MÄNNERHERZEN - Wolfram Hirche - E-Book

MÄNNERHERZEN E-Book

Wolfram Hirche

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Beschreibung

»Die Männer sitzen nebeneinander und schauen raus, schauen auf Autos, Sport … Wir sollten sehr viel Mitgefühl für Männer haben, denn die verdammte Kultur lehrt sie, nicht um Hilfe zu bitten.« (Jane Fonda) Todtraurig, lächerlich, aber auch bösartig sehen sich die Männer in Wolfram Hirches "Männerherzen" im Lebenskampf, aber natürlich auch den Frauen ausgeliefert, vor denen es kein Entrinnen gibt. Egal, ob die frisch Geliebte auf "Refertilisation" besteht, der Skipper verloren geht oder Mutti kaum noch hinhört, wenn der Sohn ihr das Scheitern seiner Chirurgenkarriere beichtet. Wolfram Hirche beweist, dass dem Mann einfach nicht zu helfen ist!

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Seitenzahl: 254

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Wolfram Hirche

Männerherzen

33 Storys

Außer der Reihe 88

Wolfram Hirche

MÄNNERHERZEN

33 Storys

Außer der Reihe 88

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: September 2023

p.machinery Michael Haitel

Titelbild: Jan Van Bizar (Pixabay)

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 350 5

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 754 1

Liebeskampf

Elemente der Liebe

Alles hatte er ihr zuliebe arrangiert. Sogar Vorschuss bezahlt an den Urologen, sich zwei Tage freigenommen, unbezahlt. Die beiden Ärzte öffneten ihm, als er endlich auf der schmalen Pritsche lag, sehr sorgsam, lautlos den Hodensack und fischten den Samenstrang heraus, beide Enden, dort, wo er vor gut zwanzig Jahren durchtrennt worden war. Als er damals die Beine gespreizt hatte, als wäre er kurz vor der Entbindung, um den Arzt an sein Skrotum heranzulassen, war er wild entschlossen. Niemals, das wusste er, würde er ein Kind auf diese verrottete Erde setzen. Und seine Gefährtin, Anja damals, wusste das auch. Auch Anja bestand auf dem Eingriff. Sein Mut war männlich – vorbildlich. Es waren die Siebzigerjahre, Breschnew, NATO-Doppelbeschluss, Pershing 2, »Waldspaziergang«, man erinnert sich vage, ach, Anja!

Inzwischen war es allerdings schick, noch mit fünfundfünfzig die eigenen, frisch zu Fleisch gewordenen Gene auf den Schultern durch die Fußgängerzonen zu tragen und im Meer mit ihnen zu planschen. Der Arzt hatte den Strang dort unten gekappt, wo die beiden Fäden zusammenkamen. »Nur ein kurzer kleiner Schnipp«, hatte der Doktor ihn damals angestrahlt, und es war wirklich nichts zu spüren. Bezahlt hatte das Anja.

Jetzt aber gab es Dora D. in Göttingen, dort oben im Norden. Und sie bestand darauf, es wenigstens zu versuchen. Die Chancen, so konnte man in Frauenzeitschriften lesen, standen gut fünfzig zu fünfzig, wenn alles perfekt lief, und sie wollte doch unbedingt ein Kind. Wenn möglich, von ihm. Seine Eitelkeit blieb nicht ganz unberührt. Er buchte den Arzt: Refertilisation!

»Libowski«, grummelte der Urologe, er sprach durch ein grünes Mundtuch zu seinem Assistenten, der sich mit messerscharfem Interesse über Leons Unterleib beugte. Aufmerksamer vermutlich, als dies je eine Frau in Leons Leben getan hatte.

»Libowski, sehen Sie, Sie müssen zuerst einmal die beiden alten Enden aufnehmen. Stop, nicht das Blutgefäß!« Die Hände des Chefs glitten ebenfalls hinunter und Leon spürte einen kurzen Stich, eher ein Kitzeln. Er konnte von den beiden Marsmenschen nur ihre wässrig grünen Hauben und Kittel sehen, und dass sie intensiv zwischen seinen Beinen arbeiteten.

»Wenn Sie das haben, nähen wir dazwischen ein kleines Stück Plastik – hier, der verdammte Strang flutscht weg!«

Libowski hielt jetzt anscheinend das eine Ende mit einer Art Pinzette, der Halbgott nickte.

»Flutschen, verstehen Sie, flut–schen! Sie sollten jetzt wirklich langsam mal Deutsch lernen.«

Libowski zuckte mit den Schultern.

»Polen«, sagte der Chef zu Leon und blickte kurz auf, »gibt es jetzt wie Sand am Meer, gut ausgebildet Kräfte, intelligent und günstig im Preisvergleich. Auch die Sänger in der Oper, alles Polen. Oder Bulgaren, Russen, Rumänen. Aber die brauchen ja kaum Deutsch! Fast alles Italienisch!«

Er sah wieder hinunter.

