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Robert lebt in London, er ist jung und attraktiv. Partys und anonymer Sex sind für ihn eine Selbstverständlichkeit. Dagegen konnte Michael, ein Soldat der Luftwaffe, in den 50er Jahren seine Sexualität nur versteckt ausleben. In Form von Michaels Tagebuch und Roberts Internet-Blog verwebt Rupert Smith zwei Biografien, zwei Generationen, die einander in vielerlei Hinsicht näher sind, als man zunächst glaubt. Männerspiele ist eine lustige, erotische und bewegende Geschichte über Freundschaft und Sehnsucht sowie darüber, was sich über die Jahre verändert - und was nicht.
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Seitenzahl: 427
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Titel
Widmung
01
Eins
02
Zwei
03
Drei
04
Vier
05
Fünf
06
Sechs
07
Sieben
08
Acht
09
Neun
10
Zehn
11
Danksagung
Impressum
Über den Autor
Rupert Smith
MÄNNERSPIELE
Aus dem Englischen von Andreas Diesel
Für Marcus und
in memoriam Tim Clark
01
Eigentlich hätte Jonathan heute Morgen um neun Uhr hier sein sollen, aber er taucht erst gegen elf auf und erzählt was von seinem Yogalehrer, mit dem er gestern Abend unterwegs war – sie hätten sich in Soho betrunken und seien schließlich bei dem Yogalehrer daheim gelandet, wo Jonathan die Nacht verbracht habe. Jetzt will er nicht so recht mit der Sprache rausrücken, was – falls überhaupt etwas – dort passiert ist. Ich habe ja schon immer gesagt, dass er sich nur deshalb für Yoga interessiert, weil er dabei lernen kann, wie man über einen längeren Zeitraum die Beine in die Luft streckt.
Als Jonathan endlich eintrudelt, habe ich schon angefangen, den Möbelwagen zu beladen. Ich fahre mit dem Aufzug rauf und runter und mache mir den Rücken kaputt, aber beim dritten oder vierten Mal merke ich, dass die Aktion so etwas wie eine zusätzliche Stunde im Fitness-studio ist: Quadrizeps, Pobacken, Waden und Beugemuskeln werden ziemlich gefordert und außerdem verbrenne ich dabei jede Menge Kalorien – gar nicht mal so schlecht angesichts der Tatsache, dass ich gestern Pizza zum Abendessen hatte. Ich habe zwar nur den Belag aus Käse, Peperoni und Champignons gegessen und den Rest weggeworfen, aber ich bin mir sicher, dass ich aus Versehen doch ein wenig vom Teig abbekommen und damit die wichtigste Regel überhaupt gebrochen habe: keine Kohlenhydrate nach 17 Uhr. Deshalb nehme ich nun die Treppe statt des Aufzugs; so dauert es zwar ungleich länger als geplant – vor allem weil ich alles alleine machen muss –, aber nach der ungefähr zehnten Tour zeigt das Foto von meinen Bauchmuskeln auf meinem Handy: Sie sehen gut definiert aus. Als Jonathan dann auftaucht, bin ich also gar nicht mehr sauer auf ihn, sondern sogar ziemlich gut gelaunt.
