Maria - Fräulein der Friesen - Andreas Scheepker - E-Book

Maria - Fräulein der Friesen E-Book

Andreas Scheepker

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  • Herausgeber: GMEINER
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2021
Beschreibung

Fräulein Maria, die Tochter des letzten Häuptlings von Jever, verteidigt ihre Herrschaft gegen die mächtigen ostfriesischen Grafen. Auch unter den Häuptlingen des Jeverlandes hat sie Gegner. Als einer ihrer Widersacher in der Burg Jever einem Anschlag zum Opfer fällt, gerät Maria unter Verdacht. Der Rechtsgelehrte Lübbert Rimberti hält sich eigentlich nur in Jever auf, um im Streit um die Herrschaftsrechte in Jever zu vermitteln. Nun muss er den Fall aufklären und sich in große Gefahr begeben.

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Andreas Scheepker

Maria – Fräulein der Friesen

Historischer Roman

Zum Buch

Friesland 1531 Der Jurist Lübbert Rimberti kommt in kaiserlichem Auftrag nach Jever. Er soll im Konflikt um die Herrschaftsrechte über Jever vermitteln. Dort muss sich Fräulein Maria, die Tochter des letzten Häuptlings von Jever, gegen die Herrschaftsansprüche der machtbewussten Grafen von Ostfriesland zur Wehr setzen und sich gegen Intrigen behaupten, während ihr kleines Land von plündernden Landsknechten überfallen wird.

Als einer von Marias erbitterten Gegnern einem Giftanschlag zum Opfer fällt, beschuldigen die Grafen von Ostfriesland das Fräulein und machen sich bereit, Jever zu besetzen. Schließlich muss Lübbert Rimberti den Fall aufklären, um den Verdacht von Maria abzuwenden. Rimberti gerät schon bald in die Machtkämpfe um das kleine Land und begibt sich in große Gefahr. Gemeinsam mit seinem Freund Ulfert Fockena nimmt er die Spur eines geheimnisvollen Verbrechens auf, das anderthalb Jahre zuvor geschah.

Andreas Scheepker, Jahrgang 1963, ist gebürtiger Ostfriese. Nach dem Abitur am Ulrichsgymnasium in Norden studierte er Evangelische Theologie und später Literaturwissenschaft, Geschichte und Pädagogik. Er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Aurich, wo er als Schulpastor am Gymnasium Ulricianum als Studienleiter und in der Arbeitsstelle für Evangelische Religionspädagogik tätig ist. Scheepker hat mehrere Kriminalromane und Erzählungen verfasst, die in Ostfriesland spielen. Sein besonderes Interesse gilt der Regionalgeschichte. Darum stehen oft Themen der ostfriesischen Geschichte im Hintergrund seiner Bücher.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung der Bilder von: © https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Maria_von_Jever_1572.jpg und https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Atlas_Van_der_Hagen-KW1049B10_073-TYPVS_FRISIAE_ORIENTALIS.jpeg

Das Originalgemälde befindet sich im Schlossmuseum Jever.

ISBN 978-3-8392-6932-9

Vorwort

Den Wunsch, einen Kriminalroman über die Geschichte Fräulein Marias von Jever zu schreiben, habe ich schon seit vielen Jahren. Von 2002 bis 2007 lebten wir als Familie in Asel an der »Goldenen Linie« zwischen Wittmund und Jever. Unzählige Male haben wir in dieser Zeit das Schloss mit dem sehenswerten Museum in Jever besucht. In den vergangenen Jahren habe ich viel über Fräulein Maria und ihre Zeit gelesen und an diesem Krimi geschrieben.

Das vorliegende Buch ist keine Biografie über Fräulein Maria und auch kein Sachbuch über die Geschichte Jevers im 16. Jahrhundert. Dazu gibt es inzwischen etliche Bücher und Aufsätze, die diese Themen auf heutigem wissenschaftlichem Stand anschaulich vermitteln.

Das vorliegende Buch ist ein Kriminalroman. Die Handlung dieser Erzählung entstammt wie die meisten Personen meiner Fantasie. Auch die Romanfiguren, denen eine historische Persönlichkeit zugrunde liegt, habe ich mit Charaktereigenschaften, Gefühlen und Verhaltensweisen ausgestattet, wie ich sie für diese Erzählung einsetzen wollte.

Leserinnen und Lesern, die mit den geschichtlichen Hintergründen vertraut sind, werden bemerken, dass in diesem Roman nicht alle historischen Fakten korrekt wiedergegeben werden. Ich habe zum Beispiel Ereignisse, die sich über mehrere Jahre abgespielt haben, in einem Bild zusammengefasst. Mir war dabei wichtig, die historischen Ereignisse nicht nur als Hintergrundkulisse zu nutzen, sondern in die Handlung einzubeziehen. Auch wenn nicht alles »stimmt«, habe ich mich doch bemüht, ein einigermaßen stimmiges Bild dieser Zeit zu gestalten.

Im Anhang gebe ich einige Informationen über historische Personen, Orte und Stichworte, die in diesem Buch wichtig sind. Danach führe ich Bücher und Aufsätze auf, die mir geholfen haben, Einblicke in die Geschichte Fräulein Marias und Jevers im 16. Jahrhundert zu bekommen. Wenn in Leserinnen und Lesern das Interesse entsteht, sich intensiver mit dieser interessanten Persönlichkeit und ihrer Zeit zu befassen, liegt das durchaus im Sinne des Autors.

Ich danke der Programmleiterin, Frau Claudia Senghaas, und dem Team vom Gmeiner Verlag für die angenehme und verlässliche Zusammenarbeit.

Herzlich danke ich Professorin Antje Sander, Leiterin des Schlossmuseums Jever. Sie konnte mir bei vielen einzelnen Fragen weiterhelfen, und ihre Veröffentlichungen waren genauso wie die Biografie von Doktor Wolfgang Petri ständige gute Wegbegleiter bei der Arbeit an diesem Buch.

Einen besonderen Dank möchte ich meinem lieben Kollegen Doktor Matthias Bollmeyer aussprechen. Er hat mit seinem umfangreichen Fachwissen den Anhang dieses Buches korrigiert, berichtigt und ergänzt und mir noch viele zusätzliche Informationen und Einblicke vermittelt. Diese Hinweise werden vielleicht noch einmal eine Idee für einen weiteren Krimi abgeben.

Widmen möchte ich dieses Buch meinen drei Kolleginnen in der Arbeitsstelle für evangelische Religionspädagogik Ostfriesland (ARO):

Doktor Ute Beyer-Henneberger,

Jutta Renken-Sprick,

Sonja Skoczylas.

Auf diesem Wege möchte ich ihnen für die sehr gute und freundschaftliche Zusammenarbeit danken.

