Männer, die auf Raufaser starren - Michael Meudt - E-Book

Männer, die auf Raufaser starren E-Book

Michael Meudt

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Beschreibung

Wann haben Sie sich das letzte mal komplett aus Ihrem Alltag zurück gezogen? Wann waren Sie das letzte mal nicht erreichbar - weder für den Chef, Partner oder Freunde? Wann waren Sie das letzte mal mit sich selbst ganz alleine? Ein Vipassana-Retreat hat strenge Regeln. Ziel ist es, sich selbst zu erfahren, ohne irgend eine Ablenkung von aussen. In bis zu zehn Stunden Meditation täglich taucht man in die Tiefen seiner körperlichen und seelischen Empfindungen ab, um zu lernen, die Dinge so sehen, wie sie wirklich sind. Buddha soll vor 2500 Jahren dadurch zur Erleuchtung gelangt sein. Hat er doch die Ursache von Glück und Unglück erkannt. Der Autor wagt das Experiment und begibt sich in einem Selbstversuch auf die Reise ins eigene Ich. Was er von dort mitgebracht hat, hat sein Leben verändert. Aber anders, als erwartet. Es bleibt die Frage, was "Männer, die auf Raufaser starren" sehen können? Und: Warum war Buddha eigentlich kein Rheinländer?

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Seitenzahl: 248

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Was siehst du?

In Gedenken an S.N. Goenka:

„A fat fee for a fat teacher“

Take rest!

Michael Meudt

Männer, die auf Raufaser starren

Zehn Tage Vipassana-Meditation

eine Selbsterfahrung

© tao.de in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld

1. Auflage (2013)

Autor: Michael Meudt Umschlaggestaltung, Illustration: Studio PJ und United Talents, Berlin Umschlagidee: Arne Lindhorst Umschlagfotos: Bettina Volke Korrektorat:Christiane Dunsbach, Andrea Wels

Verlag: tao.de in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld, www.tao.de, eMail: [email protected]

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN: 978-3-95529-315-4

Meinem buddhistischen Freund Jochen, meiner Liebe Bettina und

Inhalt

Tief einatmen …

Der gewünschte Gesprächspartner ist vorübergehend nicht erreichbar

Erster Tag: Lauter Gong in „Edler Stille“

Zweiter Tag: Sanfter Hauch an Nasenlöchern

Dritter Tag: Michael - allein zu Haus

Vierter Tag: betretenes Schweigen in „Edler Stille“

Fünfter Tag: Vipassana-Mikado: „Entschlossenes“ Sitzen

Sechster Tag: Zombies drehen ihre Runden

Siebter Tag: Privataudience

Achter Tag: Die Reise ins Ich

Neunter Tag: Männer, die auf Raufaser starren

Zehnter Tag: Zombies erwachen

Abreise:

Tief einatmen …

Das Leben findet zwischen zwei Atemzügen statt

Ich habe 2011 meinen 50. Geburtstag gefeiert. Ein rauschendes Fest. Ich habe mich im selben Jahr mit meinem Arbeitgeber auf einen Auflösungsvertrag geeinigt. Kein rauschendes Fest. Aber immerhin eine Abfindung, die mich in die Lage versetzt hat, meinen Interessen intensiver nachzugehen.

Mein erstes Schlüsselerlebnis in der neuen Lebenslage war auf Bali. Drei Wochen Yoga und etwas Meditation. Gisela, eine Psychologin, erweiterte meine bis dahin oberflächlichen Meditationserfahrungen mit ein paar wenigen dezenten Übungen. Dort hörte ich auch zum ersten Mal von Eckhart Tolle. Ich war fasziniert von seinem Gedanken, dass die Wahrheit nur im Jetzt zu finden ist. Klebe nicht an der Vergangenheit und projiziere nicht in die Zukunft. Leicht gesagt, aber immerhin ein bereichernder Perspektivenwechsel.

Kurz darauf hörte ich das Stichwort „Vipassana“. Zehn Tage Stille in Meditation. Keine Kommunikation, ich allein mit mir. „Einsamer Wolf“-Image inklusive. Es hat dann noch mal ein paar Monate gedauert, bis ich mich tatsächlich angemeldet habe. Aber als die Zusage kam, habe ich mich sehr gefreut - nicht wissend, was da auf mich zukommen würde.

Ich würde mich als Esoterik-Sympathisant bezeichnen. Schon aus journalistischem Interesse. Mein erster Kontakt zum Thema Meditation hatte ich, als ich 1990 ein Interview mit Maharishi Mahesh Yogi führte, der durch seine frühere Beziehung zu den Beatles und später durch die „fliegenden Yogis“ bekannt wurde. Ich habe damals für das TV-Magazin ZAK gearbeitet. Maharishi wollte in diesen Tagen gegen den Irak-Krieg von Bush sen. meditieren. Er war der Überzeugung, dass, wenn ca. 10.000 seiner Yogis in der Krisenregion ständig meditieren würden, der Krieg friedlich verhindert werden könnte. Er nannte das den Maharishi-Effekt. Ein perfektes Thema für ein satirisches Polit-Magazin. Ich habe den sympathischen Guru auch dementsprechend durch den Kakao gezogen, zumindest seine fliegenden Yogis, die hüpfend über die Matratzen sprangen.

