Märchen aus Island - Kurt Schier - E-Book

Märchen aus Island E-Book

Kurt Schier

0,0
4,99 €

Beschreibung

In diesem Band versammelt sind 54 Märchen eines hochliterarischen Volkes. Den Heldensinn der altisländischen Literatur findet man kaum, umso reicher spielen Landschaft und Historie in diesen Märchen mit, und umso vielfältiger entwickelt sich die Fantasie. Die Geschichten von Trollen und Elben vertragen sich merkwürdigerweise mit der Nüchternheit, mit der das Leben der Bauern, Händler und Fischer sich abspielt.

Die Diederichs-Reihe »Märchen der Weltliteratur« ist die umfassendste Sammlung ursprünglicher Erzählliteratur aller Völker und Zeiten. Sie versammelt das Schönste, was sich die Menschen je erzählt haben: Mythen und Legenden, Göttersagen und Dämonengeschichten, Feen- und Zaubermärchen, gewitzte Tierfabeln und herrliche Schwänke. Wer die Eigenart anderer Völker verstehen will, wird hier Wege abseits des Mainstreams finden. Eine moderne Märchenbibliothek für eBook-Leser.

In diesem Band versammelt sind 54 Märchen eines hochliterarischen Volkes. Den Heldensinn der altisländischen Literatur findet man kaum, umso reicher spielen Landschaft und Historie in diesen Märchen mit, und umso vielfältiger entwickelt sich die Fantasie. Die Geschichten von Trollen und Elben vertragen sich merkwürdigerweise mit der Nüchternheit, mit der das Leben der Bauern, Händler und Fischer sich abspielt.

Die Diederichs-Reihe »Märchen der Weltliteratur« ist die umfassendste Sammlung ursprünglicher Erzählliteratur aller Völker und Zeiten. Sie versammelt das Schönste, was sich die Menschen je erzählt haben: Mythen und Legenden, Göttersagen und Dämonengeschichten, Feen- und Zaubermärchen, gewitzte Tierfabeln und herrliche Schwänke. Wer die Eigenart anderer Völker verstehen will, wird hier Wege abseits des Mainstreams finden. Eine moderne Märchenbibliothek für eBook-Leser.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 436

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Inhaltsverzeichnis

1. Thorstein Lacher2. Der Pelzjunge3. Zottelbart4. Die Kuh Bukolla5. Die Riesin im Steinboot6. Das Hügelweib7. Die Geschichte von Sigurd Hring und Snati8. Signy Rindsmagen9. Tau und Helga10. Tritil Laeralitil11. Sigurd Glasschrein12. Finna die Kluge13. Die blaugekleidete Frau14. Der Mädchenkönig15. Surtla in den Blaulandinseln16. Bangsimon und das Trollweib17. Helga und der Zwerg18. Die Geschichte von den sechs Brüdern19. Die gute Stiefmutter Hild und die Königstochter Ingibjörg20. Bui Bauernsohn und Weitgereist21. Die Geschichte von Kolla22. Kisa Königstochter und ihre Schwester Ingibjörg23. Die Geschichte von Sigurd und seiner Schwester24. Thorstein Karlsson und die zwölf Riesinnen25. Die Stute Kjöng26. Der rote Stier Raudiboli und Sigurd Königssohn27. Hyrnihrauk28. Floki, der Meermann29. »Für den Wirtel die Alte was haben will!«30. Ulfhild, die Elbenfrau31. Die Geschichte von König Odd32. Der Sommerknecht33. Die Bischofstochter in Skalholt34. Die Geschichte von Solveig und Margret35. Garun, Garun, fahl ist mir der Schädel«36. »Besser der Balg als das Kind«37. Vom Meermännlein38. Neugierde bekommt den wenigsten39. Wollschlingel40. Die Geschichte vom Roßknopf41. Brjam42. Der Alte und der Tod43. Die viermal getötete Frau44. Die Geschichte von dem Schneider und der Königstochter45. Der Pfarrer und der zauberkundige Bauer46. »Ich habe eine gute Frau«47. »Nun müßte ich lachen«48. Die Fliege und der Ochse49. Gudmund und die Mücke50. Geschichten von den Bakkibrüdern I.51. Geschichten von den Bakkibrüdern II.52. Die Geschichte von dem Jungen, der so klein war, daß er sich selber nicht bis an die Nase reichte53. Die rote Stute Raudka54. GierschlundCopyright

1. Thorstein Lacher

Es waren einmal ein König und eine Königin in ihrem Reich, die hatten als einziges Kind einen Sohn, der hieß Thorstein. Der wuchs heran im Überfluß und wurde von seinen Eltern herzlich geliebt. Als er aber zwölf Jahre alt war, wurde seine Mutter krank und starb. Alle Bewohner des Landes waren traurig darüber, denn die Königin war geschätzt und beliebt bei allen. Ihr Tod traf den König so schwer, daß er sich zu Bett legte und sich gar nicht mehr um die Regierung im Reich kümmerte. Und als er nach einiger Zeit wieder auf die Beine kam, da saß er nur immerfort am Grabhügel der Königin, und etwas anderes berührte ihn gar nicht. Seinen Ratgebern schien das ein großes Übel zu sein. Eine Weile ließen sie das so dahingehen, aber als eine ganze Zeit vergangen war und nichts den Kummer des Königs linderte, suchten sie ihn auf und baten ihn, sich auch um sein Reich und um seine Untertanen zu kümmern, und nicht zuletzt auch wegen seines Sohnes seinen Gram sein zu lassen und wieder an seine Pflichten zu denken. Am besten wäre es auch, wenn er sich wieder eine Frau als Königin nähme. Aber das wies er weit von sich. Als aber die Ratgeber immer wieder davon sprachen, und sich anboten, auszusegeln und für ihn eine Königin zu suchen, da gab er am Ende nach und erlaubte ihnen die Reise. Da rüsteten zwei Ratgeber ein Schiff aus und gingen mit einer guten Mannschaft an Bord. Von ihrer Fahrt wird nichts weiter erzählt, nur daß sie sich auf dem Meer verirrten und nicht wußten, wohin sie fuhren. Am Ende gelangten sie irgendwo an ein Land; dort verließen sie das Schiff und gingen landeinwärts. Da kommen sie in einen großen Wald und gehen lange. Endlich kommen sie aus dem Wald heraus und sehen ein kleines weißes Haus auf freiem Feld bei einem schönen See.

Sie sind voller Freude, daß sie wieder eine menschliche Ansiedlung sehen, und gehen zum Hause hin. Da hören sie ein wunderschönes Saitenspiel durch die offenen Türen, und sie sehen, daß eine weißgekleidete Frau in dem Hause sitzt und Harfe spielt.

Sie ist so vertieft, daß sie sie gar nicht bemerkt, sie aber können sie durch die Türöffnung beobachten, und sie glauben, ihre Augen hätten noch nie eine schönere Frau erblickt. Ihr Haar schien wie aus Gold gemacht und fiel ihr bis zu den Fersen nieder, und die Hände, mit denen sie die Harfe spielte, waren weiß und schlank, am Arm trug sie einen schweren Goldring, die Augen waren blau und klar, und sie schaute selbstvergessen durch das Fenster. Sie pochten an die Tür. Darüber erschrak sie so, daß ihr die Harfe aus der Hand auf den Boden fiel. Sie geht zur Tür mit roten Wangen und einem Leuchten in den blauen Augen, und sie sehen, daß ihre Gestalt und ihr Auftreten vornehm und königlich sind. Sie grüßen sie und fragen sie nach ihrem Namen. Sie erwidert den Gruß und sagt, sie heiße Helga. Nun tragen sie ihr ihr Anliegen vor. Sie erklärt sich sogleich bereit, mit ihnen zu fahren und sagt, sie müsse sich nur noch rasch von ihren Freunden verabschieden, bei denen sie hier wohne. Und nach kurzer Zeit kommt sie reisefertig zurück und geht mit ihnen zum Schiff.

