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Viele Märchen enden damit, dass die schöne Prinzessin und der tapfere Prinz heiraten, und man denkt: Nun sind sie ihr ganzes Leben lang glücklich. Aber stimmt das? Was tun sie in ihrer Freizeit? Haben sie Freundinnen oder Freunde? Dieses Büchlein erzählt davon, wie sich verschiedene Märchenfiguren kennenlernen: Zuerst Dornröschen und Schneewittchen, danach kommen das Aschenputtel und die Frau des Froschkönigs dazu, und zum Schluss noch Rapunzel und die Goldmarie – alles natürlich mit den jeweiligen Prinzen. Auf der abgebildeten Landkarte kann man verfolgen, wo sich das alles abspielt.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Inhaltsverzeichnis
Märchenhafte Freundschaften
Viele Märchen enden damit, dass die schöne Prinzessin und der tapfere Prinz heiraten, und man denkt: Nun sind sie ihr ganzes Leben lang glücklich. Stimmt das?
Dieses Büchlein erzählt davon, was Dornröschen, Schneewittchen, die Frau des Froschkönigs und andere Märchenfiguren erleben, nachdem die Märchen zu Ende sind. Wenn ihr wissen wollt, wo sich das alles abspielt, dann schaut auf die Landkarte.
Der Prinz beugte sich über das schlafende Dornröschen und küsste es. Dornröschen schlug die Augen auf und sie blickten sich liebevoll an.
Als Dornröschen erlöst war, wurde eine prächtige Hochzeit gefeiert. Dornröschens Eltern übergaben die Regierung an ihre Tochter und an den Prinz. Nun fing für die beiden der Alltag an.
Der Prinz (er hieß Dorian) übernahm die Regierungsgeschäfte, aber wenn wichtige Entscheidungen anstanden, war auch Dornröschen mit dabei zur Beratung und zur Abstimmung. Sonst kümmerte sie sich darum, dass im Schloss und im Garten alles in Ordnung war. Abends, wenn alle Arbeit erledigt war, setzten sich die beiden in ihrem Salon zusammen aufs Sofa, tranken ein Gläschen Wein und sprachen über ihre Sorgen und Probleme, die eigenen und die des Landes, und sie hatten sich sehr lieb.
Mit der Zeit jedoch fühlte sich Dornröschen ein wenig einsam, denn sie hatte keine Freundin. Als sie das ihrem Prinzen erzählte, wurde er traurig. Er hatte gedacht, dass Dornröschen doch mit ihrem schönen Leben und mit ihm an ihrer Seite zufrieden sein müsse. Dornröschen erklärte ihm: „Ach weißt du, das hat gar nichts mit dir zu tun. Natürlich bin ich glücklich mit dir. Aber so eine freundschaftliche Unterhaltung mit einer Frau, das ist auf eine andere Art schön. Und das vermisse ich manchmal.“ „Aber du hast doch die Dienstmädchen?“ „Ach Liebster, die sind ja schon nett und freundlich, aber es sind eben keine Freundinnen.“ Zuerst hatte Prinz Dorian Probleme, das zu verstehen. Er versuchte aber, sich in die Situation seines Dornröschens einzufühlen und eine Lösung zu finden. Eines Abends sagte er: „Rosabel (er nannte sie *Rosabel*), du kennst doch das Gebirge im Westen unseres Landes, das man das Siebengebirge nennt, oder auch die Siebenberge, weil sich sieben hohe Bergketten hintereinander türmen. Dahinter wohnt das Schneewittchen. Wenn du das einmal einladen möchtest, dann schicke ich einen Kurier, um zu sehen, ob ein Treffen möglich ist.“ Dornröschen war so verblüfft, dass sie zuerst gar nichts sagen konnte. Aber dann fiel sie ihrem Mann um den Hals und rief: „Davon habe ich ja überhaupt nichts gewusst! Dass sie so nahe bei uns wohnt! Warum hast du denn nie etwas davon gesagt?" Der Prinz antwortete: „Das wissen tatsächlich nicht viele Leute, weil wir keine diplomatischen Beziehungen zu diesem Land unterhalten. Die Berge sind sehr hoch und wild, es gibt keine Straßen hinüber, nur ein paar Wege für die Hirten und einige Händler, die den mühsamen Übergang nicht scheuen. Man sagt, dass mit den Zwergen im Schneewittchen-Reich recht gute Geschäfte gemacht werden können. Und die Schmuggler haben wohl auch ihre geheimen Pfade." Er fügte noch hinzu: „Kennst du eigentlich Schneewittchen?“ Dornröschen antwortete: „Nein, ich bin ihr noch nie begegnet. Aber ich weiß natürlich, wer sie ist und kenne ihre Geschichte.“
Nun war Dornröschen sehr froh und machte sich sogleich Gedanken, wie sie Schneewittchen zu sich einladen könnte und wie sie den Besuch empfangen wollte.
Es ist aber gar nicht so leicht, mit einem fremden Land Beziehungen aufzunehmen. Da kann man nicht einfach mit einem Blumenstrauß kommen und zum Kaffee einladen, so wie man das bei einer neuen Nachbarin macht. Man muss bestimmte Regeln einhalten. Alles muss sehr formell sein, damit keine Missverständnisse passieren.
Dornröschen und Prinz Dorian berieten also mit den Ministern, wie man das arrangieren könne. Außerdem wurden einige Hirten, die ihre Herden weit oben in den Bergen weiden ließen, um Rat gefragt, wie man am besten über die Berge komme. Sie meinten, das sei nur auf Pferden möglich. Später müsse man wahrscheinlich sogar auf Maultieren1* reiten, weil es für Pferde zu steil und zu schmal sei.
