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Machen Männer schlank? Diese Frage stellen sich die Freundinnen Linda und Ellen auf der Suche nach der großen Liebe und dem nie enden wollenden Kampf gegen die überschüssigen Pfunde. Eine Brandstiftung und das Auftauchen der gertenschlanken Tanja stellen die beiden vor neue Herausforderungen und bringen sie schließlich auf eine geniale Idee, wie sie sich ihre Liebe, ihre Figur und ihre finanzielle Unabhängigkeit zurückerobern wollen…
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Seitenzahl: 366
Veröffentlichungsjahr: 2019
Mia Mai
Männerdiät
Roman
© 2019 Birgit Gawalleck
Verlag und Druck: tredition GmbH,
Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN:
978-3-7482-2231-6
Paperback
978-3-7482-2232-3
Hardcover
978-3-7482-2233-0
e-Book
Liebe Frauen, seid attraktiv, selbstbewusst und lebensfroh. Nutzt euer vorhandenes Potential und genießt das Leben in vollen Zügen.
In Liebe
Mia Mai
Prolog
Liebe Frauen,
unser Leben wird bestimmt davon, dem »starken Geschlecht« zu gefallen. Dabei legen wir Maßstäbe an, die kein Mann der Welt von uns verlangen würde. Wir Frauen gehen gnadenlos mit uns selbst ins Gericht und veranstalten täglich viele Kämpfe um unser Aussehen und Auftreten. Das haben wir nicht verdient. Definitiv sind wir meist die Stärkeren in unseren Beziehungen, als Multitalent erziehen wir unsere Kinder, managen den Haushalt, organisieren den Alltag und lösen nicht nur unsere persönlichen Probleme, sondern auch die der restlichen Familie. Wir pflegen nicht nur die eigenen, sondern oft auch noch die Schwiegereltern und halten den Familienverbund sozial und auch praktisch am Leben.
Über dies alles hinaus ertragen wir noch die Launen unseres Göttergatten, sorgen für seine Bequemlichkeit und sein leibliches Wohl, haben ein schlechtes Gewissen, weil »Er« sich ja so für die Familie »krummlegt« und versuchen deshalb, mit Nebenjobs die Familienkasse aufzubessern.
Oft geht im Laufe von Schwangerschaft, Stillzeit und dem ständigen Versorgen der gemeinsamen Kinder die jugendliche Figur verloren. Wir werden durch das Kreisen rund um Küche und Herd ständig den Versuchungen ausgesetzt, bei allem und jedem mitzuessen. Auch Frust stellt sich ein, denn so ein Haushalt ist ein Fass ohne Boden, man beginnt, wo man geendet hat, wird niemals fertig, sieht selten Land und bekommt dafür auch keine Anerkennung. Wer das Gefühl kennt, wenn der Herr Gemahl morgens geduscht und gestärkt das Haus verlässt, hinein in seinen Arbeitstag mit eigenem Büro, Sekretärin, Anerkennung und verdientem Lohn, weiß, wovon ich rede. Während er einer seiner Ausbildung entsprechenden Tätigkeit nachgeht, bleiben wir Frauen zurück in ramponierter Alltagskluft und versuchen, morgenmufflige Kinder oder Teenager rechtzeitig zur Schule zu bringen, ihnen ein Vesper und gute Laune mit auf den Weg zu geben, um sich dann gefühlt zum unendlichsten Mal den Haushaltstätigkeiten zu widmen, natürlich erst, nachdem wir die Reste von den Frühstückstellern gegessen haben. Spätestens an dieser Stelle fühlen wir uns minderwertig. Wer sich selbst so sieht, wird ebenso behandelt. Wir fühlen uns ausgenutzt und unattraktiv und oft sind wir das dann auch. Wir sind unzufrieden mit uns und unserer Situation und fangen an, von unseren Männern Bestätigung einzufordern und werden in deren Augen zur nörgelnden Ehefrau. Männer verstehen dann nicht, wo die einst so fröhliche und vor Unternehmungslust strotzende Frau geblieben ist, die sie geheiratet haben. Und da ist es, das sich selbst erfüllende Klischee. Selten sind wir uns unseres Potentials bewusst und dümpeln deshalb mit fehlendem Selbstvertrauen zwischen Heim und Herd dahin. Die wahre Position, in der wir uns all die Jahre befunden haben, nämlich nicht nur auf Augenhöhe mit unseren Männern, sondern sogar meist eine Nasenspitze weiter vorn, wird meist erst realisiert, wenn es zu einer Trennung kommt oder die Kinder ausgezogen sind, die Frauen neu durchstarten und die Männer dann nur noch von hinten den Kondensstreifen sehen. Wer bis hierher in seiner Ehe durchgehalten hat, kann nun sehen, wie das Blatt sich wendet, das Selbstbewusstsein der Frauen aufblüht und die Männer Angst vor anderen Alphamännchen um ihre wieder attraktiv gewordene Partnerin haben. Zur gleichen Zeit beginnt bei vielen Herren der Schöpfung die Vorfreude auf den absehbaren Ruhestand, während die Frauen einen Neustart hinlegen und nach Selbstverwirklichung streben. Warum gibt es dieses Buch?
Ich bin eine dieser Frauen. Trotz Liebe zu meinen Kindern war ich sehr viele Jahre frustriert. Ich fühlte mich mit bestandenem Hochschuldiplom gestrandet in meinem Haushalt mit einem Mann an der Seite, der mit gleicher Ausbildung seiner Karriere nachgehen konnte und offensichtlich das richtige Geschlecht hatte, um Familie und Job unter einen Hut zu bringen. Ich litt unter dem allgemein bekannten Problem zwischen Frustessen und anschließend quälendem Diäthalten, während den lieben Kleinen und dem Ehemann lecker aufgekocht wurde.
Mit meinen Pfunden habe ich gekämpft, gewonnen und wieder verloren. Ich habe mich weitergebildet, Teilziele erreicht, verschiedene Jobs gemacht, allesamt unter meiner Qualifikation. Bei meinem Mann habe ich um Anerkennung und Kommunikation gebettelt und nur selten etwas davon bekommen.
Inzwischen sind meine Kinder groß, meine Ehe ist leicht eingestaubt und ich bin auf der Suche nach dem Sinn meines Lebens.
Die »Männerdiät« wurde von mir geschrieben, um auf humoristische Weise zu zeigen, wie Frauen sich viel Kummer und überflüssige Pfunde ersparen oder Selbiges wieder loswerden und Männer für gute Zwecke einsetzen können. Ich wünsche allen tollen Frauen da draußen viel Spaß mit der Geschichte von Linda und Ellen und der perfekten Diät für Körper, Geist und Seele.