»Erst gestern Abend, Sie hätten ihn hören sollen, den Germont, diese Stelle im zweiten Akt, piangi, piangi, ein Pole, man hätte glauben können, er ertrinkt in Tränen, verstehen Sie, dieses da–da, da–da, großartig, Libowski?«

Dabei sang der Urologe die zarte Stelle des Baritons leise nach und sah zu Libowski. Der lächelte mit den Augenwinkeln und flüsterte »Libbe, Libbe«.

Der Arzt sah unter seiner Brille hindurch auf die kleine Wunde, die jetzt offen da unten liegen musste.

»Liebe«, sagte er, »desinfizieren, geht physiologisch, Schere, durch diesen Kanal, Tupfer, und durch sonst gar nichts, Libowski. Schön, dass wir davon etwas verstehen. Ein kleiner Stich noch, Opfer wollen gebracht werden vor Gott.«

Sie fingerten zu zweit etwa fünfzehn Minuten da unten herum, Leon schaute auf die Uhr, um sich abzulenken – er konnte nicht sehen, was sie genau machten. Es gab keine Monitorbegleitung und außer der Stimme des Urologen war nichts zu hören. Er summte immer noch das »piangi, piangi, piangi« und erteilte zwischendurch knappe Anweisungen: »Halten«, »Schneiden« »Nähen«, »Traviata«, er blickte kurz zu Libowski, »schon mal gesehen?«

Und dann zu mir: »Sie müssen schon einige Probeläufe machen, bis es klappt, mein Lieber. Nicht zu oft natürlich, in Ihrem Alter, nicht zu kurz hintereinander – wir sind keine zwanzig mehr. Erst ein, zwei Wochen ansammeln lassen, damit die Menge stimmt, dann wieder bei mir melden. Kontrolle!«

Sanft und mit flinken Männerfingern schlossen sie die offene Stelle in der Mitte des Körpers, im Zentrum seines Lebens, wenn man so wollte. Die Stelle erinnerte, glatt rasiert, an den vergilbten Tabakbeutel seines Großvaters, abgegriffen und mäßig gefüllt.

»Ein kleiner Bluterguss in den kommenden Tagen sollte Sie nicht erschrecken, manche Stellen im kritischen Bereich werden bläulich. Das gibt sich ganz von selbst.«

Tatsächlich lief die ganze Partie in der Nacht derart schwarz an, dass Leon glaubte, alles sei abgestorben, Nekrose, sofortige Amputation, aber nach fünfeinhalb Tagen war es dann gut. Er bestand alle Tests tadellos. Seine Hoden arbeiteten »tipptop« und »erstklassig«. Bei einem Volumen von drei Millilitern warfen sie immerhin noch neunzig Millionen Spermien in einem einzigen »Durchgang« aus.

»Für Ihr Alter absolut akzeptabel«, und das Ganze in einen Plastikbecher vor einem großzügigen Poster mit Madonna, die er noch nicht einmal besonders scharf fand. Wie viele mussten es dann erst mit Dora werden! Er stellte sich vor, wie geschmeidig seine Spermien in sie hineingleiten würden, wie eines der neunzig Millionen den Sieg davontragen würde, etwa fünfzig Prozent, so der Arzt, seien progressiv beweglich!

Der Urologe nickte ihm zu, nahm dabei den zweiten Tausender aus Leons Hand und ließ ihn in seine Kitteltasche gleiten. Die Werte waren sehr befriedigend. Der Arzt gab es ihm schriftlich, und Leon faxte den Bericht hinauf zu Dora D., nach Göttingen. Er war fit und bereit, es konnte losgehen. Schon am nächsten Wochenende wollte er hoch fahren – auch ihr Rhythmus schien perfekt abgestimmt auf seine Produktion.

Doch dann kam diese E-Mail von ihr. Jetzt, da er wieder fruchtbar sei, so schwarz auf weiß bewiesen, spüre sie, »das stimmt nicht mehr für mich, Leon«. Er möge ihr doch noch eine Woche Zeit geben. Gab er ihr. Nach dieser Woche folgte eine zweite Botschaft.

»Um ganz ehrlich zu sein«, schrieb sie jetzt – nein, nein, es sei kein anderer Typ, das müsse er ihr einfach glauben, aber er, Leon, sei ihr jetzt einfach »zu viel Fleisch«, mit dieser ganzen Fruchtbarkeit, »früher war doch alles romantischer, um nicht zu sagen, rein seelisch, vor allem in der E-Mail-Phase«. Ob sie nicht noch ein bisschen warten könnten, mit dem nächsten Treffen, es käme doch jetzt nicht auf ein oder zwei Wochen an.

Nach zwei Wochen kam Nachricht Nummer drei. »Wir müssen auf jeden Fall in Kontakt bleiben, lieber Leon, online, das steht fest. Und das ist wesentlich geiler als dieses Tierische, Triebhafte, das die andern ständig bringen! Sehe es vor allem auch moralisch: diese plötzliche, überwältigende Samenmasse, und mein zartes, kleines Ei – wäre das nicht auch Gewalt? Und außerdem, ich komme nicht dagegen an, Lieber, es ekelt einfach total.« Und sandte ihm noch Küsse und bat um Verzeihung.

