Marianne auf Fahrt - Klaus-Peter Amberger - E-Book

Marianne auf Fahrt E-Book

Klaus-Peter Amberger

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Beschreibung

Bei Marianne auf Fahrt handelt es sich um einen persönlichen Reisebericht. Klaus-Peter Amberger reiste zu Schiff auf Flüssen, Kanälen und dem schwarzen Meer. Er streifte oder durchquerte zehn europäische Länder und gibt dem Leser Einblick in den Alltag auf dem Motorsegler Marianne. Die Stärken und Zicken des Schiffes, die Besonderheiten der Einheimischen und die Eigenheiten der Besatzung werden beschrieben. Geschichtsträchtige Orte, die der Autor besuchte, geben Anlass zum Rückblick in die alte und neuere Geschichte Europas. Es entstehen Verbindungen zu Aktuellem und hie und da eine persönliche Rückschau.

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Seitenzahl: 430

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über den Autor

Klaus-Peter Amberger

Ich bin im Jahr 1951 geboren. Nach der Schule, vorwiegend in Karlsruhe, habe ich in München und an der Kansas State University in den USA Tiermedizin studiert. Im Anschluss an die Promotion und einer drei jährigen Assistentenzeit an der Tierklinik der Ludwig-Maximilians-Universität und einer Münchner Pferdeklinik habe ich mich zusammen mit meiner Frau 1981 in Horb am Neckar am Schwarzwaldrand in eigener Praxis nieder gelassen. Nach über sechsunddreißig Jahren haben wir die Praxis 2017 an einen jungen Kollegen übergeben.

Seit 2015 bin ich mit meinem Schiff Marianne etappenweise auf Flüssen, Kanälen und schließlich im Schwarzen Meer und Mittelmeer unterwegs. Ich bin nie alleine an Bord. Meine Familie oder Freunde begleiten mich. Wenn wir zu dritt an Bord sind, das gefällt mir am besten.

Die Aufzeichnungen, die während der Reise entstanden sind, habe ich seit dem Winter und Frühjahr 2020 und im Winterhalbjahr 2021/22 zu einem Reisebericht zusammengestellt. Dessen erster Teil, vom Bodensee zum Bosporus, die Reisejahre 2015 bis 2018, liegt nun vor mir.

Während der Arbeit an diesem Buch, der Niederschrift der Erlebnisse und Gedanken, habe ich die Reise mit großer Freude nacherlebt. Die Lockdown-Zeiten in der Coronapandemie und die segelfreien Wintermonate habe ich auf diese Weise schadlos überstanden. Ich habe mir vielmehr mit diesem Buch einen Wunsch erfüllt.

Die Reise

„Niemand darf zu Schaden kommen.“ Das ist mein oberstes Gebot auf dieser Reise.

Im August 2015 ist es so weit. Das Schiff schwimmt im Bodensee und bald im Neckar, dem Ausgangspunkt der Reise. Die Reisepläne für die nächsten Jahre sind geschmiedet. Es kann losgehen. Jetzt, im Jahr 2021, in dem ich das schreibe, bin ich mit Marianne in der griechischen Ägäis. Das Schiff ist aufgebockt im Winterlager, in einem sogenannten „boatyard“ auf der Insel Euböa. Die Flussreise, das Schwarze Meer, der Bosporus, das Marmarameer, die Dardanellen, die türkische Ägäis und etliche griechische Inseln der Dodekanes und des Ikarischen Meeres liegen bereits im Kielwasser.

Es gibt viel zu erzählen. Geschichten und Geschichte entlang der Flüsse und der Ufer der Meere. Von Streifzügen, zufälligen Begegnungen, Überraschungen, Erlebnissen, Pannen und Pleiten. Von Menschen auf dieser Fahrt und von vielen helfenden Händen, die ich nicht vergessen werde. Vom täglichen Leben und der Lebenswirklichkeit der Menschen entlang der Reiseroute. Von Landschaften, Tieren und Pflanzen. Zudem ent wickelte sich die Reise zusehends zu einer Reise durch die europäische Geschichte, die europäische Kultur und zu einer kulinarischen Rundschau.

Die Wasserstraßen sind mein Weg, den ich im eigenen Tempo entlangbummle. Ich nehme mir Zeit. Ein Ziel, das es zu einem bestimmten Datum zu erreichen gilt, gibt es nicht.

Es gibt unglaublich viel zu entdecken. Der Weg führte meine wechselnden Mitreisenden und mich, vor allem auch meine Familie, durch Mitteleuropa, durch Ost-Mitteleuropa, dem Fluss der Donau folgend durch verschiedene Balkanstaaten, entlang der Schwarzmeerküste in die Türkei bis zum Bosporus und weiter. Wir bereisten viele Regionen verschiedener Identitäten. Und eines habe ich verstanden: Wir West- und Mitteleuropäer sind ohne die Menschen aus dem östlichen Mitteleuropa, dem Balkan und den vergangenen und gegenwärtigen Zivilisationen rund ums Mittelmeer nicht denkbar.

Kein Mensch steht für sich alleine. Niemand fängt bei seiner Geburt am Punkt null an. Wir alle sind tief in der Vergangenheit verstrickt. Im Guten wie im Schlechten, und wir gehören zusammen.

Diese Art zu reisen ist nicht jedermanns Sache. Ich bin nicht auf der Suche nach Abenteuern, sondern nach dem Unbekannten, dem für mich Neuen. Jetzt höre ich es schon: „Ja, ich würde ja auch gerne reisen. Wenn ich nur Geld und Zeit hätte.“ Wenn man es will, dann geht’s.

Reise- und Abenteuerlust, Neugier, Vertrauen ins Leben, Selbstvertrauen, gepaart mit gesunder Vorsicht bezüglich des Machbaren, sind und waren wohl die Antriebsfedern in meinem Leben. Eine Portion Sturheit, besser Stetigkeit, nicht zu vergessen.

Vielleicht ist es in gewisser Weise auch meine Art, nach dem Sinn des Lebens zu suchen.

Inhaltsverzeichnis

Marianne auf Fahrt 2015 / Kapitel 1–5

1

Wie es dazu kam

2

Schiffs-Umtaufe

3

Leinen los

4

Der Neckar

5

Der Rhein und der Main

Marianne auf Fahrt 2016 / Kapitel 6–8

6

Der Main

7

Der Main-Donau-Kanal

8

Die Donau (Kelheim bis Schlögen)

Marianne auf Fahrt 2017 / Kapitel 9–13

9

Die Donau (Schlögen bis Wien)

10

Die Donau (Wien bis Budapest)

11

Die Donau (Budapest bis Stari Slankamen)

12

Die Donau (Stari Slankamen bis Russe)

13

Die Donau (Russe bis Constantza)

Marianne auf Fahrt 2018 / Kapitel 14 und 15

14

Das Schwarze Meer (Eforie Nord und Constantza)

15

Das Schwarze Meer (Eforie Nord bis Istanbul)

KAPITEL 1

Wie es dazu kam

Mein Vater war ungeduldig. Er sah sich gerne als er fahrenen Praktiker. „Learning by doing.“ Für das Studium der Gebrauchsanweisungen, für theoretisches Wissen und Know-how, war hinterher Zeit. Nachdem das Malheur passiert war. Mein Vater segelte, weil er das wollte, und nicht, weil er es konnte. So hat er’s uns, meinem Bruder und mir, beigebracht.

Gesegelt wurde bei uns unfreiwillig. Der Zweitakter-Außenbordmotor war immer gerade im Streik, wenn man ihn gebraucht hätte. Unser Schlauchboot wurde nach langer Motorleidensgeschichte mit zwei Seitenschwertern, einem Mast und einem Ruder aufgerüstet. Ab sofort sollte gesegelt werden. Schluss mit dem unwürdigen Paddeln und dem dauernden Ärger mit dem Motor. Mein schwer behinderter, übergewichtiger Vater kam mit nur einem Bein und zwei Krücken irgendwie aufs Boot, während meine Mutter, mein Bruder und ich, wir Hilfsmatrosen, versuchten, das Ganze auszu tarieren. Dann wurde abgelegt. Die schwimmende Konstruktion hielt den Kurs nur vor dem Wind, aufkreuzen war unmöglich. Paddeln war deshalb häufig alternativlos. Aber ein Paddel-Segel- Motorboot war nicht das, was mein Vater sich vorgestellt hatte. Die Ära Schlauchboot wurde beendet.

