Marienstraße - Van Eycken - E-Book

Marienstraße E-Book

Van Eycken

0,0
2,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Stuttgart, Marienstraße im Sommer 1950. Nur wenige Häuser haben den Krieg überstanden. Es ist die Zeit, die für Kinder neben strikten Verboten auch Freiraum in Fülle gab. Abenteuerlich auch die stete Präsenz der Besatzungsmacht. Vieles im Auf- und Umbruch. Das Stadtbild: Ruinen an der Oberfläche, doch darunter...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 278

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



„Die Schwierigkeit liegt nicht in der Ausführung der Tat, sondern in der Beseitigung ihrer Spuren.“

Sigmund Freud

Der Mann Moses und die monotheistische Religion

Van Eycken

Marienstraße

© 2016 Van Eycken

Umschlag, Illustration: Studio Velischka

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback

ISBN 978-3-7345-7910-3

Hardcover

ISBN 978-3-7345-7911-0

e-Book

ISBN 978-3-7345-7912-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

I. Strengstens verboten!

Hätte er schon lesen können, die Dinge wären eventuell vollkommen anders verlaufen. Vielleicht aber auch nicht.

So aber, gerade mal vier Jahre, die er zählte - oh ja, fragte jemand ihn nach seinem Alter, vier Jahre seine Antwort, nicht ohne Stolz, vier Jahre und ein paar Monate - streifte sein aufmerksamer Blick diese und wenige Meter weiter zur Linken auch jene auf weißes Blech geprägten Buchstaben, ohne die Schrift zu verstehen. Noch mal zwanzig Meter weiter in Richtung Innenstadt, wo es die Mauerreste zuließen, ein Holzpfosten vielleicht, dort auf gelbem Grund, der ebengleiche Hinweis, schwarz, leicht erhaben geprägt, eindrucksvolle Ausrufezeichen:

LEBENSGEFAHR !!

BETRETEN STRENGSTENS VERBOTEN !!!

Schwarz umrandet die Hinweisschilder, groß wie eine zum Viertel gefaltete Zeitung, ein wenig verbogen, wieder gerichtet, an vielen Zäunen und Hauswänden der Stadt waren ähnliche Blechschilder angebracht. So dass der Vierjährige auch dann achtlos an diesem wie auch den anderen ins Blech geprägten Warnungen oder Aufrufen oder Hinweisen vorüber gegangen wäre, hätte er die für ihn erst fern an seinem Altershorizont angedeutete Fähigkeit des Lesens schon beherrscht.

Überhaupt: Zahllos waren dergleichen Aufrufe und Wegweiser an den sandsteinernen, von Bombensplittern zernarbten Fassaden, da der Luftschutzraum, dort Fließendwasser, hier eine Sammelstelle, alles weiß kalkig, teils schwindend, teils erst jüngst und im Schutze der Nacht hastig mit Schablone gefertigt („DER FÜHRER LEBT“). Vielleicht war es ja besser so, dass der vierjährige Knabe die Fähigkeit - und wie man sieht, hin und wieder Last - des Lesens erst in vier oder auch ein wenig mehr Jahren an den Hinweisen, so es sie dann noch gab, würde anwenden können.

Ein Frühsommertag. Noch stak die frische, feuchte Luft der wolkenlosen Nacht in den Zugangshöfen der vom Krieg nicht verschonten, doch wenigstens stehen gebliebenen Häuser in der oberen Marienstraße. Bis die Sonne so hoch am Himmel stand, dass sie ihre wärmenden Strahlen für eine Stunde zwischen die auf dreieinhalb Etagen hochragenden Gebäude senden würde, war noch viel Zeit. Die Kinder, derer es genügend gab im oberen Abschnitt der Marienstraße, waren noch nicht aufgetaucht. Teils weil sie schon zur Schule mussten („durften“, wie die Eltern sagten), teils weil sie eben später aus den Wohnungen kamen, vielleicht Pflichten hatten, daheim helfen mussten.

Unser Knabe jedoch wusste um einen, der, gleich ihm, bereits zu dieser Stunde, es mochte halb neun sein, würde unterwegs sein. Er stellte sich breitbeinig mitten auf den Bürgersteig, Einheimische nannten jenen das Trottoir, hielt seine Hände als Schalltrichter vor den Mund und schrie aus Leibeskräften „Johnniiiie“. Und weil es so beeindruckend war (hoffte er im Stillen), nochmals „Johnnniiiie“. Dann wartete er. Meistens tauchte Johnny wenige Augenblicke später drunten an der Kreuzung wie aus dem Nichts auf, und man bewegte sich lässig (bloß nicht zu hastig) aufeinander zu, traf sich ungefähr in der Mitte des Weges und plante.

Johnny war ein Exot. Wieso er den Namen hatte, den er hatte, ob er wirklich so hieß oder vielleicht nicht, ob ihn die Mutter so getauft oder ein Vater ihn halt so genannt, er war der Johnny. Und unser Knabe hatte gut gelernt, das „Johnny“ ganz breit, gedehnt und am Anfang original mit „Dsch ...“ beginnen zu lassen, das „o“ eher zum „a“ tendierend, alles so, wie er es hin und wieder aus dem glaubwürdigen Mund des im selben Haus wie er lebenden und ganz original amerikanischen Soldaten - Offiziers! wie dessen Söhne betonten, auch wenn sie, wie jeder wusste, gar nicht seine wirklichen Söhne waren - vernommen hatte. „Dschaaniiiie“.