Leon dachte an sein schönes Geld, das er dem Arzt in den Kittel gedrückt hatte. Zwei Mal. Fehlinvestiert. Aber das durfte er ihr nicht schreiben, sonst wäre sie auch noch menschlich enttäuscht von ihm. Und das wollte er auf jeden Fall vermeiden.

Alte Rechnungen

Dorthin nicht. Dorthin werden wir nicht fahren, nicht wir beide, das ist ihm klar. Niedergüslberg, Schaftlding, Hammersdorf. Den Hund abholen nach einem Urlaub wie diesem. Kommt nicht infrage. Niemals den Hund aus dem Hundehotel, das ist längst klar. Sandra ist das nicht klar, es ist ihr absolut unklar, so wie sie über ihre angebliche Freude auf den Hund redet, die ganze Zeit auf dem Beifahrersitz angeschnallt und zu ihm, dem Fahrer gewandt, ihre miese, abstoßende Hundesehnsucht in einer mindestens eine Quart höheren Stimme flötend, fidelnd, man kann es nicht hier wiedergeben, es ist eine Quart-Vorfreude, ein Hundefreudeschluchzen. Rodden will, seit sie gelandet sind auf diesem nach einem politischen Verbrecher benannten Flughafen, in dieser trostlosen Mooslandschaft sicher ganz woanders hinfahren, und er wird es auch, er wird es. Hat es vorbereitet. Präzise. Hat sich vorsorglich Gauloises gekauft, Rodden, sagt sie, du rauchst, und dann, schrill: Du rauchst wieder!

Ja, ich rauche, sagt Rodden, na und. Er nimmt gleichzeitig einen starken Zug intensiv in die Lungen, stößt den Qualm aus, Sandra, ich habe lange nicht mehr geraucht, aber jetzt brauche ich diese Schwarzen. Er weiß, dass es eine entscheidende Fahrt ist, er weiß es.

Aber wieso rauchst du jetzt, der Hundchen wird es nicht mögen, alles im Auto voll Qualm und Zigarettengestank, Tabak, Teer, nachher, gleich, wenn er da ist! Hier bei uns, im Auto! Denk doch mal an ihn, den Hundi, den wir gleich holen, Rodden, kannst du es nicht lassen? Nach diesem herrlichen Urlaub! Das Meer!

Die kalte Frauenstimme aus dem schwarzen Kästchen sagt; »Nach hundert Metern biegen Sie rechts ab und dann halten Sie sich links, halten Sie sich links.« Pause, dann drängend: »Halten Sie sich links!«

Unser Zwanzigster! Aus diesem Hundedepressionshotel, aber es gab ja nichts Besseres, meinst du, sollen wir ihn holen, wenn er noch da ist, dein Hundelchen, Hundeli, nicht verreckt an Trauer und Isolationshaftfolter!

Sie müssen noch an diesen Dörfern vorbei, fahren vorbei an diesen Ortsnamen, Orten, die keine Dörfer mehr sind, die vor dreißig, vierzig Jahren noch aus zwei oder drei Häusern oder Kuhställen bestanden, Scheunen und vielleicht einem großen Hof, die sich in die Landschaft hinausfressen jetzt nach Norden, der Donau entgegen, eine Wucherung voll einheitlich weißer, gleich und regelmäßig entworfener Ein- und Zweifamiliengefängnisse, Angstbehausungen, denkt Rodden, Behausungen gegen die Angst und voller Angst, in denen jetzt Vogelkundler leben sollen, Bienenfanatiker, Insektensammler, wie man hört, Naturliebhaber neuerdings, Naturbetrüger tatsächlich, die mit allradgetriebenen Schwerfahrzeugen im Morgengrauen aufbrechen in die City, kolonnenweise zur Arbeit. Und im oder besser mit dem Abendgrauen zurückkehren aufs flache Land.

Sandra! Wer weiß, ob Hundelchen noch da ist, noch lebt. Dein Süßerle, Sandy!

Warum sollte er nicht da sein, Rodden, der süße Rüde, willst mir Angst machen, nur Angst! Ständig willst du mir nichts als Angst machen, Rodden! Du sagst, wir stürzen ab, der Pilot ist schwerst depressiv, sagst du, du hast es ihm angesehen, ein psychischer Krüppel. Du kennst einen Kumpel von ihm! Du lügst sogar, um mir Angst zu machen! Er rast gegen die Nordwand des Eiger, hast du gesagt, dann was von Terrorgefahr, du behauptest, einen Funkspruch gehört zu haben, Rodden, was soll das immer? Du machst mich ganz irre! Dabei, ehrlich bist du es selbst: Irre.

Wenn er nicht längst abgehauen ist, sage ich ja, verduftet. Hunde leben, Sandra, sie haben einen Willen! Diese Mischung aus uralten Genen und Erziehung, das macht den Willen, Sandy, beim Hund. Er hat Hirn. Er will Freiheit, ein Hund will Freiheit, braucht Freiheit. Und er kennt Freiheit! Ihre Verlockung, ihren süßen Irrtum. Jedes Lebewesen will seine Freiheit, ne komische Sache, wusstest du das?