Der Krieg wurde bekanntlich nicht verhindert, aber ich liess mich damals in die Technik der Transzendentale Meditation einführen. Das kostete 800 D-Mark: Dafür bekam ich ein Mantra ins Ohr geflüstert, mit dem ich regelmäßig meditieren sollte. Das habe ich ein paar Jahre auch konsequent gemacht, dann verschwand das Thema aber wieder aus meinem Leben. Eine grundsätzliche Bereitschaft, den Blick nach innen zu kehren und sich so die Welt besser erklären zu können, blieb bestehen. Sonst hätte ich auch nicht die Idee gehabt, mich auf Vipassana einzulassen.

Dieses Buch ist ein persönlicher Erfahrungsbericht. Es hat nicht den Anspruch, journalistisch ausgewogen zu sein. Im Gegenteil. Ich bin manchmal ungerecht, halte mich an Klischees fest, etikettiere ohne zu differenzieren.

Also eine sehr menschliche Sicht auf die Welt. Unerleuchtet, unbuddhistisch, egozentriert.

Trotzdem ist mir durch die zehntägige Meditationserfahrung einiges klarer geworden. Wir „Schlafenden“ können unser Ego nicht wirklich kontrollieren; vielleicht beobachten und hoffen, dass sich dadurch etwas verändert. Aber diese Kontrolle ist eine Illusion. Solange wir nicht durch das letzte Tor zur Erleuchtung gegangen sind, werden wir immer egoistisch handeln - also Unangenehmes meiden und Angenehmes suchen. Das wird mal besser und mal schlechter funktionieren. Vipassana und das damit verbundene Lebenskonzept bietet einen Weg an, sich grundsätzlich aus diesem Teufelskreis zu befreien.

Atmen Sie also tief ein und genießen sie die Reise ins eigene Ich.

Viel Vergnügen!

Der gewünschte Gesprächspartner ist vorübergehend nicht erreichbar…

Ich biege mit meinem schwarzen Lufthansa-Trolley laut rumpelnd in den Hinterhof des kleinen Anwesens ein. Eine saftig-grüne Rasenfläche, darauf eine große alte Eiche mit einer Holzbank rund um den Stamm, ein paar Bänke am Rand der Wiese - alles wirkt einladend und harmonisch.

Zur linken Seite öffnet sich der Hof mit einem schönen Blick über weite Gärten und Felder, rechts begrenzt ein einstöckiger Gebäudeflügel, der vom Haupthaus abgeht, die Szenerie. Hier ist es sehr still und ich bin sehr laut. Toller Einstieg.

Ein paar Menschen schauen auf und widmen sich dann aber direkt wieder ihren Unterlagen. Sie füllen anscheinend Formulare aus. Ich hebe meinen Koffer an und gehe über kleines Kopfsteinpflaster auf den Eingang zu - dort, wo noch mehr Gepäck steht. Hier müsste die Anmeldung sein, kombiniere ich.

Es ist sonnig und warm, meine fünfstündige Zugreise von Berlin über Leipzig und Zwickau nach Triebel, einem kleinen Ort im sächsischen Vogtland, ist vorläufig zu Ende - ich bin am Ziel. Zumindest am Etappenziel. Denn die Reise ins eigene Ich, oder was ich dafür halte, soll jetzt erst richtig anfangen.

Dies ist quasi der Vorhof zur inneren Stille. Hier ist das Dhamma-Dvara-Meditationszentrum. Hier habe ich zehn Tage buddhistische Vipassana-Schweigemeditation gebucht. Klappe halten und innerer Stimme zuhören. Entspannung pur. Alle Sorgen bleiben aussen vor. So zumindest meine Vorstellung.

Ich bin neugierig-angespannt und stelle mein Gepäck auch vor dem Eingang ab. Es geht ein paar Stufen hoch, dann stehe ich in einem kleinen Berg von Hausschuhen. Ein Schild weist darauf hin, dass man doch bitte im Haus nur diese Schuhe tragen solle. Aus einem großen Karton kann man sich dementsprechend bedienen. Ich überlege kurz und entscheide mich dann, die Bitte zu ignorieren. Das dauernde Schuhe auf- und zubinden ist mir zumindest jetzt zu lästig. Außerdem kann ich nicht erkennen, wer hier seine Schuhe abgestellt hat und welche Latschen zum Ausleihen sind. Ich putze mir deshalb die Schuhe besonders sorgfältig ab. Das muss reichen.

Das nächste Schild, ein paar Stufen weiter und schon im Gebäude selbst, gibt mir immerhin zwei Auswahlmöglichkeiten, links oder rechts. Ich nehme links, denn da steht über einem Pfeil „Anmeldung Männer“, rechts ist für die Frauen. Geschlechtertrennung gegen Ablenkung. Jetzt wird’s Kloster. Ich stelle mich an der kurzen, „männlichen“ Warteschlange an.