Beiläufig warfen die in etwa Gleichaltrigen kleine Steinchen auf die Warntafeln, hatten allerdings dabei den achtsamen Blick auf mögliche Passanten, denn man warf nicht mit Steinen auf solche Schilder. Hatte einer gescholten, der an Krücken ging, weil er nur ein Bein und ein halbes besaß, das überflüssige Hosenbein hochgenäht, und wenn er vorüber war, hoben die Knaben auch ein Bein hoch, winkelten es am Knie ganz an und hielten es fest, hüpften in sicherem Abstand ein paar Meter hinterher, ließen das Bein rasch wieder los, mussten lachen, verstanden ja nicht. Solche mit nur einem Bein waren häufig zu sehen. Am tollsten aber war einer, der gar keine Beine hatte. Der saß, wie sollte man es sonst nennen, drunten in der Innenstadt, immer an der selben Stelle, dort wo die meisten Leute vorbeikamen, wurde, unser Knabe hatte es beobachtet, ganz früh von einer Frau auf einer Art Leiterwagen angekarrt, ließ sich hochheben (wog der nur die Hälfte?) und wurde auf ein dickes Lederpolster gesetzt, man konnte gar nicht so richtig hinschauen. Hielt Garn und Knöpfe, Nadeln und den geheimnisvollen „Einfädler“ feil. Und am Spätnachmittag holte ihn die Frau wieder ab, derselbe Leiterwagen, die Leute machten Platz, weg war er. Auch das hatte unser Knabe beobachtet. Nur, den konnte man leider nicht nachmachen. Wie denn auch. Und richtig lustig war es eigentlich auch nicht, und außerdem, was, wenn der mal Pipi musste?

II. Drei, vier gebückte Schritte

Die Steinchen prallten vom Blech und fielen zu Boden. Am Rand der Trümmergrundstücke wuchsen Blumen. Löwenzahn. Man ließ sie an Ort und Stelle, denn das Pflücken bescherte klebrige und braune Finger. Doch wenn schöne dünne Stöckchen zur Hand waren, ließen die gelben Blüten sich wunderbar köpfen.

An diesem Morgen waren keine zur Hand.

Wo Johnnies Eltern sich aufhielten, kam nie zur Sprache. Gerüchte gab es allerdings. Die Eltern unseres Knaben waren im Büro seines Vaters beschäftigt; der hatte seinen Arbeitsplatz zu Hause. Irgendetwas mit Zeitungen, die stapelten sich im Bürozimmer. Die Mutter saß viel an der Schreibmaschine, einem komplizierten Wunder, dessen Berührung dem Knaben streng untersagt war.

So, wie das Betreten der Trümmergrundstücke, an deren Rändern in dieser Jahreszeit der Löwenzahn wuchs und gedieh. Eindringlich die Ermahnungen an unseren Vierjährigen und die anderen Kinder der Marienstraße, mindestens zwanzig waren es, geschätzt. Schlimm die Strafen bei Zuwiderhandlung, nicht nur die, welche von den Vätern oder den Müttern angedroht waren, sogar „die Polizei“ wäre unvermeidlich mit ihren noch viel schlimmeren Strafen. „Zuwiderhandlung“, für sich schon ein bedrohliches Wort.

Ein kurzer Blick nur, ausgetauscht zwischen unserem Knaben und Johnny, ein längerer Kontrollblick nach rechts und nach links, drei, vier gebückte Schritte zwischen den mal einen, hier aber zwei und dort hinten gewiss drei Meter hoch ragenden Sandsteinmauern, den kläglichen Überbleibseln jener einst ansehnlichen Bürgerhäuser aus der Gründerzeit, die klaffenden Lücken mit Holz- oder Eisenstangen versperrt, die blechernen Warntafeln daran fest gemacht.

Nur noch drei solcher nahezu herrschaftlicher Bürgerhäuser rechterhand und drei zur Linken der oberen Marienstraße waren stehen geblieben, sieht man einmal von dem Gebäude nahe der drunten gelegenen Kreuzung ab, das noch zu retten war und wo Handwerker im Begriff waren, die Fassade und dahinter wieder Wohnraum herzurichten. Einst waren diese imposanten Mehrfamilienhäuser mit dem für Stuttgart so typischen Werkstein, also dem rötlichen Schilfsandstein, errichtet worden, eine Reminiszenz an die italienischen Palazzi der Hochrenaissance, mit üppigen Gärten, die einen Grüngürtel bis fast ins Stadtzentrum bildeten. In diesen Tagen fiel es schwer, sich des altehrwürdigen Straßenensembles zu entsinnen.

Die Marienstraße.

Kerzengerade vom oberen Ende, an der Einmündung zur Silberburgstraße (welch romantischer Name), etwa 300 Meter leicht hangabwärts, dann die Paulinenstraße kreuzend, bis sie nach noch mal 300 Metern am unteren Ende, dort, wo das Haus Nummer Eins steht, am Wilhelmsbau den Anfang nimmt.

Stuttgart im Jahr 1950.

Recht rasch war die Einwohnerzahl, während des unsäglichen Krieges zu Zeiten nahezu halbiert, aus vielerlei Gründen, wie man sich leicht vorstellen mag, wieder fast auf den Stand der Jahre vor Kriegsbeginn angewachsen, und sie würde noch weiter ansteigen, denn ungeachtet der schlimmen Zerstörungen strömte Tag für Tag ein nicht enden wollender Tross von Flüchtlingen, Aussiedlern, Heimkehrern, Vertriebenen, Heimatlosen, Ziellosen in die Stadt am Fluss mit Namen Neckar.

