Maries Harem - Anna Charlotte Kernen - E-Book

Maries Harem E-Book

Anna Charlotte Kernen

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Beschreibung

Im schicken Zehlendorfer Villenviertel gelten sie als das Traumpaar: der fünfzigjährige David, erfolgreicher Arzt mit eigener Praxis und seine 48-jährige Frau Marie, Lehrerin an einer Moabiter Gesamtschule. „Teilzeitsohn“ Ferdinand, Davids siebzehnjähriger Sohn aus einem Seitensprung, sorgt für Lebendigkeit in ihrem komfortablen Heim. Seit über zwanzig Jahren sind David und Marie verheiratet. Trotz Davids Fehltritt zu Beginn der Ehe läuft anscheinend alles wie am Schnürchen. Was auch immer sich ein Paar wünschen kann, ist im Überfluss vorhanden: Geld, Villa, Kind, Hund, gute Jobs und zahlreiche Freunde. Den Seitensprung ihres Mannes kann die Ehefrau verzeihen, aber eins kann sie zu seinem Leidwesen nicht: ihre schöne Wohnung in der Marburger Straße als Rückzugsort aufgeben. Nach einem versuchten Einbruch, Sachbeschädigung und Stalking gerät das bisher beschauliche Leben des Paares völlig aus den Fugen. Wie aus dem Nichts bricht für die Ehefrau ihre schöne heile Welt zusammen. Latente Schlaflosigkeit verbraucht ihre letzten Kraftreserven. Marie schafft es nicht mehr, übergangslos in ein neues Leben zu starten. Denn sie, die angesehene Arztgattin, bisher von allen ehrfurchtsvoll als „Frau Doktor“ angesprochen, hat sich in eine abgemeldete Ehefrau verwandelt, die kraftlos neben einem riesigen Scherbenhaufen hockt. Stück für Stück legt sie ihre Opferrolle ab, um auf ihren eigenen Baustellen voranzukommen. Die Sehnsucht nach einer neuen Beziehung flacht nicht ab. Wird die bald Fünfzigjährige überhaupt noch einen einzigen Partner für alles und das auch noch für immer finden? Ist das nicht pure Illusion? Haben nicht heutzutage viele Ehen nur noch eine begrenzte Halbwertszeit? Und zahlreiche Patchworkfamilien scheitern ebenfalls. In Liebesdingen geht Marie einen neuen Weg. Ihr Liebesleben nimmt eine völlig neue Wendung. Warum nicht einen Harem favorisieren? Als Kollege Olaf, Vater von vier temperamentvollen Kindern, sich brennend für sie interessiert, ist sie unentschlossen. Gibt es mit ihm ein WIR? Dann läuft ihr Thomas über den Weg. Der erfolgreiche Jurist knabbert an einem dunklen Geheimnis. Und dann gibt es auch noch Kojak, ein hervorragender Gefährte für Naturerlebnisse und kulturelle Genüsse. Er bemüht sich ebenfalls um ihre Gunst. Marie entscheidet sich für keinen dieser Männer und damit für alle. Das Glück muss du nicht suchen, sondern finden, ist ihre Devise.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Anna Charlotte Kernen

Maries Harem

„Alle glücklichen Familien ähneln einander,jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich.“Leo Tolstoi, Anna Karenina

Inhaltsverzeichnis

1. Wochenende

2. Böses Erwachen

3. Terror aus dem Nichts

4. Marburger Straße

5. Verwirrung

6. Weggerutscht

7. Hin und her

8. Veränderungen

9. Die allerletzte Reise

10. Achterbahn

11. Väterchen

12. Wendepunkt

13. Der Chiemsee

14. Hoffnungsschimmer

15. Beziehungsruinen

16. Jahresende

17. Hamburger Modell

18. Hotel Adlon

19. Nahkampf

20. Nestbau

21. Kopf hoch

22. Altlasten

23. Arnes Achterbahn

24. Kapitulation

25. Babyschritte

26. Wie weiter?

27. Familientausch

28. Goldstaub

29. Die eine und die andere Welt

30. Besuch aus Bayreuth

31. Wohin mit Mutter?

32. Kojak

33. Zieh an, was du sonst nie anziehst

34. Spurlos verschwunden

35. Einsamkeit

36. Familientreffen

37. Mädels-Abend

38. Schwierige Beschlüsse

39. Anders als gedacht

40. Gegenbesuch

41. Philharmonie

42. Alltäglicher Wahnsinn

43. Anders als gedacht

44. Asyl

45. Klartext

46. Die andere Silvesterfeier

47. Zwischen den Jahren

48. Neujahrsfrühstück

49. Kleine Fluchten

50. Frühlingserwachen

51. Etwa ein Neuer?

52. Aus einer anderen Welt

53. Alte Försterei

54. Altmühltal

55. Alter Kummer

56. Nuray

57. Heimaturlaub

58. Lebenstraum erfüllen

59. Unterwegs

60. Abschied

61. Heimwärts

62. Sterndeutung

Die wichtigsten Personen:

Über die Autorin

Danksagungen:

Hinweis:

Impressum

1. Wochenende

Ihr Zeigefinger schoss in die Luft. „David, hast du die Sternschnuppe gesehen?“ Maries blonder Kopf flog zu ihm herum. Er bemerkte ihre strahlenden Augen.

„Und?“, brummte der Ehemann. „Was hast du dir gewünscht?“

„Hm?“ Lächelnd ließ sich seine Frau wieder in den gepolsterten Gartenstuhl zurückgleiten und verschränkte beide Arme hinter dem Kopf. „Eigentlich habe ich alles, was ich mir wünschen könnte.“

„Eigentlich?“ Der fünfzigjährige Ehemann griff nach seinem bauchigen Glas und ließ die restliche Flüssigkeit des samtigen Rotweins darin kreisen.

„Ja.“ Lächelnd beobachtete sie weiterhin die funkelnden Sterne. „Es geht mir ganz ausgezeichnet. So gut wie schon lange nicht mehr. Habe überhaupt keine Sorgen. Alles läuft wie geschmiert.“

Charly hob seinen riesigen Hundekopf. Die großen, bernsteinfarbenen Augen des schwarzen Labradors blickten liebevoll zu ihr auf, als freute er sich über ihre Worte. Der warme Sommerwind spielte mit den Blättern der Rotbuche zu ihrer Rechten und bewegte sanft ihr blondes Haar. Vom Nachbargrundstück wehte ein zarter Fliederduft herüber.

Verweile doch, du bist so schön! Diese Zeile kam ihr kurzerhand in den Sinn.

„David,“ ihr Oberkörper beugte sich zu ihm vor. „Du glaubst nicht, was ich letzte Nacht geträumt habe.“

„Woher soll ich das wissen, Schatz?“

Marie suchte vergebens Blickkontakt. „Ich war allein auf einem Highway. Kannst du dir das vorstellen?“

„Nicht wirklich“, schmunzele er.

„Komischerweise hatte ich zuvor meine Haare schwarz gefärbt“, fuhr sie fort.

„Klingt so, als ob du dich verändern wolltest“, murmelte er.

„Nee, nee“, winkte sie lachend ab. „In meinem Traum sausten plötzlich vier gutgebaute Kerle mit freien Oberkörpern auf heißen Öfen herbei.“

Abwartend hob David sein Glas an den Mund. „Und was passierte dann?“

„Dann bin ich aufgewacht“, flüsterte sie enttäuscht.

Ein Amselmännchen lockte noch immer mit seinem Gesang ein Weibchen herbei. David gähnte herzhaft.

„Endlich Wochenende.“ Marie lehnte sich gemütlich in den Gartenstuhl zurück. Vor ihrem inneren Auge zog der vergangene Tag noch einmal an ihr vorbei.

An diesem Freitag hatte sich das Ehepaar zeitiger als gewöhnlich in seiner Zehlendorf Villa eingefunden. Der Ehemann hatte bereits den gesamten Wochenendeinkauf erledigt und die Lebensmittel säuberlich im Kühlschrank verstaut. So wie zu Beginn eines jeden Wochenendes hatten sie mit Charly einen längeren Spaziergang am Wannsee unternommen, sich zur Tagesschau eine Spinat-Pizza geteilt und mit einem Gläschen Sekt auf die nun vor ihnen liegende freie Zeit angestoßen. Und dann hatte es sich wie von selbst ergeben: Noch im Wohnzimmer, diesmal auf dem weichen Berberteppich, hatten sie sich geliebt.

Jetzt, weit nach Mitternacht, saßen sie auf der Terrasse und genossen die sternenklare Sommernacht.

„Möchtest du noch ein Schlückchen?“ David hielt die Rotweinflasche auf Augenhöhe. Sie nickte erfreut. „Wenn man doch die Zeit anhalten könnte!“ Lächelnd nippte sie an dem gefüllten Glas. „Verweile doch, bist so schön“, zitierte sie. „David, wer hat diese wunderbare Weisheit von sich gegeben? War das Goethe?“

„Ich bin müde“, gähnte er lautstark. „Das war wieder einmal eine schrecklich anstrengende Woche.“

Marie atmete mehrmals tief durch. „Für mich ebenfalls.“

„David, ich habe wieder einmal enorme Probleme mit meinem Notebook. Vielleicht hilft mir Ferdi morgen.“ Ihren Stiefsohn Ferdinand liebte sie wie ein eigenes Kind.

Sie richtete sich auf. „Kommt Ferdi morgen bereits schon zum Frühstück?“

„Nee.“ Vorsichtig stellte David die leere Flasche neben seinem Liegestuhl auf die Erde. „Der Kerl verbringt das gesamte Wochenende bei der Frau Mama.“ Davids Unterkiefer verkrampfte sich. „Hab ich dir das nicht gesagt?“

Sie zuckte mehrfach die Achseln. „Schade.“

Wie gern hätte sie ihren Stiefsohn an diesem Wochenende um sich gehabt. Mit Ferdinand war das Familienleben perfekt: Vater, Mutter, Kind und Hund in einer beeindruckenden Villa mit großzügigem Garten.

Dabei begann diese perfekte Welt mit einer ernsthaften Krise. Kurz nach ihrem dritten Hochzeitstag betrat David mit einem Baby auf dem Arm das Haus. „Das ist mein Teilzeitsohn“, erklärte er knapp. Das herzzerreißende Wimmern des Säuglings hatte Marie aus ihrer Erstarrung geweckt. Während sie sich um das Kind kümmerte, hatte David mit einer wegwerfenden Handbewegung seine Affäre heruntergespielt. Die Frau habe ihm nichts bedeutet. Es sei halt passiert. Bei einer dieser vielen Nachtschichten. Er könne sich nicht einmal genau an die Krankenschwester erinnern.