Jonathan ist mir ohnehin keine besonders große Hilfe, weil er, wie er sagt, »nicht so der Typ fürs Kistenschleppen« ist, aber immerhin kriegen wir alles in den Wagen. Im Großen und Ganzen handelt es sich um Klamotten in schwarzen Müllsäcken, ein paar Bücher, den Fernseher, Kisten mit Kram aus der Küche (einschließlich Lebensmitteln), meine Hanteln, ein paar Teppiche, Kissen und Bettzeug. An Möbeln besitze ich nur den Stuhl von Eames, den Couchtisch von Philippe Starck, den Computerschreibtisch und den grandiosen ergonomischen Stuhl, wegen dem ich Rückenprobleme habe. Der Rest ist Eigentum des Vermieters. Jonathan meint, dass ich den Eames-Stuhl und den Couchtisch von Philippe Starck auch auf den Sperrmüll werfen könne, weil sie total altmodisch seien und ich mir lieber die Sachen besorgen solle, die er in Elle Decoration gesehen hat. Ich entgegne, dass ihm wohl nicht bewusst sei, wie viel eine neue Wohnung koste, und dass ich es mir nicht leisten könne, Möbel wegzuwerfen, die völlig in Ordnung seien. Ich müsse die Sachen ja nicht gleich wegwerfen, blafft Jonathan zurück, er könne ja auch nie etwas wegwerfen, aber trotzdem bräuchte ich eine neue Einrichtung, und dabei solle ich am besten von Grund auf neu starten. Ich sage, dass er bloß mit mir shoppen gehen und Zeug kaufen wolle, das er sich selbst nicht leisten könne, und er sagt, dass das gar nicht stimme, er könne sich alles kaufen, was er wolle, und ich sage: »Schon, aber nur auf Kredit, den du nie zurückzahlst.« Als wir endlich mit dem Möbelwagen losfahren, reden wir kein Wort mehr miteinander. Das ist nichts Neues. In all den Jahren, die er mein bester Freund ist, haben Jonathan und ich uns schon so oft zerstritten, dass es für uns nur noch Routine ist.
In der neuen Wohnung muss Jonathan allerdings das Schweigen brechen, damit er mir aufzählen kann, was mit der Wohnung alles nicht stimmt. Das Gebäude sei falsch ausgerichtet, weshalb das Feng Shui anscheinend aus der Harmonie geraten sei – und ich hätte gedacht, das Thema sei für ihn durch, seit er letztes Jahr mit diesem Feng-Shui-Astrologen Schluss gemacht und seither nur noch von »Feng-Scheiß« gesprochen hat. Nachdem wir den Wagen geparkt und die erste Ladung die Treppe raufgebracht haben, beschwert er sich über den fehlenden Aufzug. Ich kläre ihn auf, dass diese Wohnsiedlung aus der Nachkriegszeit stammt und es damals noch keine Aufzüge gab, weil es den Leuten nichts ausmachte, auch mal ein paar Treppen zu gehen; meine Wohnung liegt ja schließlich gerade mal im dritten Stock. Die roten Ziegel gefallen ihm ebenso wenig wie die Außentreppe, die an der Hausfassade entlang verläuft, und als er im zweiten Stock ein paar Pflanzenkübel und Blumenkästen mit Primeln, Krokussen und Geranien erblickt, sieht er so aus, als würde er gleich vor Ekel in Ohnmacht fallen. Sobald ich den Schlüssel umgedreht habe, geht er als Erster hinein; während ich noch mit den Kisten und Beuteln kämpfe, schaut er sich um, als wäre es seine Wohnung, und macht wenig hilfreiche Kommentare à la »da ist aber nicht viel Stellfläche« und »nicht gerade sehr hell in diesem Zimmer«. Ich tröste mich mit dem Wissen, dass Jonathan nie eine eigene Wohnung besitzen wird und in einer Sozialwohnung lebt, die man ihm jederzeit wieder wegnehmen kann, wenn herauskommt, dass er sie unter falschen Voraussetzungen erhalten hat. Er hat nämlich behauptet, in seiner letzten Wohnung unter schwulenfeindlichen Schikanen gelitten zu haben. In Wirklichkeit sah das so aus, dass die alte Dame eine Etage tiefer ihm »so komische Blicke zuwarf«, aber er machte so einen Aufstand, dass sie ihn woanders unterbrachten, nur damit er Ruhe gab, was ich gut nachvollziehen kann.