Selbstverständlich könnte unsere Erzählung ganz leicht auch in einer anderen Stadt spielen, wobei spielen nicht der passende Ausdruck ist. In einer der vielen Großstädte, die in gleichem oder gar noch bedeutend schlimmerem Maße während der Bombennächte und -tage zerstört worden waren, Hamburg etwa, Dresden, Berlin natürlich. Außer - diese Einschränkung muss gemacht werden - der Tatsache, dass diese Stadt hier seit Kriegsende unter der Hoheit amerikanischer Besatzungstruppen stand. Doch halt, nicht seit Kriegsende, es gab da ein Zwischenspiel, das kaum ein paar Wochen währte: Entgegen den Verabredungen unter den so genannten Siegermächten, zu welchen sich unerwartet auch das französische Volk rechnete, Absprachen, wonach die Stadt Stuttgart unter die Gewalt der Amerikaner zu fallen hatte, zogen eilig französische Truppen ein und machten keine Anstalten, in die ihnen eigentlich zugedachten Gebiete weiter vorzurücken. Bei den Alteingesessenen waren die Erinnerungen an jene Wochen nicht von der angenehmen Art. Erst auf entsprechenden Druck der Siegermächte übernahmen dann im Sommer 1945 amerikanische Truppen das Regiment am Neckar, in Stuttgart.

Und nun lebte unser Knabe also in jener Stadt, daran ist nichts zu ändern, in welcher er auch geboren wurde – halt, zur Welt kam er mangels vorhandener Entbindungsstationen im in das nahe Stetten ausgelagerten Bethesdakrankenhaus - und dort sehen wir ihn mit seinem Freund Johnny an jenem Vormittag, während die Sonne sich langsam anschickte, die morgendliche Kühle aus den Gassen, den Höfen und den rückwärtigen Gärten der Marienstraße zu vertreiben. Sehen dabei zu, wie die beiden sich versicherten, damit keiner ihnen zuschauen konnte, wie sie sich unter den Absperrungen duckten, die Warnschilder, die beide so oder so nicht lesen konnten, gleichermaßen missachtend wie die regelmäßigen Ermahnungen der Erwachsenen, hindurch krabbelten und sich an die starken Sandsteinmauern der Trümmerreste drückten, heftig atmend.

Man ahnt, sie taten dies alles nicht zum ersten Mal. Nur, bislang hatten die beiden (und die anderen, es waren derer nicht wenige) sich damit begnügt, die Oberflächen der Bombengrundstücke als Abenteuerspielplatz in Beschlag zu nehmen, die Reste halber Mauerwerke, jene vier von einst zwölf Stufen, die jetzt ins Nichts führten, zu erklimmen, waghalsige Sprünge hinzulegen, Verstecken zu spielen; wo sonst, bitteschön, gab es derlei unwahrscheinlich gut geeignete Verstecke? Oder Wandfliesen früherer Bäder und Küchen, welche vollends abzuschlagen und lustvoll zu zerschmettern eine Freude war? Verbogene, angeschmolzene Türklinken gleich Trophäen zu schwingen? Alles, wie schon gesagt, alles an der Oberfläche der Ruinengrundstücke. Gewiss, da und dort war ein Trichter, eine eingebrochene Kellerdecke, ein verschütteter Treppenabgang, eher zu erahnen, als deutlich auszumachen. Soweit bekannt aber, war noch keines der anderen Kinder der Marienstraße irgendwie weiter hinunter, unter die Oberfläche, den Erdboden der Ruinen gelangt. Hatte den Mut gehabt, die Traute, alle Warnungen in den Wind zu schlagen. Oder gar der Vernunft zu gehorchen. Mochte allerdings sein, dass der oder jener schon „unten“ gewesen war, doch dies ganz für sich behalten hatte. Mit Gewissheit aber kannte man niemanden. Von den Mädchen in der Marienstraße andererseits garantiert keines, die plapperten doch, das war bekannt, alles gleich aus, auch zu Hause bei den Eltern. Logisch daher, dass zumindest von den Mädchen, sechs vielleicht waren es, noch keines „da unten“ gewesen war. Mädchen waren ängstlich und hatten Puppen.

Nun steht andererseits jedoch auch fest, dass unser Knabe, vier Jahre zählend, den Entschluss fasste hinunterzusteigen. Mag es daran gelegen haben, dass sein Johnny, der zwar ebenso alt sein mochte, vielleicht sogar ein wenig älter, von Natur aus ein Kleiner war, dessen Vater sie in der Marienstraße nicht kannten, vielleicht aber auch daran, dass an jenem nun nicht mehr ganz so frühen Vormittag, wo die Sonne die Freifläche des Trümmergrundstückes bereits ein wenig aufgewärmt hatte, wo sich einzelne, kecke Strahlen durch gewisse kleine Lücken in der Oberfläche bis hinunter in die geheimnisvolle Tiefe geschummelt hatten, dass unser Knabe also den Entschluss fasste hinunter zu steigen.

