Männerwochenende - Peter B. Egli - E-Book

Männerwochenende E-Book

Peter B. Egli

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Beschreibung

Während einem Wochenende in Splügen, wo sich früher Säumer auf dem Weg nach Chiavenna aufhielten, erzählen sich Männer, die sich alle Jahre wieder treffen, einen Reigen von Geschichten. Was hat Jelscha in der Viamala verloren, was Suwarow bei der Überquerung des Panixerpasses oder wie kam es zum Hemd mit der Aufschrift Survived the Clemgia Schlucht?

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Seitenzahl: 130

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Der Spaziergang im Eiltempo um den Greifensee war ein gutes Gefühl für Leib und Seele, ein Leckerbissen für die zwei nicht mehr ganz jüngsten Männer. Nach der Leistung gönnten sie sich beim Schiffshafen des Dorfes Maur einen Nussgipfel, einen selbstgemachten, wie der stolze Wirt mit einem breiten Lachen bis über die Ohren hinaus beteuerte, was sie ihm sofort glaubten. Nicht zu trocken, nicht zu saftig und auch nicht zu süss, Nussgipfel ist eben nicht gleich Nussgipfel, da gibt es gewaltige Unterschiede.

Rund um den Greifensee im prächtigen Zürcher Oberland zu laufen braucht seine Zeit, viereinhalb Stunden steht auf dem Wanderwegweiser, Halbmarathonläufer schaffen es in weniger als der Hälfte der angegebenen Zeit.

Edgar und Bens Ziel war keineswegs, für den jährlich stattfindenden Halbmarathon rund um den Greifensee zu trainieren. Die beiden trafen sich immer wieder für Tageswanderungen, an diesem Tag in Maur, um von dort aus den Weg um den See in rassigen Schritten zu bewältigen. Auf dem halben Weg, im alten historischen Städtchen Greifensee, machten sie eine Pause, schliesslich knurrte der Magen. Edgar empfahl den Gasthof Krone im Dorfkern, der allerdings mit Ausflüglern eines vorgerückten Alters vollständig besetzt war, bestimmt wegen des günstigen Menüs: Hackfleisch mit hausgemachtem Kartoffelstock, einem Tagessalat und oben drauf noch ein Dessert. Einen Platz zu ergattern ohne längere Wartezeit war hoffnungslos. Nächster Versuch, auf der anderen Seite der Hauptstrasse, im Gasthof zur alten Kanzlei. Es war kurz nach ein Uhr, das Restaurant gut besetzt. Der Kellner wies sie bereitwillig an einen fürs Mittagessen gedeckten Tisch, obwohl sie nur etwas trinken wollten. Edgar und Ben hätten Verständnis gehabt, wenn der Kellner lieber auf Leute, die essen wollten, gewartet hätte, als den zwei verschwitzten Wanderern im Freizeitlook, Ben mit Dreitagebart, Edgar wie immer fein säuberlich rasiert, den Tisch zu geben. Verglichen mit der Kleidung der anderen Gäste passten sie in ihrem Aufzug überhaupt nicht in die saubere, mit viel Holz ausgestattete Stube, als charismatische Personen natürlich schon.

Sie diskutierten darüber, welches wohl das Hauptgeschäft sei, die Hotellerie oder das Restaurant.

«Was willst du trinken?»

«Ich nehme Mineralwasser mit Kohlensäure», antwortete Ben.

«In die Dessertkarte würde ich gerne mal hineinschauen», meinte Edgar mit einem spitzbübischen Grinsen.

«Klar, das machen wir. Für mich gibt es entweder einen feinen Coupe Nesselrode oder die Crema catalana.»

«Da mache ich mit», erwiderte Edgar.

«Ja was nun?», fragte Ben. «Den Coupe Nesselrode oder die Creme?»

«Natürlich den Coupe Nesselrode», antwortete Edgar und rief dem Kellner. «Zweimal das Glace Nesselrode und zwei Mineralwasser oder einen Liter Mineralwasser mit Kohlensäure, wenn Sie das haben. Heute dürfen wir bestellen, was wir wollen, es sind keine Frauenaugen da, die auf unser Wohl schauen», ergänzte er die Bestellung mit einem Augenzwinkern.

