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Ein junges Mädchen, eine dunkelhäutige Ausländerin, wird brutal überfallen, soll entführt und getötet werden. Zufällig kommt ein Schulkamerad des Weges und geht zwischen die Angreifer, wird dabei schwer verletzt. Lange liegt er im künstlichen Koma im Hospital, erwacht, und kann sich nur schwer an den Vorfall erinnern. Das geheimnisvolle Mädchen kommt zu Besuch ins Krankenhaus und es stellt sich heraus, sie kommt aus Indien. Täglich besucht sie ihn, erst im Krankenhaus, später bei ihm zu Hause, um den verpassten Stoff der Schule mit ihm nachzuholen. Eine Freundschaft entsteht, aus der schnell eine tiefe Liebe wird, die in einer festen Partnerschaft mündet. Mit ihrem Segelboot entdecken sie nicht nur die Küste ihrer Heimat in Südfrankreich . . . .
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Seitenzahl: 1064
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Die Schule war aus und jetzt am Nachmittag wollte ich zu meinem Onkel runter in den Hafen, der dort eine Werkstatt für Motorboote und Segelschiffe betrieb. Ich war gerne dort, denn alles mit Schiffen und Meer begeisterte mich und ich half ihm gerne dort mit kleineren Arbeiten, die ich teilweise auch selbstständig ausrichten konnte und auch schon durfte.
Mein Onkel sagte mir immer, ich sei kein richtiger Corse, die hätten nicht so ein Gespür für Wasser, Meer und Schiffe.
Er musste es wissen, er war keiner. Ich schon. Ich wurde auf Korsika geboren und erlebte dort meine ersten vier Lebensjahre, von denen mir viele Erinnerungen fehlen. Dann kamen meine Eltern bei einem Autounfall ums Leben und meine Tante Estelle und er nahmen mich bei sich auf, adoptierten mich später, aber ich behielt trotzdem meinen ursprünglichen Familiennamen.
Seine Herkunft zu wissen sei wichtig, sagte mein Onkel Robert immer.
Sie hatten keine eigenen Kinder, hatten sich aber wohl immer eigene gewünscht. Nachdem mich das Schicksal so hart getroffen hatte, zögerten sie nicht einen Moment und nahmen mich in ihre Herzen auf. Und in ihr Haus in Sète, Südfrankreich, wo ich nun lebe. Ich kenne nur noch dieses Leben, das andere war so weit weg und lag im Dunkeln meiner Erinnerungen.
An den Tagen, wenn ich runter in die Werft ging, benutzte ich meistens einen anderen Weg, aber Maman, Tante Estelle, bat mich noch einen Brief einzuwerfen, eine Rechnung an einen Kunden.
Der wohnte aber in einem anderen Viertel, ein Umweg war unumgänglich, aber das war nicht so schlimm. Ich suchte die passende Hausnummer und fand den Briefkasten vorne am Eingang. Es klapperte kurz, und die Rechnung für eine Reparatur war eingeworfen. Jetzt hatte ich zwei verschiedene Möglichkeiten, um an den Hafen zu gelangen, durch die alten Gassen oder entlang der Promenade mit dem neuen schickimicki Café.
Das lockte mich nicht sonderlich, also bog ich nach links ab, runter in die engen Gassen. Der Vorteil war auch nicht von der Hand zu weisen, hier war es durch den Schatten zwischen den Häusern in der Enge der Gassen deutlich kühler als in der prallen Sonne auf der anderen Seite vom Viertel.
In Gedanken versunken folgte ich dem schmalen Weg, ein paar Stufen die Treppe runter zum Querweg, rechtsrum, wieder ein Stück runter und dann an die kleine Straße und ein paar Meter weiter über den Platz gehen. Dann komme ich an die untere Straße, die rüber zum Hafen führt, dann bin ich bald da.
„Hilfe, Hilfe, Madad!” hörte ich von irgendwoher einen lauten ängstlichen Schrei. „Nahin, main don `tee ki chaahate hain” wieder die ängstliche Stimme, irgendwo hier um die Ecke. „Hilfe, Hilfe, Bitte“, jetzt sehr laut und sehr eindringlich.
Also hatte ich das doch nicht geträumt. Aber von wo kam das her? Ich konnte niemanden sehen. Da hinten stand ein Lieferwagen, kam es von dort. Ich fing an mich zu beeilen, zu laufen. Was ging dort nur vor sich?
Es fehlten mir nur noch einige Meter bis zu dem Fahrzeug, als ein Mädchen sichtbar wurde, das sich mit dem Rücken an den Lieferwagen drückte. Zwei Typen standen bei ihr, hielten sie am Arm fest und versuchten sie mit ihren Fäusten drohend in den Lieferwagen zu drängen. „Madad“ erklang es erneut. Das Mädchen versuchte mit aller Gewalt, sich von den beiden Typen loszureißen. Sie hatte eine Jeans an, einen Pullunder und eine verdreht herum aufgesetzte Baseballkappe auf. Halt, ich glaube, die kenne ich von der Schule her. Das ist doch die Neue, die Göre, eine Araberin oder so eine? Aber drei Typen, ein dritter saß im Lieferwagen, gegen ein Mädchen, das ging überhaupt nicht. Ich fing an zu rufen. „Halt aufgehört, stopp. Lasst sie los, aufhören,“ und rannte auf die Gruppe zu. Der eine von ihnen verschwand direkt, aber der andere versuchte nun noch intensiver, das Mädchen zu erwischen und ins Auto zu verfrachten. Als das Mädchen mich bemerkte versuchte sie, den Typen, der sie am Arm festhielt, in meine Richtung zu ziehen, sie wollte unbedingt von dem Auto weg. Endlich hatte ich sie erreicht, aber der Typ schlug dem Mädchen fest ins Gesicht, einmal, zweimal, mehrfach. Dann lies er sie halb los und kümmerte sich um mich. Er schlug mir voll vor den Kopf. Ich versuchte nicht erst, zurückzuschlagen, der Typ war zu mächtig. Aber ich erwischte das Mädchen und hielt sie umklammert. Der Typ prügelte auf mich ein, versuchte immer wieder das Mädchen wegzuziehen, das ich eng umklammerte. Dann bekam ich seine Faust in die Seite in die Niere, begann mich zu krümmen, sackte zusammen. >Lass sie nicht los< schoss es mir durch den Kopf, denn dann ist sie verloren. Der Typ trat auf mich ein, auf meine Brust, auf meinen Körper, als ich herabsank. Aus Reflex versuchte ich mich auf das Mädchen zu legen, damit er sie nicht wegziehen konnte. Er trat wieder zu, seitlich gegen meinen Brustkorb, ich hörte es knacken. Mehrfach. Dann trat er mir heftig gegen den Kopf, und noch ein weiteres Mal.
>Halt sie fest, halte durch, halte sie fest< waren die letzten Gedanken, an die ich mich erinnern konnte. Dann wurde es dunkel um mich herum.
Schlafen.
Ich wollte nur schlafen. Warum last ihr mich nicht einfach nur schlafen? Und wo bin ich nur? Und was ist das für eine blöde Musik, der Takt ist total daneben, immer nur Biep. Biep. Biep. Biep. Biep. „Monsieur Laurent, können sie mich hören?“ Wer war das denn?
In welcher blöden Diskothek bin ich denn hier gelandet? Ich trinke doch sonst nichts und gehe nirgendwo hin, wie kann das sein? So eine blöde Musik! Aber die wurde langsam etwas lauter und klarer, hörte sich fast so an wie in einem Krankenhaus.
Biep. Biep. Biep. Biep.
Jetzt erst fing ich an zu begreifen, dass es mein Herzton war, den ich hörte, als ich erwachte. Wo bin ich nur, ich konnte mich nicht erinnern?
Biep. Biep. Biep. Biep.
„Monsieur Laurent, hallo, sind sie wach, wie geht es Ihnen?“ Ist mir doch egal.
Biep. Biep. Biep. Biep.
„Hallo, die Gendarmerie ist hier und hat ein paar wichtige Fragen an Sie!“
Biep. Biep. Biep. Biep.
Ist mir immer noch egal. Oh, diese Kopfschmerzen. Klopft da einer Biep Biep Biep auf meinem Schädel herum? „Laurent, hallo, können Sie ein paar Fragen beantworten?“ Aber klar. Eins und eins sind eine Menge und montags ist meistens blau, oder war es grün? Mir ist alles egal, ich will schlafen. „Meine Herren, es ist zu früh, ich breche das jetzt hier ab und der Patient geht wieder zurück ins künstliche Koma. Sie müssen warten, ein paar Tage, oder vielleicht auch länger, die Verletzung am Kopf war zu schwer.“ Irgendjemand hatte das Licht ausgemacht, es wurde wieder dunkel. Und das Biep Biep Biep Biep verschwand, wurde immer leiser. Und leiser. Schlafen, wie schön.
Einige Tage darauf ging es mir langsam besser. Die Schwellung im Kopf nahm ab, aber proportional dazu schienen die Kopfschmerzen anzusteigen. Aber ich war wach, lag nicht mehr im künstlichem Koma.