Vorne, an einem Tisch, sitzen zwei junge Männer und drücken jedem Neuankömmling ein Formular in die Hand. Dies sei bitte auf Englisch auszufüllen und dann mit den persönlichen Dingen, die man abgeben soll, zurückzubringen.

Ich setze mich mit den Unterlagen auf die Holzbank unter die Eiche und fülle die Anmeldung aus. Darin wird noch einmal erklärt, um was es bei Vipassana geht und was in den nächsten zehn Tagen auf einen zukommt. Für eventuelle psychische Schäden bin ich per Unterschrift selbst verantwortlich. Vor einem Bungeesprung würde man wahrscheinlich ähnliche Formulare unterzeichnen. Ich lese weiter: Ich darf nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen, keinen Sex haben, auch nicht mit mir selbst und ich darf mich nicht mit Drogen erwischen lassen. Prima - soweit ok. Das mit dem Sex könnte vielleicht eine Herausforderung werden. Aber ich bin zuversichtlich, auch das hinzukriegen. Notfalls öfter kalt duschen.

Nach wenigen Minuten ist das Formular ausgefüllt. Ich stehe wieder in der Schlange. Die Dinge, die ich abgeben möchte, habe ich dabei: mein IPhone, mein IPad, Portemonnaie, einen Ring und diversen Kleinkram. Brauche ich alles nicht mehr. In wenigen Minuten wird meine Verbindung zum Rest der Welt in einem kleinen graublauen Sack verschwinden und im Keller gelagert werden. Unerreichbar für mich. Adieu SMS-Nachrichten, adieu Facebook-freunde, adieu Internet, Email und Xing. Tschüss, ihr Brücken in die Aussenwelt. Ich bin dann mal weg.

Mir wird der Weg ins „Lindenhaus“ erklärt - eine flache langezogene Baracke, die unterhalb des Haupthauses in den Garten gebaut wurde. Zimmer zehn, Bett „A“. Ich bin gespannt, denn hier gibt es auch Fünfbett-Zimmer. Das wäre eine Katastrophe - weniger für mich, eher für meine Mitbewohner, denn ich schnarche so heftig, dass mich meine Freundin regelmäßig auf die Couch ins Wohnzimmer verbannt.

Am Eingang vom „Lindenhaus“ laufe ich wieder in einen Berg von Hausschuhen.

„Bitte tragen Sie im Haus nur Hausschuhe“ steht über einer großen Kiste mit den unterschiedlichsten Modellen von Schlappen: Pantoffeln, wie zu Omas Zeiten, Sandalen, Flip-Flops - ich schätze, das sind Spenden von früheren Teilnehmern, die ihr Gepäck etwas erleichtern wollten. Ich bleibe konsequent ignorant und gehe den dunklen langen Gang hinunter bis zum Zimmer zehn auf der rechten Seite. Erleichterung und große Freude - es ist ein Zwei-Bett-Zimmer, wie beim Universum bestellt - da meint es doch jemand gut mit mir. Beide Betten stehen links parallel zur Wand und sind mit einem großen Sichtschutz voneinander getrennt. Ich soll mit dem Kopf am Buchstaben schlafen, hat man mir bei der Anmeldung gesagt. Ich erkenne ein kleines aufgeklebtes „A“ am Bett, das in der Nähe der Tür steht. Da ist dann also auch das Kopfende. Einen kurzen Moment überlege ich, das „A“ abzuziehen und mit dem „B“ am anderen Bett zu tauschen, damit ich am Fenster schlafen kann. Aber das erscheint mir dann doch zu gemein und wäre dem Universum gegenüber auch ganz schön undankbar. Somit akzeptiere ich Bett „A“ mit Kopfende an der Tür. Meine Füße zeigen auf die Füße meines Zimmergenossens. Ein Akt der Höflichkeit oder ist das schon Feng Shui?

Ich packe meine Sachen aus und fülle ein kleines Regal am Sichtschutz mit T-Shirts, Unterhosen und Socken. Handtücher lege ich oben auf das Regal, darauf kommt noch mein extra für diesen Kurs angeschafftes Meditationskissen. Ich habe es vor zwei Tagen in Berlin in einem kleinen Yogaladen gekauft. Die Verkäuferin hatte eine traumhafte „Ich-mache-jeden-Tag-Gymnastik“-Figur. Egal - das Kissen sieht aus wie ein großes Vanillekipferl, aber in rot. Soll die Oberschenkel entlasten. Ich finde, es sieht cool aus und ist mal was anderes, als diese normalen Meditationskissen, die eher wie Marshmallows aussehen.

Dann beziehe ich mein Bett. Das Kopfkissen ist allerdings nur eine Art Bettwurst. Bretthart und viel zu schmal. Es füllt auch nur das obere Drittel des Kopfkissenbezuges aus. Ich mache mir da zunächst keine Gedanken - es ist halt so. Wird auch ohne Kopfkissen XXL klappen.

