Mani Matter – Ein Porträtband - Franz Hohler - E-Book

Mani Matter – Ein Porträtband E-Book

Franz Hohler

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Beschreibung

Fünfzig Jahre nach seinem tragischen Tod ist Mani Matters Popularität ungebrochen. Immer noch singen Schulkinder auswendig seine Lieder. Junge Musikerinnen und Musiker vertonen seine berndeutschen Texte. Seine Chansons, die er selber auf unverwechselbare und brillante Art vorzutragen wusste, gehören zur Volkspoesie. Mani Matter ist zur Legende geworden. Wer war er wirklich? Worauf beruht die Wirkung seiner Lieder? Welches ist seine literarische Bedeutung? Diesen Fragen ist Franz Hohler nachgegangen, der mit Mani Matter über Jahre hinweg befreundet war. Aus Tagebuchnotizen und Selbstdarstellungen Mani Matters, aus Äusserungen seiner Freunde, aus Fotografien und Dokumenten hat Hohler einen Porträtband zusammengestellt, der die menschliche und schöpferische Vielfalt Matters zeigt. Neben der Geschichte seiner Lieder kommen auch seine Tätigkeit als Jurist, seine Herkunft und sein politisches Engagement ausführlich zur Sprache. Eine Annäherung an Mani Matter als Jurist, Privatperson und Künstler, ergänzt mit vielen Originaldokumenten und zahlreichen Fotografien und mit Gastbeiträgen u. a. von Guy Krneta, Kuno Lauener und Felicitas Hoppe.

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Seitenzahl: 223

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Fünfzig Jahre nach seinem tragischen Tod ist Mani Matters Popularität ungebrochen. Immer noch singen Schulkinder auswendig seine Lieder. Junge Musikerinnen und Musiker vertonen seine berndeutschen Texte. Seine Chansons, die er selber auf unverwechselbare und brillante Art vorzutragen wusste, gehören zur Volkspoesie.

Mani Matter ist zur Legende geworden. Wer war er wirklich? Worauf beruht die Wirkung seiner Lieder? Welches ist seine literarische Bedeutung? Diesen Fragen ist Franz Hohler nachgegangen, der mit Mani Matter über Jahre hinweg befreundet war. Aus Tagebuchnotizen und Selbstdarstellungen Mani Matters, aus Äusserungen seiner Freunde, aus Fotografien und Dokumenten hat Hohler einen Porträtband zusammengestellt, der die menschliche und schöpferische Vielfalt Matters zeigt. Neben der Geschichte seiner Lieder kommen auch seine Tätigkeit als Jurist, seine Herkunft und sein politisches Engagement ausführlich zur Sprache.

Der Zytglogge Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2024 unterstützt.

Der Autor und der Verlag danken für die Unterstützung:

© 2022 Zytglogge Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel

Alle Rechte vorbehalten

(aktualisierte Neuausgabe, erstmals erschienen 1977 Benziger Verlag)

Coverbild: Rodo Wyss, Archiv Zytglogge Verlag

Lektorat: Angelia Schwaller

Korrektorat: Jakob Salzmann

Covergestaltung / Layout / Satz: Andreas Färber, mittelstadt 21

Bildaufbereitung: FdB – Für das Bild, Fred Braune

Fotografien: Wenn nicht anders angegeben, im Eigentum von Joy Matter.

E-Book-Produktion: CPI books GmbH, Leck

ISBN E-Book: 978-3-7296-2381-1

www.zytglogge.ch

Der junge Freund

Ich habe einen jungen Freundmit dem ich gerne diskutierenachts vor allemer ist gescheit und witzigfasst, was kompliziert istrasch zusammenund entlarvt, was einfach istals kompliziert.

Dichter ist erund mit ihmMetaphern, Wortwahl, Versmass, Reimezu besprechenist Genuss.

Doch kann ich über Menschliches genauso mit ihm redenüber Frauen, SehnsuchtKrankheit, Sorgen, Neid und Zweifelund wir können lachen wie die Kinder.

Er ist schon mehr als fünf Jahrzehnte36 Jahre altseit jenem Abendauf der Autobahn.

