Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Marie ist 28, ledig und sie lebt allein, sieht man von Putin ab, ihrem weißen Kaninchen, das sie ihrem Credo gemäß "Du sollst nicht töten" vor dem sicheren Tod bewahrt hat. Wirklich glücklich ist sie nicht, aber ihr Leben als Vegetarierin - dennoch nicht ohne fleischliche Lust - ist in Ordnung, bis Jonas, ihr neuer Nachbar, mit seinem Dobermann Barack einzieht. Während die Tiere in friedlicher Koexistenz ihr Dasein Balkon an Balkon respektieren, setzt Marie Himmel und Hölle gegen Mann und "Bestie" in Bewegung. Erst eine attraktive Frau an Jonas? Seite weckt eine Art Sehnsucht in Marie, die sich aus Eifersucht und Einsamkeit speist. Trotz erstickender Zweifel beginnt sie Jonas zu begehren, obwohl sie "zusammenpassen wie Grützwurst und Kaviar". Doch ausgerechnet Jonas verstößt im hoffnungsvollen Moment gegen das fünfte Gebot …
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 286
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Maxi Hill
Marie, Putin und das fünfte Gebot
über Liebe, Triebe und andere Banalitäten des Lebens
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Marie, Putin und das fünfte Gebot
Der Mann
Marie * Nachbarschaft
Feindschaft
Freundschaft
Liebschaft
Machenschaft
Gesellschaft
Leidenschaft
Errungenschaft
Mittäterschaft
Bereitschaft
Sippschaft
Herrschaft
Gefechtsbereitschaft
Rechenschaft
Maxi Hill
Impressum neobooks
Das Bistro »Eule« ist nicht sein Lokal, etwas trieb ihn dahin. Er hat sich später gefragt, warum er dort war. Es war der Besuch von Petra. Sie kommt gewöhnlich, ohne ihn vorher anzurufen.
Das Bistro war gut besucht: Männer mit sich und den Karten, Frauen außer sich und mit vielen Worten.
Er kannte an jenem Abend nicht eine von den Frauen, die der Grund seiner späteren Besuche wurden. Da war die kleine blonde, zart und blass – zu klein für ihn und zu kindlich, obwohl sie nicht jünger schien als der aufgedonnerte Pudel mit dem bunten Haar und dem hochrot geschminkten Mund. Eine dritte trug einen Ehering, und sie war nur einmal dabei. Aber dazwischen wie immer: Marie …
Marie. Ihren Namen kannte er freilich noch nicht. Nur die grünen Augen, das braune Haar und der traurige Mund schienen ihm seltsam vertraut.
Vielleicht galt sie für den Rest der Männer als unscheinbar, aber von allen hatte er sie zuerst wahrgenommen, damals, als er aus Not hereingekommen war.
Fängt sie vielleicht seinen Blick am besten ein? Strahlt sie das Licht der Bar in seine Richtung? Oder fluoresziert ihre Haut wie diese giftigen Leuchten, die keiner mehr mag, seit man sich gruselige Geschichten über die Krebs erzeugende Strahlung erzählt? (Diese Leuchten mag keiner, wer aber in ihrer Nähe ist, muss sie anschauen, muss die Magie einsaugen, die sie verströmen.)
An der Bar sitzend, den Rücken zum Gastraum gewandt, beobachtete er im Spiegel der Vitrine die kleine Runde; offenbar Freundinnen. Marie hat seine Anwesenheit nie bemerkt. Nur einmal, als er nicht allein kam, änderte sich das. Einen so vernichtenden Blick vergisst man nicht so leicht. Zu ergründen war er nicht, so sehr er die Frau auch belauerte.
Wenn die Zeit ihres Aufbruchs kam erhob sich Marie stets als letzte der Gruppe. Sie schaffte es dennoch, zusammen mit den anderen das Bistro zu verlassen. Solange sie noch sitzen blieb und die abgestandene Neige aus ihrem Glas hinunterstürtzte, erhielt sie die Aufmerksamkeit, die ihr sonst womöglich versagt blieb. Er hörte einmal, wie die Männer am Nebentisch wetteten, sie habe vielleicht eine feuchte Wohnung, sie habe vermutlich einen schlagenden Mann, oder sie fliehe vor einer garstigen Schwiegermutter.
Das war alles nicht korrekt. Er hatte eine andere Erklärung. Marie verwandte nicht viel Zeit mit ihrer Garderobe und stand nicht so lange sinnlos vor dem Spiegel wie die anderen. Sie sah adrett aus. Zugegeben, sie war nicht die lauteste der Frauen. Sie war auch nicht die trinkfeste. Aber eines konnte sie: zuhören, wie der aufgebrezelte Pudel seine ordinären Stellungsberichte zelebrierte.
Der Mann entdeckte in der Frau eine merkwürdige Nachdenklichkeit, sofern er sie einen Moment lang nicht mit hintergründigen Mannesaugen betrachtete. Er betrachtete sie in dem Moment durch die Augen eines gelangweilten Gastes, und er sah, dass sie nicht wirklich trank. Sie hob ihr Glas. Das schon. Aber es leerte sich kaum. Sie hob es wohl, um zu den anderen zu passen. Sie lächelte dabei verlegen und zupfte an ihrem dunklen Haar, wie es viele Frauen tun. Sie war angenehm groß (oder sollte er von jetzt an sagen: sie ist?), nicht so dürr wie die Blonde und nicht so aufreizend wie der gescheckte Pudel mit dem bombastischen Wonderbra unter tiefem Dekollete.
