissen lebte und unter härtesten Bedingungen auf den steilen Wiesen ihre Felder bestellte und damit versuchte, sich und ihre Tiere durch die harten Winter zu bringen. Neben der Landwirtschaft konnte man damals ein wenig Geld im Fremdenverkehr dazuverdienen.

Auch Wilhelms Vater, Roman Neururer, dem Hofnamen nach „Zischgn-Roman“ genannt, war wie viele seiner Nachbarn Bauer und zusätzlich Berg- und Schiführer. Wenn er mit den „Fremden“, den Touristen, am Berg war, musste Wilhelms Mutter den Hof alleine bewältigen. Im Sommer die steile Wiese mähen und das Heu in den Stadel bringen, sobald es einmal nicht regnete, und im Winter den Stall und die Tiere versorgen. Mit dem kleinen Nebenerwerb vom Vater schlugen sie sich verhältnismäßig gut durchs Leben und konnten sich sogar den Luxus eines Fernsehapparats leisten, als der Empfang auch im hintersten Tal endlich möglich war, zwar noch mit Rauschen und natürlich schwarz/weiß, aber die „Zischgns“ fühlten sich in einem neuen Zeitalter angekommen.

Dann, am 2. März 1964 änderte sich alles – Wilhelm erinnert sich noch genau an diesen Tag, obwohl er erst 6 Jahre alt war. Er saß vor dem Fernseher, draußen schneite es wieder einmal wie wild. Doch in der Stube war es wohlig warm, der Kachelofen glühte beinahe. Plötzlich klopfte es, hämmerte es an die Türe – „Hartls Katie“, die Nachbarin mit der Poststelle und dem einzigen Telefon im Ort stand aufgelöst im Schneegestöber und stammelte zu seiner Mutter: „A Lena am Taschachferner“ – eine Lawine. Wilhelm wusste genau, was das war, schon als kleiner Junge. Im Pitztal wuchs man mit dieser in jedem Winter drohenden Gefahr auf. Jedes Jahr wurde die Bundesstraße durch die Schneemassen verlegt, und man war abgeschnitten vom Rest der Welt. Einmal ging sogar knapp neben ihrem Haus eine Lawine vorbei, Wilhelm spürte die gewaltige und machtvolle Druckwelle und hörte das unheimliche Rauschen schon Minuten, bevor er den Schnee ins Tal kommen sah. Dann starrte er wie gebannt aus dem Fenster und beobachtete, wie sich die irgendwie träge aber doch blitzschnelle weiße Masse ins Tal wälzte. Beinahe jedes Jahr starb jemand aus dem Bekanntenkreis in den Schneemassen – vor allem beim Tourengehen mit Touristen. Wilhelm hatte immer schon große Angst vor den „Lenen“.

An jenem Tag musste er nun zusehen, wie die Augen seiner Mutter immer glasiger wurden, wie die ersten Tropfen aus ihren Augenwinkeln hervortraten und über ihre Wangen liefen, gefolgt von einem nie enden wollenden Schwall an Tränen. Ein fremder, fast unmenschlicher Schrei drang aus ihrem Mund, Wilhelm hatte plötzlich schreckliche Angst und ahnte, dass es nie mehr so sein würde wie zuvor.

Und so war es auch - von nun an gab es nur mehr ihn und seine Mutter – und den Hof. Die Nachbarn und Verwandten im Weiler halfen so gut es ging, aber jeder hatte alle Hände voll damit zu tun, die eigene Familie durchzubringen, sodass die meiste Arbeit doch bei Mutter und Sohn hängenblieb. Schon mit 7 Jahren stand Wilhelm im steilen Feld, mähte mit der viel zu großen Sense, rechte zusammen und hängte kleine Grashäufchen um die „Huanzen“, Holzgestelle, an denen das frisch gemähte Gras aufgehängt wurde, damit es schneller trocknete und nicht verfaulte. Dann jedes Jahr das bange Hoffen auf gutes Wetter, Dauerregen könnte die gesamte Heuernte verfaulen und unbrauchbar werden lassen.

Die Mutter musste lernen, mit dem ungeliebten Traktor umzugehen, doch schon bald übernahm das auch Wilhelm. Das getrocknete Gras musste als Heu in den Stadel gebracht werden, um das Vieh, das in den Sommermonaten auf der Alm „Urlaub“ machte, durch den langen Winter zu bringen. Sie hatten meist um die zehn Kühe und vier Schweine.