Was war nur geschehen?
Es dämmerte mir langsam. Wie konnte ich nur so blöd sein, zu versuchen, es mit drei Angreifern aufzunehmen? Und wer war das schmutzige Mädchen überhaupt, der ich zu Hilfe kam? Irgendwie kam sie mir damals bekannt vor, aber deswegen hatte ich nicht eingegriffen. Wer war sie nur, woher kannte ich sie?
Drei Typen, ein Mädchen und schlagende Fäuste, das ist mehr als nur unfair!
Ich versuchte mich intensiv zu erinnern, aber mein Schädel brummte nur, es gelang mir nicht, der Schlaf übermannte mich wieder.
Ein paar Tage darauf konnte ich wieder etwas klarer denken. Ich wurde in der Zwischenzeit aus der Intensivabteilung auf eine normale Station in ein Einzelzimmer verlegt und langsam verschwanden die schlimmen Kopfschmerzen. Meine Tante und mein Onkel waren die ganze Zeit über mehrfach am Tag bei mir, was ich aber nicht immer mitbekommen hatte. Sie waren sehr besorgt um mich.
An irgendeinem Nachmittag klopfte es an der Türe, die sich langsam und behutsam öffnete, herein kam ein Herr und eine Dame, die ich nicht kannte, die ich noch nie gesehen hatte. Im Hintergrund von den Beiden war noch jemand, den ich nicht so richtig erkennen konnte, die Person wurde durch die beiden anderen verdeckt. Der Herr sprach mich dann an. „Bonjour, Monsieur, ich hoffe es geht Ihnen besser. Darf ich mich Ihnen vorstellen, mein Name ist Victoire de Bedariex, und das sind meine Frau Anjali und unsere Tochter Chiara. Sie haben ihr bei dem Überfall geholfen, bei dem Sie selbst so schwer verletzt worden sind. Wir sind Ihnen zu Dank verpflichtet für Ihren selbstlosen Einsatz. Wir werden selbstverständlich für alle Kosten aufkommen, die Ihnen und Ihrer Familie entstehen oder entstanden sind, hier im Krankenhaus oder anderswo, wir haben für Sie das Einzelzimmer besorgt und Sie werden von den besten Ärzten betreut.“ Er hörte nicht auf zu reden, ich weiß nicht mehr, was er alles gesagt hatte, ich konnte ihm nicht mehr folgen, mein Kopf dröhnte. Und zwischen den Beiden sah ich im Hintergrund dieses schmutzig aussehende Mädchen. Das war jetzt nicht böse gemeint, es war das Mädchen, das als Bursche herumlief und verstohlen zwischen ihren Eltern zu mir herübersah. Wie immer trug sie irgendeine dunkle Jeans, einen blauen Pullunder und auf ihrem Kopf eine von diesen dämlichen Baseballkappen, die heutzutage jedermann tragen musste. Das dicke Pflaster an ihrer Stirn und ihr blaues Auge ließ erkennen, wo wir uns zuletzt begegnet waren. Sie selbst sagte nicht ein einziges Wort, schaute nur immer verstohlen zu mir herüber.
Ich konnte nicht mehr folgen und war kurz darauf einfach eingeschlafen, unhöflich zwar, aber ich war vollkommen erschöpft.
Zwei Tage später klopfte es leise an der Türe, die dann unmittelbar danach vorsichtig geöffnet wurde und herein kam ein mir im ersten Moment unbekanntes Mädchen. Ich dachte, meine Gehirnerschütterung spielte mir einen Streich und ich sei in 1001-Nacht gelandet. Eine Prinzessin aus diesem Märchen erschien in meinem Zimmer und kam auf mich zu, so etwas hatte ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen.
Es dauerte einen kleinen Moment, bis ich realisierte, dass es das Mädchen aus der Schule war. Chiara hieß sie, glaube ich, die da im Zimmer vor mir stand. Sie trug einen weißen Sari mit kleinen blauen Blumenpunkten darauf und ein violetter Schal oder Schleier lag ihr um den Hals, die Enden des Schals hingen ihr, wie bei Inderinnen üblich, nach hinten herunter. Ihr dunkles schwarzes Haar trug sie hinten zu einem Zopf zusammengebunden, ich hätte sie auf der Straße nie erkannt. Um ihren Hals baumelte eine kurze Kette mit einem kleinen Anhänger, ein kleines Ornament. An ihren Ohren hingen zwei kürzere rubinrote Ohrringe und beide Arme schmückten mehrere dünne Armreifen. An ihrem Nasenflügel trug sie auf der linken Seite seitlich einen kleinen Stein, und aus ihren Nasenlöchern ragte ein kleiner Nasenpiercingring heraus. Einzig das Pflaster seitlich an ihrer Stirn und ihr leicht gerötetes Auge als Folge des Überfalles passten nicht dazu.
Eine Inderin!
Eine Inderin. Und in der Schule wurde sie für eine Nordafrikanerin gehalten, oder für jemand aus dem arabischen Raum, oder aus dem Sudan. Aber eine Inderin, das wäre mir im Traum nicht eingefallen, das hätte ich nie vermutet. Wir hatten bisher in der Schule keinen Kontakt zueinander gehabt, da sie in eine Parallelklasse ging und auch erst eine kurze Zeit bei uns an der Schule war. Und von dort kannte ich sie nur als burschikos wirkend, meist Zöpfe und Hosen tragend. Ein Mädchen, das man dafür einschätzen würde, in Bäume zu klettern oder sich mit Jungs zu raufen. Aber das hier würde mir niemand glauben, dem ich davon erzählen würde. Sie kam langsam an mein Bett und stellte ihre Tasche dort ab, mit jedem ihrer Schritte und Bewegungen hörte ich ein helles Glockenklingeln. Oh, mein armes Hirn, jetzt dreht es völlig durch.
Jetzt legte sie ihre Handflächen aneinander, die sie dann an die Stirn führte und mit ihren Zeigefingerspitzen zwischen den Augen kurz berührte, dort, wo sie sich einen kleinen roten Punkt aufgemalt hatte.
„Namaste“ sagte sie zu mir. Dann berührte sie die Bettdecke, die meinen Fuß darunter erkennen ließ und verbeugte sich zu einem Knicks. Als sie sich wieder erhob musste ich wohl total blöd ausgesehen haben. Sie senkte sofort ihre Augen. Kurz schaute sie wieder zu mir auf und wieder senkte sich ihr Blick. Dann griff sie in ihre Tasche, die sie zuvor über ihre Schulter hängen hatte und holte eine kleine Glasschüssel heraus, die mit einem Kunststoffdeckel verschlossen war, und stellte sie vor mir auf das kleine Schränkchen an meinem Bett. „Ich habe dir etwas Obstsalat gemacht und mitgebracht, der wird dir vielleicht schmecken und dich schnell wieder genesen lassen“. „Oh, vielen Dank. Ich hatte nicht erwartet, dass Du mich besuchen kommst, Du warst doch erst vor zweit Tagen mit deinen Eltern hier bei mir, oder warst Du das nicht?“ „Entschuldige, dass ich Gestern nicht kommen konnte, ich war mit meinen Eltern noch einmal bei der Gendarmerie, ich musste dort jemanden identifizieren“. „Ich bin erfreut dich zu sehen, und wie ich sehe, bist Du nicht mehr ganz so lädiert wie ich selbst“ und zeigte auf das nun kleinere Pflaster an ihrer Stirn. „Darf ich mich zu dir setzen“ fragte sie unverhofft. „Klar, wenn Du noch etwas bleiben willst, warum nicht, die ganze Zeit herumstehen ist nicht so großartig“. Neben meinem Bett war Platz für den Stuhl, der hinten am Fenster stand. Aber anstatt ihn zu holen setze sie sich zu mir auf mein Bett. „Hast Du noch sehr viele Schmerzen?“ wollte sie wissen. „Mein Kopf brummt immer noch und das Nachdenken fällt mir noch schwer. Und beim Atmen muss ich aufpassen, ich darf nicht zu tief Luft holen. Husten und Lachen ist auch nicht so prickelnd“ bekam sie zur Antwort. Sie blickte zwar immer in meine Richtung, ihr Kopf war die ganze Zeit leicht gesenkt und ihre Augen schauten mich scheu an und sofort wieder weg, wenn wir Blickkontakt bekamen. So etwas, nennt man das Demut, kann man das einem vorspielen, warum wirkte sie so schüchtern? Unglaublich, sie war ein ganz anderes Mädchen, ein ganz anderer Typ Mensch als bei den paar Mal, die ich sie zuvor in der Schule gesehen hatte. „Gestern bekam ich einen anderen Stretchverband gelegt, der entlastet die Rippenbrüche besser, aber es tut doch höllisch weh, wenn man nicht aufpasst und sich falsch bewegt“.
