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Ein Land, von dem du nicht einmal ansatzweise weißt, wo es liegen soll. Ein Prinz, von dem du noch nie etwas gehört hast. Ein TV-Beitrag, der dein Leben verändern wird. Prinz Andrew? Wer soll das denn sein? Das ist die Frage, die sich Sophia stellt, als sie mit eben diesem Prinzen bei der Ausstrahlung eines TV-Beitrages in einem Satz erwähnt wird. Und als wäre der typische Vorweihnachtsstress nicht schon genug für ihr sonst so geordnetes Leben, erhält sie nur wenige Tage später eine Einladung von keinem Geringeren als Prinz Andrew. Obwohl sie am liebsten so tun würde, als hätte sie die edel bedruckte Karte nie erhalten, begibt sie sich doch auf die Reise nach Castleshire, wagt damit den Schritt in eine komplett andere Welt und auf einmal ... ist nichts mehr, wie es vorher war.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Maria Maiwald
Copyright © 2023 by Maria Maiwald
Umschlaggestaltung: My Bookcovers
Unter Verwendung von privatem Bildmaterial
2. Auflage, Dezember 2022
Maria Maiwald
c/o Autorenservice Maiwald
09603 Großschirma (Sachsen)
mariamaiwald.de
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Alle Rechte vorbehalten.
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung, Nachdruck oder öffentliche Zugänglichmachung. In diesem Werk vorkommende Personen und Handlungen sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Für alle, die nie daran zweifeln, dass hinter dem nächsten Berg ein Märchen auf sie warten könnte. Manchmal ist es schon viel näher, als man je zu träumen wagt.
1
Sophia
Recht hat sie ja
Eisiger Wind peitscht mir ins Gesicht, Schneeflocken wirbeln wild durcheinander vor meiner Nase herum und trotz der dicken Handschuhe fühlen sich meine Finger taub an. War Winter für mich in den letzten Jahren so etwas wie ein Fremdwort, scheint er sich nun umso mehr in Erinnerung rufen zu wollen. Und das mit über einem Meter unverwüstlicher Schneeschicht und allen nervigen und vor allem zeitraubenden Folgen. Verkehrschaos? Vorprogrammiert!
Mit Mühe krame ich den Schlüssel aus meiner Tasche und öffne die Wohnungstür zu dem wunderschönen Altbau, in dem ich erst seit wenigen Monaten lebe. Drinnen umfängt mich mit einem Mal eine merkwürdige Stille im Gegensatz zu dem Straßenlärm gepaart mit dem Wind von draußen. Ich werfe einen Blick auf meine Armbanduhr. Oh Gott!
Schnell haste ich die vier Stockwerke nach oben, reiße die Wohnungstür auf und sehe Sarah, wie sie ihren vorwurfsvollen Blick auf mich richtet.
»Ich weiß, ich bin spät. Tut mir leid.«
»Mensch, wo bleibst du denn auch so lange? Es geht schon los.«
»Was?«
Lauter als beabsichtigt fällt die Tür hinter mir ins Schloss und ich versuche, mich im Halbgehen Halbrennen von den dicken Winterstiefeln zu befreien. Was ich mir durchaus einfacher vorgestellt hätte, und so lande ich schneller mit dem Allerwertesten auf dem Laminatboden, als ich auch nur ansatzweise den Reißverschluss geöffnet habe. Sarah kringelt sich bei meinen kläglichen Versuchen vor Lachen auf der Couch. Kein Wunder, würde ich an ihrer Stelle wahrscheinlich auch.
»Mist!«, fluche ich, weil sich jetzt auch noch der Knoten des Mantels in meiner Taille extra fest zugezogen zu haben scheint. Ist er für die eisige Kälte draußen hervorragend geeignet, kommt es mir hier drin vor, als wäre ich in einer Sauna.
Auf dem Bildschirm sehe ich die Moderatorin, wie sie unseren Beitrag ankündigt. Verflucht nochmal! Dann muss es eben so gehen, beschließe ich, hieve mich in den Stand und lasse mich nur wenige Augenblicke später neben Sarah auf das Sofa fallen. Mit einem lauten Quietschen rückt sie von mir ab und findet sich direkt auf der Lehne wieder.
»Sophia, kannst du nicht wenigstens die Jacke ausziehen?«
»Psst.«, mache ich und lege verstärkend meinen Zeigefinger an die Lippen, bevor ich meinen Blick wieder auf den Bildschirm richte. Automatisch schnellt mein Puls noch mehr in die Höhe als den ganzen Tag schon und ich komme mir langsam vor wie ein Rentier am Nordpol, dass aus Versehen zu viel von dem geheimen, magischen Energiefutter des Weihnachtsmannes gefuttert hat. Es ist ja nicht so, dass ich jeden Tag von einem Filmteam begleitet werde und mich dann selbst im Fernsehen ansehen kann, geschweige denn davon, den Prinzen und seine Frau zu treffen und mit ihnen zu reden. Das ist schon etwas Besonderes, aber definitiv nichts für meine Nerven und was demnächst wiederholt werden müsste. Zumindest nicht, wenn es nach mir geht.
»... und wir haben sie dabei begleitet.«, beendet die Moderatorin die Ankündigung zu unserem Beitrag, der nahtlos beginnt. Auf meinem Gesicht breitet sich ein nervöses Lächeln aus.
Es ist noch nicht einmal ein Jahr her, seit ich von München mit meiner Mutter nach Birmingham kam. Mich hat diese Stadt so fasziniert, auch wenn ich sie bis dahin immer nur von Fotos kannte. Vor allem der Weihnachtsmarkt, der dem in Deutschland so ähnlich ist und mich jetzt noch mehr in den Bann zieht, wo ich ihn endlich live erleben kann. Auch wenn es zu Beginn schwer war, vor allem, weil Englisch bei mir zuvor immer nur in der Schule eine Rolle gespielt hat, weiß ich, war es doch die richtige Entscheidung hierher zu kommen.
Alles in München hinter mir zu lassen und noch einmal komplett neu zu beginnen.
Für meine Mutter.
Ohne ihn.
Die Person, die mir früher einmal so nah stand und dann so fremd und verachtend wurde, nur um seine Karriere voranzutreiben. Ich merke wie mein Atem sich beschleunigt, atme beruhigend einmal tief durch und konzentriere mich wieder auf den Beitrag, denn auch wenn die Erinnerungen von letzten Weihnachten noch so klar und allgegenwärtig sind, ist es Zeit, diese wieder durch neue schöne Erinnerungen zu ersetzen. Und das mache ich jeden Tag aufs Neue.
Zuerst wird Paula eingeblendet, wie sie mit einer Kindergruppe den Plätzchenteig knetet, dann ich, wie ich eine Fuhre aus dem Ofen hole und gleich die nächste zum Backen hineinschiebe. Wie ich die Plätzchen dekoriere, Tim mit einem herzlichen Lachen die Schokolade vom Mundwinkel wische und dann, wie ich auf dem Weihnachtsmarkt bin.
Paula sagt ein paar Worte in die Kamera, völlig selbstsicher und als ob es ihr überhaupt nichts ausmachen würde. Eigentlich wollten sie, dass ich das übernehme, aber nein ... ich will nicht, dass mich jeder sehen kann, wie ich irgendwas dahin stammle. Irgendwann haben sie es dann auch akzeptiert, dass sie mich nicht überzeugen können, und so hat Paula dann Gott sei Dank diese Aufgabe übernommen.
