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Ein Wassertropfen mitten in der Wüste kann ein Wunder sein, ein goldenes Kleid ein Lebensretter und ein winziges Gespenst ein großartiger Freund. Alexa Rubin entführt alle kleinen und großen Leser mit ihren Märchen in fantastische Welten und ist dennoch immer ganz nah an der Lebenswelt der Kinder. Ihre Geschichten sind mal witzig, mal spannend und manchmal traurig - aber immer zauberhaft und liebevoll erzählt. Zum Vorlesen an einem langen Regensonntag oder abends nach einem aufregenden Tag - denn Märchen helfen Kindern, die Welt zu verstehen, regen die Fantasie und das Nachdenken an und spenden Liebe und Wärme. Die Märchehelfer-Edition - 12 wunderschöne moderne Märchen für Groß und Klein
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Seitenzahl: 126
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das Geheimnis des Großvaters
Das goldene Kleid
Das winzige Gespenst und die kleine Hexe
Der goldene König
Der König und die kleine Frau
Der pfeifende Stift
Der rote und der pinkfarbene Roller
Der Wassertropfen
Die einsame Maus
Die Libelle Libella
Die traurigste Geige der Welt
Jorge und die kleine Insel
Es war einmal ein alter, freundlicher Mann, der lebte in einem gemütlichen Häuschen am Rande eines kleinen Dorfes.
Eines Tages bekam er Besuch von seinem Sohn. Schon als er die Tür öffnete, bemerkte der Großvater sein besorgtes Gesicht und sagte: »Lieber Sohn, ich sehe, dass dich etwas bedrückt. Du weißt, du kannst mir immer alles erzählen.«
»Vater«, sagte der Sohn, »meine liebe Tochter, deine Enkelin, ist oft hier bei dir«, er atmete schwer und fuhr fort, »und du weißt, sie ist eine ebenso leidenschaftliche Sportlerin, wie du es einst warst. Sie will immer nur laufen, natürlich will sie gewinnen und unbedingt eines Tages so berühmt werden wie du. Du warst über viele Jahre der beste Läufer im ganzen Land, und das schaffen nur sehr wenige. Dein Erfolg war so groß und märchenhaft, bestimmt hattest du dafür ein Geheimnis.«
Dann nahm der Sohn den Vater liebevoll am Arm und sah ihn mit einem prüfenden Blick erwartungsvoll an: »Nimmst du meine Tochter eine Weile zu dir, damit sie von dir und aus deinen Erfahrungen lernen kann?«
Der Großvater schaute zu Boden, runzelte die Stirn und strich nachdenklich über seinen weichen Bart. Dann antwortete er nach einer langen Pause: »Mein Sohn«, sagte er lächelnd, dass dem Sohn das Herz aufging, »daran habe ich auch schon gedacht. In meinem Haus ist genügend Platz und ich denke, es würde mir gut gefallen, mich eine Weile um das Kind zu kümmern.«
Der Sohn war über die Antwort sehr glücklich. Kurz darauf brachte er seine Tochter zum Großvater.
Der Großvater hatte ein gemütliches Haus mit einem großen Garten direkt am Wald. Die Zimmer waren schön eingerichtet, aber das schönste, einen sonnendurchfluteten Raum ganz oben im Dach, hatte er nun extra ganz neu für seine Enkelin hergerichtet. Als sie das Haus betrat, nahm er seine Enkelin stolz bei der Hand und führte sie in ihr neues Zimmer. Von hier konnte sie auf den Garten und den Wald blicken. Vor dem Fenster stand ein kleiner weißer Schreibtisch und in der Mitte des Raumes befand sich ein Bett, gemütlich mit vielen weichen Kissen und weiß wie eine Wolke. Zu dessen Füßen lag ein Teppich, flauschig wie ein Meer aus Fliederblüten und vor dem Fenster wehten zarte Vorhänge im Wind. Die Blumen auf der Fensterbank verströmten den Duft des Sommers. Gebannt und entzückt nahm die Enkelin ihren Großvater in die Arme und rief: »Oh, Großvater. Es ist das schönste Zimmer, das ich je hatte!« Von diesem Tag an kümmerte sich der Großvater liebevoll um das Kind. Jeden Morgen gab es frische und knusprige Brötchen mit allem, was sie liebte. Die süße Marmelade, selbstgemacht aus dem Garten, und warme Milch mit Honig schmeckten ihr am besten.
Jeden Tag, wenn seine Enkelin von der Schule nach Hause kam, setzte sich der Großvater mit ihr auf die Terrasse. Dort stand ein gemütliches Sofa und an ihn gekuschelt erzählte sie dann immer, was sie an diesem Tag in der Schule erlebt hatte, und er hörte ihr immer aufmerksam und geduldig zu.