Rund zehn Touren später haben wir mein Zeug in der Wohnung, wobei mir nicht klar ist, was Jonathan eigentlich die ganze Zeit gemacht hat, denn alles, was jetzt mitten im Wohnzimmer steht, scheine ich allein getragen zu haben. Jonathan sagt, dass er sich eher in einer Ratgeberrolle sähe und sich um die Gestaltung kümmern wolle – wenn das ungefähr den Tipps entspricht, die er mir immer beim Klamottenkauf gibt, heißt das, dass die Wohnung demnächst wie ein Puff aussieht.
Als ich den Möbelwagen zurückgebracht und Tee gekocht habe, ist es schon fast sechs Uhr, und Jonathan wird allmählich zappelig wegen Star Search, das um sieben anfängt. Jonathan geht samstagabends nicht mehr aus – wie er behauptet, wegen der ganzen Trottel, die die Stadt am Wochenende bevölkern; aber ich weiß, dass er in Wirklichkeit bloß daheimbleiben und Star Search schauen will. Wenn ich ihn um diese Zeit anrufe, geht er nicht ran, und es gibt nur zwei Gründe, warum Jonathan nicht ans Telefon geht. Der andere ist Sex.
Um halb sieben will er aufbrechen, damit er noch rechtzeitig nach Hause kommt, doch ich sage ihm, dass ich in einer Kühltasche eine Flasche Champagner habe, weil ich mit ihm auf die neue Wohnung anstoßen möchte. Er sieht mich eine Zeit lang an, als würde er etwas abwägen, und sagt dann, dass er hierbliebe, wenn ich den Fernseher anschlösse. Also stelle ich die Glotze auf einen Umzugskarton und lasse den Korken knallen, als Star Search gerade anfängt. Jonathan wirft mir einen erbosten Blick zu und bedeutet mir, still zu sein, weil er sich nicht auf zwei Dinge gleichzeitig konzentrieren kann. Also trinken wir den Schampus schweigend und schauen Star Search. Jonathan ist völlig hin und weg wegen dieses Typen namens Lukas, den er für niedlich, begabt und seinen idealen Lebenspartner hält – vor allem deshalb, weil er zu Jonathans momentanen farblichen Vorlieben aus Schokobraun und Olivgrün passt. Lukas hat dunkelbraunes, lockiges Haar und olivfarbene Haut und ist auf eine Weise niedlich, wie zurückgebliebene Kinder manchmal niedlich sind. Lukas singt eine echt schreckliche Version von Wind Beneath My Wings und irgendwas Scheußliches aus einem Musical von Stephen Sondheim, und als ich eine dahin gehende Bemerkung mache, sagt Jonathan, ich solle den Mund halten. Ich ertappe ihn sogar dabei, wie er ein paar Tränen vergießt, als Lukas sich eine schlechte Bewertung von der Jury einhandelt, und dann fragt er mich, ob er mal mein Telefon benutzen könne. Er ruft ungefähr zehnmal an, um für Lukas zu stimmen, was bei einer Gebühr von einem Pfund pro Anruf ein ziemlich teurer Spaß ist.
Ich sage Jonathan, er solle seine Zeit nicht damit verschwenden, irgendwelche Kerle im Fernsehen anzuschmachten, sondern lieber losziehen und einen echten Typ kennenlernen. Darauf gibt er sich geheimnisvoll und meint, er habe jede Menge Eisen im Feuer, und überhaupt, was wisse ich schon darüber. Ich hätte seit Weihnachten keinen Freund mehr gehabt. Das stimmt, aber da wir gerade mal März haben, ist das auch nicht so krass, und ich sage Jonathan, dass mir das Singledasein für den Augenblick gut gefiele, woraufhin er mich ansieht, als müsse er gleich den Notarzt rufen.