Mein Hundi hat Seele, Rodden, er ist keine biochemische Kleinfabrik, er ist Seele, und deshalb hat er einen Willen, genau wie wir. Und was er für einen hat! Einen unbandigen!

Unbändigen, Sandra, heißt es in Deutschland, nur nicht hier unten in diesem verkackten Bayern. Rodden inhaliert jetzt tief. Aristoteles, »De Anima«, seufzt er, unsere Theorien haben sich seitdem kaum gewandelt, wir stochern im Nebel, die Kirchenväter haben ahnungslos ein bisschen daran herumgeschraubt, demnach stirbt Hundis Seele mit seinem Hundekörper, während unsere Seelen. Angeblich, naja. Das Hirn völlig unterschätzt, der alte Mazedonier, das haben sie ungeprüft übernommen, Jahrtausende, Sandra, wie kann ein so kluger Mann das Hirn unterschätzen! Aber einer schreibt vom andern ab.

Das glaubst auch nur du, Rodden, Sandra klappt das Sonnenschutzschild etwas runter, um im eingelassenen Minispiegel ihr Gesicht zu kontrollieren, die sanft durch Einspritzungen von Werner Mang am Bodensee korrigierten Falten, diese, wie sie immer sagt, »undankbaren« Haare. Hundileins Seele wird ewig bei uns sein, da kannst du Gift drauf nehmen, Rodden, absolut starkes Gift! Das stärkste Gift, das du findest!

Da muss Rodden lachen. Gift! Reden wir nicht von Gift! Übrigens hast du vergessen, dass unser Zwanzigster ist, heute, hast du das schon vergessen, Sandra, das müssen wir feiern, das wird auch gefeiert, unser Zwanzigster, er nahm einen Zug und ließ den Qualm ganz langsam entweichen, langsam und in vielen kleinen Kringeln, während er liest »Tittenkofen«. Noch drei Kilometer bis Tittenkofen, sagt er, fünf nach Mintraching, was haben die hier für Namen, was ist das hier für ein schönes, fantasiereiches Sau-Land! Ich habe, Sandra, den Perignon, die wunderbare Flasche Dom Perignon im Kofferraum.

»Biegen Sie rechts ab, dann bleiben Sie links. Bleiben Sie links!« Drängt die kalte Frauenstimme.

Todestag, sagt sie nach einigen Minuten, in denen sie wieder anderthalb Kilometer über dieses flache, nach uralter Kuhflade und überquellendem Odel, brauner Gülle riechende Land gerollt sind, mein Einundzwanzigster, Rodden, nicht der Zwanzigste, du musst den ersten mitzählen, Todestag! Roddi, Ehetag ist Todestag!

Meinst du, ja. Das meinst du immer, schon lange meinst du das, Sandra, dabei …

Sie fahren unabweisbar auf Tittenkofen zu, auf Mintraching zu, vorbei an Oberstoging, Grucking, Bockhorn.

Er lacht, Rodden, prustet lachend, keuchend den Rauch aus, Todestag, hast du das gesagt, ganz die Ruhe, wenn ich dich nicht so liebte, Sandra, aber ich weiß ja, wie du bist. Das ist das Problem, dass ich dich so liebe, so wie du bist. So abhängig von dir, als wäre ich dein kleines Mausekind, das weißt du.

Sie schweigen eine Weile. Autofahren, denkt Rodden, ist ureigentlich Schweigefahren. Ein Mann denkt ständig an Sex, hat er gelesen, alle zweiundfünfzig Sekunden im Schnitt an Sex. Oder an Essen, würde Rodden korrigieren, ich, würde er sagen, denke mehr ans Essen. Alle dreißig Sekunden. Es ist auch im Auto zum Reden nicht schlecht, man kann sich nicht in die Augen schauen, manche mögen das ja, augenlos reden. Wozu Augen! Wozu sich anschauen, immer diese dogmatische Anschauerei! Man weiß doch längst, wie man aussieht. Im Auto spricht sich’s am besten, gerade weil man sich nicht anschaut. Ein Dorf rechter Hand, ein Spitzkirchturm, schau mal, hier haben sie keine Zwiebeltürme, nein, hier hatten sie kein Geld für Zwiebeln.

Warum brauchst du immer diese billigen materiellen Erklärungen, Rodden, dieser billige Vulgärmaterialismus! Du bist so ein verdammter seelenloser Billigheimer! Mein Hundelchen, der ist ganz anders, ich freue mich so auf den kleinen, süßen Seelenkerl. Er, er ist mein Seelenkerl, weißt du das?

Schaftlding, liest er leise, wir sind goldrichtig hier, Sandra. Dieses grauenhafte Land hier! Dieser Köter, sagte er, wird dich bald wieder bespringen, Grucking, schau! Dieser Hund, den du verzogen hast von Anfang an, der mit dir macht, was er will, ja, der dich nur andauernd bespringen will! Deshalb liebst du ihn.