Eines Tages, als sie nicht wie sonst erzählte, fragte er: »Was liebst du denn am meisten?« »Oh!«, rief sie, »Laufen! Ich liebe Laufen über alles. So wie du früher!« »Bist du denn so richtig gut?«, fragte der Großvater.
»Ja, ich bin sehr gut, aber ich möchte noch viel besser sein. Weißt du, wie ich das schaffen kann?« Ihre Augen leuchteten wieder.
Nun redeten sie bis in den späten Abend über das Laufen.
Am nächsten Tag ging der alte Mann mit seiner Enkelin zu einer Laufstrecke, die nicht weit von seinem Haus entfernt war. Als die Enkelin die Strecke sah, jubelte sie. Ohne zu zögern, rannte das Mädchen los.
Als sie nach einer schnellen Runde wieder beim Großvater war, sagte er: »Wenn du noch besser werden willst, musst du ab heute jeden Tag trainieren und laufen.« Das wollte die Enkelin, denn es war ihr Herzenswunsch.
Jeden Abend übte sie nun unter den wachsamen Augen ihres Großvaters. Wenn sie für sich allein lief, flogen ihre Beine schnell wie der Wind über die Laufstrecke. Sie wurde schneller und schneller. Bald hatte sie ihre ersten Wettkämpfe. Aber in den Wettkämpfen gab es immer ein Mädchen, das sie kurz vor der Ziellinie überholte.
Darüber ärgerte sich die Enkelin ganz furchtbar. Sie wurde immer wütender. Sie schubste und rempelte die anderen Mädchen an, war unzufrieden und hatte nach jedem Wettkampf schlechte Laune. Der Großvater bekam davon nichts mit, denn er blieb immer zu Hause. Er konnte nicht mehr so gut gehen, denn er war schon sehr, sehr alt. Immer nach den Wettkämpfen lief das Mädchen wütend nach Hause zum Großvater und rief schon an der Tür: »Das ist ungerecht! Ich bin die Schnellste und ich bin die Beste, das weißt du, aber ich gewinne nie!« Der Großvater betrachtete seine Enkelin stets mit einem weisen Blick und streichelte ihr beruhigend über ihr leuchtend blondes Haar. So ging es nun eine ganze Zeit.
Dann kam der große Tag des entscheidenden Wettlaufs. Das Mädchen hatte extra viel trainiert. Sie war sich ganz sicher, dass sie dieses Mal gewinnen würde.
Es war ein sonniger Tag und das Rennen begann. Viele Leute säumten die Bahn und schauten zu. Da kam der Startschuss und voller Zuversicht lief sie los. Schnell setzte sich das Mädchen an die Spitze der Läuferinnen. Doch immer wieder sah es sich nach seinen Verfolgerinnen um. Dadurch verbrauchte es viel Kraft und die anderen Mädchen holten schließlich auf. Je näher diese kamen, desto mehr fürchtete sich nun die Enkelin, denn sie hatte Angst, dass ihre Verfolgerinnen sie überholen könnten.
Als sie kurz vorm Ziel war, drehte sie sich wieder um, sie verdrehte dabei ihr Bein und stürzte. Dieses Mal war sie besonders traurig, denn sie wurde Letzte. Schimpfend, weinend und fluchend ging sie nach Hause.
Der Großvater wartete schon auf der Veranda auf sie. Er schloss seine wütend weinende und hinkende Enkeltochter in die Arme und sagte: »Beruhige dich. Wir setzen uns jetzt hier draußen auf das kuschelige Verandasofa.