In Liebe
Mia Mai
1
»Ich hätte gerne ein Eis«, höre ich eine Stimme sagen und sehe gerade noch, wie meine beste Freundin Ellen die Augen verdreht. Mit »Hallo Linda, setz dich doch an den kleinen Tisch neben der Theke, ich brauche noch ein paar Minuten«, begrüßt mich Ellen und wendet sich wieder demjenigen zu, der in der Gelateria Firenze den ausgefallenen Wunsch nach einem Eis geäußert hat. »Wie viele Kugeln hätten Sie denn gerne?«, fragt Ellen gerade bemüht höflich. »Zwei«, kommt nach längerer Überlegung von dem älteren Herrn zurück. »In der Waffel oder im Becher?«, kämpft Ellen sich weiter vor, während sich ihr Gegenüber ein »ist mir egal« abringt. Es ist wirklich kaum zu glauben, wie schwierig es sein kann, zwei Kugeln Eis zu bestellen.
Seit Ellens Zwillinge zur Schule gehen, arbeitet sie als gelernte Eiskonditorin stundenweise in der Eisdiele in der Innenstadt und wir treffen uns, wenn bei uns beiden nichts dazwischenkommt, immer am Mittwochvormittag nach ihrer Schicht zum neuesten Update unserer kleinen und großen Lebenskatastrophen. »Mir ist es auch egal«, erwidert Ellen eben bereits etwas genervt. Schließlich entscheidet sich der Herr für eine Waffel und nach einer weiteren kleinen Ewigkeit hat Ellen ihm sogar die gewünschten Eissorten Zitrone und Vanille entlockt und auf dem Unterteil platziert. Beim Kassieren muss sie sich noch die Bemerkung: »Haben Sie schon wieder aufgeschlagen?«, anhören, dann verschwindet der unschlüssige Kunde hoffentlich zufrieden mit seiner Wahl in Richtung Fußgängerzone.
Mit ihrer Ausbildung als Eiskonditorin sollte Ellen eigentlich nicht nur im Verkauf, sondern vor allem im Eislabor stehen und sich zwischen Eismaschinen, Pasteurisiergeräten und Schockfrostern mit der Herstellung spannender Geschmackskreationen beschäftigen. Als geschiedene Frau mit vier unmündigen Kindern, einem Exmann ohne väterliche Betreuungsbedürfnisse und einer Mutter, die selbst noch mitten im Berufsleben steht, käme diese Herausforderung eines unüberschaubaren logistischen Großaufwandes gleich. Deshalb begnügt sie sich fürs erste und natürlich auch nur während der »Eissaison« mit einem Minijob, der in Ferienzeiten auch schon schwierig zu organisieren ist, aber dafür das eine oder andere »Extra« für die mannlose Familie abwirft.
Mit den Worten »es freut mich sehr, dass Ihr Enkelkind jetzt laufen kann«, bugsiert Ellen gerade die für sie heute letzte Kundin aus der Tür, eine etwas rundliche Dame, die in ihrer Hand eine Waffel mit einem gefährlich aufgetürmten Stracciatella-Waldmeister-Gemisch ins Freie balanciert.
Mit einem Stoßseufzer plumpst meine Freundin neben mir auf den Stuhl und stellt vor sich das obligatorische, portionsmäßig gut gemeinte Bananensplit mit zwei Eislöffeln auf den Tisch. Es erstaunt mich immer wieder aufs Neue, mit welcher Begeisterung Ellen zu jeder Tages- und Nachtzeit Eis auch in großen Mengen verdrücken kann, ohne sich jemals daran satt zu essen. Sie hat definitiv die richtige Ausbildung gewählt. »Also Linda, du zuerst«, sagt Ellen und wir beginnen wie immer im Eiltempo und ohne Einleitung unser Gespräch, denn wir haben genau eine Stunde Zeit, bevor wir beide los müssen, um unsere jeweils jüngsten Kinder von der Schule abzuholen. Draußen scheint die Frühlingssonne, Passanten laufen eilig mit Körben und Taschen voller Obst und Gemüse zwischen den Ständen des Wochenmarktes hin und her oder stehen plaudernd an den weniger frequentierten Bereichen des bunten Treibens rund um den großen Marktbrunnen. »Los erzähl, wie war dein Date am Sonntagabend?«, fordert Ellen mich auf, mein Privatleben vor ihr auszubreiten, während sie sich einen Löffel Sahne mit ordentlich Schokosoße in den Mund schiebt. »Stell dir vor, Hannes hat »heirate mich« zu mir gesagt, kurz bevor ich wieder in mein Auto steigen wollte, um nach Hause zu fahren«. »Und, was hast du gesagt?«, entfährt es der neugierigsten Person dieser Welt mit weit aufgerissenen Augen. »Ich habe ihn geküsst und gesagt, dass ich, wenn ich nicht schon verheiratet wäre, ganz ernsthaft darüber nachdenken würde«, wobei mir ein Lächeln über mein Gesicht huscht, weil ich an den unglaublichen Charme dieses Mannes denken muss mit seinen blauen, verschmitzten und freundlichen Augen. Ich erzähle Ellen alles haarklein von meinem Abend und auch davon, dass Hannes sich bereits am nächsten Tag wieder von seiner unzuverlässigen Seite gezeigt hat und ich ihn deshalb erst gestern um einige kontaktfreie Tage gebeten habe. Ellen stöhnt dagegen über ihre ständigen Geldsorgen, ihr gestörtes Verhältnis zu ihrem Exmann und ihre Figurprobleme, die seit ihrer Tätigkeit im Firenze nicht wirklich kleiner geworden sind. Wir verabschieden uns mit einer festen Umarmung und vertagen unser nie endendes Gespräch auf spätestens in einer Woche. Als ich wieder im Auto sitze, erinnere ich mich an den Tag, als er mir das erste Mal begegnete. Hannes…
Es war so ein Frühlingstag wie heute. Der Winter war gerade vorbei, wir wohnten erst seit einigen Monaten auf der Ostalb. Meine Mutter war gestorben und die Wohnung in unserem neuen Haus, in der sie hätte wohnen sollen, stand leer. Wie hatten wir das damals nur geschafft? Der Umzug, die Beerdigung an meinem vierzigsten Geburtstag, das Aussortieren ihrer Sachen und Heilig Abend im Chaos. Es war dennoch eines der entspanntesten Weihnachtsfeste, die wir je hatten. Vielleicht, gerade weil wir wegen der schlimmen Zeit keine Erwartungen und nur wenig Geschenke hatten. Mit viel Renovierungsarbeiten ging der Winter irgendwie vorüber und dann kam die Gartenzeit, meine Zeit. Es war ein herrliches Fleckchen Erde, nur dieser riesige, abgestandene und tiefe Teich… Er war gefährlich für Joshua, meinen Jüngsten, und zudem eine schlimme Brutstätte für Schnaken. Wie oft hatte ich Bernd, meinen Mann, gebeten, mit mir über eine Lösung nachzudenken. Dieser Teich musste weg. Bernds Interesse galt jedoch eher dem Haus selbst, in dem er unermüdlich sanierte. Irgendwann griff ich einfach nach der Zeitung und stolperte mehr durch Zufall auf einen Garten- und Forstbetrieb, Hannes Betrieb. Einige Tage nach meinem Anruf stand er neben mir, ließ meine Welt kurz stillstehen und hielt diesen »Tümpel«, wie er ihn nannte, für keine große Sache. Wochenlang hatte ich mir Gedanken gemacht um das viele Wasser und das riesige und schlammige Loch, das dann an dieser Stelle klaffen würde. Es schien mir eine unüberwältigbare Aufgabe und dann kam er und sagte: »… kein Problem, das schiebe ich nächste Woche mit rein… «. Das war unsere erste Begegnung, die bereits irgendetwas in mir hinterließ.
