Männer zu verkaufen - Friedrich Radszuweit - E-Book

Männer zu verkaufen E-Book

Friedrich Radszuweit

0,0
12,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Berlin 1930: Baron von Rotberg wird erpresst und steht vor dem Ruin. Erich Lammers, der Hauslehrer, will helfen und muss feststellen, dass der Erpresser sein eigener Bruder ist. Friedrich Radszuweit (1876–1932) war eine der Leitfiguren der frühen Emanzipationsbewegung.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 193

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



FRIEDRICH RADSZUWEIT

Männer zu verkaufen

Ein Wirklichkeitsromanaus der Welt der männlichen Erpresserund Prostituierten

Mit einem Nachwort vonJens Dobler

Männerschwarm Verlag

Bibliothek rosa WinkelBand 61

Die 1.–5. Auflage erschienen 1930/31

im Verlag Martin Radszuweit, Berlin,

die 6. (neu gesetzte) Auflage

1932 im Lipsia-Verlag, Leipzig

Umschlaggestaltung in Anlehnung

an die 4. Auflage

Ebook-Ausgabe

© 2022 Männerschwarm Verlag

Salzgeber Buchverlage GmbH, Berlin

Printed in Germany

ISSN 0940–6247

ISBN 978-3-86300-347-0

Inhalt

Männer zu verkaufen

Ein Wirklichkeitsromanaus der Welt der männlichen Erpresserund Prostituierten

Freunde

Eine Erzählung

Jens Dobler:

Nachwort

Vorwort

zur 3. und 4. Auflage

Als ich das Buch »Männer zu verkaufen« schrieb, glaubte ich nicht, daß in kaum sechs Wochen zwei Auflagen restlos vergriffen sein würden.

Ich war überrascht über den Erfolg. Viel mehr noch bin ich aber überrascht über die übergroße Zahl von Anerkennungsschreiben, die ich von den Käufern des Buches, darunter namhaften Persönlichkeiten, erhalten habe. Aus allen Volksschichten sind Zuschriften an mich gerichtet worden, in denen immer wieder Fragen gestellt wurden, wie: »Was ist aus Karl Wieberneit geworden?« »Ist er bei Rotberg geblieben oder gar sein Freund geworden?« »Hat sich bei Jürgen Rotberg eine gleichgeschlechtliche Veranlagung entwickelt?« »Wie gestaltete sich das Schicksal Herbert Lammers, alias Helmut Hintze?«

Ich kann auf diese Fragen weder brieflich noch im Vorwort zu dieser Auflage Auskunft geben. Da ich aber das Schicksal der in dem Buch geschilderten Personen genau kenne, habe ich den Entschluß gefaßt, einen »zweiten Band« herauszugeben, der möglichst noch im Dezember dieses Jahres erscheinen soll. Restlos werde ich das Schicksal aller handelnden Personen offenbaren und hoffe ich auch mit diesem »zweiten Band« die Leser zufrieden zu stellen.

Berlin, im Februar 1931

Friedrich Radszuweit

Erstes Kapitel

Erich Lammers kehrte von einem Spaziergang in das Haus der Familie von Rotberg zurück, wo er seit kurzer Zeit als Hauslehrer des einzigen Sohnes Jürgen tätig war.

Der Diener, der ihm die Tür öffnete, hatte einen feuerroten Kopf und war sehr erregt. Im Vorzimmer traf Lammers das Dienstmädchen, das mit verweinten Augen und mit den Armen heftig gestikulierend wild umherlief.

Was war geschehen?

Lammers eilte auf sein Zimmer, die Tür stand weit offen – erschrocken blieb er stehen.

Der Hausherr, Baron von Rotberg, lang und dürr wie eine vertrocknete Tanne, mit der viel zu großen Nase und den kleinen wässerigen Augen, stand neben der Hausherrin, die einer Walküre glich, keifend und fluchend auf dem Teppich kniete und den Koffer des Hauslehrers durchsuchte.

Lammers war überrascht und einen Augenblick wie benommen, trat dann aber entschlossen in das Zimmer und fragte in sehr gereiztem Ton:

»Wie kommen Sie dazu, meinen Koffer zu durchsuchen?«

Verlegen drehte sich der Hausherr um, murmelte etwas wie »eine taktlose Frau, meine Friederike« und verließ das Zimmer.

