Maralinga - Pfade der Träume - Judy Nunn - E-Book

Maralinga - Pfade der Träume E-Book

Judy Nunn

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Beschreibung

Eine Liebe auf Leben und Tod 1956: Kaum ist Journalistin Elizabeth dem jungen Daniel begegnet, muss er nach Australien. Er darf ihr nichts über seine Aufgabe in der Wüste von Maralinga sagen - auch nicht über das Unrecht, das dort geschieht. Aber Elizabeth macht sich selbst dorthin auf. Sie stößt auf ein Geheimprojekt, das nicht nur die uralten Traumpfade der Aborigines zu vernichten droht, sondern die ganze Welt aus den Fugen heben könnte.

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Seitenzahl: 644

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Judy Nunn

Maralinga - Pfade der Träume

Roman

Aus dem australischen Englischen von Marion Balkenhol

Fischer e-books

Für Justine

Sein Name ist Amitu, und er ist ein Kokatha aus der südlichen Wüste des Landes der Vorfahren. Er steht allein da, die Sohle des rechten Fußes ans linke Knie gedrückt, den Speer in der rechten Hand, der ihm das perfekte Gleichgewicht verleiht. Er wartet. Seit dem Morgengrauen wartet er, fühlt aber keine Müdigkeit; er ist ein starker Mann, Vater zweier strammer Söhne, ein ausgezeichneter Jäger und in seinem Stamm hoch geschätzt. Jetzt aber ist er weit entfernt von seinem Stamm. Viele Tagesmärsche trennen ihn vom Süden.

Im Traum hat die Regenbogenschlange Amitu zu den heiligen Felsen gerufen. Zehn Tage lang ist er nach Norden gezogen und dabei einem der zahlreichen Tjurkurpa-Pfade gefolgt, die nach Kata Tjuta und Uluru führen, und jetzt steht er in Pitjantjatjara, knapp einen Tagesmarsch vom Mutterfelsen aller Menschen entfernt. Die Geister wollen nicht, dass er noch weiter geht. Er weiß, dass er hier an diesem Wasserloch warten muss.

Nicht der leiseste Windhauch regt sich an diesem Tag. Das Land ist ein glatter, roter Teppich, und die Blätter der Wüstenweide hängen reglos und schlaff über dem fast ausgetrockneten Wasserloch. Die Sonne steht hoch am Himmel, die Hitze brennt, und alles ist atemlos still. Kein Vogel fliegt über ihm, kein Insekt wirbelt Staub auf, kein Tier raschelt im harten Gras in der Nähe.

Das Land wartet, denkt Amitu. Die Geister sind nah. Er spürt ihre Gegenwart und hat seine Atmung auf ein Minimum reduziert, alle Gedanken aus dem Kopf vertrieben, um die Geister zu empfangen. Er ist wie in Trance, dennoch vermag er die aufkeimende Angst nicht zu ersticken. Was ist, wenn die Geister mamu sind? Im Grunde seines Herzens glaubt er, dass die Regenbogenschlange ihn nicht gerufen hat, um ihn zu vernichten, denn er hat kein Unrecht getan, durch das er die Strafe böser Geister auf sich ziehen würde. Trotzdem fürchtet er sich.

Jetzt sieht er sie, von Westen her über die wellenförmigen Sandebenen kommend, dunkle Schatten, die in der wabernden heißen Luft tanzen. Sie kommen näher. Immer näher, bis sein gesamtes Blickfeld mit ihren tanzenden Gestalten ausgefüllt ist. Sie singen, während sie ihn umzingeln, und ihre Stimmen sind der Gesang des Landes selbst, das Echo allen Lebens. Züngelnden Flammen gleich umfangen sie seinen Körper, und das Lied, das sie singen, hüllt seinen Verstand ein. Amitu wird verschlungen. Aber er fürchtet sich nicht mehr. Er freut sich. Diese Geisterwesen sind nicht mamu. Sie sind freundliche Geisterwesen, die ihm Gutes wünschen.

Ho! Amitu, du bist geduldig,

wartest schweigend mit deinem Gesang,

wir sind vom Träumenden Wesen,

bringen dir den neuen Gesang.

 

Tanzen vor dir und um dich herum.

Lausche unserem tanzenden Gesang.

Tanze in uns, tanze mit uns,

Amitu, lerne diesen tanzenden Gesang.

 

Amitu, lerne diesen Gesang der Warnung.

Lehre deine Kinder diesen neuen Gesang.

Ho! Amitu, lehre Anangu,

lehre sie alle diesen Schicksalsgesang.

Amitu überlässt sich den Geistern. Er schließt sich ihrem Corroboree an, tanzt und singt, bis der Abend anbricht, immer weiter, die ganze Nacht hindurch. Er wiederholt den Gesang, der ihm beigebracht wird, das Lied von den Sieben Sternen, das ihm die Geistwesen vorsingen. Er versteht den Sinn des Liedes nicht, fragt aber nicht nach seiner Bedeutsamkeit. Immer wieder singt er die Wörter, bis er jedes einzelne auswendig kann.

Den ganzen nächsten Tag tanzt und singt Amitu. Dann, als die Sonne untergeht, verliert er das Bewusstsein, und die Geistwesen kommen im Traum zu ihm. Eins nach dem anderen kniet neben ihm nieder, und er hört zu, wie sie ihre Prophezeiung singend vervollständigen.

Die Geistwesen in Amitus Traum sagen eine Reihe von katastrophalen Ereignissen voraus, die in ferner Zukunft über das Land und seine Einwohner hereinbrechen werden. Zu einer Zeit, in der Männer mit weißer Haut die Welt der Kokatha bewohnen werden, die Welt der Pitjantjatjara und Yankuntjatjara, sowie vieler anderer, die durch das Land der Vorfahren streifen.

Sieben Sterne werden geboren, erzählen die Geister Amitu: sieben Geburten, und eine jede wird die anderen an zerstörerischer Kraft überbieten wollen. Licht wird aufblitzen, so hell, dass alle, die direkt hineinschauen, ihr Augenlicht verlieren werden, und jeder in den Himmel aufsteigende Stern wird eine Wolke aus Geburtsstaub nach sich ziehen, der alle tötet, auf die er fällt.

Die Geistwesen sagen voraus, dass die Erde verflucht werden wird, eine kahle Landschaft, in der kein Geschöpf überleben kann. Denn diese Sterne, so sagen sie, sind mamu. Diese neugeborenen mamu werden große Macht besitzen und vielen aus Amitus Volk den Tod bringen. Auch die Ungeborenen aus Amitus Volk werden sterben und dem Geburtsstaub zum Opfer fallen. Und das Land selbst wird mamu werden.

Amitu erwacht und ist allein. Er weint um sein Volk. Er streckt die Arme aus und fleht die Geistwesen an, bei der Großen Schlange Fürbitte einzulegen und sein Volk zu retten. Alles ist still. Er weint, und der Wüstenstaub trinkt seine Tränen.

Eine Brise bewegt die Blätter der Weide. Das Gras raschelt, und er vernimmt die Stimmen der Geistwesen, herangetragen vom Wind:

Das Lied, Amitu. Lehre deine Kinder das Lied von den Sieben Sternen. Du hast die Wörter dieses Tanzliedes gut gelernt. Einer, der weder gedemütigt noch verflucht werden kann, wird den Staub von dem Land schütteln. Ein Kind deines Volkes muss dieses Lied singen, Amitu. Erst dann werden die mamu ihren Griff lockern.

Erstes Buch

Eins

Elizabeth konnte die Begeisterung ihres Vaters für Oleander nicht begreifen.

Alfred Hoffmann war von London in die grüne Grafschaft Surrey gezogen, in der prächtige Blütensträucher aller Arten gediehen, und doch hatte er sich entschieden, im imposanten Wintergarten an der Rückseite seines Hauses ausschließlich Oleander zu züchten. Einen wahren Wald aus diesen Pflanzen, in allen Formen und Größen. Einige blieben zarte Büsche, während andere bis fünf Meter in die Höhe schossen und mit ihren ledrigen Blättern an der gewölbten Kuppel des Wintergartens entlangstrichen. Ihre rosafarbenen und weißen Blüten waren nicht unattraktiv, insgesamt aber bot sich dem Betrachter ein Bild der Unordnung. Die Pflanzen waren unansehnlich, das war nicht zu leugnen, und passten überhaupt nicht zur Landschaft ringsum.

Elizabeth fand das alles verwirrend. Solange sie denken konnte, war ihr Vater Geschäftsmann gewesen, noch dazu ein äußerst erfolgreicher. Wenn er in seinem Vorruhestand ein Interesse für Gartenbau entwickelt hatte, was an sich schon überraschend war, warum beschränkte er sich dann nur auf eine Sorte? Und warum eine so einfache Pflanzenart wie Oleander, die für manche nicht viel mehr war als ein schädliches Unkraut – womöglich sogar giftig, wenn sie ihrem Kollegen bei der Zeitung Aldershot Courier-Mail Glauben schenken wollte.

»Kau bloß nicht auf den Blättern, Elizabeth«, hatte Walter sie in einer Teepause am Nachmittag gewarnt, »dir wird am Ende hundeelend.« Sie hatte gelacht, doch er hatte ihr versichert, dass er es ernst meinte.

»Was um alles in der Welt findet Daddy bloß an Oleander?«, fragte sie schließlich ihre Mutter.

»Ich habe keine Ahnung.« Marjorie Hoffmann hatte das eigenwillige Verhalten ihres Mannes fraglos hingenommen, wie immer. »Vielleicht liegt es an seiner Reiselust.« Sie bemerkte den verwirrten Blick ihrer Tochter und vollzog ihre typische, vage Handbewegung, als dirigiere sie einen Himmelschor. »Ich meine, sie sind so … mediterran, findest du nicht?«

Mutter und Tochter waren sich äußerlich sehr ähnlich. Beide waren überdurchschnittlich groß, hatten eine stolze Haltung, dunkle Augen und rotbraunes Haar, das einen verblüffenden Kontrast zu ihrem sehr hellen Teint bildete. Sie gehörten zu den Frauen, die man im Allgemeinen als hübsch bezeichnete. Charakterlich hätten sie allerdings unterschiedlicher nicht sein können. Elizabeth fragte sich bereits, warum sie ihre Mutter überhaupt nach dem Oleander gefragt hatte. Sie hätte es besser wissen müssen.

