Mara und Aram - Ursula Arn - E-Book

Mara und Aram E-Book

Ursula Arn

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Beschreibung

Wie tief wirken die Spuren unserer Ahnen in uns? Und was geschieht, wenn wir beginnen, ihnen zuzuhören? In Mara und Aram entfaltet Ursula Arn eine poetische Lebensreise zwischen Erinnerungen und Erkenntnis, zwischen Vergangenheit und Sehnsucht, Alltag und Spiritualität. Mit leiser Wucht erzählt dieser Roman vom Älterwerden, von Frauen, die sich aus alten Mustern befreien, und von der Hoffnung, dass es nie zu spät ist für einen Neubeginn. Mit poetischer Klarheit erzählt Ursula Arn vom späten Erwachen einer Frau. Mara und Aram ist eine Geschichte über Liebe und Verlust, über die Sehnsucht nach einem Zuhause – und die heilende Kraft der Erinnerung.

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Seitenzahl: 311

Veröffentlichungsjahr: 2025

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1. Auflage 2025

Alle Rechte vorbehalten© copyright byRiverfield Verlag GmbH, Vorderbergweg 14153 Reinach BL, [email protected]

GPSR verantwortliche Person in der EUPROLIT Verlagsauslieferung GmbHSiemensstraße 16, 35463 [email protected]

Korrektorat & Satzihleo verlagsbüro – Dr. Oliver Ihle, Husum (D)

UmschlagRiverfield Verlag (created with generative AI)

Bildnachweis InnenblockRiverfield Verlag Art Gallery & Privatarchiv

Printed in Germany

ISBN 978-3-907459-29-4 (Print)

ISBN E-Book: 978-3-907459-30-0 (E-Book)

Denn seht Ihr, die Sünden der Väter sollen an den Kindern heimgesucht werden.

Shakespeare: Der Kaufmann von Venedig

In memoriamMarco

Man sieht die Sonne langsam untergehenund erschrickt doch, wenn es plötzlich dunkel ist.

Kafka

Die Welt ist dunkler geworden, denn ein Licht ist am Firmament erloschen.Ich klage, denn dein Stern ist verglüht.

Inhaltsverzeichnis
Impressum
Prolog
Eins
Dubrovnik, im Mai
Zwei
Schweiz, im Frühsommer
Schweiz, im November
Drei
Schweiz, im Dezember
Vier
Dubrovnik, im Mai
Rumänien, im August
Fünf
Dubrovnik, im September
Sechs
Dubrovnik, im Oktober
Schweiz, im Oktober
Sieben
Acht
Neun
Dubrovnik, im Mai
Zehn
Epilog
Über die Autorin

Prolog

Hört, ihr Herrn, und lasst euch sagen:Unsre Glock hat zwölf geschlagen!Zwölf, das ist das Ziel der Zeit!Mensch, bedenk die Ewigkeit!

Unser Leben währt 70 Jahre, und wenn es hochkommt, sind es 80. So steht es in der Bibel. Psalm 90 Vers 10.

Es gibt ein Land der Lebenden und es gibt ein Land der Toten. Dahin begebe ich mich jetzt.

Die mir zugestandenen 80 Jahre durfte ich weit überschreiten, aber empfehlen kann ich es nicht. Nur das bittere Ende wird verzögert und nicht die Blüte in der Mitte.

Heute ist meine vorbestimmte Zeit abgelaufen. Gemessen wird sie mit einer Zahl und diese ist nicht verhandelbar. Nun bereite ich Platz für ein neues Familienmitglied. Eins fehlt noch.

Seid nicht traurig. Wenn ihr mich sehen wollt, so schließt die Augen, und ich bin bei euch; wenn ihr mich hören wollt, so gebe ich Antwort, und am Ende eures Weges begegnen wir uns wieder. Das Land der Lebenden verbrachten wir zusammen. Jetzt suche ich das Land der Toten und schon bald glüht ein neuer Stern am Firmament.

Mein Leben verlief nicht schlecht. Weder Hunger noch Krankheiten plagten mich. Freunde, fürsorgliche Kinder und ein Mann, der mich liebte, umgaben mich. Und ich liebte meinen Mann. So definiere ich Glück.

Schon vor einer Weile wurden wir getrennt und seit Langem sehne ich mich danach, zu ihm aufzuschließen. Endlich hat die Zeit zwölfmal geschlagen, und ich klopfe an das Himmelstor.

Zwölf, das ist das Ziel der Zeit.Mensch, bedenk die Ewigkeit!

»Wer begehrt Einlass?«

»Die Seele eines sterblichen sündigen Menschen.«

»So komme sie herein.«

Eins

Die Zahl des Neuanfangs

Hört, ihr Herrn, und lasst euch sagen:Unsre Glock hat eins geschlagen!Ist nur ein Gott in der Welt,ihm sei all’s anheimgestellt.

Am Anfang war die Zahl. Sie existierte vor dem Wort und erst mit der Entwicklung bekam sie einen Laut. Einige sind im Einklang mit uns, andere im Widerspruch.

Ich bin die Eins, die Einzigartigkeit. Ohne mich werden keine anderen Zahlen multipliziert oder dividiert. Ich bin die Schöpferzahl, der Moment des Bewusstwerdens, das Führungssymbol »die Nummer Eins« und der unteilbare Baustein.

Als aufrechter Mensch, der Tratsch und Klatsch verabscheut, steht die Eins für Initiative, Impulse, aktive Gestaltung und Würde. Anleitungen befolgt sie ungern, hasst Einschränkungen und ist freiheitsliebend, verfügt über Willenskraft, bleibt ihrem Ziel treu und führt es durch. Im Beruf erreicht die Eins Führungspositionen.

Selbst als Einsiedlermönch in einer Klausur pflegt sie ihre Kutte und bindet den Gürtel korrekt. Sie beschützt die Schwachen, verteidigt die Hilflosen und trägt die Lasten anderer.

Zu lieben und geliebt zu werden ist ihre Luft zum Atmen.

Die Geburtszahl meiner Mutter war auch eine Eins, geht mir durch den Kopf. Ihr Wille geschehe, wäre ein passender Grabspruch für sie gewesen. Mit solchen Menschen kann ich besser umgehen als mit den professionell beleidigten und ihrem Leitspruch »Ach, ich weiß nicht«.

