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Diese Bergroman-Serie stillt die Sehnsucht des modernen Stadtbewohners nach einer Welt voller Liebe und Gefühle, nach Heimat und natürlichem Leben in einer verzaubernden Gebirgswelt. "Toni, der Hüttenwirt" aus den Bergen verliebt sich in Anna, die Bankerin aus Hamburg. Anna zieht hoch hinauf in seine wunderschöne Hütte – und eine der zärtlichsten Romanzen nimmt ihren Anfang. Hemdsärmeligkeit, sprachliche Virtuosität, großartig geschilderter Gebirgszauber – Friederike von Buchner trifft in ihren bereits über 400 Romanen den Puls ihrer faszinierten Leser. Die Tür zum Krankenzimmer stand offen. Auf dem Bett am Fenster saß eine junge Frau. Sie hatte den Arm um einen kleinen Jungen gelegt und drückte ihn an sich. Sie hauchte ihm einen Kuss auf das blonde Haar. Anna trat an das Bett. »Grüß Gott, du musst Melanie sein und das ist sicher dein Lars! Ich bin Anna. Wir haben telefoniert.« Ein kleines Lächeln huschte über die blassen Gesichtszüge der jungen Frau. Sie reichte Anna die Hand. »Richtig, ich bin Melanie und das ist mein Bub, der Lars.« »Mami, ist das die Frau, mit der du telefoniert hast, die den Hund hat?«, rief Lars. Anna lachte ihn an. »Ja, die bin ich, Lars. Und jetzt verrate ich dir etwas: Draußen vor dem Krankenhaus warten meine Kinder. Sie heißen Franziska und Sebastian. Den Hund haben sie dabei. Du weißt, dass Hunde nicht ins Krankenhaus dürfen.« »Kinder dürfen auch nicht rein, jedenfalls nicht überall. Aber ich darf Mami besuchen. Das hat mir Onkel Jörg erlaubt.« »Du sollst vom Herrn Doktor nicht als Onkel Jörg reden, Lars. Das ist Herr Doktor Zimmermann. Das habe ich dir schon so oft gesagt.« »Aber er hat gesagt, ich soll Onkel Jörg zu ihm sagen, Mami.« Anna lächelte. Das war typisch für den guten Jörg Zimmermann! Der gewissenhafte und menschliche Arzt hatte, über seinen Freund Dr. Engler, Melanie mit Anna und Toni in Kontakt gebracht, in der Hoffnung, dass die Baumbergers ihr helfen könnten. »Lars, draußen warten alle auf dich! Du kannst die Kinder und Bello nicht übersehen. Es ist ein ganz großer schwarzer Hund.« »Ich weiß, wie ein Neufundländer
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Seitenzahl: 129
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Die Tür zum Krankenzimmer stand offen. Auf dem Bett am Fenster saß eine junge Frau. Sie hatte den Arm um einen kleinen Jungen gelegt und drückte ihn an sich. Sie hauchte ihm einen Kuss auf das blonde Haar.
Anna trat an das Bett.
»Grüß Gott, du musst Melanie sein und das ist sicher dein Lars! Ich bin Anna. Wir haben telefoniert.«
Ein kleines Lächeln huschte über die blassen Gesichtszüge der jungen Frau. Sie reichte Anna die Hand.
»Richtig, ich bin Melanie und das ist mein Bub, der Lars.«
»Mami, ist das die Frau, mit der du telefoniert hast, die den Hund hat?«, rief Lars.
Anna lachte ihn an.
»Ja, die bin ich, Lars. Und jetzt verrate ich dir etwas: Draußen vor dem Krankenhaus warten meine Kinder. Sie heißen Franziska und Sebastian. Den Hund haben sie dabei. Du weißt, dass Hunde nicht ins Krankenhaus dürfen.«
»Kinder dürfen auch nicht rein, jedenfalls nicht überall. Aber ich darf Mami besuchen. Das hat mir Onkel Jörg erlaubt.«
»Du sollst vom Herrn Doktor nicht als Onkel Jörg reden, Lars. Das ist Herr Doktor Zimmermann. Das habe ich dir schon so oft gesagt.«
»Aber er hat gesagt, ich soll Onkel Jörg zu ihm sagen, Mami.«
Anna lächelte. Das war typisch für den guten Jörg Zimmermann! Der gewissenhafte und menschliche Arzt hatte, über seinen Freund Dr. Engler, Melanie mit Anna und Toni in Kontakt gebracht, in der Hoffnung, dass die Baumbergers ihr helfen könnten.