Nachdem ich alles verstaut habe, gehe ich zurück ins Haupthaus. Im Speisesaal soll eine Vorbesprechung mit allen männlichen Teilnehmern stattfinden. Ich bin gespannt, wer sich sonst noch für solche intensiven Selbsterfahrungstripps interessiert. Vor meinem geistigen Auge habe ich bereits die kompletten Schubladen geöffnet, die mir zum Thema einfallen: die Sozialpädagogenschublade, die Hardcore-Esoterikerschublade, die Späthippieschublade, usw.. Merkwürdigerweise habe ich für mich keine Schublade geöffnet. Dabei würde ich wunderbar in die „Ich-bin-neugierig-geworden-und-warum-eigentlich-nicht-Schublade“ passen.

Ich setze mich in den bereits gut gefüllten Speiseraum und lasse dezent meinen Blick schweifen. Alle haben sich umgezogen und sitzen bequem. Nach der Besprechung soll die erste Meditation durchgeführt werden. Die vorherrschende Farbe ist dunkelblau. Trainingshosen mit drei Streifen an der Seite bestimmen das modische Bild. Passende Jacken der selben Marke werden offen getragen, manche verzichten ganz darauf und zeigen sich im eng anliegenden T-Shirt. Das betont bei einigen der Teilnehmer die enormen Muskelpakete, die sich unter den Tattoos abzeichnen. Passt hervorragend zu den kurzen Haaren und den energischen Gesichtsausdrücken. Beim ersten oberflächlichen Blick über die hier anwesenden Teilnehmer zuckt mir nur ein Begriff durch den Kopf: „Knast“! Ich bin zu vier Jahren verurteilt und komme frühestens nach zwei Jahren bei guter Führung raus. Aber diese Zeit muss ich mit den Jungs hier verbringen.

Ich fühle mich weder dazugehörig noch geborgen. Das sind so gar nicht meine Menschen, denke ich im ersten Schock und überlege, ob Vipassana auch von Richtern als Bewährungsauflage angeordnet wird. Ich wage einen zweiten Blick und versuche ein paar Sympathieträger auszumachen. Es sind auffällig viele junge Teilnehmer dabei, in meinem Alter ist noch ein gemütlich dreinschauender Endfünfziger und ein schlaksiger Mittfünfziger - oder ist der schon sechzig? Da ich mich persönlich eher wie 35 fühle, sind diese Herren für mich auch kein Trost.

In einer Ecke steht ein schmächtiger junger Mann mit dunklen Wuschelhaaren. Der könnte Zivildienstleistender in einer Behindertenwerkstatt sein, also sofort sympathisch. Es geht mir besser. Rechts von mir sitzt ein junger arabisch aussehender Mann. Dreitagebart, wache dunkle Augen, Kapuzensweatshirt, weite Jeans. Solche Typen sieht man oft in Berlin, also auch ein bisschen wohlfühlen. Das erste Bild relativiert sich etwas - das Reizwort „Knast“ blinkt aber weiter vor meinem geistigen Auge rot auf.

Konrad stellt sich der Gruppe vor. Er hat schon die Anmeldung betreut und soll uns jetzt letzte Instruktionen geben. Er wirkt etwas schüchtern und blass. Seine Bewegungen sind langsam. Seine Sprache auch.

„So sieht man also aus, wenn man die zehn Tage überstanden hat und sich dann noch weiter mit Vipassana beschäftigt“, denke ich. Da hätte ich zumindest oberflächlich etwas mehr Lebensfreude erwartet.

„Entschuldigen Sie, ich soll hier eine kleine Einführung machen, den Text hat man mir aber gerade erst zugesteckt. Verzeihen Sie also, dass ich ablese.“

Dann liest er vor, was wir alle bereits gelesen und unterschrieben haben. Mich beruhigt es, dass er nochmal erwähnt, dass hier nicht getötet werden darf. Hoffentlich haben das die muskulösen Sportfreaks auch verstanden.

Ich frage, ob man seine Thermoskanne mit in den Meditationsraum nehmen darf. Natürlich nicht. Hätte ich mir ja auch denken können. Wenn da jeder seine Kanne aufschraubt und Tee schlürft, fördert das nicht gerade die meditative Reise ins eigene Ich. Von umgekippten Tassen und flüssigkeitsgetränkten Sitzkissen mal ganz abgesehen.

Die Vorbesprechung neigt sich dem Ende zu und somit kommt die „Edle Stille“, der komplette Kommunikations-Black Out immer näher. Wir dürfen nochmal kurz auf unser Zimmer, um mit unseren Mitbewohnern letzte Details des Zusammenlebens zu klären. Die Versammlung löst sich auf, Stühle werden gerückt und der Tross der Strafgefangenen macht sich auf den Weg in ihre Zellen. Ich trotte hinterher.