Danach wurde ein förmlicher Brief aufgesetzt, in dem der Prinz und Dornröschen schrieben, dass sie gerne Beziehungen zu dem Land aufnehmen möchten, und dass ihr Land sich freuen würde, wenn Schneewittchen und die Regierung ihres Landes damit einverstanden wäre.
Es wurde nun ein berittener Bote mit dem königlichen Brief in das Land hinter den sieben Bergketten geschickt. Er hatte ein Packpferd und einen Diener dabei, der zwei Maultiere führen musste, damit sie gut über die hohen Berge kommen konnten. Der Bote kam nach fünf Tagen wohlbehalten mit seinem Diener und mit den Maultieren wieder zurück. Er hatte nicht nur einen Brief für Prinz Dorian dabei, sondern auch ein Geschenk für Dornröschen. Das war ein kleines Päckchen, sehr hübsch verpackt. Als Dornröschen es öffnete, fand sie darin ein kleines Schächtelchen und einen Brief. In dem Schächtelchen war eine wunderbare Halskette mit Perlen aus grünen Smaragden und roten Rubinen. Der Brief war von Schneewittchen persönlich geschrieben. Darin stand, dass sie sich sehr über den Boten gefreut habe und dass sie hoffe, Dornröschen bald kennen zu lernen.
Der Brief an den Prinzen lautete folgendermaßen:
Nun gab es im Ministerrat einige Aufregung, denn man musste überlegen, welche Vorschläge die Delegation machen wollte und wer ihr angehören sollte. Der Prinz rief dazu Dornröschen und alle Minister zur Besprechung zusammen. Sie stellten einige Punkte auf, die man dem Schneewittchen-Land zur Beratung unterbreiten wollte.
Ja, so kompliziert ist das, wenn sich zwei Länder kennenlernen möchten.
Als alles durchdacht und geplant war, wurde die Abreise der Delegation vorbereitet. Sie sollte aus zwei Ministern und zwei Dienern bestehen, dazu vier Soldaten aus der Ehrengarde als Eskorte2* und einem Knecht mit den Pferden und Maultieren. Die Minister mit den Dienern fuhren in der Kutsche. Vor und hinter der Kutsche ritten jeweils zwei Soldaten aus der Ehrengarde, und am Schluss kam der Knecht, der die Pferde und die Maultiere führte. Als sie zu den Bergen kamen, war wirklich kein Weiterkommen mehr für die Kutsche. Sie mussten auf die Pferde umsteigen. Das Gepäck wurde auf die Maultiere verteilt. Als die Pfade dann immer steiler und schmaler wurden, ließ man die Pferde bei einem Hirten zurück, der sich um sie kümmern wollte, bis sie wieder zurückkommen würden. Die Delegation setzte ihre Reise auf den Maultieren fort.
Nachdem sie über die ersten zwei Pässe3* geritten waren, wurde es dunkel. Sie mussten in einer primitiven Hütte übernachten. Am nächsten Tag überquerten sie die anderen fünf Pässe. Das war für die Menschen ebenso wie für die Tiere sehr ermüdend. Als sie endlich aus den Bergen heraus kamen, formierten sie sich neu, um würdevoll in das Schneewittchen-Land einzureisen: Vorne ritten wieder zwei Soldaten der Ehrengarde, danach ritten die beiden Minister, dahinter die anderen zwei Soldaten der Ehrengarde, und am Schluss die Diener und der Knecht. Erst am Abend kamen sie beim Schloss von Schneewittchen an. Dort wurden sie in Ehren empfangen. Man freute sich sehr über den offiziellen Besuch aus dem Nachbarland.
Gleich am nächsten Morgen, nach einem ausgiebigen Frühstück, begann man mit den Beratungen.
Viel wurde besprochen an diesem Tag, der nur durch ein Mittagessen unterbrochen wurde. Wichtige Punkte wurden schriftlich festgehalten. Dem Ziel, politische und wirtschaftliche Beziehungen aufzunehmen, kam man einen großen Schritt näher. Ein baldiger Termin wurde festgelegt für den Gegenbesuch einer Delegation im Dornröschen-Land.
Als abends die Sitzung offiziell beendet war, trat einer der Minister vor Schneewittchen, verneigte sich und überreichte ihr einen Brief mit den Worten: „Eure Hoheit, ich habe das Vergnügen, Sie persönlich im Namen von Prinzessin Dornröschen einzuladen. Die Prinzessin würde sich sehr freuen, Sie nicht nur offiziell als Mitglied einer Delegation, sondern Sie ganz privat zu empfangen. Diesen Brief soll ich Ihnen dazu überreichen.“ Schneewittchen öffnete den Brief. Darin bedankte sich Dornröschen zuerst für die wundervolle Halskette und schrieb dann, dass sie es kaum erwarten könne, Schneewittchen kennenzulernen und mit ihr ein paar schöne Tage zu verbringen.
Am nächsten Tag reiste die Delegation wieder ab. Sie kam ins Dornröschen-Land zurück mit der Nachricht, dass man sehr an einem Kontakt interessiert sei und dass man bereits einen Vertragsentwurf ausgearbeitet habe. Eine Delegation aus dem Schneewittchen-Land werde demnächst eintreffen. Dann könne man noch über strittige Punkte beraten und möglicherweise den Vertrag gleich unterzeichnen. Prinzessin Schneewittchen und Prinz Scherko würden die Delegation leiten. Es sei jedoch der ausdrückliche Wunsch von Prinzessin Schneewittchen, Prinzessin Dornröschen bald persönlich zu treffen. Darüber freute sich Dornröschen sehr. Denn ihr Hauptanliegen war es ja, Schneewittchen kennenzulernen. Dass man dazu so umfangreiche Verhandlungen führen musste, damit hatte sie nicht gerechnet. Sie fing sogleich mit den Vorbereitungen an. Das ganze Schloss musste geputzt und auf Hochglanz gebracht werden. Im Garten wurden die Sträucher sorgfältig beschnitten. In der Küche wurde alles vorbereitet für die hohen Gäste. Zum Empfang sollte lediglich ein kleiner Imbiss gereicht werden, denn Dornröschen glaubte, dass Schneewittchen nach der langen und anstrengenden Reise müde sein werde. Erst für den Abend war dann ein großes Gala-Dinner geplant, und am dritten Tag sollte ein Ball stattfinden.