Ich verbiete dir, das zu sagen, was redest du überhaupt, Rodden, Scheusal, ich hasse dich, ich habe dich schon lange gehasst! Aber du wirst es bereuen, du wirst es noch tierisch bereuen! Sie schluchzt in sich hinein, sie hat Angst vor Rodden, vor seinen Ausbrüchen, seiner »Tobsucht«, wie sie sagt, wenn sie erst wieder zu Hause sind.

Er grunzt, drückt die Gauloise aus am Navi, musst ruhig bleiben, Rodden, nur nicht das Steuer verreißen jetzt, kurz vor dem Ziel, kurz vor Taufkirchen; es ist doch alles vorbereitet, der alte Freund, der Psychiatrie-Chefarzt in Taufkirchen, Max, ein Kumpel aus alter Studentenzeit, alles in bester Ordnung nach Recht und Gesetz präpariert! Und doch: Immer besteht die Gefahr, das Steuer plötzlich zu verreißen, sich in einem Traum, einem tieferen Gedanken zu verhaken im unteren Filz und Wurzelbereich der Gefühle und, abrupt herausgerissen durch ein Geräusch oder etwas Visuelles aus der äußeren Realität, aus der andauernden Mahlzeit inneren Versunkenseins, das dieses Autofahren ja darstellt, entrissen zu werden und das Steuer um zwei bis drei Grad nach rechts zu verreißen bei hoher Geschwindigkeit, nach links und mit den Rädern im Moos zu enden, oder im Moor, wer weiß, was da drunter ist, wenn man abkommt, unter der dünnen Schicht von losem Schotter oder Gras! Gülle sicherlich, stinkender, schmatzender Morast, in diesem, ach was. Land! Bei diesen bayerischen Charakteren. Diese glibberige Schicht von Kultur.

Max kannte mit Patienten kein Pardon. Hat es ihm selbst erzählt. Er ließ sie anbinden oder medikamentös sistieren, Risperidon, sobald es irgendeinen Ärger gab. Die wollten ja ständig raus, schrien, belasteten das Personal Tag und Nacht, waren dement und hätten Aufsicht gebraucht, Pflege. Sie liefen dem Mond entgegen, dem Venusstern hinterher, wollten zum Flughafen! Sprangen in den nahen Bach. Den Hang hinunter mit nassem Gras, glitschig und weich und in den Fluss hinein.

Und Max hatte die Deckung des Richters, immer. Das Amtsgericht Ebersberg, da gab es keinen Ärger, alles lief rund und abgestimmt. Ein Rädchen griff ins andere. An diesem brutalen Gericht in Ebersberg, dunkelstes Bayernland, wurde nie lange gefackelt. Antrag aus Taufkirchen? – Durchgewunken, legal, absolut!

Im Tomtom-Navi hat er »Taufkirchen« eingespeist, Taufkirchen an der Ilz, die Adresse der Klinik, finsterstes Hinterland, ich gehe auf die sechzig zu, sagt er, und du auf die fünfzig, Sandra, wir können noch ein paar schöne Jahre haben, jeder von uns, dann ist Schluss, und du wirst, das ist Statistik, danach noch lange ohne mich leben und das Hundelchen wird dann auch schon tot sein, nach menschlichem Ermessen ist das alles klug und gut so, und du hast dann ein neues Hundelchen und ein neues Mannelchen. Was sollen wir uns heute noch groß aufregen. Muss nur noch kurz mal bei Max vorbeischauen.

In der Klinik wartete Max, der alte Freund aus den Zeiten der Rebellion auf ihn. Dieser lachhaften, lächerlichsten aller Rebellionen! Strammer Stalinist, entflammter Gegner der sogenannten Trotzkisten damals, Chef der K-Gruppe Süddeutschland zusammen mit Horlemann. Heute ist Max Professor Max Koscinski, wir sind angemeldet bei Professor Koscinski – ach jaja, kommen Sie herein, der Professor erwartet Sie schon und so weiter, Rodden kann sich vorstellen, was abläuft, hat alles telefonisch und per E-Mail abgeklärt, alles en detail! Meint er, denkt er. Koscinskis Laufbahn war glatt verlaufen, übers Max-Planck nach fünf Jahren, beste Empfehlungen, direkt hinaus in die Klinik Taufkirchen, Psychiatrie, dreihundert Betten, eine kleine, aber tadellos pulsierende, streng geschlossene Abteilung. Alles glänzte neu, alles stand auf Zack – wie er es immer schon gehalten hatte, straff vertikal organisiert, keine Sperenzchen bei Stalin-Koscinski. Wer anderer Meinung war, wurde kaltgestellt, ausgeschlossen, wurde sozial liquidiert. Die Rädchen liefen gut geölt ineinander – Antrag, professorales Gutachten, Gericht, Einweisung, Sandra! Aber ich bitte dich, hatte Max am Handy gesagt, als er ihn von Lagos an der Algarve aus anrief, von diesem Strand, wie hieß er, Donna Anna, ja, während Sandra unter Wasser lag. Großartiger Strand. Felsalgarve, Höhlen, Buchten, wuchtige Wellen. Paranoide Schizophrenie. Du hast noch einen gut bei mir, Luis Rodden, wir nehmen sie in Obhut, Haus 8, solange du das brauchst, deine schöne Sandy! Das wird sie beruhigen – ist mir klar, dass du das brauchst, Luis! Und dass es sie so schwer erwischt hat, bedauerlich, wer hätte das gedacht! Auch nicht einfach für dich, nicht einfach. Ja, kommt bei mir vorbei, ihr beiden, nach Taufkirchen, ich freue mich!