Es ging dann alles sehr schnell. Er kam mit großer Gerätschaft und einigen Mitarbeitern und nach wenigen Stunden war der Tümpel Geschichte. Hannes war ein Mann, wie er mir noch nie begegnet war, männlich, stark, geschmeidig und wieselflink. Im Urwald wäre er ein typisches Alphamännchen gewesen. Seine Haut war bereits stark gebräunt, seine Bewegungen waren kraftvoll und elegant gleichzeitig. In seinem Gesicht lag ein unglaublich sympathisches Dauerlächeln. Mein Gott, gleich war er weg und ich werde ihn vielleicht nicht wiedersehen… »Schade, dass Sie fertig sind«, hörte ich mich erschrocken sagen, doch er meinte: »Das finde ich auch und deshalb melde ich mich später.« Und tatsächlich hat er an diesem Abend angerufen…
»Sag mal Linda, weißt du, ob heute Elternabend ist?«, fragt mich jemand und holt mich aus meinen Gedanken zurück ins Jetzt. »Alles klar bei dir?« Das ist sicher eine gerechtfertigte Frage, wenn jemand so geistesabwesend wie ich vor sich ins Leere starrt. An meinem offenen Autofenster steht Anke und beweist mir in diesem Moment, dass mein Unterbewusstsein allein den Weg vom Stadtparkhaus zur Schule findet. Mein grenzdebiles Lachen, als mir die Doppeldeutigkeit des Wortes »Autopilot« klar wird und ich mir einen solchen auf meinem Fahrersitz vorstelle, macht Ankes Zweifel an meiner momentanen Zurechnungsfähigkeit nicht kleiner. »Alles total klar«, beeile ich mich zu sagen, »der Elternabend ist erst morgen.« Ich verschweige, dass ich diesen trotz meines Amtes als Elternsprecher ohne sie komplett vergessen hätte.
Mein Handy klingelt, ich schaue auf das Display, sehe Hannes Nummer und drücke ihn weg, denn eben steigt Joshua ein und mit ihm noch zwei Klassenkameraden, die bereits sitzen, als sie fragen, ob ich sie mitnehmen kann. Mal wieder typisch, ärgere ich mich in Gedanken über Hannes. Den ganzen Vormittag war ich allein und er schafft es, genau den Moment abzupassen, wenn die Schule aus ist und ignoriert nebenbei auch noch unsere Abmachung.
Wenn kein triftiger Grund dagegen spricht, meldet Hannes sich jeden Tag bei mir, seit nun mehr sechs Jahren. Sein Betrieb und die Probleme mit seiner Lebensgefährtin sind gewachsen, seine Kapazitäten sind meist mehr als ausgeschöpft und so sehen wir uns von Jahr zu Jahr weniger, obwohl unser Bedürfnis das Gegenteil verlangen würde.
»Das war doch mal wieder voll ungerecht von dem Zobel, dass nur ich vor die Tür musste und der Kevin nicht, obwohl der genauso geschwätzt hat«, höre ich meinen Sechstklässler schimpfen und die anderen beiden pflichten ihm lautstark und unflätig bei. Meine Frage, ob ein Anruf des Fachlehrers für mich ansteht, wird von Joshua verneint, und ich bin im Stillen dankbar, dass ich mich nicht mit den genaueren Umständen dieses Rauswurfs beschäftigen muss.
Zu Hause angekommen, erwartet mich bereits schwanzwedelnd unsere kleine Mischlingshündin Paula, die wir vor vier Jahren im Reisegepäck von Spanien mitgebracht haben. Sie möchte jetzt fressen und laufen. Neben ihr sitzt Kurt, unser Kater, der aus ähnlich noblen Verhältnissen stammt und sich ebenso schnell wie Paula an den besseren Lebensstandard gewöhnt hat und selbigen nun auch lautstark einfordert. Zum Glück kommt gerade etwas schlaftrunken meine erwachsene Tochter Hanna in die Küche und übernimmt etwas muffelig die Bedürfnisbefriedigung unserer vierbeinigen Familienmitglieder.
Hanna studiert Sprachen, hat gerade Semester- und Beziehungsferien und arbeitet oft bis spät in die Nacht in einem »In-Lokal« der Stadt, um sich ihren nächsten USA Aufenthalt zu finanzieren. Ihren Freund hat sie ebenso wie ihre Studentenbude nur wenig traurig für drei Monate in Köln zurückgelassen.
Der Klingelton des Festnetzes verrät einen Anruf von Bernd, der konservativ geprägt mittlerweile fast allein diesen Weg zur Kommunikation nutzt. »Linda Lenz« melde ich mich formvollendet, obwohl ich bereits im Display sehe, wer anruft. Am anderen Ende höre ich die Tastatur des Computers klappern und setze ein »Hallo Bernd« nach, in der Hoffnung, dass er nun bemerkt, dass ich bereits in der Leitung bin. »Mensch Linda, sag halt was, wenn du abhebst, höre ich seine geschäftige Stimme mit vorwurfsvollem Unterton. Ich erspare mir eine Antwort, denn dieses Szenario hat quasi schon Tradition und es kostet nur sinnlose Zeit und Nerven, zu erörtern, wer wen nicht gehört hat. »Was gibt es?«, frage ich in den Hörer und setze nebenher das Spaghetti-Wasser auf, mit dem Kurt nun seinen Brand löscht, den wohl der edle Gourmetkatzenbeutel hinterlassen hat. »Ich wollte dir nur sagen, dass es mir heute Abend nicht zum Rock’n’Roll Kurs reicht, die letzte Besprechung ist mit Sicherheit zu spät zu Ende.« »Kein Problem«, erwidere ich wahrheitsgetreu, denn meine Lust auf den Tanzkurs heute Abend hält sich sowieso gerade stark in Grenzen. »Ich muss auch schon wieder weiter, du weißt ja, Termine… «, beendet Bernd das Gespräch nach »Wichtiger-Geschäftsmann-Manier« und hört mein »jaja, schon klar« wahrscheinlich nicht mehr.