Marie verbog sich nicht, wenn sie lachte. Sie saß sehr gerade und schlug auch kein Bein über das andere, wie die Dauerschwatzende in den hautengen Jeans und den hochhackigen Schuhen. Marie trug einen schlichten Rock, der ihre sehr langen, geraden Beine nicht verhüllte, und sie trug leichte Ballerinas. Einmal hat er sie essen sehen. Es ging bedächtig zu und es blieb viel auf dem Teller zurück, zu viel …
Irgendwann standen zwei der Frauen auf und gingen hinaus (Frauen gehen immer zu zweit auf Toilette!). In nachtwandlerischem Gang rauschte Marie an ihm vorbei, ihre Blicke kreuzten sich zufällig, leider ohne Nachwirkung.
Er konnte die Gedanken nicht lösen von diesem Gesicht mit den schläfrigen Augen und dem traurigen Mund. Noch rechtzeitig lief er ihr eines Nachts nach, musste ergründen, was die Männer der »Eule« zu unken wussten: ein schlagender Mann, eine schlechte Schwiegermutter? Er macht in solchen Momenten, wenn ihn der Wissensdurst packt, kein langes Federlesen.
Die Luft vor der Tür roch nach Frühling und frischem Grün. Sie hob ihren Kopf und ließ ihn erhoben. Zögerlich, als wollte sie von irgendwem aufgehalten werden, ging sie nach Südwest. Sie lief den ganzen Weg allein, bog in jene Straße ein, an deren Ende sie wohnte, exakt dort, wo er bisweilen seinen Touareg wendet, wenn er Ben abholt. Mit einem Klick öffnete sie die Haustür und schlüpfte hindurch. Das Türschloss klickte zweimal, eine Tugend, die man selten findet.
Sie wohnt in also in dieser ruhigen Straße, die ins Nichts führt. Sackgasse nennt man den Typ. Zu dieser Zeit waren die Fenster im Parterre und auch oben noch schwach erleuchtet. Nur in der Zwischenetage war alles dunkel. Er stand und wartete und wusste nicht worauf. Links ging das Licht hinter einem der Fenster an. Rechts blieb es duster. Er trat näher und schaute auf das Klingelschild, auf dessen Logik er vertrauen konnte. Die zweite Reihe von unten zeigte den Namen M. Neumeyer. Heute weiß er, das M steht für Marie. Daneben ein Klingelschild ohne Namen.
Ist die Wohnung neben ihr unbewohnt? Schließt sie die Haustür ab, weil sie sich unsicher fühlt so allein auf der Etage? Dann sollte sie Nachbarschaft bekommen …
Eigentlich müsste sie raus. Nicht nur raus, weg müsste sie. Am besten weit weg. Das kann sie nicht, wegen Putin. Sie hat ihm das Leben gerettet und jetzt soll sie ihn verlassen, einfach so, nur weil dieser Barack ständig Terror macht?
Wahrscheinlich ist sie der einzige Mensch auf der Welt, der Putin liebt. Sie liebt ihn nur zwangsläufig, hat ihn ja gar nicht haben wollen. Und ein Mitspracherecht, ihn zu nehmen oder nicht, hatte sie nicht. Das hätte auch kein anderer Mensch bekommen. Keiner.
Nein, sie hat Mitleid mit jedem Wesen, das fremdbestimmt ist und dem alle Welt ans Leben will. Sie will es nicht. Sie kann es nicht. Sie hat das Abschlachten miterlebt und mit eigenen Kinderaugen gesehen, wie die Opfer breitbeinig und kopfüber am eiligst zusammengezimmerten Galgen hingen, wie das Blut aus Mund und Augen troff, wie ihnen das Fell über die Ohren gezogen wurde. Und das ist nicht bildhaft gemeint. Es ist die wahre, niederträchtige, bestialische Realität, die noch heute den bitteren Würgereiz in ihrer Kehle erzeugt, wenn sie nur daran denkt. Jede Erinnerung an das Niederträchtigste überhaupt, was Marie Neumeyer in ihrem ganzen Leben auf dem Hof des Großvaters miterleben musste, kräuselt ihre Haut, stellt die Scheitelhaare senkrecht und drückt einen Felsblock in ihre Magengegend. Vor allem nachts, wenn es keine Bilder gibt, die sich zur Ablenkung eignen, wenn die Geräusche aus der Nachbarwohnung, wenn das Scharren und Knurren, das Trappeln und Raunen, ihre Ohnmacht ins Unermessliche verstärken. Dann kommen die Bilder der Kindheit zurück: Der Großvater schlurft mit dem blanken Messer in der Hand über den Hof und verrichtet schon bald sein blutiges Werk.
Dabei war sie gerne bei ihrem Großvater, bis sie merkte, dass er ein Massenmörder war. Keine Spezies ließ er aus. Keine. Sogar jene, die er mit eigenen Händen gehegt und gepflegt hatte, die er mit Silberworten in der Goldkehle zu dem Einzigen gemacht hat, das sie später wurden … Kanonenfutter!
Einer dieser alten Kanonenöfen stand in Großvaters Küche, schwarz, rund und gefährlich.
Daran darf sie heute als vernunftbegabte Frau Ende zwanzig gar nicht denken. Vater sagt, in einer Familie hat man loyal zu sein. Jeder Mensch hat eine andere Haltung zur Schöpfung, egal welche Kreatur geschöpft wurde und egal woraus.
Für Marie gilt seit dieser Erfahrung das fünfte Gebot und das hat Großvater gebrochen.
Opa Hermann lebt schon lange nicht mehr, und sie hatte an seinem Grab bittere Tränen geweint. Zwar wusste sie nicht, ob die Tränen der großväterlichen Liebe galten, die sie immerhin bekommen hatte. Oder weil dieser Spruch, den ihm seine Weggefährten auf den Grabstein geschrieben hatten, zum Heulen war.
