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Die fünfzehnjährige Cat ist neu in der Stadt, einsam und unglücklich - bis sie ihre Nachbarin kennenlernt, die wunderschöne und unberechenbare Marlena. Eine Freundschaft beginnt, voller Versprechungen, intensiv und gefährlich wie die Jugend selbst: erste Drinks, erste Zigaretten, erste Küsse. Marlena aber wird immer riskanter - und Cat wird ein Versprechen brechen, das sie jetzt, Jahrzehnte später, einholen wird.
Die atemberaubende Geschichte zweier Mädchen und einem Jahr im ländlichen Michigan, das die eine ihr Leben kosten wird und die andere für immer verändern.
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Seitenzahl: 446
Veröffentlichungsjahr: 2017
Die fünfzehnjährige Cat ist neu in der Stadt, einsam und unglücklich – bis sie ihre Nachbarin kennenlernt, die wunderschöne und unberechenbare Marlena. Eine Freundschaft beginnt, voller Versprechungen, intensiv und gefährlich wie die Jugend selbst: erste Drinks, erste Zigaretten, erste Küsse. Marlena aber wird immer riskanter – und Cat wird ein Versprechen brechen, das sie jetzt, Jahrzehnte später, einholen wird. Die atemberaubende Geschichte zweier Mädchen und einem Jahr im ländlichen Michigan, das die eine ihr Leben kosten wird und die andere für immer verändern.
Julie Buntins Texte erscheinen in The Atlantic, Slate, Cosmopolitan und vielen anderen. Sie lehrt Schreiben am Marymount Manhattan College und lebt in Brooklyn, New York.
JULIE BUNTIN
Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Eva Bonné
Bastei Entertainment
Vollständige eBook-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
Marlena
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2017 by Julie Buntin
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln
Umschlaggestaltung: Massimo Peter-Bille unter Verwendung der Gestaltung von © Rachel Willey
eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-7325-4882-8
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
für meine Schwester Kelsey und für Lea
Ich werde meinen Bericht schreiben, als wäre er eine Geschichte, denn schon als Kind in meiner Heimatwelt habe ich gelernt, dass die Wahrheit eine Sache der Vorstellungskraft ist.Ursula K. LeGuin, Die linke Hand der Dunkelheit
Sage mir, was du nicht vergessen kannst, und ich sage dir, wer du bist. Ich lösche alle Lichter in meiner Wohnung, und mit der Dunkelheit kommt sie. Die U-Bahn im Tunnel reißt das Auge auf, und da steht sie auf dem Gleis, ihr blondes Haar flattert im Wind. Im Supermarkt läuft eines unserer alten Lieder, ich stehe zwischen den Cornflakesregalen und verliere die Orientierung. Manchmal, wenn ich spätabends vor meiner Wohnungstür stehe und der Schlüssel nicht ins Schloss finden will, fällt mein Blick auf mein Spiegelbild am Ende des Flurs, und dann sehe ich sie. Sie wartet.
Marlena und ich sitzen in Ryders Van. Sie hat die Schlüssel aus seiner Jeans geklaut, früh am Morgen, als er noch geschlafen hat. Der Frühling ist besinnungslos in einen prächtigen Sommer gekippt, wir tragen Flip-Flops aus der Drogerie, in unseren Haaren klebt Salz, unser Atem ganz Zigaretten und Kirschlipgloss und Wein von gestern Abend. Ich streife die Badelatschen ab, strecke die Beine aus, lege die Füße auf das Armaturenbrett und presse die Zehen an die Windschutzscheibe, wie immer, wenn ich mit Marlena allein bin. Ryder behauptet, ich hätte sein Auto ruiniert, die Flecken würden nie mehr rausgehen, aber das ist mir egal. Marlena hat meine Füße auf ihre Knie genommen und mir die Zehennägel lackiert. Warnorange. Ihre Farbe.
Wir haben die Fensterscheiben heruntergelassen, der Fahrtwind löst einzelne Strähnen aus meinem Pferdeschwanz und zieht sie mir quer übers Gesicht, sodass alles, was ich sehe, gebrochen ist. Es ist ein ganz normaler Tag, wir sind unterwegs zum Strand. Um unter Wasser die Luft anzuhalten, bis die Lunge um Gnade fleht. Um uns die Wellen an den Bauch klatschen zu lassen, bis der Atem stockt, um säuerlich prickelndes Bier aus unbewachten Kühlboxen zu trinken. Unsere Handtücher werden sich an der Sonne ausrichten wie wandernde Kompassnadeln, wir werden dieselben zwei Zeitschriften hin- und hertauschen, bis die Sonne untergeht und das Wasser glüht wie Feuer. Wenn wir die Füße aus dem kühlen Sand ziehen und endlich nach Hause fahren, werden wir einen Sonnenbrand haben, später dann Fieber.
Wir tun so, als wären wir ganz normale Mädchen mit kleinen Geheimnissen. Wir hören Joni Mitchell in voller Lautstärke. Jede Zeile ist eine Botschaft an uns, und ich singe so laut mit, dass Marlena ihre eigene Stimme nicht mehr hört. Pssst, sagt sie, mir platzt gleich das Trommelfell. Ich singe noch lauter.
Marlena tritt aufs Gaspedal, und der Van röhrt einen steilen Hügel hinauf. Die Straße ist eigentlich eine Sackgasse und endet am See. Die Tachonadel springt – über das Limit von fünfundfünfzig Meilen pro Stunde, eine Minute später sind es über siebzig. Der Fahrtwind dringt ins Auto, er ist so aufdringlich und laut, dass meine Haare gegen meinen Hals peitschen und ich die Musik nicht mehr hören kann. Meine Stimme überschlägt sich, ich nehme die Beine runter. Ich versuche, das Beifahrerfenster zu schließen, aber Marlena hat die Kindersicherung aktiviert. Sie dreht den Kopf und grinst mich an, der Wagen kommt von der Straße ab, und Kies spritzt in die Höhe. Marlena reißt das Steuer herum, die Tachonadel zittert und schiebt sich über die fünfundachtzig. Marlenas Pferdeschwanz hat sich fast aufgelöst, ich frage mich, ob sie überhaupt noch etwas sieht, ob sie vielleicht nicht merkt, dass wir mit fast neunzig Sachen unterwegs sind und dass sich ein neuer, bitterscharfer Geruch in den Wind gemischt hat. Die Innereien des Autos brennen. Wir fahren immer schneller. Ich kichere und sage ihr, sie soll langsamer fahren, ein paar Sekunden später bitte ich sie, verdammt noch mal langsamer zu fahren, und als sie nicht reagiert, schreie ich sie an, sie sei ja verrückt, sie mache mir Angst, ich wolle sofort aus dem beschissenen Van aussteigen, wir werden sterben, sie wird uns noch umbringen. Mit über hundert Meilen pro Stunde rasen wir bergauf, der Van bebt. Oben auf der Kuppe hebt es uns in die Höhe, bei der Landung strecke ich die Arme aus und werde gegen das Handschuhfach geschleudert. Marlena bremst nicht, wir brettern bergab, ich taste nach dem Sicherheitsgurt. Vor uns taucht der Michigansee auf, karibisch blau, das Licht zwinkert auf den Wellen. Der Steilhang, der Parkplatz, der Trampelpfad zum Strand sind keine halbe Meile mehr entfernt.