Nun stechen sie in See und haben guten Wind bis nach Hause. Dann führen sie die Frau vor den König, und sie gefällt ihm so gut, daß er sogleich seinen Kummer vergißt und sofort mit ihr Hochzeit feiern will, und das geschieht auch. Da gibt es große Freude im ganzen Reich, und alle vornehmen Leute werden zu dem prächtigen Fest geladen. Der Königssohn Thorstein setzte sich unaufgefordert an die andere Seite seiner Stiefmutter und legte seine Hand in ihre, und sie ist sehr liebevoll zu ihm.

Als das Fest zu Ende ist, spricht die Königin den König an und bittet ihn, ihr eine Bitte zu erfüllen, »und das ist, daß ich die drei ersten Nächte nach der Hochzeit allein in einem Zimmer schlafen darf.«

»Dies ist deine erste Bitte«, sagt der König, »und ich muß sie dir erfüllen, auch wenn sie mir seltsam vorkommt.«

Helga dankt ihm herzlich dafür und wünscht ihm liebevoll gute Nacht. Dann geht sie und sucht sich ein abgelegenes Zimmer aus im äußersten Winkel des Hauses, bereitet verstohlen alles vor und bringt sehr viel zu essen in einem gewaltigen Schaff auf den Tisch. Als sie sich aber ausziehen will, kommt Thorstein, der Königssohn, der gehört hatte, was sie mit dem König besprochen hatte, und bittet sie eindringlich um die Erlaubnis, die Nacht über bei ihr zu bleiben. Sie schlägt es ihm zuerst ab, aber er bittet sie um so heftiger, und das endet damit, daß sie dem Jungen nicht Nein sagen kann; dann richtet sie ihm einen Platz im Bett an ihrem Kopfende und legt ein dickes Daunenbett auf ihn und sagt ihm, er müsse das auch über seinen Kopf ziehen, und er solle achtgeben, daß er nichts von sich hören läßt, kein Lachen und sonst keinen Ton, was er auch sehen sollte, »denn davon hängt unser beider Glück ab«, sagt sie. Thorstein verspricht alles ganz fest.

Helga legt sich nun vor ihn und zieht das Bett so weit über ihn, wie sie kann. So liegen sie nun eine Weile wach. Da hört man auf einmal ein Dröhnen und Poltern, und herein kommt ein großes Riesenweib.

»Sei mir gegrüßt, Schwester Helga. Anders geht es dir als mir. Wir haben unten am Ufer nur Fischefraß und altes Aas und leben ganz schlecht, du aber fütterst Königskinder heran und lebst aufs allerbeste.«

»Kümmere dich nicht darum«, sagt Helga, »setz dich dort nieder und iß das, was in dem Schaff dort ist.«

»Das reicht mir grad für einen hohlen Zahn«, sagt das Riesenweib und läßt sich schwer auf die Bank plumpsen.

Nun macht sie sich ans Essen und haut tüchtig drein und hört erst auf, als sie mit dem Schaff fertig ist, und dann fängt sie an zu gähnen und zu rülpsen und zu furzen.

Als aber der Königssohn das hört, fängt er so sehr an zu lachen, daß das Bett wackelt. Nun ist Helga in Bedrängnis, doch die Riesin merkt gar nichts, legt einen goldenen Fingerring in das Schaff, bedankt sich und geht davon.

»Jetzt hat nicht viel daran gefehlt, und du hättest mich reingerissen«, sagt Helga zu Thorstein, »und in der nächsten Nacht darfst du bestimmt nicht bei mir bleiben.«

Aber er bittet sie so herzlich um Verzeihung, daß sie es nicht über sich bringt ihm böse zu sein, und so schlafen sie nun den Rest der Nacht.

Am Tag danach bleibt Thorstein der Königin immer auf den Fersen, und als sie zu ihrem Zimmer geht, bleibt ihr nichts anderes übrig als ihm zu erlauben hierzubleiben. Nun deckt sie zwei dicke Daunenbetten über ihn, trägt dann Essen auf den Tisch in einem noch größeren Schaff als am Abend vorher und legt sich dann vor Thorstein ins Bett. Nach einer Weile hört man Dröhnen und Poltern, und herein kommt ein Riesenweib, noch größer als die erste.

»Sei mir gegrüßt, Schwester Helga. Anders geht es dir als mir. Wir haben unten am Ufer nur Fischefraß und altes Aas und leben ganz schlecht, du aber fütterst Königskinder heran und lebst aufs allerbeste.«

»Kümmere dich nicht darum, setz dich lieber nieder und iß, was in dem Schaff dort ist.«

»Das reicht mir grad für einen hohlen Zahn«, sagt das Riesenweib, läßt sich niederplumpsen und fängt mit solcher Gier an zu essen, daß es zum Staunen war. Sie hört erst auf, als sie mit dem Schaff fertig ist, und dann fängt sie an zu gähnen und zu rülpsen und zu furzen. Da lacht Thorstein so sehr, daß beide Bettdekken wackeln, und Helga ist voller Angst, daß das Riesenweib auf ihn aufmerksam wird, aber sie bemerkt nichts, gibt einen Goldring in das Schaff, verabschiedet sich und geht.

»Nun hat aber wenig daran gefehlt und du hättest mich reingerissen, Thorstein, und das ist die letzte Nacht, in der du bei mir schläfst«, sagt Helga, aber er streichelt mit seinen weichen Händen ihre Wangen und bittet sie so herzlich um Verzeihung, daß sie ganz versöhnt einschlafen.

Am nächsten Tag folgt er der Königin, wohin sie auch geht, und als sie in ihr Zimmer geht, kommt er mit ihr, aber sie schlägt es ihm ab hierzubleiben.

»Das kann uns beiden das größte Unglück bringen«, sagt sie.

Aber Thorstein fällt ihr um den Hals und nennt sie Mutter und bittet so sehr, daß Helga nicht widerstehen konnte. Nun packt sie ihn ein und deckt drei dicke Daunenbetten auf ihn, trägt Essen in einem riesengroßen Schaff auf den Tisch, legt sich dann vor ihn ins Bett und wartet. Endlich hört man ein mächtiges Dröhnen und Poltern, so daß alles zu beben anfängt, und herein kommt ein großes abscheuliches Riesenweib.