„Das ist gut zu hören und erfreut mich sehr, wenn Du weniger Schmerzen hast. Und das Alles nur wegen mir. Ich stehe unendlich in deiner Schuld, ich werde dir ewig dankbar sein, dass Du mir so selbstlos geholfen hast. Du hast mir vermutlich das Leben gerettet, oder mir und meiner Familie unendliches Leid erspart. Die Gendarmerie will dir das aber selbst sagen, wenn sie in den nächsten Tagen zu einer Vernehmung zu dir kommen wird.“ Dann fügte sie noch „Main aapako apane jeevan ke lie dhanyavaad deta hoon“ an, von dem ich kein Wort verstand. „Ich habe es auf Hindi wiederholt“ erklärte sie mir auf meinen fragenden Ausdruck hin und senkte wieder ihren Blick. „Ich danke dir für mein Leben“. „Du brauchst mir nicht zu danken, das hätte ich für jeden getan, der so überfallen wird. Und es klingt schön, wenn Du so redest. Und nicht so piepsig wie in den Fernsehfilmen, die man aus Indien kennt. Und wenn wir schon bei schön sind, Du siehst einfach umwerfend aus in deinem Gewand. Das nennt man einen Sari, glaube ich, oder?“ – „Ja, Sari ist richtig, und das Oberteil dazu nennt man Choli. Und vielen Dank für dein Kompliment“. Und wieder hatte sie mich nur kurz angesehen, diesmal glaubte ich aber, war sie etwas verlegen. Aber wie erkennt man das bei einem Menschen, dessen so dunkle Haut eine Rötung nicht erkennen lässt? „Und für wen oder was hast Du dich so hübsch gemacht, wenn ich das Fragen darf und Du mir das verraten möchtest“? wollte ich nun doch von ihr wissen. Jetzt schaute sie auf, mir fest und tief in die Augen blickend und sagte wieder auf Hindi „Mainne apane doolhe aur bhaavee pati ko khush karane ke lie kapade pahane“ und berührte meinen Handrücken dabei ganz kurz. „Ich glaube ich muss einen Kurs besuchen, ich verstehe nur Bahnhof. Verrätst Du mir auch diesmal, was es heißt“? wollte ich natürlich wissen. Sie senkte verlegen ihren Kopf und flüsterte leise „Ich habe mich hübsch gemacht, um meinem Bräutigam und zukünftigen Gemahl zu gefallen“. Als sie aufblickte sah ich eine kleine Träne ihre Wange runterkullern, die sie versuchte, schnell wegzuwischen, damit ich es nicht bemerkte. Ich war doch einen Moment sprachlos und wollte mich etwas aufrichten, als mich ein Stechen an meine zerborstenen Knochen erinnerte und mich schmerzverzerrt innehalten ließ. „Langsam, sei bitte vorsichtig, Du musst aufpassen“. Wieder lief eine Träne über ihre Wange, die sie diesmal aber laufen ließ. „Mein Prinz, mein Retter“. „Aber deswegen . . . . „stammelte ich hervor, aber sie unterbrach mich sofort. „Ich stehe für immer in deiner Schuld, mein Leben gehört dir und ich bin dir auf ewig dankbar. Nach unserer Tradition in Indien gelten wir durch das Schicksal als miteinander verbunden und sind einander ewig verpflichtet und müssen von nun an gegenseitig auf uns achten“ erklärte sie mir, „aber wenn ich dir nicht gefalle oder Du jemanden anderen in deinem Herzen hast dann ziehe ich mich zurück und gebe dich frei“.
Das haute mich um, ich helfe jemanden aus einer misslichen Situation und gehe dadurch eine Verbindung, eine Verpflichtung mit dieser Person ein? Eine weitere Träne kullerte über ihr Gesicht, die ich dann aber abfing. „Hör bitte einmal, Chiara, ich finde dich, so wie Du heute bei mir bist, einfach nur bezaubernd, bezaubernd und auch irgendwie geheimnisvoll. Ich hätte mir nie im Leben erträumen lassen, einmal so ein hübsches und dabei so kluges Mädchen zu treffen, geschweige von ihr den Hof gemacht zu bekommen. Es wäre wunderbar, wenn wir Freunde werden könnten und für die Zukunft, warten wir doch einfach ab und lassen alles auf uns zukommen. Ich wäre gerne mit dir befreundet und würde dich gerne wiedersehen, ehrlich“ ich gab ihr ein Papiertuch „und bitte, hör auf zu Weinen, bitte, ich kann das nicht ansehen“. Sie nickte, schaute mir wieder tief in die Augen, holte tief Luft und stellte eine Frage „Bitte sei ehrlich, oder liegt es an meiner so dunklen Haut“? Jetzt war aber genug! „Chiara, ich bitte dich, Du hast kaum weniger dunkle Haut als die Touristen hier in der Gegend, die es maßlos am Strand mit der Sonne übertreiben. Das darfst Du nicht einen noch so kurzen Moment denken, sonst wäre ich dir sehr böse. Ich habe viele Freunde und Bekannte aus aller Herren Länder, da schau ich auch nicht drauf, wo sie herkommen oder wie sie aussehen“. Sie lächelte mich an und erwiderte erleichtert „Dann werden wir erst einmal sehr gute Freunde, aber denke daran, was ich dir vorhin gesagt hatte, dass kam von Shiva. Du wirst sehen, sie hilft mir und erfüllt meine Gebete für uns. Und mein Name, ich heiße eigentlich nicht Chiara, mein richtiger und vollständiger Name ist Marisha Nalini Chiara Vikreta de Bedariex. Ich lasse mich nur in der Schule Chiara nennen, aus besonderen Gründen, die ich dir einmal erzählen werde“. „So viele Namen, und ich habe nur einen Vornamen. Haben die Namen eine Bedeutung“? wollte ich von ihr wissen. „Aber ja doch, wie so oft bei vielen Dingen in Indien. De Bedariex ist der Nachname meines Vaters, der aus Frankreich stammt. Vikreta ist der Familienname meiner Mutter in Indien, er bedeutet Kaufmann oder Händler, Nalini heißt die Liebliche und ist der Vorname meiner Oma, der Mutter meines Vaters und Chiara heißt meine andere Oma in Indien. Und mein Name innerhalb der Familie ist Marisha, aber nur dort. Und er bedeutet Tochter des Windes und des Mondes“. Ich war mehr als nur sprachlos. „Und Du, dich bitte ich mich auch Chiara zu nennen, wenn wir unterwegs sind. Und wenn wir allein unter uns sind, dann kannst und darfst Du mich Marisha rufen“. „Tochter des Windes und des Mondes, das wäre natürlich etwas lang für einen Vornamen. Aber das klingt unwahrscheinlich poetisch. Und Marisha, das klingt so hübsch, wie Du heute für mich aussiehst, schade, dass ich dich nicht immer so nennen darf“. „Ich frage meine Eltern, ich werde die Erlaubnis bestimmt für dich erhalten“.
Sie lächelte mich an und senkte nicht den Blick. „Marisha“, versuchte ich ihren Namen erneut auszusprechen, „ist die Betonung so richtig“? „Ja, genauso, wie Du es gerade gesagt hast“. Wir lächelten uns an, wie zwei frisch Verliebte, was wir vielleicht auch in diesem Moment waren, also zu mindestens ich, sie hatte mich ja bereits fest eingeplant. „Was denkst Du gerade“? wollte sie von mir wissen. „Ein traumhaftschönes Mädchen mit einem wunderschönen poetischen Namen, eigentlich dürfte ich nicht lange überlegen und müsste dein Angebot von vorhin sofort annehmen,“ lächelte ich ihr zu. „Siehst Du, Shiva hilft uns, sie ist schon dabei, Du wirst sehen“. Bevor ich etwas erwidern konnte klopfte es erneut an der Türe und zwei mir unbekannte Männer kamen in das Krankenzimmer. „Ah, Mademoiselle Chiara, Sie sind auch hier, kennen Sie sich bereits länger“? richtete er direkt eine Frage an Marisha, die verneinend den Kopf schüttelte. „Nein, ich mache heute einen ersten Krankenbesuch bei Laurent“. „Mein Name ist Commandant Perus und das ist mein Kollege Capitaine Nanterre, wir untersuchen den Überfall, dem Sie Beide zum Opfer fielen“ und etwas verlegen wendete er sich noch einmal an Chiara „und Sie müssten wir bitten, einen Moment draußen zu warten, bis wir hier fertig sind.“ Chiara nahm ihre Tasche „Dann werde ich gehen und Morgen wiederkommen, es wird hier bestimmt eine Weile dauern, ich muss noch für die Schule lernen, gestern hatte ich auch schon wenig Zeit dazu“ und zu mir gewandt ertönte ihre Stimme „Phir milenge, das bedeutet wir sehen uns wieder“, erklärte sie mir direkt, ohne von mir eine Aufforderung dazu zu bekommen. Dann schritt sie zur Tür und verließ den Raum, wieder begleitet von dem klingelnden Geräusch bei jedem ihrer Schritte. Und nicht nur ich schaute ihr fasziniert hinterher, als sie aus unserem Blickfeld verschwand.