Beim Essen, das Spaghetti-Kurt-Wasser wurde von mir natürlich durch ein neues Wasser ersetzt, erweist sich unser entfallener Kurstermin als Glück für Lukas, unser achtzehnjähriges Physikgenie, der neben seiner Leidenschaft für die Naturwissenschaften, auch allerhand soziale Ämter in der Schule pflegt. Heute ist es ein Treffen der Schülermitverwaltung, wohin er jetzt natürlich mit dem Auto fahren kann, was er mit einem lautstarken »super« kommentiert, ein Vorteil also, der die überraschende Abwesenheit seines ebenfalls erziehungsberechtigten Vaters mehr als aufwiegt. Die anderen beiden Lieblinge zeigen erwartungsgemäß keine Regung wegen Bernds abgesagtem »Heimspiel«. Da sitzen wir vier zusammen am Tisch und ich schaue in die Runde und sehe drei gut geratene, intelligente und emotional starke Persönlichkeiten, von denen niemand eine Beziehung zum vermeintlichen Familienoberhaupt hat. Für die finanzielle Versorgung der Familie verdient Bernd eine Bestnote, ebenso für seine Loyalität, mit der er hinter uns steht und jeden von uns in allen Lebenssituationen beschützen und verteidigen würde. Seine soziale oder emotionale Kompetenz erhält leider nur ein Mangelhaft und ist bereits bei seiner Reifung zum Erwachsenenleben irgendwo auf der Strecke geblieben. Es vergingen viele Jahre, in denen ich hochmotiviert versuchte, bei ihm Freude an der Betreuung der Kinder zu wecken oder ihn zumindest für gemeinsame Unternehmungen zu begeistern. Für Bernd waren es Nörgeleien einer unzufriedenen Ehefrau. Mit der Zeit habe ich resigniert und akzeptiert, dass er eben ist wie er ist und nur als Randfigur an unserem Leben teilnimmt. Irgendwie habe ich schließlich gelernt, seine Vorteile zu nutzen, unser komfortables Leben auch ohne partnerschaftliche Ansprache zu genießen und ohne ihn meinen Alltag rund um Kinder, Haushalt und sozialem Kontext zu bewältigen. Die Zeit dieses Waffenstillstands dürfte knapp zehn Jahre her sein und seitdem gab es so gut wie keinen Streit mehr. Wir leben eine Ehe in Freiwilligkeit, Bernd ist viel unterwegs und manchmal weiß ich nicht einmal, wo er sich gerade aufhält. Wir nennen es Arbeitsteilung und nach außen hin scheinen wir ein ideales und überaus harmonisches Ehepaar zu sein. Unsere Rock’n’Roll Gruppe, in der wir seit vielen Jahren zweimal die Woche tanzen, würde dies mit Sicherheit bestätigen.
Als ich am späten Nachmittag die verwelkten Blumen vom Grab meiner Mutter nehme, vibriert mein Handy in meiner Hosentasche und ein paar Sekunden später lese ich die WhatsApp Nachricht von Hannes: »Hallo Sonnenschein, hast du nachher Zeit? Treffen wir uns so gegen zehn im Wald? Ich muss dich dringend sehen… « Ich markiere die Nachricht und leite sie mit dem Kommentar »Hat der sie noch alle?« an Ellen weiter. »Meine Kleine hat Magen-Darm-Grippe bekommen und du kennst ja meine Kotzphobie, melde mich in ein paar Minuten«, kommt die spontane Antwort von meiner Freundin zurück. Ich überlege, was ich mit Hannes Angebot mache. Nach seinem vermeintlichen Heiratsantrag am Sonntag, hat er es schon wieder geschafft, mich einmal zu versetzen und sich einen ganzen Tag nicht zu melden, was ich damit quittiert habe, dass ich ihn um ein paar Tage Beziehungsauszeit bat. Einerseits habe ich natürlich überraschend frei, da Bernd nicht heimkommt und ich könnte tatsächlich weg. Andererseits möchte ich konsequent sein und habe jetzt außerdem Lukas das Auto versprochen, was bedeutet, dass Hannes mich an irgendeiner dunklen Ecke in unserem Wohnviertel aufsammeln muss, was aufgrund seines lautstarken Jeeps und der mehr als aufmerksamen Nachbarschaft ein echter Eierlauf ist. Sehen würde ich ihn natürlich sehr gerne, ich habe eine echte Dauersehnsucht nach ihm, unter anderem auch deshalb, weil er mittlerweile fast keine Zeit mehr hat. Aber genau hier liegt auch der Hase im Pfeffer. In den letzten Wochen drängt sich mir das Gefühl auf, dass ich mich von ihm distanzieren sollte, denn diese Versetzerei wegen hartnäckiger Kunden, privatem Kleinkrieg oder spontanen Einladungen der Nachbarschaft, die er aus Höflichkeitsgründen nicht ausschlagen kann, nehmen gerade sehr überhand.
Hannes ist ein ganzer Kerl, aber »nein« sagen, liegt ihm nicht. Besonders, wenn derjenige, der etwas von ihm will, sehr drängt und fordert oder persönlich vor ihm steht. Mit mir ist dies etwas anderes, mein Grundsatz lautet nicht nur in meiner Ehe, sondern auch in dieser Beziehung »Freiwilligkeit«. Ich verlange nichts, weder ein Date noch einen Anruf, was nicht heißt, dass ich innerlich doch immer gefühlt in einer Warteschleife hänge. Dennoch gibt es mit mir keinen Ärger fürs Absagen, da ich mich nicht auf dieselbe Stufe stellen möchte wie diese herrische und unberechenbare Person, unter deren Dach Hannes seit zwölf Jahren sein Dasein fristet. Meist ruhe ich in mir selbst, bleibe, sollte es doch mal zu einer Auseinandersetzung kommen, sachlich und habe Verständnis dafür, dass ich als »Zweitbeziehung« natürlich hinter den offiziellen Events zurückstehen muss. In letzter Zeit hat er es allerdings stark übertrieben und nun sperrt sich mein persönlicher Selbstschutz gegen den Kontakt mit ihm.
»Sorry, dass du warten musstest«, meldet sich die treueste Freundin, die es geben kann, per Whats-App wieder zu Wort. »Meine Mutter ist jetzt da für den Notfall, du weißt schon, falls Ramona sich übergeben muss«, lese ich weiter. »Was denkt sich dieser Ostalb-Bauer eigentlich, wer du bist?«, fragt Ellen, die sich immer noch eine Rückkehr in ihre Heimatstadt Lübeck vorstellen könnte, »das musst du dir nicht bieten lassen. Er kann doch nicht ignorieren, was ihr gestern erst besprochen habt.« Mit diesen Worten nimmt sie selbstverständlich Position für mich ein. »Andererseits ist so ein schöner Abend mit Hannes auch eine gute Sache für dich«, wägt Ellen nun das Pro und Contra ab. »Das ist gerade auch mein Problem«, werfe ich ein und fahre fort: »Einerseits soll er doch vergammeln mit seinem hysterischen Anhang oder soll arbeiten bis er schwarz wird, aber andererseits tut ein Abend mit ihm so unendlich gut. Wir sind einfach zu blöd, wir Frauen. Lassen uns immer viel zu sehr auf die Männer ein und verlieren uns selbst aus den Augen. Ein Mann würde auch in dieser Situation keine Strategien fahren, sondern einfach das tun, was ihm eben vom sprichwörtlichen Arsch in den Kopf fährt.« »Du hast Recht, doch ganz ohne Männer geht es auch nicht. Wir richten aber unser ganzes Leben nach diesen Scheißkerlen aus, anstatt unsere eigenen Wege zu gehen und »Mann« nur noch so nah an uns heranlassen, wie es uns guttut.« Ramona fördert nun doch ihr Frühstück wieder zu Tage und unser Gespräch findet hier ein abruptes Ende.