Personenverzeichnis

Am Hof von Königin Maria, Statthalterin des Kaisers

Lübbert Rimberti, Jurist am kaiserlichen Hof in Brüssel

Kobus Temmen, Lübbert Rimbertis Schreiber

Graf Christian von Wittenvelde, Rat am kaiserlichen Hof in Brüssel

Hauptmann Burkert, Offizier im kaiserlichen Dienst

Aus der Herrschaft Jever:

Fräulein Maria, Tochter des letzten Häuptlings von Jever

Fräulein Anna, Tochter des letzten Häuptlings von Jever

Folpt Middens von Sassenhusen, Häuptling und Regent des Jeverlandes

Beeke und Jabina Middens von Sassenhusen, Schwestern von Häuptling Folpt Middens, Nonnen im früheren Kloster Annenwolde

Jelto Middens von Sassenhusen, Sohn von Häuptling Folpt

Keno Middens, Häuptling von Garssum, Neffe von Folpt Middens

Take Middens, Bruder von Häuptling Folpt, lebt verarmt auf seinem Alterssitz

Tjard Middens, Sohn von Take Middens, Vetter von Keno und Jelto Middens

Folkert Hedden, Dorfvorsteher und Kirchenältester in Grootewarden

Remmer von Seediek, Pfarrer von Seediek und Verwalter in Jever

Hinrich Kremer, Pfarrer an der Sankt Marienkirche in Jever

Aimo Herkens, Burgschreiber in Jever

Idbertus aus Eilsum, Ibo Eilers, Neffe des Propstes und neuer Deichrichter

Aus der Grafschaft Ostfriesland:

Enno und Johann Cirksena, Grafen von Ostfriesland und Söhne von Graf Edzard

Ulfert Fockena, Häuptling und Offizier

Boing von Oldersum, Häuptling und ostfriesischer Drost in Jever

Aiko Onninga, Häuptling und Rat bei den ostfriesischen Grafen

Isko Onninga, nachgeborener Sohn von Aiko Onninga, Offizier

Ubbo Scriver, durch die Ostfriesen eingesetzter Verwalter von Jever

Weitere Personen

Junker Balthasar von Esens, Häuptling des Harlingerlandes

Ewert Owelacker, Anführer einer Truppe von Landsknechten

Grit, Novizin

Schwester Katharina, Nonne im Kloster Thedinga, früher im Kloster Annenwolde

Schwester Meta Hallenga, Nonne im Kloster Thedinga

Im Herbst 1529

Am Tag vor Michaelis 1529 trafen Reisende auf der Friedeburg ein. Es waren zwei betagte Nonnen aus dem Kloster Annenwolde in der Nähe von Lübeck, die beiden Schwestern Beeke und Jabina Middens von Sassenhusen. Der Landesherr hatte das Kloster aufgelöst und die ausgedehnten Besitzungen des Klosters eingezogen. Die meisten Nonnen stammten aus wohlhabenden und mächtigen Familien. Die Angehörigen hatten ihren Einfluss geltend gemacht, sodass der Landesherr allen Bewohnerinnen des Klosters eine angemessene Abfindung zahlen musste.

Häuptling Folpt Middens von Sassenhusen hatte seine beiden Schwestern vor einem Jahr besucht und mit ihnen über ihre Zukunft gesprochen. Dann hatte er Erkundigungen über die verbleibenden Klöster auf der ostfriesischen Halbinsel eingeholt und schließlich das angesehene Kloster Thedinga als mögliche Heimstatt für seine Schwestern in Augenschein genommen. Vor einem halben Jahr war Folpt Middens erneut in Annenwolde gewesen, um seinen Schwestern vorzuschlagen, im Kloster Thedinga ihre letzten Lebensjahre zu verbringen. Sie hatten dem Vorschlag zugestimmt, zumal eine ihrer Mitschwestern dort ebenfalls unterkommen würde. Folpt Middens hatte noch einmal Thedinga aufgesucht, um dort die Aufnahme seiner beiden Schwestern zu verhandeln und zu beschließen. Er hatte dann die Reise seiner Schwestern organisiert und ihnen die Einzelheiten in einem Brief mitgeteilt, auf den er einige Wochen später auch Antwort erhalten hatte.

Beeke und Jabina Middens von Sassenhusen führten die stattliche Geldsumme, die der Landesherr ihnen hatte auszahlen lassen, in einem Kästchen bei sich. Das Geld war für das Kloster Thedinga bestimmt.

Auf der letzten großen Reise ihres Lebens wollten die beiden Schwestern einen Umweg machen. Sie hatten den Wunsch, nach mehr als 50 Jahren den Familiensitz in Sassenhusen noch einmal wiederzusehen. Bei dieser Gelegenheit wollten sie ihrem Bruder Folpt für seine Hilfe danken. Und es war ihr Wunsch, ihren Neffen Keno nach dessen Rückkehr in die Heimat auf seinem Hof zu besuchen. Er hatte sie während seiner Dienstzeit auf einem Rittergut in der Nähe des Klosters hin und wieder besuchen können.

Die Familie hatte ihnen einen Reitknecht mit Pferden geschickt, um die beiden Schwestern zu begleiten. Er war schon vorgeritten, um dem Drosten der Friedeburg die Ankunft der Schwestern anzukündigen.

Da Folpt Middens ein angesehener Häuptling und einer der Regenten des Jeverlandes war, tat der Drost sein Möglichstes, um den beiden Schwestern den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Das große Gästezimmer wurde aufs Beste hergerichtet, und zum Nachtmahl lud der Drost die Schwestern in den Speiseraum der Burg, wo ein einfaches, aber gutes Mahl serviert wurde.

Auf alle Versuche des Drosten, höfliche Konversation zu machen, antworteten die Schwestern freundlich, aber reserviert. Mit dem Hinweis auf die anstrengende Reise zogen sie sich gleich nach dem Essen in ihr Quartier zurück. Die Novizin, die sie begleitete und sich um sie kümmerte, übernachtete in der Kammer neben dem Gästezimmer. Der Reitknecht wurde beim Burggesinde untergebracht.

Kurz nach dem Morgengrauen wurde der Drost durch lautes Klopfen geweckt. Eine der Burgmägde sollte die Gäste bei beginnendem Tageslicht wecken. Sie hatte die drei Frauen tot in ihren Betten aufgefunden. Sofort schickte der Drost Männer los, um einen flüchtigen Mörder zu suchen. Der musste sich noch in der Fes-tung verborgen halten, da die Tore noch geschlossen waren. Der Drost verbot den Torwächtern, jemanden aus der Friedeburg herauszulassen. Außerdem ließ er den Reitknecht der beiden Schwestern herbeiholen, der im Stall schon die Pferde für die Weiterreise bereitgemacht hatte.

Bei der Untersuchung der Toten fand man bei keiner der Frauen eine Spur von Gewaltanwendung. Als man sie für die Aufbahrung vorbereiten wollte, entdeckte man, dass die Novizin noch lebte. Mit Mühe gelang es, sie aus einem tiefen Schlaf wieder ins Leben zurückzuholen. Sie bezeugte, dass sie bei ihrer Rückkehr in ihrem Gästezimmer einen Krug mit gewürztem Wein und zwei Becher vorgefunden hatten. Sie waren davon ausgegangen, dass der Drost den Wein hatte bringen lassen. Die Schwestern hatten davon getrunken und sich dann zur Ruhe begeben. Die Novizin hatte danach heimlich den kleinen Rest zu sich genommen.

Das kleine Kästchen mit dem Geld der Schwestern war verschwunden. Von dem Geld konnten außer den beiden Nonnen nur die Novizin und der Knecht wissen. Die Habseligkeiten beider wurden durchsucht, und die beiden Wachsoldaten der Burg bezeugten dass niemand in der Nacht das Gesindehaus verlassen hatte.

Der Drost ließ die Burg durchsuchen. Ein weiterer Reisender, der Rechtsgelehrte Doktor Lübbert Rimberti, war mit seinem Schreiber auf der Friedeburg zu Gast. Er war nach einem Aufenthalt in Ostfriesland und in Jever unterwegs zum Hof der Statthalterin in Flandern. Der Drost befragte ihn, aber Rimberti hatte fest geschlafen und nichts von dem Verbrechen mitbekommen. Der Drost hielt es für wenig wahrscheinlich, dass der Gast mit dem Verbrechen etwas zu tun hatte, zumal er von seiner Kammer aus nicht in die Räumlichkeiten der Schwestern hätte gelangen können, ohne von den Torwachen bemerkt zu werden. Dann sandte er einen Boten mit der Nachricht zu Häuptling Folpt Middens nach Sassenhusen.