Das nächste Schifflein war eine niederbordige Holzjolle namens Koralle. Sie hatte ihren Platz auf dem Autodach und begleitete uns nebst Wohnwagen und Zelt in den Urlaub. Auch die Koralle blieb hinter den Erwartungen zurück. Das dritte Boot, eine kleine Französin mit Namen Musard („Müßiggänger“ oder „Bummler“ auf Deutsch), das dann auch über vierzig Jahre in der Familie blieb, war eine 4 Meter lange GFK(glasfaserverstärkter Kunststoff)-Jolle mit durchgestecktem Mast, Fock (Vorsegel) und Großsegel, einer Lenzschraube und – aus gutem Grund – Auftriebskörpern im Bug und in den Sitzbänken. Es war quasi unsinkbar. Gesegelt wurde auf verschiedenen Altrheinarmen und Baggerseen, an denen wir die Sommertage mit Wohnwagen, Zelt, Boot und vielen Schnaken beim Wildcamping genossen. So entkamen wir der sommerlichen Hitze in der steinernen, glühenden Innenstadt von Karlsruhe. Bei uns hieß das nicht segeln, sondern „Schiffle fahre“. Was dem besser entsprach.

Zurück zur Koralle. Die Koralle durfte mit ans Meer in Urlaub fahren. Zumindest bis zum Seenotfall vor der französischen Mittelmeerküste, als das niederbordige Boot vollschlug. Ernsthaftem Wellengang, wie am Meer selbst bei Schwachwind üblich, waren weder Boot noch Kapitän oder Crew gewachsen. Leerschöpfen entwickelte sich zur Sisyphusarbeit. Es ging einfach nicht. Immer wieder stieg eine Welle ein und machte die Erfolge zunichte. Mein Bruder und mein Vater wurden von der Küstenwache nebst Rigg abgeborgen, oder man kann auch sagen: gerettet. Der vollgeschlagene Schiffsrumpf ließ sich selbst von den beachtlich motorisierten Schlauchbooten der Küstenwache nicht abschleppen. Er bewegte sich kein bisschen in die gewünschte Richtung. Aufgegeben trieb der Schiffsrumpf ab. Schließlich nahm ein Fischerboot die weit abgetriebene Prise (herrenloses Treibgut oder Strandgut) an den Haken und ließ sich die Beute wieder abkaufen. Mein Vater verhandelte den Preis eine halbe Nacht lang bei Rotwein und Kerzenlicht vor unserem Wohnwagen mit dem Fischer, bis der zu zahlende Betrag mit seinem kargen Beamtengehalt kompatibel war.

Auch mit dem „Müßiggänger“ war im Tegernsee in Oberbayern eine Rettungsaktion angesagt. Mein Vater war über Bord gegangen. Mit Windjacke, schwerer Cordhose und Strohhut angetan. „Eine Rettungsweste, wenn es nicht stürmt? Blödsinn, ist doch unbequem und behindert.“ Er saß Zeitung lesend und dösend bei spätsommerlicher Sonne und Flaute im Boot. Eine Bö sorgte für unerwartete Krängung (Schräglage), und schon war es passiert. Zu allem Unglück hatte sich mein Vater mit seinem Bein in den Fallen und Schoten verfangen. „Das war knapp“, ließ er immerhin nach der geglückten Rettung verlauten.

Wir sind unentwegt gesegelt, haben gewendet, Halsen (Manöver zur Kursänderung, bei denen das Segelschiff mit dem Heck durch den Wind geht) waren unbeabsichtigte sogenannte „Patenthalsen“. „Achtung, Baum kommt!“ Da war es meistens schon geschehen. Einer von uns Matrosen hatte wieder eine Beule am Kopf. Die Anlegemanöver mit unserem kleinen, leichten Boot waren händisch und mit Bootshaken zu bewerkstelligen. Spektakulär waren dagegen mit unter die Anleger mit großen, schweren Holzjollen, wie wir sie über mehrere Jahre hinweg in den Loosdrechtse Plassen bei Utrecht in Holland in den Pfingstferien mieteten. Holz splitterte, und Betonbrocken flogen durch die Luft, bis das schwere Holzboot am Steg zur Ruhe kam. Wir boten den Holländern auf der voll besetzten Caféterrasse Hafenkino vom Feinsten. Ich, ein Jüngling in der Pubertät, empfand unsere Familienauftritte als „oberpeinlich“, würde man heute sagen. Damals wurde ich noch nicht zum Segelenthusiasten.

Den zweiten Anlauf nahm ich während meines Tiermedizinstudiums. Nach bestandenem Physikum – hier wird die Spreu vom Weizen getrennt – schenkten mir meine Eltern zur Belohnung einen einwöchigen Segelkurs am Tegernsee. Familienurlaub. Meine Eltern waren hier in Kur, mein Bruder mit seiner Familie und ich waren in einer Pension untergebracht. Von den gerade durchgemachten Physikumsprüfungen und den notwendigen nächtlichen Sonderschichten am Schreibtisch war ich noch fix und fertig. Nach einer Woche Flautekurs war die A-Schein-Prüfung bestanden. Ich glaube, der Prüfer schrieb mir einige Punkte meines Bruders in der schriftlichen Theorieprüfung gut. Auch danach war ich noch kein Segelenthusiast.

Trotzdem. Ich weiß nicht, welcher Teufel mich ritt. Ich buchte in den darauffolgenden Weihnachtsferien einen Zehn-Tage-Törn im Mittelmeer. Genua, Monaco, Korsika, Calvi, Elba, Capraia, Genua. Wir waren eine kleine Flotte von drei Yachten. Ein Skipper pro Yacht und drei bis vier Mitsegler. Im Winter, über Silvester, war der Törn im Mittelmeer billiger als im Sommer. Ein schlagendes Argument. Ich dachte mir nichts dabei, bis jemand in schwarzer Nacht bei Starkwind zwischen Monaco und Korsika die Vorsegel wechseln musste. Der Jemand war selbstverständlich ich. Von der Genua (vergrößertes Vorsegel) zur Fock (normal großes Vor segel) und letztendlich zur Sturmfock (kleines, robustes Vorsegel). Bis die Segel mit Stagreitern am Vorderliek (Karabinerhaken entlang des Segelvorderrands) ge wechselt waren, tauchte der Bug in jedem Wellental mit mir unter. Mit klammen und steifen Fingern, patschnass bis auf die Unterhose und frierend, war das eine Zitter partie. Bei einer dieser Aktionen brach ich mir das Nasenbein. Der mitsegelnde Arzt schaute sich tags darauf die Sache an und meinte: „Da machen wir nichts, da ist nichts verschoben.“ Wahrscheinlich fiel ihm in dem blauen, geschwollenen Gesicht wirklich nichts auf. Seither bekomme ich durch den rechten Nasengang nur wenig Luft, und auf dem rechten Ohr höre ich auch nicht mehr so gut. Im Laufe dieser Nacht bekam die neue, von meinem Bruder ausgeliehene Spiegelreflexkamera Seewasser ab. Der Schaden war total. Bedenke ich diese Kollateralschäden, so war dieser Winter-Segeltörn unter dem Strich vielleicht doch kein Schnäppchen.

Unterbrochen von kleinen Segelepisoden mit unserer Familienjolle Musard, ruhte meine dünne Segelleidenschaft fast dreißig Jahre. Mit Joggen, Hochtouren in den Schweizer und Französischen Alpen und in Afrika, Skifahren und Arbeiten, Arbeiten und nochmals Arbeiten tobte ich mich aus. Die seltenen Familien urlaube waren nur kurz. Im Alter von fünfzig Jahren, nach fünf schmerzhaften Arthrose jahren, brauchte ich einen Hüftgelenksersatz und einen Plan B. Joggen und Skifahren waren auch im Falle einer gelungenen Operation strikt untersagt. Die Alternative könnte Segeln sein, dachte ich laut vor mich hin. Meine Frau hat immer gute Ideen und packt die Dinge an. Zu Weihnachten schenkte sie mir einen Segelkurs. Das Ziel war das Bodenseeschifferpatent. Die Theorie fand in unserer Heimatstadt in den Wintermonaten statt, die praktische Ausbildung war ab dem Frühling auf dem Bodensee. Der A-Schein von anno dazumal war verschollen. Das war auch besser so. Ich wollte endlich von der Pike auf segeln lernen. Diesmal richtig. „Lege artis“, wie der Mediziner sagt. Auf das Bodensees chifferpatent folgten der Sportbootführerschein Binnen und See, dann der Sportküstenschifferschein und die beiden UKW-Funkscheine für Binnen und See (UBI und SRC) sowie Skippertörns auf der Ostsee und im Mittelmeer.