„Mann, jeder hatte was mit der. Und dann hatte sie es eben auch auf mich abgesehen.“

„Du armes Opfer“, hatte Marie verächtlich gemurmelt, während sie den Säugling wickelte.

„Ja.“ Er nickte zustimmend. „Ich musste sogar einen Vaterschaftstest machen.“

Marie erinnerte sich nur ungern an die Folgezeit.

Biggi, Ferdinands leibliche Mutter, war anfangs zu keinem Kompromiss bereit.

„Das ist mein Kind!“, versuchte sie von Anfang an, das Zepter in der Hand zu halten. Marie habe nichts zu sagen. David zog es vor, keinerlei Stellung zu beziehen.

„Man sollte euch mit den Köpfen zusammenstoßen, damit endlich Ruhe einkehrt“, war sein Kommentar, wenn Marie seine Unterstützung gebraucht hätte.

Damals war David für sie ein Buch mit sieben Siegeln. Dabei hatte er anfangs so engagiert um ihre Gunst gerungen. Bereits drei Monate nach ihrem Kennenlernen fand sie in ihrem Briefkasten eine Musikkassette. Völlig verwundert hörte sie Davids wohltuend männliche Stimme: „Marie, wir kennen uns noch nicht lange. Ich bin mir aber hundertprozentig sicher: Du bist die erste Frau in meinem Leben, die einen nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht hat. Willst du mich heiraten?“

Kurze Zeit später trug er sie über die Schwelle seines Hauses. „Wir lassen uns mit dem Nachwuchs noch etwas Zeit“, hatte er vorgeschlagen. Doch dann trat Ferdinand überraschend in ihr Leben. Warum hatte sie sich damals mit Elan in die neue Rolle einer Stiefmutter gestürzt, anstatt ihm die Hölle heißzumachen? Liebte sie David so sehr? Oder Ferdinand? Vielleicht die neue Situation?

Als der Junge in die Pubertät kam, begann eine schwierige Phase. Der Knabe lud seine geballte Frustration ausschließlich bei Marie ab.

„Da müssen wirdurch“, kommentierte David lapidar unschöne Szenen zwischen dem Sohn und seiner Frau. „Marie, das legt sich von selbst.“

Von selbst? Marie hätte sich durchgreifende Vater-Sohn-Gespräche gewünscht. Die fanden zu ihrem Bedauern nie statt.

Inzwischen hatten sich die Wogen geglättet. Mit siebzehn war Ferdinand kein Kind mehr, vielmehr ein Jugendlicher mit einem Sack voller Wünsche und Ideen. Wenn sein Sohn etwas Materielles begehrte, sprintete sein Papa sogleich los. Hier das neues iPhone, da eine Edel-Jeans. Marie hätte sich stattdessen mehr väterliche Zuwendung erhofft.

„Erwachsene Menschen kannst du nicht mehr ändern“, hatte ihr Bruder Christian mitleidslos von sich gegeben. „Männer schon gar nicht. Nimm deinen David so, wie er ist, oder lass es.“ Diesen Rat beherzigte sie. Ja, gibt es nicht in jeder Ehe hin und wieder handfeste Krisen? Bei uns läuft es vergleichsweise moderat, beruhigte sie sich.

„David, ich bin hundemüde!“, gähnte Marie langanhaltend.

Er erhob sich schwerfällig. „Ja, lass uns endlich schlafen gehen.“

Als das Ehepaar das Schlafzimmer betrat, graute bereits der Morgen. Sobald Davids Wange sein Kopfkissen berührte, schlief er laut schnarchend ein.

Von Anfang hatte sich Marie nicht an diese entsetzliche Geräuschkulisse gewöhnen können. Regelmäßig floh sie in das angrenzende Gästezimmer, sehr zum Missfallen ihres Mannes. „Ein Ehepaar sollte in einem Ehebett schlafen und morgens zusammen aufwachen“, verlangte er mitleidslos. „Mach einfach deine Augen zu und schlafe!“

Liebend gern wäre sie seiner Aufforderung nachgekommen. Wieder und wieder hatte sie es versucht. Doch nach zahlreich durchwachten Nächten sehnte sie sich nur noch nach erholsamem Schlaf. Marie schloss die Augen. Eine Flut von Gedanken strömte durchs Hirn. Hatte nicht Mutter zeit ihres Lebens über Schlafstörung geklagt? Vererbt sich das Schlafverhalten so wie die Ähnlichkeit von Augen oder Nasen? Warum kennen die Ärzte noch immer kein geeignetes Heilmittel gegen diese existenzielle Beeinträchtigung? Die Pharmaindustrie könnte sich mit einem geeigneten Präparat dumm und dämlich verdienen. Klagen nicht über dreißig Prozent der Bundesbürger über schlechten Schlaf? Das hatte sie vor kurzem in einer von Davids medizinischen Fachzeitungen gelesen. David hatte ihr einmal ein Schlafmittel verschrieben. Tatsächlich ließ der erlösende Schlaf nicht lange auf sich warten. Doch am nächsten Tag stand sie wie ein Zombie vor ihrer Klasse. Schlafmangel ist Folter und pubertierende Teenies reagieren häufig mitleidslos auf die Schwächen der Erwachsenen.

2. Böses Erwachen

In dieser Nacht lag Marie lange wach. Als sie endlich einschlief, war er wieder da, der quälende, häufig wiederkehrende Albtraum aus frühster Kindheit:

Vater und Mutter stritten im Nebenzimmer. Gegenstände polterten gegen die Wände. Die keifende Stimme der Mutter übertönte Vaters Gegröle.

Marie erwachte. Gähnend rieb sie sich die brennenden Augen. Im trüben Mondlicht erkannte sie die Umrisse der alten Kommode am Fenster. Sie starrte auf die Zeiger des Reiseweckers: drei Minuten nach vier. Sie drehte sich auf die andere Seite.

Erschreckt fuhr sie hoch. Was war das? Sie hielt den Atem an und lauschte. Da! Schon wieder. Träumte sie etwa noch? Lärm wie in ihrem Albtraum: Poltern und eine keifende Frauenstimme. Das war kein Traum. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Sie schwang beide Beine gleichzeitig aus dem Bett. Unschlüssig blieb sie stehen, dann schlich sie zum Treppenabsatz, beugte sich weit hinunter und lauschte in die Dämmerung. Nichts. Zwei Autos fuhren dicht gefolgt die Straße entlang. Marie holte tief Luft. Litt sie etwa unter Halluzinationen?

Das laute Schnarchen aus dem ehelichen Schlafzimmer beruhigte sie etwas. Erleichtert hob sie beide Schultern und tapste wieder in das kleine Zimmerchen. Auf halbem Wege blieb sie wie angewurzelt stehen. Ja, jetzt hörte sie es ganz deutlich. Eindeutiger Lärm. Und er kam von unten. Ein Knacken. Oder Hämmern?

Einbrecher, schoss es ihr durch den Kopf. Sie bewegte sich leicht schwankend, als ob sie getrunken hätte, zum Treppenabsatz zurück.

Lockte nicht gerade diese vornehme Gegend kriminelles Gesocks an? Sie streifte ihren seidenen Morgenmantel über und schlich zu ihrem schlafenden Ehemann ins Nebenzimmer.

Mit aufgestellten Ohren erhob sich der Hund und trottete auf sie zu. „Charly, warum bellst du nicht?“, flüsterte sie verwundert. Auf leisen Sohlen trat sie dicht sein Bett. „David“, heftig rüttelte sie seine Schultern. „David!“ Ihre Stimme nahm deutlich an Volumen zu. „David, wach endlich auf. Unten ist jemand.“

„Was is?“, nuschelte er schlaftrunken.

„Hör doch! Unten sind Einbrecher“, wiederholte sie mit krächzender Stimme.

„Ich hör’nix“, kam es schläfrig aus seiner Betthälfte.

Tatsächlich, im Moment herrschte geisterhafte Stille.

Ruckartig drehte er ihr den Rücken zu und igelte sich ein. „Hattest du wieder Albträume?“, brabbelte er in sein Kopfkissen.

Regelmäßige Atemzüge, die in Schnarchen übergingen, verdeutlichten ihr, was er von diesem Vorfall hielt. Sie trat einige Schritte zur Tür, ohne David eines Blickes zu würdigen. Der Morgenmantel klebte an ihrem Körper.

Erstarrt blieb sie stehen. Da! Ein Knall. Eine Hitzewelle durchströmte ihren Körper. Automatisch legte sich ihre rechte Hand auf das wild klopfende Herz. Jetzt hörte sie es überdeutlich. Jemand schlug energisch gegen die Haustür. Das war keine Einbildung. Kein Traum. Das war Realität. Jetzt hörte sie eine heisere, tiefe Frauenstimme. „Schatz, bitte. Mach die Tür auf! Ich bin’s. Deine kleine Muschi-Maus.“

„David!“ Erneut rüttelte Marie den Schlafenden. „Wach auf! Unten ist … eine Verrückte.“

„Nicht schon wieder“, kam es verschlafen unter der Daunendecke hervor.

„Mach endlich die Tür auf!“ Dieser eindringliche Befehlston von unten war unüberhörbar: Eine herrische Dame verlangte Einlass. Im selben Moment hörte Marie Geräusche wie bei einem Polterabend.

„David“, stotterte sie voller Entsetzen. „Wer ist diese … Muschi-Maus? Das kann doch nur eine Irre sein. Soll ich die Polizei rufen? Oder Charly auf die Frau hetzen?“

Warum reagierte ihr Mann so unfassbar entspannt? So gleichgültig, als ginge ihn dieses Spektakel nichts an?

Warum bewegte er nicht seinen Hintern aus dem Bett?

Warum stand er ihr nicht bei? Er lag da wie ein Unbeteiligter in einem Tatort-Krimi.

Befand sich die Verrückte inzwischen schon im Haus? Vorsichtig schlich Marie die Treppenstufen hinunter. Sie erschrak über die schemenhaften Umrisse einer Gestalt hinter der geriffelten Glastürscheibe. Im selben Moment sprang Charly wütend bellend gegen die Haustür.

„Hauen Sie ab!“, schrie Marie so laut sie konnte. „Ich rufe jetzt die Polizei.“

Mit zittrigen Fingern riss sie das Festnetztelefon aus der Halterung und wählte 110. Zu ihrem Erstaunen war ein Uniformierter blitzschnell zu einem Einsatz bereit.

„Versuchter Einbruch.“ Ihre Stimme zittert so sehr, dass sie den Sachverhalt kaum schildern konnte.

Wo war David? Mit letzter Kraft flüsterte sie die Adresse in den Hörer und legte auf. In diesem Augenblick bemerkte sie ihren Mann. Bewegungslos verharrte er auf dem obersten Treppenabsatz, lediglich mit einer knappen Unterhose bekleidet.