* * *
Dann war der ersehnte Tag da. Der Prinz hatte einige Kutschen an den Fuß der Berge geschickt, um für die Reisenden das letzte Stück des Weges bequemer zu machen.
Schon morgens schaute Dornröschen immer wieder vom Turmfenster aus in Richtung der Berge, ob sie nicht die Reisegesellschaft entdecken könne. Gegen Mittag kam ein Bote mit der Meldung, die Reisenden hätten die Grenze passiert. Es dauerte jedoch noch bis zum Nachmittag, bis die Gäste endlich da waren.
Die Delegation machte einen würdigen Eindruck. Voraus ritten zwei Zwerge mit Bannern, dann folgten die Kutschen, die Prinz Dorian geschickt hatte: In der ersten saß das Prinzenpaar, in der zweiten zwei Minister mit einem Diener und einer Dienerin. Den Schluss bildeten zwei bewaffnete Zwerge auf schönen grauen Maultieren.
Prinz Dorian und Prinzessin Dornröschen standen zum Empfang im Schlosseingang. Als Schneewittchen aus der Kutsche ausstieg, ging Dornröschen gleich mit ausgestreckten Armen auf sie zu, ergriff ihre Hände und küsste sie auf beide Wangen. „Herzlich, herzlich willkommen“, sagte sie dazu. Schneewittchen, die die Küsse erwidert hatte, antwortete: „Herzlichen Dank für den liebevollen Empfang.“ Dornröschen geleitete Schneewittchen persönlich ins Schloss, gefolgt von Prinz Dorian, der vor Prinz Scherko eine Verbeugung gemacht hatte und ihn ebenfalls ins Schloss führte. Die Mitglieder der Delegation wurden genauso gebührend empfangen. Der kleine Imbiss, den Dornröschen vorbereitet hatte, fand große Zustimmung, denn es war so, wie sie vermutet hatte: Die Reisenden waren sehr müde. Sie wollten nicht viel essen, sondern sich lieber gleich ein wenig hinlegen. Schneewittchen war Dornröschen sehr dankbar für ihr Einfühlungsvermögen und ihre Rücksichtnahme.
Abends fand dann das große Gala-Dinner statt. Im Festsaal war eine lange Tafel aufgebaut mit dem besten Porzellan und den besten Gläsern und Bestecken, die das Schloss zu bieten hatte. Große Schalen mit roten Rosen und weißen Lilien schmückten die Tische. Dornröschen trug ein zartgrünes Kleid, das mit weißen und roten Rosen bestickt war. Um den Hals hatte sie die Halskette mit den grünen Smaragden und den roten Rubinen, die sie von Schneewittchen geschenkt bekommen hatte. Prinz Dorian war grün gekleidet. Sie standen in der Türe des Festsaales und erwarteten ihre Gäste. Dann kam Schneewittchen mit Prinz Scherko und ihrer Delegation. Sie trug ein hellblaues Kleid und um den Hals eine silberne Halskette mit dunkelblauen Saphiren. Das Gewand ihres Prinzen war dunkelblau. Ihre Minister und die Zwerge waren ebenfalls in blau und weiß gekleidet. Die Gastgeber begrüßten die Gäste nochmal sehr herzlich und geleiteten sie zu ihren Plätzen. Nun wurden die Speisen aufgetragen, und die ersten Gespräche begannen. Dornröschen und Prinz Dorian saßen in der Mitte der langen Tafel. Links neben Dornröschen saß Schneewittchen mit den vier Zwergen, und rechts neben Prinz Dorian saßen Prinz Scherko und seine zwei Minister. Darum herum waren die Minister des Landes mit ihren Frauen platziert. Dornröschen und Schneewittchen waren sich auf Anhieb sympathisch und waren bald in ein fröhliches Gespräch vertieft. Die beiden Prinzen unterhielten sich über Politik. Der Abend verging sehr schnell, und alle waren zufrieden und glücklich, als sie zu Bett gingen.
Am nächsten Morgen sollten die Minister der zwei Länder – zunächst ohne die beiden Prinzen - den Vertragsentwurf nochmal beraten, gegebenenfalls verändern oder vervollständigen.
Für Schneewittchen und Dornröschen mit ihren Prinzen war ein Spaziergang durch den Schlossgarten vorgesehen, damit sie sich alle näher kennen lernen konnten. Schneewittchen bewunderte die vielen Rosen. Besonders begeistert war sie von der langen Rosen-Allee, die in einem runden Pavillon endete, der vollständig mit Kletterrosen überwachsen war. Aber auch die schön beschnittenen Buchsbäume und die weiten Rasenflächen mit den Lavendelreihen und den bunten Blumenrabatten gefielen ihr. Bedauernd sagte sie: „Leider können wir in unserem Garten keine Rosen pflanzen. Bei uns ist es im Winter oft sehr kalt, und es liegt lange Zeit Schnee, da erfrieren alle Rosen. Der Gärtner hat es schon ein paarmal probiert.“ Auch die beiden Prinzen waren sich sympathisch und verabredeten sich für nachmittags zu einem Ausritt in die Umgebung. Schneewittchen und Dornröschen wollten lieber in dem Rosen-Pavillon sitzen und plaudern.
Für den folgenden Tag hatte Prinz Dorian eine Konferenz mit Prinz Scherko und den Ministern der beiden Länder einberufen, um letzte Fragen über die zukünftigen diplomatischen Beziehungen zu dem Land hinter den Siebenbergen zu klären. Das dauerte den ganzen Vormittag. Am Nachmittag sollte dann die feierliche Vertrags-Unterzeichnung im Thronsaal stattfinden.