»Die gibt es überall in Europa«, fuhr Marjorie vergnügt fort, »besonders in Italien und Griechenland. Mir selbst wäre es lieber gewesen, wenn er sich für Olivenbäume entschieden hätte – Symbolkraft und Schönheit in sich vereint. Olivenbäume hätte ich gern gemalt.« Marjorie war eine sehr begabte Aquarellmalerin; ihre Landschaften zierten die Wände so mancher kleinerer Galerie in London. »Aber was will man machen, so ist Alfred.«

Elizabeth schüttelte ungeduldig den Kopf, ließ ihre Mutter stehen und fragte ihren Vater direkt, dessen Antwort letzten Endes ebenso unergründlich, wenn auch weniger unbestimmt war als die seiner Frau.

»Ich bewundere den Oleander«, sagte er, nachdem sie ihn im Wintergarten aufgetrieben hatte, wo er mit einem Glas Rotwein saß. »So widerstandsfähig. So leidenschaftlich dem Leben zugewandt. Er widersteht Hitze und Trockenheit, weißt du, und kann überall überleben.« Anscheinend freute er sich sehr über ihr Interesse. »Dazu noch vielseitig. Ist er ein Busch oder ein Baum?« Nachdenklich strich er sich über seinen gestutzten grauen Bart und schaute zur größten Pflanze auf. »Wie du siehst, Elizabeth, kann er beides sein. Je nachdem, wie er beschnitten wird. Findest du diese Anpassungsfähigkeit nicht bewundernswert?«

Nein, dachte Elizabeth, und sie verstand auch nicht, warum ihr Vater dieser Meinung war. »Ich habe gehört, dass er giftig ist«, sagte sie auf die ihr eigene, direkte Art, »aber das stimmt wahrscheinlich nicht.«

»O doch. Die ganze Pflanze ist höchst giftig. Blätter, Zweige, Rinde – besonders der Saft. Wenn man sie isst, kann es zu Schädigungen des Magen-Darm-Trakts und des Herzens führen, die, glaube ich, sogar tödlich verlaufen können – auf jeden Fall bei Kindern, und ganz bestimmt bei Tieren.«

»Aha, das ist es also.«

Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Elizabeth grinste triumphierend. Die Apothekenkette ihres Vaters, deren Vorstandsvorsitzender er nach wie vor war, machte ihn zuallererst zu einem Geschäftsmann, änderte aber nichts an der Tatsache, dass er als bescheidener und höchst engagierter Chemiker angefangen hatte. Da war es nur natürlich, dass ein solcher Mann sich für die chemische Zusammensetzung einer womöglich tödlichen Pflanze interessierte.

»Das ist was?«

»Der Oleander. Du führst eine Studie über seine chemischen Eigenschaften durch.«

»Nein, nein.« Ihr Vater schüttelte den Kopf. »Ich bezweifle, dass die toxischen Eigenschaften des Oleanders je einem medizinischen oder pharmazeutischen Zweck dienen können.« Er erwiderte jedoch ihr Lächeln mit leuchtenden Augen. »Aber du hast recht, sein Gift trägt auf jeden Fall zu seinem Reiz bei. Es ist noch ein weiteres Werkzeug in seiner Überlebensausrüstung, verstehst du. Der Oleander vergiftet alle, die ihm Schaden zufügen könnten – außerordentlich widerstandsfähig, findest du nicht?« Seine Frage war offenbar rein rhetorischer Art. »Andererseits ist Widerstandsfähigkeit der Schlüssel zum Überleben«, sagte er. »Ich glaube, ich trinke noch ein Glas Rotwein.« Ihm war deutlich anzumerken, dass er ihre Frage als beantwortet betrachtete. »Trinkst du ein Glas mit, Elizabeth?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein danke, Daddy.« Inmitten der Oleander blieb sie etwas ratlos stehen und unterdrückte einen Seufzer.

 

Elizabeth Hoffmann war eine außerordentlich praktische junge Frau. Zuweilen verzweifelte sie daran, wie exzentrisch ihre Eltern waren, doch sie liebte sie auch dafür, denn sie wusste, dass sie gerade dieser unkonventionellen Haltung die Chancen zu verdanken hatte, die sie so schätzte. Denn Alfred und Marjorie Hoffmann glaubten fest an die Gleichberechtigung, hatten ihrer Tochter alle Bildungsmöglichkeiten eröffnet und unterstützten sie nun bei ihren Versuchen, sich eine Karriere aufzubauen. Jetzt, mit dreiundzwanzig Jahren, in einem Alter, in dem viele ihrer Altersgenossinnen zwar Aushilfsjobs hatten, aber hauptsächlich über Hochzeit und Kinder nachdachten, arbeitete Elizabeth, nachdem sie am St. Hugh’s College in Oxford ihren Bachelor in Geschichte und Literatur abgeschlossen hatte, bereits seit achtzehn Monaten als Journalistin bei der Zeitung Aldershot Courier-Mail.

»Wir sind sehr stolz auf dich, Elizabeth«, hatte ihr Vater gesagt, nachdem man ihr als frische Oxford-Absolventin die Stelle angeboten hatte.

»Die Courier-Mail ist nur der Anfang, Daddy«, hatte sie erwidert. »Ich gebe mir zwei Jahre in Aldershot, dann bin ich wieder hier in London und arbeite für die Times. Ich habe vor, deren erste leitende Kolumnistin zu werden.«

»Aber natürlich, mein Kind.«

Ein Jahr darauf, als ihre Eltern aus ihrem prächtigen Londoner Stadthaus in Belgravia nach Surrey in ihr verschachteltes Landhaus zogen, hatte Elizabeth sich ernsthaft Sorgen gemacht. Das Anwesen, das ihr Vater gekauft hatte, war knapp fünf Meilen von der Stadt Aldershot im benachbarten Hampshire entfernt, wo sie in einem bescheidenen Zimmer wohnte, ein paar Häuserblocks von den Büros der Courier-Mail entfernt. Ihr war höchst unwohl bei dem Gedanken, ihre Eltern hätten ihr Leben womöglich so drastisch verändert, nur um in der Nähe ihrer Tochter zu sein.

»Um Himmels willen, nein«, hatte Marjorie geantwortet, als Elizabeth zaghaft die Frage aufgeworfen hatte. »Wozu? Du wirst bald wieder in London bei der Times sein, nicht wahr? Zwei Jahre, hast du gesagt. Nein, nein, ich brauche ländliche Umgebung – mir sind die Bäume in London ausgegangen.« Sie lachte zerstreut. »Ich habe bestimmt jeden einzelnen Baum und jeden einzelnen Busch in jedem Park in Westminster gemalt. Im Übrigen hat sich dein Vater so sehr ein Landhaus mit einem Wintergarten gewünscht. Aus irgendeinem Grund, den ich auch nicht kenne, hat er beschlossen, einen Garten anzulegen.«

Elizabeth hatte ihre Mutter liebevoll in den Arm genommen. Staunend stellte sie fest, dass ihre Eltern für Überraschungen immer gut waren.

In den darauffolgenden Monaten hatte sie das Landhaus in Surrey regelmäßig besucht und zugesehen, wie die Oleander wuchsen, bis sie einfach danach fragen musste. Doch die Begeisterung ihres Vaters für seine Oleander war ein unbegreifliches Rätsel geblieben – bis zu dem Tag, an dem sie Daniel mit nach Hause brachte, um ihn ihren Eltern vorzustellen.

 

Elizabeth selbst lernte Daniel Gardiner im Frühjahr 1954 kennen, zwei Monate vor ihrem vierundzwanzigsten Geburtstag. Anlass war eine Militärparade, was in Aldershot kaum überraschend war. Die Stadt hieß nicht umsonst »Heimstatt der britischen Armee«.

Was für ein Anblick, dachte Elizabeth, als sie bei den anderen Journalisten und Fotografen in dem speziell für die Presse bestimmten Bereich stand. Das Militär war für eine gelungene Darbietung immer gut, und sie wurde des Schauspiels nie müde, heute aber wirkte es besonders eindrucksvoll.

Die Parade zog sich über die gesamte Länge der High Street hin, Blaskapellen zeigten, was sie konnten, mit allem Pomp und Trara. Militärpolizei auf Motorrädern fuhr gepanzerten Fahrzeugen voraus. Truppen marschierten in perfektem Gleichschritt, Regimentsfahnen mit Schlachtauszeichnungen wurden hochgehalten. Infanterie, Artillerie, Panzerdivisionen, Fallschirmjäger – so ging es immer weiter. Zuschauermengen drängten sich auf den Bürgersteigen und jubelten den vorbeiziehenden Einheiten zu. Dieser Tag war für die gesamte Gegend von historischer Bedeutung.

Auf Kommando zogen die Regimenter und Eskorten der Reihe nach von der großen Parade ab und betraten den breiten Grasplatz in Princes Gardens, wo sie ihre Positionen zu beiden Seiten des nagelneuen Springbrunnens in der Mitte einnahmen.

Der schlichte, schnörkellose Springbrunnen sollte als Geschenk vom Militär an die Stadt übergeben werden zur Erinnerung an die hundertjährige Verbindung der britischen Armee mit Aldershot. Tatsächlich war Princes Gardens genau die Stelle, an der die Royal Engineers zur Zeit des Krimkriegs kampiert hatten, als entschieden wurde, in Aldershot eine ständige Militärbasis einzurichten. Infolgedessen war der Ort in den darauffolgenden Jahrzehnten vom Dorf zu einer umtriebigen Stadt angewachsen.