»Sei mir gegrüßt, Tochter Helga. Anders geht es dir als mir. Wir haben unten am Ufer nur Fischefraß und altes Aas und leben ganz schlecht, du aber fütterst Königskinder heran und lebst aufs allerbeste.«

»Kümmere dich nicht darum, setz dich lieber nieder und iß, was in dem Schaff dort ist.«

»Das reicht mir gerad für einen hohlen Zahn«, sagt die Riesin, läßt sich auf die Bank plumpsen, daß sie kracht, und fängt mit so großer Gier an zu essen, daß es zum Staunen ist. Sie hört erst auf, als sie mit dem Schaff fertig ist. Dann fängt sie an ganz ungeheuerlich zu gähnen und zu rülpsen und zu furzen, und da muß Thorstein unter allen Daunenbetten laut auflachen, so daß es das Riesenweib hört. Da springt sie auf und grapscht mit ihren Klauen nach ihm und reißt die Bettdecken von ihm herab. »Da bist du also, Thorstein Königssohn, aber von jetzt an sollst du Thorstein Lacher heißen. Gesprochen sei’s und dir auferlegt, daß du weder Ruhe noch Freude haben sollst, bis du das Pferd Goldhuf, das von zwölf Riesen bewacht wird, gefunden und es dem König, deinem Vater, gebracht hast.«

Helga war wie vom Schlage gerührt und brachte kein Wort über die Lippen. Die Riesin legt einen goldenen Ring in das Schaff und geht. Und als sie gegangen ist, sagt Helga:

»Das war es, was ich gefürchtet habe, und jetzt siehst du, Thorstein, wie falsch es von dir war, so sehr darum zu betteln, daß du bei mir bleiben darfst. Nun ist auch gleich das Unglück über uns gekommen.«

Thorstein konnte nichts sagen, er stand auf und zog sich an. Nun hatte er weder Ruhe noch Freude, und Helga rüstet ihn noch in der Nacht für die Fahrt aus. Sie gibt ihm Wegzehrung in einen Sack und noch drei schöne Fleischstücke obendrein und drei goldene Fingerringe. Dann bringt sie ihm eine kleine Hündin und sagt, die würde ihm den Weg zeigen, er solle es nur ihr überlassen, wohin sie gehen, er selber brauche nichts zu tun als sie zu füttern und dort zu übernachten, wo sie anhält. Nun nimmt sie liebevoll Abschied von ihm und sagt ihm Lebewohl. Am Morgen bricht er auf, noch ehe die anderen Leute aufstehen, und geht den ganzen Tag bis zum Abend. Die Hündin läuft immer vor ihm her und hält nur an, wenn sie einen Bissen essen müssen.

Am Abend kommen sie zu einer großen Höhle; da geht die Hündin hinein und läuft gleich in eine Ecke und legt sich dort schlafen. Thorstein sieht ein großes Bett in der Höhle und setzt sich darauf. Nach einer Weile hört er ein Dröhnen und Poltern, und herein kommt eine Riesin.

»Da bist du ja jetzt gekommen, Thorstein Lacher«, sagt sie. »Schlecht hast du daran getan, daß du so über meine Mutter gelacht hast.«

Er sagt nichts, sondern steht auf und gibt ihr das kleinste von den Fleischstücken. Da machte die Riesin gleich ein freundlicheres Gesicht.

»Schwester Helga kümmert sich ja sehr um dich. Du sollst heute bei mir übernachten.«

Sie bereitete ihm ein Lager in der Aschengrube. Er schlief die ganze Nacht ohne aufzuwachen, denn er war müde.

Früh am Morgen weckt ihn die Riesin auf und sagt: »Wenn du das Pferd Goldhuf finden willst, darfst du nicht verschlafen.«

Thorstein stand sofort auf und zog sich an. Die Riesin bringt ihm Waschwasser in einer Schüssel, und als er sich gewaschen hat, legt er einen Fingerring in die Waschschüssel. Als das die Riesin sieht, schaut sie gleich vergnügter drein. Sie begleitet ihn bis vor den Hofplatz. Er fragt sie, ob sie ihm etwas darüber sagen könnte, wo das Pferd Goldhuf zu finden sei. Das verneint sie. Er nimmt Abschied von ihr und bedankt sich für die gute Aufnahme. Sie sagt ihm Lebewohl, »und du sollst meinen Namen rufen, wenn du in Not bist. Ich heiße Lederhaube.«

Nun geht Thorstein den ganzen Tag der Hündin nach, und sie halten nur an, wenn sie etwas essen oder trinken müssen. Spät am Abend kommen sie zu einer großen Höhle, die Hündin läuft hinein und legt sich in eine Ecke. Thorstein sieht ein großes Bett, setzt sich darauf und wartet. Nach einer Weile hört er ein Dröhnen und Poltern, und herein kommt eine Riesin, noch größer als die erste.

»Da bist du ja jetzt gekommen, Thorstein Lacher, das hast du davon, daß du so über meine Mutter gelacht hast.«

Thorstein erwidert nichts, sondern geht zu ihr hin und reicht ihr ein Fleischstück. Da heben sich die Augenbrauen der Riesin. »Schwester Helga kümmert sich ja sehr um dich. Du kannst heute über Nacht hierbleiben«, sagt sie und bereitet ihm ein Lager auf einem Gestell in ihrer Vorratskammer. Thorstein schläft bis zum Morgen ohne aufzuwachen. Da weckt ihn die Riesin und sagt: »Wenn du das Pferd Goldhuf finden willst, kannst du nicht bis in den Tag hinein schlafen.«

Thorstein beeilt sich und steht auf. Die Riesin bringt ihm Waschwasser, und als er mit dem Waschen fertig ist, läßt er einen Fingerring in der Schüssel. Die Riesin grient vor Freude bis zu den Ohren. »Viele haben bei mir übernachtet, aber niemand hat mir so die Bewirtung gelohnt.«

Sie begleitet ihn nun hinaus vor die Hauswiese. Er fragt sie, ob sie ihm etwas darüber sagen könnte, wo das Pferd Goldhuf zu finden sei. Sie sagt »Nein« dazu, »aber du kannst meinen Namen rufen, wenn du in Not bist, ich heiße Lederstrumpf.« Damit nehmen sie freundschaftlich Abschied voneinander.

Thorstein geht nun weiter seines Weges, und die Hündin läuft den ganzen Tag vor ihm her. Spät am Abend kommen sie zu einer großen Höhle, dort läuft die Hündin hinein und legt sich in eine Ecke. Thorstein schaut sich um; er sieht ein ungeheuer großes Bett und setzt sich darauf. Und da ist er voller Angst, der Riesin zu begegnen, die sonst darin liegt. So vergeht nun eine Zeit. Da hört er ein gewaltiges Dröhnen und Poltern, und herein kommt das alte Riesenweib und ist überaus grimmig.

»Da bist du nun, Thorstein Lacher, das hast du davon, daß du vorher so über mich gelacht hast.«

Thorstein geht zur ihr und reicht ihr das größte Fleischstück. Da wird sie schon viel freundlicher.

»Meine Tochter Helga kümmert sich ja sehr um dich. Es ist am besten, wenn du bei mir über Nacht bleibst.«

Sie bereitet ihm ein Lager in ihrem Nachttopf. Am nächsten Morgen weckt sie ihn früh auf. »Wenn du das Pferd Goldhuf finden willst, darfst du nicht so lange schlafen.«

Thorstein rollt sich rasch aus seinem Lager und steht eilig auf. Die Riesin bringt ihm Waschwasser, und als er sich gewaschen hat, läßt er einen Fingerring in der Schüssel. Da hoben sich die Augenbrauen der Riesin bis zu den Haarwurzeln und sie griente von einem Ohr zum anderen. »Mancher hat schon bei mir übernachtet, aber noch keiner hat mir die Bewirtung so gut gelohnt.«

Dann begleitet sie ihn auf den Weg. Thorstein fragt sie, ob sie ihm sagen kann, wo das Pferd Goldhuf zu finden ist. Da sagt die Riesin, das sei ihr alles wohl bekannt. Es sei nicht weit von hier auf diesem Berg, auf den sie hinzeigt. Dort wird es von zwölf Riesen bewacht, dem schlimmsten Pack. Zu ihnen gehört auch ein Mädchen, das sie manchmal auf das Pferd aufpassen lassen, und dann wäre es vielleicht eher möglich, das Pferd zu bekommen, denn das Mädchen sei dumm und keineswegs so zauberkundig wie die Riesen. Jetzt, sagt sie, sei gerade die Zeit, wo das Mädchen das Pferd hütet, »und jetzt sollst du dich beeilen und alle Vorsicht nutzen.« Nun gibt sie ihm noch gute Ratschläge und nimmt freundlich von ihm Abschied, »und rufe meinen Namen, wenn du in Not bist; ich heiße Lederhose.«