»Lars, draußen warten alle auf dich! Du kannst die Kinder und Bello nicht übersehen. Es ist ein ganz großer schwarzer Hund.«
»Ich weiß, wie ein Neufundländer Hund ausschaut. Mami hat mir ein Bild gezeigt. Darf ich gehen, Mami? Ich bin auch ganz schnell wieder bei dir.«
»Lauf schon! Du musst dich nicht beeilen. Ich komme mit Anna nach.«
Lars rannte davon. Melanie sah ihm nach und lächelte, bis sie ihn nicht mehr sah. Dann wurde ihr Gesicht ernst. Sie blickte Anna an.
»Ja, das ist mein Bub. Er hält sich tapfer. Es ist im Augenblick nicht einfach für ihn. Seit ich hier bin, hat er entwicklungsmäßig einen Sprung gemacht. Er benimmt sich nicht mehr wie ein Fünfjähriger. Das beunruhigt mich. Er ist so ernst geworden.«
Anna lächelte Melanie ermutigend zu.
»Das wird wieder. Wir werden den Bub schon aufmuntern.«
Melanie stand auf. Sie trug einen Jogginganzug und weiße Tennisschuhe. Der Anzug war ihr etwas zu groß. Anna ahnte, dass die junge Mutter sehr schlank war, mehr als es ihrer Gesundheit zuträglich war.
»Dann wollen wir gehen«, sagte Anna und hielt ihr den Arm entgegen. Melanie hakte sich mit einem dankbaren Lächeln unter.
Sie verließen das Krankenzimmer. Melanie fing erst draußen auf dem Flur zu sprechen an.
»Danke, dass du mich angerufen hast und dass ihr euch um Lars kümmern wollt. Das ist wie ein Geschenk. Ich weiß nicht, wie ich das wieder gutmachen soll.«
»Darüber mache dir keine Gedanken. Hauptsache, Lars fühlt sich bei uns auf der Berghütte wohl und du kannst beruhigt sein. Du hast einen Zusammenbruch hinter dir und musst dich erholen.«
»Das stimmt. Ich wollte in allem perfekt sein, nach dem Tod meines Mannes. Da habe ich für zwei gearbeitet. Dazu kam der Haushalt und der Bub, es war alles ein bisserl viel. Aber ich habe dir meine Geschichte schon am Telefon erzählt. Danke, dass du mir zugehört hast!«
Melanie lächelte verlegen.
»Es tat mir so gut, mit dir zu reden, Anna, obwohl wir uns gar nicht kannten. Da sprang ein Funke über, und ich wusste, ich kann dir und deinem Mann meinen Buben anvertrauen.«
Anna hatte in den vergangenen Tagen jeden Abend lange mit Melanie telefoniert. Sie waren übers Telefon gute Freundinnen geworden.
»Wichtig ist, dass du wieder zu Kräften kommst. Dann gehst du in Kur und anschließend kommst du noch eine Weile zu uns auf die Berghütte.«
»Ich will euch nicht auch noch zur Last fallen, Anna. Danke für die Einladung, aber ich will nach der Reha-Maßnahme gleich wieder arbeiten gehen.«
Anna lächelte. Sie dachte, dass darüber das letzte Wort noch nicht gesprochen war. Aber es wäre falsch gewesen, Melanie zu drängen.
Sie gingen langsam den Flur entlang zum Eingangsbereich. Durch die hohen Glaswände sahen sie Franziska und Sebastian mit Lars auf dem Rasen vor dem Krankenhaus sitzen. Bello lag zwischen ihnen und ließ sich von Lars streicheln.
»Er liebt Hunde«, sagte Melanie leise. »Wenn ich könnte, würde ich ihm einen Hund holen. Aber wie soll ich das machen? Ich muss Mutter sein, den Vater ersetzen, arbeiten gehen, den Haushalt führen und so weiter. Da ist kein Platz für einen Vierbeiner. Ich habe immer ein so schlechtes Gewissen, dass ich Lars nicht alles geben kann.«
»Jetzt kommt Lars erst einmal zu uns. Wie ich das sehe, wird Bello nicht von Lars Seite weichen und umgekehrt ebenso. Lars’ wird älter werden und später, wenn er größer ist, dann kann er allein für einen kleinen Hund sorgen, denke ich. Du musst kein schlechtes Gewissen haben, Melanie. Außerdem ist es für Kinder nicht gut, wenn sie alles bekommen. Die meisten haben zu viel und wissen dann nichts mehr zu schätzen. Du bist das Wichtigste für deinen Buben. Jetzt denkst du nur daran, wieder gesund zu werden!«
Sie gingen auf die Kinder zu. Anna stellte Franziska und Sebastian vor.