Der Kellner nickte verständnisvoll, und es entstand eine gewisse Verschwörung unter den Männern.

«Weisst du, warum dieser Coupe ‹Nesselrode› heisst?»

«Nein, aber ich weiss, nach wem der Coupe Romanoff genannt wird, aber Nesselrode, das entzieht sich meinen Kenntnissen», entgegnete Ben gespannt, was Edgar zur Aufklärung beizutragen hatte.

Bis der Coupe Nesselrode aufgegessen war, sprachen sie über die verschiedensten Essen, die nach jemandem benannt waren. Nesselrode war ebenfalls ein Adliger gewesen, so wie Romanoff. Der eine russischer, der andere westfälischer Abstammung. Eigentlich nicht verwunderlich, da beide Coupes etwas Fürstliches anzubieten haben.

Nach dem Kaffee setzten sie den Rundgang fort, es war noch ein gutes Stück bis Maur. «Erinnerst du dich an das Männerwochenende in Varona?», eröffnete Ben das Gespräch.

«Ja, natürlich, wie sollte ich das vergessen. Das war ja eine unheimliche Geschichte, was in der Clemgia-Schlucht abgelaufen ist. Ich frage mich, ob sich Norbert von seinem Schrecken erholt hat.» «Keine Ahnung, ich habe ihn nie wieder gesehen.

Hat dir Urs auch ein T-Shirt mit der Aufschrift ‹Surviver› geschickt?»

«Natürlich, es ist zwar ein bisschen makaber, wenn man bedenkt, was da alles hätte passieren können, aber ich behalte es als Andenken.»

«Na was soll’s, einer lächelnden Frau kann man schwer nein sagen und einem Meisterstück von Nussgipfel schon gar nicht», sagte Edgar, als sie wieder in Maur waren und sich noch einen Kaffee gönnten. «Das war wieder ein herrlicher Tag, ich freue mich schon auf die nächste Wanderung, da ziehe ich dann das ominöse T-Shirt an. Oder ist das ein ungemütliches Omen?»

Sie stiegen in ihre Autos, die Parkzeit war noch nicht abgelaufen und fuhren nach Hause, jeder in eine andere Richtung, vielleicht noch dem einen oder anderen Gesprächsthema nachgrübelnd. Man verbrachte ja nicht stillschweigend so viele Stunden zusammen, ohne Worte zu wechseln, da kamen schon die interessantesten Geschichten der Vergangenheit, der Gegenwart und auch der Zukunft auf den Tisch, besser gesagt auf den idyllischen Wanderweg.

Auf dem Heimweg dachte Ben an die vielen Möglichkeiten, die Qual der Wahl, die sie für Ausflüge hatten. Überall, im Zürcher Unter- oder Oberland, in anderen Kantonen, auf den unzähligen Bergen und Hügeln, mit Bahn, Schiff oder Auto.

«Die Schweiz ist ein einziger grosser öffentlicher Naturpark», murmelte er vor sich hin.

Bens Gedanken schweiften in die verhältnismäßig weite Ferne, in die Toskana nach Gimignano, der Stadt der Türme. Zu Fuss in einigen Tagen, mit dem Auto lediglich in ein paar Stunden zu erreichen. Dort auf der Piazza della Cisterna in einer Cafeteria den Anblick der prächtigen mittelalterlichen Stadt zu geniessen, was für herrliche Aussichten. Diese Träumerei würde bald in Erfüllung gehen können, sollte das Olivenpflücken Ende Oktober zustande kommen. Ein Männerwochenende der Superlative. Allerdings war sich Ben nicht so sicher, ob er das überhaupt wollte. In San Gimignano zu verweilen, das schon, aber die mühsame Arbeit, Oliven von den Bäumen runterzuholen, eigentlich eher nicht. Oliven werden ja nicht einfach von den Bäumen geschüttelt, sondern jede Einzelne wird liebevoll abgelesen, wie bei der aufwändigen Weinlese, wo die reifen Traubenbüschel mit einer Schere abgeschnitten werden.

«Ich lasse es auf mich zukommen», brummte er im Selbstgespräch, «schliesslich ist noch nichts entschieden.»