Ich bin dabei, ihr Grabfeld neu zu bepflanzen. Genau nach ihren Vorgaben. Anderenfalls, hat sie uns gedroht, steige sie aus dem Grab. Die Christrosen und Erika, die mich letzten Herbst so entzückt hatten, gehen den Weg, den wir alle einmal gehen, und werden durch Veilchen ersetzt. Keinesfalls dürften diese langweiligen, dafür so robusten rosa und roten Pflanzen benutzt werden, die rundum zu sehen sind. Das verstehe ich und halte mich daran.

Ich schließe meine Augen und spreche mit ihr. »Wie ist das so da oben?«, frage ich. »Sind die Geheimnisse, die dich beschäftigt hielten, inzwischen gelöst? Mittlerweile hast du sicher erfahren, wo das Bernsteinzimmer versteckt ist. Oder wer den Heiligen Gral in Händen hält. Verrätst du es mir?« Ihr Interesse galt der Mythologie.

Ein ganzes Leben an Erfahrungen und Wissen wird am Ende einfach ausgewischt. Nicht nur Gold, auch Bildung bleibt zurück. Nur die guten oder schlechten Erinnerungen an eine Person überdauern.

Dubrovnik, im Mai

Letzte Woche wurde ich 66 Jahre alt. Zahlen faszinieren mich, sie sind meine Freunde, aber eine Sechsundsechzig flüstert mir keine lieblichen Worte zu. Nur dass die Siebzig sich mit Riesenschritten nähert. Allerdings wäre das dann eine Sieben. Diese klingt melodiös, wohltuend. Jede Zahl hat eine Schwingung, die unser Dasein beeinflusst. Die Null dahinter steht für nichts. Ein Nichts, wie mich mein Exmann betitelte. Was bist du schon! Eine Null, ein Nichts. Und so meinte er es auch, denn Zahlen erzählen.

Hugo! Mein geschiedener Mann. Ich weiß nie, wann er mich aus dem Hinterhalt überfällt. Seine Verletzungen sitzen tief und kleben fest. Gerade noch bin ich zufrieden, da taucht aus der Leere eine Erinnerung auf.

›Verschwindet. Lasst mich in Ruhe!‹, würge ich die Gedanken ab. Doch sie kommen wieder.

Als chaotische Null, wie er mich nannte, sehe ich mich nicht. Eher zu strukturiert. Jedes Ding hat seinen Platz. Um mich herum halte ich alles blitzblank, und das ist gut so, denn ich lebe mit einem ehemaligen Berufssoldaten zusammen. Jedenfalls teilzeitlich. In Dubrovnik wohnen wir meistens im Hotel. Sein Zuhause ist irgendwo. Mal hier, mal da. Die Verwandtschaft ist groß. Er weigert sich, etwas Festes zu beziehen. Das auszuwählen überlässt er mir. Ihm alleine genügt eine gesicherte Garage für seinen Jeep und eine Feuerstelle auf dem Dach, meint er. Allerdings dürfte die Kaffeemaschine nicht fehlen.

»Du suchst uns eine hübsche Wohnung mit Blick aufs Meer. Machst du ja so gerne, nicht wahr? Und am Abend sehen wir der Sonne zu, wie sie im Wasser verschwindet.«

Er macht konkrete Pläne, während ich nur davon träume.

Vier Wochen lebe ich bereits hier und belaste seine Kreditkarte. Gerne würde ich diese Tatsache meinem Ex unter die Nase binden, denn einmal hat er mich in seiner besten Art darauf aufmerksam gemacht: »Der will doch nur dein Geld.« Damit hat er sein Geld gemeint.

Der Flieder zu Hause musste ohne mich verblühen, aber jeder Tag ist es wert. Den Regen, der fein und stetig fällt, bemerken wir kaum. Wir genießen unsere wieder auferweckte Liebe, unser Lachen, die Spaziergänge am Meer entlang in salzbestäubter Luft.

Gelegentlich schleicht sich ein leises Misstrauen ein, das ich aber nicht entschlüsseln kann. Wir kleben nicht aneinander, jeder geht auch mal alleine seine eigenen Wege, doch mit mir zusammen hält er sich am liebsten im Hotelgarten oder am Meer auf. Bemerkenswert für eine Person, die über zu viel Energie verfügt und diese hauptsächlich draußen abbaut. Meine eher spaßig gemeinte Frage, vor wem er mich verstecke, beantwortet er nur durch hochgezogene Brauen.

Auf meine Bitte hin hat uns Aram in einem Hotel einquartiert und die Villa gebucht, in der meine Großmutter in ihrer Kindheit die Ferien verbracht hatte. Meinen erschreckten Einwand: »Spinnst du? Viel zu teuer. Das kann ich mir nur für drei Tage leisten«, hat er abgewinkt.

»Meine Kreditkarte ist deponiert und wir bleiben. Es dauert so lange, wie es dauert. Am Ende eines Lebens wärmen uns schöne Erinnerungen und nicht ein gefülltes Konto.«

Das sieht mein Exmann ganz anders. Schon wieder hat er sich in meinen Kopf eingehakt. Warum endet jeder Gedanke bei ihm?

Mein Geburtstag, den ich nach Möglichkeit gerne zu Hause feiere, wird zu einem glücklichen Tag. Aram steht früh auf und übergibt mir einen selbstgepflückten Blumenstrauß, was in dieser von Steinen übersäten Landschaft eventuell bedeutet, dass er sich in fremden Gärten bedient hat.

Im rasanten Tempo reißen mir zu Ehren die Wolken auf. Blauer Himmel breitet sich aus, Sonnenstrahlen ergießen sich glitzernd über das Meer und lassen die Regenpfützen aufblitzen.

Die erschreckende Geburtstagszahl 66 wischt mein jugendlicher Partner mit einer Handbewegung weg. »Zweimal die Sechs. Du hast den Teufel auf deiner Seite und der spielt gut. Freu dich über die Möglichkeiten, die dir noch bleiben. Wir werden älter, so sind die Bedingungen. Du hattest eine gute Zeit, also hör auf zu jammern.«

Mit 58 Jahren ist es leicht, so zu argumentieren. Er ist noch weit vom Verfallsdatum entfernt, während ich meines bereits umkreise.