Sie hat gar nicht vor, anzuhalten, und ganz kurz spüre ich ein fremdartiges Gefühl, eine Rage, zu gleichen Teilen zusammengesetzt aus Furcht und Sehnsucht. Fahr doch, denke ich, na los, fahr doch, ich schmecke Galle, aber ich bin es so leid, immer diejenige zu sein, die sagt: Nein, sei vorsichtig, stopp. »Was, wenn ich einfach weiterfahre?«, ruft sie. Erst viel später wurde mir klar, dass sie höchstwahrscheinlich high war, dass sie (ungefähr) zu jener Zeit Zugriff auf das Großhandels-Oxycodon hatte, vierzig Milligramm pro Pille. Ich erinnere mich an die Tabletten, als wären sie ein Teil von ihr, wie ihre Augen oder ihre ungewaschenen, strähnigen Haare.
Der See ist größer als der Himmel. Wie lange werde ich nach dem Aufprall wohl brauchen, um die Seitenscheibe einzutreten, wenn meine Flip-Flops an die Decke schweben und mein Körper nach Sauerstoff schreit? Marlena ist keine gute Schwimmerin.
Und dann bremst sie doch, ein paar Autolängen vor der Kante. Der Van rast im Zickzack über eine durchgezogene Linie, schlingert auf den Außenkanten der Reifen dahin. Ein Ruck und ein Kreischen, wir bleiben stehen. Ich werde nach vorn gedrückt, der Sicherheitsgurt schneidet mir in die Haut zwischen den Brüsten. Die Stoßstange berührt fast den Bretterzaun am Ende des Parkplatzes, dahinter fällt die Böschung steil und über hunderte von Metern auf einen sichelförmigen Kiesstrand ab. Ich bin den Tränen nah, mein Puls galoppiert, und ich bin wütend, dass sie das weiß. Das Auto seufzt, der Motor tickt vor Erleichterung.
»Ach, komm schon«, sagt Marlena, außer Atem und einen Hauch zu spät. »Glaubst du wirklich, ich würde zulassen, dass dir was passiert?« Wie immer, wenn sie nervös oder aufgeregt ist, breiten sich hektische Flecken an ihrem Hals aus, ein feines rotes Spitzenmuster, das sich von den Schlüsselbeinen über den sehnigen Hals bis an ihren Kiefer zieht. Sie krallt die Nägel ihrer rechten Hand in mein Knie und spreizt die Finger, und mich durchläuft ein Schauder.
Am liebsten würde ich ihr ins Gesicht spucken und mich abwenden von ihr, von allem, was ich ihr zuliebe getan habe, wozu ich geworden bin. Auf einmal ist der Wunsch so stark, dass ich drauf und dran bin, es wirklich zu tun. Ich schiebe meine Hände unter die Oberschenkel, damit sie nicht sieht, wie sehr ich zittere. Der Van steht längst still, doch das Duftbäumchen am Rückspiegel flattert wild hin und her. »Cat«, sagt sie, und es ist keine Frage. Ich liebe diese Hemmungslosigkeiten. Ich verzehre mich danach. Aber warum höre ich, wenn ich mich im Stillen frage, ob ich dafür mein Leben wegwerfen will, ein lautes Nein?
Ich blinzele, bis da keine Tränen mehr sind. Ich lache und werfe den Kopf in den Nacken, und sie lacht auch, und das schreckliche Gefühl, das eben noch zwischen uns stand, löst sich auf. Nur ein winziger, harter Splitter bleibt zurück, mein auf ewig. Wir schnappen uns die Supermarkttüte vom Rücksitz und klettern über den steilen Pfad auf den Strand hinunter. Schon vergesse ich, was mich eben noch innerlich versengt hat. Mach schon, tu es einfach, blöde Kuh. Jetzt singt sie wieder, »California«, es geht um Küsse für ein Schwein im Sonnenuntergang, ums Nachhausekommen. Meine Stimme jagt ihrer Stimme nach.
Die Songs von Joni Mitchell waren wie gemacht für Marlena. In den höheren Lagen fühlte sie sich am wohlsten, sie traf fast jeden Ton und konnte Jonis kraftvolles Vibrato perfekt nachahmen. Jede Silbe ein klingendes Glöckchen. In dieser Erinnerung höre ich Marlena zum letzten Mal »California« singen, obwohl es in Wirklichkeit anders gewesen sein muss. Es war eines ihrer Lieblingslieder, und am See waren wir mindestens vier Monate vor ihrem Tod. Sie ist tatsächlich ertrunken, aber nicht so, wie ich es mir an jenem Nachmittag ausgemalt hatte. Ryders Lieferwagen hat keine Absperrung durchbrochen, es gab kein lautes Klatschen, kein Geschrei am Strand, und kein Rettungsschwimmer hat sich ins Wasser gestürzt. Obwohl ihr das bestimmt gefallen hätte.
Marlena ist in einem eissplittrigen, keine zwanzig Zentimeter tiefen Bach ertrunken, in einem Waldstück nahe Kewaunee, wo sie an einem dämmrigen Novemberabend nichts zu suchen hatte. Sie trug eine meiner alten Jacken und ein Paar ausgelatschter Keds, um das die Polizei viel Aufhebens machte. Neben dem Tablettenfläschchen und ihrem Klapphandy fand sich jede Menge loses Kleingeld in ihrem Stoffbeutel, es muss herumgeklimpert haben, als sie durch den Wald lief. Sie hat sich den Kopf sauber und heftig an einem Findling am Ufer aufgeschlagen, angeblich ist sie gestürzt und bewusstlos geworden und ausgerechnet so hingefallen, dass Mund und Nase unter Wasser waren.
Die Fakten sind belegt, aber spärlich: wo sie gefunden wurde, was sie trug, was sie bei sich hatte. Zum letzten Mal lebend gesehen wurde sie um 17:12 Uhr, von Jimmy, meinem großen Bruder. Er konnte sich deutlich an die blinkenden Ziffern im Armaturenbrett erinnern. Obwohl er mir später, als er einmal besonders mutlos und betrunken war, erzählt hat, dass er vielleicht auf die Uhr geschaut hat, als sie zu ihm ins Auto stieg. Oder möglicherweise, sagte er, war er um 17:12 Uhr losgefahren, um sie abzuholen. Es muss unerträglich für ihn gewesen sein, den Überblick über den zeitlichen Ablauf verloren zu haben. Denn eigentlich glaubt keiner von uns beiden, dass es nur ein Unfall war.
***
Fast zwanzig Jahre nach dem Strandausflug mit Ryders Van erhielt ich einen Anruf von einem Geist. Es war kurz nach eins, und ich lief durch eine Schlucht aus gesichtslosen Wolkenkratzern an der Fifth Avenue. Der Gehweg war voller Männer, die lange Mäntel trugen und kollektiv schnaubten, als ich abrupt stehen blieb und mein Handy aus der Tasche zog. Ich hatte einen schweren Kater, der sich durch ein dumpfes Pochen hinter den Augen und einen flatternden Puls bemerkbar machte. Als ich die Vorwahl sah, 231, drückte ich den Anruf weg. Ich lehnte mich an das Schaufenster eines Deli, meine Brust wurde eng. Mit dem Teil von Michigan hatte ich eigentlich abgeschlossen; meine Mutter lebte in Ann Arbor, zusammen mit Roger, den ich selbst nach zehn Jahren noch als ihren Neuen betrachtete, und Jimmy arbeitete auf der nördlichen Halbinsel für eine Firma, die überteuerte Ferienhäuser baute.