Geachtet als Heger - Gestorben als Jäger
Eingegangen in die ewigen Jagdgründe im Juno anno 1992
Jedenfalls hatte etwas ihre traurigen Gedanken um den einst geliebten Menschen hinter jenen Bildern verwässerten, die für ein Mädchen ihres Alters unerträglich waren: Diese nackten, rosigen Körper. Diese leeren Augen. Die hervorstehenden Zähne! Das alles war zuviel für ein zartes Kind. Und dann kam Opa auch noch scherzend mit den abgetrennten Pfoten auf sie zu, an denen er das Fell belassen hatte.
Nein. Sie brachte bei Tisch keinen Bissen herunter, auch wenn es schon Stunden zuvor lecker von der Kanone her roch. Vielleicht ging ihr das alles zu sehr ans Herz, weil sie jeden der Namen kannte, den Großvater seinen Karnickeln gegeben hatte. Mummel, Schnurz, Putz, Murks, Schrums.
Am meisten liebte sie Purzel. Der hatte ebenso weißes, weiches Fell wie Putin, mit rosa Spitzen an den Ohren, mit kleinen rosa Flecken an den Backen, die unaufhörlich mummelten, als wären Kaninchen Wiederkäuer. Was mag aus Purzel und den anderen geworden sein?
Genau daran musste sie denken, als sie bei der Tombola ihren Preis entgegenzunehmen aufgefordert worden war.
»Ein weißer Rammler«, sagte der Mann, »jung und zart wie seine Gewinnerin!«
Er zog das Tier aus einem hölzernen Käfig, an dem ein Schild mit dem Namenszug Putin klebte. Kraftvoll hob er das weiße Bündel an den Ohren in die Höhe, wartete bis der Beifall abebbte und schob es unvermittelt in ihre Arme, die sie eigentlich zur Abwehr vor dem Körper verschränkt hielt. Wie sie so dastand, irritiert von der Härte der Gedanken und geschmeichelt vom weichen Fell eines Wesens, das den Namen eines Möchtegern-Weltbeherrschers trug, ging das Gejohle der Kollegen beinahe im Wechselspiel ihrer Gefühle unter.
»A’ Rammler, der hoad hinten mehr a Hirn ois wia im Kopf!«, grölte Ferdinand Vissler, der Bayernschönling, der schon mehrfach mit plumpen Versuchen bei ihr aufgeschlagen war, um sie zu einem One-Night-Stand zu überrumpeln: »Oiso Marie, pack ma′s, wiar beide?»
Kein übles Bild von Mann, aber wenn sie seine Stimme hört, geht gar nichts mehr.
Sie ist kein Mensch mit Vorurteilen. Beileibe nicht. Sie hasst Intoleranz wie der Teufel das Weihwasser. Aber diese selbstgerechten Bayern kann sie nicht ausstehen! Diese gamsbartbehüteten, krachledernen Seppelhosenmachos mit der Edelweißgemme am Hosenträgerschild, mit dem bairischen Slang und dem stapfenden Gang, mit der Maß aus dem Keller und der Weißwurscht im Teller, mit dem Häusl aus Holz und dem Arsch voller Stolz …
Oh, wie kann sie hassen.
Aber sie kann ebenso leidenschaftlich lieben. Sie ist bereit und sehr befähigt, sich einem Mann ganz hinzugeben. Bisher kamen leider entweder bornierte Machos oder langweilige Niestüten. Nein, da bleibt sie schon lieber solo, wozu hat man Freundinnen.
Kira, Eva und Renate hatten mit Putin zwar auch nichts Freundliches im Sinn. Eva zitierte frohlockend Sokrates: »Ein gutes Essen bringt gute Leute zusammen.«
Ein Festessen sollte es also werden. Zum Glück konnte Marie mit dem einzigen philosophischen Satz antworten, den sie je beherrschte: »Das Leben gibt und das Leben nimmt«. Und dabei blieb sie, auch wenn Kiras Schwärmerei noch so sehr die körperlichen Vorzüge des drallen Hasen pries, die ein opulentes Mahl ergäben. Und dann lachte sie laut und meinte: Es wäre nicht der einzige Putin, der am eigenen Leib erfahren müsste, wohin es führt, wenn man seine Sixpacks vor jedermann herausstellt (Kira ist immer und überall auf das Körperliche fixiert).
Ob Muskelprotz oder Rammler, ob mit oder ohne Hirn, ob ganz oder in Teilen, ob von den Knochen befreit, gewickelt und gefüllt als Rollbraten – bei Marie setzte der Würgereiz just in dem Moment ein, als der Mann mit dem roten Wams auf dem dicken Wanst erklärte: »Das Fell nehm′ ich gerne zurück! Aber nur, wenn es unversehrt bleibt.« Sein Wurstfinger schwenkten drohend vor dem feisten Gesicht hin und her: »Zum Abledern ein besonders scharfes Messer nehmen!« Er lachte laut und furchtbar, wandte sich aber stracks dem zweiten Sieger unter den Gewinnern der Tombola zu. Ein Fahrrad, ohne Gangschaltung und ohne den so heiß begehrten Elektroschub, das er ebenso kraftvoll gen Himmel hob, wie zuvor Putin. In diesem Moment dachte sie: Warum hast du nicht das Fahrrad gewonnen? Ein Fahrrad hätte treue Dienste leisten können. Es war vielleicht gar nicht ganz neu, zumindest was den Produktionsausstoß betrifft. Der konnte glatt vor ihrer Geburt gelegen haben, denn auf dem Rahmen stand schräg und silbern und fett Mifa.