Die »Gnädige« erhob sich, musterte den Hauslehrer von den Fußspitzen bis zu den Haarwurzeln und schrie dann in einem nicht wiederzugebenden Fistelton:

»Mein wertvoller Brillantring mit Smaragden ist mir abhanden gekommen! Derjenige, der ihn genommen hat, kann sich nur im Hause befinden, da fremde Personen nicht anwesend waren. Es ist mein gutes Recht, die Sachen aller Hausangestellten zu durchsuchen.«

»Bitte!« sagte Lammers und wandte sich zum Gehen. –

»Halt!« rief die Hausherrin, »Sie brauchen nicht zu gehen; ich habe Ihr Zimmer und Ihre Sachen bereits durchsucht. Ich habe den Ring nicht gefunden, damit ist die Sache erledigt.«

»Für Sie, aber nicht für mich«, erwiderte der Hauslehrer abweisend. »Ich werde Baron Rotberg um meine sofortige Entlassung bitten!«

»Das könnte Ihnen so passen!« rief Frau von Rotberg mit ironischer Stimme, »Sie werden nicht früher das Haus verlassen als bis der Diebstahl aufgeklärt ist.«

Noch einmal schaute sie den Hauslehrer mit ihren katzengrauen Augen durchdringend an und mit einer wegwerfenden Handbewegung verließ sie das Zimmer.

Lammers hatte, nachdem Frau von Rotberg gegangen war, seine auf dem Fußboden umherliegenden Sachen aufgelesen und alles sorgfältig in seinen Koffer verpackt. Er war fest entschlossen, noch am selben Tage abzureisen. jetzt saß er am Fenster und schaute sinnend in den Park.

Reise ich sofort ab, ehe dieser Diebstahl aufgeklärt ist, so argumentierte er, dann bleibt letzten Endes der Verdacht an mir hängen, ich sei der Dieb. Bleibe ich hier und tue weiter meine Pflicht, ohne daß Frau von Rotberg sich offiziell wegen ihres Benehmens bei mir entschuldigt, dann verliere ich jede Achtung und sinke in den Stand der Domestiken herab, was meiner Stellung unwürdig ist.

Ein leises Klopfen an der Tür schreckte ihn aus seinem Nachdenken auf.

Auf sein »Herein« öffnete sich die Tür, und Baron von Rotberg trat ins Zimmer.

Lammers erhob sich erstaunt und, indem er den Hausherrn zum Platznehmen aufforderte, richtete er an ihn die Frage:

»Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches, Herr von Rotberg?«

Langsam, wie gequält ließ sich Baron Rotberg in einen Sessel nieder und begann:

»Herr Lammers, Sie sind noch ein junger Mann, trotzdem halte ich es für meine Pflicht, Sie offiziell zu bitten, das unerhörte Benehmen meiner Frau zu entschuldigen. Sie sind kaum vier Wochen in meinem Hause und doch habe ich bemerkt, daß Sie nicht nur Wissen, sondern auch viel Takt haben; dazu kommt, daß Jürgen mit einer fast schwärmerischen Verehrung zu Ihnen aufschaut. Der Junge würde es außerordentlich schmerzlich empfinden, wenn Sie abreisen. Auch ich würde es sehr bedauern, wenn Sie mein Haus verließen. Ich bitte Sie daher, vergessen Sie den Zwischenfall und bleiben Sie!«

»Das ist unmöglich«, erwiderte Lammers, »ich bin doch nicht ein von irgendwo hergelaufener Mensch, der sich solche Demütigungen gefallen lassen muß. Sie wissen, Herr Baron, daß mein Vater ein sehr geachteter und in seiner Gemeinde auch ein sehr beliebter Pfarrer ist. Ich habe auch Rücksicht zu nehmen auf meine Familie und kann mir solche Behandlung von Frau Baronin nicht gefallen lassen. Ich bin aber bereit, an der Aufklärung des Diebstahls mitzuarbeiten und wenn Klarheit geschaffen ist, verlasse ich Ihr Haus.«

Rotberg schaute den Hauslehrer an.