Oft wird mir versichert, ich sehe jung aus für mein Alter. Auch mein neuer Hausarzt meinte: »Ihre Werte sind besser als die mancher Vierzigjährigen.« Doch da bin ich skeptisch. Woher soll er diese Erfahrung nehmen? Für mich sieht er aus, wie wenn er gerade den Kindergarten beendet hat.

Leider lässt sich die drohende Sieben mit der angehängten Null nicht verleugnen. Meine Zellen widersprechen mir.

Das Altern ist ein gnadenloser Prozess und nie so unaufhaltsam wie zwischen dem 60. und 70. Lebensjahr. Cellulite breitet sich aus und die Falten vermehren sich trotz gewissenhafter Anwendung diverser Salben, die ewige Jugend versprechen.

Das Wissen nimmt zu. Das Leiden auch. Die Pfunde vermehren sich, dafür werden die Zentimeter weniger. Älter werden ist nichts für Schwächlinge. Hier tuts weh und da tuts weh, aber niemand hört dein Klagen. »Was hast du denn? Dein Blutdruck ist doch noch passabel für dein Alter. Ja besser wird’s nicht mehr.«

Das Altern nehme ich persönlich. Neidisch beobachte ich, wie Aram mit seinem Enkel im Park herumtollt. Mit letzter Kraft, so scheint es mir, rufe ich ihm zu: »Weiß seine Mutter, dass du ihn auf einen Baum setzt? Was hast du gegen eine gesicherte Schaukel?«

»Hier ist nichts sicher«, höre ich von einem Ast herab.

»Aber ein Zweijähriger auf einem Baum schon? In dem Alter muss er noch nicht den schnellsten Weg wissen, um hinauf zu klettern.«

Der Tag ist besonders schön. Klar, mit blauem Himmel, wie er sich nur am Meer zeigt. Die Landschaft hier ist karg. Flaches Nadelholz kriecht über den steinigen Boden. Der Rasen im Park verdankt seine noch gesunde Farbe der Jahreszeit und die Touristen überfluten uns in gemäßigter Zahl. Der Tsunami steht erst bevor.

Die Sonne ist weitergewandert und ich wechsle die Sitzbank. Die Zeiten sind vorbei, in denen ich mich grillen ließ. Die Folgen so wie auch die der zahlreichen Todsünden, für die wir heutzutage angeklagt werden, waren uns damals nicht bewusst. Jetzt warnen uns die Weltverbesserer täglich vor zu heißem, zu kaltem, zu trockenem, zu nassem Wetter, Waldbrand, Überschwemmung und steigenden Kosten. Nach Möglichkeit halte ich mich im Schatten auf. In dieser Hinsicht passe ich mich den Einheimischen an. In anderem versuche ich es, aber damit ernte ich nur Gelächter. Hier bin ich eine fremde Frau, nicht weiter beachtenswert.

Von meiner neuen Position aus blicke ich aufs glitzernde Meer. Unablässig rauscht die Brandung und die Möwen protestieren markerschütternd wie an allen Küsten. Eine angenehme Brise streichelt mich und riecht nach Salz.

Ich liebe dieses Land, die Pinien, die Düfte, das Licht, einen bestimmten Bewohner. Ihm verdanke ich, einer außergewöhnlichen Liebe begegnet zu sein. Anfangs musste sie geheim gelebt werden, denn sie verstieß gegen die Gesetze der Gesellschaft. Doch ist nicht genau das die Essenz, die sie so unvergleichlich macht? Verbotene Liebe ist in jedem Alter verzuckert.

Meine Aufmerksamkeit konzentriert sich auf den Mann, der sie mir ermöglicht hat. Auch Aram wurde vom Alter nicht verschont. Trotzdem ist er beeindruckend. Hart wie Stahl. Aber es sind auch noch andere Qualitäten, die mich umhauen. Immer noch erbebe ich unter seinen Händen. Wohin ich blicke, sehe ich Kraft, körperlich wie mental. Weiterhin trainiert er unbarmherzig, und was für ihn als Aufwärmübung gedacht ist, bringt andere an ihre Grenzen. Trotz der Lässigkeit, die er ausstrahlt, hat er seine Hab-Acht-Haltung nie abgelegt. Vom Militär abgerichtet zu agieren und reagieren. Man kann die Armee verlassen, aber die Armee verlässt dich nie.

Aram ist agil und mit einer wilden Schönheit gesegnet. Sein Haar trägt er lang genug, um es im Nacken zu bündeln, wie ich es liebe. Muskulöse Oberarme zeichnen sich unter einem weißen T-Shirt ab. Seinem Kleidungsstil ist er treu geblieben. Aus schwarzer Hose und weißem Hemd wurden schwarze Shorts und weißes T-Shirt.

Mehr und mehr silbergraue Strähnen sind in seinem blau­schwarzen Wuschelkopf eingezogen, die Augenbrauen markanter geworden und dazwischen thront eine kräftige Nase, die erzählt, wo seine Wurzeln haften. Erste Falten vertiefen sich, die ihn aber nicht stören. In seiner Kultur ist das Alter ein Geschenk, »alter Mann, alte Frau« wird als Ehrentitel geführt.

In westlichen Breitengraden pflegen sie das anders. Zwar schätzen sie unser angesammeltes Wissen und in der Not holen sie uns aus unseren Endlagern hervor, doch Achtung bringen sie uns nicht entgegen. Wir verbrauchten ihre Altersvorsorge, beschuldigen sie uns, wir seien zu langsam, werfen sie uns vor und sehen nicht, dass wir es sind, die die Abkürzung kennen.

Schon vor Corona pendelte ich zwischen der Schweiz und Dubrovnik hin und her, und Aram zwischen Dubrovnik und der Schweiz. Das ist die Abmachung, die wir trafen, bevor er wieder in seine Heimat zog. Mir gefällt das. Ihm nicht. Er versteht nicht, warum ich bei jedem Abschied weine und trotzdem nicht bleibe. Doch meine Wurzeln sind nicht hier.