Das hörte sich einfach an. Es hieß aber, erst einmal einen Zugang, ein nur zur Hälfte verschüttetes Kellerfenster zu finden. Oder gar den Kohlenschacht, in welchen die rußschwarzen Männer mit den rußschwarzen Oberkörpern die schweren Kohlensäcke leerten, hinab in den Kohlenkeller, lichtlos bis auf den Schacht, staubig die Männer, staubig ihre Last, so wie sie es vor dem Krieg gemacht und wie sie es auch in der Zeit danach bei den verbliebenen Häusern wieder taten. Ein älterer Freund unseres Knaben, einer aus dem Nachbarhaus, ein Mutiger, hatte es einmal gewagt, die gusseiserne Kohlenklappe im Hof des intakten und somit bewohnten elterlichen Hauses 37 zu öffnen, war auf dem Hosenboden und mit den Füßen voraus auf die Rutsche gerobbt, hatte losgelassen und war unter bangem Beifall der Umstehenden, Erwachsene waren selbstredend keine dabei, im Dunkel verschwunden, den Aufprall auf dem Kohlehaufen konnte man gut hören. Der Freund, noch ganz andere Stücke gab es von dem zu erzählen, war wenig später im Triumph durch die Haustür ans Licht zurückgekehrt; weil kein Spiegel zur Hand war, blieb ihm der Anblick seines äußeren Zustandes so lange verwehrt (oder erspart), bis er zum Abendessen hochbeordert wurde. Es hat ihm diese Heldentat keiner aus der Marienstraße nachgemacht.

Es war nun jedoch nicht ein Kohlenschacht, sondern das glaslose Fenster zur früheren Waschküche, das den beiden, voran unserm Knaben, den Einstieg in die Unterwelt vom Haus 35 möglich machte. Trümmerstücke, nachgerutschte Steine und der Rest der Decke, die zur Hälfte niedergestürzt war, dazu jede Menge Dreck und Erdreich, alles zusammen hatte die Waschküche schräg ansteigend und bis fast hoch zum glaslosen Fenster aufgefüllt. Es galt daher nur noch, sich durchzuzwängen, die leichte Neigung der Verfüllung zu nutzen und zu verhindern, dass man seine Kleidung sich irgendwo aufriss. An die Rückkehr, wo und wie sie wieder durch dasselbe Fenster zurück zur Oberfläche gelangen könnten, daran verschwendeten weder unser Knabe, noch der Johnny einen Gedanken. Vielmehr hielten sie einen Augenblick inne, um sich angesichts des drunten nurmehr gedämpften Tageslichtes erst einmal zurecht zu finden.

Johnny indes war bald von Angst erfüllt. Der modrige, dumpfe Raum, der viele Schutt, urplötzlich begann er zu zittern, schob‘s anfangs auf die Kälte da unten, vermochte den wahren Grund bald nicht mehr zu verbergen, ließ sich auch nicht von den Aussichten auf Entdeckungen, aufregende Funde und anderweitige Abenteuer beruhigen, im Gegenteil, es wurde immer schlimmer und bald flossen Rotz und Tränen übers Gesicht, au weh, da floss auch noch Anderes. Mit reichlich Schmutz und Staub vermengt und unter heftigem Schluchzen suchte Johnny einen Ausgang. Den gab es naturgemäß nicht, nicht geradeaus durch die nächste Tür, nicht rücklings, wo es ins absolute Dunkel führte, nirgends.

Die Schräge aus Schutt und Dreck wieder empor zu gelangen, kostete unseren Knaben und seinen zagenden Freund deutlich mehr Zeit als der Einstieg. Kleider und Schuhwerk, das war rasch klar, würden später bei den Eltern zu höchst unangenehmen Fragen führen.

Johnny war es, dem in seiner Not der glänzende Einfall kam, alles unter reichlich Wasser zu reinigen, daheim wäre eine durchweichte Kleidung mit Sicherheit das geringere Übel.

Dass es eine der gusseisernen, uralten Wasserzapfstellen, die das Nass mittels eines schweren und stets quietschenden Pumpenschwengels reichlich förderten, zum Glück ganz nahebei gab, erleichterte die Reinigungsarbeit ungemein. Nur, dass beide sich zur Verwunderung Vorbeikommender bis auf die Unterwäsche entblößen mussten, war ihnen ungeheuer peinlich, doch immer noch erträglicher als das sichere Donnerwetter daheim.

Unserem Knaben fiel dabei ins Auge, dass die Unterwäsche des Freundes recht erbärmlich ausschaute. Rissig das Unterhemdlein, durchscheinend die viel zu große Unterhose, die fast an den Knien baumelte, besonders nun, wo sie ganz durchnässt war.

Unser Knabe, ach, nennen wir ihn endlich beim Namen, Paul also, wurde darob ziemlich verlegen, der Johnny aber, der wurde es nicht, sah keinen Anlass, weil er daran gewöhnt war. Aber, wie schon gesagt, man kannte ja seinen Vater gar nicht. Daran musste das liegen.

Trotz der den Paul ein klein wenig nach der „Wäsche“ wärmenden Sonnenstrahlen dauerte es nicht mehr lange: Zuerst ein Halsweh am folgenden Tag, Fieber am Tag darauf, fünf Tage Bettruhe, aber wenigstens nicht mehr diese vorwurfsvollen Blicke der Mutter, der Vater ließ sich in der Zeit am Bett gar nicht blicken, so erzürnt war er. Doch eisernes Schweigen über den eigentlichen Anlass jener erfundenen Wasserschlacht in der nahegelegenen Tübinger Straße, dort wo sie sich mit der Silberburgstraße kreuzt.