Im Winter war dann die meiste Arbeit im Stall zu erledigen. Die Tiere mussten gefüttert, die Kühe zweimal täglich gemolken und der Stall gereinigt werden. Der Mist kam auf den Misthaufen, um im Frühjahr als Dünger verwendet werden zu können.

Wilhelm mochte den Winter, die Arbeit mit den Tieren und die Weiterverarbeitung der Milch immer lieber als die harte, anstrengende Feldarbeit. Er konnte es immer gut mit dem Vieh, seine Mutter meinte immer: „Wenn du in den Stall kommst, lacht auch noch der Hintern der Kühe“. Er verstand es, sie sanft zu melken und niemals kam es vor, dass eine Kuh ausschlug oder seinen Milcheimer umwarf, wie es doch des Öfteren seiner Mutter passierte. Er liebte das Geräusch, wenn die Milch frisch von der Zitze in den Eimer spritzte und ihm der Duft der weißen, warmen Flüssigkeit in die Nase stieg.

Am liebsten aber half er immer seiner Mutter beim Weiterverarbeiten der Milch, drehte an der „Fuga“ – der Zentrifuge - und beobachtete, wie aus einem Röhrchen die Magermilch und aus dem anderen süßer Rahm floss. Manchmal durfte er sogar seinen Finger in die wertvolle cremige Flüssigkeit eintauchen und davon kosten. Er wird nie diese Momente vergessen, wie er seinen Finger genussvoll in den Mund steckte und den Rahm abschleckte – und wie ihn seine Mutter dabei mit einem zärtlichen und liebevollen Lächeln beobachtete. Damals spürte er zum ersten Mal, dass Essen und Kochen ihn glücklich machten. Wenn er seiner Mutter helfen durfte, fühlte er sich endlich wieder geborgen, denn nur noch selten konnte er ihre Zuneigung spüren.

Seit dem Tag, an dem „Hartls- Katie“ in der Tür gestanden hatte, und dieser fast unmenschliche Aufschrei aus dem Mund der Mutter herausplatzte, schien es so, als wäre sie versteinert, oder zumindest ihr Herz. Nur selten berührte sie Wilhelm, es gab keine zärtlichen, herzlichen Worte mehr für ihren Sohn, und dieser begann sich schuldig zu fühlen für den Tod seines Vaters. Anders konnte er sich die Verwandlung seiner einst liebevollen Mutter nicht erklären. Einmal, es musste ungefähr drei Wochen nach dem verhängnisvollen Tag des Todes seines Vaters gewesen sein, fragte Wilhelm seinen „Tet“, seinen geliebten Paten und Onkel Josef: „Tet, warum isch die Muater auf einmal so anders, hat sie mi nimmer lieb?“. Josef schaute den siebenjährigen Buben mitleidsvoll an und sagte nur: „Lass ihr Zeit, Bua, sie hat grad das zweite Mal ihren Halt im Leben verloren.“ Wilhelm wusste damals noch nicht wirklich viel mit diesen Worten anzufangen und die Zeit verging, aber es änderte sich nichts am Verhalten seiner Mutter.

Erst Jahre später konnte Wilhelm langsam die Kälte seiner Mutter nachvollziehen, nachdem ihm sein „Tet“ die Geschichte seiner Eltern erzählt hatte...