Der Häuptling kam am nächsten Tag auf die Friedeburg und ließ sich vom Friedeburger Drosten ausführlich berichten. Der unglückliche Tod seiner Schwestern betrübte ihn. Auch wenn beide inzwischen im siebten Lebensjahrzehnt waren, erfreuten sie sich doch einer guten Gesundheit und hatten ein solch trauriges Ende nicht verdient.

Middens hatte nur anderthalb Jahre zuvor seinen Bruder und dessen Sohn durch die Pest verloren. Er selbst war dem Tod durch diese Krankheit nur knapp entronnen.

Folpt Middens ließ seine Schwestern zum Kloster Thedinga bringen und dort bestatten. Dann kehrte er ins Jeverland zurück. Einige Wochen später erhielt er einen Besuch vom Friedeburger Drosten, der ihm mitteilte, dass alle Befragungen und Untersuchungen zum Tod der Schwestern nichts erbracht hätten. Man müsse davon ausgehen, dass der Mörder auf unerklärliche Weise von der Reise der Schwestern und der mitgeführten großen Geldsumme erfahren haben musste. Er musste unentdeckt in die Burg eingedrungen sein und diese ebenso wieder verlassen haben. Der Drost sprach dem Häuptling noch einmal seine Anteilnahme aus und versicherte, auch weiterhin Untersuchungen zum Tod der beiden Schwestern anzustellen.

Im Frühsommer 1531

1

Lübbert Rimberti stolperte durch das Dickicht. Sein linker Fuß schmerzte. Wie lang irrte er schon im Wald umher? Eine Stunde? Oder noch länger? Er verspürte Durst. Er brauchte eine Rast. Aber er musste weiter.

Was er zum Essen und Trinken brauchte, befand sich in seiner Satteltasche. Und sein Pferd war mitsamt dem Sattel davongelaufen. Vielleicht hatte eine Kreuzotter am Wegesrand es zum Scheuen gebracht. Rimberti wusste es nicht. Sein Sturz vom Pferd war hart gewesen, seine linke Seite schmerzte. Er hoffte, dass sein Fuß nicht ernsthaft verletzt war.

Er humpelte weiter durch das Unterholz. Zweimal hatte er sein Pferd für einen Moment gesehen, bevor es wieder zwischen den Bäumen verschwunden war. Es war keine gute Wahl gewesen, auf den Wirt zu hören und die Abkürzung durch den Wald zu nehmen. Und es war auch keine gute Entscheidung gewesen, seinen Schreiber Kobus Temmen mit dem Packpferd vorauszuschicken, damit er schneller am Ziel eintreffen und vor Ort schon für das Quartier sorgen konnte. Aber Kobus war nun einmal der bessere und schnellere Reiter, und Rimberti liebte es, wenn sein Schreiber bei seinem Eintreffen schon das Quartier vorbereitet hatte.

Rimberti seufzte und setzte sich für einen Moment auf einen Baumstamm, den ein Sturm mitsamt Wurzelwerk umgerissen haben musste. War er nicht vorhin schon einmal hier gewesen?

Vermutlich würde sich auch seine Entscheidung, den Auftrag in Jever anzunehmen, als unglücklich erweisen. Bei seinen letzten Reisen nach Ostfriesland hatte Rimberti es verstanden, sich die ostfriesischen Grafen und ihre Gefolgsleute zu Gegnern zu machen. Auf ein Wiedersehen mit ihnen verspürte er wenig Lust, zumal der Rechtsstreit um Jever eine in jeder Hinsicht schwierige Angelegenheit war.

Plötzlich hörte er das Schnauben eines Pferdes. In einiger Entfernung sah Rimberti zwischen den Bäumen ein helles Grün hervorleuchten. Eine Lichtung. Vorsichtig näherte er sich. Er blieb im Schatten der Bäume. Mitten auf der kleinen Wiese stand sein Pferd und graste friedlich. Vielleicht konnte er hier einfach stehen bleiben und warten, bis sein Pferd zu ihm kommen würde.

Tautropfen funkelten auf dem frischen grünen Gras. Erst jetzt nahm Rimberti das Vogelgezwitscher wahr. Er blinzelte in die Sonne, die ihm hell und warm durch die Blätter ins Gesicht schien. Für einen Moment fiel der ganze Unmut von ihm ab. Der schmerzende Fuß, die missliche Suche nach dem Pferd und die Sorge um die bevorstehenden Aufgaben in Jever schob er einfach beiseite. Für einen Augenblick fühlte er eine Klarheit und eine Frische, die er sonst selten verspürte.

Dann kam der Schlag.

Als Rimberti wieder zu sich kam, zerrten kräftige Hände an ihm. Er konnte nichts sehen, man hatte ihm die Augen verbunden. Ein schneidender Schmerz durchfuhr ihn, als man ihm die Hände fesselte. Er zuckte zurück, aber er konnte sich nicht aus den eisernen Griffen befreien. Dann verspürte er einen kräftigen Stoß, und er wurde mitgezogen.

Unbeholfen stolperte er mit den anderen dahin. Wer waren sie? Hatten sie es auf sein Pferd abgesehen? Dann hätten sie ihn doch einfach liegen lassen können. Hatten sie es auf ihn abgesehen? Warum hatten sie ihn dann nicht gleich an Ort und Stelle getötet, statt ihn durch den Wald zu zerren? Und außerdem, wer wusste überhaupt von ihm und von seinem Auftrag?

Die Schmerzen in seinem Fuß holten ihn aus seinen Gedanken. Gebrochen war er sicher nicht, sonst hätte Rimberti nicht so fest auftreten können. Aber jeder Tritt tat weh. Immerhin hatten sie sein Pferd eingefangen und führten es mit.

Vielleicht waren die Männer, die ihn mitschleppten, nur gewöhnliche Wegelagerer, die ein Lösegeld erpressen wollten. Rimberti hatte davon gehört, dass ein Haufen von Landsknechten aus dem Oldenburgischen die Gegend unsicher machte.

Die Jeverschen Fräulein Maria und Anna hatten die kaiserliche Statthalterin in Brüssel um Vermittlung gebeten. Sie waren die beiden noch lebenden unverheirateten Töchter des letzten Häuptlings von Jever, der vor 20 Jahren verstorben war. Die Ostfriesen hatten Jever besetzt, und Graf Enno ließ das Jeverland durch seinen Drosten verwalten.

Königin Maria, die Schwester Kaiser Karls V., nahm für ihren Bruder die Regierungsgeschäfte im nordwestlichen Teil des Reiches, in dem die Sonne niemals unterging, wahr. Sie hatte einen der Juristen der kaiserlichen Regierung, Lübbert Rimberti, nach Jever geschickt, um die Situation vor Ort rechtlich prüfen zu lassen.

»Nicht so trödeln«, raunzte ihn jemand von der Seite an und gab ihm einen Stoß.

Rimberti stolperte. Reflexartig wollte er mit seinen Händen und Armen den Sturz abfangen. Aber in dem Moment, in dem ihm bewusst wurde, dass er gefesselt war, schlug er schon auf.

Helles Sonnenlicht blendete Rimberti, als man ihm unsanft die Augenbinde vom Kopf riss.

»Sag deinem Grafen Enno, dass er das nächste Mal bessere Spione zu uns schicken soll.«

Der diese Worte zu ihm sprach, stand im Gegenlicht, sodass Rimberti die Augen zukneifen musste, um ihn sehen zu können: ein kleiner, kräftiger Mann mit struppigen blonden Haaren auf dem Kopf und im Gesicht. Er hielt Rimbertis Pferd am Zaum.

»Warum erledigen wir ihn nicht gleich an Ort und Stelle?«, fragte ein schwarzhaariger Mann ungehalten. »Graf Enno hat ihn geschickt, um unser Lager auszukundschaften. Jetzt weiß er Bescheid über uns. Fackelt nicht lange, sonst entkommt er uns noch.«

Rimberti packte die Angst. Sollte dies das Ende seines Lebens werden? Erschlagen von Wegelagerern im Wald? Alle Muskeln spannten sich gleichzeitig an. Hoffentlich merkte niemand, dass er zitterte.