Wie er so reden könne, Rodden, so negativ! Nach diesem Urlaub. Diesem herrlichen Schnorchelurlaub, meint Sandra. Das sei wieder typisch, dieses Negative! Sie will nur zu ihrem kleinen Prinzi, von etwas anderem könnte sie jetzt gar nicht sprechen, der Kleine, Süßerle, Lieberle würde sie sicher schon schwer vermissen, er würde an nichts anderes denken als an sie, die ihn allein gelassen hat in dieser Pension. Sicher war das die teuerste und beste Hundepension der ganzen Gegend. Viermal freier Auslauf pro Tag, Spielstunde, Apportieren, Medikamente und so weiter, aber dennoch gewissenlos, ein Verbrechen. Prinzi werde es ihnen nie verzeihen. Es ist sooo schrecklich, Rodden, was wir gemacht haben, ihn so zu verlassen, nur um ein bisschen zu schnorcheln, wieso konntest du es zulassen?

Er wird, sagt Rodden, mag sein, vielleicht ein paar Tage kürzer leben deswegen, das kann ich mir schon gut vorstellen, das geht ihm auf die Leber, die Nieren. Stundenlanges Heulen, Jaulen, ja, das geht ihm ab vom Leben, am Ende.

Du bist so herzlos, Rodden, ein so seelenloser Egomane! Sie könne nicht an ihr fernes Gesamtleben jetzt denken, ans Altwerden, Sterben, ständig bringe er diese grauenhaften Gedanken auf den Tisch; permanent mache er ihr diese Angst! Ständig würde er sich als der Philosoph aufführen. Selbst als sie oben am Cabo San Vincente standen, aufs blanke, eisigzarte Meer hinunterschauend, fing er mit dem Tod an. Sandra weiß plötzlich wieder haargenau, wo er abbiegen muss, um in dieses »Haus Dogparadiso« zu gelangen, es kann nicht mehr weit sein. Göttersbach, ruft sie plötzlich, hier Rodden, hier musst du links! Verdammt Rodden, du zerstreuter alter Esel, hier links!

Aber Rodden bleibt ganz ruhig. Damit hat er gerechnet. Wir fahren doch immer über Taufkirchen, Sandrachen, Kind, erinnerst du dich nicht? Es ist zwar etwas weiter, aber dafür schneller! Breiter! Das Navi sagt geradeaus, hast du gehört. Nach achtzig Metern geradeaus, der Tomtom irrt sich nicht.

Rodden weiß, dass es nach links gegangen wäre zum Hundehotel. Sie weiß es auch. Sie lässt es laufen, hofft auf letzten Trumpf. Sie scheint zwar meist zu schlafen, aber das weiß sie genau. Wenn er sie Kind nannte, das warnte sie, da ist etwas, sie weiß es ja sehr genau. Wie es zu Prinzi ginge! Sie fahren nach dem Urlaub in Portugal jetzt vom Verbrecherflughafen im Moos direkt zu der Pension, in der dieser Hund zwei Wochen untergebracht war, während sie an den Stränden der Westalgarve geschnorchelt hatte. Sandra hatte allein geschnorchelt. Rodden hatte sich Bücher über den Dreißigjährigen Krieg mitgenommen an die Strände, dieser deutsch-europäische Wahnsinn, der nach seiner Meinung alle künftigen Katastrophen im Keim in sich trug, eine typisch deutsche Todesmeisterleistung, ein Grundsatzirrsinn, der vom Schwedentrunk, bei dem die bayerischen Bauern und Bürger ihren eigenen Güllesud oral eingeflößt bekamen, direkt in den Zweiten Weltkrieg führte! Hier oben in Taufkirchen Gülle getrunken! In Ebersberg Gülle, in München Gülle gesoffen, heiliger Schwedentrunk! Sie stammen alle von Gülletrinkern ab hier, und das merkt man! Aber nach links konnte er jetzt nicht abbiegen, er wurde in der Klinik erwartet. Göttersbach oder Götzenbach ist vorbei, die Hundepension passé, das gemeinsame Leben mit Prinz, dem sensiblen Dalmatinerrüden und Sandra war in diesem Augenblick beendet, als er an der Abbiegung Göttenbach vorbeirauschte, eine neue Zigarette, neue Gauloise anzündend.

Sandra scheint zu schlafen. Er bevorzugte große Sonnenschirme, am Meer einen kleinen Klappstuhl und eine gute Bar in Reichweite, mit Campari, Toast, Eiskaffee, sie ließ sich die Schulter von ihm ölen und war danach stundenlang nicht zu sehen, ging subaqual. Kam kurz noch mal raus an den Strand, ließ sich erneut einölen und verschwand wieder in den Wellen, Sandra Müller, fünfzig, man würde es ihr nicht zutrauen, es war vollkommen unglaublich, konnte die Luft fünf Minuten anhalten unter Wasser!