»Ich kann nicht, habe Tanzkurs«, tippen eben meine Finger ohne Rücksicht auf mein Herzgefühl ins Handy und drücken auf »versenden«. Adieu romantischer Hannes-Abend! Dabei hatte alles so unbeschwert angefangen. Als er in mein Leben trat, war seine Firma noch weniger bekannt als heute und er hatte eine deutlich übersichtlichere Auftragslage. Fast zwei Jahre lang haben wir uns bis auf die Wochenenden oder Urlaube täglich gesehen, auch wenn es nur für einen kleinen Spaziergang in der Mittagspause war. Oft haben wir noch zwei bis dreimal telefoniert und so waren wir stets im Bilde über den anderen. An zwei Abenden der Woche haben wir uns meist in Hannes Forsthütte getroffen, die auf einer idyllischen Lichtung im Herzstück seines eigenen kleinen Waldes liegt, dessen Wohl Hannes nicht nur beruflich, sondern auch persönlich sehr am Herzen liegt. Aus diesem Grund veranstaltet er auch immer wieder Führungen für medienbelastete Schüler oder Jugendgruppen und beweist dabei ein echtes Händchen dafür, die jungen Menschen für den Wald und die Natur zu begeistern. Leider bleibt auch für diese Leidenschaft nur noch selten Zeit, denn sein Gartenbaubetrieb expandiert stetig weiter. Die Waldhütte als »Arbeitsplatz und Rückzugsort bei Regen« wurde von uns zugegebenermaßen etwas zweckentfremdet, dafür bietet sie jetzt einen atemberaubenden Rahmen für Abende zu zweit fernab jeglicher Zivilisation. Wenn ich hier bin, fühle ich mich nicht nur mit Hannes über alle maßen verbunden, sondern auch als Teil des universellen Ganzen. Hier draußen werden Alltagsprobleme klein, die erst zu Hause wieder als Ballast spürbar werden.
2
»Wer hat schon wieder meine Stichsäge benutzt?«, schreit Bernd, aufgebracht durch den persönlichen Übergriff auf sein Werkzeug, durchs Haus. Es ist Wochenende und mein Mann werkelt an unserer nie endenden Baustelle. Eben will er die längst überfälligen Sockelleisten im Schlafzimmer anbringen, als er den Verlust des Inhalts seines Sägekoffers feststellt und er mich auf seiner Unterlippe kauend mit wütenden Augen anfunkelt. »Es könnte sein, dass sie in der Waschküche liegt. Vor ein paar Tagen habe ich dort ein Brett zurecht gesägt, um Joshuas geknicktes Fußballtor wiederaufzurichten. Wenn du willst, schau ich gleich mal nach«, antworte ich meinem Ehemann möglichst gelassen. Mit »nein, nein, ich muss ja sowieso wieder in den Keller«, findet Bernd zum normalen Umgangston zurück und verschwindet wieder nach unten. Dass Lukas gestern zusammen mit einem Freund an einer Treppe für ein Klassenspiel gearbeitet und dafür die Säge ohne Koffer sogar mit in die Schule genommen hat, verschweige ich lieber.
Mein Handy klingelt und ich sehe, dass Ellen anruft. Das gibt es ohne vorherige »schriftliche« Ankündigung eigentlich nie, also muss es sehr wichtig sein. Während ich den Anruf mit einem »was ist passiert?«, annehme, suche ich mir ein geeignetes Zimmer, in dem ich halbwegs in Ruhe telefonieren kann. »Hartmut zieht mit dieser Kuh zusammen, mit dieser Tanja. Sie haben schon eine Wohnung gemietet«, heult Ellen ins Telefon. Den Namen »Tanja« hat sie mit so viel Verachtung ausgesprochen, dass man annehmen könnte, es handelt sich dabei um eine heimtückische, tödliche Krankheit. An Tanjas Stelle würde ich Ellen geschickt aus dem Weg gehen. Hartmut ist Ellens Ex. Sie war mit ihm über zehn Jahre verheiratet, als er, misstrauisch geworden über den wochenlangen heimischen Frieden, ihr Email-Passwort knackte und unverhofft Zeuge von Ellens Liebschaft wurde. Da Hartmut als echter männlicher Chauvinist mit dem Status gehörnter Ehemann natürlich nicht umgehen konnte, beendete er an dieser Stelle mit einem einzigen Hauruck seine Ehe. Erklärungen oder Gesprächsangebote von Ellens Seite prallten direkt von ihm ab. Es war damals eine echte Tragödie, wie meine Freundin kurz vor Weihnachten, quasi über Nacht, zur alleinerziehenden Mutter wurde. Zu Ellens Ehrenrettung muss man wissen, dass Bernd gegen Hartmut ein echtes Kommunikationswunder ist und ihre »Liebschaft« sehr harmlos daherkam und sich zumindest bis dahin neben Händchenhalten und dem einen oder anderen Kuss tatsächlich auf Gespräche beschränkt hatte. »Woher weißt du das denn überhaupt?«, halte ich wenig hilfreich dagegen. »Von meinen Kindern, er hat sie ihnen offiziell als seine neue Lebensgefährtin vorgestellt«, schluchzt Ellen weiter ins Telefon. »Du hast doch gewusst, dass Hartmut zusammen ist mit der Sumpfschnepfe«, zeige ich mich loyal meiner Freundin gegenüber, obwohl ich Tanja natürlich nicht kenne. »Was stört dich denn so fürchterlich daran?«, taste ich mich weiter vor, »soll sie ihn nun doch genießen mit all seinen Macho-Facetten. Sie wird sich an ihm genauso wie du die Zähne ausbeißen, sei froh, dass du damit schon durch bist. Über kurz oder lang wird ihn auch mit Tanja das gehörnte Schicksal ereilen, es sei denn, sie will an seiner Seite komplett sozial verarmen«, versuche ich die Vorzüge des hartmutlosen Lebens herauszuarbeiten. Aber Ellen ist im Moment nicht offen für diese Art von Vorteilen. »Ich dachte schon immer, er meint es nicht so ernst mit der und liebt insgeheim immer noch mich«, gibt Ellen etwas zaghaft zu. »Hartmut liebt niemanden, außer sich selbst«, halte ich dagegen. »Du hast dich so weiterentwickelt in deiner Persönlichkeit seit der Scheidung, eure Kluft wäre heute noch größer. Denk doch mal an sein Rumgefläze auf dem Sofa in der Jogginghose, sein Geglotze hinter jedem Rockzipfel her, seine Nullbeteiligung bei der Kinderbetreuung und das immer verpinkelte Klo. Ich finde, das können wir der Tanja doch gönnen oder?«, versuche ich es mit einem Hauch Humor. Und tatsächlich, ich meine ein kleines Schmunzeln auf Ellens Gesicht herauszuhören, als sie sagt: »Du bist die Beste und du hast Recht, auf mein Klo würde ich ihn nicht mehr lassen und seine geifernden Blicke in jeden Ausschnitt… nein, das muss ich mir nicht geben, er ist und bleibt ein echter Idiot.« Ich weiß, dass ihr Kopf zwar jetzt ganz kurz das Regiment übernommen hat, aber dass dieser Ausbruch erst die Spitze des Eisbergs war.