»Sie wollen an der Aufklärung des Diebstahls mitarbeiten?«

»Ja, oder ist es Ihnen nicht recht?«

»Doch, doch«, gab der Baron zurück, »ich freue mich sehr darüber, nur fürchte ich, wir werden den Dieb nicht finden.«

»Warum sind Sie so pessimistisch, Herr Baron Rotberg? Wir brauchen doch nur auf das Vorleben aller Ihrer Angestellten zurückgreifen, um einen Anhaltspunkt zu finden, wer der Dieb sein kann.«

»Das dürfte richtig sein«, entgegnete Rotberg in gleichgültigem Ton, erhob sich und mit den Worten: »Auf gute Zusammenarbeit!« verließ er das Zimmer.

Lammers setzte sich sofort an seinen Schreibtisch und entwarf ein Schriftstück, das er von sämtlichen Angestellten des Hauses Rotberg unterzeichnen lassen wollte, um es dann an die zuständige Polizei zwecks Ermittlung des Vorlebens der Angestellten weiterzugeben. Er wurde in seiner Arbeit abermals durch ein Klopfen an seiner Tür gestört, ohne auf das »Herein« zu warten, trat Baron von Rotberg ein.

Mit einer Handbewegung, die zu erkennen gab, daß er keine Frage erwarte, setzte er sich auf das Sofa. Umständlich zündete er sich eine Zigarette an, dann bat er Lammers, neben ihm Platz zu nehmen.

Minutenlanges Schweigen. Endlich sagte Rotberg:

»Sie wundern sich wohl, daß ich noch einmal zu Ihnen komme, Herr Lammers? Ich will Ihnen aber gleich sagen, warum. Mit dem Ringdiebstahl hat es eine ganz besondere Bewandtnis – ich selbst bin der Dieb!«

Der Hauslehrer fuhr von seinem Platz hoch, als ob er von einer Natter gestochen wäre und schaute den Baron entgeistert an.

Endlich hatte er sich soweit von seinem Schreck erholt, daß er zusammenhanglos stotterte:

»Sie – haben – Baron von Rotberg, – Sie sind – das ist doch unmöglich!«

»Doch, doch, es ist möglich«, sagte Rotberg mit harter Stimme. »Ich bin der Dieb, hier ist der Ring. Fragen Sie nicht nach den Motiven des Diebstahls, sondern nehmen Sie nur zur Kenntnis, daß ich der Dieb bin.«

Lammers schaute Rotberg mit einem durchdringenden Blick an und da sah er zum erstenmal, nicht nur das häßliche Gesicht Rotbergs, sondern auch den Leidenszug, der dieses Gesicht entstellte. Er setzte sich neben Rotberg, ergriff seine Hand und indem er sie herzlich drückte, sagte er:

»Herr von Rotberg, was Sie auch getan haben, es ist nicht so schlimm, daß man es nicht vergessen könnte. Unedle Motive haben Ihrem Tun sicher nicht zugrunde gelegen.«

Der Baron neigte den Kopf, seine Nasenflügel bebten, sein ganzer Körper schien in Aufruhr; denn ganz plötzlich sprang er auf und »Nur eines Schuftes wegen!« entfuhr es ungewollt seinen Lippen.

Lammers horchte auf – »Nur eines Schuftes wegen?« fragte er. »Wer ist dieser Schuft, der Sie zwang, in Ihrem eigenen Hause ein Dieb zu werden, Herr Baron Rotberg?«

»Das kann ich Ihnen mit wenigen Worten sagen, Herr Lammers; Bedingung ist jedoch, daß Sie darüber schweigen.«

»Hier meine Hand und mein Ehrenwort«, sagte Lammers einfach.

»So hören Sie! Vor etwa zehn Jahren, als ich in Berlin war, bediente mich in meinem Hotel ein sehr bescheidener Kellner. Seine Bescheidenheit konnte nur mit seiner Schönheit konkurrieren, denn beides war so selten, wie ich es bis dahin nicht angetroffen hatte. Helmut nannte er sich, und dieser Name paßte auf den Jungen, als ob die Eltern bereits bei der Geburt gewußt hätten, daß er einmal ›helle‹ sein würde. Hellblond war sein Haar, hellblau die wundervollen großen Augen, die so unschuldig und treu in die Welt blickten, als ob alles eitel Freude und Wonne sei. – Hell klang seine Stimme, hell und heiter war sein Lachen, das jeden Trübsinn fortnahm. War es da ein Wunder, daß ich, der ich nur das gleiche Geschlecht liebe, mich in diesen lebensfrohen zweiundzwanzigjährigen Burschen verliebte?«

Entsetzt sprang Lammers von seinem Platz auf, trat einige Schritte in das Zimmer zurück, dabei den Baron mit einem Blick anschauend, als ob er aus einer anderen Welt käme.