„Nun, zuerst einmal unsere besten Wünsche für eine schnelle Genesung, wir haben uns bereits bei den Ärzten über ihrem Zustand informiert. Ihre ganzen Personalien haben wir bereits, aber uns fehlt noch eine Aussage von Ihnen. Dann also, fangen wir an. Als Erstes haben wir hier ein Foto von einem der Täter mit der Frage, ob sie ihn wiedererkennen“? Sein Kollege zeigte mir das Bild und ich brauchte nicht lange zu überlegen „Ja, das war der eine, der Chiara so bedroht hatte und der sie so verprügelt hatte.“ „Gut, dann deckt sich ihre Aussage mit der von der jungen Mademoiselle. Dann berichten Sie uns einmal, wie sich das ganze aus ihrer Sicht abgespielt hatte.“ Jetzt war ich an der Reihe und erzählte von dem Überfall, so wie ich ihn an dem Tag erlebt hatte, als ich dazukam. Ich berichtete auch von dem Lieferwagen mit diesem Aufkleber, den ich von irgendwo her kannte, mich aber einfach nicht erinnern konnte woher oder wo ich den Lieferwagen schon einmal gesehen hatte. Meine Gedanken kreisten vor und zurück, wohl immer noch eine Spätfolge von der Gehirnerschütterung, die ich bei dem Sturz und die Tritte gegen den Kopf an dem Tag erlitten hatte. „Nun, Monsieur, wir danken Ihnen für Ihre Mithilfe und wünschen Ihnen weiterhin eine baldige und vollständige Genesung. Und falls Ihnen noch etwas einfallen sollte, hier bitte haben Sie meine Karte, dort können Sie mich jederzeit erreichen,“ und legte die besagte Visitenkarte auf meinen Nachttisch. „Ja, geht in Ordnung, ich überlege schon seit Tagen, vielleicht fällt es mir noch ein. Und bitte, ich bin erst siebzehn, Sie können mich immer noch Duzen.“ „Gerne, ganz wie Sie, also wie Du wünschst.“ „Ich habe noch eine Frage bevor Sie gehen, Chiara sprach davon. Sie können etwas über die Hintergründe sagen, warum Chiara überfallen worden sei, hat Sie mir gesagt, und Sie sagte, Sie wollen es mir selbst sagen.“ „Nun, Laurent, das ist jetzt etwas heikel. Fakt ist, wir gehen entweder von einem Entführungsversuch, wenn nicht sogar von einer Tötungsabsicht aus. Mehr Details dürfen wir dir vorerst nicht nennen, aber etwas mehr kann dir die Familie von Chiara vielleicht dazu erzählen. Wir haben noch keinen genauen Überblick und können aus ermittlungstechnischen Gründen noch keine weiteren Details bekannt geben, auch dir vorerst nicht. Bitte entschuldige das im Augenblick.“ Die beiden Gendarmen verabschiedeten sich und ließen mich völlig verwirrt zurück. Entführungsversuch. Tötungsabsicht. Wer, und vor allem warum sollte jemand die Absicht haben, diesem jungen und hübschen Mädchen, oder besser gesagt, dieser jungen Frau, sie war siebzehn wie ich, ein Leid zuzufügen? Ich verschloss die Augen, um besser nachdenken zu können, aber wie in vielen Momenten der letzten Tage fing sich alles an zu drehen. Verdammte Gehirnerschütterung, verdammte Hirnprellung, in was war ich da nur reingeraten. Die grauen Zellen in meinem Kopf tanzten Tango oder irgendetwas anderes, irgendwann später schlief ich dann ein.
„Laurent, mein Schatz, schläfst Du fest oder döst Du nur“ drang von irgendwoher eine Stimme zu mir vor. Ich freute mich schon innerlich, Chiara! „Chiara!“ „Nein, mein Schatz, ich bin es, Tante Estelle, von wem hast Du denn geträumt?“
Oh, wie peinlich!
„Das wirst Du nicht glauben, was hier heute passiert war,“ versuchte ich meine Phantastereien zu erklären, „das Mädchen von dem Überfall war mich heute besuchen und Du wirst es nicht glauben, wie sie bei mir erschien. Sie ist eine Inderin, in voller Montur kam sie her und so etwas von aufgebrezelt, wie im Kino. Und die Gendarmerie war auch hier.“
Ich erzählte meiner Tante von dem Besuch von Marisha und von der Gendarmerie, die später dazu kam, und natürlich von dem, was sie mir berichtet hatten. Meine Tante war fassungslos und wähnte, ich litt noch immer unter den Spätfolgen der Kopfverletzungen. Aber ja, ich habe alle meine Medikamente brav genommen. Nein, es war wirklich so. Ungläubig schaute sie mich an, bis ihr Blick auf die Obstschale auf dem Schranktisch fiel. Nun schien sie zu verstehen. „Hast Du dich verliebt? Nach nur einem kleinen Besuch von ihr bei dir? Ist sie wirklich so hübsch? Chiara? Die müssen wir unbedingt einmal kennen lernen.“ „Maman,“ ich nannte meine Tante immer mal wieder Maman, wenn es gefühlsmäßig eng wurde, war sie doch eine wichtige Bezugsperson für mich, „ich schaute sie sicherlich an, weil sie wirklich sehr hübsch ist, so wie sie heute bei mir war, aber ihre Art, wenn Du in ihre tiefgrünen, oder sind sie braun, na, jedenfalls wenn Du ihr in ihre Augen schaust und zugleich mit ihr redest, ich glaube, ich habe in ihre Seele gesehen.“ Meine Tante lächelte und gab mir einen dicken Kuss auf die Stirn. „Du wirst viel zu schnell erwachsen, mein kleiner Lauri. Und wenn Du das für dieses Mädchen empfindest, dann halte sie fest, lass Dir bloß nicht von irgendjemanden, egal von wem, da hineinreden, versprich mir das.“ „Maman, ich kenne sie doch kaum. Aber wie sie heute mit mir geredet hat, wir waren so vertraut zueinander, als wenn wir uns bereits seit hundert Jahren kennen!“ Ja, erklärte sie mir dann, wenn man sich dem anderen öffnet, dann kann dieser Eindruck schnell entstehen, aber das verlangt auch viel Vertrauen, sie muss dir voll vertrauen können. Und das ist enorm wichtig, und das darf man nie, niemals verspielen. Sonst ist alles aus und man kann das nie wieder im Leben reparieren. Und damit waren wir dann bei einem anderen Thema, Reparieren. Der Onkel ließ grüßen, er war noch nach Marseille gefahren um wichtige und benötigte Ersatzteile zu holen und ließ mich grüßen. Morgen wolle er wieder vorbeikommen, hätte er versprochen. Wir plauderten noch eine Weile, bevor sie dann später ging.
Ich habe sie lieb, meine Tante. Schade für sie, dass sie nie eigene Kinder bekommen konnte, aber seit langer Zeit war ich dafür ihr Sohn, und das war ich gerne, bei allem Schlimmen was mir passiert war, das war ich gerne.
In der folgenden Nacht schlief ich sehr unruhig, immer wieder hatte ich das Bild von Chiara, also Marisha, vor den Augen, und dann kam von irgendwoher eine Faust und zerstörte all diese schönen Träume. Draußen war es windig, wie so oft in dieser Jahreszeit, Mistral. Ich träumte weiter und weiter, und irgendwann in meinen Träumen nahm sie mich an die Hand, meine Marisha, die Tochter von Wind und Mond, damit ich endlich friedlich einschlafen konnte.
Am nächsten Vormittag hatte ich einiges an Therapien vor mir. Über Nacht waren die letzten Schwindelgefühle verschwunden, hatte ich doch eine aufmerksame Person in meinen Träumen zu meiner Seite. Der Doktor setzte den Tropf ab und ich versuchte, ohne die kleinen flüssigen Glücksbringer zurecht zu kommen, ich sollte auch nicht abhängig werden. Es funktionierte besser als gedacht. Mit der Krankengymnastin machte ich Atemübungen, auch die waren wesentlich besser als am Vortag. Zum ersten Mal in den letzten Tagen fühlte ich mich wirklich wieder besser. Aber woran lag das nur? Ich durfte, nein, ich sollte das Bett verlassen, zwar nur in Begleitung, aber ich sollte herumlaufen. Langsam, Schritt für Schritt war das auch kein Problem. Treppen musste ich meiden, aber dafür gab es Aufzüge. Nach den ersten Runden mit der Physiotherapeutin fühlte ich mich fast wieder fit, wurde aber ausdrücklich ermahnt, es nicht zu übertreiben und nur in Begleitung unterwegs zu sein. Versprochen.
Am Nachmittag kamen Onkel und Tante, also meine jetzigen Eltern, zu Besuch und waren sehr erfreut, dass ich solche Fortschritte machte. Ich war es auch. Ich hasse Hospitäler, wer nicht, ich wollte nach Hause.