Im Hintergrund erklärt eine Frauenstimme, an welche Organisation der Erlös des Plätzchenverkaufs geht. Es ist das erste Mal, dass wir hier Plätzchen verkauft haben. Eigentlich war es sogar meine Idee, damals in München vor drei Jahren, so einen Verkauf anzufangen, nachdem ich gesehen habe, wie manche Kinder in Heimen leben und wie wenig Weihnachten dort doch zelebriert wird. So wurde es Jahr für Jahr irgendwie immer größer und kaum bin ich meinen ersten Winter hier, wird sofort ein Filmteam aufmerksam und hat angefragt, ob sie uns dabei begleiten können, wie wir am ersten Advent unsere Plätzchen auf dem Weihnachtsmarkt verkaufen. Paula war sofort begeistert. Ich alles andere als das, habe mich aber umstimmen lassen, als mir klar wurde, dass wir so viel mehr Menschen erreichen können. Auch auf die Gefahr hin, mich vollkommen zum Affen zu machen. Was mir aber bis vor wenigen Stunden verschwiegen wurde und wo ich jetzt allein bei dem Gedanken daran noch einen Herzkasper bekomme, war der Besuch des Prinzen und seiner Frau. Bei mir! Auf dem Weihnachtsmarkt! Während alle Bescheid wussten und geklärt hatten, dass ich doch mit den beiden darüber sprechen kann, wie es zu der Aktion kam, wusste ich von gar nichts. Und genau in dem Moment als ich sie sah, rutschte mein Herz nicht nur eine Etage tiefer, sondern verabschiedete sich gleich komplett. Auf Nimmerwiedersehen. Das war dann wohl auch der Moment, in dem ich mich wirklich zum Affen gemacht habe. Da bin ich gerade ein paar Monate hier, mein Englisch lässt immer noch ganz schön zu wünschen übrig, ich habe keine Ahnung, wie man mit den Mitgliedern eines Königshauses umgeht, wie man sie richtig begrüßt und überhaupt ... Und dann soll ich, ausgerechnet ICH, das Gespräch mit den beiden übernehmen. Gut, aus der jetzigen Sicht betrachtet, war es gar nicht so schlimm, wie ich zu Anfang dachte. Sie waren viel bodenständiger, als ich es erwartet hätte und einfach nur nett. Haben sich in Ruhe angehört, wie ich auf die Idee kam, mich für den guten Zweck einzusetzen und Kindern so ein schöneres Weihnachtsfest zu ermöglichen. Haben mein Engagement in den Himmel gelobt und das ist mir auch jetzt noch unheimlich peinlich. Ich meine, ich verkaufe Plätzchen und rette damit noch lange nicht die ganze Welt.
Auch von dem Gespräch mit Prinz Liam und seiner Frau Grace sind Bilder zu sehen. Ich stehe mit knallrotem Gesicht der Herzogin gegenüber, die einfach nur traumhaft schön aussieht. Ihr dunkelblondes Haar fällt in weichen Wellen unter einer edlen Mütze hervor über ihre Schultern, sie ist perfekt und doch natürlich geschminkt und auch ihre Kleidung zusammen mit den Keilstiefeln aus Wildleder unterstreicht ihren erhabenen Eindruck auf mich nur noch. Alles in allem ist sie das komplette Gegenteil von mir in meinen flachen, dick gepolsterten, kniehohen Stiefeln und dem Wollmantel, dem man die paar Jahre in meinem Besitz deutlich ansieht.
Ich sehe sie jetzt in einem vollkommen anderen Licht und bin so glücklich, dass ich die Chance hatte, die beiden einmal persönlich treffen und sogar mit ihnen sprechen zu können.
Erst jetzt fällt mir auf, dass neben den beiden noch ein Mann steht, der mich genauso interessiert mustert und mir zuhört. Ich brauche einen Moment, um ihn zuordnen zu können. Stimmt, er hat bei mir eine Tüte Plätzchen gekauft und von seiner Aufmachung her dachte ich, er wäre ein Bodyguard, der die beiden begleitet. Noch jetzt überläuft mich ein Schauer bei der Erinnerung an seinen Blick aus den dunkel leuchtenden eisblauen Augen. Schnell schüttle ich die Gänsehaut von mir ab und konzentriere mich wieder auf den Beitrag.
Warum bin eigentlich nur ich die ganze Zeit zu sehen und nicht mehr Paula? Sie war doch auch mit einer Kindergruppe unterwegs. Sie wurde auch von einem Team begleitet.
Die letzten Bilder sind zu sehen und mir stockt der Atem. Luisa war hingefallen, ich habe mich zu ihr gebückt, trotz des steifen Bauchladens vor mir, und habe ihr aufgeholfen, sie getröstet und die Tränchen getrocknet. Aber warum um alles in der Welt haben die das gefilmt?
Der Beitrag endet und ich atme automatisch erleichtert aus. Alle Anspannung der letzten Stunden weicht von mir. Ein pures Glücksgefühl durchflutet mich und ich kann endlich loslassen.
Ich erhebe mich schon, um endlich aus diesen Sachen rauszukommen, höre dabei nur halb auf die Moderatorin, als sie wieder das Wort ergreift.
»Ein wirklich tolles Projekt ... und eine tolle Frau. Aber nun zu einem anderen Thema. Was machen eigentlich die Royals so? Prinz Liam und Herzogin Grace hatten wir ja eben schon, doch da wäre zum Beispiel noch Prinz Andrew, der heute Großbritannien einen kurzen Besuch abgestattet hat und, wenn man Berichten Glauben schenken kann, demnächst unter die Haube soll. Wie sein Besuch im Nachbarland war und was hinter den Gerüchten steckt, erfahren Sie jetzt.«
Wer soll bitteschön Prinz Andrew sein, geht es mir durch den Kopf, während ich den Knoten an meinem Mantel löse, ihn abstreife und an den Haken im Flur hänge. Hinter mir habe ich eine ordentliche Wasserspur hergezogen. Kein Wunder bei dem Schnee, der sich an meinen Stiefeln festgesetzt hat. Seufzend schnappe ich mir den Wischmopp aus dem Abstellraum und wische den geschmolzenen Schnee weg, bevor das Laminat aufweichen kann.
Mein Blick wandert kurz zu Sarah, die noch immer gebannt vorm Fernseher sitzt und dem Beitrag lauscht – über einen Prinzen, von dem ich noch nie etwas gehört habe. Sie aber scheinbar schon.
In der Küche hole ich mir eine heiße Schokolade und trete wieder ins Wohnzimmer.
»... soll ein Palastinsider verraten haben, welche Eigenschaften die künftige Gattin des Kronprinzen haben soll. Intelligent soll sie sein, demütig, weltoffen, mit einer natürlichen Schönheit gesegnet und lernwillig. Vor allem Letzteres ist wohl in Anbetracht dessen, an welches strenge Hofprotokoll sich stets alle Mitglieder der königlichen Familie zu halten haben, besonders von Vorteil. Und vor allem eine ganz schön lange Liste, bei der man sich doch fragt, ob es diese Frau überhaupt gibt. Geht man nach einer aktuellen Umfrage in Castleshire, so gibt es diese durchaus: Lady Lilith. Die Tochter des Bruders der Königin ist nach Meinung des Volkes Prinz Andrews bessere Hälfte. Kein Wunder, schließlich ist sie von Geburt an mit den Gepflogenheiten bei Hofe vertraut. Würde zumindest der letzte Punkt bei ihr schon einmal wegfallen. Was allerdings in Vergessenheit zu geraten scheint: Hat Prinz Andrew überhaupt ein Wörtchen mitzureden?«
»Na, das wollen wir doch stark hoffen, dass er sich da nicht zu sehr reinreden lässt.«, sagt die Moderatorin, sobald der Beitrag beendet ist. »Eine geeignete Dame haben wir ja eben im Beitrag zuvor schon kennengelernt und wer weiß, vielleicht bekommt sie ja demnächst Post aus dem Hause Wilborn? Wir werden sehen. Schließlich gibt es auch noch andere passende Damen auf dieser Welt als Lady Lilith. Gut, jetzt ein anderes Thema ...«
Im ersten Moment stocke ich, bin vollkommen sprach- und atemlos. Meint sie tatsächlich mich? Ich spüre Sarahs brennenden Blick auf mir und wende mich ihr zu. Ihr Mund steht offen, die Augen weit aufgerissen. Ja, sie glaubt auch, dass ich gemeint bin. Oh Gott!