Ich konzentrierte mich mit unserer Yacht Gisela zunächst auf das „schwäbische Meer“, den Bodensee vor unserer Haustür. Das Problem am Bodensee war und ist eindeutig der Liegeplatz. Das ist sozusagen der Flaschenhals. Mein Freund Wolfgang hatte ein Boot am See und einen Liegeplatz. „Du, Wolfgang, ihr habt doch ein Boot am Bodensee. Wie seid ihr denn zum Liegeplatz gekommen?“ Es folgte ein längerer Diskurs über Familientraditionen, Leidenschaft über Generationen, Onkel, Erbschaft und die natürlichen Entwicklungen. „Aber ich, ohne Onkel, ohne die Weiterführung von Familientraditionen über Generationen und die natürliche Fortentwicklung eines Vertrags- und Vertrauensverhältnisses, wie soll ich denn zu einem Liegeplatz kommen?“ „Klaus, du hast kein Schiff, aber du willst ein Schiff. Lass dein Schiff auf der Werft am See bauen, dann kriegst du auch einen Liegeplatz.“ Seit mehr als einem Jahrzehnt liegen Gisela und Wolfgangs Gisi einträchtig nebeneinander im Bodenseewasser. Wir unternahmen mit unserer Yacht Gisela Halbtages- und Tagesfahrten, Wochenend- und Wochentörns und nahmen bald auch an Segelregatten teil. Regattamäßig war ich mit meiner Familiencrew und der immer aufs Neue zusammengestellten wechselnden Mannschaft einige Jahre durchaus erfolgreich in Giselas Bootsklasse auf dem Bodensee unterwegs. Die Aufrüstung, sprich Investitionen, mit Carbonmast und Laminatbesegelung stand an, um regattamäßig weiter mithalten zu können. Ich scheute die Investitionen, zu denen mich meine Mitsegler drängten. Das Segeln auf dem Bodensee ist wunderschön, hat aber seine Grenzen. Und ich wollte mehr.

Mein sechzigster Geburtstag war ohne viel Gedöns bereits vorüber. Das Alter kommt nicht plötzlich. Es schleicht sich an, allmählich, unwiderruflich und unumkehrbar. Wie jeder Mensch, so wusste auch ich, dass das Leben zeitlich begrenzt ist. Klar, mit sechzig liegen „bei guter Führung“ und nüchterner Betrachtung im Durchschnitt noch zwanzig Jahre vor mir. Auch Konfuzius’ „Der Weg ist das Ziel!“ hilft nicht mehr weiter. Das Ziel kommt in Sicht, und die Zeit läuft davon. Das Leben ist nun mal endlich. Das weiß jedes Kind. Plötzlich begriff ich, was ich schon lange wusste, und es betrifft mich plötzlich ganz persönlich. Und jetzt auch noch „die nachberufliche Lebensphase“ – was für ein bitteres Wort für Menschen, die ihren Beruf lieben und mit ihm verwachsen sind. Sie kommt trotzdem auf mich zu. Ist „die Rente“ ein Konzept für mich? Ist „die Rente“ nur erzwungene, positiv gesehen: privilegierte, Arbeitslosigkeit? Oder bedeutet „die Rente“ auch Zeit für Neues? Neugierig bin ich noch. Ein Ziel oder jetzt doch die Reise, die Konfuzius meint, habe ich mir gesucht und versucht, meine Frau, meine Familie und Freunde mitzunehmen. Sie sind dabei. Marianne auf Fahrt.

KAPITEL 2

Schiffs-Umtaufe

Der Morgen des 18. Juli 2015 ist bewölkt. Es regnet. Im Wilhelm-Wagner-Hafen in Bodman am Überlinger See laufen die letzten Vorbereitungen für den großen Tag. Das stolze Schiff wird festlich geschmückt. Es ist über die Toppen geflaggt. Großartig bunt flattern die Fähnchen, also das Flaggenalphabet, im Wind. Schön wär’s! Triefnasse Lappen hängen wie an einer Wäscheleine vom Heck über die Mastspitze bis zum Bugspriet.

Heute wird THECHDI umgetauft. Der Name THECHDI setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Stocker-Familienmitglieder zusammen. Das ist ein ganz persönlicher Kunstname. Den übernimmt man nicht beim Eignerwechsel. Damit auch jeder versteht, von was ich rede: Vor rund eineinhalb Jahren habe ich THECHDI, eine Colin-Archer-Stahlyacht, dem Herrn Stocker abgekauft. Herr Stocker hat sehr viel Eigenleistung beim Schiffsbau erbracht. Schon beim Bau der Schiffsschale in einer holländischen Werft war er dabei, und er hat sicher nicht nur zugeschaut. Den Stahlkasko hat er dann über mehrere Jahre in seinem Garten im Allgäu ausgebaut. Er hat jede Schraube selbst eingedreht und kennt jedes Kabel dieses Schiffs beim Namen. Da steckt viel Herzblut drin. Und trotzdem.

Die Namensfindung unsererseits ist nicht schwierig. Gisela, unser Bodenseeboot, trägt den Vornamen meiner Frau. Klar. THECHDI wird in Marianne umgetauft. Der zweite Vorname meiner Frau, und für dieses Schiff ist er sehr passend. Ich liebe sie beide. Gisela ist die Flinke, die sich gerne in die Kurve legt, wendefreudig und auch für einen Sonnenschuss zu haben, wenn der Kapitän nicht aufpasst. Marianne ist die Stabile, die Gutmütige, die Wind und Wetter abkann. Ein robustes, gemütliches, ein stäbiges Segelschiff.

„Wenn die anderen in den Hafen kommen, fahre ich raus.“ Originalton von Herrn Stocker, dem Bootsbauer und Vorbesitzer. Mit 7 Tonnen auf knapp 10 Meter Länge ist das Schiff nicht für Leichtwind gebaut.

Trotzdem, ein Schiffsname will gut überlegt sein. Am Schluss kommt man auf den Anfang zurück. Wie so oft. Bis dahin ist es aber mitunter ein langer Weg. Insbesondere, wenn Familie, Freunde und Bekannte mit mischen. Von Freiheit über Sonnenwind, Knuddl, Traumschiff, Fat Cat, Lazy Days, My Way, Gin Fizz, Blind Date, La Rêve, Kairos (zu Deutsch: „Leben in Fülle“) bis zu vulgären Schiffsnamen ist fast alles vertreten.

Schiffsnamen wählt man letztendlich so, dass für die Eigner im Schiffsnamen eine Bedeutung enthalten ist. Und der Schiffsname sollte weiblich sein. Selbst wenn er männlich oder sächlich ist, wird der weibliche Artikel vorangestellt. Z. B. DIE Bismarck. In Zukunft vielleicht m/w/d Bismarck. Warum weiblich? Es gibt viele Theorien. Schiffe sind schön wie Frauen, sind eine Symphonie der Kurven, sind mitunter launisch und kosten mehr, als man sich träumen lässt. Das ist ein kleiner, nicht repräsentativer Ausschnitt. Ich denke, es liegt auch daran, dass die Schiffsmannschaften rein männlich waren und es vielfach auch heute noch sind. Die Sehnsucht nach dem Weiblichen hat dazu geführt, dem wenigstens im Schiffsnamen Ausdruck zu verleihen.

Das Schiff ist wunderschön, und auf dem tiefgrünen Rumpf strahlt in weißen Lettern sein Name. Marianne. Noch ist er verhüllt.

Die Taufe

Die Umbenennung eines Schiffs ist eine heikle Angelegenheit. Ohne Poseidon, Neptun oder Rasmus im germanischen Norden geht da gar nichts. Erst muss der alte Name verschwinden, ohne dass jemand ganz oben, sozusagen im Olymp, beleidigt wird. Am wenigsten dürfen Götter verärgert werden. Danach wird das Schiff neu getauft, mit allem, was dazugehört. Alkoholisches ist in der christlichen Seefahrt selbstverständlich dabei. Wie machen das die Moslems? Sicher nicht mit Champagner oder Sekt. Oder doch seit Atatürk mit Raki? Nein. Die haben was viel Besseres: Wasser aus dem heiligen Brunnen Zamzam in Mekka.

Es ist sehr günstig und sicherer, wenn man nebst Gattin als Schiffspatin und Namensgeberin zusätzlich eine hochgestellte Persönlichkeit für diese Zeremonie anheuern kann. Einen Zeremonienmeister. Mit Neptun selbst kann nichts schiefgehen. Ich bin nicht abergläubisch, eher Agnostiker, aber in diesem Fall sollte man auf Nummer sicher gehen. Spitze wäre es, wenn erst Neptun sein Werk verrichtet, und obendrauf vielleicht noch ein paar Spritzer Weihwasser? Pfarrer haben ja heute keine Zeit mehr für solchen Mummenschanz. Schade.

Das Büffet für nachher, also nach der Taufe, ist längst bestellt, Wein und Sekt stehen kalt, das Bierfass wurde schon tags zuvor geliefert, damit sich der Inhalt wieder beruhigt. Der Sonnenschein ist auch bestellt, aber vorerst, um es spannend zu machen, regnet es. Ein warmer Regen. Der Mittag ist überschritten. Gefühlt nimmt der Regen ab. Zeus, Chef der olympischen Götter, zuständig für alles Mögliche, aber auch für das Wetter, hat auf die Uhr geschaut und den Regen samt Wolken weggeschickt. Oder war’s doch Jupiter, der römische Zeus, oder gar Petrus, der für christliches Wetter zuständig ist? Sonne und blauer Himmel bleiben übrig. Es ist auch an der Zeit!