Wie gut hätte ihr erst der Hauptgewinn getan: Eine Flugreise nach Ibiza …
Heute denkt sie nicht mehr so. Heute ist sie glücklich, Putin zu haben, aber jetzt, hier im Bett bei den nächtlichen Geräuschen von nebenan gefällt ihr der Gedanke, in diesem Moment in einem Flieger zu sitzen, die Welt von oben zu betrachten, sich wie der Schöpfer zu fühlen und an nichts zu denken, was tagtäglich ihre belanglose Pflicht ist, im Dienst wie auch zu Hause, seit sie in dieser Wohnung wohnt und für sich und ihr Leben selbst zu sorgen hat. Ein paar Tage lang würde sie diesem nervigen Nachbarn entfliehen. Eigentlich meint sie nur Nachbars dauerkläffende Töle. Mindestens einmal pro Woche kläfft das Vieh. Da wäre eine Auszeit doch recht und billig. Aber nun? Nun schleuderte eine Tombola Putin in ihr Leben und gleich danach da draußen auf den Balkon in die kleine, aber immerhin doppelt so großen Bucht wie jene, die sie aus dem Schuppen ihres Großvaters kennt. Dort in dem kleinen Dorf, das die guten und die weniger guten Erinnerungen wahrscheinlich noch immer an manch einem Zaunpfahl, an Bäumen und Steinen, an Wänden und Türen, ja sogar in der würzigen Landluft aufbewahrt, ging es dem Altvordersten immer um die Familie, ums Sattsein, um Zufriedenheit, um Wärme im Fellmantel oder um Weichheit im Federbett. Die Kreatur, die diesen Vorteil für die Bestie Mensch mit ihrem Leben bezahlte, zählte nicht. Das hatte das Kind Marie lange nicht durchschaut, und es wäre so geblieben, hätte sie nicht eines Tages gesehen, wie Großvater das Messer wetzte, wie er ein schmales Holz mit einem Seil zu einem Dreieck verband und an der Schuppenwand aufknüpfte. Ihm zuzuschauen wenn er schnitzte - und das tat er gerne im Wald, um die Zeit zu verkürzen, bis er mit seinem Feldstecher das Wild aufspürte – das mochte sie nur allzu gerne. Dieses Schnippen der Späne, die sich rollten, als wären sie aus Seide. Dieses Krümmen und Schaben, dieses Aushöhlen und Tasten, bis das Wunder eines kleinen Schäfchens, einer Tanne oder einer buckelnden Katze vollbracht war. Sie besitzt die kleinen Figuren alle noch in irgendeiner Schachtel, die sie irgendwo an einer Stelle aufbewahrt, die sie vergessen hat, verdrängt, verleugnet, ver … ach, was soll das.
Niemals hätte sie geglaubt, was die liebevollen Hände ihres Großvaters überdies zu tun imstande waren. Hände, die so oft über ihren Scheitel glitten, die ihr Kleidchen glatt strichen, wenn sie allzu wild miteinander herumgetollt waren. Raue Fäuste, die ihr die warmen Eier von Huhn Berta in die kleine, zarte Hand drückten – vorsichtig und mit einem Augenzwinkern, das die Köstlichkeit am Frühstückstisch vorausahnen ließ. Sogar den mahnenden Zeigefinger, wenn sie übermütig die Hühner jagte, konnte sie noch unter Güte einordnen. Aber das nicht …! Nicht das, was sie eines Tages sehen musste. Unfreiwillig und unvorbereitet. Ja sogar unkommentiert, trotz ihrer Tränen.
Das Holz, das mit dem Seil verknüpft war, steckte zwischen den beiden Knochen der Hoppelbeine jenes Tieres, das sie in rücklings hängender Position gar nicht mehr als Tier erkannte. Dann schnitt das Messer in das Fell und trennte es oberhalb der Pfoten ab – was in der rücklings hängenden Position unterhalb der Pfoten war. Zentimeter für Zentimeter zogen die rauen Opa-Hände das Fell über das Fleisch, das rosig mit einer dünnen weißlichen Haut bedeckt mehr und mehr zum Vorschein kam. Es knirschte dabei wie Pergament, dass es ihrem Kinderherz nur so grauste. Etwas im Tier musste sich gegen die Brachialgewalt des Fellabziehens gewehrt haben. Das blanke Messer ratschte in kurzen Schnitten zwischen Fell und Fleisch und löste das eine vom anderen, bis hinunter zur Kaninchengurgel …
Das war der Moment, an dem sich ihr angewiderter Mund wieder schloss und der Würgereiz ungestüm dagegen drückte. Keinen Moment wollte sie noch in Opas Nähe bleiben. Sie wollte nichts hören oder sehen, nur das links gedrehte Fell sah sie später noch auf einen Holzrahmen gespannt im Schuppen hängen. Das heißt, sie sah nichts als blutverschmierte Haut mit einem dicken Fellrand am breiten Ende des Dreiecks. Die Blutschlieren verloren sich bald und dann zog der Großvater das hölzerne Dreieck heraus, stülpte den kläglichen Rest des einst munteren Tieres um und schob das hölzerne Dreieck wieder in das Innere und das unversehrte Fell entfaltete sich wie einst bei …
Erst jetzt erkannte Marie das Fell, das einst Schnurz bekleidete. Schnurz wohnte oben links in der Sechser-Bucht. Gerade ihm hatte sie auf Zehenspitzen unentwegt Löwenzahn durch das Gitter geschoben, damit er nicht länger der kleinste bliebe. War sie also schuld an seinem Schicksal?