»Was ...«, beginne ich und kann doch nicht weiterreden.
»Das ist ja krass.«, kommt es abgehackt von Sarah. Krass? Das ist überhaupt kein Ausdruck. Es ist völlig ... unnormal. Ich die Frau eines Prinzen? Also ich Prinzessin? Nie im Leben. Was maßt sich diese Frau da überhaupt an? Sie moderiert doch nur eine gemischte Nachrichtensendung, wie kann sie sich da hier ein Urteil erlauben?
In mir kocht gleichermaßen Entsetzen wie auch Wut hoch. Ich bin fassungslos, weiß nicht, was ich denken oder sagen sollte.
»Recht hat sie ja.«, kommt tonlos von der blonden Frau neben mir. Jetzt gleicht meine Miene ihrer vor noch wenigen Augenblicken.
»Das ist doch nicht dein Ernst?!«
»Warum nicht?«
»Das fragst du noch? Ich bin Kindergärtnerin.«
»Seit wann ist das denn ein Ausschlusskriterium?«, meint sie schulterzuckend, erhebt sich und geht in die Küche.
Na prima.
Ich kann nur hoffen, dass niemand diese Worte so ernst nimmt, wie mein Gehirn das gerade versucht zu tun.
2
Sophia
Bald Prinzessin
Als ich am nächsten Morgen aufwache, habe ich das Gefühl, überhaupt nicht geschlafen zu haben. Selbst mein Wecker zeigt noch nicht einmal annähernd ein Anzeichen, was auf eine baldige Reaktion seinerseits hoffen lassen würde.
Na prima.
Mit dem Gefühl, die ganze Nacht mit meinem Kopf eine Betonmauer zum Einsturz gebracht haben zu wollen, schlage ich die Decke zurück. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie spät es ist und ehrlich ... das würde mir im Moment auch nicht helfen.
In der Küche befülle ich den Wasserkocher, drücke den Hebel nach unten, beobachte, wie es langsam anfängt zu sprudeln und spüre, wie mir dabei immer wieder die Augen zufallen und ich praktisch im Stehen einschlafen könnte.
Nur um dann wieder eisblaue Augen vor mir zu sehen, die mich so tiefsinnig anblicken, dass mir ein Schauer über den Rücken läuft und mich nur noch mehr frösteln lässt. Unwillkürlich schlinge ich die Arme fester um meinen Körper, doch auch das hilft nicht. Trotz der dicken Wolljacke, die mir meine Oma gestrickt hat, ist mir kalt. Ich schlottere regelrecht von innen heraus.
Und wieder beschleicht mich das komische Gefühl, dass der Beitrag gestern noch Auswirkungen auf mich haben könnte. Nur weiß ich noch nicht, welche.
Das sprudelnde Wasser fülle ich zu den Teebeuteln in eine Thermoskanne, stelle den Timer und lasse mich auf einen der beiden Küchenstühle an dem kleinen quadratischen Tisch fallen. Lege mein Gesicht in die Hände und versuche irgendwie, meine Gedanken wieder in die richtige Bahn zu lenken. Nur will es mir auch jetzt nicht gelingen.
Ein leises Klicken aus Richtung Flur lässt mich seufzen.
»Was machst du denn schon so früh hier?«, gähnt mir Sarah entgegen, die selbst jetzt mit noch verstrubbelten Haaren und Schlaf in den Augen um Welten besser aussieht als ich.
»Wonach sieht es denn aus?«, frage ich in wirklich allerbester Partylaune und dabei war ich wohlgemerkt noch nie in meinem Leben wirklich auf einer Party. Egal.
»Ähm ...« Irritiert zieht sie die Augenbrauen in die Stirn. »Du kochst Tee.«, ist schließlich das Einzige, was sie feststellt. Na, immerhin.
»Stimmt.«
»Es ist halb vier.«, sagt sie so, als ob das alles erklären würde.
»Ich weiß.« Eigentlich nicht, aber was solls.
»Gut, dann eben so: Warum kochst du dir halb vier in der Früh Tee?« Mit verschränkten Armen betrachtet sie mich von der Seite. »Konntest du nicht schlafen?«, hakt sie dann noch nach, weil ich nicht antworte.
»Nein, konnte ich nicht. Willst du auch einen?«
»Gerne.«
Ich hole zwei Tassen aus dem Schrank und stelle sie auf den Tisch, bevor ich mich wieder auf meinem Platz niederlasse und den Tee eingieße. Ob die Ziehzeit nun schon um ist oder nicht ... Egal.
»Dir geht dein Prinz nicht aus dem Kopf.«, grinst sie vielsagend vom Platz mir gegenüber.
Ich schnaube. »Der Prinz kann mich mal. Viel schlimmer als ein Brief, den ich sicher nie bekommen werde, ist der Beitrag überhaupt.«
»Wieso solltest du keine Post von ihm bekommen?«, fragt sie ehrlich verwirrt mit einem vollkommen verständnislosen Blick aus grünblauen Augen.
»Das liegt doch wohl auf der Hand.« Meine Stimme enthält genauso viel Unverständnis wie ihre.
»Finde ich nicht.«
Klasse, so eine Diskussion hat mir gerade noch gefehlt. Ein frustrierter Seufzer entfährt mir.
»Sarah, mich interessiert es nicht, ob irgendein Prinz aus ... keine Ahnung, wo das war ...«
»Castleshire.«, unterbricht sie mich genervt.
»Von mir aus. Ich will überhaupt nicht wissen, ob so ein Prinz nun eine Frau sucht oder nicht. Wenn er eine findet, herzlichen Glückwunsch. Aber damit habe ich nichts zu tun. Was weiß ich schon von diesem Land?! Welche Sprache sprechen die dort ...«
»Englisch.«, unterbricht Sarah wieder vollkommen selbstverständlich meinen Redeschwall. Ja, klar, denke ich, welche Sprache sollten sie auch sonst sprechen. Wieso wusste ich das nur noch nicht?! Aber, hey, ich weiß ja nicht mal, wo das ist, also woher ...
Mich beschleicht das untrügliche Gefühl, als würde alles wie in einem Puzzle zusammengefügt werden können. Ich, die vor einem knappen Jahr nach England kam und hier gezwungenermaßen die Sprache verfestigt, um dann einen Prinzen ...
Darüber kann ich nur den Kopf schütteln. Ein dummer Zufall, der mit einem noch dümmeren angefangen hat und alles nur noch schlimmer zu werden scheint.
»Die Weltsprache werden sie ja wohl beherrschen.«
Ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen. Also weiß sie doch nicht, welche Sprache ...? Ach, egal, sage ich in Gedanken und verdrehe innerlich die Augen.
»Sei doch froh, so ist dein Englisch jetzt wenigstens viel besser, als wenn du noch in Deutschland wärst.«
»Hm.«, brumme ich und weiß doch nicht, ob ich mich darüber nun wirklich freuen soll. Ich lasse den Kopf in eine Hand sinken und umfasse mit der anderen die warme Tasse, bevor ich einen Minischluck von dem nach Orange und Zimt duftenden Tees nehme.