Bei der Einladung der Gäste waren wir großzügig. Und siehe da: Es gab kaum Absagen. Eine Bootstaufe ist ein besonderes und nicht alltägliches Ereignis. Das lässt sich niemand entgehen, sei die Anreise auch noch so weit, kompliziert oder umständlich.

Die Zeremonie darf beginnen. Zum Auftakt eine Rede des Eigners, verfasst von unserem ältesten Sohn Matthias, dem Philosophen.

„Gewiss, der Vergleich ist hochgegriffen. Vor ein paar Tausend Jahren gab es einen Mann mit Namen Odysseus. Er kämpfte jahrelang fern der Heimat, wie in der Ilias beschrieben. Schließlich eroberte er trickreich Troja. Der Rückweg in die Heimat ist uns allen als die Odyssee bekannt. Zehn Jahre lang durchkreuzte er das Mittelmeer, bekämpfte Seeungeheuer, widerstand den Lockrufen der Sirenen, legte sich mit dem Meeresgott Poseidon an und schaute in der griechischen Unterwelt, damals Hades genannt, vorbei. Ich werde später nochmals auf ihn zu sprechen kommen.

Zunächst möchte ich alle hier Anwesenden herzlich begrüßen. Ich freue mich, dass ihr gekommen seid, und es sind ja wirklich alle da. Familie, Freunde und Bekannte, Segler, Wasser- und Landratten. Wir sind heute hier, um dieses Schiff, das dank Herrn Wagner und seiner Mannschaft rechtzeitig aus der Werkstatt kam und ins Wasser gelassen wurde, umzutaufen.

Und die Erwartungen an unsere Zukunft? Die Zeit, die nun vor uns liegt, die wollen wir selbst gestalten.

Unser Motto für heute und die Jahre, die hoffentlich noch vor uns liegen, heißt: ‚Willst du noch leben, irgendwann? Wenn nicht heute, wann denn dann?‘ Risiken und Nebenwirkungen liegen im Dunkeln. Terra incognita. Die Zukunft ist sicher für einige Überraschungen gut. Wir haben uns gegen die Parkbank, gegen die Fernsehcouch und auch, mangels Masse, gegen die Enkelbetreuung entschieden. Wir wollen auch keine Besserwisser, Wutbürger, Grantler und Meckerer werden. Wir wollen reisen. Das heißt auch, sich selbst zu verändern. Neue Erfahrungen in sich aufnehmen. Und ein wenig als ein Anderer heimkehren. Wir wollen unseren Horizont erweitern, wie man so schön sagt. Weg von Pauschalurteilen, Pauschalreisen, Fake News, Klischees und dem täglichen Konfettiregen sogenannter Nachrichten. Weg von kollektiver Empörung und täglicher Hysterie.

Das sind die Erwartungen an unsere Zukunft auf Reisen. Wir sind keine Seemeilenfresser und Starkwindhelden. Wir wollen auf Wanderschaft gehen, um auf dem Seeweg fremde und auch ferne Länder zu erkunden und vielleicht Europa, unsere Heimat, auf diesem Weg neu oder anders zu entdecken.

Für die Mobilität an Land sorgen zwei Klappfahrräder, die bereits ihren festen Platz an Bord eingenommen haben. Der Plan ist in groben Zügen vorhanden. Es geht über den Neckar, Rhein, Main, Main-Donau-Kanal und schließlich die Donau ins Schwarze Meer und ins Mittelmeer.

Um nochmals kurz auf Odysseus zu sprechen zu kommen: Uns werden auf unserer Fahrt wohl keine Seeungeheuer begegnen. Auch den Hades wollen wir nicht zu sehen bekommen. Ob uns Poseidon wohlgesonnen ist, wird sich noch zeigen. Und sollten uns die Gesänge der Sirenen locken, bin ich sicher, dass mich Gisi am Mast festbinden wird. Für Odysseus war die Heimkehr eine lange Irrfahrt. Für uns ist der Weg das Ziel. Der Traum ist auf den Weg gebracht, und wir nähern uns Stück für Stück seiner Erfüllung.“

Neptun und seine Assistentin (Andreas und Annette, Seglerfreunde) laufen auf eigenem Kiel ein. Die beiden haben eine veritable Zeremonie vorbereitet. Sie beginnt mit der Befragung des Kapitäns, um herauszufinden, ob der auch fachkundig ist. Da bin ich schon ein wenig überrumpelt. Mithilfe meines seglerisch kompetenten Sohnes Michael kann ich jedoch all die penetranten Fragen zur Zufriedenheit des Ehepaars Neptun beantworten. Es ist schön, wenn der Sohn mehr weiß als der Vater und ihm in heikler Situation beisteht. Unser jüngerer Sohn Michael, der Schreinermeister, ist Segler seit der frühen Jugend. Praktisch und theoretisch diesbezüglich der Beste in unserer Familie. Kein „Angelernter“, sondern – der englische Ausdruck trifft es glasklar – er ist ein „native sailor“.

Marianne wird zeremoniell mit Sekt übergossen, und der Name, der weiß auf dem dunkelgrünen Rumpf erstrahlt, wird enthüllt. Die Anwesenden atmen auf. Endlich gibt es Sekt für alle, und die Besichtigung kann beginnen.

Das neugierige Publikum steckt die Köpfe und Nasen in alle Ecken und Winkel. Im Verlauf dieser Inspektion wassert ein ungesichertes Smartphone. Noch bevor der Eigentümer das Verschwinden bemerkt, wird das Goldstück durch den umgehend eingeleiteten Rettungseinsatz einer Zehnjährigen (sogar noch funktionstüchtig) geborgen. Der Handyeigner ist beglückt statt betrübt.

Das Fest beginnt. Die sich kennen, setzen sich zusammen – oder auch gerade nicht. Man holt sich Bier, Wein, Wasser, Limo und stillt den Hunger und den Durst. Familie, Freunde, Mitarbeiter unserer Praxis, der Werft und Hafenlieger, ja sogar die dazugehörigen Hündchen sind willkommen und fühlen sich wohl. Bis tief in die Nacht wird gefeiert.

Tags darauf ist strahlend blauer Himmel und Windstille. Bodensee-Sommerwetter. Ich will eine Runde mit Marianne unter Motor vor dem Hafen drehen. Das muss jetzt sein. Die Segel sind noch nicht angeschlagen. Wir brauchen Treibstoff. Michael schraubt den Tankdeckel ab und beginnt, einen Kanister Diesel einzufüllen. „Halt! Stopp! Stopp!“, rufe, nein, schreie ich von unten raus. Aus dem Schlauch, der noch nicht angeschlossen ist, fließt der Diesel geradewegs in die Bilge, die tiefste Stelle des Schiffs. Schöne Sauerei! Marianne riecht nicht mehr neu. Marianne riecht wie ein Kutter. Wie vor ihrer Renovierung. Jetzt heißt es putzen.

Es gibt also noch einiges auf dem Schiff zu tun: Schläuche anschließen, die richtigen Deckel auf die dazugehörige Tankzufuhr aufschrauben, z. B. Dieseldeckel auf Dieseltank, Wasserdeckel auf Wassertank. Zum Glück war der Schlauch noch nicht ange schlossen. Sonst wäre jetzt Diesel im Frischwassertank. Eine Art Super-GAU.

Wir haben uns vorgenommen, die Testfahrt unter Segeln in vier Wochen zu absolvieren, und haben den Schiffstransport zum Neckar Ende August vorgesehen. Das ist der Plan, der bei unserem Bootsbauer Schweißtropfen auf die Stirn zaubert.

„Leinen los und Anker auf, so beginnt eine Schiffsreise“, spricht Helmut. Der muss es wissen. In sieben Jahren hat er es zusammen mit seiner Frau Renate segelnd um den halben Erdball geschafft. Das liegt uns in zu weiter Ferne.

Aber wer nicht ablegt, kommt nicht in Fahrt.

KAPITEL 3

Leinen los

Der Probeschlag unter Segeln auf dem Bodensee verlief reibungslos. Vom Wagnerhafen in Bodman zum Hafen Unteruhldingen und am nächsten Tag zurück. Auch die Selbststeueranlage über den Kartenplotter, die elektronische Seekarte (ein Navi für die Seefahrt) und das GPS (Global Positioning System) funktionieren. Das ist einmalig. Danach, die nächsten Jahre, hat die Selbststeueranlage nie wieder funktioniert.

Marianne ist hübsch zurechtgemacht. Das Unterwasserschiff ziegelrot, der Rumpf in dunklem, sattem Grün mit leuchtend ziegelroter Scheuer- oder Stoßleiste. Das Deck ist strahlend weiß. Marianne riecht nach frischer Farbe. Mehr geht nicht. Ein Schiff zum Liebkosen.