Inhalt

Vorbemerkung

für mi sälber mir z erkläre

wo mir als bueben emal

är treit am tag e mappe

är isch vom amt ufbotte gsy

frou u chind sy doch zwäg

mir hei e verein

dä, wo so liedli macht

är het uf sym chopf e chopf gha

kunscht isch geng es risiko

s sy zwe fründe

s ghört dä und dise ja ou no derzue

und so blybt no sys lied

einisch am’ne morge oder am’ne namittag

Bibliografie

Diskografie

Über den Autor

Vorbemerkung

Wenn wir sagen, jemand sei aus unserer Mitte gerissen worden, dann enthält der Ausdruck die Vorstellung, dass wir um diesen Menschen herumgestanden sind, und das ist auch die Optik des vorliegenden Buches. Es ist kein Porträt aus einer einzigen Einstellung heraus, sondern es ist unter Mithilfe verschiedener Menschen entstanden, die sich aus ihrem Winkel und aus ihrer Distanz zu Mani Matter äussern. So sollte für die Lesenden mehr Spielraum bleiben, sich ihren eigenen Winkel und ihre eigene Distanz zu Mani Matter zu suchen.

Das Buch ist 1977 zum ersten Mal erschienen und war dann lange Zeit vergriffen. 1992 und 2001 kamen überarbeitete Ausgaben davon heraus. Die vorliegende Auflage enthält nochmals einige Änderungen sowie die Ergänzung der Wirkungsgeschichte von Mani Matters Gesamtwerk. Eine «Biografie» ist es nicht geworden, eher ein Nachruf derjenigen, die ihn gekannt haben, an die immer grösser werdende Zahl von Menschen, die ihn nur noch durch seine Lieder kennen, welche ihn nun schon so lange überlebt haben.

Im Übrigen ist das Ganze immer noch ein Versuch, die Nachricht vom 24. November 1972 zu glauben.

Franz Hohler, Zürich, April 2022

Mani als Sherlock Holmes

für mi sälber mir z erkläre

Fragen an Mani Matter, gestellt von Franz Hohler am 31. August 1971 in Bern.

Hohler: Erste Frage, wie siehst du aus?

Matter: Ich bin 1 Meter 78 gross, ungefähr 75 Kilo schwer, eher untersetzt, wahrscheinlich nicht dick, aber doch auch nicht so schlank, wie ich sein möchte, dunkle Haare, Schnurrbart, das ist wahrscheinlich das auffälligste Merkmal, und im Übrigen eher unauffällig.

Hohler: Wie alt bist du?

Matter: Da muss ich immer zuerst rechnen. 35 Jahre.

Hohler: Hattest du eine glückliche Jugend?

Matter: Ich glaube ja. Ich kann das schlecht vergleichen mit anderen Jugenden, da ich nur eine gehabt habe, aber ich glaube doch, dass man meine Jugend glücklich nennen könnte.

Hohler: Was war dein Vater von Beruf?

Matter: Mein Vater war dasselbe wie ich, er war Rechtsanwalt, hatte ein eigenes Büro, hier in Bern übrigens; ich bin eigentlich kaum aus Bern herausgekommen, ich habe hier die Schulen besucht, habe hier die Universität besucht, kein einziges Auslandssemester, das macht sich sonst immer gut, der einzige Auslandsaufenthalt von einiger Dauer war ein Jahr in England, sonst bin ich immer in Bern gewesen.

Hohler: Was ist deine früheste Kindheitserinnerung?

Matter: Meine früheste Kindheitserinnerung – das ist schwer zu sagen. Man reimt sich hinterher manches zurecht, von dem man selbst nicht mehr genau weiss, ob es wirklich stimmt, aber ich glaube, meine früheste Kindheitserinnerung ist, wie ich im Garten meines Grossvaters in einem grossen Wäschezuber gebadet habe. Ich glaube, das ist das Früheste, woran ich mich erinnere.

Hohler: Hast du deine Grosseltern gekannt?

Matter: Ja, alle bis auf meinen Grossvater mütterlicherseits, der ist ziemlich lange vor meiner Geburt gestorben.

Hohler: Kannst du noch etwas erzählen von deinen Grosseltern?