Hier bin ich eine Fremde, eine Frau auf seinem Territorium. Hier hat er das erste Wort, das letzte auch. Damit hat sich eins der Bedenken bewahrheitet, die mich davon abhielten, zu ihm zu ziehen.

Die Schweiz ist mein Territorium und er respektiert unsere Mentalität. Hier gehört das erste Wort mir und nur das letzte ihm, meint er.

Die Kirchenglocke in der Altstadt schlägt einmal.

Hört, ihr Herrn, und lasst euch sagen:Unsre Glock hat eins geschlagen!Ist nur ein Gott in der Welt,ihm sei all’s anheimgestellt.

Aram kommt mit einer Energie auf mich zu, die reicht, um Bäume zu fällen. Der kleine Goran hüpft auf seinen breiten Schultern kreischend auf und ab. Seine genetischen Anlagen sind deutlich zu sehen, obwohl seine Mutter Schweizerin ist.

»Schau, Mara: So groß bin ich schon.« Stolz schaut er mich mit den Augen seines Großvaters an und haut ihm auf den Kopf. Sein Selbstbewusstsein ist immens, und doch wartet er auf ein Lob.

»Mara. Wir haben Hunger«, erklärt Aram und setzt sich großspurig auf die Bank.

»Ich nicht«, antworte ich und rutsche tiefer in eine bequeme Haltung.

»Schade für dich. Du kaufst, ich bleibe bei Goran.«

Er ist der Mann! Das Familienoberhaupt einer immensen albanischen Sippe. In Kroatien aufgewachsen, um militärisch ausgebildet zu werden.

Mein Oberhaupt ist er nicht.

Ich frage mich bis heute, warum er sich in mich verliebt hat. Aber ich bin froh darüber. Mit ihm zusammen zu sein ist ein Geschenk und der Preis dafür ist sein Patriarchat, das ich keinesfalls schweigend dulde.

Plötzlich ist der Tag unerträglich klebrig. Der Boden dampft in der Sonne und die Luft fühlt sich an wie ein heißer Deckel.

Aram greift mir in den Nacken und fragt: »Was ist los, was verdirbt dir den Tag? Sag es mir.« Er lächelt und die Wärme seiner Hand besänftigt mich. Aram ist die Ruhe selbst. Manchmal frage ich mich, ob sein Puls schon mal 30 Schläge überschritten hat.

»Deine Machoallüren machen mich wahnsinnig. Weißt du das?«, antworte ich.

»Natürlich weiß ich das. Wie könnte ich es nicht wissen. Du sagst es mir ja jeden Tag. Jetzt geh und besorge uns etwas, meine Liebe. Goran will …«

»Sicher nicht. Du gehst. Oder fürchtest du dich, dass dich jemand erkennt? Hast du noch eine Frau, die uns nicht zusammen sehen darf?«

»Nein.« Ein Freund von großen Reden ist er nicht. Ihm reicht ein Ja oder Nein.

»Nein? Einfach nur nein. Lohnt es sich nicht, mehr Worte zu verschwenden? Herrgott nochmal. Zum Glück ist die Rasse, die du vertrittst, am Aussterben. Bald wirst du der Letzte deiner Art sein und verhungern, weil du dein Essen nicht selber kaufen kannst«, zische ich. »Während du, Herr Kommandant im Ruhestand, Goran die Windel wechselst, fahre ich ins Hotel und lege mich auf die Terrasse. Alleine.«

»Verstanden. Goran die Windeln wechseln und du fährst ins Hotel. Ich bin Soldat und tue, was mir gesagt wird.«

Höchst zweifelnd schaue ich ihn an und erhebe mich.

»Ja, geh nur und genieße es. Nicht mehr lange, und es ist vorbei«, fügt er an.

»Wieso?«, frage ich aufgeschreckt. Werde ich ausgemustert? Seinen Anruf, der mich nach Dubrovnik katapultierte, habe ich nicht vergessen. Er warnt nie zweimal. Und redet nie zweimal über bereits Ausgesprochenes.

»Kannst du tausend Euro pro Nacht bezahlen?«, fragt er.

»Nein. Sicher nicht. Würde ich nie. Alleine der Gedanke, dass unser Kellner 800 Euro im Monat verdient, hält mich davon ab.«

»Schön von dir. Die Villa wurde von einer Luxuskette aufgekauft, die der Mafia gehört. Sie renovieren und danach verlangen sie tausend Euro pro Nacht.«

Was für ein Schlag. Ein Syndikat, das nicht an Gästen interessiert ist, sondern an der Gelegenheit, Geld zu waschen, vertreibt mich von hier.

»Ach komm, Mara, darüber zu weinen ändert nichts. Wenn etwas zu Ende geht, dann dreh dich um und blicke nach vorn.«

Aram hat die Geburtszahl Eins, wie ich.

Die Schöpferzahl, das Führungssymbol, die Nummer Eins. Anleitungen befolge ich ungern, hasse Einschränkungen und bin freiheitsliebend, verfüge über Willenskraft, bleibe einem Ziel treu und führe es durch. Zu lieben und geliebt zu werden ist meine Luft zum Atmen.

Wir sind beide Erste, was zwangsläufig zu Konflikten führt. Wenn dazu die Eins mit starken Alpha-Genen und einer Kultur gepaart ist, deren Fundament das absolute Patriarchat ist, wird die Partnerschaft zur Kampfzone. Er wird immer der Mann sein, den ich liebe, aber diese Liebe führt auch Streit mit sich.

Doch ich bin die Eins. Die Eins schafft das.

Mit ihrer Hilfe werde ich meine Ahnenlinie durchforsten, bis ich Antworten darauf finde, warum ich mich immer wieder zurückziehe. Woher kommt das Bedürfnis, wegzulaufen, und doch weiß ich nicht wohin? Warum kann ich Arams Liebe nicht vertrauen? Wieso verharrte ich an der Seite eines Narzissten und ertrug die gefühllose Art, mit der dieser mich betrogen und abserviert hatte?

Es ist an der Zeit, nach Hause zu fahren. Hier bin ich schon viel zu lange.

Wenn die Reise zu den Ahnen ein möglicher Weg ist, um herauszufinden, was die Ereignisse aus der Vergangenheit bei mir bewirken, werde ich ihn abschreiten.