„Die Polizei ist in wenigen Minuten da“, rief sie ihm entgegen.

„Sag mal, willst du dir nichts überziehen?“ Sie schlich in die Küche. Vorsichtig schob sie die kleine Gardine beiseite und lugte auf den Ort des Geschehens. Scherben übersäten den gepflegten Vorgarten. Alle Keramikblumentöpfe, die den Weg zum Haus zierten, waren zerdeppert, die Pflanzen böswillig geknickt. Im gegenüberliegenden Wohnzimmerfenster hatte bereits eine Nachbarin ihren Logenplatz eingenommen. Offenbar hatte die Verdächtige den Tatort schon verlassen.

„Du, die Frau hat Schatz gerufen“, stotterte Marie mit zerfurchter Stirn. „Muschi-Maus wollte ganz offensichtlich zu dir.“ Ihr Atem stockte.

„David?“ Ein plötzlicher Gedanke bohrte sich in ihr Hirn und ließ sich von dort nicht mehr abwimmeln. „Kennst du diese … Muschi-Maus? Hast du was mit der?“

Zwei Polizeibeamte ersparten ihrem Mann eine Antwort. Erschöpft lehnte sich Marie gegen den mannshohen Kühlschrank. „David, rede du mit ihnen. Ich ... ich kann nicht mehr.“

Er nickte schwach. Fluchtartig rannte sie die Treppe hinauf. Im Bett zog sie die Decke über beide Ohren. Ihr Herz raste. Schweißtropfen drangen in ihre Augen. Oder waren es Tränen? David erschien im Türrahmen. „Sie sind weg. Mach dir keine Sorgen.“

„David, hast du Anzeige erstattet?“, stotterte sie.

„Wieso?“ Er warf ihr einen Blick zu, als wäre er mit seiner Weisheit am Ende.

„Hallo!“ Empört fuhr sie hoch. „Noch vor wenigen Minuten wollte eine Verrückte bei uns einbrechen. Sie hat unseren Vorgarten verwüstet und dich Schatz genannt.“

Vergeblich versuchte sie, den aufsteigenden Tränenstrom zu stoppen. Ihr Unterkiefer zitterte. „David, das ist Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung, Stalking und ...“

Ihr Mann starrte aus dem Fenster. „Mach um Himmels Willen nicht so ein Drama draus.“

Sie runzelte die Stirn. „David, du kennst diese Frau!“ Ihre Stimme piepste. „Stimmt’s?“

„Ja“, hörte sie den beruhigenden Tonfall des Onkel Doktors. So sprach David gewöhnlich mit schwerkranken Patienten.

Er fuhr herum und fuchtelte mit beiden Armen. „Mann, diese Muschi-Maus ist eine Patientin von uns. Die Alte sucht mit Gewalt einen Kerl. Bei meinen Kollegen hat sie es auch versucht. Tommy und Gerhard haben sie abblitzen lassen. Und jetzt hat sie es eben auf mich abgesehen.“

In Maries Innerem erschien ein Warnsignal. „Wie alt ist diese … Muschi-Maus?“

„Weiß ich doch nicht.“ Seine Stimme klang ungehalten. „Vielleicht Anfang dreißig?“

„Wenn dieser versuchte Einbruch tatsächlich so harmlos war“, vergeblich suchte sie Augenkontakt, „warum hast du mich nicht davon abgehalten, die Polizei zu rufen?“

Er stand da, wie ein kleiner Schüler an der großen Tafel vor einer ausweglosen Mathe-Aufgabe.

„Ich muss mich hinlegen.“ Sein abwesender Blick verdeutlichte ihr, nicht mehr zuhören zu wollen. „Bin müde.“

Als er jedoch ihre weit aufgerissenen Augen bemerkte, legte er beruhigend eine Hand auf ihre Schulter.

„Schatz, wir haben morgen viel vor. Wir sollten jetzt schlafen.“

Er nennt mich Schatz, registrierte sie. Und diese verrückte Muschi-Maus nennt ihnSchatz. Ihr aufgewühltes Inneres verhinderte den erlösenden Schlaf. David hingegen schlief wie ein Stein und Charly schnarchte auf seiner Matte vor dem breiten Ehebett.

3. Terror aus dem Nichts

Überraschend wurde die für den heutigen Nachmittag geplante Gesamtkonferenz ihrer Schule abgesagt. Ein Geschenk des Himmels, freute sich Marie. Die Unterrichtsvorbereitungen für den nächsten Tag hatte sie bereits in einer Springstunde zwischen zwei Unterrichtsblöcken erledigt. Ein schöner Nachmittag lag vor ihr.

Auf dem Nachhauseweg kaufte sie beim Bäcker ein Mandelhörnchen und in dem winzigen Zeitungsladen gleich daneben die neueste Ausgabe ihres Lieblingsjournals.

Jetzt lockte die sonnige Terrasse. Zufrieden sank sie in den gepolsterten Gartenstuhl und freute sich auf den duftenden Kaffee. Das Telefon meldete sich. Seufzend erhob sie sich und eilte an den Apparat.

„Ich bin’s“, klang die fröhliche Stimme ihres Stiefsohns aus dem Hörer.

„Du, Marie, ich wollte nur Bescheid sagen. Ich komme heute etwas später. Bin bei Matze. Am Computer.“

Ballerspiele, vermutete seine Stiefmutter.

„Wir haben schon mit Charly eine ausgiebige Wanderung gemacht“, erzählte der Junge, als hätte er soeben die Gedanken seiner Stiefmutter erraten.

Der Siebzehnjährige führt noch das unbeschwerte Leben eines Kindes, kam es ihr in den Sinn. War David ein Sugar-Daddy?

Der gestrige Abend kam ihr in den Sinn.

„Hast du mitgekriegt, dass Ferdi seine Mathe-Klausur versiebt hat?“, hatte sie ihn beiläufig gefragt.

„Na und?“, hatte er lapidar geantwortet. „Haben wir das damals nicht alle?“ Damit war für ihn das leidige Thema vom Tisch.

War sie in Wahrheit neidisch auf diese Leichtigkeit des Lebens?

Sie atmete tief durch. Jetzt spielte Ferdi mit seinem Freund Matze Ballerspiele. Na und? Machen doch alle in diesem Alter. Zeiten ändern sich. Wozu dem Jungen den Spaß verderben?

„Alles klar, Ferdi“, antwortet sie gutgelaunt. „Super, dass du angerufen hast. Dann bis später. Ich freue mich auf dich.“

„Marie, was gibt’s zu essen?“

„Heute geht’s zum Lieblings-Italiener.“

„Stimmt“, erinnerte sich Ferdinand gutgelaunt.

Marie begab sich wieder auf die sonnige Terrasse.

Ja, sie war neidisch auf das sorglose Leben ihres Stiefsohns.

Bereits mit zehn Jahren hatte man ihr viel zu viel Verantwortung aufgeladen: einkaufen, saubermachen, Müll herausbringen.

Wenn sie beispielsweise ihrer Oma Gesellschaft leisten musste, hockte sie stundenlang bei der alten Frau. Hörte zum wiederholten Male schaurige Kriegserlebnisse, während draußen die Freundinnen fröhlich lärmten. Wo war der Weg in die Freiheit? Eine einfache und klare Lösung stand plötzlich vor ihrem geistigen Auge: aufstehen, eine kurze Entschuldigung murmeln und gehen. Ohne ein Wort des Bedauerns. Sich erheben und entfernen. Wie erstaunlich unkompliziert das Leben in Wahrheit sein konnte.

Das Telefon riss sie aus tiefen Gedanken. Marie atmete tief durch.

„Ferdi, hast du was vergessen?“, rief sie in den Hörer. Sekundenlang hörte sie ein Rauschen, dann ein merkwürdiges Knacken in der Leitung. Ihr Herz hämmerte.

„Hallo? Ferdi? Bist du das? Komm, lass den Scheiß!“ Totenstille. Das ist nicht Ferdinand, ahnte sie. Sie legte auf.

Es klingelte erneut.

„Wenn Sie sich nicht melden, lege ich wieder auf“, rief sie verärgert. „Ich zähle bis drei.“ Bei drei drückte sie den Anruf weg. „Vielleicht eine verwirrte Patientin“, murmelte sie vor sich hin.

Auf halbem Weg zur Terrasse läutete es erneut. „Warum springt der verdammte Anrufbeantworter nicht an?“, fluchte sie.

„Hallo?“ Marie atmete tief durch. „Sie schon wieder!“, unterbrach sie das eisige Schweigen in der Leitung.

„Wie gesagt, bei drei lege ich auf.“ Ihre Stimme klang verärgert.

„Warten Sie! Ich habe eine bessere Idee. Bitte bleiben Sie am Apparat. Ich hole nur schnell meine fantastische Trillerpfeife. Die wird Sie mit Sicherheit in Stimmung bringen.“

„Frau Drenkmann? Guten Tag, Frau Drenkmann. Geht es Ihnen gut, Frau Drenkmann?“ Die blecherne Stimme erinnerte Marie an Durchsagen auf zugigen Bahnhöfen in Edgar-Wallace-Filmen. Ihr Herz klopfte wild. „Was wollen Sie?“, stammelte sie. „Mein Mann ist nicht da.“

„Ich weiß, wo ihr Mann ist. Überhaupt weiß ich über alles Bescheid.“

Wie von einem Stromschlag getroffen warf Marie das Telefon in die Ladestation. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Es klingelte abermals. Erregt riss sie das Telefon an sich.

„Worüber wissen Sie Bescheid?“

„Über alles.“

Marie starrte vor sich hin, als stünden die Antworten auf der gegenüberliegenden Wand. „Wer sind Sie überhaupt?“

„Das ist jetzt nicht das Thema.“

Marie fuhr sich an die Stirn. Das ist Muschi-Maus. Ihre Hand zitterte. „Was bitteschön ist jetzt das Thema?“

„Sie glauben, Ihr Mann liebt Sie?“, kam es süffisant aus dem Hörer.

„Was für eine absurde Frage?“

Maries innere Stimme mahnte überdeutlich: „Leg sofort auf! Sofort! Das ist die verrückte Muschi-Maus.“

Warum klebte ihr Ohr stattdessen am Telefon? Warum wollte sie wissen, was dieses böse Weib zu sagen hatte?

„Was wollen Sie?“, schrie sie die angestaute Wut heraus. Mit exakt dieser Stimme wies sie gewöhnlich rebellische Schüler erfolgreich in die Schranken.

„Ihnen die Augen öffnen“, kam es scheinbar mitfühlend vom anderen Ende der Leitung.