Matter: Ja. Mein Grossvater war ein sehr energischer Mann. Er ist aus dem Aargau, wo wir heute noch heimatberechtigt sind, ausgewandert und hat die Familie nach Bern gebracht. Er war bei der Eisenbahn und hat dort eine ziemlich steile Karriere gemacht, er hat es bis zum Oberbetriebschef der Schweizerischen Bundesbahnen gebracht. Er war, wie man mir gesagt hat, sehr gefürchtet. Er hatte auch einen schwarzen Schnauz, allerdings einen Schnauz, der an den Enden gezwirbelt war, eine schwarze Bürstenfrisur und einen Knebelbart, wie man es damals noch trug, und man hat ihn unter den Eisenbahnern die schwarze Gefahr genannt, weil er immer sehr unvermutet aufgetreten ist. Er hielt immer darauf, dass wir anständig gekämmt sein sollten, und ich erinnere mich noch, wie er jeweils zum Kamm griff und uns selbst die Haare kämmte, da lief einem immer das Blut im Haarboden zusammen. Dort, wo er sein Büro gehabt hat, über dem Bahnhof im grossen SBB-Generaldirektionsgebäude, das nannte man damals das Matterhorn, wegen meinem Grossvater, und vor allem weil es dann noch zwei andere Hörner gab, die Grimmialp, das war dort, wo der alte Robert Grimm, der BLS-Direktor, seinen Sitz hatte, und das dritte war, glaube ich, das Wetterhorn, von Bundesrat Wetter her.

Jedenfalls war mein Grossvater die markanteste Figur von meinen Grosseltern. Die Pensionierung konnte er etwas hinausschieben, weil das zur Zeit des Krieges war, als er hätte pensioniert werden sollen. Dann ist er in der Kriegswirtschaft noch geblieben, aber schliesslich, nach dem Ende des Krieges, wurde er doch pensioniert, und er war ein solcher Tatmensch, so energiegeladen, dass er das kaum verwinden konnte, nicht mehr an die Arbeit zu gehen. Schon in seiner Jugend soll es von ihm geheissen haben, als er einen Welschlandaufenthalt machte, da habe es im Zeugnis geheissen, «sollte sich mehr Ruhe gönnen». (lacht) Das ist etwas, was man von mir ganz sicher nie gesagt hat, und das hat mir immer mächtig imponiert. Das habe ich immer als Zeichen des Zerfalls einer Familie angesehen, dass mein Grossvater noch so energisch war, mein Vater immer noch sehr aktiv, und ich bin doch eigentlich nicht mehr so schrecklich aktiv.

Ja, noch zu meinem Grossvater, ich pflege manchmal auf der Bühne meine verschiedenen Eisenbahnlieder damit zu begründen, dass mein Grossvater bei der Eisenbahn war. Aber was ich eigentlich noch sagen wollte, als er pensioniert war, da hat er mit sich nichts Rechtes mehr anzufangen gewusst und hat immer grosse Spaziergänge gemacht, ist immer sehr schnell gegangen, und wir, die Enkel, mussten dann manchmal mit, und das war für uns immer sehr, sehr unangenehm, wenn wir dort mitmussten, weil man ihm fast nicht folgen konnte, und die einzigen Lichtblicke waren, dass man jeweils einkehrte und Käse und Brot und Süssmost bekam. Ja, das ist ungefähr, was ich von meinem Grossvater sagen kann.

Meine Grossmutter, also die Grossmutter väterlicherseits, war eine sehr liebe, eigentlich stille Frau. Die Grossmutter mütterlicherseits war Holländerin, meine Mutter war auch Holländerin, hat allerdings hier in Bern gelebt, und die Grossmutter hat immer sehr auf Haltung gegeben, sie hat noch bis ins hohe Alter mit steifem Kreuz am Tisch gesessen und ihre Haltung eigentlich nie verloren. Heute noch lebt sie allein in einer Dreizimmerwohnung, obschon sie 95 ist. Sie kocht noch für sich selber und schaut noch für sich selber, das ist wahrscheinlich doch noch bemerkenswert.

Mani mit seinem Grossvater Erwin Matter

Hohler: Dein Grossvater wollte doch dieses umsteigelose Bahnsystem einführen?