Viel früher als sonst bin ich schon im Kindergarten und räume das restliche Spielzeug auf seinen vorgesehenen Platz, das von gestern noch in einem der Räume verstreut herumliegt. Tja, gestern war uns allen der TV-Beitrag wichtiger als die Ordnung. Aber so habe ich jetzt immerhin noch etwas zu tun und hindere meine Gedanken daran, mich weiter zu malträtieren.
Warum macht mich das eigentlich so verrückt?
Ich glaube doch nicht wirklich, dass ich Post von einem Prinzen bekomme! Oder? Oh Mist.
Sich das einzugestehen ist ... niederschmetternd. Verdammt!
Über mich selbst schüttle ich den Kopf und verfluche wieder die Moderatorin, die diese ganze Lawine in mir überhaupt erst ausgelöst hat, während ich die Holzeisenbahn in ihrer Kiste in ein Regal an der Wand schiebe. Im gleichen Moment höre ich, wie sich die Tür zum Kindergarten öffnet. Schon an ihren typisch hastigen Schritten erkenne ich Paula.
»Sophia?«
»Hier.«, antworte ich ihr.
Die Schritte kommen näher und schon steckt sie ihren Kopf durch den Türspalt herein. Ihre schwarzen Haare hat sie wie immer zu einem Pferdeschwanz gebunden und überhaupt sieht sie praktisch jeden Tag gleich aus. Gleiches Make-up, gleiche Frisur, dunkle Kleidung.
»Hast du das gestern gesehen?«, begrüßt sie mich freudestrahlend und ich kann ihre Euphorie gerade überhaupt nicht verstehen.
»Klar.«
»Klar? Mehr hast du dazu nicht zu sagen?« Die Entrüstung ist ihr förmlich ins Gesicht geschrieben und ich verdrehe innerlich die Augen.
Nicht noch jemand, der mich damit nicht in Frieden lassen kann, bete ich.
»Was soll ich dazu sagen? Es war ein Beitrag, von dem ich mir erhoffe, dass mehr Leute wachgerüttelt werden über die Zustände, die in einem Kinderheim herrschen. Vor allem an Weihnachten.«, setze ich mit Nachdruck hinzu.
»Pah, von dem Kinderheim war doch kaum die Rede.«
Überrascht sehe ich sie an. »Wovon denn dann?«
Herzhaft lacht sie auf. »Ich meinte eher den Teil nach dem Beitrag.«
Geschlagen seufze ich. »Was soll daran so besonders gewesen sein?«
»Du weiß genau, was ich meine. Die Moderatorin hat dich praktisch für die Frau eines Prinzen ... angeheuert.«
»Angeheuert?!«
»Sie hat dich immerhin mit einer Lady verglichen, die die Nichte der Königin ist.«
Okay, wenn man das so sieht, klingt das wirklich noch bescheuerter, als ich mir das die ganze Nacht ausgemalt habe.
Ich atme einmal tief ein und doch hilft es nicht, meine Nerven zu beruhigen. Wie aus dem Nichts breitet meine Kollegin vor mir eine Zeitung auf der weichen Bodenmatte aus und meine Atmung setzt aus.
In der Mitte des Titelblattes einer landesweit erscheinenden Zeitung prange ich übergroß auf einem Foto, das wie der Beitrag gestern auch bei der Aktion mit den Plätzchen entstanden sein muss. Darüber der Titel Bald Prinzessin?
Mein Gesicht dürfte auf der Stelle um zehn Jahre gealtert wirken. Wie kommen die dazu?! Ich traue mich kaum, von der Zeitung in Paulas strahlendes Gesicht aufzusehen. Okay, das es strahlt bedeutet ja wohl, dass ich doch aufgesehen habe. Und ich bereue es sofort. Reicht es nicht, dass ich schon die ganze Nacht damit beschäftigt war, zu verstehen, was dieser Moderatorin einfällt, einfach zu erwähnen, dass ich perfekt für einen Prinzen bin? Ich meine ... ich, die ganz normale Kindergärtnerin, die in einem Dorf aufgewachsen ist, soll plötzlich in einen Palast? Nie im Leben!
»Was willst du jetzt machen?«, fragt sie aus der Garderobe im Nebenzimmer und legt hörbar ihre Sachen in den Spind, während ich mich frage, warum ich nicht doch gleich im Bett geblieben bin und einfach versucht habe, weiterzuschlafen. Auch wenn es die ganze Nacht schon völlig sinnlos war. Und wenn es mir dann für wenige Minuten doch einmal gelungen ist, habe ich von Augen geträumt, von denen ich nicht weiß, warum sie mich bis in den Schlaf verfolgen. Eisblaue Augen, die ich gestern das erste Mal gesehen habe und die mich belustigt anfunkelten, als ich versucht hatte vor dem Prinzen und seiner Frau zu knicksen. Und ich betone versucht. Ich sage ja, ich habe mich zum Affen gemacht. Ich seufze, meine Frustration aber bleibt.
»Was soll ich denn machen?«, stelle ich völlig überfordert mit mir selbst die Gegenfrage, während ich in die Teeküche gehe und mich dort auf einen der vielen Stühle sinken lasse.
»Na ja, immerhin ...«, betritt sie nach mir den in Orange gehaltenen Raum.
»Nichts immerhin. Ich will davon eigentlich überhaupt nichts mehr hören.« Kraftlos lasse ich mich gegen die Lehne sinken und wärme meine eisigen Hände an der nur noch lauwarmen Teetasse, die ich mir vor einiger Zeit eingeschenkt habe.
»Weißt du denn überhaupt, wer Prinz Andrew ist?« Geschlagen seufze ich und verdrehe hinter geschlossenen Lidern die Augen.
»Woher sollte ich? Natürlich nicht. Und ehrlich gesagt interessiert es mich auch nicht.« Sogar noch weniger als nicht, wenn ich ehrlich bin, aber Paulas Gesichtsausdruck nach wäre es wohl falsch, das jetzt auch noch laut auszusprechen.
»Gut, also Prinz Andrew wird im Januar fünfundzwanzig, ist der künftige König von Castleshire ...« Was mir an sich immer noch genauso wenig sagt, denke ich, tue aber trotzdem so, als würde ich zuhören. »Er hatte bis jetzt noch nicht einmal offiziell eine Freundin außer dieser Lady Lilith, angeblich hatte er wohl einige mehr, aber die sollen nie den Ansprüchen der Königin entsprochen haben.« Das Kichern kann ich mir nicht verkneifen. »Was ist?«
»Also ehrlich, er hatte mit Sicherheit schon Frauen, die besser für so eine Position geeignet wären als ich und selbst die waren der Königin nicht gut genug? Das ist doch lächerlich.«
»Du unterschätzt dich.«, ist ihre einfache Antwort, die mich nur schnauben lässt. Seit wann unterschätze ich mich denn? Okay, vielleicht tue ich das, aber ich will gar keine Prinzessin sein.
»Neben Prinz Andrew gibt es noch David, den jüngeren Bruder. Er hat schon wesentlich mehr Eskapaden hinter sich.«
Ah ja. Und was genau sagt mir das nun?, würde ich am liebsten fragen, halte mich aber zurück.
»Du willst wirklich nichts von ihm wissen, oder?«
»Ehrliche Antwort? Nein.«
Jetzt ist es an ihr zu seufzen. »Gut, wie du meinst. Wir sprechen uns, wenn du dann in Castleshire bist und vor dem Traualtar stehst.«
Ohne ein weiteres Wort oder mich eines Blickes zu würdigen, dreht sie sich um und verlässt den Raum, während mir der Mund offen steht. Das meint sie doch jetzt nicht ernst?! Kann sie gar nicht. Das ist sowas von lächerlich. Ich schüttle immer noch den Kopf über meine Kollegin, als der Türsummer betätigt wird und unseren ersten Besucher für heute ankündigt. Ich erhebe mich, doch da ist Paula bereits an der Tür.