Ben parkierte sein altes Auto, einen Saab, der seit Jahren nicht mehr produziert wurde, schwungvoll in der Garage, stieg aus, liess mit dem ferngesteuerten Schlüssel das Türschloss einklicken und kontrollierte die Nocken aller vier Türen, ob sie vollständig runtergedrückt waren. Bei einem Ausflug auf den Titlis hatte er, als sie am späteren Abend das Auto geholt hatten, entdeckt, dass die eine Tür nicht verriegelt gewesen war. Ben hatte anfänglich Anna die Schuld in die Schuhe geschoben und ihr den Vorwurf gemacht, sie habe die Türe nicht richtig verschlossen, als sie unmittelbar vor dem Besteigen der Gondelbahn festgestellt hatte, dass sie noch die vergessene Brille im Fahrzeug holen musste. Erst Tage später war es Ben aufgefallen, dass das Türschloss Gefallen daran gefunden hatte, hin und wieder zu streiken. Dass es damit einen Ehekrach heraufbeschworen hatte, war ihm wohl kaum bewusst gewesen. Die obligate Bückbewegung zur Kontrolle der Nocken war für Ben zu einer zwangsläufigen Gewohnheit geworden. Komischerweise arbeitete die Zentralverriegelung seither wieder reibungslos.

Anna war nicht zuhause, und Ben nahm sich Zeit, seine paar E-Mails zu checken.

«Hin und wieder denkt schon jemand an mich», dachte er.

Vorwiegend Firmen, bei denen man eingekauft hatte. Reiseveranstalter waren so aufdringliche Werbespezialisten. Einmal etwas gebucht oder deren Homepage angeklickt, und schon preisen sie einem eine neue günstige Reise nach einem exotischen Ort an, obwohl die vor kurzem gebuchte Reise noch gar nicht angetreten worden war. Lästige Werbungen liess Ben durch einen Klick im Papierkorb verschwinden. Ben wollte den Computer schon herunterfahren, als ein Gong ertönte, nicht an der Haustüre, sondern der E-Mail-Briefkasten klingelte, er habe eine neue Meldung erhalten. Ben setzte den Pfeil der Maus auf «öffnen» und drückte zweimal mit der linken Maustaste. «Männerwochenende» war die E-Mail betitelt. Sogleich dachte er an die Oliven in der Toskana.

«Bestimmt werden wir über das vorgesehene Olivenpflücken orientiert.»

Tatsächlich ging es um Oliven, aber lediglich darum, wer denn überhaupt Interesse an diesem Unterfangen habe. Bei genügend Anmeldungen würde Urs, der Absender der E-Mail, das Wochenende organisieren und mit dem Olivenbauer eine Vereinbarung treffen. Allerdings wäre es nicht nur ein kurzes Wochenende, sondern man müsste da schon mindestens eine Woche verweilen, eine ganze Männerwoche.

Ohne Bezahlung für einen italienischen Bauern zu arbeiten war kein einfaches Unterfangen, da gab es Richtlinien der Europäischen Union, die so etwas regelten und einem die Lust, etwas Gutes zu tun, vorweg vergällten.

Einige Männerwochenendler würden Ferien beziehen müssen, die Selbständigerwerbenden würden sich irgendwie organisieren können und die Pensionierten einfach die Zeit dafür nehmen müssen. Urs schrieb, dass es für die Arbeit eine Bewilligung brauche, dass das Wetter stimmen müsse und noch ein paar weitere Punkte, die nicht gerade einladend tönten.

Ben überlegte, ob er sich nun anmelden sollte und entschied sich, ebenfalls beeinflusst durch die nicht gerade aufmunternden Darstellungen in der E-Mail, gegen ein Mitmachen. Urs wollte diese Strapazen auch nicht auf sich nehmen, das hatte er bereits am letzten Männerwochenende verkündet. Ben sah sich schon an der prallen Sonne, wie er mit Schwielen an den Händen auf einer Leiter stand, eine Olive nach der anderen in einer Umhängetasche verschwinden liess und am Abend todmüde mit Muskelkater und sonstigen Leiden ins Bett fiel.

Pro Baum sind es rund zwanzig Kilo Oliven, was nach der Verarbeitung drei bis vier Liter feines oder eben weniger feines Olivenöl gibt.