Der Schauer in ihrem Leib war stark mit den Eingeweiden verknüpft. Es war widerwärtig, wie die Hände des schlachtenden Großvaters das schöne Fell liebkosten, wie die faltigen Schweinchenaugen listig gierten. Es waren nicht mehr die warmen Blicke und längst nicht mehr die liebevollen Opa-Hände.
Schnurz also war das Opfer. Ihr war die Angelegenheit nicht schnurz. Sie konnte nie wieder einen Bissen Fleisch herunterwürgen. So gerne sie der Liebling des Großvaters bleiben wollte, es gab seit diesem Tag einen inneren Bruch. Was zuviel ist, ist zuviel!
Wenn sie sich heute vorstellt, irgendwer würde Gleiches mit Putin machen, dreht sich ihr Magen auf links und sie muss einen Fastentag einlegen.
Warum hatte man dieses weiße, gutmütige Wuschel nach dem vorgeblich so rammdösigen Herrscher benannt? Oder hatte man gar nicht …? Stand an dem Käfig vielleicht nur der Name des Züchters? Putin! Unwahrscheinlich. Ferdi Vissler sagt: Wenn es hier einen Russen gibt, dann ist der mafios oder er handelt mit Zahngold, aber er ist ganz bestimmt kein Karnickelzüchter. Sicher ist sie nicht. Es gibt da diese russische Gemeinde, die nur koscheres Fleisch isst …
Zugegeben, unter den Putins gibt es Gemeinheiten (im Sinne von gemeinsam. Die im Sinne von niederträchtig kann sie dem prominenten Namensgeber nicht wirklich etwas nachsagen, und zum Nachplappern der Parolen irgendwelcher Möchtegern-Demokraten ist sie völlig ungeeignet). Ihr weiß-wuscheliges Felltier jedenfalls hat etwas von seinem pseudodemokratischen Namensgeber. Es ist auch nicht groß. Eher klein. Kleine Männer kompensieren ihre nachteilige Statur durch Härte und Konsequenz. (Politiker leben überdies von der Vernachlässigung ihres Berufes, vielleicht, weil sich ihr Fingerspitzengefühl bis zu den Ellenbogen zurückgebildet hat.)
Erwiesen ist es nicht, ob ihr weißer Putin überhaupt ein Mann ist – ein Rammler sozusagen. Er ist zwar drahtig wie sein Namensgeber, hat denselben ausweichenden Blick und auch unruhige Knopfaugen. Rammdösig ist er aber nicht. Eher gutmütig, geduldig, sofern nicht die Töle von nebenan … Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. So gesehen sind beide Putins, die sie kennt, Leidensgenossen. Zugegeben, der Namensgeber und Herrscher von Sankt Petersburg bis Kamtschatka lebt nicht so eingepfercht und würdelos, wie ihr kleiner weißer Freund lebte, bevor sie ihn zu sich nach Hause trug.
Wollte ein hasserfüllter, des Heimatlandes vertriebener Züchter, dass einer von denen, die Putin heißen, als abschreckendes Beispiel dient, wie es einem unschuldig eingesperrten Mann in den besten Jahren geht. Es wäre anzunehmen, man hätte ihn in diesem Fall Chodorkowski genannt …
Nein, das geht jetzt wirklich zu weit! Marie sitzt aufrecht in ihrem Bett. Nebenan kläfft dieser Köter! Dieser Hund von Baskerville! Dieser Mastiff! Dieser Dobermann! Dieser Rottweiler vom nachbarschaftlichen Muskelprotz ohne Anhang, der kürzlich hier eingezogen ist. Sechzehn Unfälle mit Hunden hat es in diesem Jahr schon in der Stadt gegeben. Die Dunkelziffer ist um einiges höher. Immerhin: Sechzehn sind sechzehn zuviel! Und warum: Weil diese Kraftmeier ihre Domänen brauchen, weil sie ihre Auswahl nach dem Respekt einflößenden Aussehen der Tiere treffen, aber keine Ahnung von den Bedürfnissen der Kreatur haben.
Es ist freilich zu bezweifeln, dass dieser Typ von Nachbar einen amtlichen Wesenstest seines Kläffers nachweisen kann, und es ist fraglich, ob das Vieh überhaupt angemeldet ist und offiziell zu den viertausend »besten Freunden« des Menschen in dieser Stadt zählt …
Marie wirft ihren Körper auf die andere Seite und bläst heiße Luft von sich. Dieses Leben neben einem selbstherrlichen Knackarsch verlangt volle Konzentration auf das Wesentliche. Und das Wesentlich ist – was ihre eigenen vier Wände betrifft, zu denen der Balkon gehört – nur sie selbst und nun eben auch Putin. Sie wirft sich zurück auf die Ausgangsseite und drückt ihren Oberarm auf das rechte Ohr. In ihrem Kopf kämpfen braune, bissige Hunde gegen weiße, friedliche, Hasen …
Das hätte sie nicht zulassen sollen. Nicht nachts. Sie kennt das Ergebnis: Verlierer sind immer die Hasen, und die sieht Marie mal wieder aufgereiht auf Holzgalgen an Seilen, felllos-nackt, rosa blutig und mit gespreizten Schenkeln, die die verrohte, konsumgeschädigte Welt Keulen nennt und bei deren Anblick sich millionenfach Drüsen-Düsen öffnen.