Ellen hatte Hartmut auf einer Party kennengelernt und war sofort geblendet von seiner männlichen Überheblichkeit. Sie landete mit ihm noch in derselben Nacht im Bett und war augenblicklich schwanger. Sie blieben zusammen und schienen eine Weile trotz der besonderen »Umstände« glücklich miteinander zu werden. Damit Ordnung herrschte und die Verwandtschaft trotz kurzem Vorlauf halbwegs zufrieden war, heiratete Ellen Sommer Hartmut Winter und wechselte damit nicht nur in den Stand der Ehe, sondern auch in eine andere Jahreszeit. Dass sie sich an Hartmuts Seite warm anziehen musste, merkte sie sehr bald, denn seine Gefühlskälte und Oberflächlichkeit waren wirklich nicht zu toppen. Als Konstantin das Licht der Welt erblickte, war bereits klar, dass dieses Kind nicht viel von seinem Vater profitieren würde. Ellen ging von Anfang an ganz in ihrer Mutterrolle auf und genoss es sehr, im Gegensatz zu vielen ihrer Geschlechtsgenossinnen, ihren Job aufzugeben und ganz für die Familie da zu sein. Hartmut arbeitete damals als Zahntechniker in einem großen Labor der Stadt, verdiente nicht schlecht, weshalb sie sich ein kleines Reihenhaus in zentraler Lage leisten und Ellen sich als »Stadtmensch« fortan zu Fuß ins Menschengetümmel stürzen konnte. Sie war glücklich mit ihrem Leben und bekam sehr schnell noch eine äußerst niedliche kleine Tochter, Ramona. Es lag sicher nicht an der fehlenden Kennenlernzeit, dass die Ehe zwischen den beiden trotz ihrer süßen Kinder nicht gut lief. Hartmut war der Star auf dem Tennisplatz, verbrachte hauptsächlich dort seine Wochenenden, wurde von aufgedonnerten und neureichen Frauen für seine starke Vorhand bewundert und ließ auch außerhalb der Turniere nichts anbrennen. Ellen kam mit den Kindern nur selten hierher, sie fühlte sich wie ein Mauerblümchen zwischen diesen ganzen sportlichen und vornehmen Damen mit ihren manikürten Händen und durchgestylten Outfits. Auch Hartmut machte kein Hehl daraus, dass zwei lebhafte Kinder besser auf einen Spielplatz als in die gediegene Atmosphäre des Tennisclubs passten. Dass nach einigen für Ellen sehr einsamen Ehejahren ausgerechnet sie eine der Frauen war, die trotz Pille schwanger wurde und dann auch noch Zwillinge bekam, war selbst für ein Muttertier wie sie ein Schock. Das Reihenhaus wurde zusehends enger, Hartmuts Fluchtreflexe und Ellens Eherettungsbedürfnis größer, während der vermeintliche Sockel, auf dem die Ehe stand, schrumpfte. Ich konnte manchmal nur schwer ertragen, wie meine Freundin um diesen zugegeben zwar attraktiven, aber völlig hohlen Mann kämpfte und ihn sinnloserweise sogar zu unzähligen Eheberatungen schleppte, bei denen er sich als komplett beratungsresistent outete.
Die Zwillinge lernten erst sehr spät laufen und entwickelten beide eine einseitige Gangart »über den großen Onkel«, die sie schon von weitem unverwechselbar machte. Der Kinderarzt riet Ellen schließlich, einen Physiotherapeuten aufzusuchen und so lernte sie den einfühlsamsten und kommunikativsten Mann kennen, der je unter dieser Sonne gelebt hat und dessen Eltern ihm mit hellseherischen Fähigkeiten den Namen Friedemann gegeben hatten. Noch nie hatte sich Ellen mit jemandem so gut unterhalten können wie mit ihm. Er war liebevoll mit den beiden eher schüchternen Kindern und sah in ihr nicht nur die Mutter, sondern auch eine interessante Frau, mit der man sich unglaublich gut auf der spirituellen Ebene unterhalten konnte. Er war ebenso wie sie ein Nordlicht und sie war für ihn ein sensibler Lichtblick zwischen der derben Mentalität der Ostalb. Als die Behandlung der Zwillinge für ein halbes Jahr ausgesetzt wurde, blieben sie in Kontakt, telefonierten, schrieben Mails und trafen sich auch ab und zu für Spaziergänge im nahegelegenen Wald.
»Was findet der eingebildete Kerl nur an dieser Tanja«, legt Ellen gerade wieder an Fahrt zu und nun geht es ans Eingemachte. Nicht nur Hartmut ist jünger als seine Exfrau, die Sumpfschnepfe ist auch noch fünf Jahre jünger als Hartmut. Sie ist blond, groß, schlank und wirklich sehr attraktiv. »Du weißt doch, wie oberflächlich der ist«, versuche ich zu retten, was ich kann. »Er fällt halt herein auf so eine hohle Blondine und kann mit einer reifen Frau, die zu dem noch Charakter und eine eigene Meinung hat, nichts anfangen. Mensch, Ellen, das wissen wir doch.« »Ich werde aber auch immer fetter, diese Eisdiele und den ganzen Tag um die Kinder rumkochen… Und Sport ist ja nun auch nicht gerade mein Ding«, redet Ellen selbstkritisch weiter.
»Sag mal, kannst du vielleicht mal aufhören mit dem dauernden Telefonieren«, bringt sich jetzt Bernd ein und linst zur Tür herein. Seine kompletten Klamotten sind voller Sägespäne, er hat das Gesuchte scheinbar gefunden und ich will gar nicht wissen, wie die Zimmer aussehen, die er betreten hat. »Ellen, ich muss aufhören, Bernd meckert hier herum, ich mache mir Gedanken und wir schreiben wieder, okay?« Damit ist das Gespräch beendet und ich beginne mit der Schadensbegrenzung der Sockelleistenaktion im restlichen Haus.