Auch innen ist die behäbige Dame von Grund auf renoviert. Die Toilette und der Waschraum, ein Handwaschbecken über der Toilette, haben jetzt eine Tür und Seitenwände bekommen. Die Kabine im Bug, das Bett der Eigner, ist auf normale Höhe gebracht worden und jetzt ohne Leiterchen erreichbar. Die Pantry (Küche) verfügt über einen Zwei-Flammen-Gasherd mit Backofen. Außerdem gibt es einen Kühlschrank, der über Batterie und Landstrom arbeitet, fließendes Wasser mit Elektropumpe im Handwaschbecken und im Geschirrspülbecken der Pantry. Der Motor ist gekapselt und nicht mehr, wie ursprünglich, durch die offene Treppe in den Salon integriert. Die Treppe, bei deren Benutzung ich mir im Niedergang regelmäßig den Kopf angestoßen habe, ist einer steilen, gut begehbaren Halbtreppe – ja, so etwas gibt es! – gewichen. Es gibt ein eingebautes und ein Handfunkgerät. Die Beleuchtung ist auf LED umgestellt und zum Lesen in der Koje sogar dimmbar. Komfortabler als zu Hause. Am Kartentisch kann man mit Rotlicht arbeiten. Das stört weniger, wenn jemand daneben in der „Hundekoje“ schläft, und ist bei Nacht für die Augen schonender. Der Schrankinnenraum wird durch ein LED-Leuchtband erhellt, ebenso wie die Sitzecke im Salon und die Kojen im Vorschiff. Im Schiff befindet sich ein Plotter mit Touchscreen und mit Bluetooth-Verbindung zum iPad an Deck. Neben der teilweisen Erneuerung der Takelage und dem Einbau eines Echolots und Geschwindigkeitsmessers sind das die gravierendsten Veränderungen. Ach ja, das Ankerlicht ist keine romantische Petroleumlaterne mehr, sondern wie die neu installierte Deckbeleuchtung ein LED-Lämpchen. Die Ankerwinsch wurde vom Handbetrieb auf elektrisch umgestellt, und der Weltempfänger wurde in Zeiten des Internets außer Dienst gestellt. Was das alles zusammen gekostet hat, sage ich lieber nicht. Ein Vergleich mit dem Sanierungsdebakel der Gorch Fock – der erste Kostenvoranschlag lag bei neun Millionen Euro, und letztendlich hat der Spaß den Steuerzahler hundertfünfunddreißig Millionen gekostet – ist doch etwas weit hergeholt. Nur so viel: Der Kaufpreis war gegen die Sanierungskosten Peanuts. Und trotzdem, die Werft und der Schiffselektriker, beide haben draufgelegt. Genau wie bei der großen Schwester Gorch Fock, über deren Sanierung die Elsflether Werft AG sogar pleiteging.

Warum ich dieses Schiff gekauft habe, wird man jetzt fragen, und das frage ich mich zuweilen selbst. Marianne ist unglaublich stabil. Vom Bootstyp ist Marianne eine klassische Colin Archer. Das ist kein moderner Bootsplan, aber ein grundsolides, robustes und seetüchtiges Schiff. Herr Stocker ließ das Schiff vor gut dreißig Jahren in Holland zusammenschweißen und hat es dann über einen Zeitraum von fast zehn Jahren in seinem Garten im Allgäu ausgebaut. Nach einer Eingewöhnungsphase auf dem Bodensee hat das Schiff sieben Jahre Mittelmeererfahrung auf dem Buckel. Es hat auch den ein oder anderen Sturm hinter sich. Es ist genau das Kaliber Schiff, das ich gesucht habe. Ich habe mich in das Schiff verguckt. Und noch etwas war für den Kauf der Stahlyacht mitentscheidend, das möchte ich hier nicht verschweigen: die Urangst vor einer Kollision mit einem Container, einem Riff oder Felsen, einem UFO (unidentified floating object), sogar einem knapp unter der Wasseroberfläche schlafenden Wal. Welcher Segler kennt nicht den Film All Is Lost mit Robert Redford? Ich weiß, das ist alles sehr unwahrscheinlich, sagen wir mal, wie ein Lottogewinn. Und trotzdem gibt es jedes Jahr über einhundert Lottomillionäre in Deutschland.

Der Langkieler mit nur 1,35 Meter Tiefgang kann manchen Hafen und Liegeplatz anfahren, der für andere Schiffe nicht möglich ist, was vor allem bei der Flussfahrt ein großer Vorteil ist. Die Umbaukosten treten nicht gleich zutage, sondern entwickeln sich Stück für Stück. Nach dem bekannten Motto: Wenn schon das, dann aber auch jenes. Wenn ich schon so viel Geld ausgebe, dann will ich aber auch nicht auf neue Polster drinnen und draußen in schiffigem Design verzichten und so weiter. So kommt das eine zum anderen, wie bei der Zusatz- oder Aufpreisliste beim Autokauf. Obwohl, beim Autokauf steht unten ein Betrag. Die Sanierungskosten eines Schiffs entwickeln sich dagegen äußerst dynamisch. Festpreis ist Fehlanzeige.

Wenn man immer wüsste, was auf einen zukommt, würde manches nicht in Angriff genommen. Wäre die Oper in Sydney oder die Elbphilharmonie gebaut worden? Sicher nein. Der Berliner Flughafen? Dazu kein Kommentar. Wäre das Segelschulschiff Gorch Fock restauriert, renoviert und modernisiert worden? Sicher nicht. Manches Abenteuer wäre versäumt worden. Aber auch manche Pleite.

Laut meinem Plan stehen am nächsten Wochenende das Auswassern und der Schiffstransport an den Neckar auf dem Programm. Freitag wäre passend für uns, das heißt für Michael und mich. Nicht aber für die infrage kommenden Firmen. Was soll’s, ich bin ja nur der Eigner, Auftraggeber und derjenige, der zahlt. Auch der Hafen zum Einwassern, den ich mir in meiner Naivität ausgedacht habe, Plieningen, Esslingen oder Stuttgart, wurde es nicht. Also keine Durchfahrt zu Schiff durch die Landeshauptstadt Stuttgart. Erst am Montag und ein paar Kilometer und sechs Schleusen flussabwärts, in Freiberg, hat es schließlich „Platsch!“ gemacht. Am Autokran hängend schwebt das 7- Tonnen-Schiff – jetzt hat es plötzlich 8 Tonnen – über die Kaimauer und wird sanft ins Wasser gesetzt. Mit zwei dünnen Festmacherleinen vorne am Bug und hinten am Heck ist Marianne per Hand am Kiesverladesteg gesichert. Es gibt romantischere Orte. Ohne Mast und Großbaum, ohne Sonnen schutz, bei praller Sonne. So ist’s, wenn man nicht warten kann.

„Unvorbereitetes Wegeilen bringt unglückliche Wiederkehr.“ – J. W. von Goethe

Ich denke, Goethe wusste, wovon er spricht. Er war in seiner Jugend viel unterwegs.

Wir gehen an Bord, fendern (Fender sind Schutzkörper und Abstandshalter) die Bordwand ab, legen die Festmacher auf Slip und verschwinden in Mariannes Bauch. Keine Überraschungen. Alles ist dicht. Gut so. Wir starten den Diesel und holen die Leinen ein. Wir legen ab. Wir sind glücklich.

„Unvorbereitet wegeilen“? Die letzten Wochen und Monate waren hektisch. Entscheidungen wurden getroffen, Bestellungen aufgegeben. Ich verlasse mich in vielem auf die Ratschläge der Handwerker. Lieber eine Nummer größer, stärker, robuster, sicherer und edler. Nach bald zwei Jahren, die seit dem Kauf vergangen sind, will ich endlich los. Ich bin kein Bastler, kein Heimwerker. Das Schiff soll dicht sein, segeln, der Motor laufen, alles soll funktionieren. Das kann man ja wohl erwarten!

Ein Schiff ist ein komplexes Wesen. Selbst wenn in größerer Stückzahl gebaut, ist es kein Massenprodukt wie ein Auto. Wasserstraßen sind keine Autobahnen, und der ADAC und Abschleppdienst sind meistens weit weg. Die wichtigsten Ersatz- und Verschleißteile müssen an Bord sein. Die Eigner werden notgedrungen zu Allroundern und Experten bei der Instandhaltung ihres geliebten Schiffs. Ich habe unterwegs keinen Eigner kennengelernt, der nicht einen Schraubenzieher, eine Zange und Sikaflex (Dichtungsmasse) – und das ist nur eine kleine Auswahl der unbedingt notwendigen Dinge – in seiner Hosentasche mit sich herumträgt. Egal, ob das Schiff nun nagelneu oder bereits betagt ist. Die Schiffe frisch aus der Werft haben Kinderkrankheiten. Sind die behoben, setzen Verschleiß und Ab nutzung ein. Gezwungenermaßen wird man zum Bastler. Manche geben den Segelsport in diesem Stadium auf.