„So ein Quatsch“, protestierte Marie. „Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass es sich hier um einen privaten Anschluss handelt.“

„Dann nehmen Sie bitte zur Kenntnis“, kam es geradezu lustvoll aus dem Hörer, „dass David und ich schon seit Jahren eine glückliche Beziehung haben.“

Maries Herz schlug bis zum Anschlag. Sie legte das schnurlose Telefon zurück in die Ladestation.

„Ruf David an“, riet der Verstand. „Vielleicht ihn die Situation aufklären.“

„Und wenn nicht?“, ängstigte sich das Gefühl. „Was ist, wenn die Verrückte recht hat?“

Marie riss das Telefon wieder an sich.

Ihr Mann mache derzeit Hausbesuche, bedauerte seine neue Arzthelferin.

Marie wählte Davids Handynummer. Im selben Moment verriet ein vertrauter Klingelton den Aufenthaltsort seines Handys: Es befand sich nebenan auf dem Küchentisch. Was nun? Sie fasste sich ans Kinn. Hilfe holen? Während das Festnetztelefon weiterhin läutete, eilte Marie über die Straße zur Nachbarin. Die angetrunkene Hausfrau öffnete die Haustür. „Marie, was willst du denn hier?“

„Margit, bitte komm mit. Ich werde belästigt. Bitte hilf mir.“

„Was?“, lachte die Vierzigjährige. „Soll das ein Scherz sein?“ Die Frau begriff den Ernst der Lage erst, als sie Maries angespannte Gesichtszüge registrierte.

Beide Frauen betraten das Wohnzimmer der Familie Drenkmann. Margit ließ sich sogleich in Davids gemütlichen Ohrensessel fallen wie ein Theaterbesucher, kurz bevor sich der schwere Vorhang öffnet.

„Margit, wenn sich die Stalkerin wieder meldet“, flehte Marie, „dann geh du bitte ran!“

„Und was soll das bringen?“ Schwerfällig stemmte sich die Übergewichtige aus dem Sessel. „Was soll ich der denn sagen?“

„Keine Ahnung.“ Marie fuchtelte wild mit den Armen. „Sage irgendetwas. Frage sie, was sie will? Margit, ich brauche dich als Zeugin.“

Eine Weile starrte die Nachbarin auf die stumme Telefonanlage wie auf ein unbekanntes Tier, dann watschelte sie in die Küche.

„Bist du sicher, dass …?“ Unaufgefordert öffnete sie die Kühlschranktür, ging davor ächzend in die Hocke und angelte sich eine Flasche Bier heraus. „Willste auch eins?“

Marie schüttelte den Kopf. „Margit, fühle dich ganz wie zu Hause.“ Gedankenverloren starrte sie aus dem Küchenfenster, ohne etwas wahrzunehmen. Die Nachbarin watschelte zum Sessel zurück, ließ sich reinfallen und nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche. „Marie“, mit der Flasche deutete sie auf die Frau vor sich. „Kann es sein, dass du dir das nur einbildest?“

Marie war den Tränen nahe. Als es erneut klingelte, atmete sie erleichtert auf. „Los, Margit! Jetzt! Geh ran!“

„Was wollen Sie?“, lallte die Aufgeforderte in den Hörer. „Wird’s bald!“ Sie hielt das Telefon in die Höhe. „Marie, da ist keiner.“

Mit hektischen Bewegungen gab Marie ihr zu verstehen, weiterzureden. Achselzuckend nahm Margit das Telefon wieder ans Ohr.

„Nun melde dich schon, du Ober-Schlampe! Habe nicht ewig Zeit für feige und verrückte Anruferinnen. Also hopp!“

Schief grinsend nahm Margit das Telefon vom Ohr. „Aufgelegt.“ Breitbeinig ließ sie sich wieder in den Ohrensessel plumpsen. „Marie, geh einfach nicht mehr an den Apparat, dann verliert die doofe Nuss die Lust.“

„So einfach ist das nicht, ...“

„Doch“, fiel ihr die beleibte Nachbarin ins Wort. „Lass doch die Bekloppte den Anrufbeantworter vollquatschen.“

Nur mit Mühe hielt Marie ihre Tränen zurück. „Der Anrufbeantworter ist ausgeschaltet. Diese gigantische Telefonanlage ist nagelneu. Ich weiß nicht, wie sie funktioniert. David will nicht, dass ich daran herumfummle.“

Margit setzte die Flasche erneut an den Hals. „Nachmittags habe ich immer so’n Durst.“

„Willst du noch eine?“, bot Marie ihr an.

„Da sag ich nicht nein.“ Mit zusammengekniffenen Augen schaute sie auf Maries Rücken. „Ruf doch David auf seinem Handy an.“

„Scherzkeks“, lachte Marie schrill. „Hier.“ Ihr Zeigefinger deutete auf den Durchgang zur Küche. „Das Ding liegt hier. Auf dem Küchentisch.“

„Dann ruf doch in der Praxis an. Bitte um Rückruf.“

Das Telefongeläute unterbrach die Unterhaltung. Margit fuhr schwerfällig hoch.

„Ach, Sie schon wieder“, schnauzte sie in den Apparat. „Sind Sie absolut sicher, dass Sie die richtige Nummer gewählt haben?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort, „gut, dann leg ich eben auf.“

„War das die Verrückte?“, flüsterte Marie.

„Wer sonst?“ Margit nickte mehrfach. „Das ist … in der Tat … äußerst … lästig.“

Marie versuchte es erneut in der Praxis. Dort informierte der Anrufbeantworter die Anruferin über die Telefonnummer des ärztlichen Notfalldienstes.

„Seltsam.“ Auf Margits Stirn bildeten sich steile Falten. „Um diese Zeit ist in der Praxis doch immer Hochbetrieb.“ Sie wankte zur Haustür. „Ich muss jetzt los. Hab eine Kartoffelsuppe für meinen Alten auf dem Herd.“ Sie registrierte Maries ängstliche Augen. „Marie, stecke dir Ohropax in die Ohren. Setzt dich gemütlich in den Garten. Lass die Alte sich selber nerven.“

„Guter Plan“, nickte Marie. Sie verschloss die Haustür und ließ sich erneut in den Gartenstuhl sinken. Der Kaffee schmeckte inzwischen bitter. Wie von fern hörte sie das ununterbrochene Geläute des Telefons. Ihr Gedankenkarussell gewann an Fahrt.

Vielleicht ist es nur eine Computerschaltung. Oder hat diese Muschi-Maus nichts anderes zu tun, als hier pausenlos anzurufen. Dann ist David mit Sicherheit nicht bei ihr. Sie hielt kurz inne. Oder vielleicht doch? Traute sie ihm das zu?

Warum treibt diese Muschi-Maus so ein seltsames Spiel? Will sie Zeichen setzen? Hat sie damit einen Handschuh in den Ring geworfen?

Bei Davids Kollegen ist sie abgeblitzt. Hat sie deshalb ihre Fangarme nach David ausgestreckt? Ist David ihr Opfer? Ist er ein Opfer? Bin ich das Opfer? Der permanente Lärm des Telefons peinigte sie. Nervös blätterte sie in ihrem Journal.

Plötzlich setzte sich ein fürchterlicher Gedanke in ihrem Hirn fest:

Die verrückte Muschi-Maus lauert mir auf. Jetzt. Mit einem langen Messer in der Hand. In unserem schwer einsehbaren Garten bin ich ihr schutzlos ausgeliefert. Wie auf einem Silbertablett.

Maries Magen zog sich zusammen. Das Herz hämmerte. Mehrmals schnappte sie nach Luft. Warum musste Ferdi ausgerechnet heute den Hund mitnehmen?

Ich kenne diese Irre nicht. Sie aber kennt mich, weiß, wie ich aussehe.

Kennt meine Gewohnheiten.

Marie legte ihre Hand auf das Herz und atmete mehrmals tief durch.

Wer weiß, wie oft sie mich schon beobachtet hat?

Vielleicht aus einem parkenden Fahrzeug. Hinter verdunkelten Scheiben.

Voller Panik schoss Marie in die Höhe. Als das Telefon erneut klingelte, drückte sie sofort auf den roten Knopf. Stattdessen rief sie ihren Stiefsohn an.

„Du Ferdi, ich bewege mich jetzt in die Marburger Straße. Hier ist ein merkwürdiger Telefonterror. Schon den ganzen Nachmittag. Am besten gehst du heute zu deiner Mutter.“ „Hast du Papa Bescheid gesagt?“

„Er ist zurzeit nicht erreichbar. Macht wahrscheinlich Hausbesuche. Ich weiß nicht, wann er nach Hause kommt.“

Hausbesuche? Zweifel bohrten sich tief in ihr Inneres. Was ist, wenn die Verrückte tatsächlich recht hat?

„Soll ich Papa was ausrichten?“

Gutes Kind, dachte sie. „Danke, ich hinterlasse ihm eine Nachricht.“

„Alles klar, Marie. Ich bewege mich dann zu meiner Mutter. Den Charly nehme ich dann mit. Ist das okay?“

„Na klar.“

Fluchtartig verließ Marie die Villa. Der Bus, der sie zur S-Bahn bringen würde, wartete bereits an der Haltestelle. Sie winkte der Busfahrerin zu. Schwer keuchend setzte sie sich auf einen freien Fensterplatz und schaute hinaus. Was für ein Albtraum!

Ein oranges Müllauto der Berliner Stadtreinigung fuhr an dem Bus vorbei. Marie las die Werbeaufschrift an dem Fahrzeug: „Abfuhr mit happy end.“

Vielleicht ist alles ganz harmlos, beruhigte sie sich.

Eine Kette verwirrender Zufälle. Mehrmals atmete sie tief durch.

In der S-Bahn fiel ihr ein, dass sie ihr Smartphone vergessen hatte.

4. Marburger Straße

Als Marie den hochherrschaftlichen Altbau betrat, begegnete ihr Frau Zimmermann auf halber Treppe. „Hallo, Marie“, grüßte die Nachbarin.

„Guten Tag, Karin“, wisperte Marie im Vorbeigehen.

„Alles okay mit dir?“, fragte die Blondine. „Hast schon mal besser ausgesehen.“

„Alles bestens“, log Marie. Fluchtartig stürmte sie die endlosen Treppen hinauf. Mit zittrigen Fingern schloss sie die Wohnungstür auf. Fröhliches Stimmengewirr, das war ihre erste Wahrnehmung. Ihre geräumige Drei-Zimmer-Wohnung teilte sie seit Jahren mit zwei Untermietern.