»Guten Morgen, Tim. Komm rein, zieh deine Sachen aus. Du kannst schon mal in die Spielecke gehen.«
Ohne wirklich auf Paulas Worte einzugehen, geht der kleine Mann an ihr vorbei, blickt kurz zu mir, winkt mir fröhlich und geht dann zur Garderobe weiter.
»Das war ja mal was gestern, oder?«
»Ja, nicht? Es hat richtig Spaß gemacht. Auch den Kindern. Das könnte ich sofort wiederholen.«
Okay, Paula, die Schleimspur dürfte bis nach St. Petersburg sichtbar sein.
Ich erhebe mich, grüße Tims Mutter und widme mich dann dem kleinen Mann, der auf mich zukommt und meine Beine umarmt. Lächelnd begrüße ich auch ihn und streiche über seinen Kopf.
»Also, wenn das mal nicht eine perfekte Prinzessin ist.«
Meine Gesichtszüge frieren ein. Irritiert wende ich mich den zwei Frauen zu, die mich ungeniert betrachten.
»Also, die Frau, die von Kindern so geliebt wird, die kann doch auch an einem Prinzen nicht spurlos vorbeigehen.«
In meinem Kopf ploppen augenblicklich unzählige Fragezeichen auf. Was bitte hat das eine mit dem anderen zu tun? Am besten, ich gehe gar nicht darauf ein, schnappe mir Tim und gehe mit ihm in seine Lieblingsecke, wo er sich sofort einen Turm schnappt und sorgfältig abbaut, um ihn dann wieder aufzubauen. Und das ungefähr zwanzig Mal am Tag.
»Tja, sie will davon eben nicht so viel wissen, um nicht zu sagen gar nichts.«, höre ich Paulas leise beinahe beleidigt klingende Stimme und verdrehe die Augen.
»Na, sie wird schon sehen. Wenn selbst die Moderatorin eine so hohe Meinung von ihr hat, dann kam diese Botschaft auch beim Prinzen an und dann wird er sich mit ihr in Verbindung setzen.«
So langsam dürfte ich wohl mehr aussehen wie ein Karpfen als ein Mensch, so oft wie mir der Mund offen steht und ich nach Luft japse.
»Alles okay, Sophia?«, fragt Tim neben mir. Ruckartig wende ich mich zu ihm um.
»Ja. Möchtest du noch mal den Turm bauen oder wollen wir ein Buch zusammen ansehen?«
»Jaaa. Turm.«, kommt es ganz euphorisch von ihm, er klatscht kurz in die Hände und fängt von vorn an.
»Genau das denke ich auch.«, höre ich wieder Paulas Stimme. »Sie wird schon sehen.«
Hallo?! Sie sitzt zufällig in der Nähe und kann euch hören, würde ich am liebsten sagen, lasse es aber. Es hätte ohnehin keinen Sinn. Sie haben ihre Meinung zu dem Thema und ich habe meine. Und ich bin mir sicher, ich werde am Ende auch recht behalten. Denn an meiner Meinung von gestern Abend hat sich auch jetzt nichts geändert.
3
Sophia
Das ist ein Scherz
Lustlos rühre ich in dem Grießbrei vor mir herum, beobachte, wie langsam eine dicke Blase nach der anderen aufsteigt, zerplatzt und alles immer wieder in sich zusammensinkt.
»Eigentlich so wie mein Leben gerade.«, flüstere ich vor mich hin und rühre ein weiteres Mal mit dem Holzlöffel in der weißen dicklichen Masse.
In Gedanken bin ich immer noch bei meiner Mutter. Heute war wieder einer ihrer schlechten Tage und es fällt mir schwer, ihr dabei zuzusehen, wie sehr sie leidet. Dennoch weiß ich, ist es der richtige Weg. Etwas anderes wäre falsch.
Alles andere wäre falsch.
Ich konnte damals nicht länger dabei zusehen, wie sie immer weiter abrutschte, sich immer weiter selbst fertig gemacht hat. Im Krankenhaus lag, beinahe gestorben wäre, weil sie ... weil sie den einzigen aus ihrer Sicht richtigen Schritt getan hat und mich beinahe für immer verlassen hätte. Und das alles nur wegen meines Vaters.
Vor knapp einem Jahr habe ich ihn das letzte Mal gesehen und so schnell habe ich auch nicht das Bedürfnis etwas daran zu ändern. Eher im Gegenteil. Die Wut, die in mir brodelt, über sein Verhalten, wie verachtenswert er gegenüber meiner Mutter war, lässt mich beinahe blind werden und dennoch sehe ich so klar, wie noch nie. Er ist daran schuld, dass sie damals abrutschte, dass sie lieber zu einer Überdosis Tabletten und Alkohol griff, als mit irgendjemandem zu reden. Hat ihren Kummer und ihre Sorgen einfach versucht zu betäuben, weil sie wieder an einem Punkt war, an dem sie schon so oft war und vermutlich hat es sogar für einen ganz kurzen Moment geklappt. Ich hatte eine unbeschreibliche Angst um sie und habe mich doch nie getraut, etwas zu unternehmen. Ich hasse meinen Vater so abgrundtief für das, was er meiner Mutter angetan hat. Wie er sie behandelt hat. Als wäre sie Dreck, als hätte sie ihm nie irgendetwas bedeutet. Nicht einen Funken.
Nur wegen meiner Mutter bin ich damals nach Birmingham gekommen. Es tut mir in der Seele weh, sie so zu sehen, und beinahe erkenne ich die Frau nicht wieder, die sie noch vor so wenigen Jahren war. Als ich klein war, als sie damals am Herd stand und ich ihr dabei zugesehen habe, wie sie Grießbrei kocht. Seitdem ist es mein Seelentröster. Schon damals. Immer wenn es mir nicht so gut geht, brauche ich eine riesige Portion davon, mit Zucker und Zimt. Egal, ob Winter oder Sommer. Irgendwie hilft es immer.
Meine Hände krampfen sich um die Arbeitsplatte zusammen. Wenn ich nur wüsste, wie ich ihr helfen könnte. Diese panische Verzweiflung macht mich noch wahnsinnig. Es ist ja nicht so, dass ich nicht schon genug andere Sorgen hätte. Unter anderem eine nervtötende Mitbewohnerin, die ich schon kaum noch als meine beste Freundin zu bezeichnen wage. Schließlich hat sie nichts Besseres mehr zu tun, als mich mit diesem komischen Prinzen zu nerven.
Warum versteht eigentlich niemand, dass ich von dem nichts wissen will?! Weder von ihm, noch von seiner Mutter, die ja – so viel weiß ich dank Paulas und Sarahs aufdringlicher Art inzwischen – die Königin ist, noch von seinem Bruder David.
Mein Gott, warum weiß ich eigentlich schon so viel von ihm, obwohl er mich gar nicht interessiert?! Ich ziehe eine Grimasse und schüttle den Kopf. Eine verrückte Welt ist das seit neuestem, in der ich mich befinde. Da habe ich noch nie etwas von diesem Andrew gehört und dann spielen auch noch alle verrückt, sobald er einmal in den Nachrichten erwähnt wird. Obwohl er ja Paula und auch Sarah gar nicht so neu war. Da habe ich wohl einiges verpasst, denke ich vor Sarkasmus triefend und schalte den Herd aus.
