Manolis - Ralf Zoll - E-Book

Manolis E-Book

Ralf Zoll

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Beschreibung

Ralf Zoll erzählt mit seiner ersten Novelle nicht nur die Geschichte einer schillernden, höchst widersprüchlichen Persönlichkeit. Er eröffnet zugleich Einblicke in Kultur und Gesellschaft eines Landes, das in Teilen noch nicht in der Moderne angekommen ist und liefert zudem Erklärungen für die Ursachen, die zu der aktuellen existentiellen Krise Griechenlands geführt hat.

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Seitenzahl: 78

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Manolis

Eine griechische Tragödie

erzählt von

Ralf Zoll

Copyright: Ralf Zoll Verlag, Gemünden/Wohra, 2016

Inhalt
1 Eine viel zu lange Einleitung
2 Manolis, der Kreative
3 Manolis und die Musik
4 Manolis und die Frauen
5 Manolis und sein „Mickey-Mouse-Country“
6 Manolis und das Geld
7 Quellennachweise

1 Eine viel zu lange Einleitung

Er lag auf dem Rücken, die Hände auf der Brust verkrampft, in einer Art  Jogging- oder Hausanzug, fast wie aufgebahrt. Zwei Elektroanschlüsse hingen neben ihm von der Decke.Ivica hatte ihn so auf dem Bett in seinem Haus in Parthenon, einem kleinen Ort oberhalb von Neos Marmaras auf der Halbinsel Sithonia, gefunden, nachdem er zwei Tage nicht in Marmaras und auch weder über den Netzanschluss noch auf dem Handy zu erreichen gewesen war. Ivica hatte noch nicht viele Tote gesehen; dass Manolis tot war, stand für ihn außer Frage. Er telefonierte mit Jannis, der wiederum Christos und Nicos mobilisierte. Als auch sie sahen, dass Manolis tot war, entfalteten sie eine merkwürdige Hektik und durchkämmten alle Winkel des Hauses. Nach wenigen Minuten verschwanden die drei kurz, der eine mit einem   kleinen Bündel Geldscheinen, der zweite mit einer Plastiktüte, der dritte mit irgendwelchen Papieren. Erst dann haben sie zu viert die Polizei verständigt. Aus verständlichen Gründen erst jetzt. Ivica war Serbe. Zwar besaß er auch einen britischen Pass und er lebte schon seit Jahren in London, für ihn als Ausländer hätte es sicher Scherereien gegeben, zumindest einen erheblichen bürokratischen Aufwand, zumal ja bekannt war, dass Manolis viele internationale Kontakte pflegte, manche auch mit zweifelhaftem bzw. eindeutigem Leumund. 

Manolis Stratigakis, eigentlich Emanuel Emanuel Stratigakis, hatte ich 1976 in Griechenland kennen gelernt, kurz nach dem Fall des Militärregimes. Er war Sportkoordinator im gerade eröffneten Athos Palace auf Kassandra, wo wir nach einigen Jahren besonderer beruflicher Anspannung Urlaub machten, das erste Mal seit langem. Eigentlich verdanken wir die Griechenlandreise unserer Tochter Saskia. Sie war ernsthaft an einer Nierenbeckenentzündung erkrankt und benötigte, nachdem sie das Schlimmste überstanden hatte, dringend Erholung in einem wärmeren Klima als es Oberbayern um Pfingsten herum bieten konnte. Zu allem Unglück war auch noch mein Reisepass abgelaufen. Da ich, wie gesagt, zuletzt nicht an Urlaub zu denken gewagt hatte, war mir auch nicht aufgefallen, dass ich keine gültigen Papiere mehr besaß. Nur in einem kleinen Ort, in dem wir damals lebten, ist es wohl möglich, an einem Pfingstsamstag innerhalb von zwei Stunden Bürgermeister und Verwaltungsangestellte dazu zu bewegen, einen Reisepass zu verlängern, vorausgesetzt, sie sind an einem Samstagnachmittag überhaupt zu erreichen.