Nach der Eheschließung hatte sie es nicht übers Herz gebracht, diese einzigartig schöne Altbauwohnung in bester Lage aufzugeben. Diesen Rückzugsort brauche sie. Ihre wertvollen Möbel, die sie sich im Laufe ihres Lebens angeschafft hatte, konnte sie nicht auf den Müll werfen. Nie und nimmer. Die Einrichtung der Zehlendorfer Villa dagegen trug ausschließlich Davids Handschrift. Nicht einmal ein einziger Nagel an der Wand stammte von ihr.

An seinen Einrichtungsstil hatte sie sich nie gewöhnen können. Hier in der Marburger Straße hatte sie ihre eigene Welt, wenn diese auch nur aus einem Arbeitszimmer mit Schlafgelegenheit bestand. Ein weiterer Vorteil bestand in dem erheblich kürzeren Weg zur Arbeit.

Marie stürmte in ihr Zimmer und schloss die Tür. Mit jedem tiefen Atemzug beruhigte sie sich ein wenig. Als es an ihrer Tür klopfte, fuhr sie erschreckt zusammen. Flavio, einer der beiden Untermieter, näherte sich katzenhaft. „Marie, Telefon für dich.“

„Wer ist es?“ Sofort schoss ihr Blutdruck in die Höhe. Wagte es die Irre etwa, auch hier anzurufen.

„Es ist Ferdi.“

„Gott sei Dank.“ Marie riss ihm das Telefon aus der Hand. „Danke.“

„Marie, was ist hier los?“, hörte sie die vertraute Knabenstimme. „Was will die Alte von uns?“

„Ferdi, ich habe keine Ahnung. Hast du mit ihr gesprochen?“

„Ja, sie hat mich gefragt, ob ich der dusselige Sohn vom Doktor bin. Und da habe ich aufgelegt.“

„Gut gemacht.“ Marie holte tief Luft. „Ferdi, warum fährst du nicht zu deiner Mutter?“

Der Junge zögerte. „Wann kommt Papa nach Hause?“

„Um diese Zeit“, Marie schaute kurz auf ihre Armbanduhr, „ist er sonst immer schon daheim.“ Es entstand eine kurze Gesprächspause.

„Marie, bist du noch da?“

„Klar, Ferdi.“

„Gut, ich hau dann auch ab.“ Seine Stimme wirkte verloren. „Tschüss, Marie.“

Sobald das Telefonat beendet war, klingelte es erneut. „Grüß dich, Marie“, meldete sich ihre Kölner Schwester.

„Hallo, Emmi.“ In diesem Augenblick wünschte Marie, sich in Luft auflösen zu können.

„Ist was?“, Emilias Stimme klang besorgt.

Marie setzte sich auf ihr Bett. „Ach, es ist zurzeit alles nicht so einfach.“

„Geht’s dir nicht gut?“

„Ging schon mal besser“, antwortete Marie knapp.

„Du, Marie, unser Philipp wird in diesem Jahr volljährig. Wir feiern das ganz groß und laden euch zu einem Familientreffen ein. Wäre doch schade, wenn wir uns künftig nur noch auf Beerdigungen begegneten. Andy hat gesagt, alle sollen kommen. Mit Kind und Kegel. Stell dir vor, er sucht schon nach geeigneten Hotelzimmern. Ihr kommt doch, oder?“

„Puh.“ Marie kratze sich am Hinterkopf. Konnte sie jetzt eine Entscheidung treffen? Stand ihr der Sinn nach einer feucht-fröhlichen Familienfeier? Schadenfreude inbegriffen.

„Marie?“, kam es ungeduldig aus dem Hörer. „Hast du schon aufgelegt?“

Marie riss sich zusammen. „Emmi, bis zu Philipps Geburtstag fließt bekanntlich noch viel Wasser den Rhein runter. Mail mir das genaue Datum der Feier und wir werden alle Hebel in Bewegung setzen.“

Eine quälende Unruhe nahm von ihrem Körper Besitz. Philipp, ihr Neffe, ist in drei Monaten volljährig. Was wird bis dahin sein?

Juana, die attraktive Untermieterin, steckte ihren Kopf durch den Türspalt. „Dinner is ready. Would you like to eat with us?“

„Mir ist leider der Appetit vergangen“, murmelte Marie.

„Problems?“ Juana betrat den Raum. „Trouble with the students?“

„So ungefähr. Habt vielen Dank für das Angebot.“ Resigniert senkte Marie den Kopf.

Flavio schob Juana ein Stück zur Seite. „Marie, dein Mann will dich sprechen.“

Ihr Blutdruck schoss erneut in die Höhe. Kommen jetzt Ausflüchte? Wollte sie das hören? Ja, sie wollte Klarheit. Entschlossen griff sie zum Telefon.

„Marie“, die Stimme ihres Mannes klang ruhig und gelassen. „Ferdi hat mir von der Stalkerin erzählt. Das tut mir schrecklich leid ...“

„Was tut dir schrecklich leid?“, fuhr sie ihn an.

Er räusperte sich. „Du weißt doch ...“

„Wo bist du gewesen?“, unterbrach sie ihn barsch.

„Was ist los mit dir?“, klang es überrascht. „Hausbesuche. Ich habe eine Menge Hausbesuche bewältigt. Was sonst? Gewöhnlich versorge ich meine Patienten auch nach Praxisschluss. In deren Wohnungen. Das weißt du doch.“

Hausbesuche. Hausbesuche? Sie hörte seine Stimme, aber irgendetwas war anders. Eigenartige Gedanken schlichen sich in ihr Hirn und gaben keine Ruhe mehr. Ein Hausbesuch ist ein ideales Alibi.Hat er tatsächlich eine heimliche Geliebte?

„Hast du eine Geliebte?“, brach es aus ihr heraus.

„Was?“ Schallendes Gelächter drang an ihr Ohr. „Sag mal, geht’s noch?“

„Hast du?“, fasste sie nach.

„Nein. Was redest du da?“

War seine Empörung echt? Warum glaubte sie ihm nicht?

„Marie, komm nach Hause. Dann reden wir über alles. Ganz ausführlich.“ Seine Worte klangen, als spräche er zu einem Kind, das sich das Knie aufgeschlagen hatte.

„Über alles?“ Ihre Stimme brach. „Ganz ausführlich.“

Um Himmels Willen, über was will er ganz ausführlich reden? Beichten etwa? Der Feigling hat eine Geliebte. Liebte sie David so sehr, dass sie ihm einen erneuten Seitensprung verzeihen könnte? Liebte er sie, wenn er eine Geliebte nötig hatte?

‚Vertraue ist der Anfang von allem‘. Mit diesem Slogan hatte einst die Deutsche BankGroßkunden umworben. Doch dann gab es in diesem Kreditinstitut unglaubliche Skandale, die diese Werbebotschaft wie Hohn klingen ließen.

Vertraute sie David noch?

„Musstest du“, begann er verärgert, „die besoffene Margit mit hineinziehen?“

Marie erstarrte zu einem Eisblock. Hineinziehen? Wie und wo hineinziehen? In seine Affäre? In dieser Nacht tat sie erneut kein Auge zu.

5. Verwirrung

Als Marie den Schlüssel in das Haustürschloss steckte, riss David die Tür von innen auf. „Schatz, wir haben eine Überraschung für dich“, strahlte er sie an. Überraschung? Das war das Letzte, wonach ihr der Sinn stand. Die blendende Laune ihres Mannes verblüffte sie. Ein flüchtiger Kuss landete auf ihrer Wange. „Kommst genau im richtigen Augenblick.“ Im geräumigen Wohnzimmer sprangen ihr zwei neue, sehr elegante Ledersofas ins Auge. Soll das ein Ablenkungsmanöver sein? Plagt ihn sein schlechtes Gewissen? Dieser Gedanke schmerzte. Ferdinand polterte die Treppe hinunter. „Ist Marie schon da?“ Der Länge nach warf sich der Junge auf die nächstliegende Couch. „Mega“, freute er sich. „Stiefmütterchen, da biste sprachlos, was?“ Pfeilschnell schoss er wieder in die Höhe. „Die alten Dinger sind schon auf der Müllkippe.“ Ihr Mann lehnte im Türrahmen. Ruckartig bewegte er sich in die Küche. „Habe eine leckere Lasagne im Ofen.“

Bin ich hier im falschen Film?, grübelte Marie. Zwei neue Sofas schmücken das Wohnzimmer und eine leckere Lasagne brutzelt im Ofen. Als ob nichts passiert wäre. Oder wird alles unter den Tisch gekehrt? So wie früher bei Mama und Papa nach einem heftigen Streit? Sie schaute dem geschäftigen Treiben ihres Mannes zu. Vielleicht ist tatsächlich alles in bester Ordnung.

Ja, es ist alles in Ordnung, beschloss sie. Der böse Fluch ist endlich vorbei. Ein Gefühl von ruhiger Gelassenheit durchströmte ihren Körper. David hat ein Zeichen gesetzt. Ein behagliches Wohnzimmer tut einer Beziehung gut. Und Liebe ist gut für das Immunsystem.

„Ich decke schon mal den Tisch“, rief sie den beiden zu. Heimlich beobachtete sie ihren Mann. David wirkte nervös. Geradezu fahrig. Biss er seine Lippen fester zusammen als gewöhnlich? Diesen Gesichtsausdruck kannte sie nicht an ihm.

„David, wir müssen reden“, hörte sie sich sagen. Warum wollte sie zum jetzigen Zeitpunkt eine Auseinandersetzung anzetteln? Es war doch alles in bester Ordnung. Warum konnte sie sich nicht beruhigen? Keine Ruhe geben? Was war nur los mit ihr?

„Schatz, nicht jetzt“, antwortete er schmallippig. „Hatte heute einen schlimmen Tag in der Praxis.“

Schweigend betrachtete sie ihren Stiefsohn, der vor seinem gefüllten Teller saß und unschlüssig von einem zum anderen schaute, als wäre er für die gute Stimmung am Tisch verantwortlich.

„Hm“, seine Nase kräuselte sich. „Lasagne wird zeitlebens mein Lieblingsgericht sein.“

Sie nickte ihm kurz zu. Währenddessen schaufelte ihr Mann sein Essen mechanisch in sich hinein. Sie dagegen bewegte ihre Gabel durch den kleinen Haufen auf dem riesigen Teller.

„Stiefmütterchen, magst du dein Essen etwas nicht?“

„Willst du meine Portion haben?“, antwortete sie mit einer Gegenfrage.

„Wie kann man nur in einem so schmackhaften Essen so lieblos herumstochern?“ Mit seiner Gabel deutete er auf ihren Teller. „Dann mal her damit, bevor die Lasagne kalt wird.“

Schweigend schob sie ihm den Teller hinüber.