In meinem Zimmer treffe ich Jochen. Er ist mir sofort sympathisch. Graue lockige Haare, ca. Ende 40, nettes Lächeln, gut gekleidet - Typ Dustin Hoffman, nur schmaler. Wir haben nicht viel Zeit, es hat bereits gegongt, die erste Meditation ruft. Jochen stellt sich kurz vor. Er kommt aus Frankfurt und „würde sich als Buddhist bezeichnen“. Soso - Buddhist also. Nehme ich ihm aber ab. Buddhismus ist ja auch in. Mit der Werbeikone des zeitgenössischen Buddhismus, dem Daila Lama, können sich ja auch viele Sinnsuchende prima identifizieren. Hatte eigentlich mit mehr von seinem Schlag gerechnet.

Jochen ist mir auf jeden Fall als Zimmergenosse sehr angenehm. Wir stimmen überein bei geöffnetem Fenster zu schlafen, und ich verkneife es mir, ihn jetzt schon darauf hinzuweisen, dass das Fenster in unserem zehntägigen Zusammenleben das geringste Problem sein würde. Er sieht zum Glück nicht gewalttätig aus und als Buddhist wird er einem schlafenden Extremschnarcher sicher auch nichts antun. Wir gehen gemeinsam friedlich zur Meditation.

Wenn man aus dem „Lindenhaus“ heraus kommt, biegt man links ums Eck und geht auf einem breiteren Schotterweg an der Aussenseite der Baracke vorbei. Am Ende ist der Eingang zur Meditationshalle. Die Baracke besteht also im vorderen Teil aus den Schlafräumen für die Männer und im hinteren Teil aus der Meditationshalle.

Wir versammeln uns alle vor der Tür, denn Konrad will uns einzeln aufrufen und uns dann unseren Platz zuweisen. Kurze Gelegenheit, mit dem ein oder anderen Teilnehmer nochmal ins Gespräch zu kommen. Letzter Smalltalk bevor man endgültig verstummen soll.

Konrad ruft meinen und ein paar andere Namen auf. Wir gehen zwei Stufen hoch und öffnen die Tür zu einem Vorraum. In Regalen liegen Decken und Meditationskissen zur freien Verfügung. Die Schuhe muss man vor Betreten der eigentlichen Halle ausziehen. Ich habe mittlerweile meine Flip-Flops an. Das ist sehr praktisch, aber auch etwas kalt am Zeh.

Konrad hat mir die Matte mit der Nummer 19 zugewiesen. Ich stelle meine Latschen direkt neben der Tür ab und trete ein in die Stille der Meditationshalle.

Leicht gedimmtes Licht verbreitet eine besinnliche Stimmung. Der Raum ist ca. 15 Meter breit und 20 Meter lang. Am Kopfende, direkt an der Wand, steht ein kleines Podest, das mit weißen Tüchern zugedeckt ist, darauf liegen zwei weiße große Kissen. Links neben dem Podest steht eine Art Anrichte aus Sperrholz, Marke Eigenbau. Sie ist höher als das Podest und ebenfalls mit weißen Tüchern abgedeckt. Der ganze Raum ist mit flachen dunkelblauen Matten ausgelegt, alle ca. 50x50 cm und immer mit einem kleinen Abstand zueinander. Sehen aus wie riesige Kaffeepads, flach und mit leicht gestepptem Rand.

Ich suche mein Kaffeepad Nummer 19. Es ist in der dritten Reihe, das zweite Kissen von links. Neben mir sitzt mein Mitbewohner Jochen. Wie schön, ein vertrautes Gesicht neben sich zu haben. Das gefällt mir.

Ich lege mein Vanillekipferl auf das Kissen, setze mich und drücke den Rücken durch in eine aufrechte Haltung. Wenn ich setzen sage, dann ist das in den letzten drei Zentimetern eher ein Plumpsen. Ich merke schon, dass ich nicht mehr ganz so gelenkig bin. Und mit meinen 94 Kilo Lebendgewicht auf 173 cm wird das wahrscheinlich auch nach „Plumpsen“ ausgesehen haben.

Ich sitze und schau mich neugierig, aber dezent um. Die linke Hälfte der Meditationshalle ist für die Männer bestimmt, dann kommt ein breiter Gang und auf der rechten Seite sitzen die Frauen. Sie haben auch einen eigenen Eingang, damit es ja nicht zu einem Kontakt mit dem anderen Geschlecht kommt. Man schaut sich auch nicht an. Ich würde mich wie ein Spanner fühlen, wenn ich zu lange in den Frauenbereich glotze. Fühle mich ja jetzt schon unwohl, überhaupt in die Richtung zu sehen.

Alle schauen nach vorne, somit beuge ich mich der Schwarmintelligenz und schaue auch nach vorne.