Strahlende Ausnahmen bei Eignern und Schiffen gibt es immer. Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich kenne allerdings keine Ausnahme. Ich kenne kein Schiff, das keine Mucken hat oder nie zickt. Auch nicht vom Hörensagen.

Unsere Fahrtrichtung ist die Fließrichtung des Gewässers. Neckarabwärts, auch wenn der Neckar hier fast steht. Der Sommer ist heiß. Wir haben Niedrigwasser. Mangels Mast und Antennen ist unsere elektronische Gewässerkarte, die uns in tiefem Blau die Fahrrinne anzeigen soll, nicht in Betrieb. Na und? In früheren Jahren war an so etwas auch noch nicht zu denken. Wir halten uns in der gefühlten Flussmitte. Wird schon schiefgehen.

Marianne ist alleine auf dem Fluss. Der Neckar ist träge und in der Hitze tranig. Das ist nicht immer so. Der Fluss kann auch anders. Der Name ist keltischen Ursprungs. „Nik“ bedeutet aufbrausend, heftig, schnell, reißend, und „ara“ steht für Wasser. Der Neckar entspringt im Schwenninger Moos auf 706 Meter ü. NN und mündet nach 362 Kilometern bei Mannheim 85 Meter ü. NN in den Rhein. Das starke Gefälle, Flusskrümmungen, Stromschnellen, Untiefen und schnell wechselnde Wasserstände machen ihn zum wildesten Nebenfluss des Rheins, wenn er will. Zumindest bis zur endgültigen Flussregulierung und Begradigung in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts war das so. In seinem Reisebericht Bummel durch Europa von 1878 beschreibt es Mark Twain wie folgt: „Deutschland ist im Sommer der Gipfel der Schönheit, aber niemand hat das Ausmaß dieser sanften und friedvollen Schönheit begriffen, wirklich wahrgenommen und genossen, der nicht auf einem Floß den Neckar hinab gefahren ist.“

Wir freuen uns auf das, was kommt. Von Plochingen abwärts bis zur Mündung sind es 202 Flusskilometer. Der Neckar ist ein Großschifffahrtsweg und somit für Marianne selbstverständlich schiffbar. Der Wasserstand wird durch die Stauhaltung von siebenundzwanzig Schleusen reguliert. Wie gesagt, der Fluss kann auch anders. Im Februar 1990 breitete er sich in der Unterstadt meiner Heimatstadt Horb am Neckar im Zuge eines sogenannten Jahrhunderthochwassers für einige Tage aus. Bis die ärgsten Schäden beseitigt waren, brauchte es Monate harter Arbeit.

Einwassern in Freiberg – Neckar

Das Pendel schlägt in die andere Richtung. Im Gegensatz zum Anfang des 20. Jahrhunderts, als der Fluss den Bedürfnissen der Industrialisierung unterworfen wurde, wird der Neckar zunehmend renaturiert. Altneckar und Auen werden gepflegt, Fischtreppen gebaut, und naturnahe Erholungsgebiete werden geschaffen. Gleichzeitig wird der Hochwasserschutz durch vielfältige Maßnahmen verbessert. Das Ziel ist der kultivierte, naturnahe und industriekompatible Fluss. Die Quadratur des Kreises. Man wird sehen.

Schleuse Pleidelsheim, unsere Erste

KAPITEL 4

Der Neckar

31. August bis 5. September 2015, Freiberg, Flusskilometer 153 bis zur Mündung bei Mannheim

Michael und ich haben abgelegt. Es geht ruhig dahin. Die Sonne brennt vom Himmel. Das weiße Deck blendet. Kein Schatten. Der Schweiß fließt. Schluck für Schluck werden die Wasserflaschen geleert. Wir kneifen die Augenlider zusammen, plus Sonnenbrille, plus Hut und Sonnenschutzcreme. So gewappnet, ist es auszu halten. Der Motor blubbert und spuckt regelmäßig Kühlwasser aus. Die Geheimnisse des Zwei-Kreislauf-Motorkühlsystems mit allen Raffinessen wurden mir erst viel später klar.

Wir haben es nicht eilig. Wir gewöhnen uns an diese langsame Art zu reisen. Wir halten uns in der Flussmitte. Das Grün an den Ufern erscheint uns wie ein tropischer Palisadenwald (Saumwald). Träume von Afrika stellen sich ein. Eine Herde Nilpferde oder hier und da lauernde, hervorlugende Krokodilsaugen knapp über der Wasseroberfläche würden uns nicht verwundern. Wasservögel haben sich Schattenplätze gesucht. Lediglich eine Nutria schwimmt in Ufernähe. Wohin wohl?

Irgendwann kommt eine Schleuse. Das wird eine Premiere für Michael und mich. Wir haben keine Ahnung, wie man schleust.

Da vorne ist sie. Unsere erste Schleuse. Ich weiß, man muss sich über Funk oder Telefon anmelden. Schleuse Pleidelsheim, Hubhöhe: rund 6 Meter.

Vor einigen Wochen, als Mariannes Fertigstellung und der Tag des Aufbruchs immer näher kamen, habe ich mit der Kreuzerabteilung, der Abteilung Langfahrt meiner Seglervereinigung, Kontakt aufgenommen und Unterlagen für die beabsichtigte Tour erbeten und umgehend bekommen. Jeder Flusskilometer ist mit Brückendurchfahrtshöhe, Häfen, Schleusen mitsamt den entsprechenden Telefonnummern und Funkfrequenzen beschrieben. Das hilft wirklich.

Einmal ist immer das erste Mal.

Den typischen Schleusenwärter stelle ich mir aus Erzählungen eher grimmig vor. Als gelangweilten Beamten, der hoch oben im klimatisierten Schleusenwärterhaus sitzt und stöhnt, wenn er einen Störenfried wie Marianne näher kommen sieht.

Ich rufe also an. Schiffskennung und Name, „wir sind im Oberwasser, nähern uns und wollen talwärts geschleust werden“. Punkt. Weiter: „Ich habe noch nie geschleust und brauche Ihren Rat.“ Kurze Pause. „Machen Sie vor der Schleuse fest, da ist ein Ausstieg, und kommen Sie zu mir rauf.“ Was wird das wohl? Beratung oder Standpauke, wofür ich, in Maßen, auch Verständnis hätte. In der Art: „Losfahren und keine Ahnung von Tuten und Blasen.“

Wir machen Marianne fest, Michael bleibt an Bord. Ich mache mich auf den Weg. Etliche Meter über dem oberen Schleusentor thront das Wärterhaus über der Schleusenkammer. Es ist rundum verglast. Über verzinkte Eisentreppen geht es hoch hinauf. Am Ende der Treppen steht ein junger Mann in der Tür. „Kommen Sie rein. Ich zeige Ihnen, wie das hier aussieht, was ich hier tue und was ich und meine Kollegen von Ihnen erwarten.“ Ein geräumiger Raum, gute Sicht auf die Wasserstraße und auf etliche Bildschirme. „Wenn Sie schleusen wollen, melden Sie sich über Funk oder Telefon an. Je früher, desto besser. Am besten sagen Sie, wenn Sie durch die Schleuse durch sind, wie’s weitergehen soll. Zum Beispiel: nächste Schleuse soundso in 15 Kilometern talwärts, Marschgeschwindigkeit circa 8 Stundenkilometer, also in zwei Stunden. Ich gebe das an den Kollegen talwärts weiter, sodass der sich darauf ein richten kann. Jetzt sind Sie in Schleusennähe. Sie haben sich ange meldet und warten, bis die Ampel auf Grün schaltet. Nicht vorher einfahren! Auch wenn das Schleusen tor offen ist. Vielleicht lasse ich erst ein großes Schiff in die Schleuse und Ihr kleines Schiff zum Schluss. Die Berufsschifffahrt hat immer Vorrang. Bei Niedrig wasser wie jetzt ver suchen wir, mehrere Schiffe zusammen zu schleusen. Sie fahren ein. Vorne und hinten in der Schleuse ist seitlich an der Kammermauer ein gelber Strich. Bleiben Sie innerhalb der gelben Markierungen. Außerhalb ist Gefahrenzone. Während des Schleusens halten Sie Ihr Boot mit möglichst zwei Leinen, Bug und Heck, an den seitlichen Pollern der Schleusenkammer. Wir haben am Neckar keine Schwimmpoller, deshalb müssen Sie von Hand nachführen und das Schiff gut abfendern. Beim Ausfahren auch das grüne Ampellicht abwarten. Erst bei Grün ausfahren und den Ein- bzw. Ausfahrtbereich umgehend verlassen. Besondere Wünsche, zum Beispiel festmachen, ankern, über nachten in diesem Bereich, nur nach Rücksprache. Wenn möglich, weise ich Ihnen einen Platz zu. Die meisten Schleusen arbeiten im Vierundzwanzig-Stunden-Dienst. Für Schleusungen nachts, von 22:00 Uhr bis 6:00 Uhr, wie auch am Wochenende ist eine Voranmeldung notwendig. Nähere Informationen erhalten Sie im Internet auf der Seite ELWIS. Oberste Priorität haben immer die Sicherheit und die ungehinderte Ein- und Ausfahrt.“ So spricht der Schleusen wärter. Ein freundlicher junger Mann. Eine Einweisung, wie man sie sich nicht besser wünschen kann. Sachkompetenz, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft sollen uns noch oft begegnen. Täglich und fast immer und überall.