An Schlaf ist jetzt nicht mehr zu denken! Auf nackten Füßen schleicht sie hinaus auf den Balkon, öffnet das Drahttürchen, krault mit den frisch lackierten Fingernägeln über Putins holzwollverfitztes Fell und schielt routinemäßig um die schmale Trennwand herum zum Muskelprotz-Gehege hinter der gardinenlosen Balkontür. Wenn sie die Spiegelung richtig deutet, sitzt der Kerl mit seinem Knackarsch auf dem Boden, seinen nackten, muskulösen Rücken an die Polster einer hellen Couch gelehnt krault er seine Bestie. Zur Belohnung für die nächtliche Kläfferei wird er es nicht tun!
Es wird ihr gleich besser gehen, wenn sie ihren Frust in die Abendluft geschleudert hat: »Memme. Hast wohl doch Schiss in der Hose, jemand könnte dich anzeigen, wenn deine Töle keine Ruhe gibt …!«
Marie hatte einen Traum. Wieder denselben, der sie schon seit Jahren verfolgt – nicht alptraumhaft, eher als kleines Licht zur Erleuchtung ihrer dunklen Erinnerungen. Ihr Großvater war gar kein so schlechter Mensch, und davon träumt sie jetzt oft, seit sie Putin hat. Vielleicht, weil Putin sie an den Osterhasen erinnert? Vielleicht weil das neuerliche Sammeln von Löwenzahn jene Zeit erleuchtet, wo sie als kleines Mädchen nur allzu gerne mit ihrem Opa durch die Wiesen streifte. Eine Oma hatte sie nicht. Nicht auf diesem Dorf, aber eine in der Stadt, nur war es bei der nie so spannend wie bei Opa Hermann.
*** Sie war vielleicht drei oder vier Jahre alt und verbrachte mal wieder ein paar Tage bei Opa Hermann auf dem Dorf. Hinter dem Haus gab es einen Hühnerstall und einen kleinen Garten. Es war der schönste Ort, den Marie kannte. Auf der grünen Wiese drängten sich bunte Krokusse eng aneinander und am Rundbeet wippten die zarten Köpfe der Osterglocken im lauen Frühlingswind.
»Komm Marie«, sagte Opa zu ihr und nahm sie bei der Hand. »Wir wollen in den Wald gehen und Moos für ein Osternest holen.«
Marie schob ihre zarte Hand in Opas raue Faust und gemeinsam spazierten sie zum nahen Waldrand. Plötzlich legte Opa seinen Finger an Maries Mund, hob sie auf einen Baumstumpf und wies ins Nichts. »Hast du das weiße Schwänzchen wippen sehen?«, sagte er mit merkwürdigem Lächeln um den bärtigen Mund. Sie schüttelte aufgeregt ihren Kopf. »Das war der Osterhase«, flüsterte Opa und begann sogleich Moos vom Waldboden abzuheben. Im Garten bauten sie daraus ein weiches Osternest. Vor lauter Freude hüpfte sie umher und sang: »Osterhas′, Osterhas′, leg mir Eier in das Gras.«
Am Nachmittag schlich sie heimlich ums Haus und öffnete das Gartentor, damit der Osterhase auch wirklich hineinschlüpfen konnte. Doch schon marschierten die Hühner feierlich hindurch. Hahn Gockel schlug aufgeregt mit seinen Flügeln, Huhn Berta zupfte neugierig an dem unbekannten Ding herum und Henne Anna kuschelte sich gar bequem in ihr Osternest. Das gefiel Klein-Marie überhaupt nicht. Sie nahm ihre Kreiselpeitsche und jagte die Hühner davon. Ja sie schlug sogar nach ihnen. Mit lautem Gegacker stoben sie in alle Himmelsrichtungen auseinander. Hahn Gockel flog auf die Teppichstange, um seine Hennen im Auge zu behalten und er krähte aus voller Kehle.
»Hast du das verstanden?«, fragte Opa sorgenvoll. »Nein«, gestand sie, aber Opa verstand die Sprache der Tiere offenbar.
»Kikeriki! Bös’ ist Marie.« Er sah dabei sehr nachdenklich aus. Am nächsten Morgen saß er auf seiner Holzbank in der Frühlingssonne und rauchte ein Pfeifchen. »Ach, was sollen wir jetzt nur tun?«, jammerte er, als sie zu ihm kam. »Die Hennen wollen keine Eier mehr legen.« Er zeigte zur Hühnerluke. Dort hing auf eine bunte Hahnenfeder gespickt ein Zettel. Er nahm ihn und las vor, was darauf stand: Ohne Hühner, merk dir das, liegt kein Osterei im Gras!
Er wartete, bis die Blicke ihrer Kulleraugen verschämt zu Boden gingen. »Der Osterhase braucht dringend die fleißigen Hühner. Wer könnte sonst die Eier legen?«
Auf leisen Sohlen schlich Marie zum Hühnerstall, füllte frisches Wasser in die Tränke, streute knackigen Weizen in den Napf und fegte sogar die Hühnerleiter sauber. Als Hahn Gockel aus der Luke huschte, schlug er dreimal mit seinen Flügeln und krähte laut: »Kikeriki, danke Marie!« So jedenfalls hatte sie die Übersetzung ihres Opas verstanden. ***
Der Alptraum geht freilich nicht so friedlich ab, wie die wahre Geschichte. Er variiert seit Jahren in einigen Details. In letzter Zeit endet er beim wütenden Gockel, der von der Teppichstange auf ihren Kopf fliegt, ein Loch hineinpickt und ihre Gedanken wie Würmer aus dem Schädel zieht. Und immer hat der Gockel den Kopf von dieser Töle, diesem Dobermann, diesem Rottweiler, diesem nachbarlichen Kalb mit Hundeschnauze …
Abgesehen davon, dass sie nach einem solchen Traum jedes Mal konfus bis völlig gedankenlos ist, was durchaus am Fazit des Traumes liegen kann, so weiß sie doch diese Träume zu deuten, sie ist ja inzwischen erwachsen. Jeder ihrer Träume ist nur der Konflikt zwischen dem, was sie selbst will und dem, was man ihr zumutet. Auch damals hat Großvater ihr zugemutet – oder dieser Gockel, wer weiß das genau – dass sie noch Beifall klatschte, als das Huhn ihr Osternest zerstörte.