Das Verbot, aus der Wohnung zu treten, galt für drei Tage, wohlgemerkt ab dem Abklingen der Erkältung. Und das im Frühsommer!

Der Knabe mit dem Namen Paul, ein unverfänglicher Vorname, seit Kriegsende gab man den Kindern solch unverfängliche Vornamen, hatte auch eine rund drei Jahre ältere Schwester. Geboren in einer Zeit, als es angeraten schien, den Kindern gerne solche Vornamen mit ordentlich nordischem Klang anzutaufen, auch als die Zeiten langsam sich eher unheroisch zu entwickeln begannen, manchenteils dann erst recht nordisch, aus Trotz sozusagen, man bewies Durchhaltewillen. Blond war sie natürlich, besaß auch die zugehörigen blauen Augen. Und eben drei Jahre älter als Paul, was ihm manch derben Knuff und manch fantasievolle Plagen verschaffte.

Diese Schwester beschäftigte sich, wer will‘s ihr verdenken, eher mit den älteren Kindern der Marienstraße, Abenteuer, ob über oder unter der Erde, waren nicht ihre Sache. Mehr wohl das Voranschieben von Puppenwagen und die Doktorspiele droben auf dem Trockenboden, der „Bühne“, wo winters die Wäsche aufgehängt war, die sommers hinter dem Haus im Freien auf Wäscheleinen, gleich neben der Teppichstange, das Ballspielen hinderte, weshalb sommers kaum je ein Erwachsener auf die Bühne stieg.

Es war völlig ausgeschlossen, der Schwester vom jüngst entdeckten unterirdischen Reich zu berichten; ihrer Art entsprechend hätten die Eltern sogleich von allem erfahren. Und daher bestand für den Paul keine Gelegenheit, jemanden anderen einzuweihen, nicht die Schwester, aber leider auch nicht die übrigen Kinder der Marienstraße. Das Risiko, eines davon könnte sich verplappern, war der Lust, das Geheimnis zu teilen, weit überlegen.

Johnny tauchte nach dem dritten Tag, Pauls Rekonvaleszenz war von Erfolg gekrönt, der Stubenarrest abgesessen, nicht auf. Auch nicht am vierten. Das „Dschaanniiiiie!“ verhallte ungehört zwischen den Häusern und Ruinen. Auch nicht am fünften und auch danach nicht. Johnny war verschwunden, vom Erdboden verschluckt, obgleich der mit Sicherheit sich nicht nochmal nach „da unten“ getraut hatte. Schon gar nicht allein. Paul hatte keine Ahnung, in welchem Haus genau Johnny wohnte, es hatte immer so ausgeschaut, als habe der schon auf der Gasse gewartet. Und dem war auch so, die Mutter hatte das Kind regelmäßig gleich morgens wegen ihrer Besucher aus der Wohnung schicken müssen, und einen Vater gab es nicht, wie alle wussten; Paul aber kannte auch Johnnys Nachnamen nicht, und wenn, er hätte das Klingelschild nicht lesen können. So machten Nachforschungen keinen Sinn.

Beim „Nolt“, dem kleinen Lebensmittelgeschäft an der Ecke zur Paulinenstraße, war gleichwohl zu hören, dass Johnnys Mutter wohl mit einem weiteren Kind niedergekommen sei, von dem der Vater wieder nicht bekannt war. Die Mutter sei darob der Sorge um ihren Nachwuchs enthoben und in ein Heim für gestrauchelte Frauen (oder für gefallene Mädchen, es kam aufs selbe hinaus) geschickt worden. Johnny kam angeblich in ein anderes Heim, sein Geschwisterchen vielleicht, wenn‘s gut lief, in Adoption, gleich hundert anderen, denen es in jener Zeit und oft bei Schaden fürs ganze Leben ähnlich ergangen war.

Paul erfuhr von den Ereignissen nichts, mit Kindern wurde über derartige Dinge nicht gesprochen. Kinder ging dies und manch anderes nichts an. Was allerdings Gerüchte anlangte, so war an denen kein Mangel. Hier eine abgelauschte Andeutung, dort ein „geh mal voraus, wir haben noch was zu besprechen, das nichts für deine Ohren ist“, wenn die Mütter sich anschickten, ihre Einkäufe in der Stadt zu erledigen. Da kam vieles zusammen, wurde dreimal kräftig durchgerührt, vor den Größeren war man schon etwas weniger zurückhaltend, und so kam es, dass am Ende garstige Spekulationen unter den Kindern der Marienstraße die Runde machten.

Geraubt worden sei der Johnny. Von der MP würde er als Sklave festgehalten oder gleich nach Amerika verkauft. Der MP war nämlich viel zuzutrauen. Schließlich befand sich das Headquarter (noch so ein geheimnisvolles Wort) der Amerikaner unweit der Marienstraße, und von dem ging eine schier magische Anziehungskraft nicht nur auf Kinder aus. Man stelle sich nämlich vor: Hinter hoher Hecke, fast versteckt eine unbeschadet aus dem Krieg hervorgegangene herrschaftliche Villa, ein riesiges schmiedeeisernes Tor, breit genug um gewaltige chromblitzende Dienstfahrzeuge aufzunehmen, mitsamt ihren Weißwandreifen, vor allem aber jene Jeeps, die rund um die Uhr aus- und einfuhren. Man stelle sich weiter vor: das Militärpersonal in Uniform. Und nun das Aufregendste, Faszinierendste, wenigstens für die Kinder: Neger. „Neger“, aus Kindersicht ein in keinster Weise negativ befrachteter Begriff. Aber eben nur aus Kindersicht.