Wir waren auf dem Weg nach unten in den Garten, als ich unten im Foyer im Augenwinkel einen gelben Farbklecks sah. Es war Marisha, diesmal in einem gelben Sari, die wohl zu mir wollte, mich dann aber mit meinen Eltern sah und sich sofort zurückzog. Ganz enttäuscht, so hatte ich den Eindruck, stand sie im Flur abseits vom Aufzug und sah mich verlegen an, eine Tüte in der Hand. „Maman, können wir einen kleinen Moment anhalten“ fragte ich meine Tante, die sofort ahnte, was mein Ansinnen sei. Ich ging herüber zu Marisha, die wie angewurzelt dort stand und kein Wort hervorbrachte, ihr Blick folgte aber jeden meiner Schritte. „Namasee, Du kommst schon wieder zu mir, das ist nett, damit hatte ich nicht gerechnet“ begrüßte ich sie. Heute trug sie einen hellgelben Sari, war aber nicht ganz so ausgestattet wie am Vortag, ihr Piercing in der Nase fehlte, alles andere war aber, so glaubte ich, vorhanden. Und an den Füßen trug sie ganz flache Riemensandalen, es sah aus, als ginge sie barfuß. Ihr schoss ein Lächeln ins Gesicht. „Namaste, mein Held. Und Du darfst aufstehen und das Krankenbett verlassen, Shiva sei Dank. Ich habe gebetet, dass es dir recht schnell besser geht, und nun ist es bereits eingetreten.“ Dabei hatte sie wieder ihre Handflächen aneinandergelegt und mit den Zeigefingerspitzen ihre Stirn berührt. Sie ging runter auf den Boden und berührte meine Füße, „Aapakee madad ke lie shukriya, oh shiv par haavee“ flüsterte sie dabei. Sie erhob sich und erklärte mir, sie hätte sich bei Shiva für meinen Genesungsfortschritt bedankt. „Oh, Namaste. Ich habe das falsch gesagt, tut mir leid. Komm, ich möchte dir meine Eltern, also meinen Onkel und meine Tante vorstellen“. Sie war völlig verdutzt, als ich das so sagte und sie bei der Hand nahm und zu meiner kleinen Familie herüber ging. „Onkel, Tante, das ist Mari…, das ist Chiara“ stellte ich sie vor. Und wieder begrüßte sie meine Leute mit den zusammengelegten Handflächen, sagte Namaste und ging auf den Boden und berührte dort die Schuhe meines Onkels und meiner Tante. Die waren erst erstaunt und wussten nicht genau, was sie sagen sollten, meine Tante hatte sich zuerst im Griff. “Bonjour, Chiara, nett dich kennenzulernen, wir haben schon von dir gehört und wir sind fassungslos, was dir da passiert ist. Hast Du alles gut überstanden?“ wollte meine Maman wissen. „Bonjour, ich bin auch erfreut über diese Begegnung mit Ihnen. Mir geht es ganz gut, aber mein Leid ist nichts im Vergleich zu dem Leid, dass ich ihrer Familie verursacht habe. Nicht auszudenken, wenn es Laurent schlimmer getroffen hätte, ich stehe so tief in der Schuld ihrer Familie. Ich schäme mich so.“ Meine Tante war sprachlos.
„Langsam“, sagte sie, „Langsam, Du brauchst dich für gar Nichts zu schämen. Niemand ist dafür verantwortlich, was einen von Dritten zugefügt wird. Und niemand hätte vorhersehen können, wie dieser Überfall auf dich überhaupt ausgeht. Und wir sind heilfroh, besonders da wir dich gerade kennenlernen, dass ausgerechnet Laurent zufällig diese alte Gasse langgekommen war und dir zu Hilfe eilen konnte. Hauptsache ist immer noch, dass dir nichts Schlimmes passiert ist.“ Völlig unerwartet drückte meine Tante Marisha und entschuldigte sich sofort dafür, da sie nicht wusste, ob das in Indien so üblich sei oder ob es ihr überhaupt recht war, umarmt zu werden. „Und nun sag uns, was hast Du ihm Schönes mitgebracht?“ „Maman!“ protestierte ich, aber meine Tante hörte nicht hin. Mein Onkel war die ganze Zeit über sehr ruhig, aber ich wusste genau, was er über sie dachte, und ich war ihm dankbar dafür. „Ich habe etwas gebacken und ihm Gulab Jamun, das sind Milchbällchen, mitgebracht,“ klärte sie meine Tante auf. „Na, dann komm mit und begleite uns in den Garten, dann kann er sie probieren. Du hast doch Zeit dazu, oder?“ Meine Tante ließ ihr keine Wahl, hackte sie unter und auf ging es in den Garten. Mein Onkel drückte meine Schultern und sah zufrieden aus, so wie ich ihn schon lange nicht mehr erlebt hatte, zu viele Sorgen kreisten um seinen Reparaturbetrieb. Und als ich mit meiner kleinen Prinzessin durch den Garten ging hatte ich das Gefühl, hunderte von neidischen Augen folgten uns auf unserem Weg durch die Grünanlage. Und immer noch klingelten die Glöckchen bei jedem ihrer Schritte.
Ich war im siebten Himmel.
Shiva, oder wie immer sie heißt, sei Dank.
Mir viel ein Stein von Herzen, als ich erkannte, meine Tante und mein Onkel störten sich nicht an ihrer doch sehr dunklen Hautfarbe, aber ich hatte eigentlich auch keine andere Reaktion von Ihnen erwartet. Wir setzten uns auf ein paar Stühle in den Schatten unter einer Platane im Park und Marisha reichte mir die Tüte mit dem Gebäck, damit ich es probieren konnte. Sie schmeckten ganz weich und leicht und ich ließ es mir nicht nehmen, die Tüte herumzureichen, damit alle davon probieren konnten. Marisha nahm sich den kleinsten, den sie finden konnte und strahlte über ihr ganzes Gesicht, dass wir von dem Gebäck so begeistert waren. Und dass wir sie mochten und sie sympathisch fanden wohl auch, das konnte man in ihren Augen lesen, die glücklich glänzten.
Eine ganze Weile saßen wir so unter dem Baum zusammen, bevor sich meine Eltern von uns verabschiedeten, sie wollten uns noch etwas allein lassen. „Ich finde Deine Eltern sehr nett, sie haben mich nicht abgelehnt, aber sag mir bitte, warum sagst Du immer Onkel und Tante zu deinen Eltern?“ „Meine richtigen Eltern leben nicht mehr, sie kamen bei einem Autounfall ums Leben, als ich vier Jahre alt war. Ein Lastwagen kam ins Schleudern und rammte ihr Auto, sie waren sofort tot. Ich war an dem Tag nicht im Auto, meine Oma passte auf mich auf. Da lebte ich noch auf Corse. Die Schwester meiner Mutter konnte keine Kinder bekommen und hat mich dann als Sohn in die Familie geholt, ich bin ihnen sehr dankbar dafür. Nur musste ich dann Corse verlassen, mein Onkel hat eine Bootswerkstatt hier in Sète, also bin ich hergezogen und hier aufgewachsen. Ich besuche meine Oma regelmäßig, oder sie kommt zu uns, wir haben nicht so viele Verwandte“ war meine Erklärung dazu. Eine dicke Träne rollte ihre Wange herab, die ich mit meinem Daumen wegwischte. „Du brauchst darüber nicht traurig zu sein, das ist schon so lange her.“ Ich fasste allen meinen Mut zusammen und küsste sie kurz auf ihr Auge, dort an der Stelle, wo die Träne zuvor entstanden war. Der salzige Geschmack war atemberaubend und sie blickte mich überrascht an. „Deine Shiva“, so versuchte ich mich zu erklären, „hat mich wohl verhext, ich konnte gerade nicht anders.“ „Nein, Psst, so etwas darfst Du nie sagen,“ forderte sie mich auf, „wenn, dann hat sie dich verzaubert, aber nicht verhext! Shiva ist eine Gute“. Oh je, schon wieder ein Fettnäpfchen! Da muss ich wohl noch viel lernen.
Wir saßen noch sehr lange zusammen und redeten über total belanglosem Zeug, nur um noch beisammen zu sein. Aber irgendwann mussten wir uns trennen, es wurde Zeit für sie zu gehen, ich hatte allerdings auch irgendwie Angst, ihr könne wieder etwas zustoßen.
„Du kannst beruhigt sein, mein Retter, mein Prinz, meine Maan, meine Mutter wartet draußen auf mich, um mich zu fahren, das ist geregelt.“
Na, da fiel mir erneut ein Stein vom Herzen. Wir standen auf und gingen Hand in Hand begleitet von dem Geklingel kleiner Glöckchen hoch zum Hospital. Das Personal, dem wir begegneten, machte uns den Weg frei, um uns hinterher zu sehen. Ich bin kein Prinz, wirklich nicht.
Vor dem Ausgang drehte sie sich um und küsste meine Hand. „Phir milenge, bis morgen, mein Prinz, zur gewohnten Zeit.“ „Ich kann es kaum erwarten, ehrlich.“ Sie lächelte, nicht mehr so verlegen wie zuvor, sondern ihre Augen sahen anders aus. Glücklicher? Oh, diese Shiva, wie macht sie das nur?
Sie kam fortan täglich zu mir ins Krankenhaus und ich konnte es kaum erwarten, mit ihr am Nachmittag unten in den Park zu gehen und sich mit ihr zu unterhalten. Wir erzählten uns total belanglose Sachen, nur um miteinander die Zeit zu verbringen.