Der Anrufer hinterließ eine Nachricht.
Hi, sagte eine Männerstimme. Die nasalen Vokale erinnerten mich sofort an früher. Sorry, sagte er, zwei Mal. Das ist mir jetzt sehr unangenehm. Bist du Cat, die Catherine aus Silver Lake? Hier ist Sal. Auf einmal hatte ich den kleinen Sal vor Augen, wie er in den Hörer spricht und sich die Telefonschnur um den Finger wickelt, nur dass er merkwürdigerweise die Stimme eines Erwachsenen hatte. Fast musste ich lachen. Sal Joyner. Ich bin in New York, sagte er zögerlich. Im Big Apple, fügte er hinzu, wie um zu beweisen, dass er es absolut ernst meinte, dass es nicht zu fassen und doch real war. Wahrscheinlich erinnerst du dich nicht mehr an mich, sagte er, und da musste ich tatsächlich lachen beziehungsweise schnappte ich hörbar nach Luft und klang immerhin nicht unglücklich dabei. Es ist hoffentlich okay, dass ich einfach so anrufe. Ich habe mich gefragt, ob du vielleicht, also, eine Stunde Zeit hast oder so? Um dich mit mir zu treffen und über meine Schwester zu sprechen?
Und da kam alles zurück, natürlich, die Umrisse wurden schärfer und die Bilder klar; die Stadt ringsum schien zu verschwimmen und zu verschwinden, als Sal seinen Namen aussprach. Dabei hatte ich sie nie vergessen, nicht wahr? Jene kurze Zeit in meinem Leben, die zu Ende ging, noch bevor sie richtig angefangen hatte, und die lauter Fragen hinterließ, Tretminen, tickende Zeitbomben.
231. Ganz kurz hatte ich gedacht, sie wäre dran.
Als ich Marlena Joyner zum ersten Mal sah, waren Jimmy und ich gerade dabei, den Umzugswagen auszuräumen. Auf der Karte sieht Michigan aus wie eine linke Hand; vom Daumen bis hinauf zum Ringfinger hatten wir fünf Stunden gebraucht. Es war Anfang Dezember, der Schnee fiel in schweren, nassen Flocken. Marlena durchquerte den Vorgarten des Nachbarhauses im Zickzack, schob sich an durchweichten Lattenkisten, umgedrehten Metallfässern, kaputten Motoren und diversem Schrott vorbei, bis sie direkt vor mir stand und einen Blick auf die Kartons auf der Ladefläche werfen konnte. Sie trug ein weißes T-Shirt mit herausgeschnittenem Kragensaum und Spiderman-Snowboots. Ich sehe die Details so groß und deutlich vor mir, dass sie unmöglich wahr sein können. Ihre nackten Arme glänzten von geschmolzenem Schnee, sie hatte eine Gänsehaut und roch nach Kaminfeuer. Bevor sie sprach, wischte sie sich das Haar aus der Stirn, eine typische Geste.
»Seid ihr die Neuen?«
»Sieht ganz so aus«, sagte Jimmy, schulterte Moms Schaukelstuhl und verschwand in der Garage, ohne sich noch einmal umzudrehen, sicheres Zeichen dafür, dass er sie sehr attraktiv fand.
Obwohl die Begegnung recht unspektakulär verlief und den Beginn einer allseits bekannten Geschichte markierte, erzählten wir sie uns im Nachhinein wieder und wieder und in allen Einzelheiten, bis sie einen mythischen Glanz annahm. Marlena wohnte keine zwanzig Schritte von unserem Haus entfernt in einer umgebauten Scheune, deren Außenwände so oft mit fliederfarbenem Lack überstrichen worden waren, dass die Hand daran kleben blieb. Das Gebäude schien in den Erdboden einzusinken. Ihre Lebensumstände fand ich damals verstörend, obwohl sie sich eigentlich kaum von unseren unterschieden. Wir hatten einen Bungalow im Rancherstil gekauft, der auf einer ungepflegten, zweitausend Quadratmeter großen Fläche in Silver Lake stand. Der Bungalow hatte vier Zimmer und war fast neu – ein Fertighaus, das irgendwo zusammengeschraubt und dann mit einem Laster angekarrt und auf dem Grundstück abgesetzt worden war. Es erinnerte mich an die Häuschen in Monopoly. Meine Mutter freute sich, dass wir keine Treppen mehr brauchten, wie praktisch, und über den großen Garten. Sie sprach nicht aus, was Jimmy und ich dachten: dass ein Fertighaus fast so schlimm war wie ein Trailer und dass wir ohne Dad hoffnungslos verarmen würden.
Marlena hob sich das klamme Haar aus dem Nacken und drehte es zu einem Knoten auf. Kiloweise Haar, hüftlang, unnatürlich hell und mit schrägem Pony. Ich hatte die Frisur gegen Ende der Mittelstufe an mir ausprobiert und scheußlich damit ausgesehen. Doch Marlena war verstörend hübsch – schmales Katzengesicht, hohe Wangenknochen, träges Blinzeln –, und ehrlich gesagt wollte ich mich vor allem deswegen mit ihr anfreunden. Ich war fünfzehn, zu dick und zu dünn zugleich, und meine Ohren standen mir im rechten Winkel vom Kopf ab. Ich glaubte jedoch fest daran, mich jeden Moment in eine Schönheit zu verwandeln, und ich war fasziniert von Mädchen, die bereits eine waren.
»Ich bin Marlena«, sagte sie.
»Cat«, antwortete ich. Meine Familie nannte mich Catherine oder Cathy, aber ich hatte mir vorgenommen, nach dem Umzug ein anderes Mädchen zu sein.
»Na ja, wir haben wohl keine Wahl«, sagte sie, lächelte und riss die riesigen blauen Augen auf. Ich wusste nicht genau, ob sie nett sein wollte oder was.
Wenn ich das Wort Gefahr höre, muss ich an die winterliche Stunde zwischen Dämmerung und Dunkelheit denken, an mich und Marlena vor der Ladefläche des Umzugswagens. Zwei Mädchen mit großen Plänen, fünfzehn und siebzehn Jahre alt, gestrandet in der Pampa. Stopp, möchte ich den Mädchen zurufen, bleibt, wo ihr seid, bleibt zusammen. Rührt euch nicht vom Fleck. Aber wir hören nicht zu. Wir können nicht anders. Die Uhr tickt, immer.
***
Nachdem wir die Kartons auf die Zimmer verteilt hatten, setzten meine Mutter, Jimmy und ich uns im Schneidersitz auf den Wohnzimmerteppich und aßen Tiefkühlpizza. Der Kabelanschluss war noch nicht verlegt, der Fernseher starrte blind in den Raum. Meine Mutter trank aus einem hohen Kunststoffbecher. Der neue Kühlschrank hatte keinen Eiswürfelbereiter, geschweige denn einen für zerstoßenes Eis, deswegen hatte sie den wiederverschließbaren Plastikbeutel, in dem sie normalerweise ihr Make-up transportierte, ausgewaschen, umgestülpt und mit Eiswürfeln gefüllt, die sie mit einer Ketchupflasche zerschlug. Sie fragte Jimmy noch einmal nach seinem Stipendium und ob ihm die Leute von der Michigan State University fest zugesagt hätten, dass es im nächsten Jahr noch gültig sein würde. Während des Essens hatte sie schon mindestens drei Mal gefragt. Wenn meine Mutter mehr als ein oder zwei Gläser Wein trank, blieb sie an einem Gedanken hängen und wiederholte ihn in Endlosschleife.