Es war die Zeit des Tennisbooms in Deutschland und auch wir, meine Frau Silke und ich, hatten uns davon anstecken lassen. Der Urlaub bildete die ideale

Gelegenheit, aus Anfängern fortgeschrittene Anfänger zu machen. Manolis, neben Sportkoordinator auch noch Tennislehrer, nahm uns unter seine Fittiche. Damit begann eine zeitweise intensive Freundschaft, die an jenem Tag im November 2003 endete als mich Ivica anrief. Dieser hatte wieder einmal unsere

Telefonnummer verschlampt und erst nur Dirk erwischt, den Mann von Saskia, also unseren Schwiegersohn. In Düsseldorf, bei Dirk und Saskia, hatte Ivica anlässlich eines seiner Fahrten im Mercedes seiner englischen Frau June von Halkidiki über Serbien nach London übernachtet und deshalb wohl Dirks Handynummer parat.

„Manolis ist tot. Wir haben ihn vor zwei Stunden gefunden. Wohl Herzinfarkt.“

Ich war völlig konsterniert. Mein letztes Telefonat lag allenfalls vier Wochen zurück. Es gab die ganzen Jahre keinerlei Anzeichen für eine Herzschwäche, eher im Gegenteil. Außer einer ausgeheilten Hepatitis, die er sich bei einem seiner „Ausflüge“ von Parthenon nach Thessaloniki zugezogen hatte, wo er zeitweise einige Apartments besaß, klagte er nur über kleine Wehwehchen, das aber häufig und mit Nachdruck, wie sich das für einen Hypochonder gehört. Die „Ausflüge“ dienten, wie er sich ausdrückte, meist „sexual purposes“. Aleka meinte, er sei Opfer der „käuflichen Liebe“ geworden. Das mit der Hepatitis lag schon Jahre zurück. Wieso also Herzinfarkt?

Ich rief Ivica abends zurück. Ob er jetzt Genaueres wisse?

Im Ort war Manolis zuletzt am Samstag gesehen worden, bei seiner Runde durch Neos Marmaras. Sie begann normalhin beim Supermarkt Enoussi, der von einem alten reizenden Ehepaar betrieben wurde, das seine Gastarbeitererfahrungen nicht in Deutschland, sondern in Frankreich gesammelt hatte und deshalb leidlich französisch sprach, was meine in Paris lebende

Schwägerin und ihre Lebensgefährtin nahezu entzückte, wenn sie wieder einmal Gastrecht in unserem Haus in Parthenon genossen. Auch an diesem Samstag erfolgte der übliche Wochenendeinkauf. Der jüngere Sohn des alten Ehepaares, Pavlos, der sich peu a peu anschickte, den Supermarkt zu übernehmen, berichtete später, dass Manolis über Unwohlsein geklagt und auch richtig elend ausgesehen habe. Nach dem Einkauf traf Manolis Nicos und Christos bei Gikas, eine der beiden Tavernen, die sich seit Jahren seiner Gunst erfreuten. Von Gunst lässt sich deshalb sprechen, weil Manolis es als Auszeichnung begriff, wenn er ein Lokal für würdig befand, ihn empfangen zu dürfen. Nicos und Christos bestätigten, dass Manolis schon am Donnerstag ihren Rat abgetan hatte, einen Arzt aufzusuchen. Neben Gikas, bei einem anderen Nicos, dem Computerspezialisten, übrigens der ältere Bruder von Pablos, hatte Manolis danach eine seiner alltäglichen Internetprobleme diskutiert, was im Schnitt wenigstens eine Stunde dauerte, danach im Souvenier- und Schmuckgeschäft „Antica“ von George einen Kaffee getrunken, „metrio“, also nicht zu süß, eben mittel, was ebenfalls ungefähr mit einer Stunde zu veranschlagen ist und schließlich beim großen Periptero am Strand, einem Kiosk, wie wir sie noch aus der Nachkriegszeit kennen mit den vielfältigen Funktionen auch jenseits des Einkaufens, sein Eis am Stiel und einen speziellen Tabak erworben, bevor er sich nach drei bis vier Stunden wieder auf den Weg zu seiner Akropolis machte, wie er sein kleines Haus oberhalb von Parthenon nannte, weil es eben oberhalb des Dorfes lag, allerdings nicht , ohne bei Karamitsos vorbei zu schauen, die zweite eben erwähnte Taverne, in der vor allem im Winter und der Nebensaison Oma Eleni wunderbare griechische Hausmannskost kochte, wunderbar, wenn man es etwas deftiger mag.