Nach zwei Wochen durfte ich aus dem Krankenhaus nach Hause und musste auch wieder in die Schule. Für den ersten Schultag hatten wir uns vor der Schule verabredet, ich sollte dort auf sie warten. Und sie hatte mir eine Überraschung versprochen. Ihre Mutter brachte sie mit dem Auto bis vor die Ecke, dort stieg sie aus dem Auto und verabschiedete sich von ihrer Maman. Dann drehte sie sich um und kam auf mich und die Schule zu.
Sie trug einen knallroten Sari, aber diesmal wenig Schmuck dazu und die Glöckchen fehlten. Nichts war von der ehemaligen Chiara oder deren Art sich zu kleiden zu sehen. Die Schulkameraden, die bei mir standen und mich zuvor begrüßt hatten, tuschelten bereits heftig herum, wer das da sei, als sie zu mir trat. Fast gleichzeitig legten wir, jeder für sich, unsere Handflächen aneinander und führten sie an die Brust. „Namaste, Chiara“ „Namaste, mein Prinz.“ Ich führte sie in das Gebäude und hoch zu ihrem Klassenbereich, dort verabschiedeten wir uns. „Phir milenge“ Wir sehen uns. Aber sicher, mehrfach heute am Tag.
Die Mädels aus ihrer Klasse, die bisher einen großen Bogen um sie gemacht hatten standen in kleinen Gruppen zusammen und tuschelten, trauten sich aber nicht, sie nun anzusprechen. Nur die zwei Außenseiter in der Klasse redeten mit ihr so wie immer, ohne jegliche Berührungsängste. Ihre Klassenlehrerin stand die ganze Zeit im Flur und betrachtete sich, wie Chiara so auf ihre Schulkameraden wirkte.
Dann forderte sie alle auf, in den Raum zu gehen. Chiara entging nicht das besondere Lächeln, das sie von ihr geschenkt bekam. Wir waren fortan das Gespräch in der Schule.
Nach der Schule trafen wir uns wieder vor dem Gebäude und schritten Hand in Hand zu mir nach Hause. Ihre Mutter wollte sie dort abholen, aber erst am frühen Abend, so sagte sie mir. Meine Maman ließ uns herein und begrüßte Marisha mit Küsschen a la français.
„Hallo, meine Lieben, wie war die Schule? Was wollt ihr am Nachmittag noch anstellen oder unternehmen?“ Marisha antwortete, bevor ich etwas sagen konnte „Wir müssen lernen, Laurent hat viel nachzuholen, deswegen bin ich hier, ich werde alles mit ihm nachholen.“ Und ich hatte auf einen Bummel in der Stadt gehofft. „Das Lob ich mir“, war die Antwort meiner Maman.
Leute, denkt bitte an meine Rübe, die braucht noch viel Ruhe, ganz viel Ruhe, ganz bestimmt.
Aber es machte ausgesprochen Spaß, wie sie mir den verpassten Unterrichtsstoff aus der Schule erklärte. Sie war nicht nur hübsch, geheimnisvoll, sie war auch ausgesprochen schlau und intelligent.
Kann Deine Shiva mir da ein bisschen, nur ein bisschen nachhelfen?
Marishas Mutter kam kurz vor sechs am Abend um sie abzuholen und ich konnte wirklich nicht mehr büffeln. Madame de Bedariex übergab uns dann eine offizielle Einladung zu einem Abendessen am Samstag im Golfclub, legere Kleidung sei vollkommen in Ordnung.
Ach Du Backe. Marisha wusste nichts davon und war auch sehr erstaunt und überrascht. Meine Tante sagte für uns zu, obwohl Onkel noch keine Ahnung davon hatte.
„Mach dich ordentlich fein, wer weiß, was uns da erwartet, und Du, Robert, könntest ruhig einmal wieder den Anzug tragen,“ war ihr einziger Kommentar dazu. Armer Onkel. Aber wir mussten wohl gehorchen, Tante Estelle wollte sich für den Abend chic machen und freute sich bereits die ganze Woche darauf. Wir fuhren in einem Taxi hinüber, auch wenn es eine gute Strecke nach dorthin war und ein kleines Vermögen kostete, aber der alte Lieferwagen war tabu, so meine Tante.
Am Zugang zeigten wir unsere Einladung vor und durften auf das Gelände gefahren werden. Onkel zahlte das Taxi, dann betraten wir das Clubhaus, wurden aber sofort von einem Concierge abgefangen.
Erneut kam unser Zugangspass, die Einladung, zum Einsatz und ebnete uns den Weg in einen kleinen Saal zu unserer Rechten. Der Concierge telefonierte kurz als unmittelbar darauf eine weitere Tür im Hintergrund geöffnet wurde. Monsieur und Madame de Bedariex traten, von Marisha begleitet, auf uns zu. Marisha und ihre Mutter trugen beide einen Sari, die Mutter eher dezent, Marisha wieder in einen ihrer beliebten hellen Pastelltöne. Die Begrüßung war unwahrscheinlich herzlich, fast schon vertraut. Monsieur de Bedariex bedankte sich bei uns für die Annahme der Einladung und bat uns in das Separee. Wir wurden mit Getränken versorgt. Dann ergriff Monsieur de Bedariex erneut das Wort. „Liebe Madame Cruas, lieber Monsieur Cruas, Laurent. Sie werden sich sicherlich wundern, aber unser Treffen hier hat mehrere Gründe. Zum einen erneut unser Dank an Laurent für seinen Einsatz für“ er zögerte kurz „für Marisha. Wir möchten unsere Dankbarkeit damit zum Ausdruck bringen und wir hoffen, Sie nehmen unsere bescheidene Geste an. Und dann sind wir ihnen, vor allem dir, Laurent, eine Erklärung schuldig. Meine Liebsten, wenn ihr möchtet, könnt ihr so lange nach draußen gehen“, bot er seiner Frau und Marisha an, die aber beide blieben. „Ich muss etwas ausholen. Marishas leiblicher Vater war Chefankläger in Delhi und hat mehrere hochrangige und korrupte Politiker ins Gefängnis gebracht. Sie und ihre Familien schworen ewige Rache, und Marishas Vater kam später bei einem Anschlag ums Leben. Nicht genug damit versuchten sie mehrfach auch Anjali, meine jetzige Frau, zu töten und Marisha zu entführen. Anjali flüchtete mit ihrem kleinem Kind nach Frankreich zu mir, ich war ein Studienfreund aus Oxford von Marishas Vater. Sie fanden bei mir Unterschlupf und im Laufe der Zeit verliebten wir uns. Wir heirateten Jahre später und Marisha wurde meine Tochter, ähnlich wie bei ihnen und Laurent, wie Marisha uns berichtet hatte. Und zu ihrem Schutz nannten wir sie Chiara, um ihre Spur etwas zu verwischen. Nicht genug, wie der böse Vorfall zeigte.
Aber durch den selbstlosen Einsatz von Laurent konnte einer der Männer geschnappt werden, ein Dauerkrimineller, der schließlich alles gestand, sie sollte in den arabischen Raum als Prostituierte verkauft werden. Die Spur führte wieder zurück nach Indien und ein weiterer Mittäter konnte ermittelt werden. Auch der Auftraggeber, derselbe, der meinen Freund Raj, Anjalis Mann und Marishas Vater töten ließ, wurde ermittelt und verhaftet. Alles kam hier ins Rollen, nur durch deine Hilfe, Laurent. Und laut Interpol ist eine größere Belohnung für deren Ergreifung ausgesetzt gewesen, die dir, Laurent, nun übergeben wird. Ich als Anwalt werde dich dort vertreten, ebenso später vor Gericht, wenn es zur Verhandlung gegen die Täter kommt, wenn Du es mir, wenn Sie, liebe Familie Cruas, es mir gestatten. Selbstverständlich werden ihnen keinerlei Kosten entstehen, das mache ich in diesem Fall unentgeltlich.
Und diese böse Geschichte der Vergangenheit ist hiermit beendet. Und wir freuen uns übermäßig, sie heute Abend hier zu haben, wenn Chiara ihren Namen ablegt und wieder ganz zu Marisha wird. Bitte heben wir gemeinsam unsere Gläser auf Laurent. Für immer gilt dir unser tiefer Dank. Und nun stoßen wir an auf Marisha, Tochter des Windes und des Mondes, hab ein glückliches Leben.“
Wir waren alle zuerst sprachlos, das war ein Hammer. Marisha sollte entführt werden, ach ja, das deutete doch damals der Gendarm an, aber entführt und verkauft werden, in ein Bordell, unfassbar! Deshalb sprach sie damals davon, ich hätte ihr und ihrer Familie unsagbares Leid erspart, deshalb war sie mir so überaus dankbar.
Marisha stellte ihr Glas mit Saft an die Seite und ging zu ihrem Stiefvater herüber, sank auf die Knie und berührte seine Füße, sodann die ihrer Mutter. „Erhabener Vater, verehrte Mutter, darf ich Euch um die Erlaubnis bitten, mich mit Laurent als meinen Freund weiter zu treffen. Die Ahnen werden über uns achten und wachen, mit Shivas Hilfe. Dürfen wir Beide uns weiter treffen, Laurent und ich?“ „Ich denke, wir werden darüber positiv entscheiden, aber erst einmal gilt es diesen Abend zu feiern.“
Das taten wir dann auch, ganz ausgiebig.