Hinter mir wird es etwas unruhig. Mr. Teakwondo bezieht seinen Kaffeepad. Er ist gefühlte 190 cm groß, Vförmiger Oberkörper, trägt nur schwarze Klamotten, was mir schon bei der Anmeldung aufgefallen ist. Er hat seine Haare zu einem langen Pferdeschwanz gebunden. Erste Assoziation: Pornodarsteller oder zumindest Türsteher in einer Düsseldorf Diskothek. Er macht sich breit und rumpelt mich zweimal mit seinen Füßen von hinten an. Ich schau übertrieben genervt über meine rechte Schulter. Dann wird es ruhig. Mr. Teakwondo scheint seine Sitzposition gefunden zu haben. Nun reinigt er seinen Hals. Durch die Stille in der Halle hört man die Geräusche besonders intensiv. Als er sich zum ersten mal räuspert, hab ich das Gefühl, er sitzt direkt auf meiner Schulter. Sehr nah, sehr laut, sehr unangenehm. Ich drehe mich erneut halb um, sehe aber, dass er ganz normal auf seinem Kissen sitzt. Da scheine ich doch etwas hypersensibel zu sein, denke ich mir.

„Wohl noch nicht tiefenentspannt, was?“, sagt eine innere Stimme. Ich muss ihr Recht geben.

Mittlerweile haben alle ihren Platz gefunden und sich eingerichtet. Es wird, in freudiger Erwartung, dass es endlich los geht, immer ruhiger.

Hinter uns geht eine Tür auf. Einzug des Triumvirates - der von S.N. Goenka zertifizierte Lehrer und seine weibliche Kollegin betreten die Halle.

Sein Alter ist nicht leicht zu schätzen, vielleicht Mitte fünfzig, Anfang sechzig. Kurze, graue Igelhaare, leicht gebeugte Körperhaltung, große Segelohren und eine riesige Brille. Er trägt eine hellgraue Windjacke. Sein Gang ist federnd, energisch. Er könnte Inder, aber auch Japaner sein. Vielleicht auch beides. Irgendwie erinnert er mich an Jedimeister Yoda, der kleine weise Gnom aus Starwars mit der grammatikalischen Fehlbildung - „Vipassana - haben Dich will!“.

Meister Yoda nimmt auf dem Podest Platz und legt sich ein dünnes weißes Tuch über seine Beine, die er ohne Schwierigkeiten im Lotussitz verschränkt hat. Ich dagegen bin froh, wenn ich es im Schneidersitz halbwegs aushalte.

Hinter Meister Yoda ist die Lehrerin mit in die Halle eingezogen. Sie hat kurze, dunkle Haare und sieht sehr streng aus. Könnte auch eine Gefängniswärterin sein. Sie erinnert mich an meine Deutschlehrerin.

Es ist sehr still geworden in der Halle. Nur hier und da ein dezentes Räuspern oder ein Schniefen. Alle sind gespannt und freuen sich, dass es endlich los geht.

Meister Yoda zieht eine CD aus seiner Windjacke und legt sie in den Player zu seiner Rechten. Ich schliesse die Augen und höre nur noch, wie sich der Schlitten ins CD-Fach zieht. Ein leises „klick“ und der Raum füllt sich mit dem Sprechgesang von S.N. Goenka, dem aus Birma stammenden Guru, der die über lange Zeit in Vergessenheit geratene Vipassana-Meditation wieder lehrt.

Wie beschreibt man nun diesen für europäische Ohren - sagen wir mal - eigentümlichen Klang? Goenka singt Indisch - das ist ja für mich schon schwer genug zu verstehen. Aber es ist kein normales Indisch, sondern das Indisch, das man gesprochen hat, als Buddha noch lebte, also vor 2.500 Jahren. Dann enden die meisten seiner gesungenen Sätze in einer Art Röcheln. Auf der letzten Silbe des letzten Wortes lässt Goenka nur noch die Luft raus, die die Stimmbänder immer weniger vibrieren lassen. Es hat etwas von einer alten Schallplatte, die man beim Abspielen mit dem Finger immer wieder abbremst. Man macht sich Sorgen, ob er den nächsten Satz überhaupt noch sprechen kann oder jetzt schon im Nirvana verschwindet.

Ich bin verblüfft ob dieses Klangerlebnisses und lächle in mich hinein. Aber es sollte noch schlimmer kommen.

Nach den altindischen Gesängen erklärt Goenka auf englisch, was er da gerade gesungen hat. Immerhin bekommt man jetzt den Sinn mit. Er hat eine sehr angenehme Stimme. So hätte mir mein Großvater wohl Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen. Dann wird das Ganze nochmal ins Deutsche übersetzt. Nach zwei Sätzen ist klar: der Übersetzer hat einen S-Fehler. Ganz leicht, ganz dezent, aber dieser Hauch von Lispeln liegt über dem Text. Ich muss schon wieder schmunzeln. Denn zum Lispeln kommt noch ein rheinländischer Akzent, der sich bei „ch“- und „sch“-Lauten verrät.

Wir halten fest: Goenka singt 2500 Jahre alte indische Texte, die dann von einem lispelnden Rheinländer übersetzt werden.

Mein erster Eindruck ist ernüchternd, aber ich habe ja noch ein paar Tage vor mir. Mal sehen, welche Überraschungen noch auf mich warten. Ich folge den Meditationsanweisungen, die im Wesentlichen daraus bestehen, auf die Atmung zu achten. Mein Geist beruhigt sich langsam und die Gedanken fangen an, sich zurück zu ziehen.