Als Star Search vorbei ist, wollen wir noch etwas trinken, und Jonathan meint, in irgendeiner Kiste sei noch eine Flasche Wodka. Ich weiß nicht, wie er das herausgefunden haben will, wenn man bedenkt, dass er keiner der Kisten zu nahe gekommen ist, als sie von A nach B transportiert wurden. Ich habe nichts zum Mixen da, also macht er den Vorschlag, Musik rauszusuchen, während ich im Laden an der Ecke Tonic und Zitronen besorgen gehe, damit wir so richtig Party machen können. Ich lasse ihn an seinem iPod herumfummeln, auf dem er rund 20 000 Club-Tracks gespeichert hat, die sich alle exakt gleich anhören, obwohl Jonathan Stunden damit zubringt, verschiedene Playlists zu erstellen, und davon überzeugt ist, er würde einen echt tollen DJ abgeben.
Ich bin froh, kurz aus der Wohnung rauszukommen, obwohl ich gerade erst eingezogen bin. Direkt auf der anderen Straßenseite ist ein Laden mit der Aufschrift 24 STUNDEN GEÖFFNET – eine gute Nachricht. Ich sollte mich gleich vorstellen, da ich für den Rest meines Lebens jeden Tag dort einkaufen werde. Es ist noch nie meine Stärke gewesen, meine Mahlzeiten zu planen, aber solange sie Reis für die Mikrowelle, ein wenig Salat und Kräutertee im Angebot haben, kann ich meinen restlichen Bedarf mit Proteinshakes decken.
Als ich gerade wieder die Treppe raufgehen will, fährt ein Krankenwagen mit Blaulicht vor, was ein schlechtes Omen für meinen ersten Abend zu sein scheint. Einen Moment lang frage ich mich, ob Jonathan wieder einen seiner getürkten Anrufe gemacht hat wie damals, als er auf einen Feuerwehrmann scharf war und meinte, wenn er die 112 ruft, kommt sein Traumprinz und ›rettet‹ ihn. Die beiden Sanitäter gehen aber zu einer Wohnung im zweiten Stock.
Als ich zurück bin, wirkt Jonathan ziemlich selbstzufrieden und verkündet, er habe mir zur Einweihung ein Geschenk gekauft – ich solle mal raten, was es ist. Heute Vormittag hatte er nichts dabei, weshalb ich inständig hoffe, dass er sich nicht wieder so ein ›witziges‹ Geschenk ausgedacht hat wie damals das Abo vom Wachturm, aus dem ich nicht mehr herauskam, weshalb wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit die neueste Ausgabe an meine alte Adresse geschickt wird. Ich bedanke mich, weil ich selbst Menschen wie Jonathan gegenüber höflich sein will, und frage ihn, was es sei. Er sagt, ich müsse raten, und nachdem ich ein paar Sachen genannt habe, die ich wirklich gerne hätte – wie etwa einen Entsafter oder eine Xbox –, sagt er: »Mach die Augen zu und streck die Hände aus.« Jonathan ist dazu in der Lage, einem unter diesen Umständen etwas Ekliges in die Hände zu legen, etwa Teile seiner eigenen Anatomie, aber dieses Mal handelt es sich um etwas Kleines, Kaltes und Vier-eckiges. »Jetzt kannst du die Augen wieder aufmachen!«, sagt er und das Geschenk stellt sich als Handspiegel mit vier enormen Kokain-Lines heraus. »Ich habe dafür deine Kreditkarte benutzt, ich hoffe, das macht dir nichts aus.« Mir fällt ein, dass er letzte Woche seine Karten alle zerfetzt hat, nachdem er zu der Einsicht gelangt war, dass zu viel Konsum ihm den Weg zur Erleuchtung versperre (außerdem waren eh alle überzogen).