Endlich hatte er sich von seiner Überraschung erholt und mit verächtlicher Stimme stieß er hervor: »Was, so einer sind Sie, Baron Rotberg?!«

»Ja, so einer bin ich!« erwiderte Rotberg und erhob sich von seinem Platz.

Dicht trat er an Lammers heran und mit vor Wut bebender Stimme zischte er: »Nun, Herr Hauslehrer, nach diesem Geständnis haben Sie wohl Ihre Meinung über meine Tat geändert? Wissen Sie denn überhaupt etwas davon, wie Menschen zur gleichgeschlechtlichen Liebe kommen?«

»Ich habe mich bisher mit diesem Problem noch nicht beschäftigt«, gab Lammers zurück.

»So, so, und doch gebrauchten Sie einen so verächtlichen und beleidigenden Ton, als ich Ihnen sagte, daß ich nur das eigene Geschlecht liebe. Man soll nicht über Sachen ein Urteil fällen, von denen man nichts versteht, Herr Hauslehrer! Eine weitere Unterhaltung dürfte jetzt wohl überflüssig sein.«

Kurz drehte sich Baron von Rotberg um und wollte das Zimmer verlassen.

Lammers ergriff den Arm Rotbergs und hielt ihn zurück.

»Verzeihen Sie, Herr Baron, daß ich einen verächtlichen Ton anschlug, aber ich war über Ihr Geständnis so überrascht, daß ich jede Beherrschung über meine Gefühle verloren hatte. Ich sehe ein, daß ich vorschnell geurteilt habe. Ich bitte um Entschuldigung wegen meines unhöflichen Benehmens.«

»Und Ihre jetzige Ansicht über meine Tat?« fragte der Baron.

Verlegen stand Lammers da und grübelte nach einer Antwort. Endlich sagte er:

»Herr Baron! Ihre Enthüllung hat mich so überrascht, daß ich im Augenblick keine wahre Antwort geben kann, da Sie mir aber so offen Ihre Liebe zum gleichen Geschlecht offenbaren, kann Ihrer Tat wohl kein unedles Motiv zugrunde liegen. Wie ich darüber denke, kann ich aber erst dann sagen, wenn ich Ihre Geschichte ganz gehört habe, und darum bitte ich Sie, in Ihrer Erzählung fortzufahren.«

Beide nahmen wieder auf dem Sofa Platz und Baron Rotberg erzählte weiter.

»Also, ich verliebte mich in den zweiundzwanzigjährigen Burschen. Er erwiderte meine Liebe, und nur zu schnell verstrich die kurze Zeit, die ich mit ihm verbringen durfte. Bei meiner Abreise wollte er fast vergehen vor Schmerz und bat immerfort, ich möchte doch bald wiederkommen, was ich auch versprach. Acht Tage nach meiner Abreise erhielt ich von Helmut einen Brief, worin er mich um ein Darlehen von zweihundert Mark bat, weil er plötzlich seine Stellung wegen Krankheit verloren habe. Ich sandte ihm sofort das Geld und bat ihn in einem Schreiben, sobald als möglich Näheres zu berichten. Doch lange hörte ich nichts von ihm, und meine Briefe kamen als unbestellbar zurück. Etwa fünf Monate nach diesem Vorfall erhielt ich einen zweiten Brief, unterzeichnet mit Emmy Kohlrausch, worin mir nahegelegt wurde, sofort zweitausend Mark an diese Person zu senden, und zwar als Beihilfe für Arzt- und Arzneikosten, die für Helmut Hintze infolge seiner Erkrankung, an der ich angeblich allein die Schuld trage, entstanden seien. Diese Geschichte kam mir etwas sehr sonderbar vor, und ich reiste sofort nach Berlin, um nachzusehen, was dort los sei.

Sie, Herr Lammers, werden sich kaum meine grenzenlose Überraschung vorstellen können, als ich in einem der vornehmsten Villenviertel Berlins die luxuriös ausgestattete Wohnung dieser Kohlrausch betrat und Helmut mit noch acht anderen jungen Leuten gesund und munter bei einem fröhlichen Zechgelage vorfand. Mit offenem Munde stand ich in der Tür und schaute mir dieses Bild jugendlichen Leichtsinns an.