Wie diese Stiefel, die keck geschnürt bis zu den Waden reichten, glänzten, als seien sie aus Metall. Wie die Bügelfalten der Uniformhosen messerscharf anzuschauen waren, für sich schon gefährlich. Und die Lederkoppel, diese eng anliegenden, exakt bis zum Lederzeug reichenden Jacken. Und der blitzblank polierte schwarze Helm erst, sicher aus wertvollem Material, so glänzte der, in weißen Buchstaben darauf das M und das P. All das aber nichts gegen die Neger, die in den Uniformen steckten, als wären sie darin geboren.

Am Tor hielten stets zwei von ihnen Wache. Einer rechts, einer links. Da wagte man sich schon aus dem Grund nicht näher heran, als es der Rand des breiten Trottoirs zuließ, besser, man blieb gleich auf der anderen Straßenseite, auch wenn man von dort viel zu wenig Blick hatte auf die Villa und die ganzen Geheimnisse hinter der Hecke. Nur die ganz Frechen, die ganz Mutigen, die schlenderten, als wäre nichts dabei, am Tor und an den Schwarzen von der MP vorüber, ließen sich scheinbar nichtmal von der Pistole im Holster und auch nicht vom Gewehr über der Schulter beeindrucken; nur, wenn sie mit steifem Rücken vorbei gegangen waren, keinen Blick durchs Tor hatten sie geworfen, dann merkte man schon, dass sich ihre Schritte beschleunigten, bis sie schließlich außer Reichweite waren. Und die musste groß sein.

Ganz schlimm war es, richtig spannend, wenn einen der eine oder der andere MP mit seinem Blick streifte. Man bekam dann auf der Stelle ein schlechtes Gewissen, einfach weil man da war.

Selbst die Frechen und die Mutigen aber griffen nur zu gerne die Gerüchte um Johnny auf. Was mochte der angestellt haben, dass er hinter den Mauern des Headquarters schmachtete. Oder hatte seine Mutter, einen Vater kannte man ja nicht, einen der Neger zum Mann genommen? Oder war Johnny mitsamt Mutter in Wirklichkeit schon längst in Amerika? Nicht auszudenken, bei all dem Kaugummi dort und den Cowboys. Zwischen welchen beiden Begriffen es übrigens einen hörbaren und durchaus einleuchtenden Zusammenhang gab. Denn es war geschehen, dass hin und wieder vom patrouillierenden Jeep der MP (um das Geheimnis zu lüften: MP stand für „Military Police“) einer der echten, unverwechselbaren Kaugummis, Wrigleys Spearmint, in dem grünen Papierchen mit dem idealisierten Speer darauf hin vor eine Gruppe von Kindern aus der Marienstraße geworfen wurde. Da lachten die MPs, wenn die Kinder sich balgten, und wenn es Schwarze waren, konnte man deren blitzweiße Zähne gut sehen, was am Tor zum Headquarter nie der Fall war. Dort nämlich verzogen die keine Miene, nicht morgens und auch nicht abends. Zur Nachtzeit ging so oder so keines der Kinder der Marienstraße am Tor der Villa vorüber.

III. Was wohl mit Johnny war?

Mit dem zur Neige gehenden Sommer, als die Schulkinder an den Vormittagen wieder weg von der Straße waren und sich bei den Zurückgebliebenen so etwas wie Langeweile breit zu machen drohte, sprach schon niemand mehr vom Johnny.

Es war Obstzeit, daran mag es gelegen haben. In den Hausgärten vor allem, denn die wurden gepflegt und gehegt, reiften Äpfel und Birnen, Zwetschgen und Aprikosen, letztere sehr geschätzt, auch Quitten, mit denen war nichts anzufangen, Träuble (Johannisbeeren also), besonders die ekligen schwarzen, bereits geerntet, auch schon die Dirlitzen. Eltern, die aus anderen Gegenden stammten, nannten sie Kornelkirschen, aber Dirlitzen klang einfach besser, so schmeckten sie nämlich auch. Ach, es gab viel zu tun in jenen Wochen für die Kinder in der Marienstraße. Überall hieß es vorsichtig zu Werke zu gehen, die Erwachsenen schienen viel aufmerksamer über die Gärten zu wachen. Und man durfte auf keinen Fall Wasser trinken, wenn man womöglich nicht ganz reife Zwetschgen gegessen hatte, die waren so schön sauer, denn dann, so die glaubwürdige Warnung, dann platze einem der Bauch - ganz sicher. Qualvoll.

Immer früher wurde es dunkel; um den trotz der Früchteklauerei unterm Strich eintönig dahinplätschernden Tagen ein wenig mehr Würze zu verleihen, machte sich der Knabe Paul ein ums andere Mal Gedanken über jenen Vormittag, als er mit Johnny - was mit dem wohl war? - den Abstieg in die geheimnisumwitterte Unterwelt, die gleich nebenan, zwei Hausnummern weiter, sich auftat, gewagt hatte. Nur weil der sich wohl vor Angst nass gemacht hatte, was später jedoch nicht mehr aufgefallen war, hatten die beiden so rasch ans Licht zurück klettern müssen.