Kapitel 2

Die Geburt war lange und schwierig und die Hebamme befürchtete, auch dieses Mädchen würde es wieder nicht schaffen. Ida, Wilhelms Mutter, wurde 1928 in Neurur geboren. Zu jener Zeit waren Hausgeburten üblich, es gab keine Autos und keine vernünftigen Straßen, um rechtzeitig in ein Krankenhaus gelangen zu können. Maria hatte bisher vier Buben das Leben geschenkt, zwei Mädchen starben bei der Geburt und ein weiteres mit einem Jahr an Tuberkulose. Doch Ida schaffte es. Sie war zwar immer klein, zierlich und ein wenig kränklich, doch irgendwie zäh. Seit ihrer Geburt war sie der Mittelpunkt der Familie, die lang gewünschte Tochter und Schwester. Vor allem der älteste Bruder Matthias kümmerte sich immer liebevoll um sein Schwesterchen und wurde Idas Bezugsperson -mehr noch als der Vater, der die meiste Zeit mit der Landwirtschaft beschäftigt war. Schon mit drei Jahren verkündete Ida: „Wenn ich groß bin, heirate ich Matthias!“ Und sie waren wirklich unzertrennlich, Matthias nahm seine kleine Schwester überall hin mit, aufs Feld, in den Stall, am Sonntag betraten sie Hand in Hand die Kirche und sogar zum Frühschoppen durfte sie ihn oft in den kleinen Gasthof Kirchenwirt begleiten. Zum Missfallen der Mutter, denn weibliche Wesen hatten dabei eigentlich nichts zu suchen, doch Ida ließ sich nicht davon abhalten, immer in Matthias’ Nähe zu sein und auch er genoss es und war stolz, der Beschützer seiner kleinen Schwester sein zu dürfen.

Doch dann kam der Zweite Weltkrieg und Matthias musste einrücken. Von einem Tag auf den anderen war Idas zweites Ich nicht mehr da. Sie war wie ausgewechselt, jede Fröhlichkeit war aus ihrem Wesen verschwunden, sie war ängstlich und hilfesuchend. Ihre Mutter tröstete sie immer damit, dass Matthias bald heimkommen würde, dieser fürchterliche Krieg wäre bald vorbei und dann wäre alles so wie früher. Doch die Mutter sollte nicht recht behalten.

Die Jahre vergingen. Immer mehr schreckliche Meldungen kamen im Pitztal an, viele verloren ihre Brüder, Verlobten, Ehemänner und Väter. Ida wollte davon nichts hören, sie wurde immer verschlossener, verhielt sich wie ein verschrecktes junges Reh und mied Menschen. Nur die Poststelle beim Nachbarn besuchte sie jeden Tag, um zu sehen, ob nicht ein Brief für sie gekommen wäre. Und nur wenn „Hartls Frieda“ sie dort mit einem Lächeln erwartete, war auch Ida für einen kurzen Moment glücklich, sie hatte wieder ein Lebenszeichen von Matthias erhalten. In seinen Briefen schrieb er ihr immer, wo er gerade war und dass es eigentlich nicht so schlimm sei und er bald zurückkommen würde. Sie spürte, dass er nicht immer die Wahrheit erzählte, aber wenigstens wusste sie, dass er noch lebte und sie verstand, dass sie für ihn immer noch das kleine Mädchen war, das er zurückgelassen hatte. So rettete sich Ida von Tag zu Tag, von Brief zu Brief.

Doch dann eines Tages, Ida war inzwischen zu einer hübschen, jungen Dame herangereift, stürmte die Mutter in ihr Zimmer und rief voller Freude und Zuversicht: „Der Krieg ist aus – Matthias wird bald heimkommen!“ Ida brauchte einen Moment, um zu begreifen, was sie gerade gehört hatte, doch dann lächelte, ja lachte sie endlich wieder. Sie umarmte ihre Mutter und Tränen stiegen ihr in die Augen – „Dem Herrgott sei Dank“, flüsterte sie ihr ins Ohr.

Das lange hoffnungsvolle Warten begann. Die ersten Heimkehrer erreichten Neurur, aber Matthias war nicht unter ihnen, und es wusste auch niemand etwas über seinen Verbleib. Ida saß nun jeden Tag am Fenster und starrte auf die Straße, auf der nun immer mehr bemitleidenswerte Gestalten wieder in ihre Huamet, ihre Heimat, zogen.

Wochen vergingen, Monate vergingen und immer noch kein Zeichen vom Bruder.