Der Thronsaal war festlich geschmückt mit Bannern und mit Girlanden aus Tannenzweigen. An einem Tisch in der Mitte des Saales saßen die beiden Prinzen und die Prinzessinnen, dazu der oberste Minister der Delegation aus dem Schneewittchen-Land und der Premierminister des Dornröschen-Landes. Weitere Minister und hohe Beamte, auch die Zwerge, saßen als Zeugen rundum auf Bänken, die an den Wänden des Thronsaales entlangliefen. Der Vertrag wurde laut vorgelesen, danach erfolgten die Unterschriften: Zuerst unterschrieb Prinz Dorian (als Initiator des Vertrages), daneben Prinzessin Dornröschen, darunter Prinz Scherko und Prinzessin Schneewittchen, und darunter die Premierminister aus den beiden Ländern. Prinz Dorian ließ Wein bringen, danach erhob er sich: „Damit werden wir nun hoffentlich auch das Schmugglerwesen etwas eindämmen können. Und wenn wir erst einmal bessere Wege über die Berge angelegt haben – von Straßen will ich jetzt noch nicht reden - dann werden wir gegenseitig von den Beziehungen profitieren“, sagte er. Er hob sein Glas: „Auf gute Nachbarschaft!“ Alle standen auf, prosteten sich zu und riefen: „Auf gute Nachbarschaft!“ Die anwesenden Minister, die Beamten und Zwerge, die als Zeugen dabei waren, klatschten laut Beifall.
Ein großer Ball am Abend sollte dann die Feierlichkeiten abschließen. Dazu waren viele edle Familien mit ihren erwachsenen Söhnen und Töchtern eingeladen. Dornröschen trug ein zartrosa duftiges Tüllkleid mit echten Rosen am Ausschnitt, im Haar einen Kranz aus kleinen Röschen. Schneewittchens Kleid war ganz weiß. Es hatte einen breiten Gürtel, der mit kleinen blauen Saphiren besetzt war. Ihr schwarzes Haar schmückte ein schmales Diadem aus Diamanten und Saphiren. Alle tanzten und lachten zusammen und unterhielten sich den ganzen Abend. Und erst, als sie ins Bett gingen, merkten sie, wie müde sie waren.
Der nächste Morgen begann mit einem ausgiebigen Frühstück, danach machten die beiden Paare eine Fahrt in einer offenen Kutsche durch die nähere Umgebung. Nach dem Mittagessen musste dann Schneewittchen mit ihrer Delegation wieder abreisen. Es wurde noch vereinbart, dass Dornröschen und ihr Prinz bald einen Gegenbesuch machen sollten.
Schneewittchen und Dornröschen waren beide sehr glücklich über ihre neue Bekanntschaft. Sie schrieben sich nun Briefe, und schnell entstand eine richtige Freundschaft. Nach etwa einem viertel Jahr war dann die Zeit für den Gegenbesuch bei Schneewittchen gekommen.
Prinz Dorian wollte die Gelegenheit zu weiteren Gesprächen nutzen, deshalb reisten mit dem Prinzenpaar außer zwei Dienern auch zwei Minister mit. Dornröschen war vor der Reise sehr aufgeregt. Sie sollte zum ersten Mal das Schneewittchen-Land sehen.
Man fuhr in zwei Kutschen, die mit vier prächtigen Pferden bespannt waren. Ein Diener mit den Pferden ritt hinterdrein. Als sie am Fuß der Berge angelangt waren, mussten das Prinzenpaar und ihre Begleiter die Kutschen verlassen und auf Pferden weiterreiten. Auch das Gepäck wurde auf mehrere Pferde verladen. Eine kleine Mahlzeit wurde serviert, dann brachen sie wieder auf. Zuerst ging es noch recht gut, sie kamen auf den ersten Pass. Von dort schauten sie über Berge und Berge, so weit das Auge reichte. Als Dornröschen sich umwandte und zurückblickte, konnte sie die weite Ebene am Fuß der Berge erkennen und dahinter ihr Schloss. Nun stiegen die Pferde vorsichtig ins Tal hinab, um aber gleich darauf die nächste Bergkette zu erklimmen. Danach wurden die Pfade so eng und steil, dass die Pferde nur noch langsam vorankamen.
Gegen Abend kam die Gesellschaft zu einer Schäferhütte, in der die Übernachtung geplant war. Die Diener bereiteten ein einfaches Abendessen zu, und es war ein kleines Abenteuer, als sie alle aus einem einzigen Topf essen mussten. Als Bett war nur ein schmales Strohlager da, auf dem durfte Dornröschen schlafen. Alle anderen mussten sich ein Lager auf dem Boden bereiten. Das war für den Prinzen und die Minister sehr ungewohnt, und sie suchten lange nach einer bequemen Liegestellung, aber dann schliefen sie doch ein, weil sie sehr müde waren.
Am nächsten Morgen wartete schon ein Mann mit Maultieren auf sie, mit denen sie nun ihre Reise fortsetzten. Die Pferde blieben bei dem Mann zurück. Bald waren sie auf dem nächsten Pass, und der ganze Tag verging damit, dass sie abwechselnd entweder enge Pfade hinunter- oder steile Pfade hinaufritten. Endlich war der siebte Pass erreicht, und sie konnten in einiger Entfernung das Schloss von Schneewittchen und Prinz Scherko erkennen. Man hatte sie wohl von dort aus schon bemerkt, denn auf halbem Weg kamen ihnen mehrere Reisekutschen entgegen, die sie und ihr Gepäck aufnahmen und zum Schloss brachten. Es war schon fast dunkel, als sie dort ankamen, aber der freundliche Empfang, der ihnen bereitet wurde, ließ sie ihre Müdigkeit vergessen. Nur Dornröschen war so erschöpft, dass ihr fast die Augen zufielen, und so ging die Gesellschaft nach dem Abendessen sehr bald ins Bett.