„Männer im Wachstum brauchen halt entsprechendes Futter“, lächelte sie ihm zu. Inzwischen ist dieses Kind aber längst ausgewachsen, dachte sie.

David sah ihnen schweigend zu.

„Ist jemand gestorben?“, fragte sein kräftig kauender Sohn. Abwechselnd blickte er von einem zum anderen. „Ihr seid in letzter Zeit irgendwie … komisch. Beide. Hat das was mit der bekloppten Stalkerin zu tun?“

Kluges Kind. Marie lehnte sich zurück und kreuzte ihre Arme über der Brust. „Ist es okay für dich, wenn dein Vater und ich nach dem Essen einen Spaziergang machen? Wir haben einiges zu klären.“

„Haben wir das?“David warf ihr einen zerstreuten Blick zu.

„Muss ich dann die ganze Küche aufräumen?“, maulte der Minderjährige.

„Kann nicht schaden“, murmelte Marie.

„Nun lass doch den Jungen in Ruhe“, fuhr David sie an. „Ferdi hat einen harten Tag hinter sich. Er muss sich ausruhen. Hast du dafür kein Verständnis?“

Was sollte sie dazu sagen?

Ruckartig hob David den Kopf. „Hätte es fast vergessen: Margit rief an.“ Mit beiden Händen fuhr er sich durchs schüttere Haar. „Sie fragt, ob wir am Wochenende mit ihnen nach Dresden fahren wollen.“

Sie schaute ihm in die Augen. Jetzt hat er wieder einmal sein Arztgesicht aufgesetzt: Komme, was wolle, der Herr Doktor muss Zuversicht ausstrahlen. Sofort sprang ihre Aufmerksamkeit in eine andere Richtung. Warum sehe ich überall Gespenster? Warum verderbe ich meiner Familie die gute Laune? Schluss damit!

„Was ist?“ Marie sah ihrem Mann eine gehörige Portion Ungeduld an. „Wollen wir nun mit den Sondheimern nach Dresden fahren oder nicht?“

„Ja, gern“, lächelte sie ihn an.

„Gut, dann wäre das geklärt.“ Er erhob sich. „Ich muss gleich noch mal in die Praxis. Abrechnungen machen.“

„Was?“ Ungläubig starrte sie ihm nach. „Ich dachte, wir reden“, wisperte sie. „Bei einem Spaziergang.“

Bedauernd hob er beide Schultern. Oder drückte diese Geste Erleichterung aus?

„Was ist im Augenblick wichtiger als unsere Ehe?“ Im selben Moment hätte sie sich für ihre Hysterie ohrfeigen können.

Er drehte sich zu ihr herum. „Die Abrechnungen können leider nicht warten.“ Wie bei einer angekündigten Verhaftung schossen beide Arme in die Höhe. „Was glaubst du, was das Finanzamt ...“

„Was glaubst du“, unterbrach sie ihn schroff, „wie es mir geht?“

Sein Lächeln erlosch. „Marie, was soll das ganze Theater?“ Er betrachtete sie wie ein bockiges Kindergartenkind. „Willst du mir etwa wegen dieser Verrückten ein schlechtes Gewissen machen?“ Mehrfach schüttelte er den Kopf. „Was ist bloß in dich gefahren?“

Ja, was war in sie gefahren? Misstrauen? Verlustangst?

Vor nicht allzu langer Zeit hätte er selbst die kleinste Verstimmung zwischen ihnen sofort aus der Welt geschaffen, erinnerte sie sich.

Hatte ihn etwa sein fünfzigster Geburtstag verändert? Oder war sie es, die unnötige Spannungen aufbaute?

„Hör auf damit!“, tadelte der Verstand. „Sei um Himmels Willen kein zänkisches Weib.“

„Macht ihr jetzt doch keinen Spaziergang?“ Ferdinand starrte mit offenem Mund auf die benutzen Teller vor sich.

„Sieht so aus.“ Mit hochgezogenen Schultern räumte Marie das schmutzige Geschirr zusammen.

Der Stiefsohn trat auf sie zu. „Stiefmütterchen, ich helfe dir.“

„Das ist lieb von dir“, lächelte sie ihn an. Diese Zugewandtheit tröstete sie. Warum war sie so verdammt dünnhäutig?

Abends suchte sie Rat bei ihrem Bruder Christian. Der beliebte Psychologe aus München riet ihr, Klartext zu reden. „Stelle ihm in aller Ruhe all die Fragen, die dich quälen. David wird dir bereitwillig antworten, wenn du keinen Druck ausübst. Wahrscheinlich ist alles in bester Ordnung.“

Abends lag sie lange wach.War sie in Wahrheit lediglich eine dieser verwöhnten Arztgattinnen aus dem Zehlendorfer Villenviertel?

6. Weggerutscht

Als Marie eine Woche später die Haustür aufschloss, fiel ihr Blick auf den eleganten Glastisch vor den neuen Sofas. Ihre Stirn legte sich in Falten. David schmückt unser Heim. Augenblicklich beruhigte sie sich. Es ist alles in Ordnung.

Der Abend zu dritt verlief so harmonisch wie immer. Ihre quälende Ungewissheit löste sich völlig in Luft auf.

Am Abend kuschelte sich David liebevoll an sie. Nie zuvor hatte sie eine so beglückende Intimität erlebt. Ja, Liebe ist gut für das Immunsystem, das fühlte sie in diesem Moment. Wir lieben uns. In dieser Nacht schlief sie wie ein Baby.

Warum übernachtete sie dennoch in den folgenden Tagen so häufig in der Marburger Straße? War der riesige Stapel unkorrigierter Klassenarbeiten in Wahrheit nur ein Vorwand? Oder die momentane Grippewelle, die David eine Flut von Patienten bescherte? Nach der abendlichen Tagesschau fiel der Doktor häufig todmüde ins Bett und schlief sofort ein, während sie mit einem Buch oder Journal auf der neuen Couch saß.

Als Marie ihren Mann an diesem Abend zur gewohnten Zeit anrief, sprang der Anrufbeantworter an. Sofort schoss ihr ein stechender Schmerz in den Magen. Ihr Gehirn lief auf Hochtouren. Wo steckt er? Vielleicht bei seiner Geliebten? Lachten die beiden jetzt über sie? Weil sie so dämlich war?

Woher kamen all diese negativen Gedanken? Hatten sie sich bereits in ihr Inneres eingenistet?

„Sei nicht so hysterisch!“, wies ihr Verstand sie zurecht.

Sie stand auf und ging ans Fenster.

Der Verstand ließ nicht locker: „Du führst dich auf wie eine eifersüchtige und frustrierte Hausfrau. Hat David nicht vorgestern versichert, wie glücklich er mit dir ist?“

Ja, erinnerte sich Marie. Ich sei eine hübsche, kluge und zupackende Ehefrau.

„Wozu braucht er dann eine Geliebte?“, meldete sich das Gefühl.

In dieser Nacht fand Marie wieder einmal keinen Schlaf.

„Es ist doch alles in bester Ordnung“, versuchte ihr Verstand sie zu beruhigen.

„Hat sich etwas zwischen euch geändert?“, meldete sich das Gefühl. „Fühlt sich David etwa nicht mehr genug von dir geliebt?“

Marie schloss die Augen. Fakt ist: Wir blicken auf zwanzig gute Jahre zurück. Wir lieben uns noch immer. Haben viele Gemeinsamkeiten. Viele Paare beneiden uns. Single-Frauen sowieso.

„Jeder spürt die Seelenverwandtschaft zwischen euch.“ Das hatte Margit während der Fahrt nach Dresden von sich gegeben. „Für mich seid ihr ein Doppelwesen, so wie Yin und Yang.“

Ein Leben ohne David? Nicht vorstellbar. Das wäre wie nach einer tiefgreifenden Amputation.

Warum quälte sie sich mit Horrorszenarien? Gab es dafür einen konkreten Grund? Nein.

Am darauffolgenden Freitag kam David sehr spät heim.

„Ich muss mit dir reden“, brach es sogleich aus ihm heraus, noch bevor er sich aus seinem Mantel geschält hatte. Erschrocken sprang sie vom Sofa und griff zur Fernbedienung. Die bunten Fernsehbilder färbten sich tiefschwarz.

Eine Weile stand er vor ihr, wie ein kleiner Junge, der einen Ball in das Nachbarfenster geschossen hatte.

„Marie, setz dich bitte.“ Unruhig zerknüllte er ein Papiertaschentuch in seiner feuchten Hand. „Marie ...“

Jetzt wird’s ernst, schoss es ihr durch den Kopf. Sie bemerkte seine flackernden Augenlider.

„Stunde der Wahrheit?“, versuchte sie zu lächeln. Er nickte schwach. Noch nie hatte sie ihren Fels in der Brandung so schwach erlebt.

„David“, ihre Stimme klang entschlossen. „Was ist los?“

Er drückte sich enger an die Wand. „Meine Gefühle ...“

Sie schaute in sein angespanntes Gesicht. Bisher hatte sie nur Selbstsicherheit und Zufriedenheit in seinen Gesichtszügen gelesen. Seine Zähne sogen die Unterlippe ein, als wollten sie ihn am Reden hindern.

„David, was ist mit deinen Gefühlen?“

Sein Körper straffte sich, die Schultern beugten sich jedoch wieder nach vorn. „Meine Gefühle für dich … sind … weggerutscht.“

„Weggerutscht?“, raunte sie kaum hörbar. Marie holte tief Luft. Damit hatte sie weiß Gott nicht gerechnet.

Exakt diese Wortwahl hatte Arne vor zwei Jahrzehnten benutzt, als sich ihr Professor, die große Liebe ihres Lebens, mit einer anderen Studentin davongemacht hatte. Davon hatte sie David erzählt.

„Wohin sind deine Gefühle gerutscht?“ Ihre Stimme klang hart, unerbittlich schroff. Die Schockwelle wurde von einer geballten Ladung Wut hinweggefegt. „Etwa in deine Hose?“

Er ließ sich in einiger Entfernung auf das Sofa fallen. „Ich will so nicht mehr weiterleben“, murmelte er kaum hörbar.

„Wie so?“, echote sie schrill. „Wie willst du dann weiterleben?“

„Ich kann dich nicht mehr anfassen oder küssen.“

„Was?“ Dieser Satz traf sie wie ein kräftiger Schlag ins Gesicht. „Was redest du da?“ Ihre Hand, mit der sie ihn berühren wollte, zitterte.

„David, gestern konntest du mich noch anfassen. Und wie! Schon vergessen? Wir beide hatten ziemlich heißen Sex.“ Mehrmals schüttelte sie den Kopf. „David, wenn Männer so reden, steckt immer eine andere Frau dahinter.“

Sie starrte ihn an. Er schwieg beharrlich.