»Ist nämlich eine Menge Geld, das du da zum Fenster rauswirfst«, sagte sie und hielt ihm den alten Vortrag über seine Fehler, und überhaupt, was wir glauben würden, wo das Geld herkäme?
»Ich hole mir noch ein Stück Pizza«, sagte Jimmy, stand auf und ging hinaus. Vermutlich würde er in sein Zimmer verschwinden und den Rauch seines Joints in den Ventilator blasen, der verkehrt herum auf dem Fensterbrett stand. Außer dem Ventilator hatte er noch nichts ausgepackt. Seit der Scheidung unserer Eltern kiffte er mehr denn je, und seit der Trennung von seiner gurrenden Freundin, die ihr Studium an der Michigan State längst aufgenommen hatte, was er eigentlich auch hätte tun sollen. Meiner Ansicht nach hatte er hauptsächlich ihretwegen den Studienplatz abgelehnt und das Stipendium wenige Wochen vor Semesterbeginn verfallen lassen; dann wiederum konnte man bei Jimmy nie genau wissen. Er hatte behauptet, wir seien auf seine Arbeitskraft angewiesen, das College könne warten. Im Scherz schlug er mir vor, eine Band namens »Auf Eis« zu gründen, jetzt da er sein Studium verschoben hatte und ich vorübergehend nicht zur Schule ging.
»Wenn sich hinterher rausstellt, dass er irgendeinen Antrag hätte stellen müssen, wird er sich in den Arsch beißen«, sagte meine Mutter, kam aus dem Schneidersitz hoch und warf dabei ihren Wein um. Eisstücke kullerten über den Teppich. Ich schob sie zusammen und zurück in den Plastikbecher, doch die kleineren Bröckchen rutschten mir zwischen den Fingern hindurch. »Der erste Fleck!«, rief sie und breitete ihre Papierserviette feierlich über die Lache. Die Serviette färbte sich dunkel und verschmolz mit dem Teppich.
Wir sammelten das Geschirr ein, trugen es in die Küche und stellten es in die Spüle. »Wir machen morgen sauber«, sagte meine Mutter, hielt ihren Trinkbecher unter den Zapfhahn des Weinkartons und schenkte sich nach. Sie drückte mir einen schmatzenden Kuss auf den Scheitel und ging hinaus. Ich drehte das warme Wasser auf und spülte alle Teller, sogar den von Jimmy.
Unser neues Haus war ein niedriger, breiter Kasten auf Betonblöcken. Einen Keller gab es nicht. Wenn man mit der Faust gegen die Wand schlug, egal gegen welche, klang es hohl. Rechts von der Küche befand sich ein Flur mit Türen – zuerst kam das Bad, dann mein Zimmer und schließlich das von Jimmy, gegenüber lag das Schlafzimmer meiner Mutter. Ich rüttelte am Knauf der Badezimmertür. »Fertig mit Scheißen?«, rief ich.
»Noch nicht. Du freust dich doch, wenn es hier schön warm und muffig ist«, sagte er von drinnen.
»Du bist ekelhaft.«
Jimmy öffnete die Tür. Mein Bruder war groß, hatte wirres Haar und Zahnpasta am Kinn. Einmal hatte er einen Leserbrief an die Lokalzeitung geschrieben und darin sein Leben als atheistischer Teenager geschildert. Er war so blond und blauäugig wie meine Mutter und lief die Meile unter sechs Minuten. Früher, als wir noch zu den Familien gehörten, die Campingtrips unternehmen, hatten Jimmy und ich uns eine Schlafkoje im gemieteten Wohnmobil geteilt. Meine Mutter zwang uns, mit dem Kopf neben den Füßen des jeweils anderen zu liegen, weil wir uns pausenlos zankten. Immer durfte Jimmy sich richtig herum ausstrecken; ich war diejenige, deren Kopf am Fußende lag. Natürlich hasste ich ihn dafür, aus ganzem Herzen, und noch mehr hasste ich ihn, weil er Dad die kalte Schulter zeigte und Dad sich deswegen umso angestrengter um ihn bemühte, ganz anders als um mich.
Eine lange Zeit, viel zu lange, konnte ich den Gedanken kaum ertragen, dass nicht ich Marlena zuletzt gesehen hatte, sondern Jimmy. Nachdem mein Vater ausgezogen war, setzte der geschwisterliche Radar, der auf Blut und Genen und der Tatsache gründet, dass man gemeinsam gegen dieselben Eltern kämpft, immer öfter aus, und ein paar Jahre nach jener Begegnung an der Badezimmertür waren wir nur noch entfernte Bekannte. Wenn wir uns heute näherstünden, würde ich ihm sagen, dass ich ihm alles verziehen habe, was er getan oder nicht getan hat; sogar dass er tatenlos zuschaute, wie sie die Beifahrertür aufstieß, aus seinem Auto stieg und in die graue Kälte hinauslief. Etliche Minuten lang schlug der Stoffbeutel gegen ihre Hüfte, Minuten, in denen er sie atmen sah und die jetzt und bis in alle Ewigkeit ihm allein gehören. Ich gebe es ungern zu, aber manchmal fühlt es sich immer noch so an, als hätte er ein kleines bisschen mehr bekommen von dem, was eigentlich uns beiden zustand. Einmal kleine Schwester, immer kleine Schwester.
Ich schob einen Karton mit der Aufschrift FLUR vor die Badezimmertür, um ihm den Weg zu versperren. »Was ist das? Wozu braucht der Flur einen eigenen Karton?«
»Ach, der ist für die Flursachen. Du weißt schon, Fotos von dir, wie du Geburtstagskerzen ausbläst und so weiter.«
»Sind da auch die Handtücher drin?«
»Die liegen im Schrank. Ist Mom schon im Bett?« Er wischte sich die Zahnpasta vom Kinn.
»Kann sein. Sie hat mir nicht gute Nacht gesagt, aber in ihrem Zimmer ist es dunkel.«
»Sie hat ihr Bett bezogen und alles?«
»Woher soll ich das wissen?«
Sein Blick sagte: Ich gebe mir Mühe, was ist mit dir? In den Tagen vor dem Umzug hatte sich sein übertrieben erwachsenes Gehabe noch intensiviert, als wäre er nicht nur der Stellvertreter meines Vaters, sondern auch noch der Vormund meiner Mutter. Hatte er tatsächlich sein Studium verschoben, um überprüfen zu können, ob Mom ihr Bett bezog? Seine Ausreden waren ein Haufen Mist, und Mist konnte ich nicht ausstehen. Damals stank mir einfach alles. Als ich fünfzehn war, lebte ich in dem Glauben, später als Erwachsene eine glorreiche Ausnahme zu sein.
Jimmy stieg über den Karton hinweg und drückte kurz meine Schulter. Seine Hand hinterließ einen feuchten Abdruck auf meinem T-Shirt. »Alles wird gut, Cath. Kopf hoch.« Er durchquerte den Flur, wippte leicht in den Knien, blieb unter der runden Deckenleuchte stehen. Er legte die Stirn an die Tür zum Schlafzimmer, und ein schwarzer Spalt tat sich auf. »Mom?«, flüsterte er laut und beugte sich vor.