Es war so gegen 17 Uhr, am Samstag, als Manolis mit seinem Subaru, Subaru Nr. 2 um genau zu sein, am Haus von June und Ivica vorbeifuhr und, wie üblich, dreimal kurz hupte. Ivica hatte es nicht gehört, weil er, wie meist zu dieser Zeit, „Mittagsschlaf“ hielt, eine Angewohnheit, die auch Manolis viele Jahre nahezu zelebrierte, bis er dem Computer und dem Internet verfiel und sich deshalb die Nacht um die Ohren schlug, um die Chatrooms der US-Amerikaner nicht zu verpassen. Voller Stolz berichtete er mir an einem Septembernachmittag, als ich ihn im Büro von Christos aufstöberte, wo er sich wegen des Internetanschlusses – seiner Akropolis fehlten damals noch die nötigen Voraussetzungen wie Strom etc. – eingenistet hatte, mit dem für ihn Nötigsten wie Zahnbürste und Schlafsack, Essen lieferte Gikas von Gegenüber, berichtete er also, man, wer das auch immer war, man habe ihm im Chatroom XY den „goldenen Hammer“ verliehen, eine Auszeichnung für seine herausragenden moderierenden Diskussionsbeiträge. Unser Tennismatch am Abend verlief dementsprechend wenig aufregend. Er war kaum noch bei der Sache und lebte eigentlich nur von Internetnacht zu Internetnacht.

Das war allerdings schon zu einer Zeit, wo er bereits sein kleines Vermögen per Telefon verloren hatte. Manolis hatte einen reichen Onkel beerbt und seine beruflichen Tätigkeiten, zuerst eine Dozentur für englische Sprache an der Militärakademie in Thessaloniki und danach die des Sportkoordinators, eher als Hobby betrieben, zwar mit großem Geschick und besonderen kommunikativen Fähigkeiten, aber immer mit der Souveränität dessen, der auf Beschäftigung und verdientes Geld nicht wirklich angewiesen ist. Im Laufe der Jahre kannte er, wie man so schön sagt, Gott und die Welt. Ein Teil dieser Welt bestand aus Personen, die tatsächlich oder besser angeblich das ganz große Geld bewegten und natürlich auch verdienten, weitgehend durch die telefonische Vermittlung von Geschäften, vor allem auf den Finanzmärkten. Ich erinnere mich an einen Tag als er eine Telefonrechnung von umgerechnet 17 000 DM erhielt, die Folge eines Deals mit dem Volumen von 200 Millionen alten Kuwait-Dollars, der nie zustande kam, wie alle die Millionen- und Milliardenunternehmen, bei welchen er sich als zentrale Figur, als „anchor man“, verstand.

Er muss wohl auch kräftig übers Ohr gehauen worden sein, was den Verlust seines Vermögens auch zu einem Teil erklärt. Ich wurde zufällig Zeuge eines Telefonates, in dem er mit seinen guten Beziehungen zur bulgarischen und russischen Mafia drohte. Es ging damals, so konnte ich vermuten, um mehrere Schiffscontainer Zigaretten. An diesem Tag fiel die Verabredung zum Tennis gänzlich ins Wasser, weil die Telefonate kein Ende nahmen. Daran erinnerte ich mich wieder als mir die Begleitumstände nach seinem Tod durch den Kopf gingen. Zwar wurde ich im Jahr seines Todes nicht ein weiteres Mal Zeuge von entsprechenden Telefonaten, was natürlich nichts besagt, weil ich nur wenige Wochen in Griechenland verbrachte; ich nahm mir jedoch vor, in jedem Fall bei der nächsten Gelegenheit vor Ort nachzuforschen, wie die Kontakte in der jüngeren Vergangenheit ausgesehen haben. Im Nachhinein erinnere ich mich allerdings, dass er im April einen sehr nachdenklichen, traurigen Eindruck machte. Von mir darauf angesprochen antwortete er: „Ach, lass man gut sein.“ Ich vermutete wieder Geldprobleme und wollte deshalb nicht weiter in ihn dringen.

Christos, dem Manolis nicht nur den Kontakt zum Captain und damit anfangs auch einen sehr lukrativen Job als Architekt bei Projekten in Moldawien ver-