Mit diesen etwas weniger heiteren Gedanken im Kopf gab sich Ben einen Ruck.

«Lieber Urs, liebe Kollegen», schrieb er. «Herzlichen Dank für deine geschätzten Bemühungen. Nach reiflicher Überlegung verzichte ich auf das Olivenpflücken in der Toskana. Die Idee selbst ist wohl faszinierender und interessanter als die nackte Tatsache rund um die tausenden von Oliven, die darauf warten, von den Bäumen runtergeholt zu werden. Der Aufwand ist mir doch ein bisschen zu gross. Liebe Grüsse, Ben»

Klick – und die E-Mail suchte ihren Weg zu den Empfängern.

«Warum sollte ich Oliven pflücken, wenn ich sie gar nicht gerne habe?», sinnierte Ben. «Die grünen wie die schwarzen lasse ich stets links liegen. Gegen Olivenöl in der Salatschüssel habe ich allerdings nichts einzuwenden, bevorzuge jedoch die französische Salatsauce. Für die Salatschüssel könnte ich natürlich schon etwas tun, auch wenn es harte Arbeit ist. Fertig mit Grübeln, ich habe mich abgemeldet. Trotzdem, sollten mehrere diese Strapazen auf sich nehmen wollen, könnte ich dann immer noch schreiben: Hallo meine lieben Kollegen, ich habe es mir nun doch anders überlegt, ich komme auch.»

Die Erlösung von seiner Unentschlossenheit kam eine Woche oder zwei, vielleicht waren es auch nur ein paar Tage später, als Urs an alle die errettende E-Mail verschickte, es hätten sich zu wenig interessierte Männer angemeldet, zudem sehe die Ernte nicht gerade vielversprechend aus, eher extrem mickrig, da die Olivenbäume von der Olivenfruchtfliege befallen seien. Ben forschte nach, was es mit der Olivenfruchtfliege auf sich hatte und fand heraus, dass in Italien das Bakterium Xylella fastidiosa sein Unwesen trieb. Um eine schnelle Ausbreitung zu vermeiden, waren die Bauern gezwungen, betroffene Bäume zu verbrennen. Das Männerwochenende, auf das sich vor einem Jahr noch alle gefreut hatten, war dadurch buchstäblich in Rauch aufgegangen, zum Leid des italienischen Bauern und zur Freude all derjenigen, die nach reiflicher Überlegung doch den Standpunkt vertreten hatten, Oliven zu pflücken sei nicht gerade der Wochenendtraumjob. Schade für den verpassten Städtebesuch nach San Gimignano, die mittelalterliche Skyline Italiens. Urs machte in seinem Schreiben neue Terminvorschläge für das nächste Männerwochenende. Festgenagelt wurde schlussendlich das zweite Wochenende im Oktober. Urs erwähnte, er werde es organisieren und zu einem späteren Zeitpunkt bekanntgeben, wo, wie und was, einzig sicher sei, dass es im Graubünden stattfinden werde.

Der Zahnarzt kam ins Zimmer, wo Ben hilflos auf dem Stuhl sass, besser gesagt lag, und Frau Bissig, die Dentalhygienikerin, zeigte ihm die soeben fertig gestellten Röntgenbilder, die man heutzutage mindestens alle zwei Jahre macht, um den Zerfall der Zähne rechtzeitig mit einer teuren Zahnbehandlung stoppen zu können. Rechts und links, oben und unten, vorne und hinten, alles wurde geröntgt. Ben achtete nicht darauf, wie viele Bilder es waren, das nächste Mal würde er besser aufpassen und mitzählen. Auf der späteren Rechnung waren ein paar Positionen für die Krankenkasse, die allerdings wegen der hohen Franchise eh nichts bezahlte, aufgeführt. Dank den Bildern flatterte dann auch eine etwas saftigere Rechnung ins Haus, da ja der Zahnarzt höchstpersönlich ein paar Minuten von seiner kostbaren Zeit aufgeopfert hatte, um sich Bens Zähne in Schwarzweiss anzusehen. Das gründliche Putzen seiner gelblichen Zähne dauerte fast eine Stunde, was Ben in seinem Mund spürte. Obwohl das Zahnfleisch völlig ermattet war, fühlt es sich danach doch sauber und frisch an. Nun konnte er wieder lächeln und war sich sicher, dass seine Zähne nach der gründlichen Politur nun völlig weiss aussahen. Ein Blick in den Spiegel belehrte ihn eines anderen. Irritierend war, dass die Dentalhygienikerin ihn nun viermal im Jahr sehen wollte. Sie meinte zwar, dreimal würde auch genügen. Bis jetzt war er zweimal im Jahr auf besagtem Stuhl gelegen, was nach seinen Vorstellungen durchaus genügte, auch dem Geldbeutel zuliebe. Aber wer weiss, vielleicht waren ja die Zähne kurz vor der vollständigen Selbstvernichtung und nur der Zahnarzt oder eben Frau Bissig würden ihn vorbeugend vor dem Zerfall des Gebisses retten können. Bens Theorie war da etwas anders: Je mehr man eine Pflanze hegt, pflegt und düngt, desto eher ist sie kaputt. Das müsste doch auch bei den Zähnen so sein. Skikanten haben auch ihre Grenze und können nicht grenzenlos geschliffen werden.