Ich zog das Paketband vom FLUR-Karton ab und klappte ihn auf. Kein Foto von Jimmy mit einer Krone aus Alufolie auf dem Kopf oder von mir mit Milchzähnen oder von Dad, wie er im Hintergrund eine Wunderkerze schwenkt. Für unseren FLUR wurde offenbar nichts weiter gebraucht als ein paar verhedderte Verlängerungskabel.
***
Wie habe ich meine Zeit verbracht, bevor ich Marlenas Freundin wurde? Vielleicht habe ich Kartons ausgepackt, eines der Bücher aus meinem Stapel gelesen und in die Mikrowelle gestarrt, in der sich eine Schüssel mit Fertigsuppe drehte. Das Ich, das in jenen Monaten zum Vorschein kam und das mich bis heute begleitet, war gerade erst zum Leben erwacht. In Detroit hatte ich die neunte Klasse der Concord Academy besucht, einer teuren Privatschule, die wir uns nur durch eine Kombination von Krediten und Stipendien leisten konnten. Ein Wechsel im laufenden Schuljahr war nicht vorgesehen, deswegen meldeten meine Eltern mich wenige Tage nach den Sommerferien ab, um die Schulgebühren erstattet zu bekommen. Ich wollte sie überreden, mich als Internatsschülerin anzumelden, war jedoch krachend gescheitert (»Träum weiter«, hatte Dad gesagt). Meine Mutter nannte den bevorstehenden Umzug ein Abenteuer, und mein Vater behauptete, an Privatschulen würden Individuen zu Schafen umerzogen. Mein Jahr an der Concord hatte ein Loch in ihre Finanzen gerissen, trotz des Stipendiums. Nachts konnte ich sie streiten hören deswegen. Ich war eine aufmerksame und fleißige Schülerin gewesen und hatte freiwillig Zusatzkurse belegt, und doch kam es ihnen kein einziges Mal in den Sinn, dass ein schulfreier Herbst verheerende Folgen für mich haben könnte. Und tatsächlich: Als das Korsett aus Schule und alten Gewohnheiten, die mich seit meiner Kindheit gestützt hatten, von mir abgefallen war, spürte ich plötzlich, wie meine Persönlichkeit neue Konturen annahm.
Ich verbrachte viele Stunden damit, auf Lebenszeichen aus dem Nachbarhaus zu lauern, wobei ich mir einredete, es geschähe aus reiner Langeweile und hätte nichts mir ihr zu tun. Außer Marlena sah ich manchmal einen Jungen, der aussah wie ihr kleiner Zwilling; einen hageren Mann, der meistens eine orangefarbene Strickmütze mit Ohrenklappen trug; einen zweiten, kräftigeren Mann, der gelegentlich zu Besuch kam und einen schwarzen Pick-up mit extrabreiten Reifen fuhr. Vom Küchenfenster hatte ich einen guten Blick auf die Scheune. Manchmal kam und ging Marlena in Begleitung zweier Jungs, die etwa in unserem Alter waren. Der eine sah ganz süß aus, der andere hatte schreckliche Akne.
Eines Nachts, als ich wieder mal nicht schlafen konnte und Hunger hatte und diese unbestimmte Wut im Bauch, stieg ich aus dem Bett, schlüpfte in die alten Hausschuhe meines Vaters und legte mir eine Decke über die Schultern. Das neue Haus war zu still. Ich stellte mich vor den geöffneten Kühlschrank und trank Orangensaft, direkt aus der Tüte. Mom versteckte ihre Zigaretten – Zigaretten zu verstecken ist so typisch für Mütter – in einem Schuhkarton, der in unserem Haus in Detroit auf der Hutablage über der Garderobe gestanden hatte. In Silver Lake hatten wir keine Garderobe mehr, deshalb brauchte ich eine ganze Weile, um den Schuhkarton wiederzufinden, unter lauter Krimskrams in einer riesigen Nylontragetasche. Ich hob den Deckel ab, und da lagen die Merits meiner Mutter, eingeklemmt zwischen die Absätze ihrer mintgrünen Pumps. Sie und Dad waren früher oft ausgegangen; wenn sie spätabends nach Hause gekommen waren, hatten sie nach Rauch und Salz und Wind gerochen und irgendwie süßlich, nach Rosinen vielleicht oder nach Wein.
Ich nahm das Stabfeuerzeug vom Küchentresen mit. Wie so viele andere Gegenstände in unserem Haushalt hatte es keinen festen Platz und war ständig auf Wanderschaft. Draußen vor dem Haus war alles wie drinnen, nur kälter. Ich sah Sterne, Sterne und noch mehr Sterne, und ein paar hell erleuchtete Wohnwagenfenster in Fernsehblau. Ich setzte mich auf die halbfertige Veranda, gleich neben Jimmys schlammige Schuhe. Das pied-à-terre der kleinen Leute, so nannte meine Mutter das winzige Podest, bis Jimmy ihr müde erklärte, pied-à-terre habe nichts mit Balkonen oder Veranden zu tun. Ich öffnete die Schachtel und zog eine der beiden verkehrt eingesteckten Zigaretten heraus. Keine Ahnung, wie alt sie war. Ich schob sie mir zwischen die Lippen, aber die Zigarette ließ sich nur mühsam entzünden, ich musste ein paarmal kräftig ziehen. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, mir gleich beim ersten Zug die Kehle zu verbrennen, aber dann musste ich erst nach dem dritten husten. Der Rauch kringelte sich über meinem Kopf, ich atmete aus und schaute zu, wie die kleinen Wolken sich am Himmel über Silver Lake auflösten.
Ich rauchte bis zum Filter, drückte die Kippe am Geländer aus und sah Sternchen. Bevor ich mir auch die zweite Zigarette anzündete, atmete ich tief durch. Die Eiseskälte der Stufe brannte sich durch drei Schichten Stoff – Mantel, Pyjamahose, Baumwollunterwäsche –, doch ich war fest entschlossen, weiterzurauchen.
Am Ende der Straße tauchten Autoscheinwerfer auf. Der Truck mit den riesigen Rädern kam näher und bog in die Einfahrt von Marlenas Haus ein. Ich rutschte von der Veranda herunter und verzog mich in die kleine Nische zwischen der Treppe, dem Haus und den rundlichen, immergrünen Sträuchern, die die Stufen flankierten. Ich hatte mir vorgenommen, in Silver Lake ein anderer Mensch zu sein, stark und mutig, doch nun versteckte ich mich schon wieder. Catherine hatte sich immerzu entschuldigt, sogar für den Raum, den ihr Körper beanspruchte, aber Cat würde anders sein. Wenigstens hatte ich das gehofft. Die Beifahrertür des Trucks öffnete sich. Da ich erst seit wenigen Tagen Cat war, rührte ich mich vorerst nicht. Die Autotür stand jetzt offen, auf dem Beifahrersitz konnte ich Marlena erkennen. Ich beugte mich vor, verrenkte mir den Hals, zerdrückte die Zigarettenschachtel in meiner Hand. Das Stabfeuerzeug war in den Schnee gefallen. Marlena zog die Knie an und stützte das Kinn darauf. Im stillen Morgengrauen klang jedes Geräusch wie verstärkt, auch das Scharren ihrer Fingernägel auf dem Jeansstoff. Es war, als säße sie direkt neben mir. Sie strich sich mit den Händen über die Beine, auf und ab, ab und auf.
»Ich muss jetzt«, sagte sie. In meiner Kehle kribbelte es, ich unterdrückte den Husten.