Ich will mich einfach nur noch in mein Zimmer verkriechen, einen Film schauen, der definitiv nicht von Prinzen und Prinzessinnen handelt, und meinen Grießbrei essen. Den Sarah übrigens für ihr Leben nicht ausstehen kann und sie sich deshalb bestimmt wieder eine Pizza bestellt. Aber das ist gerade mein kleinstes Problem. Gemein, ich weiß. So schnappe ich mir die Schüssel und lade sie randvoll mit Grießbrei. Den Zucker und Zimt nehme ich am besten gleich mit und streue ihn nach Bedarf in meinem Zimmer, genauer gesagt im Bett, darüber.
Ein Schlüssel dreht sich im Schloss, die Tür wird aufgerissen und nicht nur Sarah kommt herein, sondern auch ein irgendwie befremdlich wirkender Mann. Ich schätze ihn auf den ersten Blick auf Mitte vierzig, leicht graue Haare, schnieker Anzug – irgendwie merkwürdig und so gar nicht passend für ... hier. Das sind die ersten Gedanken, die mich reflexartig die Schüssel wieder hinstellen lassen und ich meine Hände an der Jeans abwische. Scheint aus meinem Plan also so schnell nichts zu werden. Leider.
»Sophia, schau nur, wer hier ist.«, begrüßt mich Sarah auch schon überschwänglich, als würde ich den Fremden kennen, und hakt mich bei sich ein, um mich näher zu ihm zu ziehen.
»Ähm ... ja. Hallo.« Mehr bringe ich nicht hervor. Was soll mir das auch sagen? Ich habe keine Ahnung, wer das ist. Meine Unwissenheit überspielend reiche ich ihm meine Hand. Doch statt sie zu schütteln, dreht er sie herum und haucht einen Handkuss darauf, was mich automatisch die Stirn runzeln lässt.
Bitte lass es nicht das sein, was ich gerade denke, bete ich und würde am liebsten die Augen schließen, um ihn auszublenden.
»Er hat etwas für dich.«, kann es Sarah nicht lassen, an meinem Arm herumzuzappeln, sodass ich hin und her schaukele.
»Ach ja?«, frage ich betont freundlich und lasse meinen Blick an ihm auf und ab wandern. Irgendetwas kommt mir an ihm komisch vor. Ich weiß nur nicht, was.
»Seine königliche Hoheit Prinz Andrew Alexander David Luis schickt mich, Ihnen diesen Brief auszuhändigen. Persönlich versteht sich.«
»Ja, mir hat er den Brief einfach nicht geben wollen.« Sichtlich beleidigt zieht Sarah neben mir eine Schnute, während mir die Knie weich werden.
»Wer, bitte?«, frage ich in der Hoffnung, mich vielleicht doch einfach verhört zu haben.
»Seine königliche Hoheit Prinz Andrew von Castleshire.«
»Prinz Andrew?« Meine Ungläubigkeit muss mir ins Gesicht geschrieben stehen.
»Sicher, diesen Brief soll ich Ihnen übergeben.« Ich bin unfähig, ihn zu nehmen. Als Sarah danach greift, zieht er ihn zurück. »Ausschließlich Miss Katharina Isabella Sophia Elisabeth Thalbach.«
Mit genauso großen Augen wie ich starrt Sarah ihn an. »Woher wissen Sie meinen Namen?«
»Wir mussten schließlich herausfinden, wo Sie wohnen.«, rechtfertigt er meiner Meinung nach viel zu selbstverständlich.
»Was hat das bitte mit meinem Namen zu tun? Überall bin ich als Sophia bekannt.«
»Das ist Seiner königlichen Hoheit sicher durchaus bewusst.«
Zu mehr als einem Nicken bin ich nicht fähig.
Er hat mich also prüfen lassen, geht mir durch den Kopf und mir wird heiß und kalt zugleich. Das darf nicht wahr sein!
Bitte lass das alles schnell vorbei gehen. Lass es einen Albtraum sein, ich sitze mit meinem Grießbrei im Bett, der von mir aus auch über mir ausgeschüttet ist. Alles, aber nur nicht das!
»Ich danke Ihnen sehr, doch, ich glaube nicht, dass der Brief wirklich gut bei mir aufgehoben ist.«
»Was?« Sarahs spitzer Schrei lässt mich zusammenfahren.
»Ja, ich weiß, du kannst mich nicht verstehen, aber ...«, versuche ich Sarah klarzumachen, dass ich wirklich nicht bereit bin, diesen Brief entgegenzunehmen. Bin ich weder körperlich noch seelisch. Und das ist nach dem heutigen Nachmittag nicht mal gelogen.
»Ich bitte darum. Seine königliche Hoheit bat mich, nicht wiederzukommen, bis Sie den Brief angenommen haben.«
»Das ist ein Scherz.«, kommt es trocken über meine Lippen.
»Keinesfalls.«
Ich atme tief durch und strecke meine Hand nach dem Brief aus. »In Ordnung. Richten Sie Seiner königlichen Hoheit ...«, betone ich besonders, »... meinen besten Dank aus.«
»Sehr gern, Mylady.«
Meine Lippen verziehen sich zu einem verkrampften Lächeln, während er wieder meine Hand küsst und ehrlich erleichtert wirkt. Ich begleite ihn noch zur Tür, nicke ihm zum Abschied zu und drücke die Tür dann ins Schloss. Ich wage kaum, mich zu rühren. Mein Kopf sagt nur: Das kann doch alles nicht wahr sein.
Was war das für ein Typ und warum hat Prinz Andrew mich checken lassen? Oder ... falsch. Wie heißt der noch gleich? Irgendwie hat er auch vier Namen. Wie ich, wie mir gerade klar wird. Das wäre dann wohl die erste Gemeinsamkeit, von der ich wünschte, sie würde nie existieren oder zumindest würde ich liebend gern keine Kenntnis davon haben.
»Mach ihn doch endlich auf.«, holt mich Sarah aus meinen Gedanken zurück.
»Nein.«, kommt mechanisch über meine Lippen, ohne, dass ich es überhaupt beeinflussen könnte.
»Wie, nein?«, schrillt wieder ihre Stimme durch die Wohnung.
»Ich werde ihn nicht öffnen. Ich werde ihn ... nicht öffnen. Ich werde ...« Tja, was werde ich denn? Ihn aus dem Fenster werfen, zerreißen, anzünden oder ihn durch den Reißwolf jagen wird vermutlich nicht reichen ... Okay, dann reicht zerreißen auch nicht. Ähm ... Verflucht, was mache ich denn damit?!
»Du wirst ihn öffnen.«, sagt sie genauso überzeugt, wie damals, als sie mir weismachen wollte, Elvis Presley hieße in Wirklichkeit gar nicht so. Doch genau wie damals ist jetzt wieder so eine Situation, in der ich ihr nicht glauben werde.
»Werde ich nicht.«, sage ich mindestens genauso überzeugt und setze schon meine Hände an, um ihn wirklich in zwei Hälften zu reißen. Mit einem Satz ist sie bei mir und reißt ihn aus meinen Händen. Sorgfältig bricht sie das Sigel auf, nachdem ihr Blick kurz begeistert darüber geglitten ist.
»Mir ist komplett egal, ob dieser Typ da meint, er ist nur für dich persönlich. Wenn du ihn nicht öffnen willst, dann mache ich das halt.«
»Sarah, das ist doch ...«
»Jetzt meine Sache, die ich dir vorlesen werde, im Übrigen.«
Ich verdrehe die Augen, wende ihr den Rücken zu und schnappe mir meine Schüssel Grießbrei. Ihr könnt mich alle mal, denke ich und bin schon an meiner Zimmertür, als sie tatsächlich beginnt zu lesen.