Sie wendet sich dem Hause zu und Thorstein geht den Berg hinauf. Da sieht er in einiger Entfernung ein schneeweißes Pferd auf der Weide, und das ist so wunderschön, daß Thorstein noch nie ein Tier gesehen hat, das ihm gleichkäme. Es war gerade so, wie es die Riesin gesagt hatte, und das Mädchen hütete nun das Pferd; Thorstein geht zu dem Mädchen und grüßt sie. Er sagt, er möchte doch gerne wissen, was für ein Tier das sei, das dort steht und Gras frißt. Da reißt das Mädchen die Augen auf und lacht dann lauthals. Sie sagt, sie hätte noch niemals einen so dummen Menschen getroffen, der nicht einmal die gewöhnlichsten Tiere kennt, so wie dieses Pferd da. Thorstein fragt, was man denn mit einem solchen Tier machen kann. Da lacht das Mädchen noch mehr und sagt ihm, daß man sich einem solchen Tier auf den Rücken setzen kann und hinausreiten nach Osten und überall hin in der Welt. Thorstein schaut voll Bewunderung zu dem Pferde.

»Schön wär’s, wenn man das könnte«, sagt er und seufzt. Das Mädchen lacht ihn aus und dachte, es müßte lustig sein zu sehen, wie er sich auf einem Pferderücken aufführte, holt Sattel und Zaumzeug – beide mit Gold beschlagen und die größten Kostbarkeiten. Dann zäumt sie das Pferd auf und sattelt es und lädt Thorstein ein, in den Sattel zu steigen, aber er tut, als hätte er Angst. Das macht dem Mädchen noch mehr Spaß, und am Ende steigt er mit ihrer Hilfe in den Sattel, sie gibt ihm eine goldgeschmückte Peitsche und macht sich lustig darüber, wie er ängstlich und zusammengekrümmt auf dem Pferde sitzt. Aber als sie es am wenigsten erwartet, richtet sich Thorstein im Sattel auf und gibt dem Pferd die Peitsche, und da schießt es mit solcher Schnelligkeit davon, daß die goldenen Hufeisen Funken schlagen. Das Mädchen steht da und starrt erstaunt hinterher, aber dann stößt sie einen so gewaltigen Schrei aus, daß es von den Bergen widerhallt. Thorstein reitet einfach geradeaus in vollem Galopp und kann sich kein einziges Mal umschauen, so schnell schoß das Pferd dahin. Endlich aber wird das Pferd langsamer, denn vor ihnen liegt ein großer Fluß, und Thorstein sieht nirgends eine Furt. Und jetzt hört er auch ein gewaltiges Tosen und Dröhnen hinter sich, und als er zurückschaut, sieht er, wie die zwölf Riesen mit gewaltigen Schritten die Berghänge herunterrennen und hinter ihm herkommen. Thorstein sucht noch einmal nach einer Furt über den Fluß, aber der fließt zwischen steilen Ufern, und kein Lebewesen kann hier übersetzen. Die Riesen kommen näher und näher. Da ruft Thorstein in seiner Todesangst:

»Lederhaube, Lederstrumpf, Lederhose! Kommt jetzt und helft mir!«

Da sieht er sogleich, wie sie mit großen Sprüngen herankommen; sie reißen einen großen Baum aus, der auf dem anderen Flußufer stand, und legen ihn über den Fluß. Und Thorstein reitet auf dem Pferd Goldhuf da hinüber. Die Riesen drängen auch auf den Baum, aber als sie alle drauf sind, drehen die Riesenweiber ihn um, und da fallen sie alle ins Wasser und ertrinken. Damit sind sie aus der Geschichte. Thorstein dankt den Riesenweibern mit vielen schönen Worten für ihre Hilfe, aber sie sagen ihm rasch, er solle sich beeilen, so sehr er nur kann, »denn jetzt braucht Helga, unsere Schwester und Tochter, deine Hilfe.«

Da nehmen sie rasch Abschied, und Thorstein reitet so schnell er nur kann und läßt kein bißchen nach.

Als er heimkommt in die Hauptstadt des Reiches, da wo sein Vater König war, gab es dort großes Lärmen und Getöse. Man berichtet ihm, daß die Königin, der Troll, nun verbrannt werden solle, denn man sage von ihr, daß sie den Königssohn umgebracht habe. Da beeilt sich Thorstein noch mehr und reitet so schnell durch die Gassen, daß die Leute vor ihm nach beiden Seiten auseinanderstieben. Als er auf den Hauptplatz kommt, sieht er, daß man den ungeheuren Scheiterhaufen gerade entzündet hat, und die Königin, seine Stiefmutter, sitzt schwarzgekleidet auf einem Stuhl dabei. Sie ist totenbleich und ihr Gesicht ist voll Kummer, aber sie spricht kein Wort. Das goldene Haar fällt ihr bis zu den Fersen, und ihre Hände sind auf dem Rücken gebunden.

Thorstein springt vom Rücken des Pferdes und läuft zu ihr und fällt ihr um den Hals, schneidet sie von den Fesseln los und führt sie zum König, seinem Vater, der in der Nähe auf seinem Thron saß und sehr traurig war. Aber als der König die Wahrheit erfuhr, freute er sich über alles, und jetzt läßt er den Scheiterhaufen löschen und durch Ausrufer kundtun, daß im ganzen Land ein Fest gefeiert werden soll.

Da wurde geschnitten Mager und Fett, getrunken ward Primwein und Klarett und auch Garganer-Wein.

Man trat die Orgel und schlug die Trommeln, und ich kam auch ins Haus und bekam was: einen Bissen Fischhaut und einen Bissen Butter.

Butter verbrutzelte Fischhaut verrutzelte: Märchen ist für jedermann der zuhören kann. Die Truhen man auf den Boden setzt, nicht weniger als zwölf zuletzt. Die Katze am See hebt den Schwanz in die Höh: Nun Märchen ade!

2. Der Pelzjunge

Es waren einmal ein König und eine Königin in ihrem Reiche und ein Mann und eine Frau in ihrer Hütte. König und Königin hatten drei Töchter und Mann und Frau hatten eine Tochter. Nun geschah es in der armseligen Hütte, daß die Frau krank wurde und starb. Als sie verschieden war, machten sich der Mann und seine Tochter gleich auf zum Königshof, um jemanden zu holen, der der Frau die Totenhilfe leisten könnte. Als der Mann und die Tochter halben Weges waren, fiel es dem Mann ein, daß er vergessen hatte, das Haus abzuschließen. Er bittet seine Tochter heimzugehen und zuzuschließen, er wolle inzwischen auf sie warten. Aber nun geht es so, daß sich das Mädchen weit in den Wald hinein verirrt und lange umherstreift, bis sie zu einer Bärenhöhle kommt. Da war sie so hungrig und ermattet, daß sie sich niederlegte und gedachte, auf ihren Tod zu warten.

Am Abend kommt der Bär heim, dem die Höhle gehörte. Er ist sehr freundlich zu dem Mädchen, gibt ihr von seiner Beute zu essen und wärmte und pflegte sie aufs beste. Sie blieb nun bei dem Bären, sie hatte ja auch keine andere Wahl. So vergeht nun ein Jahr, und als die Zeit vorbei ist, bringt sie einen großen, kräftigen Sohn zur Welt. Von anderen Menschenkindern unterschied er sich nur dadurch, daß er ganz mit dichtem Pelz bedeckt war. Als der Junge drei Jahre alt geworden war, kommt er einmal mit seiner Mutter darauf zu sprechen, daß er sehr gerne einmal dorthin gehen möchte, wo die Leute so aussehen wie sie. Das Mädchen sagt, das werde nicht geschehen, solange sein Vater am Leben sei, und sie müßten wohl ihr Leben im Walde verbringen.