Über diese fremden Erwartungen grübelt sie seit Jahren. Sie hat sogar Sigmund Freud bemüht: Träume verarbeiten den Tag. Das will sie noch weniger glauben, so verrückte Tage kann man gar nicht haben. Da glaubt sie schon lieber an die Version vom Feindbild, das der Traum offenbart und das sie bei Tage zu überdenken hat. Ihr Feindbild. Damals war es noch klein und unbedeutend … Heute ist es braun, hat steife Ohren und Schlabberlefzen.
Die kindliche Geschichte ist zudem gar nicht bedeutend. Neben ihrem aktuellen Feindbild, das sich nebenan eingenistet hat und ihre quälenden Träume bestimmt, ist es das Unwiderrufliche, das nie wieder Gutzumachende. Bis heute will ihr nicht in den Kopf, wie man sich in einem Menschen derart irren kann. Warum hat ein so lieber Mensch wie Opa Hermann auch eine schreckliche, ja beinahe bestialische Seite? Einmal sprach sie mit Mutter darüber. Das Leben lasse den Menschen manchmal keine andere Chance. Früher sei es die Pflicht zur Selbstversorgung gewesen. Zwar sei es den Menschen auf den Dörfern schon immer besser gegangen als denen in der Stadt, aber das Töten schlechthin sei unabdingbar für ihr Überleben gewesen und für selbiges von versippten Städtern.
Es muss wegen des Überlebensverständnisses ihrer Eltern gewesen sein, dass sie so oft zu Opa Hermann gebracht wurde. Das Leben, so sagte Mama oft, lohne erst in Erwartung eines großen Fressgelages. In Wahrheit wussten die Eltern um den Wert ihrer Besuche. In der frischen Landluft bekam Marie in der Tat mehr Appetit, immerhin war sie etwas zu zart geraten. Und bis zu jenem gewissen Tag mit dem Kaninchengalgen hatte sie auch nichts – und ihre Eltern sowieso nie und nimmer – etwas gegen die üppigen Fleischportionen. Vater schwärmte die Hälfte des Jahres vom köstlichen Frikassee seines Vaters, das mit Ostspargel und Westchampignon veredelt war, die Mutter aus dem Delikat-Laden der Stadt mitbrachte. Auch vom Hasenrollbraten mit einem Hauch von Knoblauch und in Weinsoße angerichtet, mit Rotkohl und Klößen, schwärmten beide vor ihren Kollegen.
Schon damals wusste Marie, dass alles meisterhaft gelungen war und dass es für Opa eine Freude und für Mama ein Grund für den »Siehste-auch-ein-Mann-bleibt-ein-Mann-wenn-er-kocht-Blick« zu Papa.
Besuche, die derart kulinarisch ausfielen, mussten mehrmals im Jahr wiederholt werden, was dazu führte, dass Marie oft zu Opa gebracht und nach ein paar Tagen wieder abgeholt wurde. Immer gab es ein Festessen, wie man es sich zu Hause nur selten leistete. Ob das an Mutters Kochkunst lag, an Vaters Geldbeutel oder einfach an der Zeit und den schwer beschaffbaren Zutaten, wie Mutter stets betonte, blieb für Marie unergründlich. Die Epoche, wo sie alles Tierische auf ihrem Teller ablehnte, kam bald. Ihr Credo: Die göttliche Natürlichkeit des Seins in jedem Wesen zu wahren, zu achten und zu schützen. Das bedeutete nicht, alles Tierische von ihrem Teller zu verbannen. Tierische Gaben wie Eier und Milch, Käse und Butter nimmt sie als Geschenk, und zu schenken ist eine sehr gute Eigenschaft. Wie man das Leben auch deutet, für sie bleibt der Mensch die Bestie unter den Kreaturen, und er tut alles dafür, dass Arten, die Millionen von Jahren mehrere Eiszeiten überlebten, die Feuersbrünste und Sintfluten überstanden, nun von der letzten, der vorgeblich reifsten Spezies der Evolution endgültig vernichtet werden.
Marie stöhnt. Der Pfeilschwanzkrebs ist solch ein Vertreter. Aber das darf sie nirgendwo beklagen. Das mitleidige Lächeln der menschlichen Art in Gänze ist unerträglich.
Heute mit 28 Jahren weiß sie, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt und dass es die evolutionäre Kette in der Arterhaltung ist und dass ohne diese Kette des Seins und des Vernichtens, die Darwin natürliche Selektion nannte, keine einzige Art überleben könnte. Nicht einmal Pflanzenfresser würde vermutlich überleben, wenn es nicht Tausende fleischliche Erdbewohner gäbe, die den Boden für die zarten Wurzelspitzen der Pflanzen mühevoll um und um wühlen würden.
Grob gesprochen ist sie, Marie, ein tolerantes Wesen, solange ihre Augen dem Abschlachten nicht willenlos ausgeliefert sind.
Mit der Erkenntnis über die Tausende fleischlicher Erdbewohner streift sie an diesem Sonntag-Vormittag ihre roten Lieblingspantoffeln mit der Häkelbommel ab, fährt mit nackten Füßen in die schwarzen Pumps, schreitet zum Balkon, hebt Putin vorsichtig aus seiner Bucht, befreit sein Fell von Stroh und Holzwolle, striegelt es mit einer ihrer weichsten Haarbürsten und verlässt stolz und frohgemut hüpfend die Wohnung.