In letzter Zeit denke ich immer öfter über das Für und Wider meiner Ehe nach. Bernd und ich haben uns mittlerweile so weit entfremdet, dass nur noch oberflächliche Gespräche meist rund um die Hausrenovierung stattfinden. Wenn wir am Wochenende mit Paula spazieren gehen, ist das sprichwörtliche »Wetter« der Dauerbrenner. Tatsache ist, dass wir beide keine Themen ansprechen, die persönlich sind und zum Streitpunkt werden könnten. Jeder lebt für sich, wir haben gänzlich den Überblick verloren über die Interessen und Werte des anderen. Als wir an diesem Abend ins Bett gehen, wagt Bernd einen unerwarteten Vorstoß in den schweigend abgemachten Tabubereich: »Sag mal Linda, meinst du, wir bekommen das irgendwie wieder hin mit unserer Beziehung?« Jetzt bin ich baff und höre mich fast erschrocken sagen: »Ich weiß es nicht, ich denke, die Luft ist raus. Wir sind nur noch eine Zweckgemeinschaft.« Entsetzt schauen wir uns an. »Daran wird man doch etwas ändern können, ich möchte dich nicht verlieren, denn ich liebe dich immer noch sehr«, kommt von Bernd zurück und dabei schaut er mich so lieb an, wie es ein hundertprozentiger Kopfmensch eben kann. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was hier jetzt gerade abläuft, es scheint aber die Stunde der Wahrheit zu sein. Es ist noch nicht sehr lange her, dass ich meinen Mann auf seine Defizite in der Kommunikation mit den restlichen Familienmitgliedern hingewiesen habe und der damit verbundenen Beziehungslosigkeit, in der er den Kindern und mir gegenübersteht. Seine Vorteile liegen auf der Hand, nämlich absolute Freiheit für persönliche Belange oder Hobbys. Niemand verlangt Präsenz von ihm. Wenn er da ist, ist er eben da, wenn er weg ist, eben weg. Ehrlich gesagt, ist es schon lange so, dass wir froh sind, wenn er arbeitet und unterwegs ist, denn er stört gefühlt den familiären Ablauf mehr als er eine Bereicherung wäre und ist im Gegensatz zu uns, die wir immer und überall etwas zu lachen finden, eine echte Spaßbremse. Ist er auf Geschäftsreise, vermisst ihn schon lange keiner mehr. Er kennt weder die Nachbarschaft, noch die Freunde der Kinder, geschweige denn Lehrer oder Eltern der jeweiligen Schulklassen. Von Beziehungen oder Trennungen, die seine beiden Großen gerade erleben, weiß er ebenso wenig wie über den Stand oder die Probleme im Fußballverein bei Joshua. Versucht er sich doch einmal in Konversation mit einem seiner Sprösslinge, ist das sehr aufgesetzt, anstrengend und alles Gesagte spätestens am nächsten Tag wieder vergessen, sodass er immer die gleichen Fragen stellt. Es sieht sogar so aus, dass wir ihm aus dem Weg gehen und ihm das Sofa, den Esstisch oder sogar Räume ganz überlassen. Für einen Lacher sorgte vor kurzem Joshua, dem plötzlich eine für ihn lustige Erkenntnis kam und er herausprustete: »Mama, weißt du eigentlich, warum unser Wohnzimmer zwei Türen hat?« Er genoss den kleinen Moment, den er mir zum Nachdenken überließ, wartete dann aber keine Antwort ab, sondern setzte nach: »Damit wir, wenn Papa zur einen Tür reingeht, zur anderen raus können.« Wir mussten beide kichern, obwohl diese Tatsache natürlich kein Grund zur Freude sein sollte. Bernd steht immer noch vor mir und schaut mich fragend an. »Ach, Bernd, ich weiß auch nicht, was richtig ist. Ich denke, dass unser Leben, so wie es jetzt aussieht, das Ergebnis einer vollkommenen Arbeitsteilung und der totalen Unfähigkeit konstruktiver Gespräche ist. Unsere Streitgespräche haben immer im Fiasko geendet, oft bist du einfach geflüchtet. Ich habe dich nie zu packen bekommen und stand mit meinen Bedürfnissen oder Problemen allein da. Irgendwann habe ich eben resigniert und meine Belange um dich herum organisiert. Ohne Austausch findet eben keine Beziehung statt und ich fürchte, dass ich keine mehr zu dir habe.« »Da hast du ja wieder einen Schuldigen gefunden«, kommt nun eine von Bernds Standardrechtfertigungen. »Ich suche keinen Schuldigen, ich versuche nur zu erklären, dass die heutige Beziehungslosigkeit aus dem fehlenden sozialen Umgang mit den Kindern und mir in der Vergangenheit resultiert«, versuche ich mich aus der Schusslinie zu bringen. »Mich interessiert die Vergangenheit nicht, ich will jetzt und für die Zukunft eine stabile Ehe«, trotzt Bernd mir entgegen. »Du kannst nicht alle Entwicklungen zurückdrehen. Wenn ich ehrlich bin, finde ich außer Freundschaft und existenziellem Zusammenhalt keine tieferen Gefühle mehr in mir. Was ich nicht habe, kann ich nicht geben«, wage ich mich weiter auf wackliges Terrain. Das war zu viel. Jetzt verschwindet Bernd nach üblicher Manier aus meinem Blickfeld und ich gehe ins Bett, natürlich nicht ohne zuvor wie jeden Abend vergeblich versucht zu haben, gegen Joshua beim Kartenspielen zu gewinnen.
Als ich am Morgen aufstehe, hat Bernd seine Sachen gepackt und verschwindet einen halben Tag früher als nötig in seine neue Arbeitswoche. Er hat erstaunlich große Koffer vor sich und sagt: »Wir müssen dann halt bald alles regeln«, und damit ist er weg und meine Ehe wohl Geschichte. Ich fühle in mich hinein, aber aus meinem Bauch kommt keine Regung. Es scheint mir tatsächlich vollkommen egal zu sein. Mehr noch als das, ich fühle mich beschwingt, gehe ins Schlafzimmer, das nun Sockelleisten hat und damit ganz fertig ist, schiebe das Ehebett an die Wand, tausche Bernds übergroße Bettwäsche gegen eine normale und schiebe mir aus dem Flur den übrigen Schreibtisch ins Zimmer, auf dem sich meist nur Wäsche stapelt. Begeistert klatsche ich vor meinem Wäscheschrank in die Hände, denn jetzt kann ich meine Lieblingsherzbettwäsche beziehen, die nicht in Übergröße zu haben war. Ich sauge Staub, putze Fenster und hole mir einen kleinen rosafarbenen Teppich vom Dachboden, und lege ihn vor meine Bettseite. Paula kommt herein und springt dann aufs frisch bezogene Bett. Erwartungsvoll und absprungbereit schaut sie mich an, aber ich nicke ihr nur kurz zu und sie dreht sich auf den Rücken. Auch ihre Anwesenheit im Schlafgemach ist künftig erlaubt.