Mit der Kraft der Eins werde ich meine Dämonen besänftigen. Vielleicht.

Zwei

Die Zahl der Polarität wie hell und dunkel

Hört, ihr Herrn, und lasst euch sagen:Unsre Glock hat zwei geschlagen!Zwei Weg hat der Mensch vor sich,Herr, den Rechten führe mich.

Numerologie ist die Lehre von der Bedeutung und Wirkung der Zahlen. Sie geht davon aus, dass jede Zahl eine bestimmte Schwingung hat und dass diese Schwingungen unser Leben beeinflussen.

Ich bin die Zwei, die göttliche und die weltliche Zahl, die Kraft des Männlichen und des Weiblichen.

Die Zwei ist die kleinste Primzahl und Grundlage der Zahlentheorie.

In der Philosophie und Spiritualität wird sie für Dualität und Gegensätze verwendet. Die »Nummer Zwei« ist ein Symbol für die zweitwichtigste oder unterstützende Person.

Die in der Zwei geborenen sind Träumer mit einer ausgeprägten Intuition. Sie fürchten das Unbekannte, fürchten Verluste, fürchten die Angst vor der Angst. Sie brauchen einen festen Wohnort, in dem sie sich in Sicherheit zurückziehen können. Ihr Hab und Gut nicht zu schützen wäre eine Todsünde. Glücksspiele verabscheuen sie, sind fantasievoll und doch nicht kraftvoll genug, um ihre Ideen umzusetzen. Sie sind romanisch veranlagt, sanft und zartfühlend und sorgen sich um das Wohlergehen ihrer Familie und Freunde.

»Da bin ich wieder«, begrüße ich das Grab meiner Mutter und nehme Platz im Kreis von vier Buchen, die etwa so alt sind wie unsere Stadt. Sie begrenzen einen Brunnen, dessen Wasser über einen moosbedeckten Stein plätschert. In ihrem Schatten verweile ich gern. Manchmal vergewissere ich mich, dass keine lebende Seele mich beobachtet, und lege mich auf die Bank. Dann sehe ich durch das Blätterdach aufblitzende Lichtpunkte. Wie Sterne.

Mein Plan wäre, hier unsere fortgeführte Lebensreise aufzuschreiben. Das Werkzeug dazu liegt bereit, nur schaffe ich es nie über die erste Seite. Dieser Zustand quält mich und stur versuche ich, mich durch Buchstaben zu kämpfen. Ohne Erfolg. Ich könnte ja so tun, als wäre es ein brillantes Werk, und weiterschreiben, obwohl jeder Satz, den ich verfasse, den Charme eines Schulaufsatzes hat. Das verstehe ich nicht. In Dubrovnik fiel es mir leicht, unsere Geschichte der Vergangenheit zu übergeben, indem ich sie aufschrieb. Es sind doch nur Schriftzeichen. Eins nach dem anderen setzen. So schwer kann das ja nicht sein.

Schweiz, im Frühsommer

Sechs Wochen dauerte mein Aufenthalt in Dubrovnik, sechs Wochen, bis ich flüchtete. Wortlos brachte mich Aram zum Flughafen. Dann ging er weg, und ich konnte nicht aufhören, ihm nachzusehen. Nicht Erleichterung, sondern Schmerz überfiel mich. Dieses ewig gleiche Muster musste vernichtet werden und ich wusste auch schon wie.

Ich würde einfach nicht wiederkommen.

Die nachfolgende Zeit war turbulent und die Nächte katastrophal. Im Schlaf kämpfte ich an allen Fronten. Besonders heftig waren die Träume – und auch immer öfters die Wirklichkeit – mit meinem Exmann Hugo. Mit drohender Haltung wurde ich verbal aufs Schlimmste angegangen.

Wenn ich meine letzten Jahre nicht als zitterndes Wrack verbringen wollte, musste ich handeln. Ich machte den ersten Termin bei Merle fest.

»Bist du sicher, dass dieser Weg mir hilft?«, fragte ich sie.

»Nein«, antwortete sie. »Aber wir können es versuchen.«

Jetzt liege ich auf ihrer bordeauxroten Couch, umgeben von gefüllten Bücherregalen und an die Wände gestapelten Bildern, und starre an die Decke. Wohl ist mir nicht dabei. Das hier ist nicht meine erste Hypnose und ich weiß, dass mir nichts geschehen wird, dem ich nicht zustimme. Trotzdem fühle ich mich wie im Wartezimmer einer Zahnarztpraxis.

»Bist du bereit für eine Reise zu den Wurzeln?«, fragt mich Merle. »Wir suchen nach ungelösten emotionalen Schmerzen, Traumata und negativen Muster aus der Vergangenheit.«

»Keine Ahnung, wie das funktionieren soll. Aber bitte. Dann erzähle ich halt, was mir aus alten Zeiten bekannt ist«, antworte ich.

»Wenn du unsicher bist, kannst du jederzeit zurückkehren. Das ist dir bekannt. Deine Augen sind geschlossen, du liegst in einer Position, in der du dich wohlfühlst. Dein Körper ist entspannt, die Atmung gleichmäßig und ruhig. Der Fluss der Gedanken verlangsamt sich. Ruhe und Frieden breiten sich aus.

Willkommen zu einer Reise in die Vergangenheit.

Willkommen zu einer Reise in die Tiefen der Zeit.

Sei eingeladen, dich von der Geschichte deiner Familie zu erlösen, die sich in den Zellen, im Denken und Fühlen widerspiegelt und sie negativ beeinflussen.

Öffne dich, weite das Bewusstsein, trete ein in einen Raum, in dem Zeit keine Bedeutung hat, und verbinde dich mit deinen Ahnen.

Sieh vor deinem inneren Auge ihre Geschichte und lass sie mich wissen. Was nimmst du wahr? Was möchtest du mir erzählen?«

***

»Ich erzähle dir von der Nichte meiner Urgroßmutter«, antworte ich, ohne nachzudenken.

Geboren wurde sie in Wien im zweiten Planeten am 1. Januar 1872, zugeordnet der Lebenszahl Zwei. Ihr Name war Olga und sie hatte einen Plan.

†Olga1.1.1872–30.1.1890Hier ruht unsere Tochter.Sie hat einen anderen Weg gewählt.