Als Helmut mich sah, stand er auf, kam auf mich zugetorkelt und lallte mit heiserer Stimme. ›Ah, sieh da, mein Grauchen ist gekommen, mein Goldfüchslein bringt mir die zweitausend Mark selbst. Das ist aber fein, da gibt es heute eine fidele Hochzeitsnacht.‹ Er war ganz nahe an mich herangekommen und versuchte seine Arme um meinen Hals zu legen. Voll Ekel und Empörung über soviel Lüge und Verworfenheit, die ich Helmut nie zugetraut hätte, versetzte ich ihm einen Schlag ins Gesicht, so daß er zu Boden fiel, und wandte mich zum Gehen. –

Auf dem Korridor stand ein Frauenzimmer mit aufgedunsenem Gesicht, das vor lauter Schminke und Puder eher einem andern Körperteil als einem Gesicht ähnlich sah. ›Emmy Kohlrausch‹, stellte sie sich vor. ›Ich habe wohl die Ehre, Herrn Baron von Rotberg vor mir zu sehen; ich bin bereits durch meine Zofe verständigt, daß der Herr Baron hier ist.‹

Schnell öffnete sie eine Tür, ich schaute in einen märchenhaft ausgestatteten Empfangssalon, und ehe ich es verhindern konnte, hatte mir ein Mädchen Hut und Mantel abgenommen und Emmy Kohlrausch drückte mich mit den Worten: ›Bitte nehmen Sie Platz, Herr Baron‹ in einen Fauteuil nieder.

Ohne Umschweife ging sie auf ihr Ziel los. ›Herr Baron sind, wie ich weiß, der Kavalier des Helmut Hintze gewesen. Gott, na ja, Jugend hat keine Tugend, Herr Baron. Zu der Zeit, als wir noch jung waren, da war es ja ganz anders, – aber heute – – also, Helmut hat eine Schuldenlast von annähernd zweitausend Mark bei mir und die muß nun endlich beglichen werden. Der Junge hat ja recht viel Chancen und verdient auch sehr gut, aber seine Freundin, die er aushält, kostet ihm mehr als er an Einnahmen erzielt und daher erinnert er sich von Zeit zu Zeit seiner gewesenen Kavaliere und bittet um Unterstützung. Wieviel wollen der Herr Baron heute zahlen?‹

›Ich zahle keinen Pfennig. Ich bin dem Helmut zu nichts verpflichtet‹, erwiderte ich und erhob mich.

Auch Emmy Kohlrausch hatte sich erhoben und in bissigem Ton erwiderte sie:

›Man soll solche Leute, wie Helmut Hintze, nicht reizen, die scheuen vor nichts zurück, und die unliebsamen Folgen für Sie sind nicht abzusehen, Herr Baron.‹ – Mit diesen Worten begleitete sie mich zum Ausgang.

In mir gärte und kochte alles vor Wut über das zweite Gesicht, das Helmut verstanden hatte, sich in seiner Eigenschaft als Kellner anzueignen und dem ich zum Opfer gefallen war.

Unentschlossen, was ich tun sollte, durchwanderte ich die Straßen, auf niemand und nichts achtend.

Plötzlich kam mir der Gedanke, unter dem Vorwand, daß ich Helmut Hintze als Diener engagieren will, eine polizeiliche Auskunft über seine Führung einzuholen.

Die Auskunft lautete: Nachteiliges über pp. Hintze nicht bekannt, Vorstrafen keine.

Lange hielt ich das Auskunftsformular in den Händen und las es immer wieder. In jenen Minuten der Unentschlossenheit, was ich nun tun sollte, kämpften Ekel, Haß, Mitleid und Liebe in meinem Herzen um Helmut Hintze. In dem einen Ohr hörte ich eine Stimme, die mir zurief: Helmut ist ein Verbrecher, wende dich ab von ihm, sonst kommst du in den Abgrund. Im andern Ohr war mir, als flüsterte es: Helmut ist in seinem jugendlichen Leichtsinn gestrauchelt. Durch fadenscheinige Schmeicheleien falscher Kavaliere, die ihn nur für eine Nacht haben wollen, eitel und eigensüchtig gemacht, ist er zum gewerbsmäßigen Prostituierten herabgesunken. Hilf ihm! Durch deine Liebe und Güte wird er wieder ein brauchbarer Mensch der Gesellschaft werden.