„Sei friedlich, Michael!“ Es geht nicht um die Form, wenn, dann überhaupt nur um den Inhalt. „Entspann Dich, beobachte Deinen Atem und lass Dich in diese zehn Tage fallen.“

Es zieht mich immer mehr in mich hinein und eine Leichtigkeit macht sich breit. Nach einer Stunde lösen wir uns aus der Stille und machen eine kleine Pause.

Nun ist es ernst. Wir gehen mit gesenktem Kopf unserer Wege. Jeder für sich. Allein. Still. Die sogenannte „Edle Stille“ hat nun offiziell begonnen. Für die nächsten zehn Tage darf nicht mehr geredet werden. Keine Blickkontakte, keine nonverbale Kommunikation, nicht lesen, nicht schreiben.

Die „Edle Stille“ legt sich über das Gelände wie die Dämmerung, die langsam das Licht verdrängt.

Gegen 21:00 Uhr ist der offizielle Teil des ersten Tages vorbei. In einer halben Stunden haben wir alle in unseren Betten zu liegen. Dann ist Nachtruhe und das Licht wird ausgeschaltet. Für mich, der selten vor zwei Uhr nachts ins Bett geht, ein echtes Experiment. Ich schnappe mir meinen Kulturbeutel und gehe ins Badezimmer.

Vier Duschkabinen und eine Behindertendusche mit Vorhang - sechs Waschbecken. Für ca. 40 männliche Teilnehmer etwas knapp, aber es sind ja nicht immer alle da. Es gibt zum Glück den Abendduscher und den Morgenduscher - dazu gehöre ich. Eine kleine Anzahl von Nichtduschern wird es wahrscheinlich auch geben. Ich hole meine Sonar-Zahnbürste heraus und schrubbe mir die Zähne.

Überall stehen die verschiedensten Toilettenartikel in den Regalen. Interessant. Wie Damenhandtaschen - man ist einfach neugierig, was da alles drin ist. Welche Zahncreme wird benutzt, Nass- oder Trockenrasierer? Ohrstöpsel? Nasenhaarschneider? Ich werfe einen flüchtigen Blick durch unsere Kosmetikabteilung und gehe dann zurück ins Zimmer.

Jochen liegt bereits im Bett. Hat sich die Decke über den Kopf gezogen und sich Richtung Wand eingedreht. Sieht irgendwie nach kleinem Kind aus, das einen anstrengenden Tag hinter sich hat. Ich mache das Licht aus und lege mich auch ins Bett. Eigentlich würde ich jetzt gerne „Gute Nacht, John-Boy“ sagen und mich weglachen, aber das scheint mir dann doch unangebracht.

Ich drehe meine Bettwurst zu einem halbwegs annehmbaren Kissen zusammen und schnaufe tief aus. Was für ein Tag. Jochen beginnt, leise zu schnarchen. Ich muss breit grinsen. Wenn das jetzt meine Freundin hören könnte. Kurz nach diesem Gedanken gehen bei mir auch die Lichter aus.

Erster Tag: Lauter Gong in „Edler Stille“

Ich werde aus dem Tiefschlaf gerissen. In meinen Ohren schwingt der Gong nach, der auf dem Flur geschlagen wurde. Wie lange so ein Gong noch schwingen kann? Ob das auch mal wieder aufhört?

Mein Zimmergenosse Jochen ist schon aktiv.

“Guten morgen, wie hast du geschlafen” ist leider nicht drin. Auch ein Blickkontakt, der das vielleicht ausdrücken könnte, kommt nicht zustande. Ich traue mich nicht, ihm in die Augen zu sehen. Will ihn nicht in Verlegenheit bringen. Er selbst schaut mich auch nicht an. Vielleicht aus ähnlichen Gründen. Jochen hat schon seinen Kulturbeutel unter dem Arm und verlässt leise das Zimmer. Hab ich schon erwähnt, dass es 4:00 Uhr morgens ist? In Worten: VIER!

Ich pelle mich aus dem warmen Bett in die noch dunkle Nacht. Raus aus dem Zimmer, links den Gang runter und dann nochmal links ins Gemeinschaftsbad.

Dort stehen bereits schweigend etwa zehn Männer, die ihre Morgentoilette erledigen - Zähneputzen, rasieren, duschen, waschen. Die Luft ist feucht und es riecht nach billigem Axe. Ich drehe mich nach rechts Richtung Duschtüren. Damit signalisiere ich, mich auf eine der besetzten Duschkabinen zu bewerben.

Die Zeit läuft, denn um 4:30 Uhr beginnt die erste Morgenmeditation in der Halle. Keiner redet, stumme Rituale, Morgenroutine, wie sie jeder kennt. Hier wird die Abwesenheit von Kommunikation besonders deutlich. Was für ein Gebrabbel könnte diesen Raum erfüllen, wenn es die „Edle Stille“ nicht verbieten würde. Selbst nonverbale Abstimmungen über Waschbecken, Zahnpasta oder Duschkabine gehen hier nicht. Und es klappt doch.