Er versuchte, so ruhig und selbstbewusst wie möglich zu sagen, was er vorbringen konnte. »Schaut in meiner Packtasche nach, und ihr erfahrt, wer ich bin.«

Der Bärtige nickte dem Schwarzhaarigen zu. Der ging zum Pferd. Rimberti sah sich um. Seine Augen hatten sich wieder an das Licht gewöhnt. Sie standen im Wald inmitten einer kleinen Ansammlung geduckter Hütten. Die Wände waren aus Flechtwerk gebaut und mit Lehm verschmiert. Direkt um die Hütten waren Büsche gepflanzt, sodass sie bald vollständig eingewachsen sein würden. Ein seltsames Dorf mitten im Wald, dachte Rimberti. Nur eine Handvoll Männer stand hier mit ihm, Frauen und Kinder sah er nicht.

Der Schwarzhaarige gab dem Bärtigen Rimbertis Packtasche. Umständlich holte der die lederne Schreibmappe hervor und sah konzentriert auf die wenigen Dokumente, die sie enthielt. Darunter war ein Brief des kaiserlichen Staatsrates Christian von Wittenvelde, der ihn im Namen von Königin Maria mit der Reise nach Jever beauftragte.

Der Bärtige war offensichtlich des Lesens kundig, denn er studierte sorgfältig Wittenveldes Brief und die beigelegten Abschriften von Briefen aus Jever. Dann legte er die Papiere aus der Hand und sah Rimberti ins Gesicht. »Ich glaube, wir müssen uns bei Euch entschuldigen, Doktor Rimberti.«

Er verstaute die Unterlagen wieder in der Packtasche und erklärte: »Wir haben allen Grund, misstrauisch zu sein. Überall sind Graf Ennos Männer unterwegs. Sie benehmen sich so, als ob ihnen das Jeverland schon gehörte.«

Rimberti spürte, dass der Bärtige misstrauisch blieb. Offensichtlich handelte es sich bei der Ansammlung von Hütten um das Versteck, von dem vorhin gesprochen worden war. Verbargen sich hier Männer, die von Graf Ennos Leuten gesucht wurden? Wurden hier Waffen und Vorräte für einen Aufstand gegen die ostfriesische Besatzung versteckt?

»Folkert Hedden«, stellte sich der Bärtige vor. »Folkert Hedden aus Grootewarden. Freier Bauer im Jeverland, so, wie die anderen hier es auch noch sind.«

»Noch?«, fragte Rimberti.

»Noch!«, erwiderte Hedden mit Nachdruck. »Graf Ennos Männer haben die Hälfte meiner Kühe und Schweine mitgenommen, weil ich angeblich meine Abgaben nicht bezahlt habe. Sie wollten ein Exempel statuieren. Ich bin Vorsteher und Kirchvogt von Grootewarden und habe meine Abgaben an den Hof von Jever entrichtet. Aber der alte Drost, den Graf Enno eingesetzt hat, hat das verboten. Alle Abgaben soll der ostfriesische Graf bekommen und dafür unser Land beschützen.«

Der Schwarzhaarige, der neben ihnen stand, spuckte aus. »Beschützen? Er nimmt uns aus. Wer seine Abgaben an die Fräulein von Jever gibt, muss dieselben Abgaben noch einmal an Graf Enno zahlen. So wollen die Ostfriesen unsere Fräulein und unser Land ausnehmen.«

»Der neue Drost ist anders«, erklärte Folkert Hedden. »Er bemüht sich, das Land gerecht zu verwalten. Aber für die Kirchspiele in unserer Nachbarschaft hat noch der alte Drost einen Gefolgsmann von Graf Enno eingesetzt, Isko Onninga. Iskos älterer Bruder wird das väterliche Erbe antreten, und nun muss er selbst sich in den Dienst des Grafen begeben. Isko sieht Grootewarden schon als seine eigene Herrschaft: fruchtbares Grünland, Wald mit viel Holz und Wild, sogar ein kleiner Hafen – das ist schon eine Herrlichkeit.«

»Und vor Isko versteckt Ihr …«, begann Rimberti, und hoffte, dass seine Gastgeber den Satz vollenden würden.

»So ist es«, antwortete Hedden kurz. »Genauer wollt Ihr gar nicht wissen, was hier alles verborgen ist. Glaubt mir, so ist es besser für uns und für Euch. Wir werden Euch nun nach Grootewarden geleiten, damit Ihr sicher und gut nach Jever kommt. Vergesst, was Ihr hier gesehen habt. Aber vergesst nicht, was Ihr gehört habt!«

2

Als sie aus dem Wald traten, erblickten sie den aufsteigenden Rauch.

»Isko!«, zischte Folkert Hedden. Er und seine Männer liefen los. Rimberti kletterte auf sein Pferd, das er bisher geführt hatte, und ritt in Richtung Dorf. Zwei Häuser in Grootewarden brannten. Der Rauch wehte durch das Dorf und kündete von Zerstörung und Gewalt. Mehrere bewaffnete Männer standen vor den brennenden Gebäuden und hielten die Dorfbewohner davon ab, das Feuer zu löschen. Inzwischen hatte es sich so ausgebreitet, dass die beiden Häuser nicht mehr zu retten waren.

Rimberti stieg umständlich von seinem Pferd. Da bemerkte er, dass einige Einwohner an den Bewaffneten vorbei drängten. Der Wind hatte gedreht, und die Flammen und Funken bedrohten nun die Nachbarhäuser. Die Leute aus dem Dorf wollten löschen, um ihre Häuser zu retten. Die Soldaten trieben sie zurück.

Als eine Frau einen Bewaffneten zur Seite stieß, gab der ihr einen Hieb mit dem Schaft seiner Hellebarde. Die Frau ging zu Boden. Benommen versuchte sie, wieder aufzustehen, da holte der Soldat erneut aus.

Bisher hatte Rimberti der Szene regungslos zugesehen, unbemerkt von den anderen. Nun packte ihn der Zorn. Das Herz pochte ihm bis zum Hals. Bevor der Soldat ein zweites Mal zuschlagen konnte, stürzte sich Rimberti auf ihn. Der Mann war überrascht von diesem unerwarteten Angriff, und Rimberti warf ihn zu Boden.

Rimberti war kein Kämpfer. Er war noch nicht einmal ein mutiger Mann. Aber der Zorn verlieh ihm so viel Kraft, dass der Soldat sich nicht aus seiner Umklammerung lösen konnte. Mit aller Kraft hielt Rimberti den Mann nieder und entwand ihm die Hellebarde.

Da wurde er von hinten gepackt. Die anderen Soldaten sprangen ihrem Gefährten bei und rissen Rimberti hoch. Zwei hielten ihn fest, die anderen bildeten einen Halbkreis um ihn. Sein Gegner stand vom Boden auf. Er nahm seine Hellebarde und kam grinsend näher.

Im gleichen Moment waren Folkert Hedden und seine Männer zur Stelle und stürzten sich auf die Soldaten. Nach einem kurzen Handgemenge hatten die Männer des Dorfes die Eindringlinge entwaffnet.

»Und was sollen wir mit ihnen machen?«, fragte Hedden.

»Das ist die falsche Frage, Folkert Hedden!« Eine tiefe laute Stimme schnitt durch den Lärm. Im Handgemenge war es unbemerkt geblieben, dass eine Schar bewaffneter Reiter die Dorfbewohner eingekreist hatte.