Elizabeth betrachtete gewissenhaft die vorbeiziehenden Regimentsbanner und notierte die Einzelheiten in ihren Notizblock. Sie wusste noch nicht genau, wie viele Details sie in ihrem Artikel verwenden würde, doch ihre stets akribische Recherche war an diesem Tag noch wichtiger als sonst. Der heutige Artikel musste ihr besonders gut gelingen, denn sie hatte vor, eine Kopie davon als Arbeitsprobe an die Times zu schicken – zusammen mit ihrer Bewerbung.

Ein leichtes Schuldgefühl beschlich sie bei der Vorstellung, ihren derzeitigen Arbeitgeber zu verlassen, sollte ihre Bewerbung von Erfolg gekrönt sein. Die Courier-Mail hatte ihr viele Möglichkeiten geboten, die sie woanders nie bekommen hätte. Andererseits hatte zwischen ihr und Henry Wilmot, dem Herausgeber, von Anfang an ein stilles Einvernehmen geherrscht.

»Sie sind sehr begabt, Elizabeth«, hatte er ohne Umschweife gesagt, als wäre es ein Vorwurf.

»Danke, Sir.«

»Und vermutlich sehr ehrgeizig.«

Dazu hatte sie nichts gesagt.

»Zeichen für eine gute Journalistin, Ehrgeiz.« Erneut war sein Tonfall trotz des offensichtlichen Kompliments eigenartig vorwurfsvoll gewesen. »Nun, ich nehme an, wenn Sie entschlossen sind, Ihre Begabung gut zu nutzen, sollten wir von der Courier-Mail daraus lieber unseren Nutzen ziehen.« Statt sie also der Klatschspalte zuzuordnen, wie er es sonst bei einer Frau tun würde, hatte Henry Wilmot ihr angeboten eine Kolumne zu schreiben. »Nur ein Versuch, verstehen Sie. Ich verspreche nicht, ihn zu veröffentlichen.«

Aber er hatte ihn veröffentlicht.

»Wie lautet Ihr zweiter Vorname?«, hatte er gefragt, als sie ihm den Artikel vorlegte.

»Jane. Warum?«

»E. J. Hoffmann.« Er hatte kurz genickt. »Klingt gut. Wir werden Ihre Arbeiten unter E. J. Hoffmann publizieren, bis ich das Gefühl habe, die Leser können damit fertigwerden, dass Sie eine Frau sind.« Dann hatte er hinzugefügt: »Oder bis unsere Wege sich trennen, je nachdem, was zuerst eintritt.« Ganz offensichtlich sah er Letzteres voraus.

Henry Wilmot bewunderte Elizabeth aufrichtig. Er schätzte ihre Begabung ebenso wie ihren Wagemut, mit dem sie sich aufmachte, in der von Männern beherrschten Pressearena zu bestehen. Doch ihre Weiblichkeit würde ihr Untergang sein, hatte er gedacht, besonders in einer Stadt wie Aldershot. Grundgütiger Himmel, sie würden alle hinter ihr her sein. Zweifellos könnte sie den jungen Aufreißern widerstehen, die nur auf schnelle Eroberungen aus waren – sie war klug. Aber sie war auch hübsch und eine junge Frau mit Stil – geradezu perfekt geeignet für eine Offiziersfrau. Garantiert verliebte sie sich binnen sechs Monaten, wahrscheinlich heiratete sie vor Ablauf eines Jahres, dann nähmen Kinder sie in Beschlag, und vorbei wäre es mit der Karriere. Das war halt der natürliche Lauf der Dinge.

Jetzt, achtzehn Monate später, dachte Henry anders. Elizabeth Hoffmann war anscheinend selbst für die Avancen der qualifiziertesten jungen Offiziere unempfänglich, deren Familienbeziehungen raschen Aufstieg und glänzende Laufbahnen garantierten. Offenbar hatte sie nicht den Wunsch zu heiraten. Höchst merkwürdig, dachte er, war aber froh, dass ihre Dienste länger als erwartet der Zeitung erhalten blieben. Dennoch sah er ihren Weggang als unvermeidlich an. Falls Elizabeth tatsächlich ihre Karriere wichtiger nahm als den Wunsch nach Mann und Kindern, dann waren ihre Tage bei seinem Provinzblatt gezählt. Im Grunde seines Herzens wünschte Henry Wilmot ihr Glück.

Die letzten Fahnenträger und Eskorten hatten ihre Positionen um den Springbrunnen herum eingenommen. Die Einweihungszeremonie konnte beginnen.

»Ich verschwinde auf die andere Seite des Parks«, murmelte Walter. »Von dort bekomme ich die Offiziellen besser ins Bild.«

Walter war der leitende Fotograf der Courier-Mail und begleitete Elizabeth stets auf ihren Einsätzen. Die beiden waren gute Freunde geworden.

Sie nickte. »Sorg dafür, dass du reichlich Schnappschüsse vom Springbrunnen machst.«

»Ausgezeichnete Idee«, erwiderte er spöttisch. Sie hatte ihm mindestens ein dutzend Mal gesagt, den Springbrunnen aus allen möglichen Perspektiven zu fotografieren. »Gut, dass du mich daran erinnert hast – hätte mir sonst entfallen können.« Dann zwinkerte er ihr schelmisch zu und verschwand.

Elizabeth hatte den historischen Aspekt ihres Leitartikels bereits im Vorfeld geschrieben und machte nur ein paar Notizen während der offiziellen Ansprachen, die nichts Neues brachten. Ungeduldig wartete sie auf das Ende der Zeremonie, damit sie sich unter die Menge mischen konnte. Jetzt fehlte ihr noch der menschliche Aspekt.

Sie warf einen Blick auf die anderen Journalisten, meist aus Nachbarstädten oder Grafschaften in der Nähe – sie liefen sich bei lokalen Ereignissen häufig über den Weg. Pete Hearson von The Farnham Gazette stenographierte wie wild jedes Wort der langatmigen Rede des Bürgermeisters mit. Der pummelige Mann in mittleren Jahren aber, der neben Pete stand, zog Elizabeths Aufmerksamkeit an. Er hatte aufgehört, sich Notizen zu machen, und schien vom Bürgermeister ebenso gelangweilt wie sie. Das war der Journalist, der aus London gekommen war, wie Walter ihr gesagt hatte.

»Bist du sicher?«, hatte sie geflüstert.

»Absolut. Schau ihn doch nur an, um Himmels willen. Der riecht doch geradezu nach Fleet Street, findest du nicht?«

Im Gegensatz zu den Journalisten vom Lande, die aus Respekt vor dem Anlass Anzüge trugen, war der Mann aus London in einem zerknitterten Hemd mit offenem Kragen und einem Sportjackett erschienen, das auch schon bessere Zeiten gesehen hatte. Hielt er dieses provinzielle Ereignis für unter seiner Würde, fragte sie sich, oder wollte er mit seiner lässigen Erscheinung bewusst Eindruck schinden? Elizabeth hatte den Verdacht, dass beides eine Rolle spielte.

»Von welcher Zeitung ist er?«

»Times, glaube ich.«

»Tatsächlich?«

»Ja, bin mir ziemlich sicher.«

Daraufhin hatte sie den Mann besonders im Auge behalten.

Jetzt sah sie überrascht, wie er seinen Notizblock einsteckte. Er würde es doch bestimmt nicht dabei belassen, dachte sie. Was ist mit dem überaus wichtigen menschlichen Aspekt, unerlässlich für jeden guten Leitartikel? Aber als die Blaskapelle aufspielte, die Truppen wieder in die High Street marschierten und den Park für die anschließenden Festlichkeiten freimachten, schaute der pummelige Mann tatsächlich auf seine Uhr und schob sich durch die Menge.

Er macht sich auf den Weg zum Bahnhof, dachte sie. Er fährt zurück nach London. Gut so, besser noch, ausgezeichnet sogar. Der Herausgeber der Times wäre nach dem trockenen Bericht seines Journalisten von ihrem Artikel bestimmt beeindruckt. Sie hoffte inständig, dass Walter richtig informiert und der pummelige Mann wirklich von der Times war.

Innerhalb weniger Minuten hatte sich Princes Gardens in einen Rummelplatz verwandelt. Der verlockende Geruch nach gebratenen Zwiebeln lag in der Luft, und eine Militärkapelle der Armee, die sich jetzt neben dem Springbrunnen aufgestellt hatte, spielte »C’est magnifique«, eine beliebte Nummer aus Cole Porters neuem Musical Can-Can. Mehrere tragbare Buden, die während der Veranstaltung verlassen am Rande des Parks gestanden hatten, waren plötzlich zum Leben erwacht. In der einen wurden Erfrischungsgetränke und Eis verkauft, in einer anderen Fleischpasteten. Ein geschäftstüchtiger Mann in mittleren Jahren mit Hawaii-Hemd und eine Frau, die sich hektisch um eine Warmhalteplatte mit Zwiebeln kümmerte, teilten Hotdogs und Hamburger aus. Elizabeth interviewte ihn. Er komme aus Hampshire, sagte er, sei in Portsmouth geboren und aufgewachsen.

»Wären die Amis nicht gewesen, würde ich die Sachen hier jetzt nicht anbieten, was?« Dabei zeigte er auf die Schlange, die bewies, dass sein Geschäft viel besser florierte als die anderen. »Die haben’s drauf, die Amis.«

Elizabeth kritzelte mit, was er sagte. Natürlich hatten Hotdogs und Hamburger die Welt erobert, aber hier zeigte sich eine direkte Wirkung, dass die amerikanischen Truppen vor der Landung in der Normandie um Portsmouth und Southampton stationiert gewesen waren.

Auch einen Straßenhändler aus London gab es, der Aal in Aspik und eingelegte Strandschnecken verkaufte, was nicht einmal verwunderlich war. Colin, der waschechte Cockney in seinem mit Perlmuttknöpfen verzierten Anzug rollte seinen Karren an vielen ländlichen Bahnhöfen in England aus dem Londoner Zug, denn er besuchte jede Stadt und jeden Anlass, die sich seiner Meinung nach lohnten.