Das Kokain bildet mit dem Champagner eine tolle Mischung, und ich bin ziemlich ausgelassen, als wir von der Straße eine Sirene hören. Wir rennen ans Fenster, lehnen uns hinaus und sehen, wie die Sanitäter eine Trage in den Krankenwagen hieven. Einer der Sanitäter sieht echt gut aus mit seinem Glatzkopf und seinem Ohrring, und als ich das Jonathan gegenüber erwähne, pfeift der laut und ruft: »Hey, du da, mein Freund hier steht auf dich!« Der Sanitäter sieht hoch und macht ein finsteres Gesicht, was ziemlich sexy wirkt. Ich lächele und winke in der Hoffnung, die Situation dadurch entschärfen zu können, doch er schüttelt bloß den Kopf. In diesem Moment fällt mir auf, dass man der Person auf der Trage die Decke übers Gesicht gezogen hat, sie also mit hoher Wahrscheinlichkeit tot ist. Ich ziehe schnellstens den Kopf ein und zerre auch Jonathan zurück, der gerade Luft holt und den Mund öffnet, um etwas ›Witziges‹ zu sagen. Jonathans witzige Bemerkungen, die er nach einem Drink und einer Line gerne auch ziemlich laut von sich gibt, lösen ziemlich oft Schlägereien aus, und ich habe keine Lust, an meinem ersten Abend in meinem neuen Zuhause Ärger zu bekommen.
»Was zum Teufel machst du da?«, sagt Jonathan, und ich antworte, dass ich ihn davon abhalten will, was Dummes zu sagen. Darauf er: »Was denn? Meinst du etwa, ich rufe ihm so was wie ›Da hast du aber einen ziemlichen Steifen!‹ zu?« Dann wird er auf einmal kleinlaut, weil er offensichtlich genau das hatte sagen wollen.
Dann ist Jonathan bestürzt, weil er angeblich noch nie einen Toten gesehen hat, was aber nicht stimmt – wir bekamen mal mit, wie jemand aus dem ›Fire‹ in einen Krankenwagen getragen wurde, und alle sagten, er sei tot. Jonathan war in dieser Nacht allerdings so neben der Spur, dass er sich nicht mal mehr an den eigenen Namen erinnern konnte, geschweige denn an derartige Details. Er fängt an zu heulen und sagt, wenn er stürbe, würde bestimmt wochenlang niemand seine Leiche finden; um ihn aufzuheitern, sage ich, dass wir uns die letzte Line teilen können. Er macht also zwei aus einer, die eine um einiges größer als die andere, und dreimal darf man raten, welche für seine Nase bestimmt ist. Wenigstens hört er auf, über den Tod zu reden, und fängt stattdessen mit dem Thema Madonna an. Die nächsten zwanzig Minuten erzählt er mir eine lange und verwickelte Geschichte, wie es ihm gelungen ist, sechs Karten für ihre Auftritte in Holland zu besorgen, die er nun mit riesigem Gewinn über eBay versteigert. Ich weiß, dass das Koks endgültig wirkt, als er meint, der Text zu Confessions on a Dance Floor sei zutiefst spirituell, und dass er zur Kabbala übertreten und seinen Namen in Habakuk ändern wolle.
Jonathan sagt, er müsse mal ins Internet, um den Status der Auktionen zu überprüfen, und dass er uns noch ein paar Drinks machen würde, während ich mein Laptop hochfahre. Das dauert zum Glück nicht sonderlich lang, weil ich einen mobilen, drahtlosen Breitbandanschluss habe, den ich immer nur dann zu nutzen scheine, wenn Jonathan bei mir ist; ansonsten gehe ich meistens nur auf der Arbeit ins Netz. Er hat mich aber dazu überredet, auch zu Hause einen Anschluss zu haben, was sehr bequem ist, da er daheim keinen Internetzugang mehr hat – das liegt an den zerfetzten Kreditkarten und anderen Problemen mit dem ›Cashflow‹, die er mit dem erwarteten Profit durch den Verkauf der Madonna-Tickets zu lösen gedenkt. Sobald der Rechner ausgepackt und vernetzt ist, surft Jonathan fröhlich drauflos, checkt seine E-Mails und seine Profile bei Gaydar und verschiedenen anderen Seiten, die ich allesamt nicht kenne, und kichert vor sich hin, während er Antworten schreibt. Wenn ich versuche einen Blick darauf zu werfen, hält er seine Hand vor den Bildschirm, was schon ein bisschen dreist ist, da er ja schließlich mein Laptop benutzt, aber ich sage nichts und nehme schweigend meinen Drink draußen auf dem Treppenabsatz ein. Vermutlich sind das die »Eisen im Feuer«, von denen er geredet hat.