Matter: Ah ja, das war ein sehr menschenfreundlicher Zug von ihm. (lacht) Er hat daran geglaubt, dass man in Genf in die Eisenbahn sollte einsteigen können und dann, ohne umzusteigen, nach Huttwil oder an irgendeinen anderen kleinen Flecken fahren, und das wollte er so bewerkstelligen, dass er an jedem Bahnhof wieder Züge anhängte und Züge abhängte und die Züge immer anders zusammensetzte. Das hat sich dann eigentlich überholt. Heute sind die Städteschnellzüge gekommen, die mit dieser Konzeption radikal gebrochen haben, aber rein als Modell, als Vorstellung war mir das immer sehr sympathisch, diese umsteigelosen Züge. Er hat übrigens, ich bin zwar nicht ganz sicher, ob das stimmt, aber ich glaube, er hat sich auch für die Einführung der Kelle statt der Pfeife eingesetzt. Früher hat man ja immer gepfiffen auf den Bahnhöfen, und mein Grossvater soll sich sehr geärgert haben, wenn die Bahnbeamten an ihren Pfiffen noch lange Schleifen anhängten. Streng nach Eisenbahndisziplin sollte es einen Pfiff, zwei Pfiffe, drei Pfiffe, und zwar kurze Pfiffe geben, aber die Eisenbahner haben dann immer, ich erinnere mich daran noch gut, den letzten Pfiff ausgedehnt, und man konnte auch die Tonhöhe etwas verändern an diesen Eisenbahnerpfeifen, und das gab so diese typischen Pfiffe, die ich noch sehr gut im Ohr habe, (pfeift einen) etwa so.

Mani als Bueb

Hohler: Was wolltest du früher werden?

Matter: Einmal wollte ich Clown werden, daran erinnere ich mich noch gut, und dann auch Koch und Architekt, Ingenieur. Unsere Putzfrau, die wir zu Hause hatten, hat immer geglaubt, ich würde einmal ein Ingenieur, weil sie fand, ich sei so ein begabter Bastler. Das stimmt aber nicht, ich habe nur sehr viele Bastelbücher gelesen, aber immer, wenn ich etwas ausführen sollte, ging es schief, weil ich manuell ziemlich unbegabt bin und auch immer zu ungeduldig war, um zu warten, bis der Leim trocken war oder was immer. Ja, eigentlich hab ich sehr viel werden wollen, nur nie das, was ich geworden bin.

Hohler: Warst du ein guter Schüler?

Matter: Jaaa, in der Primarschule war ich ein glänzender Schüler. Dann, später, rutschte ich immer mehr ab in der Rangordnung der Klasse. Wahrscheinlich war es vor allem auf meine Faulheit zurückzuführen, dass ich meine glänzenden Anfangserfolge eigentlich nie mehr wiederholt habe.

Hohler: Was hast du studiert?

Matter: Jurisprudenz, wie mein Vater. Eigentlich mehr nach der Eliminationsmethode, wie übrigens sehr viele Juristen. Naturwissenschaft kam nicht in Frage, zum Architekten war ich zu unbegabt, zum Ingenieur interessierte mich die Mathematik zu wenig und die Physik, obschon ich in diesen Fächern eigentlich immer ziemlich gut war. Dann blieb noch Phil. I und Jurisprudenz. Phil. I habe ich versucht, aber ich habe mich von Vorlesungen über Goethe etwas abschrecken lassen, und so bin ich bei der Jurisprudenz geblieben.

Hohler: Was arbeitest du jetzt?

Matter: Jetzt bin ich Rechtskonsulent der Stadt Bern, so eine Art Einmannjustizabteilung der Stadt.

Hohler: Gefällt dir diese Arbeit?

für mi sälber mir z’erklärebin i mal mym stammboum naha vo undre zweige här echly die nuss probiert z’verstahwär da alles mir verwandt ischhan i gluegt, us quelle gschöpftnumen eine wo bekannt ischworde git’s: dä hei si gchöpft

s isch dr gouner bärnhard matterus em aargou win ig owen o nid my urgrossvatterurgrossungglen allwäg schodä het da vor hundert Jahreüsem gschlächt e wäg bestimmtwin i jitz ersch ha erfahredass eim nüt meh wundernimmt

Matter: Ja, es ist eine sehr vielseitige Arbeit. Ich glaube nicht, dass man als Jurist je von seinem Beruf ganz ausgefüllt sein kann, wie andere Berufe einen ausfüllen. Ich würde das sogar für schädlich, auch für die Jurisprudenz, halten, wenn man nur Jurist wäre. Aber die Stelle, die ich jetzt habe, ist eine der – ich könnte mir kaum eine bessere vorstellen auf diesem Gebiet.