»Die Frage ist, was wir mit dir machen!« Noch einmal erklang die tiefe Stimme des Anführers. Rimberti hörte, wie die Leute um ihn herum ängstlich den Namen nannten: »Herr Isko.«

Hedden ließ sich nicht einschüchtern. Aufrecht stellte er sich vor den Anführer der Reiterschar. »Isko Onninga, Eure Männer haben unser Dorf überfallen. Sie haben geplündert, sind handgreiflich geworden und haben zwei Häuser in Brand gesteckt. Sich gegen Räuber und Brandschatzer zur Wehr zu setzen, das ist unser gutes friesisches Recht.«

»Was friesisches Recht ist, bestimmt Graf Enno«, erwiderte Isko Onninga.

»Das mag er in seinem Land gern tun, aber wir sind freie Jeverländer. Über uns hat Euer Graf genau so wenig Recht wie Ihr, Onninga.«

»Da täuscht ihr euch gewaltig«, antwortete Isko mit schneidender Stimme. »Graf Enno hat die Schutzherrschaft für euer Land und eure Fräulein übernommen. Darum stehen ihm auch die Abgaben zu. Und wenn ihr nicht kommen und zahlen wollt, dann müssen wir eben kommen und holen, was unserem Grafen zusteht.«

»Wir haben pünktlich unsere Abgaben gezahlt. Ich werde Euch das Schriftstück vorlegen«, sagte Hedden.

»Für mich gilt nur ein Schreiben, das von Graf Ennos Drost oder einem seiner Beauftragten unterzeichnet ist.«

»Wir haben unsere Abgaben in voller Höhe an unsere Fräulein in Jever gezahlt.«

»Graf Enno hat die Fräulein von Jever mitsamt ihrer Herrschaft unter seinen gnädigen und sicheren Schutz genommen. Darum steht ihm die Abgabe zu. Und wenn ihr sie nicht zahlt, dann treiben wir sie ein. Wer uns die Abgabe vorenthält, wird wie ein Dieb behandelt und bestraft. Ich werde ihm und seiner Familie die Habe wegnehmen und sein Haus anzünden. Und ich fange gleich mir dir an, Folkert Hedden.«

»Das steht Euch nicht zu!« Rimberti war erschrocken über die Lautstärke seiner Stimme. Er trat vor, zitternd vor Angst und gleichzeitig fest entschlossen, Onninga in die Schranken zu weisen.

Erst jetzt bemerkte Rimberti den Mann auf dem Pferd neben Onninga. Es war Ulfert Fockena, sein Gefährte, mit dem Rimberti im vorletzten Jahr den Mörder mit der Armbrust gejagt und einen Angriff auf die Insel Bant vereitelt hatte. Fockena sah ihn bedeutungsvoll an, sagte aber nichts und machte auch kein Zeichen des Erkennens. Er wird seine Gründe haben, dachte Rimberti und beließ es dabei.

Isko Onninga musterte Rimberti, der in seiner verdreckten und von der Rauferei unordentlichen Kleidung keine sehr eindrucksvolle Erscheinung abgab.

»Hast du hier auch etwas zu sagen?«, antwortete Isko belustigt. »Ich denke, eine gehörige Tracht Prügel wird dich und Hedden wieder zur Vernunft bringen. Los, schnappt euch die beiden, damit hier Ruhe einkehrt.« Er winkte seinen Leuten zu, die Folkert Hedden und Rimberti umgehend packten.

»Wagt es nicht, Hand an mich legen zu lassen«, erwiderte Rimberti. Er bemühte sich, seine Stimme so fest und klar klingen zu lassen, dass niemand seine Angst bemerkte.

»So, wollt ihr beide mir drohen?«, spottete Isko Onninga. »Ihr jeverländischen Bauern hattet in den letzten Jahren wohl zu viele Freiheiten, dass ihr so aufmüpfig geworden seid. Es wird Zeit, euch unter das Joch zu bringen.«

»Wir sind nicht eure Ochsen, sondern freie Bauern!«, rief Hedden.

»Vielleicht müsst ihr erst einmal die Peitsche spüren, damit ihr wisst, wer ihr seid«, erwiderte Isko hämisch.

»Ihr habt kein Recht, das Dorf auszuplündern, Herr Isko«, wies Rimberti ihn zurecht. »Wenn die Abgaben entrichtet worden sind, dann habt Ihr hier nichts zu schaffen.«

»Bevor die beiden hier die übrige Herde noch widerspenstiger machen, sollten wir sie am nächsten Baum aufknüpfen«, antwortete Isko Onninga kühl. »Wenn jemand von euch sich rührt, werde ich euer ganzes Dorf niedermachen!«

Totenstill war es plötzlich. Die Leute von Grootewarden wussten, dass jede Gegenwehr sinnlos war. Onninga lauerte nur darauf, beim geringsten Anzeichen des Widerstandes seine Drohung wahr zu machen.

»Ich bin hier im Auftrag des kaiserlichen Hofes in Brüssel«, erklärte Rimberti. »Königin Maria hat mich beauftragt, Verhandlungen mit Graf Enno und den Fräulein von Jever zu führen. Die Leute hier im Dorf haben mir nach einem Reitunfall beigestanden. Fügt mir oder jemandem aus dem Dorf einen Schaden zu, so wird es Euch schlecht bekommen, Herr Isko.«

Rimberti sah für einen Augenblick Furcht in Iskos Augen flattern. Isko wandte sich Ulfert Fockena zu. »Was sollen wir mit einem solchen Lügner machen?«

»Ich habe den Mann schon einmal gesehen. Er sagt die Wahrheit. Es ist Doktor Rimberti«, sagte Fockena ruhig. »Er hat vor zwei Jahren die Verhandlungen um den Verkauf von Hillersum geführt.«

»Das Alter hat Euch verweichlicht, Fockena«, erwiderte Isko. »Der Graf wird keinen Aufruhr im Jeverland dulden.«

»Krümmt Ihr ihm ein Haar, so wird Königin Maria Euch für vogelfrei erklären«, brummte Fockena. »Ihre Soldaten werden Eure Burg in Schutt und Asche legen. Was sie dann mit Euch machen, bevor sie Euch hinrichten, wollt Ihr sicher nicht hören, Herr Isko. Um Euch ist es nicht schade, aber Euer Vater ist ein Mann von Ehre.«

Isko Onninga warf Rimberti einen hasserfüllten Blick zu. »Los, Leute«, schnauzte er seine Männer an. »Nehmt alles Vieh mit. Wir holen Graf Ennos Steuern. Leistet jemand Widerstand, zündet sein Haus an.« Er schlug sein Pferd mit der Peitsche und ritt davon.

Hilflos mussten die Leute von Grootewarden mit ansehen, wie Onningas Männer ihre Kühe, Schweine und Schafe davontrieben.

»Ich fürchte, Ihr habt einen Todfeind gewonnen«, sagte Folkert Hedden zu Rimberti. »Isko wird nie vergessen, dass Ihr ihn vor allen Leuten in die Schranken gewiesen habt. Ab jetzt müsst Ihr vorsichtig sein!«

3

Folkert Hedden begleitete Rimberti nach Jever, um bei den Fräulein Maria und Anna Beschwerde über Isko Onninga einzulegen und das Vieh der Dorfbewohner zurückzufordern.

Hoch über den Häusern von Jever erhob sich der wuchtige Turm inmitten der Burg wie ein klobiger, starker Riese, der bereit war, jeden Angreifer niederzuzwingen.