Und Shiva saß bei uns am Tisch, neben Marisha und mir und schenkte uns ihr Lächeln.
Und Marisha bekam die Erlaubnis, sich mit mir zu treffen, unter strengen Auflagen. Nur bei mir zuhause, und meine Maman musste immer zugegen sein, keine verschlossenen Zimmertüren, und immer auf Abstand. Wir nahmen diese Regeln gerne in Kauf, nur um uns Treffen zu können. Fast täglich gingen wir nach der Schule gemeinsam zu mir, um dort zu lernen, gegen Abend wurde sie dann von ihrer Mutter bei uns abgeholt. Meine Maman freute sich jedes Mal, wenn Marisha mit zu mir zum Lernen kam. Dann hatte sie schon einmal kleinere Snacks gemacht, oder auch einmal richtig gekocht. Nur Marisha aß nicht viel. Das fiel meiner Tante schnell auf. „Laurent, hör mal, was ich dich einmal fragen wollte, ist Marisha vielleicht Vegetarierin? Sie isst kaum oder nur sehr wenig, wenn sie hier ist, oder mag sie meine Küche nicht? Kannst Du sie das einmal fragen, für mich. Aber mach das behutsam, sonst ist sie nachher beleidigt, ich weiß ja nicht, wie sie da reagiert.“ „Da haben wir bisher nie drüber gesprochen, aber ich kann sie das nächstes Mal gerne für dich fragen.“
Und dieses nächste Mal kam bereits am folgenden Tag. Wir hatten uns, wie an den anderen Tagen auch, nach der Schule getroffen, um bei mir zu lernen. Wir waren an dem Tag sehr schnell mit dem Stoff durch und setzten uns anschließend bei uns auf die Terrasse, dort war es schattig, und ein leichter Luftstrom wehte dort immer. Marisha bewunderte den kleinen Garten und bat mich, meiner Maman auszurichten, dass ihr der Garten sehr gefallen würde, aber das hätte sie ihr auch später selbst sagen können. Wir saßen uns gegenüber am Terrassentisch, ich auf einem Stuhl und sie auf der Bank. Marisha schaute mich wieder mit ihren Augen scheu von unten an. Keiner sagte etwas, irgendwie klemmte unsere Unterhaltung, wenn es nicht um die Schule ging, wir waren wohl beide etwas schüchtern oder verlegen.
Dann fasste sie sich ein Herz. „Darf ich dich etwas fragen?“ „Du kannst mich alles Fragen.“ „Wir treffen uns fast täglich, wir sind jetzt schon eine längere Zeit zusammen am Lernen. Ich bei dir und Du mit mir.“ „Ja, und es war gut, jetzt bin ich nicht mehr der Dussel in der Klasse, ich habe alles aufgeholt und verstanden, für deine Geduld danke ich dir.“ „Magst Du mich in der Zwischenzeit ein wenig?“
Was für Gedanken kreisten in ihrem Kopf? Klar mag ich sie, sie ist klug, intelligent und dann auch noch bildhübsch. Verlegen suchte ich nach einer Antwort für sie. „Ich bin sehr gerne mit dir zusammen, und an den Tagen, an denen Du nicht kannst, vermisse ich unsere Treffen.“ „Du weichst meiner Frage aus, mein Retter.“
Erwischt.
„Doch, ich mag dich in der Zwischenzeit, richtig gerne sogar. Es ist schön, dass Du zum Lernen zu mir kommst.“ „Du weichst noch immer aus, Du solltest Politiker werden. Sag, in deinen Augen, sind wir Klassenkameraden, also Schulkameraden, wir sind ja nicht in derselben Klasse, oder sind wir mehr, Freund und Freundin? Was fühlst Du?“
Ehrlich?
Ich dachte einen Moment nach, wie sich die letzten Wochen entwickelt hatten, was ich fühlte, wenn sie da war, oder wie es in mir kribbelte, wenn sie nicht konnte oder durfte. „Entschuldige, ich musste nachdenken, und Du hast Recht. Freund und Freundin, ganz klar, ganz eindeutig. Ich vermisse dich, wenn Du nicht da bist, und ich freue mich jedes Mal, wenn wir uns sehen, hier oder in der Schule. Ja, das ist meine Antwort an dich. Und wenn ich es mir richtig überlege, dann darf ich dir gestehen, ich glaube, ich habe mich in der Zwischenzeit auch etwas in dich verliebt.“
In ihrem Gesicht gab es eine Explosion, so kam es mir vor. Sie strahlte über das ganze Gesicht, eine Träne rollte über ihre Wange. Ich stand auf und ging um den Tisch, um ihr die Träne abzutrocknen. An ihrem Platz ging ich vor sie auf die Knie, um mit meinem Daumen die Träne zu erwischen, die aber bereits entflohen war. Meine Hand war noch in der Nähe ihrer Wange, als sie diese ergriff, kurz küsste und dann an ihre Wange legte. „Main tumase pyaar karatee hoon mere raajakumaar.“
„Und was bedeutet das?“ „Ich liebe dich, mein Prinz.“ Sie schaute mich fest an, ihren Augen konnte man nicht ausweichen. Ihre silbrigen Lippen waren so nah vor mir. Ich nahm allen meinen Mut zusammen und wagte es und gab ihr einen kurzen Kuss auf die Lippen, allerdings rechnete ich mit einer Ohrfeige oder so, aber sie schaute mich noch immer an. Dann legte sie ihre Hand in meinen Nacken und zog meinen Kopf heran, bis meine Lippen wieder auf ihren lagen. Ihre Zunge bohrte sich den Weg durch meine Lippen und ertastete sich vorsichtig den Weg zu meiner Zunge. Mir riss es die Füße unter den Beinen weg, so etwas hatte ich in meinem Leben noch nie erlebt. Das Ganze dauerte nur einen kleinen Augenblick, ich wünschte, er würde nie vergehen.
„Verzeih mir bitte, mein Prinz.“ „Was soll ich dir denn Verzeihen?“ „Ich habe dich geküsst.“ „Nein, ich habe angefangen.“ „Wollen wir jetzt darüber streiten, mein Prinz? Es war so ein schöner Moment.“
Meine Tante Estelle stand in der Terassentür und ein glückliches Lächeln lag in ihrem Gesicht. „Möchtet ihr etwas essen?“ Verlegen schüttelte Marisha ihren Kopf. „Komm, bitte, setze dich zu mir auf die Bank. Dein Platz ist ab heute neben mir.“
Wer konnte da schon widerstehen?
„Meine Maman, meine Tante Estelle, sie hat nicht gelauscht. Sie stand bestimmt wirklich aus Zufall dort.“ „Ist gut, ich schäme mich nur ein wenig, mein Prinz.“ „Das brauchst Du nicht, sie ist wirklich eine liebe Tante. Und sie wird sich mit Sicherheit für uns freuen, da kannst Du sicher sein. Sie wird auch nichts deiner Maman erzählen, nachher, wenn Du abgeholt wirst.“ „Das mache ich selbst, oder Shiva sagt es ihr.“ „Ich weiß so wenig über dich, ich möchte aber alles wissen, dich kennenlernen, bis zu deinem letzten Geheimnis.“ „Das kann ich verstehen, aber ich werde dir nicht alles erzählen können, irgendwann einmal vielleicht. Erst müssen wir uns voll vertrauen können.“ „Irgendwas in dieser Art hat mir meine Maman vor einiger Zeit auch einmal gesagt, falls wir uns näherkommen sollten.“ „Oh, mein Prinz, sie ist nicht nur nett, sondern auch Weise. Aber fang an, mein Prinz, was möchtest Du wissen, leg los?“ „Das erste wollte meine Maman wissen. Du isst so wenig bei uns, magst du die französische Küche nicht oder bist Du Vegetarierin?“ „Nein, ich bin keine Vegetarierin, ich esse nur nichts von Tieren mit vier Beinen. Ich mag nicht, wenn sie leiden müssen. Wenn ich einem Huhn ein Ei nehme, sucht es das Ei, vergisst das aber schnell. Wenn ich einer Kuh oder einer Ziege Milch nehme, vermisst sie die nicht. Aber ein Tier zu töten für eine Scheibe Wurst, das finde ich nicht gerecht, das fügt den Tieren Leid zu.“ „Aber Du isst Fisch und Huhn, das hatte ich letztens bei der Einladung deines Vaters beobachten können.“ „Ein Huhn esse ich fast vollständig, einen Fisch auch, nicht nur ein winzig kleines Stück davon. Ich gestehe, es mag etwas ungewöhnlich erscheinen für einen Außenstehenden.“
„Du magst bestimmt indische Küche?“ „Oh ja, da gibt es sehr leckere Sachen, die ich dir auch zubereiten werde. Ich koche und backe gerne. Aber nicht zu scharf. Und nicht immer alles, es gibt da in Indien, wie auch überall in Asien, Sachen, vor denen ich mich auch doll ekele, Käfer, Insekten, Schlangen, ich darf nicht dran denken. So etwas kommt bei mir nicht in die Küche, auf den Tisch schon einmal gar nicht, sei beruhigt, Du kannst alles bei mir probieren.“ „Darf ich Deine Handynummer haben?“ „Aber klar doch, gib mir dein Handy, und ich trage meine Nummer bei dir ein, und hier ist mein Handy, mach Du es genauso bei meinem Handy.“ Wir tauschten unsere Handys aus und hatten so unsere Nummern voneinander, konnten uns jederzeit anrufen oder uns Nachrichten schicken. „Wann hast Du Geburtstag?“ „Am achten Juni, und beim nächsten Mal werde ich an diesem Tag achtzehn Jahre alt.“ „Jetzt willst Du mich auf den Arm nehmen, am achten Juni?“ „Ja, aber warum sollte ich dich auf den Arm nehmen?“ „Ich habe genau an demselben Tag Geburtstag, so wie Du, unglaublich, wir sind auf den Tag genau gleichalt, gibt es sowas?“ „Das war dann Shivas Wille, mein Prinz. Aber das ist wirklich sehr ungewöhnlich, wenn man alle Wahrscheinlichkeiten berücksichtigt.“ „Das glaubt mir meine Maman niemals.“ „Möchtest Du meinen Pass einsehen?“ „Marisha, ich glaube dir das doch. Es ist nur sehr erstaunlich.“ „Weiter.“ „Du redest immer von Shiva, sie sei eine Gute. Ich habe aber etwas anderes gelesen, ich war etwas neugierig.“ „Ich versuche es dir zu erklären. Also, in Indien gibt es verschiedene Religionen, den Islam, die Christen, die Hindus, die Sikhs, Buddha, auch Juden und kleinere andere Glaubensrichtungen. Wir sind Hindus. Die haben wiederrum viele Götter, man sagt, es seien über dreitausend, und jede Familie verehrt ihre eigene Gottheit, die einfach fest zur Familie gehört. Bei uns ist es Shiva, der eigentlich einer der Hauptgötter ist.