Hohler: Warum? Kannst du das noch etwas begründen?

Matter: Ja, es ist nicht so leicht zu sagen. Einmal hat diese Stelle viele der Konfliktstellen nicht, die andere juristische Berufe haben. Der Beruf des Staatsanwaltes würde mich laufend in Interessenkonflikte bringen, der Beruf des Richters wahrscheinlich auch. Als Anwalt hätte ich das Gefühl, ich müsste manchmal etwas zu einseitig die Interessen der Parteien vertreten, als Verwaltungsjurist ist man sehr oft nur auf einem sehr engen Gebiet tätig, man hat es nur mit Luftrecht oder nur mit Landwirtschaftsrecht oder Fischereirecht zu tun. Der Beruf, den ich habe, ist sehr vielseitig. Man kann sich eine gewisse Objektivität leisten, weil die Stadt schliesslich in ihrem juristischen Gehaben gewisse Ansprüche an sich stellen darf. Und so, alles in allem, halte ich das doch für eine sehr gute Stelle.

Hohler: Gefällt dir deine Rolle als Familienvater oder kannst du dir dich auch als Junggeselle vorstellen?

Matter: Ich fühle mich eigentlich kaum je als Familienvater. (lacht) Ich finde mich immer mit einer gewissen Verwunderung als Familienvater. In vieles, was später plötzlich wichtig wird im Leben, rutscht man mehr hinein, als dass man es bewusst plant und sich von vornherein in dieser Rolle sieht – wie ja vielleicht überhaupt wenige Leute sich mit einer Rolle ganz identifizieren. Ich glaube, das gibt es fast nicht, dass einer von sich glaubt, er sei dies oder das, und seine Rolle ganz genau definieren kann.

Hohler: Was für Bücher liesest du?

Matter: Ich lese sehr viele, verschiedenartige Bücher. Fangen wir einmal mit der Belletristik an, dort lese ich relativ selten Romane, oder wenn ich Romane lese, dann lese ich sie selten zu Ende, dagegen lese ich öfters Dramen und Gedichte und kürzere Sachen, wie ich auch selbst literarisch ein Kurzstreckenläufer bin. Dann lese ich ziemlich oft philosophische, sogar theologische Bücher, auch politische Sachen manchmal. Früher habe ich fast alles, auch an Sachbüchern, gelesen, was mir unter die Finger gekommen ist, und dann hat sich der Kreis doch langsam etwas eingeschränkt, ich glaubte früher, ich interessierte mich auch noch für Logistik und für Sprachwissenschaft und für alles Mögliche. Ich stelle auch fest, dass ich sehr oft dieselben Bücher wieder lese, oder doch wenigstens dieselben Autoren, und es gibt so eine Art trichterförmige Bewegung in meiner Lektüre. Vielleicht werde ich eines Tages damit enden, dass ich nur noch ein Buch immer wieder lese.

Hohler: Was gefällt dir an einem Clown?

Matter: Die radikale Einfachheit der Mittel und, wie soll ich sagen, das Allegorische. Ich weiss nicht, ob das unmittelbar einleuchtend ist, ich glaube, dass man einen Clown kaum je als das versteht, was er eigentlich macht, sondern man stellt sich darunter irgendwelche anderen Situationen vor, die eigentlich analog sind, obschon sie sich vielleicht auf ganz anderem Gebiet abspielen. Nicht wahr, die Tücke des Objekts gibt es auf allen möglichen Wissensgebieten, und der Clown ist im Grunde genommen ein ganz ins Einfache oder Banale stilisierender Allegoriker. Die Kunst eines Clowns ist für mich eine der elementarsten, die es gibt. Jedes Kind kann einen Clown verstehen, und doch ist eine gute Clownnummer voller Bezugspunkte zu allen möglichen anderen Lebensbereichen. Es sind nicht alle Clowns gleich, aber ich habe einen gewissen Idealtypus von Clown, der – ich könnte nicht einmal sagen, wer ihn am reinsten verkörpert, aber für mich muss eben ein Clown ganz banal, ganz einfältig sein, so dass das Einfältige sich fast ins Mystische überschlägt, und die Erkenntnis, dass es so einfach ist, ist vielleicht etwas, was einen dann lachen macht. Ich weiss nicht, ob das eine ausreichende Erklärung ist, ich kann es wahrscheinlich gar nicht sagen, was mir an einem Clown gefällt.