Dann ein Brief, Hartls Frieda stürmte mit ihm in ihre Küche und übergab ihn Idas Mutter. Diese öffnete ihn, las kurz darüber, blickte auf und mit Tränen in den Augen nahm sie Ida in die Arme. „Wir müssen jetzt alle ganz stark sein, besonders du, mein Kind. Der Matthias wird nimmer kommen.“ Ida konnte zuerst nicht glauben, was sie da hörte, sie riss sich von der Mutter los und schrie: „Na, des isch nit wahr! Der Krieg ist aus und er wird bald kommen“. Die Mutter nahm sie wieder in ihre Arme und schluchzte: „Er war in russischer Gefangenschaft und ist in einem Lager dort gestorben.“ Ida zerriss es das Herz, sie fühlte sich so allein wie noch nie zuvor, so haltlos, so schwach. Sie sank in sich zusammen und konnte nicht einmal weinen. Von diesem Moment an sprach Ida kein Wort mehr. Sie lag nur mehr in ihrem Bett, aß das Notwendigste und starrte an die Decke. Jeder dachte, sie hätte den Verstand verloren.

Inzwischen kamen weitere Kriegsheimkehrer im Pitztal an, armselige, geschundene, traumatisierte Burschen, die Schreckliches erleben hatten müssen. Einer von ihnen war Zischgn Roman, der älteste Sohn des Nachbarhofes. Er war der beste Freund von Matthias gewesen und war auch mit ihm in den Krieg gezogen. Als er vom Schicksal der „Narreten – Ida“, der verrücken Ida, wie sie inzwischen genannt wurde, hörte, machte er sich gleich zum Nachbarhaus auf.

Er öffnete die Türe zur kleinen Kammer, in der Ida reglos auf ihrem Bett lag. „Ida – Madla – was machsch’ denn für Sachen?“ sagte er. Keine Reaktion, sie starrte weiter an die Decke. Roman nahm einen Stuhl und setzte sich neben sie. Er begann zu erzählen – von dem Tag an, als er und Matthias sich aufmachten, um das Vaterland zu verteidigen. Von der anfänglichen Euphorie, als sie mit Hunderten anderen Burschen im Zug – das erste Mal in ihrem Leben – saßen und deutsche Soldatenlieder sangen. Von den ersten Einsätzen, wo sie schon gleich mit der Grausamkeit des Krieges, des Todes von vielen Kameraden konfrontiert waren. Von der Angst in den Schützengräben und den grausamen Schlachten, die er und Matthias nur durch einen Schutzengel überlebten, von der eisigen Kälte – noch viel kälter als im Pitztal, an der Freunde neben ihnen verreckten. Und dann von der Gefangenschaft, als sie in ein Lager gesperrt und zu härtesten Arbeiten gezwungen wurden. Matthias war lange stark, am Abend betrachtete er immer ein Foto von seinem „Idale“ und versprach durchzuhalten. Doch dann bekam er plötzlich hohes Fieber, Roman sah den grau-weißen Belag auf seiner Zunge – jeder im Lager wusste, was das bedeutete – Typhus! Matthias wurde in die Typhusbaracke verlegt, aus der fast niemand wieder lebend herauskam. Roman schlich sich nachts zu ihm und erschrak jedes Mal mehr. Sein Freund wurde immer blässer, dürrer und apathischer. Nach einer Woche kam er wieder ans Krankenbett und Matthias war bei Bewusstsein. Er erkannte ihn und sagte: „Wenn du wieder daheim bist, musst du dich um die Ida kümmern, und sag ihr, dass ich sie sehr lieb habe!“ Er drückte ihm das Foto in die Hand und schlief ein – für immer.

Während Roman an Idas Bett saß und das alles erzählte, flossen immer wieder Tränen aus seinen Augen. Nach seinen letzten Worten legte er ihr das Schwarz-Weiß-Foto, das Ida als kleines Mädchen zeigte, und das ihrem großen Bruder bis zum Ende Kraft gegeben hatte, in ihre Hände. Plötzlich sah er Tränen über ihre Wangen laufen. Sie blinzelte, sah ihm in die Augen, richtete sich auf und umarmte ihn inbrünstig. „Oh Roman, was habt ihr nur alles durchgemacht“, schluchzte sie so laut, dass sofort die Mutter und der Vater in der Türe standen, die ihren Ohren nicht trauen wollten – Ida hatte wieder gesprochen!

Von diesem Tage an verbrachten Ida und Matthias viel Zeit miteinander. Sie wollte alles ganz genau über die letzten Jahre ihres geliebten Bruders erfahren, und auch Roman tat es gut, von den schrecklichen Erlebnissen zu erzählen. Sie heirateten 1950 und Ida zog nach nebenan in den Hof der Zischgn und übernahm mit Roman den landwirtschaftlichen Betrieb. Ihre Schwiegereltern waren schon alt und kränklich, Ida pflegte sie bis sie knapp nacheinander 1956 starben.