Wenig später bringt der Junge den Bären um, und nun konnten sie sich auf den Heimweg machen zur Hütte des Mannes. Als sie da ankommen, ist alles genau so wie damals, als sich das Mädchen verirrte; ihre Mutter liegt auf dem Totenlager, und ihr Vater und sie machen sich nun wiederum auf den Weg in das Königreich, um jemanden als Beistand zu holen, damit sie der Frau die Totenhilfe leisten. Und der Pelzjunge begleitet sie. Als sie zum Königshof kommen, sagt der Mann, es zieme sich nicht, daß der Junge mit hineingeht, er soll draußen auf sie warten, bis sie ihre Sache erledigt haben. Während aber der Mann und seine Tochter weg waren, spielte der Junge mit anderen Jungen. Er ging ziemlich hart mit ihnen um, und es kam dazu, daß man ihn beim König verklagte. Der König sagte, als er den Jungen sah, er scheine ihm den Tieren im Walde ähnlicher zu sein als den Menschen, und er solle wieder in die Wälder zurückkehren, aus denen er gekommen sei. Der Junge ließ sich das wohl gefallen, aber bevor er die bewohnte Gegend verließ, ließ er sich einen großen, schweren Schlaghammer machen.

Nun wendet sich die Geschichte den Töchtern des Königs zu. Plötzlich in einer Nacht verschwanden sie alle aus ihrer Schlafkammer, und niemand wußte, wie es geschehen war. Man suchte lange und weit herum nach ihnen, aber alles war vergebens. Da ließ der König in seinem ganzen Reiche die Botschaft verbreiten, daß ein jeder, der ihm seine Töchter heil und gesund zurückbringt, sich die auswählen kann, die er zur Frau haben möchte. Da taten sich nun drei junge und tapfere Männer im Königreich zusammen und brachen auf, um die Königstöchter zu suchen. Sie wandten sich in die Wälder, und von ihren Fahrten wird nichts erzählt, bis sie den Pelzjungen trafen. Er schloß sich ihnen gleich an, und ihnen schien seine Hilfe gut. So geschah es eines Tages, daß die Gefährten zu einer großen Höhle kamen. Dort war eine große Lagerstätte, aber von einem Menschen war nichts zu sehen. Sie kamen nun überein, daß sich der älteste in der Höhle verbergen und zusehen sollte, was er da erfahren konnte. Die drei anderen machten sich davon und warteten auf ihren Gefährten. Am Morgen darauf kommt er wieder zu ihnen, und da fragen sie ihn, was er beobachtet habe. Aber er sagte, er habe gar nichts bemerkt. In der nächsten Nacht ging es mit dem zweiten der jungen Männer gerade so, und ebenso in der dritten Nacht. Da schienen diese tüchtigen jungen Männer um nichts klüger. In der vierten Nacht sollte der Pelzjunge die Höhle bewachen. Er legte sich unter das Bett und wartete auf den Abend. Da kam in die Höhle ein großer häßlicher Riese mit einem Bart, der ihm bis ans Knie hinunterreichte. Der Junge sprang sogleich auf und ging auf den Riesen los, packte den Bart des Riesen, wickelte ihn sich um die Hand und zog ihn hinaus in den Wald zu einer großen Eiche. Er wickelte den Bart des Riesen um die Äste der Eiche und band ihn so fest, daß er sich nicht rühren konnte. Dann geht der Bursche zu einen Gefährten. Sie fragen ihn nach Neuigkeiten, aber er sagt, er könne auch nicht mehr erzählen als sie. Dann bittet er sie mit ihm zu kommen und führt sie zu der Eiche, wo er den Riesen zurückgelassen hatte. Aber jetzt war der ganze Kerl weg und verschwunden. Er hatte sich losgerissen, aber so, daß der Bart und viel Haut und Fleisch am Baum hängen blieben. Nun gehen die Gefährten zur Höhle. Dort liegt der Riese auf dem Bett, vor Schmerzen fast seinem Ende nahe. Der Junge geht zu ihm und sagt, er wolle seine Qual abkürzen, wenn er ihm sagt, wo hier die Königstöchter festgehalten werden. Der Kerl sagt, weiter drinnen in dieser Höhle sei eine Nebenhöhle, in der seien drei dreiköpfige Thursen, und die bewachen die Königstöchter. Nachdem der Junge dem Riesen seine Lebenszeit abgekürzt hatte, machten sie sich daran, den Eingang zu der Nebenhöhle zu suchen, aber sie konnten nirgendwo einen Unterschied in der Felswand sehen. Nun kam es dem Pelzjungen in den Sinn, die ganze Höhle innen mit seinem Hammer abzuklopfen. Da gab an einer Stelle die Wand nach, und nun gingen sie in die Nebenhöhle. Der Pelzjunge ging mit großer Tapferkeit auf die Thursen los und schlug sie alle mit seinem Hammer zu Tode. Nun fanden die Gefährten bald den Eingang zu einem Raum in der Erde, und sie beschlossen, daß der Pelzjunge hinabsteigen sollte; die anderen sollten dann alle Königstöchter und danach den Jungen heraufziehen. Als der Junge in das Erdhaus kommt, findet er die drei Königstöchter, die waren an den Haaren festgebunden und alle dem Tode nahe vor Furcht und Schmerzen. Er schneidet sie alle los, und dann wird eine nach der anderen aus dem Erdhaus in die Höhe gezogen. Aber als das Seil das vierte Mal für den Jungen herunterkommen sollte, da kam es nicht. Es verging eine lange Zeit, und der Junge meinte nun sicher zu sein, daß er übel betrogen worden war. Da geriet er ganz außer sich vor Zorn und Raserei. Er schlug in dem Erdhaus nach allen Seiten los, wohin er nur reichen konnte.