Seit gut 100 Jahren stand die Burg in Jever. Immer wieder hatte sich der Ort mit seiner Herrschaft gegen Nachbarn behaupten müssen. Edo Wiemken, der Vater der beiden Schwestern, hatte die Burg mit dem Turm weiter ausbauen und stärker befestigen lassen. Vor 20 Jahren war er verstorben, und für den minderjährigen Sohn Christoph hatten fünf Häuptlinge des Jeverlandes die Regentschaft übernommen. Aber Junker Christoph war seinem Vater schon nach wenigen Jahren in den Tod gefolgt. Graf Edzard von Ostfriesland hatte die Gelegenheit genutzt und sich zum Beschützer Jevers und der drei Töchter Edo Wiemkens erklärt. Er hatte einen Drosten in Jever eingesetzt und Eheverträge zwischen seinen drei Söhnen und den drei Fräulein geschlossen.

Vor vier Jahren hatten die Ostfriesen dann die Burg besetzt und dort Soldaten stationiert. Graf Edzards Sohn war inzwischen eine vorteilhaftere Ehe mit Anna von Oldenburg eingegangen, und von den Eheversprechen war längst nicht mehr die Rede. Auf Seiten der Ostfriesen war man davon ausgegangen, dass Jever ihnen nun auch ohne Einhaltung des Eheversprechens zufallen würde wie ein reifer Apfel.

Das alles hatte Rimberti schon auf seiner letzten Reise nach Jever in Erfahrung gebracht. Von Folkert Hedden ließ er sich unterwegs erzählen, wie die Ostfriesen Jever inzwischen als ihr eigenes Land behandelten und die Töchter Edo Wiemkens mehr oder weniger gefangen hielten, bis man sie an andere Heiratskandidaten oder in ein Kloster vermittelt hätte.

Folkert Hedden brachte Rimberti zur Burg. Dort war man schon durch Rimbertis Schreiber auf seine Ankunft vorbereitet. Der Drost wurde erst am späten Abend zurückerwartet. Man hatte Rimberti eine Schlafkammer und eine Schreibstube für seine Dienstgeschäfte vorbereitet, während sein Schreiber Kobus Temmen beim Dienstpersonal des Hofes untergebracht war. Rimberti kündigte für den nächsten Vormittag seinen Antrittsbesuch bei den Fräulein Maria und Fräulein Anna und beim Drosten an. Dann zog er sich in seine Kammer zurück.

Rimberti fühlte sich nach den Ereignissen dieses Tages erschöpft. Er setzte sich in einen prächtig geschnitzten Holzstuhl mit Armlehnen und Polstern. Sein Fuß schmerzte, und die Striemen an seinen Handgelenken brannten. Im Kampf mit Iskos Männern hatte er einen großen Bluterguss am rechten Oberschenkel sowie Schürfwunden und blaue Flecke davongetragen. Er würde gleich morgen an den kaiserlichen Hof nach Brüssel schreiben und über Isko Onningas Umtriebe berichten.

Es klopfte. Rimberti erhob sich aus dem Stuhl und ging zur Tür. Er öffnete.

Ein Mann trat ein, groß und kräftig, mit sanften Augen und einem rotbraunen Bart, bekleidet mit einem Lederwams und Reitstiefeln. Er war ganz außer Atem, und es gelang ihm nur mit Mühe, seine Erregung zu unterdrücken. Er schloss die Tür hinter sich.

»Doktor Rimberti, Folkert Hedden war soeben bei mir und hat mir berichtet, was Euch widerfahren ist. Fräulein Anna und Fräulein Maria lassen Euch ihre tief empfundene Anteilnahme an diesem Unglück aussprechen. Bitte teilt das, was Euch widerfahren ist, der Regentin mit. Alles. Schonungslos. Die Königin muss alles erfahren. Morgen werden Euch die Fräulein empfangen. Sie sind sehr verstört über die Ereignisse, die sich hier zugetragen haben. Ich …«

Der Mann zögerte. Er stand unter großer Anspannung. Er setzte noch einmal an: »Ich habe mich noch nicht vorgestellt. Boing von Oldersum. Ich bin der neue Drost. Ich werde morgen auch da sein, wenn Ihr mit den Herrinnen sprecht. Ich hoffe, Ihr bringt gute Nachrichten vom Hof der Statthalterin. Fräulein Maria und Fräulein Anna brauchen jetzt mehr denn je die Unterstützung der Königin. Sonst ist Jever verloren.«

Es klopfte wieder an die Tür, und ein Bediensteter stand im Türrahmen. »Junker Boing, der Bote ist gekommen. Es ist dringend.«

Boing wandte sich an Rimberti. »Verzeiht. Ich möchte nicht unhöflich sein. Aber es hat einen Zwischenfall an der Grenze gegeben. Habt Ihr alles, was Ihr benötigt?«

Rimberti bejahte, und Junker Boing folgte dem Bediensteten. Rimberti überlegte einen Moment, ob er noch seinen Schreiber aufsuchen sollte, um mit ihm die Aufgaben der kommenden Tage zu besprechen. Aber er beschloss, dass es für heute genug war. Er setzte sich wieder. Er glaubte nicht, dass er nach den Ereignissen des Tages schlafen konnte. Nur für einen Moment schloss er die Augen.

Rimberti schreckte hoch. Er musste doch eingeschlafen sein, denn es dämmerte schon der graue Morgen. Er hörte Rufe von unten. Pferdegetrappel.

Rimberti trat ans Fenster. Er konnte noch sehen, wie eine Gruppe von Reitern aufbrach und im Morgennebel verschwand. Er legte sich auf sein Bett, aber nun konnte er nicht mehr einschlafen.

»Der Drost ist schon früh nach Esens aufgebrochen«, teilte Rimbertis Schreiber Kobus mit, während er die mit Honig gesüßte Weizengrütze löffelte. Eigentlich war Rimbertis neuer Schreiber äußerst zurückhaltend und im Gespräch oft einsilbig. Nun fuhr er tatsächlich fort: »Gestern gab es hier großen Ärger. Eine Gruppe von Reitern kam, und der Drost stritt sich mit dem Anführer. Dabei fiel auch Euer Name.«

»Mein Name?«, fragte Rimberti erstaunt.

»Ich konnte nicht alles verstehen«, erklärte Kobus. »Wo wart Ihr eigentlich so lang?«

»Dringende Amtsgeschäfte haben mich aufgehalten«, brummte Rimberti, der seinem Schreiber nicht unbedingt auf die Nase binden wollte, was er gestern erlebt hatte.

Die restliche Zeit der Mahlzeit saßen die beiden schweigend nebeneinander. Rimbertis früherer Schreiber liebte das Plaudern. Aber nach seiner Heirat und der Geburt des ersten Kindes im vergangenen Jahr hatte er die Reisetätigkeit aufgegeben und eine Stelle als Schreiber beim Häuptling von Lütetsburg angenommen, um dort mit seiner Familie zu wohnen.

Sein Nachfolger Kobus hatte sich in den letzten Monaten als würdiger Nachfolger erwiesen. Konzentriert konnte er in kurzer Zeit schwierige Texte entziffern und in sauberer Handschrift kopieren. Viele Schreibarbeiten erledigte er mehr oder weniger selbstständig. Und genauso wie sein Vorgänger übernahm er mit dem Amt des Schreibers auch gewisse Aufgaben eines Dieners. Nur gesprächig war er nicht. So wunderte sich Rimberti, als er plötzlich zum dritten Mal das Wort an ihn richtete.

»Ich glaube, Ihr werdet erwartet«, sagte der Schreiber und deutete auf die Tür. Dort stand ein kräftiger Mann, die dunkelblonden Haupthaare kurz geschnitten und den dichten Vollbart sauber gestutzt. Er war bekleidet mit einer Schaube aus feinem dunklem Stoff, die ihm bis zu den Knien reichte. Er musste etwas älter als Rimberti sein, vielleicht Anfang oder Mitte 40.