»Und das ist Bello, unser junger Neufundländer«, sagte Anna.
»Mami, wann darf ich auf die Berghütte?«, bettelte Lars. »Der Hund ist so süß. Kann ich gleich mitfahren?«
Melanie seufzte.
Auf der einen Seite freute sie sich, dass Lars mitfahren wollte, auf der anderen Seite warf das den ganzen Zeitplan durcheinander.
»Lars«, sagte Melanie. »Wir haben das alles schon beredet. Doktor Zimmermann wird dich bald auf die Berghütte bringen.«
»Wann, Mami?«
»Lars, bald habe ich gesagt. Außerdem kannst du Frau Sodermann nicht enttäuschen. Sie hat dich gern aufgenommen und opfert dafür ihren Urlaub. Außerdem kannst du mich so jeden Tag besuchen. Wenn du auf der Berghütte bist, kannst du mich nicht so oft sehen.«
Der kleine Lars schwieg einen Augenblick.
»Wenn ich dich nicht sehen kann, will ich nicht auf die Berghütte«, sagte er.
Melanie kniete sich neben Lars ins Gras.
»Lars, wir werden telefonieren. Außerdem habe ich dir gesagt, dass ich noch in eine Rehaklinik fahre. Das ist weit. Dort kannst du mich nicht besuchen. Du willst doch, dass ich wieder gesund werde?«
Lars nickte eifrig. Anna ahnte, was in seinem kleinen Kinderherzen vor sich ging.
Sie setzte sich auf den Rasen dazu.
»Jetzt bleibst du erst einmal bei deiner Mami und bei Frau Sodermann. Wenn deine Mama in Kur geht, dann kommen Franzi und Basti und holen dich ab. Bello kommt auch mit. Bis dorthin habe ich etwas für dich. Schau mal!«
Anna griff in ihre Handtasche und zog ein kleines Päckchen hervor.
»Das ist für dich!«
Lars riss das Papier auf. Seine Mutter tadelte ihn und ermahnte ihn, sich zu bedanken.
»Danke«, sagte Lars leise. »Das sind alles Fotos von Bello!«
»Ja, das ist ein kleines Fotoalbum. Franziska und Sebastian haben die Bilder für dich ausgesucht.«
Lars strahlte.
Anna stand auf.
»So, jetzt macht ihr drei einen Spaziergang. Wir setzen uns hier vor dem Krankenhaus auf die Bank und reden.«
Anna bat Sebastian, darauf zu achten, dass sie in einer halben Stunde wieder zurück waren. Die Kinder nahmen Lars in die Mitte und gaben ihm die Hundeleine. Sebastian führte Bello zusätzlich am Halsband. Melanie und Anna sahen ihnen nach.
»Du musst dir keine Sorgen machen, Melanie. Das wird schon. Franzi und Basti werden Lars liebevoll in ihre Mitte nehmen. Außerdem ist bei uns auf der Berghütte immer etwas los. Du wirst sehen, bald wird dein kleiner Bub wieder richtig fröhlich sein.«
Melanie seufzte.
»Ich hoffe es! Dass er so ernst ist, das liegt mir wie ein Stein auf der Seele.«
»Das verstehe ich, Melanie. Aber das sollte es nicht. Es ist normal, dass sich Kinder sorgen, wenn Vater oder Mutter im Krankenhaus ist.«
»Das stimmt. Bei Lars kommt hinzu, dass er nur mich hat.«
Melanie schnäuzte in ihr Taschentuch. Anna schwieg und streichelte Melanie über den Rücken. Annas Herz war voller Mitgefühl für die junge Mutter, die auf so tragische Weise ihren Mann verloren hatte.