Es ist nur ein Missverständnis, versuchte sie sich zu beruhigen. Ein Scherz. Gleich wache ich auf, und alles ist wie immer. Unsere Ehe ist wunderbar. Oder?

Alle beneiden uns. Kein vernünftiger Mensch wirft etwas so Wertvolles einfach weg. Der hilflose Blick ihres Mannes erinnerte sie an einen kleinen Jungen, der im Gedränge die Hand seiner Mama verloren hatte.

David, ihr Fels in der Brandung, löste sich vor ihren Augen in Nebel auf. Was um alles in der Welt sollte sie jetzt tun? In rasender Geschwindigkeit wechselten sich unterschiedliche Gefühle ab: Wut, Verzweiflung, Hoffnung. Sollte sie jetzt die Führung übernehmen? Ihr Herz hämmerte, sodass die innere Unruhe weiter an Fahrt aufnahm. Ihre Gedanken rasten: Es gibt eine Geliebte.

Etwa diese Muschi-Maus?

Will er mich deshalb loswerden? Schluss machen? Mich wie einen alten Putzlappen entsorgen? Bahn frei für … diese Verrückte?

„David“, sie räusperte sich vorsichtig. „Wie heißt diese Frau, die ...“

„Wieso willst du das wissen?“

„Ich will es wissen.“ Ihre Stimme duldet keinen Widerspruch. „Einfach so.“

„Halina“, murmelte er.

„Eine Polin?“

Er nickte schwach.

Und hat diese Halina neulich bei uns eingebrochen?“

„Was heißt denn hier ... eingebrochen‘“, ereiferte er sich.

„David, ich will das jetzt wissen.“

Er nickte schwach.

„Wie alt ist Halina?“

„Was soll der Quatsch!“

„Wie alt ist Halina?“, wiederholte sie unerbittlich. „Raus mit der Sprache!“ In diesem Ton hatte sie noch nie mit ihm geredet.

„Einunddreißig.“ Er schaute auf seine Fußspitzen. „Bist du nun zufrieden?“

Zufrieden? Konnte eine solche Äußerung sie zufriedenstellen?

„Aha“, ihre Stimme klang noch immer viel zu schrill. „Immer dasselbe Klischee: Ehefrau wird gegen eine erheblich Jüngeres ausgetauscht. Woher kennst du diese … Dame?“

„Sie ist meine Patientin.“

Marie spürte in ihrem Inneren einen sich langsam öffnenden, tiefen Abgrund. „Was macht sie beruflich?“

Er sprang auf. „Wird das jetzt ein Verhör?“

„Ich will es verdammt nochmal wissen“, schrie sie ihn aus Leibeskräften an. „Findest du nicht, dass ich ein Recht dazu habe?“

„Halina ist Verkäuferin. Bei Edeka in Pankow“, murmelte er. „Für mich will sie sogar ihren Job aufgeben.“

„Sie will ihren Job aufgeben?“, lachte Maries hysterisch. „Für dich. Sie ist stinkfaul. Lässt sich von einem Sugar-Daddy aushalten. Um es sich schön bequem zu machen“, fuhr sie ihn an. „Wie naiv bist du eigentlich?“

Ihr Mann schaute auf seine Uhr. „Ist schon spät.“

„Spät für was?“

Er erhob sich und bewegte sich vor ihren Augen ziellos hin und her.

„Du, im Zweiten gibt’s einen Liebesfilm.“ Ohne eine Antwort abzuwarten schaltete er den Fernseher ein. Da hockten sie nun auf der neuen Couch. Ein schweigsames Ehepaar sah einem Liebespaar beim Verlieben zu.

„Ich geh ins Bett“, klang es gelangweilt aus David Sofaecke. Missmutig stapfte er die hölzerne Treppe hinauf.

Noch nie im Leben hatte sie sich so hilflos gefühlt wie in diesem Augenblick. Was war geschehen? Ein wildes Gedankenkarussell verhinderte den erlösenden Schlaf.

Am nächsten Morgen begrüßte David sie mit einem charmanten Lächeln. „Frühstück ist fertig.“

Ich sehe furchtbar aus, dachte sie, als sie sich an dem hübsch gedeckten Tisch niederließ. „Lass uns nachher in Potsdam einen langen Spaziergang machen.“ Noch immer lächelnd reichte er ihr den Korb mit frischen Brötchen.

Weglaufen oder bleiben? Mit einer hilflosen Geste willigte sie ein. Weglaufen ist keine Option, entschied sie. Ein Rückzug macht alles nur noch schlimmer. Ich brauche Klarheit. So oder so.

„Es gibt immer einen Ausweg“, hatte ihr ihre Großmutter vor Jahren eingetrichtert, als eine saftige Mieterhöhung ins Haus geflattert kam.

7. Hin und her

Mit behandschuhten Händen hielt David das Steuer in der Hand, die Lippen fest zusammengepresst.

In der Nähe des Schlossparks Sanssouci erwischte er die letzte halbwegs geeignete Parklücke.

Wie zwei Fremde liefen sie eine endlos weite Allee entlang, gesäumt von haushohen Bäumen.

Plötzlich blieb er stehen.

„Marie, ich will, dass wir beide mehr miteinander unternehmen.“

„Was?“ Hatte sie gerade richtig gehört? „Wir beide?“ Sie schluckte. „Mehr zusammen unternehmen?“ Ihre Stimme klang krächzend. „David, gestern noch wolltest du dich von mir trennen. Weißt du überhaupt, was du willst?“

Sie rückte näher an ihn heran. „David, du bist nicht mehr glücklich. Das habe ich kapiert. Was fehlt dir?“ Sie hob ihr Gesicht zu ihm empor.

Auf ihrer Stirn entdeckte er Sorgenfalten, die ihm früher nie aufgefallen waren.

„David“, flüsterte sie. „Sag mir bitte, was du vom Leben erwartest. Und hauptsächlich von mir. Sag mir bitte klipp und klar, was ich falsch gemacht habe.“

„Gib die Wohnung in der Marburger Straße auf“, brach es aus ihm heraus.

„Was?“ Sie erschrak heftig. „Meine Wohnung aufgeben? David, das kann ich nicht.“

„Wieso nicht?“

Sie holte tief Luft. „Du weißt doch, dass ich in unserem Haus kein Arbeitszimmer habe. Ich sitze nachmittags stundenlang an Unterrichtsvorbereitungen und Klassenarbeiten.“

„Das sind Ausflüchte“, unterbrach er sie. „Andere Ehefrauen ...“

„Außerdem“, fieberhaft suchte sie nach den richtigen Worten, „fände ich es gut, wenn du mehr Zeit für deinen Sohn hättest. Ferdi braucht dich. Mehr, als du denkst. Der Junge trudelt so sorglos durchs Leben wie ein Zehnjähriger. Weiß er überhaupt, wie es bei ihm nach dem Abi weitergehen soll?“

„Das wird sich zeigen“, murmelte er.

„David, dein Sohn sitzt ganz bequem in seiner Komfortzone und ...“

„Du könntest weniger arbeiten“, fiel er ihr ins Wort. „Dann müsstest du auch nicht so viel vorbereiten und korrigieren.“

Ihr fiel die Kinnlade herunter. Er will, dass ich aufgebe, was mir viel bedeutet. Ich soll mich ändern, andernfalls verlässt er mich. Will er an seiner Situation überhaupt nichts ändern?

„Ich bin auch bereit, die Konsequenzen zu tragen“, fügte er lauernd hinzu.

„Konsequenzen?“ Sie schaute ihn an, als sähe sie ihn zum ersten Mal.

„Bist du bereit, diese … Halina aufzugeben?“

„Dies Weib bedeutet mir nichts“, antwortete er in einem wegwerfenden Tonfall. „Sie ist so langweilig wie eine Kuh.“

Überrascht blieb sie stehen und schaute ihm ins Gesicht. „Ist das so?“

Er griff nach ihrem Arm. „Komm, lass uns nach Hause fahren.“

Während der Heimfahrt starrte Marie auf Potsdams aufwendig sanierte Altbauten, ohne deren Schönheiten wahrzunehmen. Der Gedanke, ihre Marburger Wohnung aufzugeben, versetzte sie in Panik. Woher kam dieses Gefühl? Was steckte dahinter? Warum fuhr sie in ihrer Ehe zweigleisig? Kann ein Mann den Rückzugsort seiner Frau nicht ertragen? Was schmerzt David an dieser Situation ganz konkret? Weil sie sich ihm nicht restlos auslieferte? Vermutete er vielleicht an diesem Ort einen verborgenen Liebhaber? Fühlte er sich deshalb weniger geliebt? Bisher hatte er nie geklagt.

Das Abendessen verlief überwiegend schweigend. Ferdinand näherte sich und setzte sich lautlos zu ihnen an den Tisch. „Leute, ist jemand gestorben?“

Sogleich fiel David über seinen Sohn her. „Ferdi, engagierst du dich überhaupt noch für irgendetwas?“

„Was?“ Die Stirn des Jugendlichen kräuselte sich. „Was ist denn hier passiert?“

„Komm“, Marie umfasste den Unterarm ihres Mannes. „Nimm dir noch ein Stückchen Fleisch. Männer in deinem Alter ...“

„Ferdinand, du trudelst so sorglos durchs Leben“, unterbrach er seine Frau lauthals. „Dein Abi wird lausig. Warum bemühst du dich nicht? Glaubst du etwa ...“

„Was soll das?“ Hörbar schnappte Marie nach Luft. „David, die Art und der Zeitpunkt für eine solche Auseinandersetzung ... ist völlig unangemessen.“ Sie legte ihre Gabel beiseite.

Ihr Stiefsohn sprang auf. „Papa schnallt in letzter Zeit sowieso nichts mehr.“

Marie sah, dass der Junge sich eisern bemühte, seine überschäumende Wut im Zaum zu halten. In Windeseile zog er seine Bomberjacke über. „Papa, sprich nicht immer so in Andeutungen. Und schiebe nicht ständig irgendwas hinterher.“ Kopfschüttelnd zerrte er die Hundeleine vom Haken. „Komm, Charly, wir gehen!“

Der Hund erhob sich laut gähnend und trottete auf den Jungen zu. „Vielleicht wird dein Herrchen bald wieder normal.“

Mit offenem starrte Marie auf die zugeknallte Haustür. Das sind genau die richtigen Worte, dachte sie bewundernd: Sprich nicht in Andeutungen.

Ihr Mann verzog sich aufs Sofa und verschwand hinter der aufgeschlagenen Ärzte-Zeitung.