Kapitel 3

Das Schicksal meinte es nie wirklich gut mit Wilhelms Mutter.

vier Jahre nach dem Tod ihres geliebten Gatten Roman stand eines Tages der Direktor der Raiffeisen Bank in der Türe. Ida hatte vor zwei Jahren einen Kredit aufnehmen müssen - der alte Traktor bedurfte einer kostspieligen Reparatur und das Dach des Heustadels war undicht. Der darauffolgende Sommer war katastrophal. Die erste Ernte - das Friahah - fiel durch starken, späten Schneefall und gefrierende Böden bis Anfang Mai vollkommen aus. Alle Hoffnung lag nun beim Gruamet - der zweiten und letzten Ernte. Doch auch diese war durch viel Regen und kühle Temperaturen nicht zufriedenstellend ausgefallen. Ida erkannte, dass sie niemals das ganze Vieh durch den Winter bringen könnte und musste 3 gute Milchkühe verkaufen. Das wenige Geld, dass sie dafür bekam - der Viehpreis war natürlich durch die miserable Ernte im ganzen Tal im Keller - musste sie für Futter ausgeben, damit die restlichen Tiere über den Winter gebracht werden konnten. Die Rückzahlung des Kredits musste warten.

Im Jahr darauf das nächste Unglück - bei einem schweren Gewitter auf der Hochalm stürzte eine von Idas Kühen mit ihrem Kalb einen steilen Felshang hinab. Die Hirten fanden am nächsten Tag nur mehr die von Geiern zerfressenen Überreste der Tiere. Ida bekam zwar eine kleine Abfindung der Gemeinde, doch um im Winter überleben zu können, brauchte sie mindestens noch zwei Tiere, die sie vom letzten Er

sparten kaufen musste. Und wieder war kein Geld mehr für die Kreditrückzahlung übrig.

Der Bankdirektor, der Ida schon seit ihrer Geburt kannte und natürlich über ihre Schicksalsschläge Bescheid wusste, musste ihr schweren Herzens die schlechten Nachrichten überbringen - da keine einzige Rate des Kredits gezahlt worden war, stellte die Zentrale in Innsbruck den Gesamtbetrag fällig. Ida musste nun entweder das Geld irgendwie auftreiben, oder der Hof, der der Bank als Sicherheit übertragen worden war, würde versteigert werden. Ida lief weinend zu ihrem Bruder Josef, Wilhelms Tet, und erzählte ihm von der Misere. Josef konnte ihr zwar selbst nicht helfen, auch er konnte nach den letzten schlechten Jahren nur mit Mühe und Not seine Familie durchbringen, aber er wusste Rat - ihr Nachbar, „Hartls Rochus“, hatte es durch seine Bergführer- und Schilehrer-Jobs zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht und spielte schon länger mit dem Gedanken, seine Landwirtschaft zu erweitern. Es wäre möglich, dass Rochus Ida den Stall und das Land abkaufen würde. So könnte sie den Kredit zurückzahlen und das Bauernhaus behalten - ein kleiner Betrag würde sogar noch übrig bleiben, den Ida für die Ausbildung von Wilhelm verwenden könnte. Ida müsste sich zwar irgendwo eine Arbeit suchen, aber es eröffneten immer mehr Gasthäuser und Pensionen im Pitztal, die Personal suchten, so sollte dies kein großes Problem sein. Rochus war auch gleich begeistert von dem Vorschlag, für ihn war der Zischgn-Hof ideal, nur zwei Häuser von seinem entfernt, auch die Felder lagen gleich neben den seinen. Er bezahlte einen sehr anständigen Preis und so kam es, dass Ida sogar einen neuen Fernseher kaufen und dann immer noch etwas Geld für Wilhelm zur Seite legen konnte. Im neugebauten „Alpengasthof Pitztal“ fand Ida auch gleich eine Anstellung als Köchin und alles schien gut zu sein.