Werte Miss Thalbach,
es wäre mir eine Ehre, Sie morgen im Palast empfangen zu dürfen, um Sie persönlich kennenlernen zu können. Für Sie ist ein Platz in einer Maschine reserviert.
Mit besten Grüßen
Seine königliche Hoheit Andrew Wilborn, Prinz von Castleshire
Kaum hat sie den Satz beendet, kreischt sie los, was mich unwillkürlich zusammenfahren lässt. Seit wann hat meine Mitbewohnerin bitte so ein Organ? Das beschert einem ja regelrecht eine Gänsehaut.
»Jetzt sag doch auch mal was, Sophia.«
Ich lasse die Schultern hängen und drehe mich zu ihr um.
»Ich werde nicht fahren und wenn hundert Mal ein Platz in irgendeiner Maschine für mich reserviert ist.«
»Das kann nicht dein Ernst sein.«
»Denk doch mal darüber nach. Selbst du würdest das nicht machen.« Okay, ihrem Blick nach zu urteilen, würde sie das sehr wohl. Aber ich nicht! Ich bin einfach nur eine ganz normale Frau, mehr will ich gar nicht sein. Ich habe genug Probleme mit meiner Mutter. Sie braucht mich. Ich kann nicht einfach alles hier hinter mir lassen, als hätte es das nie gegeben. Okay, wahrscheinlich klingt das gerade dramatischer, als es wirklich sein würde, aber was will ich denn bei einem Prinzen, zum Kuckuck nochmal?!
»Du kannst diese Einladung nicht ausschlagen.«
»Kann ich nicht? Und wieso, deiner Meinung nach?«
»Sag mir doch bitte mal, wie viele Frauen bekommen persönlich eine Einladung von einem Prinzen?«
Das lasse ich mir wirklich durch den Kopf gehen. Vermutlich sehr wenige. Sehr, sehr wenige. Diese Erkenntnis erschüttert mich. Aber ändert das etwas an meiner Entscheidung? Nein. Definitiv nicht.
»Und?«
»Nichts und. Ich werde nicht fahren.«
»Dann fahre ich.« Bei ihrer Antwort lache ich. Sie wirkt gerade wie eines meiner trotzigen Kindergartenkinder. Genauso steht sie vor mir, mit verschränkten Armen, die Unterlippe vorgeschoben.
»Du willst fahren, wenn doch ich in der Passagierliste stehe?«
»Na endlich hast du es verstanden. Du stehst drin. Du sollst fahren.«
Na super.
»Das hast du genau wann beschlossen?«
»Jetzt eben.«
»Sarah, ich weiß nicht einmal, wo Castleshire ist und es interessiert mich nicht die Bohne.«
»Da ist was dran. Also ... an dem ersten Punkt, aber das lässt sich ändern.«
Oh nein. »Ich hatte definitiv andere Pläne für diesen Abend, also ...« Ich habe demonstrativ meine freie Hand in die Höhe, drehe ich mich um und fliehe praktisch in mein Zimmer.
Keine fünf Minuten später, ich habe noch nicht einmal den Film gestartet ...
»Castleshire ist ein kleines Land zwischen Großbritannien und Irland, mit nicht mal fünf Millionen Einwohnern.«
Ich verschlucke mich an meinem Grießbrei. Nicht ihr Ernst, oder? Also, wenn fünf Millionen wenig sein sollen, dann bin ich die Kaiserin von China.
»Sieht absolut hübsch aus auf den Bildern.«, hallt wieder ihre Stimme durch die Tür zu mir herüber. Ich sollte mir demnächst Ohrstöpsel besorgen oder auch gleich ein neues Zimmer suchen, obwohl das hier alles andere als einfach werden dürfte.
Ich schnappe mir eines meiner Kuschelkissen und drücke es gegen mein Gesicht. Auch, wenn es kindisch ist, aber im Moment brauche ich einfach nur meine Ruhe.
Ohne Prinz.
Ohne Sarah.
Ohne meine Mutter.
Einfach nur ich ... und fahren, das steht ja wohl fest, werde ich sowieso nicht.
4
Sophia
Wohin soll es denn gehen?
Wieso um alles in der Welt habe ich mich nur dazu überreden lassen, frage ich mich in Gedanken und unterdrücke mit aller Macht ein Gähnen. Es ist 05:19 und seit vier Minuten bin ich in der Luft auf dem Weg nach Castleshire. Meine Augen fallen immer wieder zu und ich wünsche mich in mein Bett zurück, unter meine warme Decke, neben mein Lieblingskuschelkissen. Stattdessen spüre ich das leichte Ruckeln des Flugzeuges unter mir.
Eigentlich müsste ich in nicht mal einer Stunde im Kindergarten sein, doch stattdessen hat Sarah angeboten, mich für heute abzumelden, während ich ... Ich seufze. Am Montag muss ich das irgendwie meiner Chefin erklären und hoffen, dass sie mich nicht gleich feuert. Verdammt! Ich hätte doch nicht fahren sollen. Ich setze viel zu viel aufs Spiel und das für eine Einladung eines Prinzen.
Der Mann neben mir scheint es kaum bis auf seinen Platz geschafft zu haben. Kaum hat er sich hingesetzt, fing er auch schon an zu schnarchen. Man könnte meinen, er will das olympische Komitee persönlich davon überzeugen, unbedingt diese Disziplin neu aufzunehmen. Erster Anwärter auf einen Podestplatz sozusagen.
Soll mir das jetzt sagen, es kann nur besser werden? Zu hoffen wäre es ja. Ich frage mich nur, wie ich den Tag überstehen soll, ohne direkt im Stehen einzuschlafen, denn auch die Nächte davor waren alles andere als erholsam. Eigentlich waren sie das nicht mehr seit dem ersten Advent, dem TV-Beitrag, der mein Leben komplett auf den Kopf gestellt hat und das nur durch den läppisch dahingesagten Satz einer Moderatorin. Prima!
Hat ihr das eigentlich schon mal jemand gesagt? Wenn nicht, sollte das dringend jemand nachholen. Am besten ich. Ich merke mir in meinem virtuellen Gedächtnis vor, mich dringend bei ihrem Arbeitgeber zu beschweren. Schließlich sollten sie eher mal darüber nachdenken, was sie mit ihrem Gebrabbel anrichten können.
Doch nun steht mir erst einmal ein einstündiger Flug bevor oder besser gesagt eine Stunde und sechs Minuten. Neben mir das Schnarchen gleicht gerade einem Holzfäller im Wald.
Es kann wirklich nur besser werden.
Sarah danke ich gerade in Gedanken, als ich meine Ohrstöpsel aus der Tasche hole, sie in die Ohren stecke und mich einfach nur von Pianoklängen berieseln lasse. Auch wenn der Waldschrat dadurch nicht gänzlich überdeckt werden kann, ist es zumindest etwas besser zu ertragen.
Wie auch immer.
So vergeht dann auch die restliche Zeit des Fluges und ich stehe schließlich in einer leergefegten Flughafenhalle. Bis auf die wenigen Reisenden, die mit mir im Flugzeug saßen, ist hier alles wie ausgestorben.
Bin ich jetzt wirklich in Castleshire oder doch eher am Nordpol und jeden Moment kommt der Weihnachtsmann um die Ecke?
Schulterzuckend gehe ich mit meiner Tasche weiter, mit dem Ziel das hier schnell hinter mich zu bringen und heute Abend wieder zu Hause zu sein und mich in mein Bett verkriechen zu können. In der Gewissheit, dass mein Leben ab morgen wieder in geregelten Bahnen läuft. So wie ich es eigentlich auch gewöhnt bin.