Können Sie, Herr Lammers, mit Ihren sechsundzwanzig Jahren sich einen solchen Seelenkonflikt vorstellen?«

Baron Rotberg wartete auf eine Antwort von Lammers, doch vergeblich. Dieser hatte den Kopf in die Hände gestützt und schaute nachdenklich zum Fenster.

Rotberg berührte leicht die Schulter des Hauslehrers und fragte: »Woran denken Sie, Herr Lammers, daß Sie meine Frage überhören?«

Erschrocken drehte sich Lammers um und leise antwortete er:

»Liebe und Güte sollten eigentlich immer imstande sein, einen Menschen zu bessern, und doch bewirkt gerade Liebe und Güte in sehr vielen Fällen das Gegenteil von dem, was man erreichen will.«

»Sie haben recht, Lammers, mein Fall beweist es. – Ich habe Helmut damals geholfen, habe die zweitausend Mark für ihn bezahlt. Ich habe ihm die Stelle eines Dieners in meinem Hause angeboten, ich habe ihm andere Stellungen mit gutem Einkommen vermittelt, alles vergeblich. Alles hat er ausgeschlagen, immer wieder erhielt ich die Antwort, ›ich lebe so besser‹.

Als ich sah, daß ich ihn nicht von seiner Bahn abbringen konnte, zog ich meine Hilfe zurück, und nun trat das Entsetzliche ein, das mich in den letzten Jahren dem Ruin entgegentrieb. Helmut erpreßte mich in einer Weise, die unbeschreiblich ist. Alles habe ich geopfert, was nur irgendwie verfügbar war. Ich kann und darf um meines Jürgens willen keinen Skandal heraufbeschwören, der aber unweigerlich eintritt, wenn ich Helmuts Forderungen nicht erfülle.

Zweimal ist er bereits wegen Erpressung mit einigen Monaten Gefängnis bestraft. Zynisch bemerkt er in seinem letzten Brief:

›Wenn Du mir nicht das Geld oder einen Wertgegenstand, den ich leicht zu Geld machen kann, bis zu dem festgesetzten Termin schickst, dann erfährt Deine Frau und die ganze Nachbarschaft, daß Du ein 175er bist. Ob Du dann noch weiterhin der geachtete Baron von Rotberg sein wirst, ist eine andere Frage ... Es steht Dir frei, mich wegen Erpressung anzuzeigen, aber glaube mir, mir können ein paar Monate Gefängnis mehr oder weniger nichts schaden, da ich ja doch schon ein Verbrecher bin – während Dein Ruf und Dein Ruin, der sich auch auf Deinen Sohn übertragen wird, erst dann folgt, wenn ich aus der Schule plaudere ...‹

Dieser Brief, Herr Lammers«, so schloß der Baron, »ist das Motiv zu dem Diebstahl, den ich begangen habe. Ich weiß, daß ich durch den Diebstahl einen schweren Verdacht auf alle meine Angestellten gelenkt habe. Ich wußte aber keinen anderen Ausweg, da ich bares Geld nicht zur Verfügung habe und auch nicht flüssig machen kann. Übermorgen müssen Helmuts Forderungen erfüllt sein, sonst ist es um mein Ansehen geschehen und der Skandal ist da. Es bleibt mir also nichts weiter übrig, als den Ring noch heute nach Berlin zu senden.«

»Nein!« rief Lammers entschlossen, »der Ring darf nicht an Helmut Hintze geschickt werden. Der Verdacht, daß einer Ihrer Angestellten ein Dieb sei, darf nicht weiter aufrecht erhalten werden, wenn der Baron von Rotberg ein Ehrenmann bleiben will. Schaffen Sie den Ring unauffällig in das Schlafzimmer Ihrer Gattin, an eine Stelle, als ob er verlegt worden sei, damit im Hause Ruhe eintritt. Wir aber wollen jeder für sich bis morgen früh darüber nachdenken, wie und in welcher Weise Ihre Angelegenheit geregelt werden kann.«

Der Baron drückte dem Hauslehrer die Hände und verließ das Zimmer.