»O ja«, erwiderte er als Antwort auf Elizabeths Frage nach der Bedeutung des Tages. »Das ist der wichtigste Tag überhaupt, daran besteht kein Zweifel. Die Heimstatt der britischen Armee! Macht einen doch mächtig stolz, oder?«

Elizabeth hatte den Verdacht, dass Colin alle Anlässe wichtig fand, bei denen ein persönlicher Gewinn für ihn heraussprang. Aber Colin, der waschechte Londoner, war auch ein Symbol. Mit seinem Anzug voller Perlmuttknöpfe, seinem Handkarren, seinen Aalen in Aspik und den eingelegten Strandmuscheln bot Colin einen willkommenen Farbtupfer.

Ein junges Pärchen hatte gerade eine Tüte mit Colins Aalen in Aspik gekauft. Die junge Frau rümpfte die Nase und beäugte zweifelnd das formlose graue Objekt, das ihr Freund auf einen Zahnstocher gespießt hatte und ihr anbot. So etwas hatte sie im Leben noch nicht gegessen.

»Dürfen wir ein Foto machen?«, fragte Elizabeth.

Während Elizabeth durch die Menge streifte, um Leute zu interviewen, sorgte sie immer dafür, dass Walter gewissenhaft an ihrer Seite blieb und bei jeder Gelegenheit auf den Auslöser drückte. Walter war wichtig für Elizabeths Glaubwürdigkeit. Viele weigerten sich, Journalistinnen ernst zu nehmen, und seine Anwesenheit war der Beweis, dass sie eine solide Pressevertreterin war.

Das Pärchen mit den Aalen in Aspik war auf jeden Fall beeindruckt. Die junge Frau fuhr sich durch das Haar und posierte mit offenem Mund, bereit, den Aal zu verschlingen.

»Und Sie, Colin?«

Elizabeth winkte den Londoner herbei, der sich fröhlich zu dem jungen Paar gesellte. Ein Bild im Lokalblättchen war immer gut für das Geschäft.

»Oh, der ist zäh, nicht wahr?«, stellte die junge Frau nach ein paar Schnappschüssen fest, als Elizabeth sie ermutigte, den Aal auch wirklich zu essen.

»Wie schmeckt er denn?«, fragte ihr Freund.

»Eigentlich nach nichts.« Sie kaute fester. »Als würde man Gummi essen … igitt.« Suchend schaute sie sich nach einer Stelle um, an der sie ihn ausspucken konnte, doch da der Fotograf in der Nähe stand, schluckte sie lieber, musste aber beinahe würgen.

Elizabeth lächelte das Pärchen an. »Und, wie hat Ihnen die Feier gefallen?«

»Na ja, das ist es doch, was wir wirklich sind, nicht wahr?« Der junge Mann wollte ebenso wie seine Freundin Eindruck schinden, und er sagte alles, was die Reporterin seiner Meinung nach hören wollte. »Eine große Militärgeschichte … stolz, ein Brite zu sein …«

Elizabeth hielt ein paar Sätze fest, die sich vielleicht neben einem Bild des Paares mit dem Londoner und seinen Aalen gut machten. Aber nun brauchte sie noch den Standpunkt des Militärs. Aber das erwies sich als mühselig. Offenbar gab es nur zwei Arten, auf ihre Frage zu antworten.

»Ja, ordentliche Sache, nicht wahr«, sagten der Major, der Oberst und die anderen hochrangigen Offiziere, die sie ansprach. Sie stellten sich ganz gern für Walter in Pose, doch sobald Elizabeth versuchte, sie zu interviewen, verhielten sie sich ihr gegenüber herablassend und abweisend. »Ja, ja, sehr ordentliche Sache, wirklich. Viele Leute.« Dann gingen sie weiter, ohne Elizabeth noch eines Blickes zu würdigen. In aller Öffentlichkeit eine Pressevertreterin ernst zu nehmen, war ihnen wohl unbehaglich. Elizabeth nahm es gelassen hin.

Ärgerlich war die zweite Art von Kommentar.

»Ein Interview? Klar. Sollen wir zwei nicht ein ruhigeres Plätzchen suchen?« Das anzügliche Grinsen war unmissverständlich. Ein dreister junger Unteroffizier zwinkerte Walter sogar kumpelhaft zu und gab ihm mit einer Kopfbewegung zu verstehen, verschwinde, wir wissen doch beide, dass sich kein richtiger Mann diese günstige Gelegenheit entgehen lassen kann. Walter, stets der Beschützer und ein wenig in Elizabeth verliebt, obwohl er sie das nie hatte wissen lassen, hätte den Mann am liebsten verprügelt.

Elizabeth war inzwischen so selbstbewusst, dass sie Männern, die sie interviewte, stets auf Augenhöhe begegnete. Jedem, der sie bevormunden wollte, wurde rasch klar, dass sie ihm geistig nicht unterlegen war, und ihr Verstand versetzte allen Casanovas, die sie für eine leichte Beute hielten, einen Dämpfer. Doch sie hatte noch nie Männer befragt, die ihr von der Bildung her unterlegen waren. Sie kritzelte ein paar Beobachtungen auf ihren Block. Das war ein sehr interessantes Thema für einen zukünftigen Artikel, wenn auch höchst kontrovers und daher wahrscheinlich schwer zu veröffentlichen.

»Entschuldigung. Kann ich Ihnen helfen?« Die Stimme mit einem leichten mittelenglischen Akzent war angenehm, das Benehmen respektvoll.

Elizabeth schaute auf. Die beiden Sterne auf der Schulter des jungen Mannes zeigten ihr, dass er den Rang eines Lieutenants hatte. Aber er schien erst Anfang zwanzig zu sein. Er sah ganz gut aus mit seinem hellen Haar, offenbar frisch von der Militärakademie.

»Wobei wollen Sie mir helfen?« Ihre Stimme war spitz, die Botschaft deutlich. Je jünger, desto kecker, hatte sie festgestellt. Zweifellos waren einige seiner Kameraden in der Nähe, stießen sich an und zwinkerten sich zu.

»Nun, Sie sind doch von der Presse, nicht wahr?« Der junge Mann warf einen schnellen Blick auf Walter. »Und Sie befragen Leute …« Oder versuchen es, dachte er mitfühlend. Er hatte schon eine Weile beobachtet, wie man sie abgespeist oder anzüglich angeschaut hatte. Das fand er unfair. »Ich würde mich gern für ein Interview zur Verfügung stellen, wenn Sie wollen.« Sie nahm ihn so genau in Augenschein, dass er sich unbehaglich fühlte. »Das heißt, wenn es hilfreich wäre«, fügte er lahm hinzu.

»Das wäre mir eine große Hilfe, Lieutenant, vielen Dank.« Elizabeth hatte erkannt, dass er es ernst meinte, lächelte ihn an und reichte ihm die Hand. »Mein Name ist Elizabeth Hoffmann von der Courier-Mail, und das hier ist Walter Barnes.«

»Daniel Gardiner, angenehm.« Sie sieht einfach hinreißend aus, dachte er.

»Wollen wir eine Tasse Tee trinken?« Elizabeth ging voraus zu den Tapeziertischen und Teemaschinen, an denen Offiziersfrauen Tee und Kekse für drei Pence verkauften.

»Nein, nein«, beharrte sie, als sie sich ans Ende der Schlange stellten und Daniel in seiner Tasche nach Kleingeld kramte. »Die Courier-Mail kommt für alle Kosten auf.«

Daniel schaute Walter an. Dass eine Frau bezahlte, erschien ihm nicht richtig, doch Walter zuckte nur mit den Schultern und nickte. Er wollte so schnell wie möglich seinen Zinnbecher voll Tee haben und dann verschwinden. Elizabeth brauchte ihn im Moment nicht, und er hatte noch jede Menge Fotos zu machen. Die Courier-Mail hatte vor, Elizabeths Leitartikel mit einem Bildteil zur Erinnerung an Aldershots militärische Hundertjahrfeier zu garnieren.

»Dann erzählen Sie mir etwas über sich, Lieutenant.« Elizabeth und Daniel setzten sich auf zwei Segeltuchstühle am Ende eines Tapeziertisches. »Wie lange sind Sie schon in Aldershot stationiert?«

»Erst ein paar Monate. Ich habe letztes Jahr meinen Abschluss in Sandhurst gemacht.«

»Aha.« Sie nickte lächelnd und gratulierte sich im Stillen. »Das dachte ich mir.«

»Sieht man mir das so deutlich an?«

»Nun ja, schon. Sie sind sehr jung.«

»Einundzwanzig ist so jung auch wieder nicht. Nicht, wenn es um Krieg geht.« Er klang nicht streitsüchtig, korrigierte sie aber sehr bestimmt. »Männer, die viel jünger waren als ich, sind für dieses Land gestorben.«

»Oh.« Elizabeth war sofort zerknirscht. »Mein Gott, wie gedankenlos von mir.« Sie hatte ihn gerade in einer Weise behandelt, die sie selbst abscheulich fand. »Ich wollte nicht überheblich sein, tut mir leid, Lieutenant.«

»Sie waren nicht überheblich, und es muss Ihnen nicht leidtun. Im Übrigen heiße ich Daniel.« Er grinste. »Ich bin nicht gekränkt, das versichere ich Ihnen. Aber wenn Sie es wirklich wiedergutmachen wollen …« Er schaute sie erwartungsvoll an. »Darf ich Elizabeth zu Ihnen sagen?«

Sie lachte. Sein Charme war entwaffnend, und sie war froh, dass er ihr so leicht verzieh. »Aber sicher.« Dann nahm sie abrupt wieder die Haltung der Interviewerin ein. »Also, Daniel, bei welcher Einheit sind Sie?« Sie hielt den Bleistift über dem Notizblock parat.

»Zurzeit bin ich beim Royal Army Corps Service, in der Transporteinheit.«

»Und man hat Sie direkt von der Akademie hierher nach Aldershot geschickt?«

»Stimmt. Und was ist mit Ihnen?«

»Wie bitte?« Sie schaute auf.

»Sind Sie aus Aldershot?« Sie sah nicht aus wie ein Mädchen vom Lande, dachte er.