Erst am nächsten Morgen konnten sich Schneewittchen und Dornröschen richtig begrüßen, und Schneewittchen schlug vor, dass sie sich duzen wollten. Bei einem ausgiebigen Frühstück machten sie die ersten Pläne. Die beiden Prinzen und einige Minister setzten sich zusammen, um über die zukünftige Zusammenarbeit zu sprechen. Beide Seiten waren darüber einig, dass als Erstes bessere Wege über das Gebirge angelegt werden müssten, bevor man mit Handel oder anderen Dingen anfangen konnte. Es wurden aber noch keine konkreten Schritte vereinbart, denn dazu mussten auch die Zwerge gehört werden. Dornröschen wollte am liebsten gleich den Schlossgarten sehen. Er war nicht so prächtig wie ihr eigener Garten, aber Schneewittchen hatte eine große Liebe für einfache, jedoch stark duftende Blumen. Außerdem kannte sie sich sehr gut in der Kräuterkunde aus, und so war in dem Garten ein großer Kräutergarten angelegt mit vielen Beeten, die Wolken von herrlichen Düften verströmten. Weil Schneewittchen der Rosenpavillon von Dornröschen so gut gefallen hatte, wollte sie in ihrem Garten etwas Ähnliches haben. Sie hatte bereits einen Pavillon aufstellen lassen. Statt Rosen sollten dort jedoch Clematis wachsen, die in dem rauen Klima gut gediehen. Die Pflanzen waren natürlich noch sehr klein, aber Dornröschen konnte sich schon vorstellen, dass das einmal wunderschön aussehen werde. Abends wurde ein Festessen veranstaltet, bei dem auch einige Zwerge anwesend waren. Auf dem Tisch standen wunderbar geschliffene und mit Goldrand verzierte Gläser und Schalen. Dornröschen bewunderte sie und wollte wissen, woher diese Gläser stammten. Schneewittchen erklärte ihr, das seien keine Gläser aus Glas, sondern aus Bergkristall, und es seien Arbeiten der Zwerge. Darüber staunte Dornröschen sehr und fragte, wo denn die Bergkristalle herkommen. Schneewittchen antwortete: „Nach dem Essen werden die Zwerge dir bestimmt gerne Auskunft darüber geben.“ Sie wandte sich deswegen sofort an den neben ihr sitzenden Zwerg, und als das Dinner beendet war, verbeugte er sich vor Dornröschen und sagte: „Hoheit, es ist mir eine Ehre, Ihre Fragen zu beantworten“, und erzählte ihr einiges über die Arbeit im Bergwerk. Nun wollte Dornröschen gerne noch mehr von ihren Arbeiten sehen, und die Zwerge zeigten ihr mehrere Schmuckstücke, die sie für Schneewittchen angefertigt hatten. Darunter war als besonderes Stück ein großer sternförmiger Diamant, den Schneewittchen an ihrem Hochzeitstag getragen hatte.
Schneewittchen arrangierte am dritten Abend ebenfalls einen Ball, und viel zu schnell war der Tag des Abschieds gekommen.
Leider war ein weiteres Treffen nicht so bald möglich, da nun der Winter kam, wo die Wege über die Berge unpassierbar waren. Deshalb war es auch nur noch eingeschränkt möglich, Briefe auszutauschen. Sobald die Wege aber wieder frei waren, wollten sich Schneewittchen und Dornröschen gegenseitig wieder besuchen, das war versprochen.
* * *
Als der Frühling kam, warteten Dornröschen und Schneewittchen sehnsüchtig darauf, dass die Übergänge über das Gebirge wieder passierbar würden.
Endlich kam der erste Brief aus dem Land hinter den Bergen. Schneewittchen kündigte an, dass sie in vierzehn Tagen kommen werde, dieses Mal jedoch ohne ihren Prinzen, denn der war zur Zeit unabkömmlich, und auch ohne Minister, lediglich mit zwei Zwergen. Es sollte ein ganz ungezwungenes Treffen unter Freundinnen werden. Sie wollte mit ihren Begleitern nicht in der Kutsche fahren sondern reiten, denn da man die Berge sowieso nicht in der Kutsche überqueren konnte, schien ihr das einfacher zu sein.
Wieder wurde alles schön hergerichtet für den hohen Besuch. Als der erste Abend vorüber war, da fingen die beiden jungen Frauen an, wie richtige Freundinnen den ganzen Tag zusammen zu verbringen. Beinahe wäre Prinz Dorian eifersüchtig geworden. Er sah aber, wie glücklich seine Rosabel war und gönnte ihr die Freude.
Schneewittchen blieb dieses Mal eine ganze Woche. Als sie wieder abreiste, hatte Dornröschen ein Überraschungsgeschenk für sie: sie hatte zusammen mit Ihren Gärtnern unter den vielen Rosensorten in ihrem Garten eine Art ausgesucht, die besonders winterfest war. Davon hatte sie drei Pflanzen ausgraben und in große Pflanztöpfe umsetzen lassen, damit sie ohne Schaden transportiert werden konnten. Dornröschen glaubte zuversichtlich, dass diese Rosen den strengen Winter im Reich hinter den Siebenbergen überstehen würden. Die Gärtner hatten sich eine sinnreiche Verpackung ausgedacht, so dass man die Pflanztöpfe am Sattel eines der Zwerge sicher und rutschfest befestigen konnte. Schneewittchen freute sich sehr über dieses liebevolle Geschenk und umarmte Dornröschen nochmal und nochmal. Aber dann musste sie mit ihren Begleitern wieder heim reiten.