Hohler: Lebst du gern in Bern?

Matter: Früher stellte ich mir vor, ich könnte nur in Bern leben, weil mir an anderen Orten das Organisatorische im Alltag immer überaus mühsam vorkam. Ich beschäftige mich ungern mit der Frage, wo muss ich jetzt hingehen, um mir Papier zu kaufen oder um mir eine Wurst zu kaufen, wie muss ich einen Fahrschein lösen, um mit der Strassenbahn fahren zu können, wo durch muss ich fahren, um zum Bahnhof zu kommen? Es ist auch eine Art Faulheit, dass ich gern dort bin, wo ich die Verhältnisse kenne. Aber heute habe ich eigentlich das Gefühl, ich brauche nicht in Bern zu leben. Ich könnte ebensogut in einer anderen Schweizer Stadt leben, ich könnte auch im Ausland leben, es wäre am Anfang vielleicht etwas mühsam und anstrengend, aber ich würde es wahrscheinlich doch auch fertigkriegen.

Hohler: Kannst du dir vorstellen, dass du in Zürich aufgewachsen wärst und Zürichdeutsch sprechen würdest?

Matter: Ja, warum nicht? Ich habe keine idealisierte Vorstellung vom Berndeutschen oder von dem, was das Berndeutsche aus einem macht oder was Bern aus einem macht. Das ist alles Gewohnheit, man hat sich eben so gewöhnt; man hätte andere Einflüsse gehabt, wäre anders geworden, vielleicht schon, aber ich bin nicht Lokalpatriot, gar nicht.

Hohler: Wie würdest du einem Deutschen den Unterschied zwischen Berndeutsch, Baseldeutsch und Zürichdeutsch erklären?

Matter: Vielleicht zuerst der Unterschied zwischen Berndeutsch und Baseldeutsch. Berndeutsch ist eine breitere, bäurischere, lakonischere Sprache, währenddem Baseldeutsch eine gebildetere, eine Städtersprache ist, auch etwas spitzer, etwas wortreicher und schneller. Beide, das Berndeutsche und das Baseldeutsche, sind Endpunkte in der Entwicklung des Alemannischen, man kann von Zürich her verschiedene Übergänge über Olten, Biel oder Burgdorf bis zum Berndeutschen finden, aber dann hört’s irgendwie auf. Darum ist das Berndeutsche relativ geschlossen. Dasselbe gilt auch für das Baseldeutsche. Es gibt Anklänge zum Baseldeutschen hin, aber es gibt irgendwie nichts darüber hinaus, und das ist vielleicht auch der Grund, weshalb das Berndeutsche und das Baseldeutsche, die in sich ziemlich geschlossene Sprachen sind, literarisch am produktivsten waren. Das Zürichdeutsche ist für mich eine eher verwaschene Sprache, mehr ein Übergang. Es hat einmal ein bösartiger Berner gesagt, der Zürcher sei der Übergang zwischen dem Menschen und dem Ostschweizer. Das auf die Sprache bezogen, stimmt vielleicht zum Teil. Das Zürichdeutsche ist irgendwie viel unschärfer, es gibt verschiedene Arten von Zürichdeutsch, es ist in sich nicht geschlossen, und man kann über Zürich hinausgehen, dann findet man gewisse Eigenheiten noch verstärkt in dieser oder jener Hinsicht. Es hat auch etwas unschöne Laute in sich, ich selbst habe keine besondere Affinität zum Zürichdeutschen, obschon ich einzelne Leute kenne, die auch für mich ein schönes Zürichdeutsch sprechen.

Hohler: Eine Frage, die zum Teil schon beantwortet ist, aber vielleicht weisst du noch etwas dazu: Ist es Zufall, dass gerade das Berndeutsche bei der Regenerierung der Mundartbewegung eine führende Rolle gespielt hat?

Matter: Vielleicht ist es so, dass der Berner von allen Schweizern am meisten Mühe hat, von seinem Dialekt wegzukommen. Es ist mir schon verschiedentlich aufgefallen, dass viele hochdeutsche Wörter in anderen Dialekten in die Mundart eingeflossen sind, die bei uns eigentlich immer noch in der verberndeutschten Version gebraucht werden, das Berndeutsche hat ein ziemlich starkes Assimilationsvermögen. Frag mich jetzt nur nicht nach einem Beispiel, aber es scheint mir, dass wir auch stärker in der Mundart denken, als man das anderswo tut, und dass man auch, wenn man hochdeutsch spricht, immer noch mit dem Berndeutschen zu kämpfen hat.