»Ich habe jetzt ein eigenes Zimmer«, lautet meine erste Nachricht an diesem Sonntagmorgen an Ellen, »ich glaube, meine Ehe ist zu Ende.« »Was???«, kommt es zwei Minuten später zurück, »warum das denn jetzt so plötzlich?« Tja, eine echt gute Frage ist das. Ich weiß selbst nicht genau, warum ausgerechnet gestern der Tag X war, über den ich schon so oft nachgedacht habe, aber nie den richtigen Arsch in der Hose hatte, um dem ehelichen Einerlei den Rücken zu kehren. Irritierend an der ganzen Sache war für mich immer, dass es funktioniert hat zwischen Bernd und mir. Es war natürlich nicht prickelnd, aber die Kinder und ich führten all die Jahre ein sorgenfreies Leben. Im Großen und Ganzen hatte ich das Gefühl, zufrieden sein zu müssen. Wenn Bernd dann mit seinen fünfzig Jahren anfing, über seinen vorzeitigen Ruhestand zu reden und wie viele schöne Reisen wir beide dann machen würden, wurde es mir regelmäßig mulmig. Ich wollte noch etwas erreichen in meinem Leben, eine Karriere oder ein Projekt, das mich voll und ganz befriedigte. Mein Ziel war es, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen, um dann zu sehen, was an meiner Beziehung zu Bernd echt war. »Es ist einfach so passiert«, erzähle ich etwas inhaltslos. »Bernd hat diese eine ganz bestimmte Frage gestellt, die nach dem Zustand unserer Beziehung. Der Rest war dann Eigendynamik«, sprudelt es wie von selbst aus mir heraus.
Und tatsächlich ist es auch so. Unsere Ehe war all die Jahre wie ein See, der oberflächlich betrachtet in schönem Blau in der Sonne leuchtete, auf dessen Grund allerdings einige gut verschlossene Giftgasfässer ruhten. Verdorbene Urlaube, nie zu Ende gebrachte Gespräche, Ärger oder gegenseitige Ignoranz für die Sorgen des anderen wurden einfach in ein Fass gestopft und mit den anderen versenkt. Deshalb gab es auch keine tieferen Gespräche, denn der See war sehr flach und schnell hätte man sich an einem der Fässer gestoßen. Schien die Sonne und flaute der Wind ab, lag der See so glatt da, dass man die Fässer sehen konnte. Da haben Bernd und ich dann immer schnell ein bisschen an der Oberfläche geplätschert und weg waren sie, die Probleme. Um wieder auf einen grünen Beziehungszweig zu kommen, hätten wir den explosiven Inhalt Stück für Stück kontrolliert entsorgen müssen und nun hatte Bernd einfach ganz auf die Schnelle ein Loch in eines der gefährlichsten Fässer gepiekt und der Inhalt ist uns prompt um die Ohren geflogen. Dabei starb wohl der See. Und noch während ich an diesem Sonntagmorgen mit Ellen die neuesten Entwicklungen übers Handy austausche, klopft Lukas an die Schlafzimmertür und schaut durch einen kleinen Spalt herein. Schnell öffnet er sie ganz, schaut sich um und bemerkt: »Du räumst um, ist Papa endlich ausgezogen?« Ich bewundere seinen teilnahmslosen Gesichtsausdruck, mit dem er mir diese Frage stellt und gebe zurück: »Ich glaube, es sieht ganz so aus.« »Aha, dann hast du ja endlich ein eigenes Zimmer. Gibt es schon was zu essen?«, kommentiert mein großer Sohn, der nur äußerlich Ähnlichkeit mit seinem Vater hat, den neuen Lebensabschnitt. Auch Joshua nimmt die Entwicklung des Sonntags mit völliger Gleichgültigkeit auf, während Hanna sofort die Vorteile dieses nun mannlosen Haushaltes erkennt.
»Hey Mama, dann bist du ja jetzt Single, ich freue mich schon darauf, wenn hier verschiedene Männer ein- und ausgehen. Das wird richtig toll«, jubiliert sie und scheint sich ehrlich über mein bevorstehendes, in ihren Augen offensichtlich zügelloses Liebesleben zu freuen. »Also, jetzt müssen wir erst mal sehen, wie alles weitergeht«, bremse ich diese Zukunftsvisionen fürs erste aus. Ich muss an die vielen so oft bedauerten Scheidungskinder denken und daran, dass Ellen sogar gerade an einem Buch über selbige schreibt. Sie hat sich nicht nur spirituell unglaublich weitergebildet, sondern sogar ein Fernstudium zur Psychotherapie begonnen, das jedoch aufgrund ihres turbulenten Alltags nicht so richtig Fahrt aufnimmt. Bei ihr ist alles schiefgelaufen. Ihre Kinder hatten unheimlich gelitten unter der Trennung der Eltern. Ich denke, der Grund war weniger die Angst, ihren Vater zu verlieren, als vielmehr die Tatsache, dass Hartmut alle Wut, die er auf Ellen wegen Friedemann hatte, unvermittelt und lautstark auch vor ihnen ausließ. Das Ganze spielte sich auch noch in der Weihnachtszeit ab, weshalb das Fest in diesem Jahr eine absolute Katastrophe war. Nach grausamen sechs Wochen zog Hartmut in eine eigene Wohnung, traktierte die Kinder und Ellen jedoch weiterhin damit, dass er zu jeder Tages- und Nachtzeit einfach im Haus stand und sich aufführte, als hätte seine Frau ein niemals wieder gut zu machendes Schwerverbrechen begangen. Seine eigenen kleinen und großen Liebeleien, die er sich während seiner Ehe geleistet hatte, schienen dabei offensichtlich keine Rolle zu spielen. Es folgte ein jahrelanger Kampf um Unterhalt und den Umgang mit den Kindern. Frustrierend an Ellens Situation war zusätzlich, dass Hartmut erst nach der Scheidung in einen Chemiekonzern wechselte und nun wirklich gut verdiente, sie und vor allem die Kinder davon aber nicht mehr profitieren konnten. Er überließ ihr nach unendlichen Diskussionen mit Anwälten und Mediatoren das Haus, senkte dafür aber den Unterhalt auf ein so niedriges Maß, dass es kaum für das Nötigste reichte. Erschwerend kam noch dazu, dass Hartmut nicht gut verbergen konnte, dass die bildhübsche und umgängliche Ramona sein Lieblingskind war. Deshalb dauerte es nicht lange, bis er ausschließlich noch zu ihr den Kontakt pflegte. Die Zwillinge waren bei der Trennung einfach zu klein gewesen und Konstantin, der den Charakter seines Vaters gut durchschaute, hielt Hartmut auf sehr unangenehme Weise den Spiegel vors Gesicht. Natürlich zog Hartmut mit diesem Verhalten, Ramona zu bevorzugen, nicht nur den Hass der anderen Kinder auf sich, sondern trieb auch noch einen Keil zwischen die Geschwister untereinander. Ellen war unermüdlich beschäftigt zu glätten, zu trösten und zu beschwichtigen. Niemals hatte sie weder in ihren Ehejahren noch danach vor ihren Kindern irgendein schlechtes Wort über deren Erzeuger fallen lassen. Dafür bewundere ich sie bis heute über alle maßen.
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