Zweites Kapitel

Der Gong ertönte und rief zum Abendessen.

Lammers überlegte, ob er daran teilnehmen sollte, oder ob es besser wäre, sich mit Unwohlsein zu entschuldigen, da er die Baronin nicht früher sehen wollte, bis sie wieder im Besitz ihres Ringes war. Plötzlich gab er sich einen Ruck, erhob sich und ging ins Speisezimmer.

Herr und Frau von Rotberg, sowie Jürgen saßen bereits am Tisch. Lammers entschuldigte sich wegen seines Zuspätkommens und nahm seinen Platz ein. Man begann zu speisen. Als Frau von Rotberg die Tasse zum Mund führte, bemerkte Lammers den Ring an ihrer Hand. Er erwartete eine Erklärung von der Hausherrin, aber nichts geschah. Als die Baronin das Zeichen zum Aufbruch gab, stand Lammers auf und verbeugte sich gegen Frau von Rotberg.

»Frau Baronin, darf ich fragen, ob sich der Ring angefunden hat?«

»Ihre Frage ist sehr deplaziert, Herr Hauslehrer, der Ring ist da und Ihrer Entlassung steht nun nichts mehr im Wege«, erwiderte Frau von Rotberg.

Lammers wurde leichenblaß über diese Unverschämtheit einer Frau, die es nicht für nötig hielt, auch nur ein versöhnendes Wort wegen ihres Benehmens zu sagen.

Gereizt erklärte er:

»Mein Engagement ist nur mit Herrn Baron von Rotberg abgeschlossen und nicht mit Ihnen, Frau von Rotberg. Ich werde also mit Ihrem Herrn Gemahl verhandeln, wann ich das Haus verlasse.«

Die Baronin zitterte vor Erregung am ganzen Körper.

»Sie wagen es, in einem solchen Ton mit mir zu sprechen!« schrie sie empört. Ihr gewohnheitsmäßiger Ohnmachtsanfall trat ein.

Lammers verneigte sich stumm gegen den Baron und ging.

Lange saß der Hauslehrer in seinem Zimmer und überlegte, wie wohl am unauffälligsten die Angelegenheit Helmut Hintze und Baron von Rotberg zu erledigen wäre. Doch soviel er auch grübelte und Pläne entwarf, er konnte zu keinem positiven Ergebnis kommen. Alles, was ihm Rotberg erzählt hatte, war ihm so neu und rätselhaft, daß er es nicht verstand. Seine Gedanken beschäftigten sich mit dem Sexualproblem der Menschen; doch zu wenig hatte er sich damit vertraut gemacht, um sich ein Urteil bilden zu können. Nur vom Hörensagen kannte er die häßlichen Ausdrücke, die die meisten Menschen sinnlos auf diejenigen anwenden, die das gleiche Geschlecht lieben.

»Ich will schlafen gehen«, sprach er laut vor sich hin, »morgen wird sich ein Ausweg finden.«

Ruhelos warf er sich in seinem Bett hin und her.

Seine Gedanken hingen immerfort an dem einen Satz Rotbergs:

»In jenen Minuten der Unentschlossenheit, was ich nun weiter tun sollte, kämpften Ekel, Haß, Mitleid und Liebe in meinem Herzen um Helmut Hintze.«

Ja, hatte er, Lammers, vor zwei Jahren nicht etwas Ähnliches erlebt wie Baron von Rotberg? –

Zwar war er nicht einem Erpresser in die Hände gefallen, aber einem unehrlichen Mädchen, das ihn belogen und betrogen hatte. Wie hatte er sie geliebt und verehrt, wie oft hatte sie ihm ewige Treue geschworen und ihn ihrer unvergänglichen Liebe versichert, bis dann plötzlich ein anderer kam, der ihr ein angenehmes Leben und sofortige Heirat bieten konnte, worauf sie ihn verließ. Damals hatten auch in seinem Herzen Haß, Ekel, Mitleid und Liebe miteinander gekämpft, sein Leben schien ihm zwecklos, weil er in seiner ersten Liebe betrogen war. Hätte er sich nicht mit seinen Eltern aussprechen können, von denen er Trost und Rat bekam, er hätte sicher eine Torheit begangen.

Und heute nun diese Erfahrung mit Baron von Rotberg. –