Es ist an der Zeit, dass ich dir mein Geheimnis verrate. Komm, setz dich und hör mir gut zu. Mein liebes Kind, du weißt, dass ich in meiner Jugend viele Jahre der beste Läufer weit und breit war. Ich wollte auch immer gewinnen, so wie du. Wenn du Erfolg haben willst, musst du lieben, was du tust.«
Die Enkelin sah ihn mit großen Augen erwartungsvoll an und er fuhr fort: »Wenn ich damals lief, gab es nichts Schöneres für mich, als zu spüren, wie meine Beine kraftvoll durch die Luft flogen und meine Füße nur noch kurz die Erde berührten. Ich spürte den Wind auf meiner Haut und war glücklich. Mein Kind, hab nur dein Ziel vor Augen! Niemals die anderen. Und das Wichtigste: Schau niemals zurück!« Leise sagte er: »Nur wenn du auf dich selbst achtest, ohne dich mit anderen zu vergleichen, wirst du gewinnen!«
Das Mädchen hörte aufmerksam zu, aber es zweifelte an den Worten und sagte trotzig: »Aber das geht doch nicht. Wenn ich gewinnen will, muss ich mich doch mit den anderen vergleichen!«
Der Großvater lächelte und beugte sich zu ihr herab. Dann flüsterte er geheimnisvoll: »Wenn du schnell sein willst wie der Wind, dann sei der Wind!«
Das Mädchen konnte von nun an nur noch an diesen Satz denken und ihr Trotz war verflogen. Der Großvater wurde nun jeden Tag schwächer und schwächer. Er konnte bald nicht mehr sprechen und schlief den ganzen Tag. Seine Zeit war gekommen, das fühlte die Enkelin, und das machte sie ganz still. Sie trainierte nun jeden Tag alleine hinter dem Haus auf der Bahn, genauso wie es ihr der Großvater gezeigt hatte. Aber wenige Tage vor dem wichtigsten Wettlauf des Landes starb der alte Mann. Das Mädchen weinte tagelang und war sehr traurig. Es kehrte zu seinem Vater zurück. Das Leben ging weiter, aber immer wieder dachte die Enkelin an die schöne Zeit und die geheimnisvollen Worte ihres Großvaters.
Als der Tag des wichtigen Wettlaufs gekommen war, begleitete sie ihr Vater. Das Mädchen ging mit klopfendem Herzen an den Start. Dann dachte sie an die weisen Worte des Großvaters. Der Startschuss fiel und das Mädchen lief und lief. Bei diesem besonderen Lauf vergaß sie das erste Mal vollkommen die anderen Läuferinnen. Sie sah nicht nach rechts, nicht nach links und auch nicht hinter sich.
Das Mädchen hatte nur ihr Ziel vor Augen und lief wie im Traum. Wie ein Vogel schien sie durch die Luft zu fliegen. Sie spürte den Wind in ihren Haaren und auf ihrer Haut und plötzlich war sie selbst der Wind. Genau in diesem Moment hörte sie ihren Großvater fröhlich lachen. Glück durchströmte sie und alle Stimmen um sie herum riefen: »Hurra, hurra! Seht das Mädchen dort, das ist unsere neue Siegerin!«
Das Mädchen konnte es kaum fassen. Es riss die Arme hoch und rief: »Großvater, ich habe gewonnen!«
Alle umringten sie. Ihr Vater war stolz, denn er hatte sie noch nie laufen gesehen. Der Reporter der Stadt drängte sich zu ihr und sagte: »Herzlichen Glückwunsch zu deinem Sieg. Du bist die beste Läuferin im Land! Wir werden in der Zeitung über dich berichten und sind sehr stolz auf dich. Wie hast du das geschafft?«
Das Mädchen drehte sich zu den jubelnden Leuten und lächelte nur, ohne zu antworten. Sie schaute nach oben in den strahlenden Himmel und dachte dankbar an das Geheimnis des Großvaters. Dann rief sie voller Freude: »Danke, lieber Großvater, jetzt habe ich dein Geheimnis verstanden!«
Das Geheimnis bewahrte sie für immer in ihrem Herzen. Von diesem Tage an gewann das Mädchen alle Rennen und war berühmt wie einst ihr Großvater. Noch viele, viele Jahre lang war sie die beste Läuferin im ganzen Land und über alle Grenzen hinaus.
Es war einmal eine Schneiderin, die lebte in einem hübschen Häuschen in einer kleinen Stadt. Sie nähte die schönsten Kleider weit und breit und reiste oft in ferne Länder, um dort die edelsten und kostbarsten Stoffe zu kaufen. Ihre Kleider waren magisch schön, kunstvoll geschneidert und in den herrlichsten Farben. Manche Kleider waren aus Samt, andere aus Seide, Brokat und Spitze. Viele waren mit Perlen bestickt und mit Goldfäden durchwirkt. Manche schillernd wie der Regenbogen, glitzernd wie Sonnenfünkchen auf dem Meer oder hell funkelnd wie Sterne in der Nacht.
Alle Leute bewunderten die Schneiderin für ihre Kunst und blieben oft an ihrem offenen Fenster stehen und bestaunten die schillernden Kleider.
Alle Menschen liebten die Schneiderin, denn sie war immer fröhlich und erzählte gerne bei der Arbeit lustige Geschichten. Ihre kleine Schneiderei war direkt am Marktplatz, mitten im Herzen der Stadt.