»Warte kurz«, sagte der Fahrer. »Ich kann gar nicht genug von deinem gottverdammten hübschen Gesicht bekommen.« Er schaltete die Innenbeleuchtung ein, und schlagartig tauchte ihre Gestalt aus der Dunkelheit auf. Ihre Haltung verriet mir, in welcher Lage sie sich befand – Kinn zwischen den Knien, Arme um die Beine geschlungen. Ich hatte dieselbe Pose eingenommen, im Auto mit Dad, als ich ihn zum letzten Mal sah. Fass mich nicht an, hieß das. Lass mich in Ruhe. Ich richtete mich auf, um besser sehen zu können.
»So verdammt hübsch«, äffte sie ihn nach. »Ich bitte dich.«
»Ich habe dich nach Hause gefahren, oder nicht?«
»Gib schon her, Bolt«, sagte sie erschöpft. »Komm schon, Baby. Mein Daddy kommt jeden Augenblick zurück, und ich habe mich heute noch gar nicht um Sal gekümmert.«
»Dein Daddy«, sagte der Mann, und es klang wie von wegen. »Du kriegst sie gleich. Hab ich dir doch versprochen. Aber zuerst will ich einen Kuss. Einen kleinen Gutenachtkuss.« Er spitzte die Lippen wie in einem schlechten Sketch.
Marlena rührte sich nicht. Meine Beine schmerzten, ich zählte den Countdown zum Hustenanfall hinunter. Mit spitzen Fingern hob der Mann etwas in die Höhe und ließ es über Marlenas Kopf baumeln. Sie löste sich aus der Erstarrung und schnappte lachend nach dem Tütchen. Ich musste schlucken. Sie wandte sich ihm zu, er legte ihr die Hände auf die Schultern, und im nächsten Moment war von ihr nichts mehr zu sehen als platinblondes Haar, in das seine tätowierte Hand sich schob, während die andere unter ihren Pulli wanderte. Eigentlich war es unmöglich, zu dem Zeitpunkt kannte ich sie kaum, aber ich meinte wirklich, ihren Ekel zu spüren. Sie machte sich los und sprang aus dem Pick-up. Ich bekam eine Gänsehaut, stellvertretend für sie.
»Wir brauchen auch Pflaster«, sagte sie, »und ein paar Eier. Morgen oder übermorgen, okay?« Sie schlug die Beifahrertür zu, noch bevor ich seine Antwort hören konnte.
Marlena setzte sich auf eine umgedrehte Kiste. Im Vergleich zu unserem Vorgarten war die Brache vor der Scheune ein fremdes Universum. Sie zündete sich eine Zigarette an und starrte in die schwarze Windschutzscheibe. Sobald das Auto aus der Einfahrt zurücksetzte, fing ich zu husten an. Ich musste mich mit beiden Händen auf die Knie stützen. Aus dem Husten wurde ein Bellen, aus dem Bellen ein trockenes Würgen. Ich tastete nach der Hauswand. Ich spuckte aus, es schmeckte nach Kleingeld, nach Blut. Nun, da sie mich ohnehin entdeckt hatte, verließ ich mein Versteck hinter den Büschen und trat in die Lücke zwischen unseren Häusern. Genau hier hatte der Mann sie eben noch geküsst. Marlena starrte dem Auto nach, als wäre ich gar nicht da.
Dann fing sie zu summen an, ganz leise. Ich kannte die Melodie nicht. Ihre Stimme war glasklar und schien aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen, bis ich meinte, sie auf der Haut zu spüren. Ich ging erst ins Haus, als das Lied zu Ende war.
In einer anderen Variante dieser Geschichte, jener Version, in der Marlena weiterlebt, unterbreche ich sie und frage, was los ist. Obwohl wir noch keine Freundinnen sind, zwinge ich sie, mir den Inhalt der kleinen Tüte zu zeigen, die zwischen ihren Fingern steckt und im Licht von Mond und Schnee schimmert. Vielleicht drohe ich ihr sogar, ich packe sie bei den Schultern und schüttele sie und weigere mich zu gehen, bevor sie mir alles gebeichtet hat.
Der Lesesaal war wie immer spärlich besetzt, von ein paar Studenten und der jungen Frau. Sie war eingedöst und hatte ihren verdreckten Rucksack – der größte weit und breit und anscheinend ohne Inhalt – vor sich auf den Tisch gelegt, wie um unseren Widerspruch herauszufordern. Fast berührte ihre Stirn die Tischplatte. Als ich den Informationstresen passierte, fing Alice meinen Blick auf und nickte genervt zu ihr hinüber. Ich zuckte die Achseln und schnitt eine Grimasse, na und? Das Mädchen stank nach Dreck und Urin, aber nur wenn man ihr zu nahe kam. Sie verhielt sich still, und in der Damentoilette hatten wir seit Wochen keine benutzten Spritzen mehr gefunden.
Ich ging zurück in mein Büro, streifte die Pumps ab und drückte die Füße auf den Teppich unter meinem Schreibtisch. Mein Büro liegt auf der Zwischenebene zwischen dem ersten und dem zweiten Stock der Bibliothek. Es ist winzig klein, gerade groß genug für mich und meinen Schreibtisch. Das Glas des einzigen Fensters bricht das Licht wie ein Kaleidoskop in Grün und Blau. In den oberen Stockwerken sind alle Scheiben aus Bleiglas, deswegen sieht das Gebäude, ein ehemaliger Justizpalast, von außen wie eine Kirche aus. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war hier ein Frauengericht mit eigenem Zellentrakt untergebracht. Die junge Frau, und im Laufe der Jahre haben wir sie in vielen verschiedenen Gestalten gesehen, gehört ebenso hierher wie die Bücher. Das habe ich Alice neulich erst erklärt. Aber sie macht den Kindern Angst, sagte Alice. Sie macht den Müttern Angst, korrigierte ich sie, woraufhin Alice Ruhe gab. Ich habe der jungen Frau noch nie Geld gegeben, auch wenn ich mich bei ihrem Anblick jedes Mal frage, wie viel ich dabeihabe. Natürlich erinnert sie mich an Marlena. Mein Büro ist voller Wertsachen: Am Türknauf hängt eine Handtasche im Wert von dreihundert Dollar, und meine zerschlissene Jeans hat mindestens hundertzehn gekostet. Den genauen Preis habe ich vergessen. Mein Silberarmband mit den eingearbeiteten Türkisen, Geschenk von Liam: schätzungsweise um die fünfhundert Dollar. Heute Morgen habe ich ein Siebzigdollarserum – ein beißend riechendes Konzentrat aus grünem Tee und Hibiskus – auf meinen Wangenknochen verteilt. Als ich ein Kind war, hatten wir kaum genug zum Leben, dennoch pflegte meine Mutter ihre kostspieligen Vorlieben; sie hatte einen Sinn für alles, was schön und erlesen war, wahrscheinlich noch geschärft durch das stundenlange Abstauben von geschmacklosem Nippes. Damals arbeitete sie als Putzfrau, und wir lebten in ständiger Angst vor Sonderausgaben – morsche Äste auf unserem Grundstück, Absagen von Moms Saisonkundinnen, die den Skiurlaub platzen ließen, ungewöhnliche Motorengeräusche, Zahnschmerzen, Bandscheibenvorfälle. Nur ein einziges Unglück trennte uns noch von einer Armut, in der Marlena und Sal lebten und die paar anderen Familien, die in unserer Straße in Trailern oder Blockhütten hausten.