Nicht, dass es Paul sehr viel besser gegangen wäre, aber, großes ABER, ihm war das nicht passiert. Nur ein einziges Mal, da war er ganz sicher, bei vollkommen anderer Gelegenheit war „es“ ihm passiert (lassen wir die Zeit der Windeln außen vor, an die konnte Paul sich natürlich nicht erinnern), ausgerechnet an seinem vierten Geburtstag, ausgerechnet, Schande über ihn, obschon das über ein halbes Jahr zurück lag. Immer noch trieb es ihm die Schamesröte ins Gesicht. Es war Kindergeburtstag, die Tante hatte ihr Kasperltheater aufgebaut, sie spielte selber alle Rollen und Paul war’s zum Lachen, immer mehr, rot lief sein Gesichtchen an, er war aufgesprungen, an die eigentliche Geschichte entsann er sich nicht mehr, aufgesprungen, lachte und lachte, und spürte die feuchte Wärme in der Unterhose und an den Kniestrümpfen und da war es ums Lachen geschehen.

Bestimmt zehn Nachbarkinder als Zeugen, er wäre zu gerne im Erdboden versunken, doch das ging nicht, die Wohnung lag in der Beletage und hatte überdies Parkettböden.

Danach musste er sich umziehen lassen, weg mit dem feuchten blauen Kosakenrock, den ihm die Mutter extra genäht hatte, statt dessen tauchte er (auf dem eigenen Geburtstag!) mit der so ungeliebten, labberigen Bleylehose, graue Wirkware, wieder bei den Freunden auf. Nach drunten zum Spielen durfte er mit der auch nicht, die war viel zu empfindlich. Ein schöner Kindergeburtstag das.

Aber an diesem Tag trug er wieder jene speckigen, schön patinierten kurzen Lederhosen samt Kniestrümpfen, die gestrickten und grauseligen langen Strümpfe drohten erst wieder im Winter. Weit und voluminös die Hosentaschen, in denen Reste eines Kaugummis aushärteten, ein richtiges Messerfach seitlich, unbestückt natürlich, aber immerhin. Es zog ihn dieses Fenster zur Waschküche des Hauses 35 unwiderstehlich an, und er mochte sich dem auch nicht entziehen. Lieber wäre es ihm schon gewesen, wenn einer dabei gewesen wäre, doch es hatte sich niemand von den anderen blicken lassen.

Wie er dann drunten war, musste er sich dieses Mal nicht erst lange umsehen und orientieren.

Der Dreckhaufen, über den er hinabgerutscht war, interessierte ihn vorerst kaum. Hinter der ersten linken Tür gab es auch nichts zu entdecken. Deren Holzblatt moderte in seinen Angeln, die weiße Farbe blätterte. Der Raum dahinter hatte ursprünglich auch ein Fenster besessen, das jedoch vom Bombenschutt zugemauert war, Licht kam keines durch. In Dunkelheit gehüllt der Raum dahinter, feucht die Luft und richtig eklig all der Schimmel, an Wänden, auf dem lehmigen Boden, aber dort rechts, da schien es sich zu lohnen. Ein richtiger Tisch stand dort, groß wie der in der Waschküche zu Hause, fast wie neu. Wenn nicht überall diese dicke Staubschicht gewesen wäre. Die Schublade klemmte, ließ sich mit ein wenig Kraft, und die besaß er schließlich, aufziehen. Tastend durchsuchte Paul sie, sicher hatte jemand darin etwas vergessen, etwas von Wert. Es waren dann nur zwei einsame Wäscheklammern aus Holz, angerostet die Federn, unbrauchbar also. Der Spreißel, den er sich zuzog und gleich wieder herauszog, tat weh, das Blut war rasch weggelutscht, und weiter ging Pauls Suche, zu lange durfte (wollte?) er nicht drunten bleiben, und der sandige Haufen hinten im nächsten Raum musste auf jeden Fall noch durchsucht sein.

Es lohnte sich.

Hervor kam eine Gabel, aus Metall, ganz sicher sehr wertvoll, zu Hause hatte man auch ein Silberbesteck, das von der Großmutter aus Pommern irgendwie gerettet und nur bei besonderem Anlass aufgelegt wurde, mit diesen viel zu großen Messern und Gabeln, so dass Paul in der Regel nur den Teelöffel in die Hände bekam (den kleinen Kinderschieber lehnte er inzwischen ab). Solch eine Gabel also. Die Zinken gerade zu biegen ging hier drunten nicht, das musste warten und brauchte passendes Werkzeug. Aber am Wert änderte es nichts. Paul würde das Fundstück gut hinter dem Bollerofen im Kinderzimmer zu verstecken wissen.

Leider ergab die hastige, doch nicht minder gründliche Suche nach weiterem Fundmaterial nichts. Und leider wurde des Pauls Finderstolz dadurch geschmälert, dass er den Eltern und vor allem auch der Schwester auf gar keinen Fall diese Gabel zeigen durfte. Allenfalls dem einen älteren Freund, dem mutigen. Der wusste so manches Geheimnis zu wahren, davon besaß der zur Genüge.

Nur noch dies letzte Zimmer, diesen hintersten Kellerraum, weiter ging es gar nicht mehr, das war zu erkennen.

Zu dunkel, zu gefährlich, denn an eine Taschenlampe war nicht zu denken. So etwas besaß Paul nicht, so etwas war viel zu erwachsen.