»Nein. Ich komme aus London.«

»Oh. Verstehe. Und warum haben Sie sich dann Aldershot ausgesucht?« Er war wirklich neugierig. »Ich meine, ausgerechnet Aldershot – das erscheint mir merkwürdig.«

»Warum stelle ich hier nicht die Fragen«, sagte sie bestimmt, aber nicht unfreundlich. Anscheinend flirtete er nicht, er verhielt sich sogar sehr höflich, aber klüger wäre es, wenn sie ihn in seine Schranken verwies.

»Entschuldigung.« Er zuckte kleinlaut mit den Schultern. »Nur habe ich noch nie eine Reporterin kennengelernt, und es ist wirklich interessant. Ich habe mich bloß gefragt, warum Sie sich für Aldershot entschieden haben, mehr nicht.«

»Das habe ich nicht. Aldershot hat sich für mich entschieden.« Der junge Daniel Gardiner strahlte eine solche Unbefangenheit aus, dass Elizabeth sich plötzlich verpflichtet fühlte, eine ehrliche Antwort zu geben. »Der Herausgeber der Courier-Mail ist ein mutiger, modern denkender Mann, der einer Journalistin eine Chance geben will.« Ihr fielen die ständigen Absagen von den Chefredakteuren anderer Provinzblätter ein, bei denen sie sich beworben hatte. »Glauben Sie mir, davon gibt es nicht viele.«

»Oh, verstehe.«

Das stimmte. Die Aufrichtigkeit ihrer Antwort und das rebellische Aufblitzen ihrer Augen verrieten Daniel eine Menge. Elizabeth Hoffmann sah nicht nur gut aus, sie war intelligent, widerstandsfähig und schlichtweg faszinierend. Er stellte seinen Becher auf den Tisch und stützte die Ellbogen auf, eifrig darauf bedacht, mehr herauszufinden. »Aus welchem Grund wollten Sie Journalistin werden, Elizabeth?«

Doch die jungenhafte Begeisterung funktionierte kein zweites Mal.

»Wir wollen doch lieber mit dem Interview fortfahren, nicht wahr?«

Der kurze Einblick, den Elizabeth gewährt hatte, war vorüber. Sie ging wieder auf Distanz und fuhr fort.

»Ja natürlich. Verzeihung.«

Er richtete sich gerade auf, gebührend getadelt, fragte sich aber bereits, welchen Kurs er einschlagen könnte, um mehr über sie zu erfahren.

»Erzählen Sie mir, was Sie persönlich von der heutigen Zeremonie halten, Daniel.«

»Inwiefern?«

»In jeder Hinsicht. Sie sind ein junger Mann am Anfang einer militärischen Laufbahn, und Sie sind hier in Aldershot, der Heimstatt der britischen Armee, wo hundert Jahre Militärtradition gefeiert werden. Die Symbolik des heutigen Tages hat Sie doch bestimmt enorm beeindruckt.«

Als sie ihm in die Augen schaute, um eine Verbindung herzustellen, wusste Daniel genau, wie er vorzugehen hatte. Wenn man Elizabeth Hoffmann besser kennenlernen wollte, galt es an ihren Intellekt zu appellieren. Dazu musste er ihr das bestmögliche Interview geben – eines, das sie überraschen würde, hoffte er.

»Symbolik ist in Ordnung, wenn man sich mit der Vergangenheit beschäftigt. Aber man muss die Zukunft bedenken. Die vergangenen hundert Jahre zu feiern, ist schön und gut, aber was ist mit den nächsten?« Gut, dachte er, das hat sie aufhorchen lassen. »Kriege gehen nicht weg, wissen Sie.«

Das war die stehende Redewendung, die andauernd von seinen Vorgesetzten in der Offiziersmesse vorgetragen wurde, und sie hatte genau die gewünschte Wirkung. Diese Antwort hatte sie offensichtlich nicht erwartet, und er sah ihr an, dass ihr Interesse geweckt war.

»Fahren Sie fort.«

»Die Regierung hat eine gefährliche Nachkriegszufriedenheit entwickelt.« Daniel ahmte seine vorgesetzten Offiziere ausgezeichnet nach. »Anscheinend glaubt man, dass die Armee nichts weiter ist als eine Friedenstruppe in Europa, obwohl unsere Truppen noch immer in höchst brisanten Gebieten eingesetzt sind – Palästina, Korea, Singapur … Jederzeit kann etwas passieren.«

Elizabeth unterbrach ihn nicht. Hier eröffnete sich ein völlig neuer Gesichtspunkt, den sie ihrem Artikel hinzufügen konnte. Nachkriegsunruhe beim Militär – ein ausgezeichneter Blickwinkel, dachte sie. Modern und doch ein bisschen kontrovers, wenn man bedachte, dass sie aus Aldershot berichtete, der Heimstatt der britischen Armee. Hin und wieder schaute sie von ihrem Notizblock auf und nickte Daniel aufmunternd zu.

»Meiner Ansicht nach ist der Kalte Krieg die Ursache.« Zufrieden, dass sie ihm aufmerksam zuhörte, gab er nicht mehr die Worte seiner Vorgesetzten wieder, sondern erwärmte sich für sein persönliches Thema. »Die Regierung konzentriert ihre Mittel auf das atomare Wettrüsten, und man kann es ihr kaum verdenken. Sie können sich nicht wie erhofft auf Amerika verlassen – die Amis behalten ihre Geheimnisse eher für sich. Wenn Großbritannien also mit Russland und Frankreich im Streit um die Atommacht konkurrieren will – was natürlich der Fall ist –, muss es enorm viel für Wissenschaft und Forschung blechen. Genau das tut die Regierung auch.« Er nahm wieder den Ton seiner Vorgesetzten an. »Und, wenn ich das noch hinzufügen darf, sehr zum Schaden ihrer Streitkräfte.«

Elizabeth blätterte noch eine Seite ihres Notizblocks um und kritzelte den letzten Satz hastig hin.

»Gut, Daniel«, sagte sie, lehnte sich zurück und betrachtete ihn mit neuem Respekt. »Dafür, dass Sie noch nicht so lange bei der Armee sind, haben Sie sich auf jeden Fall eine deutliche Meinung gebildet.«

»Dabei ist es nichts Neues«, gab er zu. »Zumindest nicht, was die Einsparungen der Regierung betrifft.«

»Ach ja?«

»In der Offiziersmesse wird über nichts anderes gesprochen.«

Elizabeth war erstaunt über sein Eingeständnis. »Sie haben also Ihre vorgesetzten Offiziere zitiert?«

»Ganz recht, wortwörtlich.« Daniel grinste sie verschwörerisch an. »Sie wollten doch die Meinung von denen da oben hören, oder? Jetzt wissen Sie es haargenau. Verraten Sie mich bloß nicht als Quelle.«

Er war so erfrischend aufrichtig, dass sie unwillkürlich lachen musste. »Nein, versprochen. Ich werde es umschreiben mit ›die unter vielen höheren Offizieren vorherrschende Meinung …‹ Wie klingt das?«

»Goldrichtig.«

Sie machte sich eine kurze Notiz und schaute dann wieder auf. »Warum wollen die Amerikaner so ungern ihre Nukleargeheimnisse mit den Briten teilen? Wir sind schließlich Verbündete.«

»O nein. Nicht mehr.«

Sie sah ihn fragend an.

»Der Krieg ist lange vorbei. Die Amerikaner führen im atomaren Wettrüsten, und sie denken nicht daran, diese Macht mit jemandem zu teilen, auch mit ihrem ›besten Kumpel‹ Großbritannien nicht. Da die Russen ihnen dicht auf den Fersen sind, ist Sicherheit natürlich zu einer fixen Idee bei ihnen geworden. Sie betrachten uns zwar als befreundete Nation, sind jedoch nicht bereit, uns ihr Vertrauen zu schenken.«

»Ist das ›die unter höheren Offizieren vorherrschende Meinung‹?« Spöttisch zog sie eine Augenbraue hoch.

Diesmal aber war Daniels Antwort nicht keck. »Nicht dass ich wüsste. Themen wie Nuklearmacht und Kalter Krieg werden von denen da oben nicht so freimütig behandelt. Allerdings liegt die Vermutung ziemlich nahe, meinen Sie nicht?« Sie schwieg – er erwartete offenbar keine Antwort. »Wir Jüngeren sprechen oft über das Thema. Schließlich stehen wir vor einer neuen Art von Krieg, nicht wahr?«

»Ja«, sagte sie nachdenklich. »Wahrscheinlich.«

 

Lieutenant Daniel Gardiner war es gelungen, Elizabeth zu beeindrucken. In den nachfolgenden Wochen ließ sie sogar zu, dass sich zwischen ihnen eine Art Freundschaft entwickelte, was überraschend war. Mit Ausnahme von Walter hatte Elizabeth Freundschaften mit jungen Männern gemieden – sie brachten viel zu viele Komplikationen mit sich. Doch da Daniel auch weiterhin die von ihr gesetzten Grenzen einhielt, sah sie keinen Grund, warum sie sich seine angenehme Gesellschaft versagen sollte. Er hatte Witz, und die Unterhaltung mit ihm war interessant. Tatsächlich konnte sie mit ihm sprechen, wie mit niemandem sonst. Daniel war verständnisvoll, mitfühlend bezüglich der Hindernisse, auf die eine karrierebewusste Frau stieß. Elizabeth war froh, ihn zu haben. Er kam ihr vor wie ein jüngerer Bruder.

Was Daniel betraf … er war hingerissen. Er hatte Elizabeth von dem Augenblick an kennenlernen wollen, als er sie während der Parade durch die High Street erblickt hatte. Die einzige Frau in dem Presseschwarm, der sich am Eingang zum Park versammelt hatte. Das war so auffallend, dass der Blick eines jeden Soldaten in der Parade bestimmt in ihre Richtung abgeschweift war. Welcher junge Mann würde sich nicht wünschen, die Bekanntschaft einer solchen Frau zu machen? Allerdings hatte er nicht vorgehabt, sich Hals über Kopf in sie zu verlieben. Auch eine Ehefrau hatte er nicht gesucht. Im Gegenteil: Heiraten war das Letzte gewesen, an das er gedacht hatte. Doch das alles hatte sich jetzt geändert. Daniel, jung, leidenschaftlich und idealistisch, hatte die perfekte Frau kennengelernt. Er war entschlossen, Elizabeth Hoffmann zu heiraten.