Lange bevor der Nachtwächter die Zwei rief, lag sie wach und zählte die Sekunden. 21, 22, 23 … bald eine Minute, dann eine Stunde. Einatmen, Ausatmen. Erste Zweifel kamen und Panik breitete sich aus, denn in dieser Nacht hatte sie die Absicht, aus der Blase auszubrechen, in der junge Mädchen nur einen Lebenszweck anstreben durften: eine passende Heirat einzugehen, um damit das Patriarchat ihres Vaters an ihren Ehemann zu übergeben.

In ihren Kreisen verheirateten die Eltern ihre Töchter an den Meistbietenden. Wobei die Währung nicht aus Münzen, sondern aus Titeln bestand. Sie wurden nie mündig, nur entmündigt und hatten ausschließlich eine Aufgabe: das Familien­erbe weiterzugeben.

Doch Olgas Geliebter würde sie davor bewahren und sie in dieser Nacht entführen. Lange war er unsichtbar geblieben. Die Verzweiflung stürzte sie in tiefste Dunkelheit und sie weinte, bis keine Tränen mehr vorhanden waren, nur unerträgliche Leere.

Seit zwei Tagen war die Zeit der Demütigung vorbei, denn Sándor hatte ihr durch ein Dienstmädchen ein Schreiben aushändigen lassen. Mit zitternden Fingern hielt sie sich am Papier fest und las, dass sie am 30. Januar 1890 zusammen an einen besseren Ort reisen werden. Sie solle dafür sorgen, dass um zwei Uhr nachts der Zugang zum Haus möglich ist.

»Ich wusste, dass er uns nicht im Stich lässt! Übermorgen werden wir ein neues Leben beginnen, mein Puppele. Papi kommt«, erklärte sie ihrem Sohn David und tanzte entzückt mit ihm durchs Zimmer. Das Baby quietschte erfreut.

Es war ihre letzte Nacht im vertrauten Kinderzimmer, was sie doch ein wenig schmerzte.

Olga versuchte zu packen. Nie zuvor hatte sie Wäsche zusammengefaltet. Weder gelang es ihr, das Nötigste in eine kleine Tasche zu stopfen, noch wusste sie, was eine Dame so brauchte. Wenn die Familie verreiste, packten die Dienstboten Kiste um Kiste und etliche Kutschen wurden damit beladen. Sándors Pläne waren ihr nicht bekannt. Sie träumte von einem romantischen Leben in einer fernen Metropole mit ihren Bällen, Opern und Einladungen.

Oder vielleicht ein abgelegener Landsitz in Transsilvanien, wo sie zu dritt ungestört ihre Liebe ausleben durften? Wo ihr Held erfolgreich von der Jagd nach Hause stürmte und sie mit glühenden Augen in die Arme riss.

Neben ihr lag ihr gemeinsamer Sohn David, der sie seit zwei Monaten nachts wachhielt. Eine Amme, wie es in ihrem Stand üblich war, wurde ihr verwehrt. Mutter hatte Nein gesagt, und ihr Wille galt als unumstößlich.

Dieses »Nein« war das erste Wort, das sie seit Wochen mit ihr gewechselt hatte. Mama hasste sie, denn durch ihre Schwangerschaft wurde der Zugang zu adligen Kreisen verunmöglicht. Eine Gesellschaft ächtete sie, für die Olga nichts übrighatte und die sie in dieser Nacht zu verlassen beabsichtigte. Das alternative Leben war ihr unbekannt und sie wusste nicht, wie privilegiert sie in ihrem Luxus lebte. Der Adel führte ein Dasein in einer absoluten Blase. Ihr wunderschöner Geliebter hatte ihr versprochen, einen Weg zu finden. Ihr Mann! Wenn sie an Sándor dachte, wurde ihr Herz warm. Sie liebte ihn so sehr.

Erste zarte Regentropfen klopften ans Fenster, und bald wurden sie zu Trommeln. Das vereinfachte Olgas Plan. Bei Regen zeigte sich Mutter nur selten und würde ihre Tochter nicht vermissen. In sieben Stunden würde die Kammerzofe im Schlafzimmer ihrer Mama die Vorhänge öffnen und melden. »Gnädige Frau, es regnet. Bleiben Sie im Bett und ruhen Sie sich aus.«

Ausruhen wovon? Von der anstrengenden Pflicht, sich durch einen weiteren Tag zu schleppen und dabei aus Langeweile depressiv zu werden? Olgas Klavierübungen zu überwachen? Zwei Stunden täglich wurde sie dazu gezwungen, denn es war wichtig, ihrem zukünftigen Mann Unterhaltung zu bieten. Mit Klaviersonaten? Aber Sándor fand, niemand spiele so vollendet und sehe dabei so entzückend aus wie sie.

Mutter hatte sie rufen lassen, als er im Blauen Salon seine Aufwartung machte. Wenn Besuch erschien, gehörte es zu den Pflichten der Töchter aus gutem Hause, den Tee zu servieren. Nach genauem Protokoll. Servieren, aber schweigen. Schön sein, aber unsichtbar bleiben.

Sándor war ihr Cousin aus Ungarn, und seit Kindertagen hatten sie sich nicht mehr gesehen. Damals hasste sie sein arrogantes Auftreten und hatte ihn deswegen solange provoziert, bis er sie wütend durch den Garten gejagt hatte. Wie ein Baby hatte er sie behandelt und gedroht, ihren Puppen den Kopf abzuschlagen. Doch jetzt pochte ihr Herz spürbar in seiner Gegenwart. Sein um die Schulter geworfener Umhang betonte seine breiten Schultern und ließ auf einen trainierten Körper schließen. Es war nicht allein sein Äußeres, das sie in den Bann zog. Seine Aura verströmte Präsenz, und eine männliche Kraft ging von ihm aus, unverfälscht und schnörkellos. Ein neues Gefühl, das sie nicht kannte, verwirrte sie und sie wusste nicht, wohin sie blicken sollte.

Die Schule hatte sie bereits abgeschlossen. Dort wurde ihr beigebracht, wer wie lange welchen Adelstitel trug, züchtig zu lächeln, den Fächer im richtigen Moment einzusetzen, den Tee vollendet einzuschenken und das Personal zu übersehen. Ansonsten waren ihre Aufgeben nicht weiter erwähnenswert. Und noch weniger ihre Schulbildung, denn beim Adel zählte nicht, wohin man ging, sondern woher man kam.