Sie schwiegen eine Weile, bis sich Melanie wieder gefasst hatte. Dann stellte Anna viele Fragen und schrieb sich die Antworten auf. Sie wollte wissen, was Lars gerne aß und was er nicht aß. Sie erkundigte sich nach dem Abendritual, mit dem Melanie Lars ins Bett brachte. Sie bat darum, dass er viele seiner Spielsachen auf die Berghütte mitbringen sollte. Sie wollte wissen, welche Kinderlieder sie Lars vorsang und welche Märchen und Geschichten er gerne hörte.
»Das schafft eine Vertrautheit und verhindert vielleicht, dass er Heimweh bekommt«, sagte Anna.
»Heimweh wird er sicherlich bekommen, denke ich. Wir waren noch nie so richtig getrennt. Wenn ich gearbeitet habe, war er bei einer Nachbarin, einer Tagesmutter oder im Kindergarten. Aber so, wie es jetzt ist, war es noch nie, verstehst du?«
»Sicher verstehe ich dich, Melanie. Das wird schon. Du musst dir keine Sorgen machen.«
»Das sagt Doktor Zimmermann auch. Er ist mit Herrn Doktor Engler befreundet, eurem Arzt in Waldkogel.«
»Das stimmt. Martin und Jörg sind Freunde. Jörg war auch schon mit Martin auf der Berghütte. Das ist allerdings schon eine Weile her. Seine Arbeit lässt ihm nicht so viel Freizeit.«
»Doktor Zimmermann ist ein guter Arzt. Er kümmert sich sehr um seine Patienten. Er tut so viel mehr, als er müsste.«
»Genauso ist Martin. Er und seine Frau werden Lars zu Wanderungen abholen, an den Wochenenden. Sie werden mit einem Ruderboot auf dem Bergsee sein und angeln gehen. Sie werden mit Lars den Reiterhof in Waldkogel besuchen. Er wird viele neue Eindrücke bekommen und keine Zeit haben, Heimweh zu bekommen. Und vergiss Bello nicht! Tiere haben ein feines Gespür für die Seelenlage eines Menschen. Er wird Lars aufmuntern. So wie ich Bello einschätze, wird er ihm den Ball bringen, damit er mit ihm spielt. Das wird alles gut werden, Melanie. Mach dir keine Sorgen! Außerdem werden wir dich noch ein paarmal im Krankenhaus besuchen, bis Lars zu uns auf die Berghütte kommt. Dann lernen sich die Kinder besser kennen und das hilft auch dir und Lars.«
Melanie nickte.
Sie verdrückte wieder einige stille Tränen.
»Bei euch auf der Berghütte wird es Lars besser haben, als in einem Kinderheim. Das weiß ich. Es ist nur einfach so, dass es mir so schwerfällt, mich von ihm zu trennen. Er ist alles, was ich habe. Dumm von mir, nicht?«
»Nein, ich verstehe dich, Melanie. Aber denke ein bisserl mehr an dich. Dein Bub braucht dich. Deshalb musst du schnell gesund werden und deshalb musst du ein bisserl loslassen und dir weniger Sorgen machen.«
»Ich weiß, Anna. Mein Kopf sagt mir das auch, aber mein Herz klammert.«
»Dann bringe ich dir das nächste Mal einen Klammeraffen mit, damit du die Klammern lösen kannst«, sagte Anna und blinzelte Melanie zu.
Sie lachten beide.
Franziska und Sebastian kamen mit Bello und Lars vom kurzen Gassi-Spaziergang zurück. Gemeinsam gingen alle zum Geländewagen. Es war Zeit für Anna und die Kinder, zurückzufahren. Sie versprachen, bald wiederzukommen. Lars stand an der Hand seiner Mutter noch lange an der Straße und winkte, bis er das Auto nicht mehr sehen konnte.
*
Das Gemurmel im großen Besprechungsraum verstummte, als der Chef den Raum betrat. Er trat an die Stirnseite der langen Tischreihe und legte die Akten ab, die er unter dem Arm getragen hatte.
Alle Augen ruhten auf ihm. Er schenkte sich erst einmal Kaffee ein, einen große Becher voll, und trank einen Schluck. Dann zündete er eine Zigarette an.