Seit der Krankenwagen weg ist, ist es sehr ruhig. Ich höre irgendwo einen Fernseher, einen bellenden Hund und ein schreiendes Kind, Sirenen in der Ferne, einen Zug, der über die Gleise rattert – das übliche Gemisch aus Geräuschen, aus denen in London ›Ruhe‹ besteht. Aus einer der anderen Wohnungen dringt der Geruch von indischem Essen. Von hier oben aus habe ich eine kilometerweite Aussicht – über die Gleise bis nach Hammersmith und Richtung Westen. Von hier aus ist der Sonnenaufgang bestimmt fantastisch.
Jonathan ruft mich rein, weil er das Tattoo gefunden hat, das er auf dem Rücken haben will: ein ziemlich buntes Ganzkörperbild der Muttergottes, umgeben von einer Art gelb-orangem Heiligenschein. Ich sage, dass er doch gar kein Christ sei, aber er meint, es ginge um das Design und die Farben, nicht um die ›Bedeutung‹ des Bildes, und dass ich das nicht verstehen würde, weil ich im Gegensatz zu ihm nun mal kein Grafikdesigner wäre. Ich werfe ein, dass er seit Abschluss des Colleges – und das ist länger her, als wir uns zurückerinnern wollen – nicht als Grafikdesigner gearbeitet habe, woraufhin er sagt, er habe freiberuflich gearbeitet, was mir neu ist, aber er will nicht näher darauf eingehen. Rasch wechselt er das Thema und sagt, es sei höchste Zeit für mich, mir auch ein paar Tattoos zuzulegen, es gäbe da einige richtig schöne Stammessymbole der Maori für meine Arme und Schultern, aber ich entgegne, dass ich kein Maori bin, sondern aus Surrey komme.
Jonathan meint, dass ich das Thema Körperschmuck nicht ernst genug nähme und ich mit ein paar anständigen Tattoos mehr Sex haben könne. Ich habe allerdings keine Lust, mal einer dieser schlaffen alten Männer zu sein, die man immer in den Clubs sieht, die sich in unserem Alter tätowieren ließen und jetzt wie verschmierte Fotokopien aussehen. Jonathan hat schon eine ansehnliche Sammlung von Tattoos, die verschiedene Abschnitte seines Lebens widerspiegeln; das neueste ist sein Yogi-Name ›Steter Strom‹ in Hindi an der Lendenwirbelsäule. Einmal ließ ich fallen, dass mir die Vorstellung eines ›steten Stroms‹ so nahe an seinem Arsch nicht gefiele, aber er meinte, ich sei bloß neidisch und zu feige, mir eine richtige Tätowierung stechen zu lassen, weil ich vor verbindlichen Entscheidungen zurückschrecken würde.
Irgendwann meint Jonathan, es sei Zeit für ihn aufzubrechen, was damit zu tun haben könnte, dass die Wodkaflasche leer ist und ich keine neue aufmache. Ich lasse fallen, dass der Laden gegenüber rund um die Uhr geöffnet ist und dass es dort eine kleine Auswahl an Wein, Bier und Spirituosen gibt, aber er ignoriert die Andeutung und verkündet, er habe noch ein Date. Als ich ihn frage, mit wem, macht er einen auf mysteriös und zeigt mir bloß eine SMS auf seinem Handy mit dem Inhalt »du bis ne geile sau«. Dann scrollt er runter und schreit auf, als auf einmal das große Bild eines Schwanzes auftaucht. Er sagt: »Das solltest du eigentlich nicht sehen – aber jetzt weißt du, was ich heute Abend noch mache.« Ich glaube nicht, dass es sich um den Yogalehrer handelt.