Shiva bedeutet in Sanskrit >Glückverheißender<, er ist einer der Hauptgötter des Hinduismus. Im Shivaismus gilt er den Gläubigen als die wichtigste Manifestation des Erhabensten. Als Bestandteil der hinduistischen Dreieinigkeit mit den drei Ansichten des Göttlichen, also mit Brahma, der als Schöpfer gilt, und Vishnu, dem Bewahrer, verkörpert Shiva das Prinzip der Zerstörung. Außerhalb dieser Trinität steht er für Schöpfung und Neubeginn ebenso wie Erhaltung und Zerstörung. Die weibliche Kraft Shivas ist Shakti, die unter anderem als seine Gattin Parvati erscheint. Er ist eigentlich männlich, aber hat mehrere Göttlichkeiten in sich vereint, wir sprechen von einer vereinten Gottheit, damit wird er weiblich angesprochen, oder wir sagen >sie<, wenn wir ihn meinen.“ „Einmal in der Woche konnten wir uns nicht treffen, nicht sehen, verräts Du mir, warum?“ „Da gehe ich Segeln, meine große Leidenschaft. Mein Papa hat eine kleine Jolle, mit der fahre ich dann auf das Meer und bin eins mit dem Wasser.“ „Marisha, Du willst mich doch wirklich nicht foppen? Ich Segel auch leidenschaftlich gerne, und an den Tagen, an denen Du nicht konntest, bin ich auch zum Segeln gegangen.“
„Sag mir, mein Prinz, ist das wahr?“ „Ja, absolut. Mein Onkel hat eine Werft, ich liebe Boote von klein auf, ich bin am Wasser, am Meer, ich bin auf dem Wasser groß geworden.“ „Dann hält Shiva wirklich ihre Hand über uns.“
„Was möchtest Du nach der Schule machen?“ „Ich bin sehr unsicher. Ich würde gerne eine längere Reise machen, vielleicht sogar meine Familie in Indien besuchen. Aber eigentlich wollte oder sollte ich studieren, Jura, und dann bei meinem Papa in die Kanzlei eintreten, aber das liegt mir nicht so richtig. Ich bin sehr unentschlossen.“ „Vorlieben?“ „Segeln, Kochen, Backen, Nähen, Du, mein Prinz.“ „Wo lebt deine Familie genau?“ „Na, Indien, das weißt Du ja. Wir selbst haben lange in Delhi gelebt, das ist unsere Hauptstadt dort. Aber ursprünglich kommen wir aus der kleinen Stadt Chandauli im Bundesstaat Haryana, das liegt in der Nähe des Yamuna, das wiederrum ist der Grenzfluss zum Bundesstaat Uttar Pradesh. Das liegt alles im Norden des Kontinents, aber nicht weit weg von Delhi.“ „Ich glaube, mir fällt jetzt nichts mehr ein.“ „Na, mein Prinz, dann bin ich jetzt wohl dran? Also, Du bist von Korsika?“ „Ja, ich komme aus Propriano, das liegt an der Westküste südlich von Ajaccio, der Inselhauptstadt von Korsika.“ „Hobbies?“ „Segeln, so wie Du. Und Boote, daran Werkeln, Schrauben, Reparieren. Mein Onkel hat eine Traumyacht von Segelboot in der Werft, der Eigner will nach einem schweren Sturm nicht mehr, das muss ich dir unbedingt einmal zeigen. Da habe ich eine Option drauf, ehrlich. Das könnte ich mir im Sommer leisten, ich bekomme Geld ausbezahlt aus dem Erbe meiner Eltern, das wäre mein Traum.“ „Ich wünsche dir, er gehe dir in Erfüllung, mein Prinz.“ Meine Tante Estelle kam mit zwei Orangensaftgläsern zu uns, stellte sie auf den Tisch und wollte sich entfernen. „Maman, setzt dich bitte, ich muss dir etwas unglaubliches erzählen.“ Meine Tante zögerte, sie wollte uns allein lassen, setzte sich dann aber doch an den Tisch. „Was hast Du mir denn zu erzählen?“ „Also, zuerst soll ich dir von Marisha sagen, sie bewundert deinen schönen Garten und die Blumenbeete. Dann, kannst Du es glauben, ihr Hobby ist Segeln, genauso wie bei mir. Und das tollste, sie geht an denselben Tagen zum Segeln auf das Meer wie ich.“ „Na, dann könnt ihr ja demnächst zusammen zum Segeln gehen. Und Danke, ich mag meinen kleinen Garten, auch wenn er hier in der Stadt nicht sehr groß ist.“ „Maman, Marisha ist genauso alt wie ich.“
„Ach, dann wird sie auch bald achtzehn?“ „Maman, ich sagte, sie ist genauso alt wie ich. Sie hat wie ich am selben Tag Geburtstag.“ „Das ist aber eine Überraschung. Welch Zufall. Dann könnt ihr ja schön zusammen feiern, wenn ihr jetzt zusammen seid. Ich habe das vorhin aus Zufall gesehen, ich mag dich sehr, Marisha, ich freue mich für euch und er ist nicht der Schlechteste.“
„Madame, ich bin etwas verlegen. Aber ja, wer so selbstlos handelt, ohne darüber nachzudenken, zu überlegen, egal für wen er handelt, der ist etwas ganz Besonderes. Ich bin Ihnen dankbar, wenn ich von nun an öfters Gast in ihrem Haus sein darf.“ „Marisha, Du bist hier immer und jederzeit willkommen. So, jetzt gehe ich aber, ihr wollt unter Euch sein.“ Sie drückte kurz Marishas Hand mit einem Lächeln auf ihrem Gesicht, stand dann auf und war im Haus verschwunden. „Ich mag Deine Tante, Deine Maman, sie ist wirklich sehr nett.“ „Ich liebe sie doppelt, sie ist ja eigentlich noch nicht einmal meine Maman, aber dafür liebe ich sie umso mehr.“ „Und mich, mein Prinz?“ „Dich liebe ich auch ganz doll. Bitte gib mir nur noch etwas mehr Zeit und sei etwas nachsichtig mit mir, ich bin so unerfahren darin, Du bist das erste Mädchen an meiner Seite, ich möchte nichts falsch machen.“ „Und Du bist der erste Junge, der erste Prinz an meiner Seite. Und ich bin dir so dankbar, dass ich wieder ich sein kann.“ „Das verstehe ich aber jetzt nicht, erklärst Du es mir?“ „Ich musste so lange diese Chiara sein, nur zu Hause durfte ich Saris tragen, mich indisch geben. In der Schule musste ich mich immer verstellen, verkleiden, anders geben als ich bin, ich habe das so gehasst. Und nun bin ich wieder frei, dank dir. Jetzt bin ich wieder ich selbst, jetzt bin ich wieder Marisha. Oder hattest Du die andere, die Chiara, auch gemocht, möchtest Du sie wiederhaben?“ „Marisha, so wie Du bist, so gefällst Du mir am besten. Aber bevor ich dich kannte, da habe ich auch diese Chiara in dir gemocht, es ist schwer zu verstehen oder zu erklären. Du bist das erste Mädchen, das ich näher kennengelernt habe, für das ich mich interessiere,