Von Anfang an war ihm bewusst, dass er Vorsicht walten lassen musste. Elizabeth hatte ihr Augenmerk auf eine Karriere gerichtet, und dafür bewunderte er sie. Sollte sie einverstanden sein, ihn zu heiraten, würde er ihren Plänen nicht im Weg stehen, doch er wusste, dass jeder voreilige Versuch, um sie zu werben, sie ganz bestimmt abschrecken würde. Er wusste auch, dass Elizabeth keinen anderen Mann in ihr Leben gelassen hatte, und sein Instinkt sagte ihm, dass sie ihn attraktiv fand, obwohl sie es nie zugeben würde. Er musste geduldig sein. So frustrierend es auch war, er durfte nichts sagen oder tun, bis er spürte, dass seine Gefühle erwidert wurden.

 

»Jetzt hör dir das an: Sehr verehrtes Fräulein Hoffmann …« Elizabeth schlug einen zynischen Tonfall an, als sie den Brief vorlas. Ganze sieben Wochen waren vergangen, seit sie ihre Bewerbung an die Times abgeschickt hatte, und die Antwort, die sie schließlich empfangen hatte, war ausgesprochen farblos.

»Vermutlich hätte ich damit rechnen sollen«, sagte sie, als Daniel sich in der Ecke des kleinen Teeladens in der Victoria Road zu ihr setzte. Hier trafen sie sich regelmäßig, wenn er Wochenendurlaub hatte.

Sie las weiter. »Bezugnehmend auf Ihre Bewerbung bedauern wir Ihnen mitteilen zu müssen, dass die Times zurzeit keine geeignete freie Stelle hat. Man beachte das königliche ›wir‹.« Schmollend schaute sie auf. »Und sieh dir das nur an.« Sie stieß mit dem Finger auf den Namen unten auf der Seite. »L. P. Ogden, Stellv. Red. Nicht einmal der Chefredakteur.«

Daniel sah sie mitfühlend an. Sie war so bitter enttäuscht, dass sie ihm leidtat, aber er musste sich auch schuldbewusst eingestehen, wie erleichtert er darüber war, dass sie nicht nach London in ein völlig neues Leben abwandern würde.

»Anbei erhalten Sie den Leitartikel ›Hundert Jahre Ehe: Aldershot und die britische Armee‹ zurück, den Sie uns freundlicherweise haben zukommen lassen«, las Elizabeth weiter. »Die Qualität hat uns zwar durchaus beeindruckt, doch wir müssen darauf hinweisen, dass wir einen solchen Stil nicht von einer Journalistin verlangen, sollte eine Stelle in den Referaten der Times frei werden, die unsere Leserinnen bevorzugen.«

Sie schlug den Brief auf den Tisch, dass ihre Tasse auf der Untertasse schepperte. »Das ist so eine Beleidigung! Die sagen mir doch, Sie brauchen sich gar nicht mehr zu bewerben! Sie sind gekränkt, dass der Artikel von einer Frau geschrieben wurde!«

»In gewisser Weise ist das doch ein Kompliment, findest du nicht?«

»Ein Kompliment?« Sie schaute ihn entgeistert an. »Wie um alles in der Welt soll ein solcher Kommentar als Kompliment aufgefasst werden?«

»Sie schreiben, die Qualität des Artikels habe sie beeindruckt – das will doch was heißen.« Daniel bemühte sich nach Kräften, sie zu besänftigen. »Meine Güte, Elizabeth, hätten sie nicht gewusst, dass du eine Frau bist, hätten sie dir vielleicht eine Stelle angeboten.«

»Oh.« Elizabeths Schimpftirade kam zu einem abrupten Ende. »Du hast recht. Das hätte sein können, nicht wahr?«

»Bestimmt.«

»So habe ich es nicht gesehen.« Sie lächelte.

»Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich mir jetzt Tee bestelle?« Er freute sich, dass sein Beschwichtigungsversuch erfolgreich war.

Doch erst eine Woche später und auf den Tag genau zwei Monate nach ihrer ersten Begegnung gelang Daniel ein Durchbruch.

»Hast du Lust, nächsten Samstag mit ins Varietétheater zu gehen?«, fragte er beiläufig. Sie saßen an den offenen Türen des Teeladens, durch die an diesem überraschend warmen Mittsommertag eine leichte Brise hereinwehte. »Ein Kumpel von mir kann zwei Karten, die er gekauft hat, nicht gebrauchen – wäre schade, wenn sie verfallen.«

Er hatte die Karten am Morgen selbst gekauft. Das gehörte alles zu seinem Plan, ihre Beziehung zu intensivieren.

»Oh, tut mir leid …«

Elizabeth fand sein Angebot anscheinend nicht verdächtig, doch die Antwort sollte offenbar »nein« lauten. Daher versuchte er es mit Begeisterung.

»Es handelt sich um die neue Revue, die auf Tournee ist und in den Kritiken so hoch gelobt wird. Wir würden sie zu sehen bekommen, bevor sie im West End aufgeführt wird. Tolle Sache, heißt es.«

»Ich weiß alles über die Revue, Danny«, sagte sie lächelnd. »Ich arbeite für eine Zeitung, schon vergessen?«

»Und warum willst du dann nicht mitkommen?«

»Ich möchte wirklich gern, ehrlich. Aber ich kann nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil ich meinen Eltern versprochen habe, am nächsten Samstag mit ihnen zu Abend zu essen.«

»Das könntest du auch am übernächsten Wochenende, oder?« Er wusste, dass sie ihre Eltern regelmäßig sah, doch ihre Besuche folgten keinem bestimmten Muster.

»Eigentlich nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil ich am nächsten Samstag Geburtstag habe, deshalb. Und jetzt hör auf, mich zu quälen.«

»Du hast Geburtstag? Das ist ja noch besser. Wir gehen anlässlich deines Geburtstags ins Varieté, was hältst du davon?«

»Ich habe nein gesagt, Danny. Ich gehe nicht ins Varieté. Ich werde mit meinen Eltern zu Abend essen. Ich habe sie drei Wochen lang nicht gesehen, und ich habe es ihnen versprochen.«

»Oh«, sagte er mit finsterer Miene, »wie schade. Ich wäre gern an deinem Geburtstag mit dir zusammen.«

Sie lächelte, denn sie war sich bewusst, dass er mit seiner kindischen Bockigkeit darauf abzielte, sie zu amüsieren. »Nun, es geht eben nicht. Es sei denn, du tauschst eine West-End-Revue gegen ein Abendessen bei Mummy und Daddy ein, und ich glaube kaum …«

»Gute Idee.« Ein Geschenk des Himmels, dachte er. Ein Schritt in die richtige Richtung. »Ich komme zum Abendessen. Ich würde deine Eltern gern kennenlernen.«

»Sei nicht albern. Was ist mit dem Varieté?«

»Mein Freund kann die Karten jemand anderem geben. Keine Bange, die kommen nicht um.«

Wie um alles in der Welt war das passiert, wunderte sich Elizabeth, ohne jedoch über seine Beweggründe nachzudenken. Es war typisch für Dannys Impulsivität. Und für seine Unreife, dachte sie, und beides konnte ziemlich liebenswert sein. Sie rief ihre Eltern an, um ihnen mitzuteilen, dass ein zusätzlicher Gast zum Essen kommen werde.

 

»Sie bringt einen jungen Mann mit«, verkündete Marjorie.

Alfred schaute von seiner Zeitschrift auf und sah seine Frau im Türrahmen seines Arbeitszimmers stehen. Er war seit langem daran gewöhnt, dass sie ganz plötzlich auftauchte.

»Wer?«

»Deine Tochter.«

»Sie bringt einen jungen Mann wohin mit?«

»Hierher. Zum Abendessen. Am nächsten Samstag.«

»Du lieber Gott, wirklich?«

»Ja.«

»Wie ungewöhnlich. Warum?«

»Das weiß ich nicht genau. Vielleicht, weil sie Geburtstag hat.«

»Ach so.«

Zwei

»Happy birthday to you, happy birthday to you …«

Marjories Auftritt war spektakulär. Alfred hatte die Lampen im Esszimmer abgedunkelt, was die Dramatik noch steigerte. In den ausgestreckten Händen hielt sie ein Tablett, auf dem eine gigantische Schokoladentorte mit vierundzwanzig brennenden Kerzen und den Worten Happy Birthday Elizabeth stand, deren weiße Buchstaben sich auf dem Schokoladenüberzug deutlich abhoben.

»Happy birthday, dear Elizabeth, happy birthday to you …«

Alfred stimmte in den Gesang seiner Frau ein, als sie die Torte feierlich auf den Tisch stellte. Sie ermunterten Daniel, doch mitzusingen.

Elizabeth lächelte tapfer, warf aber einen gequälten Blick in Daniels Richtung. Sie hatte ihn gewarnt, dass ihre Eltern exzentrisch seien, ein bisschen eigentümlich sogar. Das war so typisch, dachte sie. Manchmal vergaßen sie den Geburtstag ihrer Tochter völlig – das war selbst in ihrer Kindheit gelegentlich passiert, was sie damals niederschmetternd fand. Wenn sie dann tatsächlich daran dachten, unternahmen sie die lächerlichsten Anstrengungen, wahrscheinlich, um die Schuld vergangener Jahre abzutragen. Der heutige Abend war ein perfektes Beispiel. Kerzen gehörten auf die Kuchen für Zehnjährige, dachte Elizabeth, und die Torte selbst war äußerst unpraktisch. So unanständig groß, dass dreißig hungrige Leute davon satt geworden wären, außerdem war es Schokolade. Ihr Vater war gegen Schokolade allergisch.