Nun begann eine schöne Zeit für die beiden Frauen. Regelmäßig schrieben sie sich Briefe, und am Ende des Sommers machte Dornröschen einen Gegenbesuch bei Schneewittchen. Auch sie reiste dieses Mal zu Pferde, ohne ihren Prinzen, nur mit einem Diener und einer Dienerin.
Leider kam in diesem Jahr der Winter sehr früh, so dass ein weiterer Besuch nicht mehr möglich war.
Dieser Winter war lang und streng. Es war ganz und gar unmöglich, Post über die Siebenberge zu befördern. Sogar die Schmuggler, die normalerweise auch im Winter ab und zu eine Möglichkeit für ihre Geschäfte fanden, konnten ihre geheimen Pfade nicht begehen.
Dornröschen vermisste ihr Freundin sehr. Sie versuchte, sich mit der Arbeit und der Aufsicht im Schloss abzulenken. Im Gewächshaus war jetzt Hochsaison. Die Frühlingspflanzen mussten rechtzeitig gesät und später umgetopft werden, damit der Garten gleich bepflanzt werden konnte, wenn der Frühling kam. Dornröschen war oft im Gewächshaus, um sich mit dem Obergärtner zu besprechen. Sie wollte mit seiner Hilfe eine Rose für Schneewittchen züchten, die nicht nur winterfest war, sondern dazu auch noch stark duftete. Im vergangenen Sommer waren bereits einige Pflanzen für das Züchten ausgewählt und vorbereitet worden. Nun musste man Geduld haben und abwarten, bis sie austrieben. Erst dann würde man sehen, ob sie die gewünschten Eigenschaften hatten.
Oft schaute Dornröschen sehnsüchtig in Richtung der Berge, deren beschneite weiße Felsenketten am Horizont leuchteten. Wann wohl die Wege wieder passierbar waren, so dass sie für ein paar Tage zu Schneewittchen fahren konnte?
Eines Tages Anfang April, die Sonne schien schon seit ein paar Tagen und wärmte sogar schon ein wenig, kam kurz nach dem Mittagessen ein Bote ganz aufgeregt zu Dornröschen und meldete, dass sich eine Kutsche aus dem Gebirge nähere. Dornröschen lief sofort auf den Turm und schaute aus dem Fenster, und tatsächlich ... wenn sie nicht alles täuschte … das war doch die Kutsche von Schneewittchen! Das war doch nicht möglich! In einer Kutsche über die Berge! Sie lief wieder hinunter und in die Küche und erzählte die frohe Botschaft. Gleich wies sie die Köche und Köchinnen an, ein paar gute Sachen für den Besuch vorzubereiten. Dann lief sie wieder auf den Turm - es war kein Zweifel, das war Schneewittchens Kutsche, mit zwei Pferden bespannt. Dornröschen ließ die Gastgemächer für ihre Freundin herrichten und wartete gespannt auf die Ankunft der Kutsche.
Endlich fuhr sie durch das Tor. Dornröschen rannte ihr entgegen, riss den Schlag4* auf - Schneewittchen stieg aus - und die beiden jungen Frauen fielen sich um den Hals. Das war eine Freude! „Wo kommst du denn her?" fragte Dornröschen ganz aufgeregt. Aber Schneewittchen sagte: „Lass uns erst hineingehen, dann will ich dir alles erzählen. Meine Zofe und ich sind ganz durchgefroren. In der Kutsche war es ziemlich kalt." Dornröschen geleitete nun ihre Freundin mit ihrer Zofe und dem Kutscher ins Schloss. Die Zofe und der Kutscher wurden in der Küche bestens versorgt, die zwei Freundinnen jedoch gingen in den kleinen Salon, wo schon ein Imbiss hergerichtet war. Kaum saßen sie auf dem gemütlichen Sofa, da platzte Dornröschen heraus: „Also jetzt sag endlich, wie das kommt, dass du zu dieser Jahreszeit hier ankommst, und ganz ohne offizielle Begleitung! Und in der Kutsche! Wie ist denn das nur möglich!" Schneewittchen schmunzelte und erzählte dann: „Schon im vorigen Sommer haben die Zwerge damit begonnen, einen Tunnel durch das Gebirge zu graben. Während des ganzen Winters haben sie unterirdisch weitergearbeitet, und vor ein paar Tagen ist der Durchstich5* gelungen. Ich habe mir gedacht: Bevor ich einen Boten schicke und warte, bis er wieder zurückkommt, fahre ich gleich selber hierher. Wir sind heute Morgen ganz früh losgefahren, denn wir wussten nicht, wie lange wir brauchen würden. Aber es hat ja gut geklappt. Und demnächst wird es sogar noch schneller gehen. Denn im Moment ist der Tunnel erst roh ausgehauen und man kann noch nicht schnell fahren. Die Zwerge sind aber weiter bei der Arbeit und werden den Weg und die Wände noch schön glatt aushauen, dann kann man bestimmt in vier oder fünf Stunden bei uns sein. Dann brauchen wir nicht mehr so umständlich mit Begleitung zu fahren, sondern können uns zwischendurch ganz formlos besuchen.“ Dornröschen war sprachlos. Das war ja eine wunderbare Geschichte! Jetzt konnten sie sich öfter sehen und vor allen Dingen ohne große Umstände! Sie erzählten sich nun, wie sie den Winter verbracht hatten und was sie gemacht hatten, dann war es Zeit für das Abendessen. Der Prinz hatte schon von dem überraschenden Besuch erfahren und freute sich für Dornröschen. Auch er ließ sich die Geschichte mit dem Tunnel erzählen. Sehr aufmerksam hörte er zu.