Der Geruch von angebranntem Kaffee stieg mir in die Nase, mein Magen krampfte sich zusammen. Ich schob den Becher von mir. Auf meinem Computer ging eine Mail ein, doch ich wandte mich wieder meinem Handy zu und hörte noch einmal Sals Nachricht. Sie war fünfundzwanzig Sekunden lang. Ruf mich an, wenn du willst, sagte er. Ich bin bis Sonntag in der Stadt. Und dann sagte er seine Telefonnummer auf, wie es früher üblich war. Heutzutage sprach kein Mensch mehr auf Anrufbeantworter, höchstens meine Mutter, manchmal auch Liam oder die Apotheke, um mich an ein Rezept zu erinnern, aber das war’s. Sal hatte mir sicherheitshalber auch eine Mail geschrieben, Rechtschreibung und Grammatik waren tadellos, hinter seinem Namen lachte ein Smiley.
Sal. Als ich ihn zum letzten Mal sah, war er acht oder neun Jahre alt. Sein elastischer Körper wirkte meistens seltsam schlaff, sodass Marlena manchmal witzelte, er würde, wenn man ihn in ein Brunnenloch stieße, sofort wieder in die Höhe springen. Sie behauptete, ihn mehr zu lieben als sich selbst, was nicht immer wahr erschien – manchmal bekam ich ihn tagelang nicht zu Gesicht, wenigstens erinnere ich es so. Wahrscheinlich wurde er oft weggesperrt. Die Erwachsenen, die er zu Gesicht bekam, waren high oder betrunken und fast immer männlich, und Marlena und ich behandelten ihn wie ein Spielzeug. Einmal trug ich Sal Huckepack – das war im Herbst, kurz nach Marlenas Tod – und konnte seinen Körper riechen, so salzig wie der meines Bruders, und da begriff ich zum ersten Mal, dass er ein Kind war und eines Tages erwachsen sein würde.
Ich lernte ihn an einem unserer ersten Abende in Silver Lake kennen. Jemand klingelte wie verrückt, drei Mal hintereinander, und ich schreckte ebenso ängstlich wie erwartungsvoll hoch. Damals wartete ich immer noch auf Dad. Jimmy rief, ich solle die Tür aufmachen. Ich zeigte ihm den Mittelfinger, obwohl er gar nicht in Sichtweite war, und klappte mein Buch zu, wahrscheinlich Das letzte Gefecht. Es war meine Umzugslektüre. Das Buch prägte meinen ersten Eindruck von Silver Lake mit seinem dichten Wald, den schiefen Briefkästen und den verschneiten, unbeleuchteten Straßen. Ich öffnete die Tür einen Spalt breit, und Sal stürmte als kleine, kindgroße Brise, als flugunfähiges Stück Wind in unser Haus. Sein Pyjama war schief zugeknöpft, und er trug keine Jacke, ein Kind des 45. Breitengrads, von Natur aus warmblütig. Er erzählte mir von seinem lila Haus und bat mich, mit hinüberzukommen. Ich war überzeugt, dass sie ihn geschickt hatte. Bevor ich ihn verabschiedete, ging ich in die Hocke, knotete ihm Jimmys karierten Schal um den Hals und legte ihm die langen Enden über den Rücken wie ein Cape. Sal wartete geduldig. Er roch wie ein Kätzchen, nach Fell und warmer Milch.
Hat er, als er meine Nummer wählte, an den karierten Schal gedacht, an das Chaos in unserem mit Kisten vollgestellten Haus, an den pfeifenden Teekessel in der Küche? Wie hatte er mich wahrgenommen an jenem Tag, als es uns noch möglich gewesen wäre, einander fremd zu bleiben? Ich war noch nicht die Freundin seiner Schwester, sondern einfach nur ein Teenager, der ähnlich schlecht dran war. Doch möglicherweise hatte er mich von Anfang an als Marlenas Anhängsel betrachtet, so wie er in meinen Augen untrennbar zu ihr gehörte. Als ich den Schal verknotet hatte, schoss Sal zur Tür hinaus, lief durch die Schneewehen zwischen unseren Häusern und verschwand in der dunklen Scheune. Was ihn erwartete, kann ich bis heute nicht sagen.
Ich würde Sal zurückrufen, keine Frage. Es war weniger eine bewusste Entscheidung als eine Tatsache. Alice klopfte an die Tür, zwei abrupte Schläge, die in meinen verkaterten Ohren dröhnten. Wir hatten Mitarbeiterkonferenz. Ich lächelte, setzte mich auf, ignorierte die stechenden Kopfschmerzen und zwängte meine Füße in die Pumps. Die gute alte Cat, sie gehorcht noch immer aufs Wort.
Ein paar Tage nach Weihnachten wachte ich spät auf. Es war fast schon ein Uhr, mein persönlicher Rekord, obwohl ich um kurz vor Mitternacht ins Bett gegangen war. Die endlosen, samtigen Weiten des Teenagerschlafs waren eine Wohltat für mich. Mittlerweile schlafe ich unruhig und komme morgens nur schwer aus dem Bett. Nach weniger als acht Stunden Schlaf oder mehr als drei Gläsern Wein bin ich am nächsten Tag hungrig und benebelt.
Meine Mutter saß auf dem Sofa und las die Kleinanzeigen. Im Haus war es dunkel und kalt, bis auf eine Nische des Wohnzimmers, die von der Wintersonne erreicht wurde. Das grelle Gelb zwang mich zu blinzeln. »Guten Morgen«, sagte meine Mutter und hob den Kopf. Ihr Haar war ordentlich geflochten, und sie trug Jeans und einen Pullover in der passenden Größe – allesamt gute Zeichen. »Wir schreiben das Jahr dreitausend, und alle haben überlebt. Aber ich habe leider auch eine schlechte Nachricht für dich: Die Aliens haben gehört, dass faule Menschen am besten schmecken.«
»Haha.«
»Hast du Hunger? Soll ich dir was machen?«
»Ich möchte spazieren gehen.« Wie sonst wäre ich an eine Zigarette gekommen? Ich war noch nicht abhängig, nicht körperlich, aber zu rauchen war mein einziges Hobby. Ich klammerte mich an die kleinsten Vorhaben, nur um irgendwie durch den Tag zu kommen.
Meine Mutter folgte mir in die Küche und setzte Teewasser auf, während ich in den Schränken wühlte und die Tasche meines Hoodies mit Müsliriegeln füllte. Tee und Wein, Tee und Wein; Mom trank entweder das eine oder das andere. »Weißt du, was die kosten?«, fragte sie. »Inzwischen verbrauchen wir fast zwei Schachteln pro Woche.«
»Ist doch nicht meine Schuld, wenn es hier nichts zu essen gibt.«
»Ach, nein? Wir haben Äpfel. Wir haben Cornflakes. Warum kochst du dir nicht ein Ei? Und da ist auch noch Suppe im Schrank …«
Der Teekessel pfiff, sie unterbrach sich. Meine Mutter hatte damals schon die Angewohnheit, sich unvermittelt aus Gesprächen zurückzuziehen, im Laufe der Jahre ist es sogar noch schlimmer geworden. Bei ihrer zweiten Hochzeit passierte es mitten in ihrer Rede; sie stand am Ende der langen Tafel und beschrieb gerade ihr neues Glück, und dann verstummte sie mitten im Satz. Roger musste einspringen und sie aus ihrem Tagtraum reißen. Dad hätte sich über sie lustig gemacht, ganz besonders in einem so festlichen Rahmen, doch Roger war anders. Ich verliebte mich im selben Moment in ihn. Wie er stutzte, lächelte, sie mit einer Frage in die Realität zurückholte und an sich zog. Roger war so, wie Liam manchmal sein kann – zärtlich. Aber früher war es mir furchtbar peinlich, wenn meine Mutter wieder mal zu träumen anfing und den Faden verlor. »Ich mache dir ein Sandwich«, sagte sie schließlich, und ich wünschte mir, mein Vater wäre noch da. Wir hätten einander angesehen und den Witz verstanden. Da sind wir ja wieder!, hatte er manchmal beim Abendessen gerufen und mit der Hand so fest auf den Tisch geschlagen, dass die Teller klirrten.