Um Mitternacht geht Jonathan schließlich, und ich packe noch ein bisschen aus, aber es ist spät und ich bin müde und betrunken, also lasse ich das meiste einfach in einem Haufen mitten auf dem Boden liegen. Das kann bis morgen warten. Die Wirkung des Kokains lässt nach, aber mir ist nicht danach, mich schlafen zu legen, was nicht zuletzt daran liegt, dass mein Bett erst am Montag geliefert wird, also bleibe ich auf und schreibe diesen Blogeintrag.
Eins
Als Erstes mussten wir heute unsere Infektionsfreiheit beweisen, indem wir mit nichts als unseren grünen Unterhosen am Leib antraten, damit der Oberstabsarzt und der Sanitäter uns untersuchen und belehren konnten. Es war eigentlich wie in der Schule, in der wir uns nach dem Sportunterricht in einer Reihe aufstellen mussten, um unter die Dusche zu gehen; es gab ebenso viel Blödeln, Rempeln und Schimpfen wie damals, nur mit dem Unterschied, dass wir nun alle junge Männer über achtzehn waren und keine Kinder mehr. Es gab so viele unterschiedliche Körperformen wie Dialekte. Einige sahen aus wie den Seiten von Health and Strength entsprungen. Andere mussten sich ihren Weg durch die medizinische Untersuchung erkauft haben, denn wenn die diensttauglich waren, würde ich nur ungern diejenigen sehen wollen, die man ausgemustert hatte. Manche waren klein, manche groß. Manche hatten breite Schultern und schmale Hüften, andere waren so breit wie hoch. Es gab behaarte und glatte, helle und dunkle Männer, sogar ein paar Schwarze, die besondere Neugierde erregten. Es hatte blonde Haare, braune Haare, schwarze Haare, rote Haare, lockige und glatte, dichte und schüttere Haare gegeben – und jedes davon war gestern vom Friseur auf einen Zentimeter Länge gestutzt worden. Auf die Wand hatte jemand mit Bleistift geschrieben: »Was für ’ne Scheißfarce, geschoren wie ’n Entenarsch.«
Ich wünschte, meinen Skizzenblock oder meine Kamera dabeizuhaben, denn das Anstehen vorm Stabsarzt war wie Anschauungsunterricht mit Hunderten von verschiedenen Modellen, mit jedem Körpertyp und in jeder erdenklichen Pose – solche, die sich an Pfeiler anlehnten, solche, die kerzengerade standen, verschränkte Arme, herabhängende Arme, solche, die saßen oder kauerten, solche, die auf der Stelle liefen, um nicht zu frieren, solche, die ihre kalten Finger in den Achselhöhen wärmten. Die Kälte gab Anlass zu jeder Menge Scherze darüber, wie sie gewisse Dinge zusammenschrumpfen ließ – den ›kleinen Freund‹, ›Pimmel‹ oder ›Willi‹ (so die etwas besser Erzogenen) beziehungsweise den ›Schwanz‹ oder die ›Rute‹ (so bei den Burschen aus London, Liverpool, Newcastle und so weiter). »Die Krankenschwester wird ziemlich enttäuscht sein«, meinte einer, warf einen Blick in seine Unterhose und runzelte die Stirn. Es gab jede Menge Gelächter, weil es sich bei besagter Krankenschwester natürlich um einen Mann handelte und es eine weitverbreitete Vorstellung war, dass alle Sanitäter warme Brüder seien. Ich stimmte in das Gelächter ein, doch einer der Gründe, warum ich froh bin, hier in Reville, einem medizinischen Zentrum der Royal Air Force, zu sein, ist eben der, dass die Sanitätstruppe genau Ruf hat. Und das ist auch der Grund, warum ich das Tagebuch im Futter meines Koffers verstecke, zusammen mit den Ausgaben von und . Sollte jemand fragen, dann brauche ich sie für mein Kunststudium. Sollte jemand mein Tagebuch lesen, dann stehe Gott mir bei. Dann lande ich in der Klapsmühle.
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