«Wie war es bei der Dentalhygienikerin?», fragte Anna, bevor Ben die Haustüre wieder schliessen konnte.

«Alles in bester Ordnung, nur dass ich ab sofort vier Mal im Jahr zu Frau Bissig gehen soll. Die junge Frau gefällt mir», ergänzte er grinsend.

Anna schaute ihn etwas verdutzt an und wechselte das Thema.

«Paul hat angerufen, die Wanderung findet nächste Woche statt. Nach dem Wetterbericht müsste es zwei schöne Tage geben. Er denkt, am ersten August wäre es passend. Ich habe ihm bereits zugesagt, die anderen kommen auch.»

«Super, das passt ja wunderbar, dann sind wir sowieso in Obersaxen.»

Paul hatte die fixe Idee gehabt, seinen Geburtstag aus der Zehnerreihe mit einer Wanderung zu feiern. Als Geburtstagsgeschenk offerierte er einigen seiner Freunde einen Marsch über den Pass dil Veptga, wie der Panixerpass auf Rätoromanisch heisst. Diese Wanderung hatten sie schon seit Jahren einmal machen wollen, aber immer war etwas dazwischen gekommen, einfacher gesagt: Niemand hatte den Ausflug organisieren wollen. Dieses Mal würde es klappen, Paul war da sehr zuverlässig und hartnäckig. Einzig das Wetter spielte in letzter Zeit etwas verrückt, und die Wetterfrösche hatten das Nachsehen. Sie prognostizierten sonnige Tage, die sich dann als regnerische entpuppten. Aber am ersten August, dem schweizerischen Nationalfeiertag, würde das ja nicht passieren. Das wäre ein Affront gegenüber dem Schweizervolk gewesen.

«Ich habe Vertrauen in den griechischen Wettergott Zeus, Herrscher über Regen, Schnee, Hagel und Gewitter, aber auch über das gute Wetter. Er wird es richten, da bin ich völlig überzeugt. Bei regnerischem Wetter sollte man den Panixerpass lieber meiden. Einige Stellen sind nicht ungefährlich», bemerkte Ben.

Für Wanderungen im Gebirge war er stets sehr vorsichtig, vielleicht allzu vorsichtig. Deswegen hänselte ihn Anna immer wieder, sie sah das viel unbekümmerter und ignoriert die Gefahren, die da lauern konnten. Argumente wie: Gäbe es keine Unfälle, müsste die Rega nicht alljährlich unzählige Einsätze mit dem Helikopter fliegen, nützten bei ihr gar nichts.

Das Telefon läutete, und er sah auf dem Display, dass es Paul war. Wie ein Blitz ging es ihm durch den Kopf, dass er die Wanderung doch absagen wollte. In diesen Tagen war das Wetter im Hinblick auf Sonnenschein nicht gerade vielversprechend und die allgemeine Lage ausgesprochen veränderlich. Am ersten August müsste es besser werden, aber wer glaubt schon an die Wetterprognosen, und schon gar nicht an die für die Berge, wo sich Veränderungen unerwartet einstellen können?

«Seid ihr bereit für den Marsch?», kam seine Stimme frisch, fröhlich und voller Tatendrang über den Draht.