Aber das mit der Regenerierung der Mundart: Wir haben natürlich auch eine ziemlich starke berndeutsche Tradition, gegen die sich vom Berndeutschen her aufzulehnen relativ reizvoll ist. Bei uns hat der Mundartdichter im Sinne des Veilchen- und Blümchen- und Landwirtschaftsdichters schon immer einen guten Nährboden gefunden, und wenn man nun versucht, etwas Neues zu machen mit denselben Mitteln – das mag vielleicht ein zusätzlicher Reiz gewesen sein.

Hohler; Was sagst du dazu, dass du so viele Nachfolger gefunden hast?

Matter: Das ist eigentlich erfreulich. Ich habe mir früher einmal vorgestellt, das wäre doch schön, wenn ich nur gerade anfangen könnte, ein paar Lieder zu machen, und dann würden andere weiterfahren, und ich könnte mich dann wieder ins Publikum setzen und den anderen zuhören. Das hat mir immer als Vorstellung sehr gut gefallen. Ich glaube, es ist auch anregend. Ich bin überzeugt, dass ich sehr vieles nicht gemacht hätte, dass ich vielleicht schon aufgehört hätte, solche Lieder zu schreiben, wenn es nicht andere gegeben hätte, die mich angeregt haben, selber auch wieder neue Sachen zu machen. Warum gerade alle, die solche Lieder machen, Berner sind, das kann ich mir eigentlich nicht recht erklären. Ich höre oft den Satz: So etwas ist natürlich nur auf Berndeutsch möglich. Das hört man oft, wenn man nicht in Bern ist. Ich glaube das eigentlich gar nicht. Ich glaube, wenn einer kommt und es tut, ist es in jedem Dialekt möglich.

Hohler: Gefallen deine Lieder deinen Kindern?

Matter: Manche gefallen ihnen, andere nicht. Früher war es so, dass meine Kinder eigentlich nie meine Lieder am liebsten hatten, sondern diejenigen von Fritz Widmer, eines anderen Liedermachers. Was meine Kinder eigentlich mehr beschäftigt als die Lieder selbst, ist, dass die andern Kinder sie auch kennen und dass sie, wie soll ich sagen, einen berühmten Vater ist zu viel gesagt, aber dass das für die andern Kinder, mit denen sie zusammenkommen, etwas bedeutet, das beschäftigt sie ziemlich stark. Sie fragen zum Beispiel: «Kann denn der keine Lieder machen?» und «Warum macht denn der keine Lieder?» Das ist für sie irgendwie die Norm, das sollte doch ein Vater tun können. Ich habe auch schon versucht, Lieder speziell für meine Kinder zu machen, das ist aber nie besonders gut herausgekommen. Ich glaube, es ist nicht vorhersehbar, woran sie Freude haben und woran nicht, und wenn sie es nicht verstehen, so heisst es noch gar nicht, dass es ihnen nicht gefällt.

Was isst dr Elefant z’Mittag?Panierte Fisch mit Chöhli.U d’Greeme, wo s zum Dessert git?Die laht er stah, dä Löli.

Kindervers von Mani

Hohler: Machst du Volkslieder?

Matter: Jooh, sicher in einem gewissen Sinn. Es kommt drauf an, was man unter Volksliedern versteht. Ich knüpfe nicht an die Tradition der schweizerischen Volkslieder an. Ich war kürzlich in einem deutschen Seminar, wo sie meine Lieder behandelt haben, und da hat der Professor darauf hingewiesen, dass ich eigentlich die Sprache ganz anders brauche, als sie in den herkömmlichen Volksliedern gebraucht werde, dass ich die Art der Verbindung zwischen Text und Melodie eigentlich von den Franzosen übernommen hätte. Gut also, in dem Sinn mache ich keine Volkslieder, aber wenn Volkslieder Lieder sind, die einem relativ breiten Publikum gefallen oder die von einem relativ breiten Publikum verstanden werden, dann, glaube ich, wäre es nur von einer elitären Haltung aus abzulehnen, dass das auch Volkslieder sind. Ich bilde mir weder etwas darauf ein, dass ich Volkslieder mache, noch möchte ich mich dagegen verwahren, dass ich Volkslieder mache.