Nicht einmal ihre Prinzen leuchteten mit Bildung, nur mit Arroganz. Ausgenommen Kronprinz Rudolf. Schwermütig wartete er auf seine zukünftige Bestimmung. Noch hatte er nichts aufzuweisen außer ein blendendes Aussehen und eine Schar junger Mädchen, die ihn anschmachteten. Nur wenige wussten, wie intelligent, wie heimlich gebildet, wie ausgearbeitet seine Pläne für die Moderne waren. Sein Vater weigerte sich, etwas davon anzuerkennen. Lieber verpasste er, rechtzeitig zu handeln, und läutete damit das Ende des tausendjährigen Römischen Reiches ein.

Große Erwartungen hatte das Volk in ihren jungen Kaiser Franz gesetzt, der seinen Onkel, Kaiser Ferdinand I. von Österreich, mit nur 18 Jahren abgelöst hatte. Er hatte eine hervorragende militärische Ausbildung hinter sich und es mangelte ihm weder an Kraft noch an Geschick im Umgang mit den Waffen. Mit seinem trainierten Körper machte er gute Figur im Waffenrock, in dem er sich mit Vorliebe kleidete. Wie glücklich waren sie anfangs mit ihm und sie sahen so entzückend aus, dieses prachtvolle Kaiserpaar mit ihrem süßen Töchterchen. Vier Kinder gebar die Kaiserin, und nur zwei überlebten die Eltern.

Olga fand es bohrend langweilig, wenn Mutter Besuch empfing. Im Blauen Salon. Sie hatte neue Vasen gekauft, passend zum Teeservice, kobaltblau, die Farbe der Könige und unsäglich teuer, aber erst jetzt hielt sie den Salon für vorzeigbar.

Hier traf Mama ihre Freundinnen. Zusammen unterhielten sie sich über ihre Stickereien oder beschworen die Vorzüge ihrer Söhne, die allesamt eine Offizierskarriere anstrebten. In jeder Monarchie war das Militär die tragende Kraft, und Kriege eine Chance zur Expansion, bei der Menschenleben nichts zählten.

In einer Zeit, in der für den Adel kaum anderen Möglichkeiten existierten außer der Landwirtschaft oder Armee, war ein Offizierspatent eine gute Wahl. Dazu benötigten sie keine herausragenden Fähigkeiten. Kraft ihrer Geburt waren sie unantastbar. Nur der Name war von Bedeutung, und wenn der nicht reichte, suchte man sich eine besserstehende Braut.

Der Lebensstandard des Adels war teuer und oft rettete nur noch ein vermögender Schwiegersohn die Familie vor dem Ruin. Das junge Mädchen brauchte einen Gatten und er einen Titel.

Ledig zu bleiben war eine Schmach für eine Frau und wenn sie über kein Vermögen verfügte, stand bestenfalls der Weg einer Gouvernante oder Haushälterin offen.

Olgas Mutter war nicht in der Lage, mit einem makellosen Sohn anzugeben, und so schwieg sie verbissen, wenn ihre Freundinnen sich über alles und nichts ausließen. Sie hatte nur dieses eine Kind vorzuweisen, das sie verabscheute. Genau so, wie ihre Großmutter sie gehasst hatte und sie Olga mit Verachtung strafte.

Wenn Olga den Blauen Salon mit dem Teewagen betrat, heuchelten ihre Besucherinnen Interesse: »Ihre Tochter, Frau Baronin, ist vollkommen. Schön wie ein Engel.«

»Aber nein, sie ist viel zu dünn«, antwortete die Mutter. Ihr Mund verzog sich, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. In der Gesellschaftsschicht, in die sie hineingeboren waren, gehörte zu einer guten Partie vollendete Schönheit. Obwohl Olga ein anmutiges, fast ätherisches Erscheinungsbild zeigte, entsprach sie nicht dem damaligen Ideal. Ihr Haar war braun, nicht blond, ebenso ihre Augen braun, nicht unschuldig blau.

»Beherrscht sie das Pianoforte immer noch so grandios? Bitte beehre uns mit deiner Kunst, allerliebste Olga.«

Die Baronin unterband entsetzt: »Oh Gott, nein. Auf keinen Fall. Dieser Quälerei wollt ihr euch nicht aussetzen. Kind! Wie oft muss ich dir noch sagen, du darfst die Stirn nicht verziehen. Davon bekommst du Falten. Wie soll ich so eine gute Partie für dich finden! Niemand wird dich auswählen. Siebzehn Jahre und noch kein Anwärter«, sagte die Mutter. »Deine ältere Schwester wäre von den Offizieren umschwärmt worden. Sie war so schön, so reizend, und nie respektlos. Ein Elend, dass die bessere Tochter sterben musste. Weißt du, was es für eine Mutter bedeutet, am Bett ihres Kindes zu sitzen und zu hören, wie sie das Leben aus dem Leibchen hustet?«

Sie warf Olga anklagende Blicke zu. »Setzt dich gerade hin! Nimm die Schultern zurück! Wenn du dir nur ein bisschen Mühe geben würdest, wärst sogar du verheiratet. Aber wer bist du schon? Ein Niemand.«

Olga zuckte zusammen. Weil es ihr nicht gelang, ihre perfekte Schwester zu ersetzen, wurden die Demütigungen immer heftiger. Doch sie erkannte, dass die Schuld bei ihr lag. Würde sie sich öfter anstrengen, niedlicher wirken, zerbrechlicher …

Die geeignete Partnerwahl trafen die Eltern und der junge Mann, der oft nicht mehr allzu jung war, weil er sich zuerst die Hörner abstoßen durfte. Wie erwartet eignete er sich etliche Geliebte an und legte diese nach der Heirat nicht unbedingt ab. Eine Selbstverständlichkeit des privilegierten Adels. Zudem bezeugte eine Mätresse, dass man über Mittel verfügte.

Dazu schwiegen die Frauen. Es war einfach so. Sie erfüllten ihren Zweck, indem sie einen Stammhalter gebaren und zur Sicherheit gleich mehrere Kinder darüber hinaus. Vorzugsweise männlich.