Hammersdorf kreischt sie, da wär’s auch noch gegangen, da, letzte Chance!

Weiß ich doch, Kindchen, grunzte er, letzte Ausfahrt Hammersdorf. Erinnerst du dich eigentlich noch an Max, meinen alten Kumpel aus Studentenzeiten?

Ist das dieser Arzt? Sie wirkt unschuldig, ahnungslos. Das hätte er eigentlich merken können. Aber Rodden war sich so sicher, so glücklich sicher!

Dann wieder: »Biegen Sie rechts ab, dann in den Kreisverkehr. Dann bleiben Sie rechts! Bleiben Sie rechts!«

Das ganze Leben war eigentlich unglaubwürdig, total! Echt krass, endgeil, wie Rodden seine Schüler reden hörte, in drei Tagen ginge es zurück ins Schulhaus! Und bis dahin musste alles klar sein. Mit Sandy, endgeil!

Ja, ich möchte ihn kurz besuchen. Er wollte einen Ordner von mir – von damals!

Aber Prinzi! – Sie seufzte es, schien nachzugeben, im Sitz zu versinken. Aber natürlich, ganz weiblich hatte auch sie längst mit dem Psychiater telefoniert, hatte mit ihm besprochen, wie er Luis Rodden »beruhigen«, wie er ihn »bei sich behalten« konnte. Irgendeine alte Rechnung mit ihm begleichen! Sie hatten ja jede Menge alter Rechnungen offen, diese Rebellen von damals.

Es dauert nur fünf Minuten, Sandra, ich komme doch sonst nie hierher. Taufkirchen, was für eine Katastrophe, hier draußen zu landen! Ein derart akademischer Überflieger wie Max, und dann hier draußen für den Rest des Lebens zu vegetieren, an der Ilz, er blies den Rauch gegen die Frontscheibe, Ilz, Sandra, Moos, Filz, Gestank! Weißt du eigentlich, dass Max – er ist ja älter als ich – noch an Kambodscha glaubte, an Pol Pot, jedenfalls im Prinzip, wie er immer sagte, denn es sei klar, dass sich die herrschende Klasse immer an ihre Privilegien klammern würde, auch bei uns. Man müsse sie nun mal eliminieren, da gebe es keine Wahl in einer echten Revolution. Dieser Schwachkopf!

Rodden schweigt wieder einige Minuten, den Hund holen nach so einem Urlaub und dann weitermachen, immer so weiter, das ist undenkbar, Hattenkofen, Fraunberg, Auerfing, unfassbar, nur nicht verreißen! Das Steuer!

Und dann gleiten sie endlich über die Asphaltschleife rund um Blumenbeete, Petunien, Geranien, Stiefmütterchen, umbrafarbene, dreigeschossige Gebäude, die sich wohl dreißig bis vierzig Meter hinziehen, Fenster mit richtigen hölzernen Fensterkreuzen und – im ersten Stock vergittert, Rodden sieht das sofort, beruhigend, das ist wichtig, schwere Eisengitter. Sie gehen zu zweit über den Parkplatz, natürlich komme ich mit zu Max, hatte sie gesagt, das hatte Rodden doch überrascht, denn das konnte noch eine Hürde sein, dass sie nicht mitkäme, dass er, um sie in das Haus 8 hinein zu locken irgendeinen Trick brauchte, eine List, die er noch nicht parat hatte, nein, sie komme gerne mit, selbstverständlich, zeigt dunkelbraun von Salz, Meer und Sonne gefärbtes Dekolleté und Arme. Sie läuten kurz, dann kommt Max, im hellblauen Anzug, dunkelblau gemusterte Krawatte, vom Alkohol leicht aufgeschwemmtes Gesicht, Knollennase.

Ich freue mich irrsinnig, dass ihr da seid!

Und sie lachen und gehen hinauf zu ihm und zu ihm hinein, beide ihres Sieges so absolut sicher.

Warum lieben sie uns nicht?

Spät am Tag in der Mitte des Sommers, ein Tag im Juli, die Mücken tief im Park, keine Schwalbe am Himmel, die Taxifahrer hupen nervös, Radfahrer queren bei Rot die Straßen, Mütter retten ihre Brut; eine Gewitterfront nähert sich von Westen, Schwüle in den Straßen. Das Jahr schon alt und klebrig von Erinnerungen. Man wartete ungeduldig. Die Seen auf Badeenten, auf rosa Krokodile, die aufgeblasen lagen und herunterschauten durch schwarz lackierte Balkongeländer, erwartungsvoll. Die wahre Hitze will nicht durchbrechen in diesem Sommer.