»Ich weiß, dass ich mit dem Qualm gegen alle Gesetze verstoße, aber das ist mir heute gleich. Ihr könnt auch alle rauchen. Ich habe heute Nacht wenig geschlafen, wie gestern und vorgestern und die Nächte davor. Euch geht es ähnlich. Übrigens, danke für die Unterstützung und die Einsatzbereitschaft! Aber es geht ans Eingemachte. Das ist eine Pechsträhne, wie ich sie noch nie erlebt habe, seit ich vor vielen Jahren diese Fachzeitschrift gegründet habe. Es ist einfach der Wurm drin. Das Redaktionsteam hat zehn feste Mitarbeiter. Davon sind im Augenblick sechs durch Krankheit ausgefallen. Unter den Freien kann ich auch kaum noch einen finden, der bereit ist, einen ganzen Packen zusätzlicher Arbeit zu machen. Es ist Urlaubszeit und die meisten sind schon völlig ausgebucht. Das geht nun schon sechs Wochen so. Also, es müssen neue Wege beschritten werden! Wir sind zwar eine Technikzeitschrift, aber wir haben einen großen Kultur- und Freizeitteil. Also habe ich mir Folgendes gedacht. Für die nächste Ausgabe schreibe ich die neuen Technikberichte, die angekündigt sind. Mein Sohn wird mir dabei helfen. Ihr kennt ihn. Er ist ein gnadenloser Kritiker für jedes neue Produkt. Außerdem soll er mal etwas mehr tun, wenn er eines Tages in meinem Sessel sitzen will. Das ist also geregelt. Nun zum angekündigten großen Urlaubsreiseteil. Den wirst du, ab sofort und bis auf Weiteres, übernehmen, Frank!«
Frank Schnitzler schaute seinen Chef erstaunt an.
»Schau mich nicht so an! Hast du in den letzten Wochen einmal in den Spiegel geschaut? Du bist blass. Sonne wird dir guttun.«
Alle lachten laut.
»Wie meinst du das?«, fragte Frank zurück.
Im Verlag duzten sich alle und keiner nahm ein Blatt vor den Mund. Aber das war doch jetzt etwas überraschend für Frank.
»Du sitzt täglich mindestens zwölf Stunden in deinem Labor im Keller und nimmst die neusten Geräte auseinander. Deine Redaktionsbeiträge sind vom Feinsten. Aber jetzt gehst du mal an die frische Luft, bis Gernolds Bänderriss verheilt ist! Zu dumm auch, dass er sich verletzt hat. Also, du fährst in die Berge, gehst wandern, biwakierst am Berg und schreibst einen packenden Reisebericht. Wir stellen deine Reportage in Auszügen sofort online. In den nächsten beiden Druckausgaben wird es dann die ausführliche Reportage geben. Du lieferst schöne Fotos. Gleichzeitig tust du auch etwas für dich. Hier sind alle Unterlagen, die du brauchst. Gernold hat die Reiseroute. Alles ist schon detailliert ausgearbeitet. Du brauchst dich nur daran zu halten.«
Sein Chef schob ihm einen dünnen Hefter über den Tisch. Frank blätterte darin und wurde noch blasser. Er schüttelte den Kopf.
»Ich habe keine Wanderausrüstung. Ich war nie wandern, schon gar nicht in den Bergen. Das ist unmöglich, Wieland.«
»Dann kleidest du dich eben auf Spesenkosten ein. Außerdem bist du genau der Typ, den wir als Leser mit unseren Reisereportagen erreichen wollen. Der Technikfreak, der sich in seinen eigenen vier Wänden am wohlsten fühlt, hinter seinen Gerätschaften, ohne die geringste Berührung mit der Natur. Er begnügt sich mit dem Lesen der Reportagen. Du erlebst es jetzt live und wirst darüber berichten, über die neue Dimension in deinem Leben, die dir den Kopf freimacht.«
»Kann nicht Heiko diesen Part übernehmen?«, fragte Frank zögerlich.
»Nein, du fährst! Du schreibst eine Art Tagebuch. Ich bin sicher, es wird besonders interessant. Du bekommst ein extra Spesenkonto. Es ist für mich nicht nur eine Notlösung wegen Gernolds Unfall, sondern auch eine Art Experiment. Also, keine Widerrede mehr!«
Frank Schnitzler machte noch einige zaghafte Versuche, Wieland umzustimmen, die aber kläglich misslangen. Schließlich ergab er sich in sein Schicksal.
Wieland wechselte das Thema. Frank hörte nicht, was sein Chef am Ende des Tisches sagte. Seine Worte rauschten an ihm vorbei. Er vertiefte sich in Gernolds Unterlagen. Ihm wurde dabei immer unbehaglicher, um nicht zu sagen: er war entsetzt.