Hohler: Warum machst du keine hochdeutschen Lieder?

Matter: Die Frage hat sich eigentlich gar nie praktisch gestellt. Es war von Anfang an so, dass ich nicht damit rechnen konnte, dass irgend jemand anderer meine Lieder singen könnte, sondern es ergab sich, dass ich sie selber singen sollte, und da ich nicht Hochdeutsch kann, musste ich sie wohl oder übel auf Berndeutsch schreiben. Dazu kommt noch, dass das Berndeutsche natürlich gewisse Vorteile hat gegenüber dem Hochdeutschen: Es ist literarisch viel weniger abgenutzt, man kann neue Reime erfinden, man kann neue Wortspiele erfinden, die in einer literarisch schon viel verwendeten Sprache viel seltener wären. Aber der Hauptgrund ist der, dass meine gesprochene Sprache Berndeutsch ist, und wenn es sich darum handelt, dass ich selbst etwas sagen oder sprechen soll – ich spreche eigentlich mehr als ich singe –, dann liegt es mir am nächsten, berndeutsch zu sprechen.

Hohler: Hat das auch inhaltliche Konsequenzen?

Matter: Ja, es hat inhaltliche Konsequenzen. Es gibt viele Dinge, die man auf Berndeutsch nicht sagen kann. Man kann zum Beispiel keine grossen Worte machen, man kann nicht viel abstrakte Begriffe verwenden. Es gibt gewisse Lebensbereiche, die von vornherein ausgeschlossen sind. Man könnte beispielsweise auf Berndeutsch kein Matrosenlied machen. Man ist von vornherein auf den Lebensbereich, den man mit dem Berndeutschen bewältigt, beschränkt. Das ist einerseits eine Gefahr, andererseits ist es auch, wie jede Beschränkung, ein Vorzug.

Dann hätte man Mühe, zum Beispiel politische Schlagwörter auf Berndeutsch zu verwenden, das würde irgendwie falsch tönen, weil man sich eben nicht so ausdrückt auf Mundart. Martin Walser hat einmal einen schönen Aufsatz über das geschrieben und hat gesagt, er habe sich früher oft damit vergnügt, irgendwelche Wahlparolen oder Schlagwörter von Politikern auf Mundart zu übersetzen, und habe dann gefunden, dass sich bei dieser Übersetzungsarbeit die Sätze entlarvten, denn sobald man sie konkretisieren muss – man muss ja immer konkretisieren in der Mundart –, verlieren sie ihren Gehalt, sie zerflattern einem unter den Fingern. Man darf sich natürlich auch nicht zu viel darauf einbilden, denn die Leute, die Mundart sprechen, sind ja deswegen keine besseren Menschen.

Hohler: Machst du dir Gedanken über dein Publikum?

Matter: Ja. Es wird mir etwas unheimlich, wenn das Theater drei Wochen zum Voraus ausverkauft ist. Es ist ein gewisser Heroismus, wenn man sich vor einem halbleeren Saal behaupten muss. Und auch das Gefühl, das die Leute haben, dass sie etwas entdeckt hätten, wenn sie zu einem ins Theater kommen, das war früher für mich ziemlich viel wert. Heute habe ich dieses Gefühl gar nicht mehr, heute klatschen sie, bevor ich das Maul auftue, und das habe ich nicht gern. Ich hätte manchmal Lust, mich irgendwie zu verkleiden oder unter einem anderen Namen neu zu beginnen, nur um das wieder zu haben. Ich versuche dann auch, Lieder zu machen, die doch gar nicht mehr ankommen können, um mir zu bestätigen, dass ich dem Publikum nicht nach dem Maul singe. Ich glaube, dass das wirklich eine Gefahr ist, der man leicht erliegt.

Hohler: Kannst du ein Beispiel sagen für ein solches Lied?

Matter: Ich muss leider gleich gestehen, dass ich die Lieder, die ich dann so mache, sehr selten singe, zum Beispiel der «Noah» war so ein Lied, von dem ich überzeugt war, dass es keinem Menschen irgendwas sagen werde.

Hohler: Hast du nicht Lust, das hauptberuflich zu machen?