Daniel verwirrte Elizabeths Blick, der besagte »Hab ich es nicht gesagt?«. Er fand nichts Eigentümliches an ihren Eltern. Während der Mahlzeit hatte er festgestellt, dass ihre Mutter vielleicht ein wenig zerstreut war, doch das rechtfertigte wohl kaum die Bezeichnung »eigentümlich«, und ihr Vater war anscheinend ein sehr vernünftiger und intelligenter Mann. Als sie kurz das Thema Politik gestreift hatten, stand Alfred Hoffmanns Kritik an Winston Churchill als Premierminister in Friedenszeiten in radikalem Gegensatz zu den Ansichten, die Daniels Vater vertrat, doch sein Vater war auch von der alten militärischen Schule. Schließlich wurde Churchills Führung neuerdings von vielen kritisiert, und deren Meinungen waren kaum ein Zeichen von Überspanntheit. Was die Geburtstagstorte betraf … In Daniels Augen verkörperte sie die Normalität. Sie erinnerte ihn an die vielen Geburtstagskuchen, die seine Mutter für ihn und seinen jüngeren Bruder im Lauf der Jahre gebacken hatte.

»For she’s a jolly good fellow …« Er sang von Herzen mit und schloss sich den drei Hurrahs an, die auf Marjories »Hip, hip« folgten, ebenso dem lauten Jubel, als Elizabeth gehorsam alle Kerzen auf einmal ausblies.

Marjorie schnitt die Torte auf, teilte Daniel ein großes Stück und sich und Elizabeth kleinere zu. Alfreds Dessertteller blieb auffallend leer.

»Fangen Sie an, Daniel«, drängte sie, als sie sah, dass der junge Mann zögerte. »Alfred nimmt keinen Kuchen – er ist gegen Schokolade allergisch.«

»Ach so.« Daniel nahm seine Kuchengabel in die Hand und fragte sich, warum sie wohl bei einer solchen Allergie ihres Mannes eine Schokoladentorte gebacken hatte. »Alle Achtung, Mrs.Hoffmann«, sagte er nach dem ersten Bissen, »die schmeckt wirklich vorzüglich.«

Daniel hätte Elizabeths Mutter auch dann ein Kompliment gemacht, wenn die Torte ungenießbar gewesen wäre, denn er war wild entschlossen, einen guten Eindruck zu hinterlassen, doch sein Lob war ehrlich gemeint. Immerhin war er so etwas wie ein Kenner auf dem Gebiet. Seine Mutter war zu Recht stolz auf ihre Backkünste.

»Ja, sie ist ziemlich gut, nicht wahr?«, sagte Marjorie.

»Mehr als das. Sie ist sogar noch besser als die meiner Mum, und das will etwas heißen. Sie ist eine wunderbare Köchin, aber Sie haben sie heute Abend übertroffen.«

»Du lieber Himmel, ich habe sie nicht selbst gebacken.« Sie lachte.

»Oh.« Im ersten Moment war Daniel sprachlos. Alle Mütter machten Kuchen doch selbst.

»Ich backe nicht. Das habe ich noch nie getan. Aber in Reigate habe ich einen netten kleinen Laden entdeckt, in dem genau nach Bestellung gearbeitet wird.«

»Warum denn dann Schokolade, obwohl Daddy allergisch dagegen ist?«, fragte Elizabeth geradeheraus.

»Weil Schokoladentorten einfach zu Geburtstagen gehören«, erwiderte Marjorie, als würden nur Einfaltspinsel eine solche Frage stellen. »Stimmt das nicht, Daniel?« Sie schenkte ihrer Tochter ein strahlendes Lächeln, das auch ihren Gast einschloss, der zum Glück nicht antworten musste. »Wahrscheinlich, weil sich die Buchstaben so gut abheben, findest du nicht?« Sie deutete auf den weißen Schriftzug Happy Birthday Elizabeth, bei dem das eth jetzt fehlte. »Ein Zitronenbiskuit hätte nicht denselben Effekt, nicht wahr?«

»Mummy kocht nicht«, sagte Elizabeth. Sie hatte nicht die Absicht, ihre Mutter zu kränken, doch die Unterhaltung driftete ins Lächerliche ab, und Daniel war verwirrt, daher hielt sie es für das Beste, klärend einzugreifen. »Sie kocht nicht gern, und sie glaubt, man sollte niemanden gegen seinen Willen zu etwas zwingen, wenn es nicht unerlässlich ist.«

Marjorie beachtete ihre Tochter nicht. »In Wirklichkeit, Daniel, liegt mir die Küche nicht.« Die Bescheidenheit ihrer Aussage und der Charme, mit dem sie vorgetragen wurde, machten deutlich, dass es dazu nichts mehr zu sagen gab.

Doch Elizabeth wollte das Thema nicht fallen lassen. »Nur weil du es nie probiert hast! Und zwar, weil du nicht willst!«

Sie wünschte sich inständig, ihre Mutter würde zu ihren Grundsätzen stehen. Marjorie Hoffmann war eine intelligente Frau, die in Elizabeths Augen stolz darauf sein sollte, dass sie nicht daran dachte, sich anzupassen.

Alfred trank sein Glas Rotwein leer und sah interessiert zu. In letzter Zeit gerieten Mutter und Tochter nur selten aneinander. In Elizabeths Pubertät hatte es Zeiten gegeben, in denen Marjorie, die Auseinandersetzungen lieber aus dem Weg ging, wider Willen einen Standpunkt hatte einnehmen müssen. »Manche unter uns wollen keine Aussagen treffen«, hatte Marjorie schließlich gesagt, als Elizabeth ihr keine Ruhe ließ. »Manche von uns sind vielleicht in sich schon eine Aussage.« Das Argument hatte die heranwachsende Tochter in Rage versetzt. Sie hielt es nicht nur für verantwortungslos, in ihren Augen grenzte es an Verrat. Ihre Mutter drückte sich vor ihrer Pflicht als moderner Frau, wenn sie sich nicht laut äußerte. Alfred hatte jedoch bemerkt, dass die Unwiderlegbarkeit des Arguments irgendwann angekommen war. So unerträglich Elizabeth ihre Mutter zuweilen auch finden mochte, hatte sie doch offensichtlich einen gesunden Respekt vor Marjories unorthodoxer Lebenseinstellung entwickelt. Jedenfalls hatte sie aufgehört zu nörgeln.

Jedenfalls bis heute Abend, dachte Alfred. Heute schien seine Tochter aus unerklärlichen Gründen in die Pubertät zurückgefallen zu sein.

»Die Küche liegt dir nicht, Mummy, weil du nicht willst«, fuhr Elizabeth fort, die sich an dem Thema festgebissen hatte. »Um Himmels willen, du weigerst dich sogar, ein Ei zu kochen. Du verabscheust die Küche, warum gibst du das nicht zu?«

»Sie hat recht, Daniel.« Marjorie gab mit Anstand nach und stieß einen etwas theatralischen Seufzer der Resignation aus. »Die Freude am Kochen ist mir nicht gegeben, fürchte ich.« Sie lächelte ihrer Tochter gütig zu. »Obwohl selbst Elizabeth zugeben wird, dass ich tatsächlich eine gute Tasse Tee mache.«

»Aber die Mahlzeit …« Daniel schaute von einem zum anderen und wusste nicht mehr weiter. Einen perfekt zubereiteten Hühnerschmortopf mit Pilzen konnte man bestimmt nicht in einer Bäckerei in Reigate kaufen.

»Elizabeths Vater«, gestand Marjorie ein. »Alfred kocht für sein Leben gern.«

»O ja, das stimmt.« Alfred nickte entschieden. »Suppen, Fleischeintöpfe und Aufläufe vor allem. Ich vermenge gern etwas; der Wandlungsprozess ist sehr erfüllend. Das ist natürlich der Alchimist in mir. Kann ich Sie mit einem weiteren Glas Wein in Versuchung führen, Daniel? Ich habe einen ausgezeichneten Bordeaux zur Hand.«

»Eh …« Daniel war mit der Frage überfordert. Alles war auf einmal sehr skurril. Elizabeth hatte vielleicht doch recht, wenn sie ihre Eltern für eigentümlich hielt.

»Ich trinke noch einen.« Alfred erhob sich eifrig.

»Nun, ja, danke, Sir.«

»Ausgezeichnet.«

Auch Marjorie stand auf. »Noch einen Tee, Elizabeth?«

»Gern. Danny und ich räumen den Tisch ab.«

»Danke.«

Daniel war überrascht. Elizabeths Feindseligkeit gegenüber ihrer Mutter war so schnell verflogen, wie sie aufgetaucht war. Als ihre Eltern das Esszimmer verlassen hatten, gab sie keinen weiteren Kommentar ab, daher folgte er einfach ihrem Beispiel und half, den Tisch abzuräumen.

»Tja, wer hätte es für möglich gehalten.« Marjorie stellte den Kessel auf den Herd.

Alfred entkorkte die Weinflasche, zufrieden, dass Daniel einem weiteren Glas zugestimmt hatte. Er wäre sich ein wenig verschwenderisch vorgekommen, wenn er eine zweite Flasche nur für sich geöffnet hätte. Dabei genoss er seinen Rotwein doch so sehr.