Nach dem Abendessen setzten sie sich gemütlich zu dritt in den kleinen Salon. Dort brachte Prinz Dorian nochmal das Gespräch auf den Tunnel. Er sagte zu Schneewittchen: „Der Bau dieses Tunnels ist für die zukünftige Zusammenarbeit unserer Länder ein großer Segen. Nun müssen wir nicht aufwändig die Wege über die Berge ausbauen. Wir müssen nun so schnell wie möglich die Erlaubnis der Zwerge einholen, den Tunnel für unsere Zwecke benützen zu dürfen. Unser großer Dank gebührt ihnen für diese großartige Arbeit.“ In diesem Moment sprang Schneewittchen auf und rief: „Das hätte ich ja beinahe vergessen: Die Zwerge haben mir einen Brief an dich mitgegeben. Über den Inhalt wirst du dich bestimmt sehr freuen.“ Damit holte sie aus ihrem Täschchen einen Briefumschlag hervor und reichte ihn Dorian. Der riss sofort das Kuvert auf und las:
„Verehrte Hoheiten, Prinz Dorian und Prinzessin Dornröschen, der Tunnel, den wir gegraben haben, sollte zwar den Weg für unsere Prinzessin Schneewittchen zu ihrer Freundin Dornröschen einfacher machen, aber wir erteilen den beiden Ländern die ausdrückliche Erlaubnis, den Tunnel auch wirtschaftlich zu nutzen.“
Nun sagte der Prinz begeistert: „Das ist natürlich ganz hervorragend! Ich bin dafür, dass wir den Tunnel mit einem großen Fest einweihen und bei dieser Gelegenheit unseren Dank an die Zwerge aussprechen.“
Leider konnte Schneewittchen nicht lange bleiben. Nach drei Tagen musste sie schon wieder abreisen, aber irgendwie war das jetzt nicht mehr so schlimm, denn die Aussicht auf öftere formlose Besuche machte den Abschied viel leichter. Vor allem aber konnten sie sich jetzt das ganze Jahr über Briefe schreiben. Darüber freuten sich beide sehr.
Dornröschen konnte es gar nicht erwarten, Schneewittchen wieder zu besuchen. Vor allem war sie sehr neugierig auf den Tunnel. Deshalb machte sie sich schon zwei Wochen später mit einer Dienerin auf die Reise. Für die Fahrt durch den dunklen Tunnel hatte der Prinz die Kutsche mit je zwei Öllampen vorne und hinten ausrüsten lassen. Als sie den Eingang des Tunnels erreichten, war Dornröschen überrascht, wie hoch und breit er war. Er war mit behauenen Steinen schön eingerahmt. Der Weg war glatt und eben, so dass sie mit unverminderter Geschwindigkeit weiterfahren konnten. Nach ungefähr einer Stunde trafen sie auf einen kleinen Trupp von Zwergen, die im Schein von einigen Lampen an den Wänden und auf dem Boden arbeiteten, um alles glatt und sauber auszuhauen. Sie traten zur Seite, um die Kutsche durchzulassen. Dornröschen ließ anhalten und begrüßte die Zwerge. Sie verneigten sich förmlich, und einer sagte: „Guten Tag, Eure Hoheit. Wir heißen Euch in unserem Land herzlich willkommen. Ihr müsst jetzt langsamer fahren, wir sind noch nicht fertig mit den Feinarbeiten!" Dornröschen erwiderte: „Vielen Dank ihr lieben Zwerge. Wie lange wird es denn noch ungefähr dauern?" Und sie antworteten: „Ein viertel bis ein halbes Jahr, je nachdem wie hart der Felsen ist." Dornröschen dankte ihnen für ihren Fleiß und gab das Zeichen zur Weiterfahrt. Es wurde nun recht holperig, und sie wurden in ihrer Kutsche ganz schön durchgeschüttelt. Sie kamen nur noch langsam voran.
Aber ein paar Stunden später war das Ende des Tunnels erreicht, sie fuhren wieder ans Tageslicht. Dort erwartete sie eine Überraschung: Überall lag noch eine dünne Schneedecke. Sie fuhren langsam weiter. Die Pferde schnaubten in der kalten Luft, und Dornröschen und ihre Dienerin hüllten sich in warme Decken ein um nicht zu frieren. Das Land hinter den Bergen lag höher und der Winter war dort deshalb länger und kälter als in Dornröschens Land.