Eine Weile werkelte Marie in der Küche. Plötzlich unterbrach sie ihre Arbeit und setzte sich neben ihren Mann auf die neue Ledercouch. „David, wie geht es dir wirklich?“ Besorgt beobachtete sie ihren Gatten. „Ich habe den Eindruck, dass du unglücklich bist. Und das tut mir weh.“

Er antwortete lediglich mit einem Brummen.

Vorsichtig legte sie einen Arm um seine Schultern. „Schatz, ich habe das Gefühl, dass wir beide in unseren Köpfen und unserer Seele etwas Ordnung schaffen sollten.“

Schnaubend legte er die Zeitung beiseite. „Ordnung schaffen? Mehr fällt dir nicht ein?“ Wütend knüllte er die Zeitung zusammen und warf sie auf den Boden. „Und? Wie soll das gehen?“

„Nun ja.“ Eingeschüchtert senkte sie die Stimme. „Jeder von uns könnte in sich gehen und aufschreiben, was ihm fehlt, was er sich vom Partner wünscht … und was er vom anderen erwartet. Ich meine, so konkret wie möglich.“

„Ach ne?“

Sie erschrak über seinen barschen Tonfall.

„Frau Lehrerin, soll ich etwa einen Besinnungsaufsatz schreiben?“ Wütend drehte er sich zur Seite, ein Stück weg von ihr.

Marie atmete tief durch. „Keine schlechte Idee.“

„Nicht dein Ernst“, schnaubte er.

„David, jeder von uns könnte sich etwas Zeit nehmen und in Ruhe aufschreiben, was ihm wichtig ist.“ Sie rückte ein Stückchen an ihn heran. „Was er bisher in seinem Leben vermisst hat.“

Empört tippte er sich an die Stirn. „Bin ich ein Schuljunge, der einen beschissenen Aufsatz schreiben muss?“

„In Ordnung.“ Sie warf den Kopf in den Nacken. „Was schlägst du stattdessen vor? Konkret.“

„Erwartest du jetzt von mir ein Patentrezept?“, brüllte er verächtlich.

„Das wäre zu schön, um wahr zu sein“, antwortete sie. „Wenn ich eins hätte …“ Nachdenklich lehnte sie sich zurück. Warum ist er so verdammt wütend?

David verschränkte beide Arme vor der Brust, die Augen starr auf den Boden gerichtet. „Diese Auseinandersetzung tut mir weh“, flüsterte sie. Er reagiert nicht auf ihren Einwand. Nachdenklich kaute Marie an ihrem Daumennagel, um ein Schluchzen zu unterdrücken. „David, was hältst du von einer kurzen Beziehungspause?“

Seine Schultern hoben sich mehrmals. „Marie, es gibt Paare“, er vermied es, sie anzusehen, „die bleiben in solch einer Phase der Verpuppung für immer stecken.“

8. Veränderungen

„Marie!“ Es klopfte zaghaft an ihrer Zimmertür. Verärgert über die Störung legte sie den Rotstift beiseite.

„Tür ist offen“, forderte sie den Eindringling auf, ohne den Kopf zu heben. Flavio lehnte in der Tür.

„Was ist?“ Sie schaute kurz in seine Richtung. „Ich muss unbedingt noch heute diese verdammte Klassenarbeit vom Tisch kriegen.“ Sie betrachtete die zahlreichen rot angestrichenen Anmerkungen auf dem Blatt vor sich. „Das ist das reinste Blutbad auf meinem Schreibtisch“, murmelte sie kaum hörbar.

„Wir wollen nicht lange stören“, flüsterte der Untermieter. „Es ist wichtig.“

Neugierig drehte sie sich zu ihm herum. „Telefon?“

„Nein, nein“, wiegelte er mit beiden Armen ab. „Es gibt etwas Großartiges zu feiern. Hast du Lust, mit uns ein Gläschen Champagner zu trinken?“

„Champagner?“ Als sie sich vorsichtig erhob, spürte sie einen stechenden Schmerz im Lendenbereich. „Was gibt’s denn zu feiern?“ Erst jetzt bemerkte sie seine strahlenden Augen.

„Komm rüber in mein Zimmer“, forderte der attraktive Spanier sie freundlich auf. „Der Champagner ist schon eingeschenkt.“

Beim Betreten des Raums fiel Maries Blick sogleich auf den festlich gedeckten Tisch, an dem Juana bereits Platz genommen hatte.

„Jetzt bin ich gespannt“, grinste Marie in die Runde. „Ist etwa ein Kind unterwegs?“

„Stell dir vor“, jubelte Juana, „Flavio hat heute ein sagenhaftes Jobangebot bekommen.“ „Du, das ist der Hammer“, ergänzte er.

Hoffentlich zieht er nicht aus, war Maries erster Gedanke. „Freut mich.“ Vorsichtig nahm sie Juana das langstielige Glas ab und prostete den Anwesenden zu. „Auf Flavio und seinen neuen Job.“ Sie nippte kurz an dem Getränk. „Um was für einen Job handelt es sich?“ Vorsichtig stellte sie den Sektkelch vor sich auf den Glastisch.

„Ich kann es immer noch nicht fassen“, strahlte die Sizilianerin. „Ein Job an der Uni. Das Gehalt ist mega.“

„Und wo genau ist dein künftiger Einsatzort, Flavio?“ Maries Stimme wirkte bange.

„An der renommiertesten Uni in Madrid“, freute sich ihr Gegenüber.

„Super“, entfuhr es Marie freundlos. „Gratuliere.“ Diese Neuigkeit versetzte ihr einen Schock. Madrid! Jetzt verschwindet auch dieser liebgewonnene Mitbewohner aus meinem Leben.

Flavio bewohnte schon seit Jahren einen Raum in ihrer hochherrschaftlichen Altbauwohnung in der Marburger Straße. Ein wenig später zog Juana mit ein. Wenn sich Marie in ihrer Wohnung aufhielt, fühlte sie sich ebenfalls daheim. Die gemeinsam verbrachten Abende zogen sich nicht selten bis tief in die Nacht hinein.

Und dann gab es auch mehrere beeindruckende Nächte in der fußläufigen Hochschule der Künste. Zu dritt hatten sie an riesigen Ölgemälden gearbeitet, die inzwischen die hohen Wände der Wohnung schmückten. Diese intensive Zeit sollte nun abrupt enden? Nur mit äußerster Mühe gelang es ihr, sich diesen schmerzhaften Verlust nicht anmerken zu lassen.

„Wann geht’s los?“ Die aufsteigenden Tränen blinzelte sie tapfer weg.

„Anfang der Sommerferien“, strahlte Flavio.

„Aber“, stotterte Marie. „Das ist ja schon … nächste Woche.“

„Wir verschwinden doch nicht total aus deinem Leben“, tröstete Juana. „Es gibt super billige Direktflüge zwischen Berlin und Madrid.“

„Wieso wir?“ Jetzt war Marie den Tränen nahe. „Ziehst du etwa auch aus?“

Juana erhob sich und trat auf Marie zu. „Flavio und ich...“, ein zärtlicher Blick wanderte über den Tisch, „wir sind seit Silvester ein Paar.“

„Silvester? Das wusste ich ja gar nicht“, stotterte Marie.

„Silvester vor drei Jahren“, erklärte Flavio grinsend. „Selbstverständlich kannst du jederzeit bei uns in Madrid wohnen“, versprach er mit Nachdruck.

Marie schluckte wie nach einem bitteren Löffel Lebertran. Wieso habe ich nichts gerafft?, tadelte sie sich. Etwa weil Flavio wesentlich jünger ist als Juana? Sie schenkte den beiden ein scheues Lächeln.

David will, dass ich meine Wohnung verlasse, dachte sie voll Bitterkeit. Und wie auf Bestellung leert sich dieses Nest.

Beherzt hob sie ihr Glas. „Ich trinke auf euch. Auf eine glückliche Zukunft!“ Sie verschluckte sich und rang nach Luft. „Ich wünsche euch ein glückliches und zufriedenes Leben in Spanien“, prustete sie heraus. Mit beiden Händen bewegte sie den Stiel ihres Glases. Auf der strahlendweißen Tischdecke tanzten goldene Flecken bei jeder Bewegung. „Werdet ihr heiraten?“, wisperte sie.

„Ja“, strahlte Juana. „Wir haben schon alle Papiere zum Standesamt getragen. Wir heiraten natürlich hier in Berlin.“

„Selbstverständlich bist du eingeladen“, grinste Flavio.

Er küsste seine Verlobte zärtlich auf die Wange.

„Warum habt ihr nie etwas gesagt?“, fragte Marie schief lächelnd.

„Haben wir uns nicht die ganze Zeit ziemlich eindeutig verhalten?,“ zwinkerte der Untermieter ihr zu. „Kann es sein, dass du eine ziemlich schlechte Beobachterin bist?“

Juana gab ihm einen zärtlichen Klaps auf den Unterarm. „Flavio, lass uns heute fröhlich sein.“

Warum verdaue ich schlechte Nachrichten so quälend langsam?, grübelte Marie. Voller Unruhe sprang sie auf und schaute aus dem Fenster. Unermüdlich versuchte der aus dem Nichts gekommene Sturm, den dahineilenden Menschen die Schirme zu entreißen. Doch dann schien er die Lust zu verlieren. Stattdessen spielte er eine Zeitlang mit einer Plastiktüte, die er in der Luft tanzen ließ.

Auf nichts kann ich mich verlassen, dachte sie voller Bitterkeit. In wenigen Tagen bin ich hier ganz allein. Verlassen. Zwei leere Zimmer. Dieser Gedanke verursachte ihr Magenschmerzen. Neue Untermieter? Nein. Flavio und Juana hatte sie nicht gesucht, sondern gefunden. Zufällig.

Sie schloss die Augen. Bilder der Erinnerung strömten in ihr Hirn wie ein Film aus alten Zeiten:

Damals war sie die Hardenbergstraße entlanggefahren, als Flavio ihr ins Rad lief. Beide schlugen aufs Pflaster. Eilig half er ihr auf. Als sie in seine freundlichen Augen schaute, schmolzen sowohl der Schock als auch der Ärger dahin. Wild gestikulierend nahm er alle Schuld auf sich.

Dann saßen sie bei einem Milchkaffee in der Uni-Cafeteria auf der anderen Straßenseite. Bereits bei diesem Erstkontakt hatte sie das Gefühl, ihn ewig zu kennen. Wenige Tage danach hatte sie einen Untermieter. Sie selbst hielt sich überwiegend bei ihrem Ehemann in Zehlendorf auf.

Kurze Zeit später bewohnte Juana, eine Malerin aus Palermo, ein weiteres Zimmer. Eine wunderbare gemeinsame Zeit begann. Ohne happy end? Des einen Freud ist des anderen Leid.