Die Schneiderin hatte eine wunderschöne Tochter. Sie war ein liebes, fleißiges Mädchen. Die Tochter wollte wie ihre Mutter das Schneiderhandwerk erlernen. Jeden Nachmittag saß sie darum immer ganz nah bei ihrer Mutter, sah aufmerksam beim Nähen zu und half so viel mit, wie sie konnte.
Eines Tages, als die Mutter gerade wieder von einer langen Reise zurückgekommen war, kam die Tochter früher als gewöhnlich aus der Schule nach Hause. Da sah sie, dass ihre Mutter heimlich ein goldenes Stück Stoff unter einem Tuchballen verschwinden ließ.
Daraufhin fragte das Mädchen: »Mama, was versteckst du da? Was für ein Stoff ist das?«
Die Mutter gab keine Antwort, lächelte ihre Tochter nur geheimnisvoll an und zwinkerte ihr zu. Statt zu antworten, erzählte sie ihr eine neue lustige Geschichte.
Am nächsten Tag war die Mutter ungewöhnlich still. Sie nähte gerade an einem roten Kleid, das ein dicker Bauer für seine kugelrunde Frau bestellt hatte. Da fiel dem Mädchen auf, dass die Mutter nicht wie sonst scherzte, ganz blass war und ihr die Arbeit ungewöhnlich schwerfiel. Deshalb sagte sie: »Mutter, hör einen Moment auf zu arbeiten und ruh dich ein wenig aus. Setz dich in deinen kuscheligen Samtsessel am Fenster. Ich bringe dir eine Tasse heißen Tee.« Die Mutter nickte nur still und folgte dankbar dem Vorschlag ihrer Tochter.
In der Nacht hörte das Mädchen, wie die Mutter sich im Bett hin und her wälzte. Nun machte sich das Kind Sorgen, denn immer wieder hörte sie ein Husten aus dem Schlafzimmer der Mutter. Das Mädchen stand auf, um ihrer Mutter zu helfen. Sie brachte ihr wieder eine Tasse heißen Tee und nähte dann heimlich in der Nacht das rote Kleid für die kugelrunde Frau des Bauern fertig. Als sich die Mutter am nächsten Morgen wieder an die Arbeit machen wollte, stellte sie verwundert fest, dass das Kleid bereits fertig an der Stange hing.
Als die Tochter am Nachmittag erschöpft nach Hause kam, fand sie die Mutter sehr krank vor. Die Tochter sorgte sich und sagte müde: »Mutter, wie schön ist das rote Kleid für die dicke Bauersfrau geworden!« Doch die Mutter hörte ihre Worte kaum.
Von da an ging es der Schneiderin von Tag zu Tag schlechter. Jede Nacht stand deshalb nun das fleißige Mädchen auf und nähte heimlich, still und leise die angefangenen Kleidungsstücke zu Ende. Am Morgen dachte die fiebernde Mutter stets, sie selbst habe die Kleider fertig gestellt. So ging es eine ganze Weile.
Allmählich sorgten sich die Menschen des kleinen Städtchens um die Schneiderin und fragten immer wieder nach ihr. Das Mädchen sprach besorgt mit dem dicken Bauern, und der brachte die Schneiderin zum besten Arzt der Stadt. Geduldig wartete der Bauer auf sie, während der Arzt sie sorgfältig untersuchte.
Als die Schneiderin endlich wieder zu dem Bauern und ihrer Tochter zurückkehrte, sprach sie ganz leise: »Ich bin bei der Suche eines außergewöhnlich feinen Stoffes für die Kleider in dem fernen Land leider sehr krank geworden. Es ist eine Krankheit, die man hier nicht kennt und die man leider sehr schwer heilen kann. Die Medizin muss von weither kommen und ist unbezahlbar teuer. Nun werde ich immer schwächer und brauche genau diese sehr, sehr kostbare Medizin, die ich gar nicht bezahlen kann.« »Das kann nicht sein«, flüsterte der Bauer und schüttelte ungläubig den Kopf. Doch die Schneiderin sprach mit leiser Stimme unbeirrt fort. »Selbst wenn wir alles, was wir haben, verkaufen, reicht es immer noch nicht.« Traurig schaute sie nun ihre Tochter an und flüsterte fast unhörbar: »Der Arzt sagt, ohne die Medizin bleibt mir nur noch wenig Zeit.«
Der Bauer nahm sie beruhigend in den Arm. Eine dicke, glitzernde Träne rollte nun über seine Backe. Sie waren ja seit ihrer Kindheit Freunde. Es machte ihm Angst und es traf ihn sehr, das zu hören. Er wollte ihr helfen und überlegte:
»Ich könnte vielleicht eine Kuh verkaufen.«