Ein Wächter sah die Kutsche kommen und meldete es Schneewittchen. Die empfing Dornröschen sehr freudig, und wieder hatten sie sich viel zu erzählen. Am nächsten Morgen sagte Dornröschen zu Schneewittchen, sie würde gerne noch mehr von der Arbeit der Zwerge erfahren. Schneewittchen schickte nach dem Ältesten der Zwerge, und Dornröschen wollte wissen, wie und wo sie diese schönen Kristalle fanden. Der Zwerg erklärte ihr, dass man, wenn man die nötigen Kenntnisse hatte, erkennen konnte, wo die Kristalle zu finden waren. „Sie sind vor Millionen von Jahren in ganz bestimmten Gesteinsschichten entstanden“, erzählte er, „oft sind sie in Klüften versteckt.“ Dornröschen fragte: „Was sind denn Klüfte?“ „Das sind Spalten im Gestein. Manchmal sind sie nur sehr schmal, dann muss man sie vergrößern. Aber es gibt auch große Klüfte, in die man ohne Schwierigkeiten hineingehen kann“, erklärte der Zwerg. „Ab und zu entdecken wir hinter einer Kluft sogar einen Gang, der zu einer Tropfsteinhöhle führt.“ Dornröschen staunte sehr über diese Informationen. Da es in ihrem Land nur Hügel, aber keine höheren Berge gab, wusste sie auch nichts von deren verborgenen Geheimnissen und Schönheiten. Sie wandte sich an Schneewittchen: „Warst du schon einmal in so einer Tropfsteinhöhle?“ „Ja“, sagte Schneewittchen lächelnd. „Auch ich habe gestaunt, dass es bei uns so etwas gibt. Möchtest du eine Höhle besuchen? Es gibt eine, die ist gar nicht so weit von hier weg. Wir könnten gleich morgen zu Pferde dorthin reiten.“ „O ja“, rief Dornröschen „das wäre schön!“
So machten sie am nächsten Tag in Begleitung des Ältesten der Zwerge einen Ausflug zu der Tropfsteinhöhle. Sie mussten ungefähr eine halbe Stunde reiten, bis sie zum Höhleneingang kamen. Dort wurden sie von zwei Zwergen erwartet. Diese geleiteten sie sicher auf dem unebenen Weg in die Höhle hinein. Bald erweiterte sich der Gang und … Dornröschen stand staunend vor einer großen Halle, fast so hoch und weit wie ein Dom. Von der Decke hingen dicke, lange Stalaktiten.6* Noch dickere Stalagmiten wuchsen ihnen vom Boden entgegen. Aus einem Gang seitlich dahinter hörte man leises Hämmern. Dornröschen fragte, was das sei. Der Älteste Zwerg stieß einen grellen Doppelpfiff aus, und kurz darauf erschienen im Eingang zu dem Gang neun Zwerge, alle mit Hämmern und Meißeln in der Hand. Sie verneigten sich vor den Prinzessinnen. Der Älteste Zwerg erklärte dann, dass diese Zwerge weiter im Berginneren nach Kristallen suchten. Nun sagte Dornröschen erstaunt: „Aber das sind ja neun Zwerge! Ich dachte immer, es gebe nur sieben.“ Da lachten alle Zwerge herzlich und Schneewittchen erklärte: „Die sogenannten *Sieben Zwerge* wohnten in dem Häuschen, in dem ich damals Zuflucht vor meiner Stiefmutter fand. Aber alle diese Berge gehören zum Zwergenreich. Die Zwerge sind sehr zahlreich, sonst hätten sie den Tunnel gar nicht in dieser kurzen Zeit aushauen können.“ Dornröschen ging nun vorsichtig in der großen Höhle umher und bewunderte die verschiedenen Formen der Stalagmiten und Stalaktiten. Die Zwerge freuten sich darüber, dass die Prinzessin sich so intensiv dafür interessierte. Erst nach einer Weile mahnte Schneewittchen, dass sie wieder zurückreiten müssten.
Am nächsten Tag ließ Schneewittchen einen Tisch auf die große Terrasse stellen. Dort schien die Sonne, da war es schon ein bisschen warm. Dornröschen bat Schneewittchen: „Bitte erzähl mir noch mehr von den Zwergen!“ Schneewittchen fing gleich an: „Die Berge gehören zwar geographisch zu unserem Land, aber die Zwerge sind die eigentlichen Besitzer. Sie können darin nach ihrer eigenen Art leben und arbeiten. Wir haben jedoch eine gute Allianz. Wir arbeiten hervorragend zusammen und helfen uns gegenseitig in allen schwierigen Dingen. In den Bergen gibt es Klüfte mit Erzadern, die sehr weit in das Gebirge hineingehen und schon seit Jahrhunderten ausgebeutet werden. In der Nähe dieser Klüfte haben sich die Zwerge solche Häuschen gebaut, wie ich damals eines gefunden habe. Darin wohnen sie dann tage- oder wochenlang, bis sie wieder an ihren Haupt-Wohnort zurückkehren. Die Häuschen sind oft sehr hübsch eingerichtet. Das Häuschen das ich damals gefunden habe, war sehr nett und gemütlich.“ Dornröschen unterbrach sie: „Hast du wirklich für sie gekocht und geputzt?“ „Nun ja“, meinte Schneewittchen, „so viel war in dem kleinen Häuschen nicht zu putzen. Und mit dem Kochen war bei mir auch nicht viel los. Aber ich war ja auch gar nicht so lange bei den Zwergen, dafür hat dann ja meine Stiefmutter gesorgt.“ Eine Pause entstand. „Übrigens“, erzählte Schneewittchen weiter, „weißt du, dass die Zwerge eine eigene Sprache sprechen?“ „Nein! Wie geht denn die?“ „Nun, ich weiß leider nicht viel davon. Die Zwerge sind in dieser Hinsicht sehr zurückhaltend. Ich kenne nur ein paar Ausdrücke. Für *Guten Appetit* sagen sie zum Beispiel *Genut Aptepit* und statt *Guten Tag* sagen sie *Sonstlichsagel* “. „Was?“ unterbrach sie Dornröschen, „Wie war das?“ Schneewittchen lachte: *Sonstlichsagel* „Das ist nicht dein Ernst“, meinte Dornröschen, „das ist ja der reinste Zungenbrecher.“ „Doch, so sagen sie. Als ich fragte, woher das Wort komme, habe ich aber keine Auskunft bekommen. Sie machen aus ihrer Sprache ein großes Geheimnis.“ Dornröschen schüttelte den Kopf: „Kennst du noch mehr solche Ausdrücke?“ „Nein“, bedauerte Schneewittchen, „sie haben mir noch ein paar Wörter gesagt, aber die sind so komisch, ich habe sie wieder vergessen. Nur eines ist mir noch in Erinnerung, das war irgendwas mit ‚redbenere‘. Ich glaube, das ist etwas zu essen.“ Nun lachten sie beide darüber, bis Dornröschen sagte: „Mir wird ein bisschen kalt. Ich würde gerne hineingehen.“
Am nächsten Tag war es dann Zeit für Dornröschen, wieder heimzufahren.
So fuhren Schneewittchen und Dornröschen nun regelmäßig hin und her, und als der Tunnel ganz fertig und glatt und sauber ausgehauen war, da konnte man sogar zu Pferd hindurch reiten, und dadurch verkürzte sich die Reisezeit auf circa drei Stunden.