Kapitel 4

Auch für Wilhelm änderte sich einiges zum Guten - er musste nicht mehr mit seiner Mutter die harte Arbeit am Feld und im Stall verrichten, er ging zur Schule und hatte am Nachmittag etwas nie Gekanntes - Freizeit nannte man das neuerdings. Er konnte tun, was er wollte - mit seinen Freunden spielen, Fernsehen oder - was er fast am liebsten tat - hinüber in den Gasthof gehen, seiner Mutter beim Kochen zusehen und natürlich von allem zu kosten.

In dieser Zeit war es auch, als er eines Tages mit seiner Mutter im Postbus ins benachbarte Ötztal fuhr, um seine Tante Zita, die dort arbeitete, zu besuchen. In Sölden sah Wilhelm das erste Mal in seinem Leben einen richtigen, lebhaften Wintersportort. Als er aus dem Fenster des Busses blickte, während sie durch das Dorf fuhren, bekam er seinen Mund vor Staunen gar nicht mehr zu. Schon damals, es musste so um 1969 gewesen sein, hatte Sölden mehr Gästebetten als Einwohner. Wilhelm hatte noch nie so viele Leute mit so fröhlichen Gesichtern gesehen, alle strömten lachend und schwatzend mit ihren Schiern auf den Schultern und den schweren klobigen Schischuhen an den Beinen durchs Dorf. Sie verschwanden in riesigen Hotels, lauten Bars oder feinen Restaurants. In eines der letzteren führte ihn dann Zita. Sie arbeitete dort als Köchin und zeigte stolz ihrer Verwandtschaft aus dem Pitztal ihren Arbeitsplatz. Als Wilhelm die große, blitzsaubere Küche aus glänzendem Edelstahl und die dampfenden Töpfe auf dem Herd sah, als er den köstlichen Geruch von gerade fertiggebackenem Apfelstrudel einsog, wusste er, dass er soeben seine Berufung gefunden hatte. Er bewunderte die Geschäftigkeit der Köche. Einer nach dem anderen tat seines dazu, um schließlich der Kellnerin einen Teller zu reichen, auf dem ein Kunstwerk aus Speisen, Beilagen und Garnierungen arrangiert war. Wilhelm starrte wie hypnotisiert und vergaß fast darauf, die ihm angebotenen Häppchen zu verkosten. Er fühlte sich wie im Schlaraffenland und wollte gar nicht mehr mit seiner Mutter in ihr graues, kaltes, ödes Tal zurück. Aber er musste, schluchzend wurde er wieder in den Postbus gezerrt und zwei Stunden später waren sie wieder in Neurur. Aber er hatte einen Entschluss gefasst: Er wollte Koch lernen und sein eigenes Restaurant eröffnen - nicht im Pitztal, sondern irgendwo, wo es aufregender war, wo immer lachende Menschen um ihn herum waren und er die Kälte des Tales und seiner Mutter nicht mehr ertragen musste. Sein Heimatdorf kam ihm plötzlich so langweilig und dunkel vor, dass er am liebsten gleich mit der Kochlehre irgendwo in der Fremde angefangen hätte. Doch er musste zuvor noch fünf Jahre Schule hinter sich bringen, was ihm wie eine Ewigkeit vorkam.

Er verbrachte nun jede freie Minute bei seiner Mutter in der Küche des Gasthofs und schaute ihr zu, wie sie Tiroler Greaschtel – Gröstel - verschiedene Knödel, Gulasch, Wiener Schnitzel, Kaiserschmarrn, Apfelmus, verschiedene Strudel und so weiter und so weiter zauberte.

Die untätige Zeit im Gasthof und das oftmalige Verkosten der Köstlichkeiten wirkten sich auf Wilhelms Erscheinung aus - er wurde richtig dick. Mit 14 Jahren wog er schon 90 Kilo - und das bei einer Körpergröße von 1,55 m. Wilhelm selbst störte das reichlich wenig, er fühlte sich wohl in seiner Haut und war in dieser Küche, in der er mit seiner Mutter zusammen sein und seiner Lieblingsbeschäftigung - dem Essen und Kochen - frönen konnte, glücklich.

In der Schule wurde er zum Außenseiter - als den „fetten Willi“ verspotteten ihn bald alle. Auch das belastete ihn eher wenig - er wusste, dass er bald dieses Tal und diese engstirnigen Gesellen verlassen und in der großen weiten Welt (wenn es auch nur das weite Ötztal wäre) seinen Traum verwirklichen würde.