Nach etwa 4 Minuten darf ich in eine der Kabinen. Ich schliesse hinter mir ab. Der Mensch vor mir hat alles so hinterlassen, wie man es auch selbst vorfinden will. Ich bin froh, keine Haare aus dem Abfluss fischen zu müssen. Ich hänge meinen Kulturbeutel an einen Haken und hole das Duschgel heraus. Wassertemperatur einstellen und geniessen. Ein Morgen ohne Dusche bringt mich richtig schlecht drauf. Während ich mich also erfrische und meine Müdigkeit abspüle, wird es ausserhalb der Kabine immer stiller. Ich merke, ich muss mich beeilen. Möchte nicht zu spät kommen - das würde in einer Meditationshalle auch besonders auffallen. Ich verzichte somit auf das Rasieren.

Zurück im Zimmer springe ich in meine neue Meditationshose. Was heißt hier eigentlich Meditationshose: Letztendlich habe ich mir in dem bereits erwähnten Yogaladen in Berlin nur eine bequeme, leichte Hose gekauft, die man am Bund einfach mit einer Kordel zuknotet. Da kneift nichts mehr. Und gerade bei mir könnte viel kneifen.

Ich schnappe mir mein halbmondförmiges Kissen und schlappe in Flip-Flops durch die dunkle Nacht zur Halle. Sternenhimmel am frühen Morgen - habe ich auch schon lange nicht mehr gesehen.

Die Halle ist gut gefüllt, die meisten Kissen bereits belegt. Ich bin also nicht der Letzte. Viele haben sich eine Decke über die Schultern gelegt, denn es ist kühl hier und alle sind noch etwas im Halbschlaf - vermute ich zumindest. Es sieht aus wie bei einem Indianertreffen.

Ich setze mich auf mein zugewiesenes Kaffeepad 19 und baue mir aus zwei platten Sitzkissen, meinem Meditationshalbmond und einer Decke eine halbwegs komfortable Sitzgruppe. Dann nehme ich meine Uhr ab und platziere sie neben der Matte. Ist da noch irgend ein Alarm eingestellt, der zur vollen Stunden losgehen könnte? Ich hoffe nicht. Das wäre natürlich mehr als peinlich. Fast hätte ich auch vergessen, die Brille abzunehmen. Der Blick nach innen braucht keine Gleitsichtgläser. Ich bin bereit.

Bin ich das wirklich? Ich prüfe nochmal meine Sitzposition. Schließlich muss ich über eine Stunde so sitzen. Und wenn da schon jetzt etwas kneift, zieht oder drückt, bin ich in zehn Minuten am Ende. Aber es ist alles in Ordnung. Ich entscheide mich, genau mit dieser Sitzposition ins Rennen zu gehen. Es ist frisch. Die Luft ist angenehm kühl. Ich fühle mich klar und stark. Von mir aus könnte es jetzt losgehen.

Unsere Lehrer schweben ein. Lautlos, wach, konzentriert. Meister Yoda setzt sich geschmeidig auf sein Podest, zieht aus seiner grauen Windjacke eine CD und legt sie in den Player. Stille. Ich schliesse meine Augen. Er drückt kaum hörbar einen Knopf. Es folgt ein kurzes Surren. Immer noch Stille. Das tiefe Brummen von Goenkas Stimme erfüllt wieder den Raum. Brutal anders als alles, was ich bis jetzt gehört habe. Worte, halb gesungen - halb gesprochen. Ich kann keinen Sinn darin erkennen. Wie auch - habe in der Schule kein Indisch gehabt und selbst wenn - dieses Indisch würde wohl auch ein Inder nicht verstehen, denn es ist aus einer längst vergangenen Zeit.

Es ist ein einziger, mystischer Klangraum, der die Meditationshalle erfüllt. über Minuten werden wir damit beschallt. Morgens um 4:30 Uhr? Und damit soll ich mich jetzt entspannen? In Meditation kommen? Ich bin irritiert und leiste mentalen Widerstand. So kann ich nicht arbeiten.

„Lass Dich darauf ein, Michael“, flüstert eine innere Stimme, „Versuche, die Schwingungen zu spüren und mitzuschwingen…“.

Blablabla…. Ich bleibe einfach sitzen und konzentriere mich auf die Atmung und bin gespannt, wie sich das weiterentwickelt.

Pause. Goenka hört nach gefühlten 20 Minuten auf zu singen und schweigt. 20 Sekunden später erklärt er auf Englisch, was er gerade auf Altindisch gesungen hat. Danach übersetzt der lispelnde Rheinländer, was Goenka auf Englisch erzählt hat.

Es ist die erste Gebrauchsanweisung für die Meditation. Beobachte Deine Atmung. Aha. Beobachten. Aber: nicht das Heben und Senken des Brustkorbes, sondern den kleinen