Die erste Schleuse ist gemeistert und zur Übung heute noch eine weitere.

Im Sportboothafen Besigheim, Flusskilometer 137, sind wir beim Einfahrversuch gescheitert. Der Flussschlamm hat uns ausgebremst, aber auch wieder im Rückwärtsgang freigegeben. Ein paar Meter flussabwärts machen wir an einem kleinen, stabilen Anleger fest. Es ist schon Abend. Das Anlegeverbotsschild ist unverschämt klein. Zum Übersehen. Heute wird keiner mehr kommen.

Wir haben heute unsere Heimat anders erlebt. Vom Wasser aus, auf Augenhöhe mit der Uferböschung. Üppig wucherndes Grün. Für den Blick oft undurchdringlich. Reiher, Kormorane, Enten, Gänse und immer wieder ein Eisvogel, der uns ein Stück Weges begleitet, lösen ein Amazonas-Feeling aus. Ich glaube, die Eisvögel wollen sicher sein, dass wir ihr Revier wieder verlassen, und sind wohl mit sich zufrieden, wenn sie das geschafft haben. Dann kehren sie mit stolzgeschwellter Brust und hocherhobenen Köpfchen um und nehmen wieder auf ihrem Aussichtsast über dem Wasser Platz.

Ein Bad im warmen Neckarwasser ist nach der heutigen Tour in der Gluthitze genau das Richtige. Marianne ist festgemacht, aber nicht abgeschlossen. Das Schloss ist defekt. Morgen kaufen wir ein neues. Muss Marianne wirklich Stück für Stück, Teil für Teil erneuert werden? So kommt es mir vor.

Die mittelalterliche Altstadt Besigheims hoch über dem Neckar ist durch Fachwerkhäuser geprägt. Am gegenüberliegenden Flussufer sind die weitbekannten Felsenweingärten. Manche spektakulären Steillagen an Neckar und Enz können nur gepflegt und gelesen werden, wenn sich der Winzer mit Klettergurt und Seil vor dem Absturz sichert. Der Wein ist besonders. Man meint, die Mühsal der steilen Lagen zu schmecken. Fruchtig, erdig, mineralisch und die Wärme und Sonne, die die Trauben im Sommer und vor allem Spätsommer in sich gespeichert haben. Vermutlich gibt es hier seit dem 2. Jahrhundert Weinbau. Initiiert durch die Römer und verstärkt mit dem Einzug des Christentums. Stichwort Messwein. Schon Freiberg, unser Startpunkt, gehört zum württembergischen Weinbaugebiet, zur Großlage Schalkstein. Weite Strecken der Reise, unterbrochen von wenigen reinen Biergegenden, werden uns Weinberge bis zum Schwarzen Meer und noch darüber hinaus begleiten.

Auf dem Marktplatz angekommen, lassen wir uns schließlich vor dem Gasthaus Hirsch nieder. Den Aufstieg zur Ober- oder Altstadt über endlose Treppen und durch steile Gassen sind wir von unserer Heimatstadt Horb am Neckar gewohnt. Auch hier liegen große Teile der Altstadt mit Rathaus, Wirtshaus und Kirche auf einem Bergsporn, den es zu erklimmen gilt.

Das Gasthaus Hirsch beherrscht und belebt die Altstadt mit einer schwäbischen Speisekarte. Rost braten mit Spätzle, Maultaschen in zwei klassischen Varianten. Gebraten, mit Ei überbacken und dazu grünen Salat. Maultaschen in der Brühe mit Kartoffelsalat, den der Urschwabe in die Brühe gibt und den köstlichen Schlunz dann löffelt (wer’s mag …), Gaisburger Marsch und so weiter. Womit die wichtigsten schwäbischen Futtermittel genannt sind. Für uns tut’s heute der Allrounder Wurstsalat pur und auf Schweizer Art mit Bratkartoffeln. Eine alltägliche Köstlichkeit. Erst ein oder zwei Radler gegen den Durst und den Besigheimer Weißwein aus den Felsenweingärten „zum Schlotzen“, wie der Schwabe sagt, als Krönung. Hier gibt’s noch Viertele und keine 0,2 oder gar Dezi (0,1 Liter) wie in manchen anderen in- und ausländischen Gegenden. Ein Rentnerduo singt Songs der 60er-Jahre und spielt dazu Gitarre. Zurück im Schiff, geht’s nach einem letzten Schluck an Deck hinunter in den Schiffsbauch, in die Koje.

Marianne hat eine großzügige Doppelkoje im Bug und eine Hundekoje an Steuerbord, also drei ordentliche Schlafplätze. Im mittleren Teil kann man für ein zusätzliches Bett den Tisch absenken, sodass nochmals auf Bank und Tisch, allerdings erst nach Umbau, eine gute, bequeme Schlafgelegenheit entsteht.

Heute Nacht ist die erste Nacht auf dem Neckar. Ist das Schiff gut vertäut, sind die Fender richtig platziert, kommt kein ungebetener Gast an Bord, oder schneidet gar jemand die Festmacher ab? An was man denkt (oder denken muss). In Anbetracht dessen schlafe ich gut, und zu zweit schaffen wir das. Jeder verlässt sich auf den anderen.

Mein erster Gang am nächsten Morgen geht zur Bäckerei. Frühstück und Kaffee holen. Michael ist kein Kaffeetrinker. Für ihn haben wir warmen Orangensaft an Bord. Über Nacht, ohne Landstrom, habe ich mich nicht getraut, den Kühlschrank mit Batterie zu betreiben. Der Kühlschrank ist ein Stromfresser, und mit leeren Batterien startet kein Motor. Marianne hat zwar verschiedene Stromkreisläufe, zwei Verbraucherbatterien, eine separate Motor-Starterbatterie und noch mal eine separate Batterie für die Ankerwinsch. Aber sicher ist sicher. Nach dem Frühstück machen wir uns zur zweiten Stadtbesichtigung, jetzt bei Tageslicht, auf. Stadtmauer und Stadttor, Burg, Schochenturm, Waldhornturm und Steinhaus. Die Altstadt mit ihren vielen Fachwerkhäusern ist gut erhalten. Ein Juwel, das von verheerenden Stadtbränden und Bombardements im Zweiten Weltkrieg verschont geblieben ist.

Letztendlich stoßen wir auf das Gebäude des Winzer vereins und erstehen ein repräsentatives Weinsortiment für zu Hause. Man möchte etwas mitbringen, und anhand solcher Mitbringsel lässt sich das Reiseerlebnis viel besser erzählen. Das ist doch obligatorisch und stimmt die zu Hause Gebliebenen milde, wenn Wünsche nach der nächsten Auszeit für kommende Etappen geäußert werden.

Dienstag, 1. September 2015, Bad Wimpfen/ Offenau, Flusskilometer 98,2

Nach einem sehr sonnigen August kippt heute das Wetter. Es ist warm, aber unbeständig, das heißt immer wieder Schauer. Glücklicherweise haben wir gestern Abend einen Behelfsmast mit dem Großbaum gestellt und darüber den Sonnen- und Regenschutz montiert. Auch die elektronische Gewässerkarte plus Tiefen- und Geschwindigkeitsmesser ist jetzt dank Bluetooth auf dem iPad an Deck verfügbar. Gegen Mittag legen wir ab. Das Schleusen geht uns seit dem gestrigen Einführungskurs gut von der Hand. Auf rund 45 Flusskilometern haben wir etliche Male das Vergnügen. Bei Flusskilometer 98,2, beim Motorsportclub Mittlerer Neckar in Offenau, unterhalb von Bad Wimpfen, legen wir am frühen Abend an. Der Anleger ist verwaist. Hinweisschilder unterrichten den geneigten Gastlieger über seine Pflichten: Datenblatt ausfüllen, Geld eintüten und einwerfen. Toiletten und Duschen seien nach telefonischer Abfrage des Nummerncodes zugänglich, wenn denn jemand den Hörer abnähme. Dies nicht und jenes nicht, detaillierte Anweisungen bezüglich Abfalltrennung. Der erhobene Zeigefinger schwebt über uns Gästen. Bevor wir etwas falsch machen, nehmen wir den Abfall lieber mit.