»Wer hätte was für möglich gehalten, meine Liebe?«

»Elizabeth ist verliebt.«

»Meine Güte, wie kommst du denn darauf?«

»Nenn es weibliche Intuition, wenn du willst, aber ich bin mir ziemlich sicher.« Marjorie holte die Teekanne vom Regal. »Sie möchte, dass er uns kennenlernt, Alfred«, sagte sie, korrigierte sich dann aber rasch. »Nein, das ist nicht ganz richtig – sie möchte, dass er mich kennenlernt. Du hast immer mit Bravour bestanden, mein Liebling. Du bist der Held deiner Tochter.«

»War sie deshalb so streitsüchtig?«

»O ja, sie will, dass er mich respektiert, was ich ja ganz süß finde, Tatsache aber ist, Alfred, dass sie uns mit diesem jungen Mann teilen will. Sie möchte, dass er uns so sieht, wie sie uns sieht. Für gewöhnlich pfeift Elizabeth darauf, ob die Leute uns mögen oder nicht – warum sollte es ihr auch etwas ausmachen? Aber die Meinung dieses besonderen jungen Mannes ist ihr wichtig, was in meinen Augen nur heißen kann, dass sie verliebt ist.«

»Wie ungewöhnlich. Ich selbst hätte es genau anders herum gesehen. Ich hätte gedacht, dass er in sie verliebt ist.«

»Ja, sicher, das versteht sich von selbst.« Marjorie stellte Geschirr auf das Teetablett. »Und natürlich ist es ihr nicht bewusst.«

»Was? Dass sie in ihn verliebt ist, oder umgekehrt?«

»Beides. Sie trägt Scheuklappen, typisch für sie.«

»Du meine Güte.« Alfred hatte nicht den geringsten Zweifel an den Worten seiner Frau, denn Marjorie war höchst sensibel, wenn es um etwas Wichtiges ging. Ihre Unbestimmtheit lag im Grunde an ihrem mangelnden Interesse an Alltagskram, wofür Alfred größtes Verständnis hatte. »Aber das könnte ihren beruflichen Plänen schaden.«

»Und ob.«

»Meinst du, es ist ihm ernst?«

»Es sieht so aus, andererseits ist er noch sehr jung. Wer weiß?«

»Um Himmels willen.« Alfred war besorgt.

»Kein Grund zur Sorge, mein Liebling. Schließlich können wir nichts machen, oder?« Offensichtlich erwartete Marjorie keine Antwort, da sie munter weitersprach. »Wenn Elizabeth sich die eigenen Gefühle nicht eingestehen will, wird sie es uns gegenüber erst recht nicht tun.« Sie füllte das Milchkännchen und stellte es auf das Tablett. »Und wenn du Daniels Absichten in Zweifel ziehen solltest, würdest du sie nur schrecklich demütigen. Das würde sie dir nie verzeihen.«

Just in dem Augenblick, als Marjorie das Teetablett aufnahm, ging die Küchentür auf. »Nein, nein, alles wird seinen Gang gehen. Wo sollen wir denn unseren Tee und den Wein trinken?«, fragte sie laut, als Elizabeth und Daniel mit dem Geschirr hereinkamen.

»Im Wintergarten«, lautete Alfreds spontane Antwort. »Ich habe Daniel meinen Oleander noch nicht gezeigt.«

»Gut, dann im Wintergarten.«

Als sie sich an der Tür begegneten, gab Marjorie ihrer Tochter Anweisungen. »Spül das Geschirr nur ab und stell es ins Spülbecken, Liebes, das kann bis morgen warten. Ich komme noch, um die Teekanne zu holen, das Wasser hat noch nicht gekocht.«

Alfred, die Weinflasche in der Hand, hielt seiner Frau die Tür auf. »Überlassen Sie Elizabeth das Geschirr, Daniel. Wir brauchen zwei frische Gläser, und zwar sofort.«

»Ja, Sir«, erwiderte Daniel, als Alfred und Marjorie verschwanden.

»Der Oleander.« Elizabeth lächelte. »Dann mag er dich wohl.« Sie zeigte auf das Regal über seinem Kopf. »Weingläser stehen da oben.«

»Gut.«

Daniel verließ die Küche. Wie entsetzt seine Mutter wohl bei dem Gedanken wäre, dass ein Stapel schmutziges Geschirr über Nacht stehenbleiben würde.

 

»Nun, Daniel, was halten Sie von meinem Oleander?« Alfred hatte inzwischen den Wein eingeschenkt, und sie hatten sich an den Tisch gesetzt. Marjorie war in die Küche gegangen, um den Tee zu holen.

»Sehr beeindruckend, Sir.«

Daniel schaute sich die vielen ungepflegten Büsche und Bäume an, die jeden Quadratzentimeter des Wintergartens einnahmen. Allein ihr Volumen war beeindruckend, doch ihre Äste waren knorrig, das Laub zäh, und selbst ihre rosa und weißen Blüten, so hübsch sie waren, schienen fehl am Platz.

»Ungewöhnlich, nicht wahr?«

»Ja.« Daniel zeigte sich begeistert – er hatte Elizabeths Worten entnommen, dass der Oleander etwas Besonderes war. »Sehr ungewöhnlich, in der Tat.«

»Nur hier, in einem englischen Wintergarten.« Alfred lächelte schief. »Im Mittelmeerraum und im Nahen Osten wachsen sie wie Unkraut.«

»Oh.« Daniel war verlegen, ihm war unbehaglich zumute. Er hoffte nur, dass Elizabeths Vater nicht versucht hatte, ihn zu überrumpeln. »Das weiß ich nicht, Sir. Ich bin nicht viel gereist.«

»Nun denn.« Alfred lachte. »Ich bezweifle nicht, dass das bald behoben wird.« Er hatte den Jungen ganz und gar nicht überrumpeln wollen, doch ihm gefiel die schlichte, ehrliche Antwort. »Tritt in die Armee ein und lerne die Welt kennen, was?« Er hob sein Glas.

»Ja, Sir, das hoffe ich jedenfalls.« Daniel erwiderte den Toast.

Alfred nahm einen kräftigen Schluck Wein, und während er den Abgang genoss, trat ein Moment des Schweigens ein. Er schwenkte den Inhalt in seinem Glas, betrachtete die Farbe, prüfte den Körper des Bordeaux. »Reisen ist etwas Wunderbares«, sagte er schließlich und schaute erneut auf seine Oleanderbüsche. »Meine Frau meint, ich halte diese Pflanzen, weil sie Erinnerungen an meine Reisen wachrufen, und damit hat sie recht, aber das ist nicht der eigentliche Grund für meinen Anbau.«

Nach kurzer Verwirrung merkte Daniel, dass sie wieder beim Oleander waren.

»Es ist eine uralte Pflanzenart, Daniel, aus der Alten Welt. Echte Überlebende, und weitgereist …«

Marjorie und Elizabeth kamen mit der Teekanne und einem kleinen Teller Kekse herein. Sie setzten sich schweigend, und Marjorie schenkte ein. Daniels Blick zuckte sehnsüchtig zur Kanne. Er war Rotwein nicht gewohnt und hätte viel lieber eine Tasse Tee getrunken.

»Widerstandsfähig, zäh, eine bemerkenswerte Pflanze mit einem leidenschaftlichen Hang zum Leben …« Alfred, der die Frauen nicht weiter beachtete, hatte kaum Luft geholt.

Daniel riss seinen Blick von der Teekanne los in der Hoffnung, dass sein kurzer Aussetzer unbemerkt geblieben war.

»Der Oleander ist ein Wanderer, Daniel. Ein Wanderer, der sich niederlässt, wo immer er ein Zuhause findet …«

Als Daniel seinem Gastgeber in die Augen schaute, war es ihm unmöglich, seinen Blick abzuwenden.

»Er passt sich selbst unter schwierigsten Bedingungen seiner Umgebung an. Kein Wunder, dass ich die Pflanze so interessant finde, meinen Sie nicht?«

Mein Gott, dachte Elizabeth, Danny bekam die Manie ihres Vaters mit voller Wucht ab. Sie versuchte, Blickkontakt mit ihm aufzunehmen, hatte aber keinen Erfolg.

Was wollte Elizabeths Vater sagen, fragte sich Daniel. Anscheinend suchte er etwas – eine Antwort vielleicht. Aber worauf? Wie lautete die Frage?

»Möchten Sie den wahren Grund für mein Interesse an Oleander wissen, Daniel?«

Daniel nickte stumm, denn er hatte das Gefühl, dass er entweder die Frage oder die Antwort bekommen würde, oder beides.

»Ich identifiziere mich mit ihnen. Die Oleanderpflanzen rufen mir ins Gedächtnis, wer ich bin.«

Marjorie starrte ihren Mann über den Rand ihrer Teetasse an, denn plötzlich war ihr seine Absicht klar. Wie klug von dir, Alfred, dachte sie.

Elizabeth schaute ihren Vater völlig entgeistert an. Worüber sprach er nur?

»Der Oleander erinnert mich daran, Daniel, dass ich Jude bin.«

Alfred Hoffmann suchte im Blick des jungen Mannes nach einem Zeichen. Würde er das unfreiwillige, beunruhigte Aufblitzen sehen? War der Junge Antisemit? Wenn ja, hätte es Alfred kein bisschen gestört. Doch sollte Elizabeth ihre schwer erarbeitete Karriere aufgeben und den konventionellen Pfad der Ehe und Familie einschlagen, dann musste Alfred wissen, ob sie den richtigen Mann ausgesucht hatte. Sollte sie sich zufällig für den Falschen entschieden haben, hatte er die Absicht, den Jungen zu verscheuchen, bevor es zu spät war. Alfreds Bemerkung war Herausforderung und Prüfung zugleich.

»Tatsächlich, Sir?« Daniel hielt seinem Blick stand. »Das wusste ich nicht.«

Der Junge reagierte auf jeden Fall überrascht, doch ein beunruhigtes Aufflackern war nicht zu erkennen. Weit gefehlt. Das Aufflackern, das Alfred in den Augen des Jungen sah, erinnerte an Euphorie.

»Das hat Elizabeth mir gar nicht gesagt.« Daniel schenkte Elizabeth ein kurzes Lächeln und bemühte sich um einen normalen Tonfall, konnte seine Freude jedoch kaum verbergen. Er wurde einer Prüfung unterzogen! Alfred Hoffmann glaubte offensichtlich, dass er, Daniel Gardiner, die Zuneigung seiner Tochter gewonnen hatte! Ein rascher Blick auf Elizabeths Mutter sagte ihm, dass sie dasselbe Gefühl hatte und genau wusste, was vor sich ging. Die Einzige, die es anscheinend nicht merkte, war Elizabeth. Sie betrachtete ihren Vater nicht misstrauisch, sondern völlig verwirrt.

In seiner Aufregung drängte Daniel sie: »Warum hast du es mir nicht gesagt, Elizabeth?« Er wollte, dass sie ihn anschaute, was jedoch nicht geschah.

»Warum sollte ich?« Elizabeth starrte weiterhin ihren Vater an. »Daddy selbst sagt es nie jemandem. Er hält sich nicht einmal für jüdisch.«