Da geschah es, daß sich der Boden des Erdhauses öffnete, und der Junge stieg hinunter, weiter und weiter, bis er auf ebenen grünen Grund kam. Er sah nicht weit weg einen großen Baum und oben darin ein Greifennest mit Jungen. Der Greif war weg, um Beute zu holen, aber weil gerade ein ungeheurer Sturm war, schien es, daß der Baum jeden Augenblick mit den Wurzeln herausgerissen und zu Boden fallen würde und alle Greifenjungen sterben müßten. Der Junge sieht das, geht zu dem Baum und faßt ihn mit festem Griff und stützt ihn, bis die Greifenmutter am Abend nach Hause kam. Sie dankt dem Burschen sehr für das Leben ihrer Jungen und sagt, zur Belohnung wolle sie mit ihm wieder an die Oberfläche der Erde fliegen, »aber für diese Fahrt«, sagt die Greifin, »mußt du mir als Wegzehrung dreißig Vögel jagen.« Der Bursche machte sich auf die Vogeljagd, aber er erlegte nicht mehr als neunundzwanzig Vögel. Nun fliegt der Greif mit dem Burschen und den Vögeln davon. Als er eine Weile durch die Erde geflogen ist, schaut er zurück, und da wirft der Junge dem Greif zehn Vögel in den weit aufgerissenen Schnabel. Dann fliegt der Greif wieder lange, lange weiter, bis er wieder zurückschaut, und da schmeißt ihm der Junge die zweiten zehn Vögel in den Schnabel. So geht es weiter, bis der Greif zum dritten Mal zurückschaut, und da wirft ihm der Junge den letzten Bund Vögel zu, aber in ihm waren nicht mehr als neun Vögel. Aber als sie nur noch ein kurzes Stück zu fliegen haben, schaut der Greif zum vierten Male zurück. Da weiß sich der Junge keinen anderen Rat und nimmt das Messer und schneidet sich ein Stück aus dem Schenkel heraus und wirft es in den Greifenschnabel. Nun erreichten sie bald die Erde. Der Greif läßt den Jungen los und sieht, daß er ganz mit Blut bedeckt ist. Da sprach der Greif: »Das kann man sagen, daß du dich nicht geschont hast. Nimm nun vom Schweiß unter meinem rechten Flügel und streiche ihn auf die Wunde. Dann sollst du Schweiß unter meinem linken Flügel nehmen und dich ganz damit einstreichen.« Der Junge machte es so, wie es ihn der Greif geheißen hatte, und als er den Schweiß auf die Wunde gebracht hatte, heilte sie im Augenblick, und von seinem Körper fiel durch den Schweiß plötzlich alles Pelzhaar ab, und er wurde zu einem ganz richtigen Menschen. Nun verschwand der Greif. Er aber machte sich auf zu einem Kleidermacher und bekam von ihm alle Kleider, die er brauchte. Nun wird von der Fahrt des Jungen nichts weiter erzählt, bis er heim in das Königreich kommt. Dort geht es jetzt sehr lustig zu, denn der König hatte nun seine Töchter, die drei, aus der Unterwelt wiederbekommen, und nun sollten sie bald mit den tüchtigen jungen Männern verheiratet werden, die sie aus den Händen der Trolle befreit hatten. Niemand erkannte jetzt den Pelzjungen wieder, was man auch nicht erwarten konnte, aber dem König schien, daß der unbekannte junge Mann seinen zukünftigen Schwiegersöhnen nicht die gebührende Achtung erweise, und er sagte, es sei ihm natürlich nicht bekannt, daß sie allein seine Töchter errettet hätten. Da sagte der Bursche, dafür habe er aber keine Beweise. Da bat ihn der König, mitzukommen und es selbst zu sehen: hier seien die neun Köpfe der drei dreiköpfigen Thursen, die sie erschlagen hatten. Der Bursche besah sich die Köpfe und sagte, es scheine ihm sonderbar, daß in ihnen überall die Zunge fehlte. »Aber es trifft sich, daß ich hier gerade ebenso viele Zungen habe wie Thursenköpfe da sind, und sie scheinen alle dort hinzugehören«, sagte der Bursche. Da fing nun der König an einiges zu argwöhnen, und er fragte seine Töchter, ob sie etwa den jungen Mann wiedererkennen. Die beiden älteren sagten darauf »nein«, aber die jüngste sprach: »Die gleichen Augen sind’s, die mir die Freiheit brachten.« Nun wurden die künftigen Schwiegersöhne verhört und mußten alles gestehen. Der König wurde darauf so zornig, daß er sie auf der Stelle ergreifen und aufhängen lassen wollte. Aber der Pelzjunge sagte, es sei genug Strafe für sie, wenn sie hinaus in den Wald ziehen und dort das Leben leben müßten, das er selber dort voreinst gelebt hatte.

Da wurde nun ein Fest gehalten, und der Pelzjunge, der nun der allerschönste Bursche geworden war, vermählte sich mit der jüngsten Königstochter. Sie lebten darauf lange und wohl, und damit endet die Geschichte vom Pelzjungen.

3. Zottelbart

Es waren einmal ein Mann und eine Frau in ihrer Hütte. Sie hatten drei Töchter, die hießen Asa, Signy und Helga. Der Mann und die Frau mochten Asa und Signy am liebsten, aber die kleine Helga mußte immer in der Aschengrube bleiben.

Einmal ging der Alte, wie so oft, hinaus in den Wald, um Wild und Vögel zu jagen. Als er lange, lange gegangen war, setzte er sich nieder auf einen Stein und ruhte aus. Als er aber aufstehen wollte, merkte er, daß etwas Schweres auf seinem Rücken lastete, und da sagte er:

»Wer liegt denn da als Last auf mir?«

»Zottelbart heißt er«, war die Antwort, »und ich werde dich erschlagen, wenn du mir nicht deine Tochter Asa gibst.«

Der Mann war zu Tode erschrocken und sagte:

»Willst du nicht lieber die Helga, das dumme Ding?«

Das wollte Zottelbart nicht, und es mußte so geschehen, wie er es wollte. Sie machten sich also auf den Heimweg, und als sie zu der Hütte kamen, ließ der Mann seine Handschuhe draußen auf dem Hofplatz liegen. Dann ging er hinein und sagte zu seiner Tochter Asa:

»Liebe Asa, ich habe meine Handschuhe draußen auf dem Hofplatz vergessen. Willst du nicht hinausgehen und sie mir holen?«

Asa ging hinaus und wollte ihres Vaters Handschuhe holen, aber als sie aus der Haustür heraustrat, packte sie jemand überaus hart an und sagte:

»Was willst du lieber, daß ich dich auf den Armen trage oder daß ich dich an den Haaren ziehe?«

Sie dachte, der Kerl müßte grundhäßlich sein und wollte nicht, daß er sie auf den Armen trüge. Darum antwortete sie:

»Zieh mich an den Haaren.«

Da zog nun Zottelbart die Asa an den Haaren über Hügel und Höhen, heim in seine Höhle. Als er dort ankam, fragte er sie, ob sie ihn zum Mann nehmen will, aber sie sagte nein. Da ging er mit ihr in eine Seitenhöhle und setzte ihr gute Leckerbissen vor, aber er band ihr das Haar an die Stuhllehne und die Hände auf den Rücken, so daß sie nichts von den Speisen erreichen konnte. Eine Zeit später gab es wieder nur wenig zu essen in der Hütte des Mannes und der Frau. Da ging der Mann wieder in den Wald und wollte Wild und Vögel jagen. Als er lange, lange gegangen war, setzte er sich nieder auf einen Stein und ruhte aus. Als er aber aufstehen wollte, merkte er, daß etwas Schweres auf seinem Rücken lastete, und da sagte er:

»Wer liegt denn da als Last auf mir?«

»Zottelbart heißt er«, war die Antwort, »und ich werde dich erschlagen, wenn du mir nicht deine Tochter Signy gibst.«

Der Mann war zu Tode erschrocken und sagte:

»Willst du nicht lieber die Helga, das dumme Ding?«

Das wollte Zottelbart nicht, und es mußte so geschehen, wie er es wollte. Sie machten sich also auf den Heimweg, und als sie zu der Hütte kamen, ließ der Mann seine Handschuhe auf dem Hofplatz liegen. Dann ging er hinein und sagte zu seiner Tochter Signy:

»Liebe Signy, ich habe meine Handschuhe draußen auf dem Hofplatz vergessen. Willst du nicht hinausgehen und sie mir holen?«

Signy ging hinaus und wollte ihres Vaters Handschuhe holen, aber als sie aus der Haustür heraustrat, packte sie jemand überaus hart an und sagte:

»Was willst du lieber, daß ich dich auf dem Armen trage oder daß ich dich an den Haaren ziehe?«

Signy dachte, der Kerl müßte grundhäßlich sein und wollte nicht, daß er sie auf den Armen trüge. Darum antwortete sie:

»Zieh mich an den Haaren.«

Da zog nun Zottelbart die Signy an den Haaren über Hügel und Höhen, heim in seine Höhle. Als er dort ankam, fragte er sie, ob sie ihn zum Mann nehmen will, aber sie sagte nein. Da ging er mit ihr in eine Seitenhöhle und setzte ihr gute Leckerbissen vor, aber er band ihr das Haar an die Stuhllehne und die Hände auf den Rücken, so daß sie nichts von den Speisen erreichen konnte. Eine Zeit später gab es wieder nur wenig zu essen in der Hütte des Mannes und der Frau. Da ging der Mann wieder in den Wald und wollte Wild und Vögel jagen. Als er lange, lange gegangen war, setzte er sich nieder auf einen Stein und ruhte aus. Als er aber aufstehen wollte, merkte er, daß etwas Schweres auf seinem Rücken lastete, und da sagte er:

»Wer liegt denn da als Last auf mir?«

»Zottelbart heißt er«, war die Antwort, »und ich werde dich erschlagen, wenn du mir nicht deine Tochter Helga gibst.«

»Das ist kein großer Verlust, denke ich«, sagte der Mann, »nachdem du mir schon die beiden anderen genommen hast.«

Sie machten sich also auf den Heimweg, und als sie zu der Hütte kamen, ließ der Mann seine Handschuhe auf dem Hofplatz liegen. Dann ging er hinein und sagte zu seiner Tochter Helga:

»Helga, ich habe meine Handschuhe draußen auf dem Hofplatz vergessen. Schau daß du raus kommst, und hol sie!«

Helga ging hinaus und wollte ihres Vaters Handschuhe holen, aber als sie aus der Haustür heraustrat, packte sie jemand überaus hart an und sagte:

»Was willst du lieber, daß ich dich auf den Armen trage oder daß ich dich an den Haaren ziehe?«

Helga dachte, der Kerl müßte grundhäßlich sein, aber sie sah doch ein, daß es besser war, auf den Armen getragen als an den Haaren gezogen zu werden. Darum antwortete sie:

»Trag mich auf den Armen.«

Zottelbart trug nun Helga auf den Armen über Hügel und Höhen, heim in seine Höhle. Als er dort ankam, fragte er sie, ob sie ihn zum Mann nehmen will. Sie zeigte sich nicht abgeneigt, meinte aber, vor einer Hochzeit brauche es noch einige Vorbereitungen.

Helga übernahm nun die ganze Hauswirtschaft bei Zottelbart, und es dauerte nicht lange, da wurden ihr auch die Schlüssel überlassen. Zottelbart war alle Tage draußen auf der Jagd, und so hatte sie gute Gelegenheit, sich überall in der Höhle umzuschauen. Da fand Helga bald ihre Schwestern, band ihnen die Hände und das Haar los und gab ihnen gut zu essen und zu trinken.

Wenig später unterhält sie sich einmal mit Zottelbart und sagt:

»Lieber Zottelbart, ich glaube, daß es nun in der Hütte bei den beiden Alten wieder wenig zu essen gibt. Ich habe hier Knochen und Reste in diesem Sack gesammelt, und ich möchte dich bitten, daß du ihnen den hinbringst.«

Zottelbart meinte, das sei eine kleine Bitte, warf sich den Sack über die Schulter und machte sich auf den Weg. Als er ein Stück gegangen war, wurde er neugierig. Er setzte sich an den Fuß eines Hügels und wollte in den Sack hineinschauen und sehen, was Helga hineingetan hatte. Aber da hört er, wie jemand sagt: »Sieh doch nicht in meinen Sack!«

Zottelbart dachte, das wäre Helgas Stimme. Da fürchtete er sich sehr und sagte:

»Nicht will in den Sack ich sehn, wenn mir auch der Rücken bricht. Scharf die Augen Helgas sind: schaut durch Hügel und durch Höhen, schaut durch meine Höhle gar!«

Nun warf er sich den Sack wieder auf die Schulter und hielt nicht eher an, als bis er zu der Hütte kam. Dort warf er den Sack durch den Rauchfang hinunter, und der schlug so heftig auf, daß Asa, die in Wirklichkeit in dem Sack war, sich bei dem Sturz das Bein brach. Das gab nun ein freudiges Wiedersehen, und Asas Verletzung heilte bald wieder.

Etwas später unterhielt sich Helga wieder einmal mit Zottelbart und sagte:

»Lieber Zottelbart, ich glaube, daß es nun in der Hütte bei den beiden Alten wieder wenig zu essen gibt. Ich habe Knochen und Reste hier in diesem Sack gesammelt, und ich möchte dich bitten, daß du ihnen den hinbringst.«

Zottelbart meinte, das sei eine kleine Bitte, warf sich den Sack über die Schulter und machte sich auf den Weg. Als er ein Stück gegangen war, wurde er neugierig. Da setzte er sich an den Fuß eines Hügels und wollte in den Sack hineinschauen und sehen, was Helga hineingetan hatte. Aber da hörte er, wie jemand sagte:

»Sieh doch nicht in meinen Sack!«

Zottelbart dachte, das wäre Helgas Stimme. Da fürchtete er sich sehr und sagte:

»Nicht will in den Sack ich sehn, wenn mir auch der Rücken bricht. Scharf die Augen Helgas sind: schaut durch Hügel und durch Höhen, schaut durch meine Höhle gar!«

Nun warf er sich den Sack wieder auf die Schulter und hielt nicht eher an, als bis er zu der Hütte kam. Dort warf er den Sack durch den Rauchfang hinunter, und der schlug so heftig auf, daß Signy, die in Wirklichkeit in dem Sack war, sich bei dem Sturz einen Arm brach. Das gab nun ein freudiges Wiedersehen, und Signys Verletzung heilte bald wieder.

Zottelbart fing nun an, wegen der Hochzeit ungeduldig zu werden. Helga meinte auch, man sollte sich beeilen, und Zottelbart ging los, um die Thursen zum Fest einzuladen.

Als Zottelbart weggegangen war, bereitete Helga alles für das Fest vor. Sie trug die besten Leckerbissen auf. Dann nahm sie einen Stecken, bekleidete ihn mit dem Brautgewand und setzte ihn an den Tisch, und eine Blase mit Kalbsblut steckte sie unter den Brautschleier. Dann zog sie sich die schlechtesten Lumpen an, schmierte sich Kohle und Asche ins Gesicht, setzte sich auf einen anderen Stecken und ritt so aus der Höhle.

Sie war noch nicht weit gekommen, da traf sie eine Schar einköpfiger Thursen, die auf dem Wege zum Hochzeitsfest waren. Sie riefen ihr Grüße zu und sagten:

»Kamst du nach Düsterweid, Kohlensteiß du?«

Helga antwortete:

»Ich kam dorthin, ich kam dorthin! Bereit waren die Bänke, die Braut auf dem Stuhl saß. Voll waren die Kannen, flossen gar über.«

»Reiten wir, reiten, brauchen wir die Schenkel, lassen wir die Braut nicht warten«, sagten die Thursen und galoppierten zur Höhle.

Helga war nicht weit gegangen, da traf sie eine Schar zweiköpfiger Thursen, die auch auf dem Wege zum Hochzeitsfest waren. Sie riefen ihr Grüße zu und sagten:

»Kamst du nach Düsterweid, Kohlensteiß du?«

Helga antwortete:

»Ich kam dorthin, ich kam dorthin! Bereit waren die Bänke, die Braut auf dem Stuhl saß. Voll waren die Kannen, flossen gar über.«

»Reiten wir, reiten, brauchen wir die Schenkel, lassen wir die Braut nicht warten«, sagten die Thursen und galoppierten zur Höhle.