Wir haben Hunger. Abendessen steht auf dem Plan. Die zwei Offenauer Gastwirtschaften, ein Landgasthof und eine Pizzeria, sind geschlossen. Na so was! Die inoffiziellen kulturellen und gesellschaftlichen Hotspots des Dorfes sind verwaist. Auch die Grundschule, die Kirche und das Rathaus, das bestenfalls vom ehrenamtlichen Ortsvorsteher und seiner Teilzeitsekretärin belebt wird, sind geschlossen.

Wie ist denn die Situation in einer kleinen Ortschaft heutzutage? Gewählter Ortsvorsteher: ja, ehrenamtlich auf dem Papier. Die Aufwandsentschädigung, eine Art Kopfprämie pro zu verwaltendem Bürger, die sich sehen lassen kann, ist für viele Ortsvorsteher und Ortsvorsteherinnen das zumindest zweite finanzielle Standbein.

Kirche: ja, Pfarrer: Fehlanzeige. Auf Neudeutsch ist das eine Seelsorgeeinheit. Ein Seelsorger, besser vielleicht Verwalter, ist für etliche Dörfer zuständig. Noch ein- bis zweimal monatlich wird ein Gottesdienst im Dorf gefeiert. Aushilfsweise vom längst pensionierten Geistlichen aus dem Altersheim. Priestermangel. Eine Religionsgemeinschaft, die nicht mehr in der Lage ist, aus ihrer Mitte heraus genügend Priester hervorzubringen, sollte sich fragen, ob sie noch auf dem richtigen Weg ist. Verstanden?

Landarzt und Apotheke: leider Fehlanzeige. Geschäfte, vielleicht ein Discounter. Und jetzt sind auch noch die Pizzeria und der Landgasthof mit seinem Biergarten geschlossen. Einen Kindergarten im Dorf? Gibt es noch. Die Grundschule ist zentralisiert in einem Betonzweckbau, verkehrsgünstig in der Zentralgemeinde. Seit der neuen Umgehungsstraße hat die Tankstelle am Ort geschlossen. Ein Haupterwerbslandwirt bewirtschaftet die Felder von ein oder gar zwei Ortschaften nach rein ökonomischen Grundsätzen. Er betreibt eine Biogasanlage. Die Abwärme bläst mangels Abnehmern in die Luft. Die Leitung ins Neubaugebiet wäre zu teuer. Mit einem Sport- oder Musikverein würde man sich glücklich schätzen. Die nagelneue Mehrzweckhalle, voll ausgerüstet mit Bühne und Großküche, ist vorhanden. Sie war die Bedingung, die man für die Eingemeindung vor vierzig oder noch mehr Jahren herausverhandelt hat. Die Gastronomie am Ort wird jetzt bald für immer schließen. So spricht ein Ortsansässiger, ein Einheimischer, den wir nach der Busverbindung nach Bad Wimpfen fragen. Realitäten auf unserer Reise.

ÖPNV zweimal täglich. Morgen wieder. Es wird schon Abend. Wir wollen nicht laufen. Bad Wimpfen, wenn auch früher eine freie Reichsstadt, ist eine Kleinstadt. Die Wirtshäuser werden die Küche bald schließen. Das Taxi kommt von außerhalb. Wir haben es einer Umleitung zu verdanken, dass wir die nähere und weitere Umgebung kennenlernen. Der Taxi fahrer entschuldigt sich. Abgerechnet wird nach gefahrenen Kilometern, Umleitung hin oder her. Schließlich kommen wir an und finden eine Gaststätte in der Altstadt. Die Küche ist geöffnet. Das Café Feierabend – welch köstlicher Name! – hat leider schon geschlossen. Klingt doch sehr entspannt. Wir lernen die Stadt trotz fortgeschrittener Stunde ein wenig kennen. Die staufische Kaiserpfalz mit dem blauen und roten Turm, das Steinhaus, die Pfalzkapelle, das Hohenstaufentor, die evangelische Stadtkirche und das ehemalige Heilig-Geist-Spital. Um diese Uhrzeit, im abendlichen Schummerlicht und Scheinwerferbeleuchtung, nur von außen.

Von 1300 bis 1900 war Bad Wimpfen freie Reichsstadt, unterbrochen 1803 durch Napoleon, der Mitteleuropa ganz schön durchschüttelte. Am 1.1.1900 trat im ganzen Deutschen Reich das Bürgerliche Gesetzbuch in Kraft. Auch Bad Wimpfen wurde eingereiht. Ade, freie Reichsstadt!

Der historische Stadtkern mit den Teilen im Tal und auf dem Berg steht als Gesamtanlage unter Denkmalschutz. Schon in der Jungsteinzeit war dieser Ort besiedelt. Später, in der Bronzezeit, durch Kelten. Im Anschluss beherrschten die Römer die Stadt. Die Besiedelung überdauerte auch nach dem Rückzug der Römer permanent bis heute. Eine große Zäsur war die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs. Durch Krieg, Plünderungen, Hungersnöte und Seuchen war die Bevölkerungszahl auf nur ein Zehntel des Vorkriegsstandes reduziert.

Frisch gestärkt laufen wir zu Fuß zum Schiff zurück. Dank Neckartalradweg ist dieser Verdauungsspaziergang überhaupt kein Problem.

Mittwoch, 2. September 2015, Haßmersheim

Bei Wolken und Sonne. Der nächste Stopp ist der Haßmersheimer Bootsverein, Flusskilometer 87,3. Heute sind es nur gut 10 Kilometer und eine Schleuse. Ein veritabler Luxushafen erwartet uns. Man liegt nicht an einem Anleger im Strom, also in der Strömung, sondern in einem richtigen Hafenbecken mit Strom und Wasseranschluss am Liegeplatz sowie komfortablen Toiletten und Duschen. Auf einem Ponton (Schwimmplattform) sind Tische und Stühle und ein Grill aufgebaut. Hier lässt’s sich gut sein. Zwei Motoryachten mit je einer Familie als Besatzung denken ebenso. Sie liegen schon zwei Nächte im Hafen, machen von hier aus Ausflüge mit ihren Fahrrädern, genießen die Abende am Grill, sitzen gemütlich bei Kerzenlicht beisammen und lassen den Tag Revue passieren und ausklingen. Noch ein Tag, dann soll es weiter nach Heidelberg gehen. Das große Feuerwerk am Samstag, Fluss und Schloss in Flammen, wollen sie sich nicht entgehen lassen. Am Sonntag geht’s dann zurück in den Heimathafen am Rhein nahe Mannheim. Den empfehlen sie uns auch für Marianne für eine längere Pause, die wir einlegen müssen. Wir müssen zurück zur Arbeit.

Haßmersheim ist gerade der richtige Hafen für heute. Wir bekommen nämlich Besuch. Gisi mit unseren zwei Dackeln im Schlepptau. Oder ist es umgekehrt? Wir besichtigen die Burg Hornberg, das Zuhause des Götz von Berlichingen, des Ritters mit der eisernen Hand, geboren 1480 und gestorben 1562, der hier, auf seiner geliebten Burg, fünfundvierzig Jahre lebte und im Alter von zweiundachtzig Jahren starb. Die Autobiographie dieses fränkisch-schwäbischen Reichsritters Götz von Berlichingen zu Hornberg diente Goethe als Vorlage für sein gleichnamiges Schauspiel, das 1774 uraufgeführt wurde. Der sogenannte schwäbische Gruß – ich möchte ihn hier nicht zitieren – beschäftigt auch heute noch Gerichte, wenn es darum geht, ob es sich hierbei um eine grobe Beleidigung oder nur um eine unge hörige Äußerung handelt, um heftiges Missfallen zu bekunden. Goethes Götz sprach: „Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsche lecken.“ Also, jetzt doch! Um die Suche im Internet zu umgehen.

Vom zweitältesten noch bestehenden Weingut der Welt haben wir selbstredend ein paar Probierfläschchen ins heimische und Schiffsdepot gelegt. Zu Hause schmeckt der Wein gleich ein Sternchen besser durch die dazugehörige Geschichte vom Götz, verknüpft mit einer Marianne-Geschichte. Nach dem gemeinsamen Abendessen kehren wir mit Taschen voller Einkäufe zurück aufs Schiff, und Gisi samt unseren Dackeln Barny und Paula fährt wieder zurück nach Hause. Die drei sind keine begeisterten Wasser ratten und Matrosen. So nst wäre manches einfacher. Gisi findet die Hygiene standards an Bord unterschritten, hat Rückenprobleme beim „Rumturnen“ und meint, so etwas sollte man von Kindertagen an kennengelernt haben. Die Hunde fühlen sich an Land, mit festem Boden unter den Pfötchen, wohler.

Hirschhorn, Donnerstag, 3. September 2015