Als er durch die ausgehängte Tür trat, wurde ihm der andere Geruch erstmals richtig bewusst. Überall dort unten roch es modrig und irgendwie alt und abgestanden. Hier jedoch mischte sich ein Geruch dazu, den er nicht so mochte und der sich auf seine Zunge legte. Ein Geruch, wie ... wie ... wie er vom Anhänger des Metzgers Daimold ausging, wenn der ihn wieder einmal im Hof vom Haus 39 abgestellt hatte. Daimold fuhr einen dunkelroten Daimler mit schwarzen Kotflügeln, deshalb hieß er wahrscheinlich auch so wie er hieß, und übrigens auch seine beiden Kinder, wenigstens mit Nachnamen, sie wohnten im zweiten Stockwerk, waren eher uninteressant und mit denen spielte man nur zur Not. Eine zweite Tochter, hieß es, war da auch noch. Über die wurde nicht geredet, außer dass sie „verhindert“ war.

Vom Anhänger des Metzgers Daimold ging also jedes Mal, wenn er im Hof stand, ein ganz ähnlicher Geruch aus, nur dass da auch noch Heu mit roch. Und manchmal Blutstropfen zu sehen waren, wenn der Anhänger wieder fort war.

Und so, aber ohne das Heu, roch es auch in diesem hintersten Kellerraum des Hauses Nummer 35 in der Marienstraße, von dem zu ebener Erde nur noch Reste der Sandsteinmauern, von dem aber darunter immer noch diese halb zerfallenen und halb zerbombten Räume existierten, in denen Paul seinen wertvollen Fund gemacht und in deren hinterstem Paul einen ihm schwach bekannten Geruch wahrgenommen hatte.

„Lebensgefahr! Betreten strengstens verboten!!“

Paul, hättest du doch lesen können. Aber selbst dann, man ahnt es...

IV. Stadteinwärts

Wenn man vier Jahre alt ist (viereinhalb!) und in der Marienstraße wohnt, nicht zur Schule gehen muss (oder darf), dann beginnt man, Woche für Woche die Schritte ein wenig weiter zu lenken.

Die Älteren waren, es ist angesprochen worden, den Vormittag über, auch an manchen Nachmittagen, in der Schule. Auch Pauls Schwester, die musste (durfte) in die Römerschule, vielleicht zehn Gehminuten, hinunter zur Tübinger Straße, an der Wasserpumpe vorbei, auch am Dinkelacker vorbei, alle paar Wochen stank das ganze Viertel, wenn in der Brauerei gemälzt wurde, dann links über die Hauptstätterstraße und noch ein Stück den Berg hoch, gleich daneben die Hilfsschule, das geschah den Mädchen recht.

Pauls Schritte führten ihn zum Beispiel stadteinwärts. An der Ecke unten der „Nolt“, ein flacher kleiner Behelfsbau, wo man mit vier Jahren schon die Milch mit der Blechkanne holen durfte, zwei Liter täglich, abgefüllt vom Nolt persönlich, denn er arbeitete immer allein, mit dieser unheimlich langen Schöpfkelle, ohne dass ein Spritzer daneben ging. Und der manchmal Bananen anbot, stückweise. Und eigentlich auch sonst alles, soweit ein Knabe von vier Jahren dies abschätzen konnte.

Weiter drunten in der Marienstraße die Ladengeschäfte eher langweilig, das Blumengeschäft Hartmann rechts, die Radiohandlung Grüner, Herrenbekleidung bei Schmitt, Buchhandlung Steinkopf, alles wenig oder überhaupt nicht interessant – einzig der Zoo-Schreiter zwang nicht nur den Paul, sondern wohl alle Kinder der Marienstraße zum Verweilen vor den mit bunten Vögeln, weißen Mäusen und anderem Getier voll gestellten Ladenfenstern. Es sei denn, man durfte mit den Eltern unterwegs sein, dann ging es bis zum Wilhelmsbau, gleich rechts der „Riccio“, da fanden sich ab dem Vormittag die italienischen Männer ein und tranken Espresso aus der Ehrfurcht gebietenden Maschine. Wenn Paul auftauchte, musste er für die anwesenden Männer, die unheimlich freundlich waren, unbedingt bis zehn zählen, auf italienisch, und dann gab‘s einen Bonbon, beim „Riccio“.

Wenn der Einkaufsbummel aber am Nachmittag stattfand, so gegen fünf, ging‘s ab und an bei Wilhelmsbau auch links ab, in Richtung Alter Postplatz, denn da stand die Wurstbude. Paul liebte Schweinsbratwurst mit Brötchen und gut Senf, eine halbe konnte er locker verdrücken, der Vater nahm sich des Restes und der eigenen noch dazu gerne an. Nun war eines Tages aber Schluss mit den Besuchen der Wurstbude. Einer, der neben dem Vater und von Paul gut beobachtet aß, hatte beim Abbeißen von seiner Schweinsbratwurst in deren Brät nämlich eine schön gegarte, fette Spinne ausfindig gemacht und seinen Fund jedem der anwesenden Wurstesser triumphierend, nur war das kein rechter Triumph, vor die Nase gehalten. Auch Paul mochte Spinnen nicht, schon gar nicht in der Schweinsbratwurst, und so war die Zeit der nachmittäglichen Schweinsbratwürste vorbei.