Ich trete nach draußen und sofort umfängt mich eine klirrende Kälte, wesentlich intensiver als ich es von München oder gar Birmingham gewöhnt bin. Wow. Wenn das mal nicht wirklich einer Eiszeit gleicht.
Unmittelbar sehe ich mich in meiner Vermutung bestätigt, doch am Nordpol gelandet zu sein. Fehlt nur noch, dass mir jetzt ein Wichtel über den Weg läuft, aber statt eines Wichtels fährt ein Taxi vor. Na, immerhin so etwas gibt es hier. Ich beglückwünsche die Regierung Castleshires und trete darauf zu, nur um in nächsten Moment von einem Mann umgerannt zu werden, der vor mir in das Taxi springt.
»Hey!«, entfährt es mir und ich will noch weiter protestieren, als schon die Autotür zugeschlagen wird und das Taxi davonfährt. Na prima. Wie war das mit ›Es kann nur besser werden‹? Das ziehe ich sofort zurück.
Der Wind scheint immer mehr aufzufrischen, mich fröstelt, um nicht zu sagen, es schüttelt mich regelrecht. Den Blick wende ich von einer Seite zur anderen. Irgendwo muss doch noch ein Taxi herkommen, oder gibt es hier etwa nur ein einziges? Das wäre ja die Höhe oder, nein, wohl eher passend die Krönung.
Eine Limousine, die mich zu ihm, diesem tollen Schloss, Palast oder wie auch immer, bringt, gibt es nicht zufällig, oder? Nein, offenbar nicht. Weit und breit ist nichts zu sehen. Wirklich als wäre alles ausgestorben. Ich seufze und trete von einem Bein aufs andere, nur um irgendwie meine Füße vor dem Erfrieren zu retten. Tatsächlich scheint hier keine Menschenseele außer mir zu sein. Wo um Himmels willen bin ich hier gelandet? Wieder lasse ich meinen Blick schweifen, drehe mich um mich selbst und vor mir steht plötzlich ein Taxi. Wie aus dem Nichts. Das ist doch nicht normal.
»Kann ich Sie wohin bringen?«, reckt der Fahrer auch schon sein freundliches Gesicht zum Fenster heraus und sein Lächeln lässt mir augenblicklich warm ums Herz werden.
»Gern.«, strahle ich ihn an und steige auf die Rückbank.
»Wohin soll es denn gehen?«
»Zum ...« Tja, wie sage ich jetzt, dass ich gern zum Prinzen möchte? Die halten mich doch alle für total bescheuert. »Zum Palast des Königshauses, bitte.« Und wie nicht anders zu erwarten, fährt sein Kopf zu mir herum.
»Zum Stantons Palace?«, will er wissen und ich kann seine Skepsis verstehen. Wahrscheinlich hält er mich gerade für eine geisteskranke Irre, die gleich dort einbrechen und einen Anschlag verüben will. Wie weit er doch von der Realität entfernt ist ...
»Ja, bitte.« Mit gerunzelter Stirn wendet er sich von mir ab und fädelt sich in den praktisch nicht vorhandenen Verkehr ein. Vielleicht liegt es ja auch an der Uhrzeit, immerhin ist es gerade einmal halb sieben. In Birmingham ist mit Sicherheit schon die Hölle los. Eine Blechlawine nach der anderen setzt sich um diese Zeit in Bewegung und es ist beinahe schon ein Glücksfall, mal nicht im Stau zu stehen. Hier dagegen scheint so etwas eine Seltenheit zu sein. Also komplett verkehrte Welt für mich.
Nur knappe fünfzehn Minuten später hält das Taxi vor einem ... Ja, wie habe ich mir wohl einen Palast vorgestellt? Irgendwie kleiner. Denn entgegen meiner Vorstellung ist es riesig. Zwei Wachen sind links und rechts des eisernen Tores postiert. Wie im Film könnte man fast meinen. Ich atme tief durch, reiche dem Fahrer noch ein großzügiges Trinkgeld und steige dann aus.
Das Taxi bleibt hinter mir stehen und ich kann den brennenden Blick des Fahrers in meinem Rücken spüren. Fahr doch bitte einfach weiter, bete ich innerlich und tatsächlich höre ich, wie das Taxi davonfährt. Wenn auch im Schneckentempo, aber das soll mir gerade egal sein.
Tja, stehe ich eigentlich schon wieder vor dem nächsten Hindernis. Wie mache ich einem von den beiden begreiflich, dass ich gern da rein möchte. Sind die um diese Uhrzeit eigentlich schon wach? Gute Frage eigentlich. Hätte mir auch ruhig mal eher einfallen können. Irgendwie war meine Vorstellung bis jetzt eine andere. Keine Ahnung welche genau, aber nun ist es ohnehin zu spät. Denn ich stehe, kurz vor sieben Uhr morgens, vor einem Schloss und möchte reingelassen werden, um den Prinzen zu treffen, der mich verrückterweise auch noch eingeladen hat. Das ist irgendwie ein völlig verkehrtes Märchen. Warum hat er auch so einen frühen Flug gebucht?
Ich räuspere mich und trete einen Schritt näher auf die beiden soldatenähnlichen Männer zu.
»Guten Morgen.« Noch ein Räuspern. »Ich bin auf Einladung von Prinz Andrew hier. Sophia Thalbach mein Name.« Misstrauisch beäugt mich einer der beiden. Der Zweite tut es ihm nach. »Ich ... Möchten Sie die Einladung sehen? Die habe ich dabei.« Ja und so etwas wie eine Antwort zu erhalten ist vermutlich Glückssache.
Ich bin schon versucht wieder umzudrehen und einfach zu gehen, als sich die Schlosstür zusammen mit dem Tor vor meiner Nase öffnet. Mein sowieso schon beunruhigender Herzschlag schnellt noch weiter in die Höhe.
Ein Mann mittleren Alters tritt auf mich zu und ich erkenne den Kurier wieder, der mir die Einladung übergeben hat. Wie bitte ist der jetzt auf mich aufmerksam geworden? Schließlich stehe ich hier zwei stummen Landschildkröten gegenüber, bei denen die Augen das Einzige sind, was sich bewegt.
»Miss Thalbach, einen wunderschönen guten Morgen. Es freut mich sehr, Sie in Castleshire begrüßen zu dürfen. Wenn Sie mir bitte folgen würden.« Er verneigt sich kurz und geht dann raschen Schrittes wieder zurück zum Schloss. Noch einmal tief durchatmend folge ich ihm. Was bleibt mir auch anderes übrig?!
Abgesehen davon ist mir momentan nahezu jedes geschlossene Gebäude, das eine Heizung besitzt, lieber als dieses zweite Sibirien hier draußen. Großer Gott, wo bin ich hier nur hingeraten?! Und dem Kurier ist mit Sicherheit auch kalt, sonst würde er wohl kaum so davonstürmen. Hinter ihm erklimme ich die Steinstufen und trete durch ein Vordach, das mit Säulen aus demselben Material gestützt wird. Darüber ist ein riesiger Balkon, der schon von unten schwindelerregend aussieht. Gott, bin ich froh, dass ich dort nie draufstehen muss. Und tatsächlich, drinnen umgibt mich eine wohlige Wärme. Mein Zittern jedoch verschwindet nicht. Ein kurzer prüfender Blick über seine Schulter, ob ich ihm gefolgt bin, schon schreitet er weiter voran. Na ja, so schweigsam wie die beiden da draußen ist er nicht, das hat er ja schon bewiesen.
Hinter mir wird die Tür von einem Butler wieder geschlossen. Irgendwie schaut er grimmig. Liegt das an mir oder ist das eine normale Angewohnheit von ihm? Muss er so schauen? Ich habe nicht die geringste Ahnung.