Kapitel 5

Endlich war es dann soweit – Wilhelm hatte die 9-jährige Volksschule im Pitztal mit durchschnittlichem Erfolg abgeschlossen und war bereit, den nächsten, langersehnten Schritt zu tun – er begann seine Kochlehre. Ein Bekannter seines Tets Josef arbeitete im renommierten Hotel „Post“ in St. Anton am Arlberg und Wilhelm konnte durch ihn einen Lehrplatz beim weithin bekannten Chefkoch Moll ergattern. Es war zwar nicht das Ötztal, aber auch St. Anton kam Wilhelm wie eine quirlige Metropole vor im Vergleich zum verschlafenen, engen, dunklen Pitztal.

Seine Lehrjahre bewältigte Wilhelm mit großem Eifer. Sein auch für seine Hitzköpfigkeit bekannter Meister erkannte sofort die Leidenschaft, mit der Wilhelm ans Kochen ging und er förderte und forderte ihn bei jeder Gelegenheit.

Nach der mit Auszeichnung bestandenen Lehrabschlussprüfung nahm der mittlerweile 19-jährige Wilhelm sein neues Lieblingsbuch, den gerade erstmals erschienenen Gault Millau, zur Hand und bewarb sich bei den besten Hotels und Restaurants in Österreich und Deutschland. Mit seinem Zeugnis und einem Empfehlungsschreiben des Chefkochs Moll war er guten Mutes, den nächsten Schritt in Richtung Erfüllung seines Lebenstraumes machen zu können. Und tatsächlich bekam er sogar mehrere positive Antworten, doch als er eines Tages einen Brief mit einem Goldenen Adler auf dem Kuvert aufgedruckt in Händen hielt, wurde er richtig nervös. Er verehrte Maître Feiersinger, den Starkoch dieses Restaurants in München und wünschte sich nichts sehnlicher, als unter diesem Meister kochen zu dürfen. Mit zittrigen Fingern öffnete er sorgfältig das Kuvert, öffnete das gefaltete Blatt Papier und konnte kaum glauben, was er da las: „............. freuen uns, Sie zu einem Bewerbungsgespräch am ....... zu uns einzuladen.“

Sein Herz schlug ihm bis zum Hals vor Aufregung und Glück, er sah sich schon in seiner Vorstellung gemeinsam mit Maître Feiersinger am Herd stehen und ihm bei den neuesten Kreationen behilflich sein.

Kapitel 6

Wilhelm war gerade in der Stuba, dem Wohnzimmer, und schaute mit seiner Mutter fern. Übermorgen sollte der große Tag sein, an dem er mit dem Bus nach Innsbruck und dann mit dem Zug nach München fahren und das erste Mal seinem großen Idol gegenübersitzen sollte. Er konnte an fast gar nichts mehr anderes denken. Draußen schneite es in dicken Flocken und er betete, dass die Straße talauswärts nicht wegen Lawinengefahr gesperrt sein würde. Plötzlich stand seine Mutter auf und stöhnte: „Irgendwie isch mir heit gar nit guat, Bua.” Sie schaute ihn mit einem seltsamen Gesichtsausdruck an, drehte sich in Richtung Türe, wollte einen Schritt nach vorne machen und fiel vornüber auf den Boden. Wilhelm war zuerst wie erstarrt und erwartete, dass sie gleich wieder aufstehen würde. Er hatte seine Mutter noch nie richtig krank gesehen, er dachte zuerst sie sei nur gestolpert. Doch sie blieb regungslos liegen. Da schoss er aus seinem Fernsehsessel und beugte sich über sie. Er rief: „Muater, Muater, was ist mit dir?“ Keine Reaktion. Er schüttelte sie und tätschelte ihre Wangen - nichts, sie lag einfach nur da. Nun bekam es Wilhelm mit der Angst zu tun, er sah zwar, dass sie noch atmete, aber er ahnte, dass etwas Schlimmes passiert war. Schnell zog er seine dicke Winterjacke an und lief im Schneegestöber zum Haus der „Demesen”, zu Martha, der Hebamme und Heilerin des Dorfes. Er stürmte zur Türe herein und schrie: „Martha, kimm schnell, die Muater....!“

Martha, durch den fast hysterischen Unterton in seiner