Rimberti erhob sich, und der Mann richtete das Wort an ihn: »Verehrter Doktor Rimberti, ich darf Euch im Namen von Fräulein Anna und Fräulein Maria begrüßen. Ich bin Keno Middens von Garssum, einer der Regenten des Jeverlandes und Ratgeber unserer beiden Fräulein. Mein Vater war ein treuer Freund von Edo Wiemken, dem Vater unserer Fräulein. Es ist für uns eine große Ehre und Freude, einen Beamten vom Hof unserer Statthalterin, Königin Maria, empfangen zu dürfen. Die Fräulein erwarten Euch.« Er trat einen Schritt beiseite und gab die Tür frei.

Rimberti überlegte, ob er zuerst in sein Quartier gehen und die Tasche mit den Aufzeichnungen und Abschriften der wichtigen Unterlagen holen sollte. Er entschied aber, sich bei dieser Begegnung nur ein erstes Bild von den Fräulein und von der Situation zu machen. Schweigend folgte er dem Mann durch den Gang, bis sie vor einer Doppeltür standen, die von zwei Soldaten in der Tracht Graf Ennos bewacht wurde. Als sie den Mann und Rimberti sahen, traten sie einen Schritt beiseite.

Der Mann legte seine Hand auf Rimbertis Arm, um ihn zurückzuhalten. »Auf ein Wort noch, Doktor Rimberti. Der Drost musste leider schon vor dem Morgengrauen aufbrechen. Ein Zwischenfall. Er versichert Euch seiner Ehrerbietung und bat mich, an seiner Stelle für Euch zur Verfügung zu stehen.«

Rimberti nickte. »Ich danke Euch.« Er machte Anstalten weiterzugehen, aber der Mann blieb stehen.

»Verzeiht«, richtete er das Wort noch einmal an Rimberti, »die beiden Fräulein sind in Regierungsgeschäften gänzlich unerfahren und dadurch leicht zu ängstigen. Alles, was den Fräulein Sorgen machen könnte, mögt Ihr mit Drost Boing oder mit mir bereden. Beunruhigt bitte die Fräulein nicht zu sehr mit diesen Dingen.«

»Ich verstehe. Aber ich kann nicht alles von den Fräulein fernhalten«, antwortete Rimberti. Er wusste noch nicht, was er von diesem Mann halten sollte.

Einer der Soldaten öffnete die Tür. Rimberti folgte Keno Middens in das Empfangszimmer der Burg; ein großer und heller Raum öffnete sich vor ihm. An einem langen Tisch aus schwerem dunklem Holz saßen die beiden Fräulein auf Lehnstühlen. Rimberti wusste, dass sie wenige Jahre jünger waren als er, aber die eine wirkte älter und blickte aus dem Fenster, während sie mit den Fingern nervös an den Bändern ihrer weißen Haube nestelte. Vor sich hatte sie eine kleine Schale mit gezuckerten Mandeln. Sie drehte sich zu Rimberti, nickte und nahm aus der Schale ein paar Mandeln, die sie sich hastig in den Mund stopfte. Dann sah sie wieder aus dem Fenster.

Ihre Schwester sah aus wie ein großes altkluges Kind. Mit weit geöffneten Augen sah sie Rimberti an, und erst als er ihr ein zweites Mal ins Gesicht sah, bemerkte er die leichte Skepsis in ihrem Blick.

Er verbeugte sich und überbrachte die Grüße von Königin Maria. Nun schoss ihm in den Sinn, dass der Brief der Königin und sein Beglaubigungsschreiben noch auf dem Tisch in seinem Quartier lagen.

Das Fräulein am Fenster nickte gedankenverloren, während ihre Schwester seinen Gruß erwiderte: »Verehrter Doktor Rimberti, die Grüße der Königin sind meiner Schwester Anna und mir genauso willkommen wie Euer Besuch.« Sie räusperte sich und schien nach Worten zu suchen. Ihre Stimme klang angestrengt. Sie bedeutete Rimberti und Middens, auf den beiden freien Stühlen Platz zu nehmen. »Euer Besuch ist nicht nur erfreulich«, setzte sie die Begrüßung fort, »Er war dringend erforderlich.«

»Fräulein Maria, es wird sich alles zum Guten wenden«, wandte Keno Middens ein.

»Ihr hattet eine gute Anreise, Doktor Rimberti?«, fragte Fräulein Maria.

Sicher hatte sie von dem gestrigen Zwischenfall gehört. Rimberti wollte die Männer von Grootewarden nicht gefährden und ihr Versteck im Wald nicht preisgeben. »Ich hatte eine unerfreuliche Begegnung mit Isko Onninga«, erklärte er. »Er wollte das Dorf Grootewarden plündern, und dabei ist es zu Handgreiflichkeiten gekommen. Glücklicherweise konnte einer der Offiziere Graf Ennos das Missverständnis klären, aber Isko hat den Dorfbewohner sämtliches Vieh genommen.«

Marias Augen weiteten sich vor Schreck. Ängstlich sah sie Middens an. »Davon habt Ihr mir nichts berichtet.«

»Kein Grund zur Sorge.« Keno Middens legte seine Hand beruhigend auf ihre. »Isko Onninga ist ein Hitzkopf. Ich habe schon veranlasst, dass er einbehält, was an Steuern gezahlt werden muss, und alles andere den Bewohnern von Grootewarden wieder zurückgibt.«

»In Grootewarden ist man der Meinung, man hätte die Steuern schon bezahlt«, wandte Rimberti ein.

»Alle sind immer der Meinung, sie hätten die Abgaben bezahlt«, erklärte Middens. »Sie schicken ab und zu einen Schlachtochsen in die Burg oder ein Fass mit Salzbutter, zwischendurch dann eine Tonne Bier oder vielleicht eine Wagenladung Brennholz. Und damit haben sie ihrer Meinung nach ihren Teil erfüllt. Das genügt nicht. Unser Land braucht die Abgaben. Junker Balthasar von Esens rüstet zum Krieg. Sein Verbündeter, Herzog Karl von Geldern, stellt ein Expeditionsheer auf, um sich einen friesischen Hafen zu erobern. Im Oldenburgischen tummelt sich ein Haufen von Landsknechten unter dem Kommando von Ewert Owelacker. Sie haben schon drei Gehöfte in Rüstringen geplündert und angezündet. Nur mit knapper Not konnten die Bewohner ihr Leben retten. Allein Graf Ennos Soldaten können dem Einhalt gebieten. Darum brauchen wir die Abgaben und können uns nicht mit gelegentlichen Aufmerksamkeiten zufriedengeben.«

Maria wollte etwas einwenden, aber Middens deutete ein Kopfschütteln an. Maria behielt ihren Einwurf für sich.

»Das entschuldigt nicht Iskos beleidigendes Verhalten gegenüber einem Beamten des kaiserlichen Hofes in Brüssel«, erklärte Keno Middens. »Der Drost hat ihn gestern dafür zur Rechenschaft gezogen. Isko Onninga entschuldigt sich für sein grobes Benehmen. Der Drost hat ihn mit seinen Männern zurück nach Ostfriesland geschickt. Damit ist alles in Ordnung.«

Rimberti zögerte. Wollte er Folkert Hedden und seine Männer nicht in Gefahr bringen, durfte er nicht von den Einzelheiten seiner verzögerten Reise berichten.

