Manolin - Werner Dickopf - E-Book

Manolin E-Book

Werner Dickopf

0,0

Beschreibung

Manolin ist eine Hommage an Ernest Hemingway, der mit seiner Geschichte vom "alten Mann und das Meer" die wohl längste und bekannteste Kurzgeschichte erzählt. Manolin ist der Junge, der nun selbst zum Mann geworden, uns seine Geschichte und die des Meeres erzählt. Wenn man eine Kurzgeschichte weitererzählt, wird daraus ein Buch. Und was gibt es schöneres, als einem Autor ein Buch zu schenken. W. Dick. 2018

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 52

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Wenn aus einer Kurzgeschichte ein Buch werden soll, muß die Geschichte weitergeschrieben werden.

W. Dick 2001

Vor langer Zeit war er hinaus gefahren auf das Meer. Ganz weit hinaus. Viel weiter, als in seiner Jugend, als er mit den Männern des Dorfes in der Morgendämmerung zum Fischen hinaus fuhr und sie am späten Abend den Fang des Tages auf dem Strand ausbreiteten. Oft kamen sie auch mit leeren Booten zurück. Schwermütig trugen sie dann die leeren Netze und die alten Segel zu den Hütten hinauf. In diesen leeren Nächten hörte er ihren Geschichten zu. Er hörte sie von vergangenen Zeiten und von großen Fischen erzählen. Und er hörte dem alten Mann zu, der so oft von den weißen Stränden Afrikas träumte. Und jetzt ist er zurückgekehrt. Mit langsamen Schritten sucht er all die Orte, die Stellen des Dorfes auf, die ihn an seine Jugend erinnern und von denen er so oft träumte, und die ihn an den alten Mann erinnern. Von der Hütte oben am Strand ist nicht mehr viel, nur ein paar Bretter liegen noch im Sand. Unten am Strand erinnert noch der Rest eines toten Fisches an Santiago. Ein paar vergilbte Knochen, die sich mahnend, wider des Vergessens gleich einer Statue empor recken. Zu groß, zu imposant um sie wegzuschaffen. Er bleibt stehen, schaut sich erinnernd und auch verwirrt um. Da die Bodega, die sie die Terrasse nannten, dort ein paar wenige Hütten, ein paar Bretter im Sand und die Knochen eines viel zu großen Fisches. Und hier er. Er kommt sich vor, wie ein alter Mann der alleine zurückgekehrt ist. Mit einem Mal fühlt er sich alt geworden, heraus gerissen und hinein katapultiert in eine schöne alte neue Welt. Er hat sie gesehen die Welt, ist auf den träumerischen Spuren des Alten gewandelt. Ja, er hat sie sehen wollen, die Küste Afrikas mit ihren goldgelben Stränden, die so weiß in der Sonne glitzern, daß einem die Augen weh tun. Nur die Löwen hat er nicht sehen können, in Afrika. Und er hat Amerika gesehen, im Süden und im Norden. Und er denkt sich zurück an die Geschichten von DiMaggio und die Diskussionen über Baseball. An die Zeit, in denen der Alte nichts zu essen hatte und er ihn versorgte oder in der Bodega etwas für ihn borgte. Und während Santiago auf seinem Bett saß laß er ihm aus alten Zeitungen die neuesten, letzten Meldungen vor. Sie diskutierten jedesmal lautstark wer wohl der bessere Spieler ist, welches Team die Meisterschaft gewinnen wird. Nur um schlußendlich doch immer einer Meinung zu sein und um sich in eine fremde Welt hinaus zu träumen. Die großen Stadien hat er auch gesehen und die Spiele der Yankees. DiMaggio spielte schon nicht mehr, dafür gab es dort Löwen, im Zoo von New York. Er schaut hinaus auf das Meer, daß zu seinen Füßen an das Ufer schlägt, schließt die Augen und sieht Santiago, wie er mit dem knochigen Rest des viel zu großen Fisches in den Hafen einläuft. Eine kühle Brise kommt vom Meer landeinwärts und die Sonne schickt sich an in den Fluten der Ruhe zu versinken. Er dreht sich um und geht langsam zur Bodega hinauf, die er noch immer Terrasse nennt.

Mit einer Flasche Bier an einem einsamen Tisch in der stillen Ecke der Bodega sinnt er sich zurück, denkt an das, was alles gewesen war und noch kommen wird. Vorsichtig scheue, neugierige Blicke mustern ihn, von den wenigen besetzten Tischen her. Alte Männer, die wie er einmal jung waren und ganz alte, die nicht so jung waren. Er kann sich noch gut daran erinnern, an damals. Der alte Santiago war vierundachtzig Tage hintereinander hinaus gefahren und kam immer mit leeren Netzen zurück. Und die, die nicht so jung waren zogen ihn auf und die jungen tuschelten über ihn. Er sah wahrlich erbärmlich aus, wenn er in seinen zerschlissenen Hosen und seinem geflickten Hemd das alte, mit Resten von Mehlsäcken zusammen gestückelte Segel zu der Hütte hinauf trug. Damals war es noch eine Hütte, oder so etwas ähnliches. Genaugenommen waren es nur ein paar spärliche Bretterwände, unter einem Blätterdach aus Palmenzweigen, in denen er ungestört von den Löwen und den weißen Stränden träumte. Er hielt das Bild seiner Frau in seiner Hand, die schon lange verstorben war. Dies tat er nicht oft, da ihr Bild und die Erinnerung an sie, ihn schwermütig und einsam werden ließ. Er hatte sich sein sauberstes Hemd angezogen und sich müde auf das alte Bett gelegt und dann erzählte er schwerfällig von seinem großen Fang, dem mühseligen Kampf mit diesem Fisch, der ihm wieder etwas Stolz zurück gab. Sanft legte er das Bild seiner Frau auf seine Brust und faltete die Hände darüber. Er lag auf der Matratze aus alten Zeitungen und fing wieder zu träumen an, laut diesmal. Mit kaum hörbarer Stimme erzählte er Manolin von den Löwen, die sich träge unter der gleißenden Sonne auf dem weißen Sand räkelten, die ihm zublinzelten und ihn riefen, bis seine Stimme erstarb und er in der warmen Sonne bei den Löwen einschlief. Mit müden, traurigen Augen schaut sich Manolin in der Bodega um.

„Nichts ist mehr so, wie es war. Der alte Martin ist auch schon lange tot. Gott sei seiner Seele gnädig. Wie oft hat er dem Alten zu essen gegeben, ohne einen Cent dafür zu verlangen.“

Der bittere Geschmack von etwas Zusammengekochtem steigt in ihm hoch.

„Nichts ist mehr so wie es war, bis auf die tuschelnden alten Männer, die einmal jung waren.“ blickt er, andächtig vor sich hin lächelnd, zu den anderen Tischen hinüber. „Es sind nicht viele geblieben. Das Dorf war eh nicht sehr groß gewesen. Werden wohl nach Havanna gegangen sein. Nur ein paar Fischer sind noch geblieben, und die auch nur, weil sie schon immer Fischer waren und immer Fischer sein werden. Aber bei Gott, ich bin nicht gekommen um der alten Zeiten willen. Ich bin hier, weil ich ein Fischer bin, so wie die da. Und ich werde wieder gehen, weil ich nicht mehr zu ihnen gehöre“, erhebt er sich und geht hinaus, um sich schlafen zu legen.

So wie jeden Morgen haben ihn die ersten Sonnenstrahlen geweckt. Er hatte geträumt und