Doch einige wurden auch gezwungen, Töchter in Kauf zu nehmen.

Pflichtbewusst, und nichts weiter als das, öffnete die Baronin sechs Monate nach der Geburt von Olga die Verbindungstüre zum Schlafzimmer ihres Herrn Gemahls. Der Fortbestand des Hauses musste gesichert werden. Pflichtbewusst, und nichts weiter als das, begann ihr Ehemann mit seiner Arbeit. Er brauchte einen Nachkommen. Durch welche Adern sollte sonst sein kostbares Blut fließen?

Leider ohne Erfolg. Keine Seele spürte den Wunsch, zu ihnen zu stoßen. Sophie musste zusehen, wie eine Freundin nach der anderen Söhne zur Welt brachte und diese zu strammen Erben heranwuchsen, während sie nur die Aufgabe besaß, dafür zu sorgen, dass kein Hauch eines Skandals die Familie berührte. Alles durfte sich der Adel leisten, außer Schande.

Damit ihre Töchter keine Gelegenheit hatten, einen eigenen Willen zu entwickeln, wurden sie möglichst jung verheiratet. Diese Aufgabe befolgte jetzt Olgas Mutter. Wie ein Drache verteidigte sie die Moral der Familie und nichts ließ sie von dieser Mission abbringen, während Olga entschlossen war, einer arrangierten Heirat zu entrinnen.

Sie träumte von der Liebe, wie sie es in den verbotenen Romanen gelesen hatte. Sie verstand nicht alles davon, wusste nicht, was zwischen Mann und Frau geschah, nur dass der Mann die Frau auf Händen trug.

Die in der Zwei Geborenen sind Träumer, sind romantisch veranlagt, sanft und zartfühlend.

Sie sah sich, wie sie auf dem Landgut ihres Gatten im Schatten eines Apfelbaumes selig verliebt auf einer Decke saß, umgeben von einem süßen Baby und mehreren folgsamen Kleinkindern. Sollten sich die Kinder unangenehm bemerkbar machen, warteten Kindermädchen in Sichtweite.

Der Mann ihrer Träume hatte sich bereits angekündigt. Im Blauen Salon. Noch nie hatte sie ein so tolles Mannsbild gesehen, umwerfend attraktiv sah er aus in seinem roten Uniformmantel, mit Pelz umsäumt und von einer Kette über der Schulter gehalten. Mit ungarischem Stolz und Temperament war er hereingestürmt und hatte beide Hände ihrer Mutter ergriffen: »Liebste Tante Sophie: Wie angenehm, Sie zu sehen. Und dazu an einem so herrlichen Tag.«

Mama hatte unter ihrem Stand einen habsburgischen Baron geheiratete und ließ das ihren Gatten häufig wissen. Sie stammte aus der Volksgruppe der Magyaren aus Ungarn. Stolze und kämpferische Reiter, denen Osteuropa die Vertreibung der Osmanen verdankte und deren Heerführer für ihre Verdienste geadelt wurden.

»Ja, liebster Sándor. Was für ein wunderbarer Tag! Wie geht es meiner geliebten Schwester?«

»Sie ist wohlauf und lässt Sie grüßen, liebste Tante.«

»Wie überaus erfreulich«, antwortete die Baronin. »Erinnerst du dich an deine Cousine Olga?«

»Ja. In der Tat. Aber ich ahnte nicht, dass sie so anmutig erblüht ist. Wunderschön wie eine Rosenknospe.« Sándor beugte sich tief über Olgas Hand und deutete einen Kuss an. »Mein Kompliment.«

Die ihm von seiner Mutter aufgezwungenen Besuche schienen bedeutend interessanter zu werden.

Olga, die sonst das Geschnatter nur mühsam ertrug, fand, dass jedes Wort dieses hochgewachsenen Leutnants von höchstem Niveau zeugte. Durch die Abstammung eines Volkes, von denen erzählt wurde: »Geboren auf einem Pferd, getragen und gestorben von einem Pferd«, besaß er die Kraft eines Athleten, sein Duft sprach von Männlichkeit und Gesundheit. Seine Haare glänzten so seidig wie der Hermelinpelz seines Kragens, der von einem höheren Rang zeugte. Sein Gesicht war unregelmäßig genug, um umwerfend attraktiv zu sein, seine Augen braun, bernsteinfarbig, leuchtend bernsteinfarbig, und sein Lächeln reichte aus, ihr den Atem zu rauben. Und dann dieser sinnliche Mund. Beim Servieren des Tees zitterten Olgas Hände. Als dabei die Wärme seiner Finger auf ihre Haut überging, beschleunigte sich ihr Herzschlag und sie war verloren. Nachts in ihrem Bett holte sie sein Bild vor ihr inneres Auge und durchlebte erneut diesen wohligen Stromstoß. Immer und immer wieder.

Es war Februar im Jahr 1889 und bitterkalt, aber erste Sonnenstrahlen drangen bis zur neu erbauten Ringstraße durch.

Hier standen die Häuser nicht so eng beieinander wie in der übrigen Stadt. Dass dabei die Arbeiter und Händler ihre Grundlagen verloren hatten, spielte keine Rolle. Der Kaiser ließ die mittelalterliche Stadtmauer abreißen, entfernte Arbeiterquartiere mit ihren Lohnarbeitern, Händler mit ihren Buden und ersetzte sie durch Prachtbauten. Er bereitete Platz für eine Straße rund um seine Residenz. Die Ringstraße. Angeblich breit genug für die Feuerwehr oder militärische Paraden wurde sie gebaut.

Doch insgeheim ermöglichte er damit ein zügigeres Vorankommen seiner Leibgarde. Die Bedrohung für sein Leben durch die ungarische Revolution 1848 hatte er nicht verarbeitet. Die Ungarn kämpften wie die Berserker und hielten sich trotz Unterzahl tapfer. Erst mit Hilfe russischer Truppen konnte er den Aufstand blutig niederschlagen. Europas königliche Heiratspraktik kam zum Zuge. Alle waren sie ja irgendwie miteinander verwandt und verpflichtet, dem Cousin oder Schwager oder Onkel … zu helfen.