Er sah die beiden Schwestern an. »Fräulein Anna, Fräulein Maria, Ihr habt an die Königin appelliert. Ich bin hier, um zu prüfen, ob Graf Ennos Schutzherrschaft über Jever und seine Ansprüche auf die Regentschaft zu Recht bestehen. Ferner muss ich mir ein Bild von den Eheversprechen machen, die Euer Vater Graf Edzard gemacht hat. Mit Eurer Erlaubnis werde ich in Eurer Kanzlei alle Dokumente und Urkunden studieren. Königin Maria hat den Staatsrat von Wittenvelde mit den Angelegenheiten beauftragt. Der Staatsrat will umfassend informiert werden und erwartet meinen Bericht. Sofern es ihm möglich ist, wird er noch in diesem Jahr hier eintreffen. Darum ist es vermutlich unerlässlich, Personen zu befragen und mir vor Ort einen Einblick in die Verhältnisse in Eurer Herrschaft zu verschaffen. Dazu brauche ich Eure Erlaubnis.«

»Der Drost wird Euch im Namen Graf Ennos eine solche Genehmigung ausstellen«, stellte Keno Middens fest. »Ihr werdet feststellen, dass die freundschaftliche Umarmung durch die ostfriesischen Grafen in den vergangenen Monaten vielleicht etwas bedrückend gewesen sein mag, aber unsere Heimat ist in großer Gefahr. Das Jeverland ist wohlhabend genug, um sich Freunde zu machen. Aber es ist zu klein, um sich seiner Feinde zu erwehren. Solche unschönen Zwischenfälle wie der in Grootewarden dürft Ihr nicht überbewerten. Anders führen sich auch viele Beamte nicht auf, die in ihrem eigenen Land für den Fürsten die Abgaben einfordern. Isko wird sich in Zukunft zurückhalten. Es wäre jedoch schade, wenn die Erwähnung dieses Vorfalls ein ungünstiges Licht auf die Regentschaft unserer Fräulein würfe.«

Fräulein Maria sah Rimberti für einen Moment an und schlug dann die Augen nieder. Sie betrachtete ihre gefalteten Hände. Vom Hof waren Pferdegetrappel und laute Stimmen zu hören.

Middens erhob sich und trat ans Fenster. Er sah eine Weile nach unten und drehte sich wieder um. »Vielleicht können wir unsere Erörterungen ein anderes Mal fortsetzen. Mit Eurer Erlaubnis will ich nachsehen, was los ist.«

Bevor Middens den Raum verlassen konnte, wurde die Tür geöffnet, und ein verschwitzter Mann mit verschmutzen Kleidern stolperte hinein. »Grootewarden …«, stieß er hervor, »sie waren in Grootewarden.«

»Wer war in Grootewarden?«, herrschte Keno Middens ihn an. »Sprich nicht in Rätseln, erstatte deiner Herrin Bericht!«

»Ewert Owelacker und seine Landsknechte sind über Grootewarden hergefallen.«

Keno Middens verschränkte die Arme vor der Brust und sah Rimberti mit einem vorwurfsvollen Blick an. »Hätten wir Herrn Isko und seine Männer nicht fortgeschickt, so hätten sie diesen Überfall abgewehrt.«

4

Rimberti stand vor der rußgeschwärzten Ruine, die einmal ein stattliches Bauernhaus mit großem Scheunenanbau gewesen war. An der Stelle der Nebengebäude waren nur noch verkohlte Holzreste zu sehen, die trübsinnig vor sich hin qualmten. Ewert Owelacker und seine Männer hatten ganze Arbeit geleistet. Noch schlimmer. Vor dem Hof hatte man die Leichen von zwei Knechten gefunden. Sie waren so töricht gewesen umzukehren und ihre wenige Habe retten zu wollen.

Zornig und ohnmächtig fühlte sich Rimberti. Er sah sich um. Warmes und helles Sonnenlicht schien auf das weite Land. Leuchtend gelbe Getreidefelder, Wiesen und Weiden in sattem Grün, und darin ein qualmender, rußiger Haufen. Das war die Welt, die Gott geschaffen hatte, und mitten darin befand sich, was die Menschen schufen: Mord und Zerstörung.

Ein Offizier und Keno Middens standen abseits und sprachen mit dem Bauern. Zur Sicherheit hatten sie bewaffnete Reiter mitgebracht, obwohl nicht damit zu rechnen war, dass Owelacker und seine Männer noch einmal an diesen verwüsteten Ort zurückkehren würden.

Rimberti hatte seine Zweifel, ob Isko Onninga und seine Männer wirklich bereit gewesen wären, gegen die Landsknechte zu kämpfen. Ein Mann kam auf sie zu. Folkert Hedden.

»Wir waren bereit, als sie kamen«, sagte er. »Wir haben Tag und Nacht jemanden auf dem Kirchturm postiert. Gut zwei Dutzend Mann kamen. Sie dachten, sie kämen in ein leeres Dorf, dessen Einwohner davongelaufen wären, und dann schlugen wir los. Wir waren doppelt so viele wie sie, und wir haben sie völlig überrumpelt. Fünf von uns sind verletzt worden, einer wird es vielleicht nicht überleben. Dafür haben wir acht von ihnen erschlagen, und drei Verletzte mussten sie zurücklassen. Aber hier konnten wir nichts mehr tun. Bartels Hof ging in Flammen auf, und die beiden Knechte hier wollten ihre Sachen retten. Wir konnten sie nicht aufhalten. Und als Owelackers Männer vertrieben waren, war es zu spät. Wir konnten das Feuer nicht mehr löschen, und die beiden fanden wir hier tot. Wir werden alle helfen, wenn hier wieder aufgebaut wird. Das ist das Mindeste.«

Hedden zeigte mit der Hand in die Ferne. »Steffens und seine Familie auf dem Hof da draußen haben nicht so viel Glück gehabt. Er wollte ihnen nicht verraten, wo er sein Geld versteckt hat. Ihn und seine Frau haben sie umgebracht, nur die Kinder ließen sie am Leben.«

Hedden ballte die Faust, bis sie weiß wurde. »Ich weiß, was ich mit den drei Gefangenen machen werde. Ihre Köpfe werde ich in der Brandruine aufspießen.«

»Das werdet Ihr nicht tun«, brummte plötzlich eine Bassstimme. Sie drehten sich um. Häuptling Fockena stand hinter ihnen.

»Daran werdet Ihr uns nicht hindern«, erwiderte Hedden.

»Und wie ich das werde«, antwortete Fockena angriffslustig. »Gleich neben den drei Halunken werde ich persönlich noch einen vierten Pfahl aufstellen. Und ratet mal, welches hübsche Köpfchen dort aufgespießt wird. Aber bitte lasst Euch vorher noch Euren Bart stutzen.«

Hedden wollte sich auf den Häuptling stürzen, aber er sah plötzlich einen Dolch auf sich gerichtet. »Der gefällt mir gut, der Mann hier«, sagte Fockena gut gelaunt und wandte sich an Rimberti. »Der ist mir vorgestern schon aufgefallen. Es war übrigens klug von Euch, unsere Bekanntschaft verborgen zu halten. So war es mir ein wenig leichter, wieder einmal Euer Leben zu retten, mein lieber Rimberti.«

»Ihr kennt …?«, stieß Hedden hervor.

»Sehr gut sogar«, antwortete Rimberti. »Ihm würde ich mein Leben blind anvertrauen, und das Eure noch gleich mit dazu.«

Fockena grinste Hedden an.

»Frieden?«, fragte er und steckte den Dolch wieder weg. Hedden nickte. »Ich gönne Euch die Rache gern, aber lebendig nützen uns die drei vielleicht mehr. Wir wissen nicht, wo die Landsknechte ihr Lager haben. Dies wird nicht der letzte Überfall gewesen sein. Ich gratuliere Euch übrigens zu Eurem Sieg, Hedden. Viel besser hätte ich das vermutlich auch nicht hinbekommen. Wie viele Leute hatte Owelacker bei sich? Was schätzt Ihr?«

»Es waren etwa zwei Dutzend, jetzt natürlich weniger«, antwortete Hedden.

»Keine Sorge, die wachsen von selbst wieder nach. Bestimmt waren nicht alle dabei. Es ist das erste Mal, dass Owelacker mit seinen Männern ein Dorf überfallen wollte.«

»Es wird ihm eine Lehre sein«, erwiderte Hedden.