Neben dem Hauseingang gibt es einen schmalen Streifen Wiese. Der zieht sich an der Stirnseite des Blockes bis zum Spielplatz hin, den die Mieter für ihre Kinder vor Jahren selbst geschaffen haben, weil in diesem Haus noch Kinder lebten. Längst ist Nachwuchs eine Mangelerscheinung, so wie es früher Mangelerscheinungen durch Fehlernährung gab, gibt es heute Mangel an menschlicher Reproduktion, geschuldet fehlender ideeller Werte. Der einzig bekannte Wert ist heute der Wert des Geldes, und dem stehen Kinder im Wege.
Ob es mal wieder die merkwürdigen Gedanken an ihre vertrackte Nachbarschaft ist, die mitunter seltsame Exaltationen in ihr auslösen? Schon auf der Treppe überkommt sie das ganze Elend, gegen das sie in letzter Zeit schwer zu kämpfen hat. Ein Niesreiz durchzuckt ihren Leib für Minuten. Peinlich, aber zum Glück bleibt im Treppenhaus alles ruhig. Keine der Türen öffnet sich, kein Mitbewohner fragt, ob alles in Ordnung ist. Ihre Augen tränen und brennen wie Feuer. Kaum kann sie die Stufen unter ihren Füßen erkennen und fürchtet zu stürzen.
Eigentlich müsste sie sofort zurück, aber sie kennt Putin. Er weiß nicht nur, wohin es jetzt geht, er schnuppert auch längst das frische Gras und er würde es ihr übel nehmen, zurück in seinen Stall zu müssen. Auch braucht er Auslauf, und er soll das Graszupfen nicht verlernen und nicht zuviel Fett ansetzen. Tiergerechte Haltung; sie tut was sie kann.
Den Grund ihrer neuerlichen Plage will sie nicht wissen. Wer zuviel in sich hineinhört muss sich nicht wundern, wenn er sich in und auswendig kennt und bald selbst nicht mehr leiden kann. Ihr ausgeprägter Sinn für Forschung wird Opfer der selbstschützenden Verdrängungsdevise: Was mich nicht umbringt, macht mich stark!
Diese und noch einige andere unausgesprochene Erklärungen müssen herhalten gegen das elende Gefühl, das nach ihrer Meinung an nichts Bedeutendem liegt, nur an ihrer sonntäglichen Einsamkeit. Immer sonntags geht es ihr so, wie gerade jetzt, aber immer sonntags gab es zuletzt auch schlechtes Wetter. Und schlechtes Wetter stempelt sie bisweilen ab zum Wohnungs-Arrestanten.
Putin hoppelt munter durchs Gras und Marie schaut aus nach frischem Löwenzahn. Den kann sie für eine Weile in einem Wasserglas frisch halten.
Der Regen kommt schnell und er fällt in dicken, schweren Tropfen. Noch ehe sie Putin ergreifen kann, um ihn ins schützende Haus zu tragen und im wahrsten Sinne des Wortes sein frisch gestriegeltes Fell zu retten, kommt ein anderes Unheil auf sie zu, direkt und in großen Sprüngen. Nur im Unterbewusstsein – zwischen zwei Niesattacken, einem Hustenanfall und dem Bücken nach zwei Maistöcken, wie Opa Hermann den Löwenzahn nannte - hatte sie bemerkt, wie das große dunkle Auto von Nachbar Knackarsch vorgefahren ist, als gäbe es dort in der Wendeschleife, die die Sackgasse vom unbebauten Grundstück trennt, gar kein Parkverbot.
Zu spät. Dieser Rottweiler, diese Bulldogge, dieser Dobermann, dieses Miststück … legt die Ohren an, fletscht die Zähne und spurtet direkt auf Putin zu. Schon sieht sie durch den Tränenschleier ihrer wässrigen Augen die Fetzen fliegen, spürt tief-körperlich im nächsten Moment das rosa Fleisch unter dem weißen Fell herausklaffen, riecht buchstäblich, wie Putins Blut gleich aus Ohren und Augen triefen wird, als das nachbarliche, Furcht erregende Vieh mit einem Ruck – als habe ihn ein unsichtbarer Laserstrahl zum Bumerang gebogen – wieder kehrt macht und zurück zu seinem Herrchen trottet. Beinahe sittsam. Aber eine wie Marie lässt sich von solch plumpen Manövern nicht täuschen. Schon gar nicht von diesem Herrchen, das sie getrost Herrscher nennen kann.
Das nächste Bild ihres schmerzverzerrten Films vor den tränenden Augen hätte ihr jeder Gott erspart, wenn es nur einen der viel gepriesenen gäbe. Voller Stolz promeniert Mister Knackarsch kraftstrotzend mit erhobenem Kopf und ungeachtet des Wolkenbruchs neben seiner schlabber-geifer-lefzenden Hundetrophäe auf Marie zu. Ein Bild von: Wo steht das Klavier! Eine Geste wie: Welch quälender Anblick für mein verwöhntes Auge. Ob das ihr Karnickel sei, fragt er. Und ob das vielleicht auf ihrem Balkon kampiere.
Dieser Kümmelspalter! Dieser Dillgurkenblödian!
»Mein Putin kampiert nicht«, schleudert sie zwischen zwei Hustenanfällen heraus. »Er wohnt dort sehr behütet und geborgen, hatschi, wird bestens versorgt und nie allein gelassen, wie die kläffende Töle in meiner Nachbarwohnung! Und überhaupt, hatschi, hatschi, was geht Sie das an?«
»Putin?«