Der Unfall wird vom Café aus beobachtet wie ein Film. Jemand wird aus verschmiertem Polster und Blechverstauchung herausgezogen, eine Frau vermutlich, verklebt das lange Haar, auf eine Bahre gezerrt, verbunden, analgetisch versorgt, ein Wimmern, dennoch ein hohes Wimmern die ganze Zeit über, verdirbt dem Café das Geschäft, ein Tier, denke ich, das kann nur ein verwundetes Tier aushalten, diesen offenkundigen Schmerz, eine Münze fällt zu Boden. Es hört nicht auf, ein durchdringendes Wimmern von dort vorne, das Publikum nippt an Campari und Aperol Spritz mit Eis.

Die Kellnerin bückt sich geschmeidig wie ein junger Salamander nach der Münze, zeigt einen Streifen Haut zwischen Jeans und Shirt. Der Beruf des Architekten, sagt der Freund, habe ihm nichts als Finanzruinen hinterlassen: nach vierzig Jahren! Tatsächlich mehr als einen Streifen. Ein Stück vertikale Rille fängt den Blick des Betrachters für einen Moment. Ist Mode heute, meint der Freund. Mehrere Bankkonten alle fünfstellig im Minus, sagt er, wir gehen die Getränkekarte rauf und runter. Radler surren vorbei, der See ist nahe, keine Schwalbe am Himmel, nur die Mauersegler wieder, für kurze Zeit aus Afrika zurück, hier zu Hause oder dort, pfeifen um die höheren Häuser. Das alles, wollen wir das alles verlassen, sehr bald zurücklassen, Anton, alter Freund, und für immer? Er wirkt so gebrechlich! Seine Hand zittert, wenn er das Glas hebt, er verschüttet.

Habe mir, sagt er unvermittelt, während wir noch die verkeilten Blechteile von Weitem betrachten und diese geschmeidige Kellnerin, noch was Jüngeres zulegen müssen, aus meinem Büro, Anja, kennst du nicht. Wie, was Schönes, Jüngeres – er, der kaum zehn Meter weit sehen kann, mir eben noch was vom Grünen Star und finalem kardiovaskulärem Desaster erzählt hat, und dieses komplizierte Gerät im Ohr trägt, um überhaupt etwas hören zu können, er sollte tatsächlich, wie soll ich sagen, hypophysisch, skrotal, testosteronal noch derart aktiv sein, hast du ein Foto von ihr? Auf dem Handy, natürlich! Aber jetzt findet er’s nicht, ist klar, es muss alles streng geheim bleiben, du verstehst, sagt er, Dara würde sterben, wenn sie’s erfährt – ihr gehört doch mein halbes Büro, mein halbes Haus, wir arbeiten doch eng zusammen. Wir lieben uns doch, Jahrzehnte, Dara und ich! Dara kennt Anja, natürlich kennt sie Anja, sie vertraut Anja, dieser jungen Kollegin zu zweihundert Prozent, da passt kein Kleeblatt dazwischen, zwischen diese beiden, sie würde krank werden, alles hinwerfen, das ginge nicht, um Gottes willen, du willst es doch nicht meiner Frau, Dara, erzählen, Will, du verstehst doch, das geht nicht!

Wieder das Wimmern von der Bahre. Wenn sie nur diese Frau endlich wegschaffen könnten! Wie von einem alten, schwer verletzten großen Tier, es hört nicht auf! Die Mauersegler, sage ich, bleiben nicht lange. Schau, sie machen ganz kurz einen Riesenwirbel, einige Wochen nur spielen sie hier Sommer und verlassen uns schon Anfang August wieder. Aber wieso bleiben sie denn nicht bei uns, Will, jammert Anton ganz plötzlich, wieso fliehen sie denn schon nach zehn oder zwölf Wochen wieder nach Afrika und sterben unterwegs und verhungern oder versinken entkräftet im Meer, Will, wieso können wir das nicht ändern! Sie müssen länger bleiben, Will, viel, viel länger. Bitte! Warum lieben sie uns nicht? Er wirkt völlig erschüttert mit einem Mal. Wir müssen das verhindern, Will! Du, du musst es verhindern! Du kannst das! Mein alter Freund schreit jetzt fast, aber das macht nichts, es stört niemanden, weil der unglaubliche Lärm der Autos, das aufbrausende Geschrei der jungen Menschen im Café und um uns herum, ohnehin die Ohren betäubt.

Wir zahlen die Drinks, und als eine Zweieuromünze unter den Tisch rollt, bückt sich die Kellnerin erneut, genau wie vorhin, salamanderhaft –

Er beugt sich zu mir herüber, ganz nahe an mein rechtes Ohr, der Freund.

Ich bin jetzt drei Tage mit ihr in den Bergen, schreit er, Defreggental, schreit er, ab morgen, kennst du sicher. Eine Pension in Huben, völlig abgelegen, mit Anja natürlich, klaro, nur dass du mich nicht zu Hause anrufst, sagt er, bei Dara, nicht bei mir anrufen, Festnetz verstehst du, Will, sagt er. Drei Tage! Kein Festnetz! Jaja, schon gut, sage ich. Nicht schon gut, sagt er, ich bin doch mit dir in den Bergen, es ist schlecht, wenn du mich anrufst, sehr schlecht, hast du das endlich?