Helga war nicht weit gegangen, da traf sie eine dritte Schar. Das waren dreiköpfige Thursen, und Zottelbart war der erste in der Schar. Er rief Helga einen Gruß zu und sagte:

»Kamst du nach Düsterweid, Kohlensteiß du?«

Helga antwortete:

»Ich kam dorthin, ich kam dorthin! Bereit waren die Bänke, die Braut auf dem Stuhl saß. Voll waren die Kannen, flossen gar über.«

»Reiten wir, reiten, brauchen wir die Schenkel, lassen wir die Braut nicht warten«, sagten Zottelbart und seine Genossen und galoppierten zur Höhle.

Als die Thursen in die Höhle kamen, setzten sie sich zum Festmahl nieder und aßen und tranken viel. Bald fingen sie an, sich mit Knochen zu bewerfen. Einigen schien die Braut etwas einsilbig zu sein, wie sie da auf ihrem Stuhl saß, und da fiel es einem Thursen ein, ihr ein Knochenstück an die Nase zu werfen. Aber da zersprang die Blase mit dem Kalbsblut, und nun wurden alle Thursen noch einmal so toll wie vorher. Alle schlugen aufeinander ein und vielen wurden dabei die Glieder gebrochen. Aber als Zottelbart sah, daß die Braut eine blutige Nase bekommen hatte, wurde er so zornig, daß er aufstand und schrie:

»Da fall meine Höhle doch zusammen!«

Da fiel die Höhle zusammen, und alle Thursen kamen um.

Von Helga aber ist zu erzählen, daß sie ihren Weg weiterging bis zu der Hütte des Mannes und der Frau. Als sie sie nun sahen, wurden sie so froh, daß man es gar nicht sagen kann. Sie dachte sich wohl, was in der Höhle geschehen war. Etwas später machte sich Helga noch einmal auf den Weg dorthin, zusammen mit dem Mann und der Frau, mit Asa und Signy. Da fanden sie alle Thursen tot, aber in verschiedenen Seitenhöhlen war eine große Menge an Gold und Edelsteinen. Sie brachten alles heim in die Hütte, und das waren viele Pferdelasten.

Von da an lebten sie alle in Überfluß.

4. Die Kuh Bukolla

Es war einmal ein Ehepaar, das hatte drei Söhne; der eine hieß Asmund, der zweite Sigmund und der dritte Thorstein. Thorstein wurde immer zurückgesetzt. Sie hatten eine Kuh, die Bukolla hieß, sonst aber kein anderes Vieh. Die Kuh war ganz unvergleichlich gut und konnte sprechen wie ein Mensch. Einmal hatte sie gekalbt und man hatte gerade das Kalb versorgt, da erlosch das Licht bei den beiden Alten und sie mußten erst hinaus in die Küche gehen und es wieder anzünden. Als sie wieder in den Stall kamen, war das Kalb verschwunden. Im nächsten Herbst ging es genau so. Im dritten Herbst sorgten die beiden schon vor und nahmen Feuer mit hinein, um das Licht wieder anzuzünden, wenn es erlöschen sollte. Aber als das Kalb im Stall auf die Beine gekommen war, erloschen das Licht und das Feuer zur gleichen Zeit. Nun mußten die beiden wieder erst in die Küche gehen und dort das Licht anzünden. Als sie wieder in den Stall kamen, war das Kalb verschwunden und die Kuh auch. Nun wurden sie sehr betrübt, denn sie hatten nichts anderes zu essen gehabt als die Milch von Bukolla. Da sagt der Alte zu seinem Sohn Asmund: »Lieber Asi, du mußt jetzt gehen und die Kuh und das Kalb suchen; ich hoffe, du hast Glück und findest sie.«

Nun machte sich Asmund auf den Weg und bekam nichts anderes mit als Butter in einer kleinen Schale zur Wegzehrung und dazu drei Paar Strümpfe und drei Paar Schuhe. Er ging einen Tag, und da hatte er ein Paar Strümpfe und Schuhe durchgelaufen. Am Abend aß er den dritten Teil aus seiner Schale. Auch am anderen Tage ging er so, und es verlief alles genau so, und auch am dritten Tage, aber er fand nichts. An diesem Abend kam er zu einer großen Höhle, und da standen zwei Trollweiber draußen. Sie fragten ihn, warum er unterwegs sei. Er sagte: »Ich suche Bukolla und die Kälber meines Vaters; wißt ihr vielleicht etwas von ihnen?« – »Das sollst du bald erfahren«, sagten sie und warfen Asmund ein Seil um den Hals und hängten ihn an einem Haken auf der einen Seite der Tür zur Höhle auf. Da starb er.

Etwas später, als die beiden Alten immer noch auf Asmund warteten, sagten sie zu Sigmund, jetzt solle er gehen und Bukolla suchen, denn Asmund käme wohl nicht wieder. Sie versorgten ihn gerade so wie Asmund und schickten ihn los. Aber ihm ging es ganz genau so; die Trollweiber hängten ihn an einen Haken auf der anderen Seite der Höhlentür.

Eine Zeit später sagte der Alte zu seinem Sohn Thorstein: »Jetzt ist es am besten, wenn du dich auch packst und deine Brüder und die Kuh suchst, auch wenn es wohl nichts nützen wird. Ich will dich nicht mehr länger vor meinen Augen haben.« Thorstein machte sich auf den Weg und war nur schlecht ausgerüstet. Am ersten Abend kam er zu einer großen Eiche; dort legte er sich nieder und sagte: »Brüll nun, Bukolla, wenn du am Leben bist!« Da hörte er ein Dröhnen in der Erde, weit weit weg, und er wußte nun, daß die Kuh noch am Leben war und in welche Richtung er sich wenden mußte. Am nächsten Tag legte er sich wieder nieder und bat Bukolla zu brüllen, und da war das Brüllen schon näher. Dem ging er weiter nach, bis er zu einer Höhlentür kam, und da sah er seine Brüder an beiden Seiten der Tür hängen. Die Trollweiber standen draußen und fragten ihn, wohin er denn möchte. »Ich bin auf der Suche nach etwas zu essen«, sagte er, »und ich bin sehr hungrig. Ich bitte euch, gebt mir einen Bissen und erlaubt mir, in der Nacht hierzubleiben.« – »Also pack dich in die Höhle«, sagten sie, »und leg dich dort auf das Lager. Wenn du dich von hier wegrührst, bringen wir dich um.« Thorstein legt sich nieder, nachdem er ein klein wenig gegessen hatte, was man ihm gab. Am Abend standen die Trollweiber auf und gingen hinaus; Thorstein folgte ihnen. Er sieht, wie sie eine Seitenhöhle aufschließen, und dort drin sind Bukolla und die Kälber. Sie fangen an, die Kuh zu melken. Da geht er wieder und legt sich nieder. Als die Trollweiber fertig sind, tut Thorstein, als ob er schlecht schlafen könnte und schlägt mit Armen und Beinen um sich. Die Trollweiber wachten auf und sagten, er solle Frieden geben, sonst würden sie ihn erschlagen. Er sagte, er hätte schlecht geträumt, jetzt werde er still sein. Ein wenig später fängt er an zu schnarchen und schlägt wieder um sich. Sie wachen auf und sagen, er führe sich immer noch auf als ob er verrückt wäre, und sie würden einen solchen Krach nicht dulden. Er verspricht es ihnen wieder und bleibt nun eine Weile ganz ruhig. Dann fängt er wieder an, wie rasend um sich zu hauen, aber diesmal wachen die Trollweiber nicht auf. Da steht er auf, steckt eine Ahle ins Bett und sagt: »Sprich für mich drei Mal, wenn ich es nötig habe.« Darauf geht er hinaus, schließt die Seitenhöhle auf, treibt die Kälber und die Kuh hinaus und steigt auf Bukollas Rücken. Nun reitet Thorstein was er nur kann und treibt die Kälber an.