Ich ging in mein Zimmer und packte die Zigaretten, das Stabfeuerzeug, mein Handy, meine Ausgabe von Franny und Zooey und die Müsliriegel ein. Meine Mutter tauchte im Türrahmen auf, eine braune Papiertüte in der Hand. Hastig machte ich meinen Rucksack zu. Seit der Scheidung hatte sie mindestens fünf Kilo abgenommen, mit ihren eingefallenen Wangen erinnerte sie an einen Fisch. Jimmy und ich dachten uns ständig neue Spitznamen für sie aus – das Skelett, Klickerklacker, Knochenfrau. Obwohl es sie verletzt haben musste, lachte sie mit uns. Selbst zu ihren magersten Zeiten war sie hübsch, eine nordische Elfe mit Grübchen am Kinn und hellwachen Augen. Ich ärgerte mich darüber, dass ich ihre Augenfarbe nicht geerbt hatte, ein klares Meerblau. Für ein Mädchen im Teenageralter ist fast nichts so unerträglich wie eine schöne Mutter.
»Kopf hoch«, sagte sie und warf mir das Sandwich zu. Die Tüte traf mich an der Schulter und fiel raschelnd zu Boden. Ich hob sie auf und seufzte laut. »Geh nicht zu weit. Wir kennen uns hier noch nicht aus.«
***
Hinter dem Haus erstreckte sich ein offenes Feld, breit wie ein Fußballplatz, das abrupt an einer Baumreihe endete. Am Waldrand stand ein morsches Klettergerüst mit verbeulter Rutsche. Im Laufe des nächsten Jahres würden Marlena und ich stundenlang auf den Balken liegen, die Beine baumeln lassen und den Rauch unserer Zigaretten gen Himmel blasen. Winter, Frühling, Sommer, Herbst. Wenn es regnete, breiteten wir einen Müllsack über die Holzpfähle, als Dach. Wir trafen uns zu allen Tag- und Nachtzeiten, um zu reden. Über die Zukunft, glaube ich, und über die Vergangenheit; über das, was wir wollten und waren, und ganz besonders, was nicht. Manchmal hatten wir eine Mundharmonika dabei oder Marlenas ramponierte Gitarre. Wir sangen, bis wir heiser waren.
Ich lief direkt auf den Kiefernwald zu. Die Schneedecke war von Trampelpfaden durchzogen, die scheinbar wie aus dem Nichts anfingen und aufhörten; ein paar Meter hinter dem Haus schlossen sie sich zu einem einzigen, durch unzählige Stiefelschritte verbreiterten Weg zusammen. Ich ging bis zum Klettergerüst, duckte mich unter die Rutsche und zündete mir eine Zigarette an. Hinter dem Gerüst machte der Weg einen Schlenker nach links und verschwand zwischen den Bäumen. Ich folgte ihm immer tiefer in den Wald hinein. Weil mein Vater ein Faktensammler gewesen war, wusste ich, dass der Wald sehr alt sein musste; die Stämme standen wild durcheinander, anders als in vielen anderen Wäldern von Michigan, wo man den alten Bestand gefällt und durch schnurgerade, kilometerlange Reihen von neuen Bäumen ersetzt hatte.
Was wollte ich hier? Meiner Familie war passiert, was vielen anderen Familien auch passierte: Meine Eltern hatten beschlossen, sich scheiden zu lassen. Was unseren Umzug in den hohen Norden nicht hinreichend erklärte, der mich, ein bislang eher ausgeglichenes Kind, dazu gebracht hatte, nachts in die Kissen zu heulen, mir das Haar mit der Küchenschere abzuschneiden und mich mit einer Rasierklinge zu ritzen, bis das Blut aus meinem Oberschenkel quoll (ich hielt es nicht lange durch, wahrscheinlich fehlten mir die Nerven). Anfang Dezember feierte ich meinen fünfzehnten Geburtstag, wenige Tage später zogen wir aus Pontiac fort. Meine Mutter sagte, im Winter umzuziehen sei billiger. Sie hatte eine Girlande im Wohnzimmer aufgehängt, das leergeräumt war und nichts mehr mit uns zu tun hatte.
Als meine Eltern sich trennten, war mein Vater – ein beschürzter French-Toast-Koch, Schneeschuhträger, Scotchtrinker, Red-Wings-Fan und begnadeter Fänger, Umarmer und In-die-Luft-Werfer, bewundert von meiner besten Freundin Haesung, verachtet von meinem großen Bruder James und angebetet von mir – trotz gegenteiliger Beteuerungen schon lange nicht mehr stellvertretender Filialleiter bei Foodtown. Ihm war ungefähr vier Monate zuvor gekündigt worden. Zwar verließ er weiterhin morgens um acht das Haus, von Montag bis Freitag, doch er fuhr nicht zur Arbeit. Nach allem, was ich in Erfahrung bringen konnte, verbrachte er seine Tage im Bett von Becky, einer Kellnerin Mitte zwanzig, mit der er jetzt zusammenlebt. Die Scheidung meiner Eltern war unangenehm, aber überraschend kam sie nicht.
Meine Mutter hatte als Kind ein paar Jahre in der Nähe von Silver Lake gewohnt, eine Zeit, die sie im Nachhinein als die glücklichste ihres Lebens bezeichnete – sie erinnerte sich an Kiesstrände, schneebedeckte Kiefern und Segelschiffmasten vor melodramatischem Sonnenuntergang. »Ich brauche einen Tapetenwechsel«, sagte sie zu uns, im Sommer der Scheidung, den sie praktisch daheim vor dem Computer verbrachte, um mit ihren Freundinnen von der Highschool zu chatten oder mit allen möglichen Männern zu flirten. »Hier weiß jeder alles über uns.« Später hat Jimmy mir erzählt, dass sie ihm eine Zeitlang fünf bis zehn Immobilienanzeigen täglich weiterleitete, mit Betreffzeilen wie: SIEH MAL! WIE BILLIG! In einem Punkt waren mein Bruder und ich uns einig: Mom war auf der Suche nach etwas, das sich niemals von ihr trennen würde, und was lag da näher als ein Stück Land? Wir warfen einander verstohlene Blicke zu, wenn sie wieder einmal ein Netz aus Möglichkeiten spann – wenn ich daran zurückdenke, vermisse ich Jimmy sehr. Das Haus in Silver Lake kaufte sie schließlich anhand einiger Fotos. Ich glaube nicht, dass sie auf die Ödnis gefasst war, auf den grauen Schnee, die vermüllten Vorgärten und den dichten, urwüchsigen Wald, der mir auf meinen Streifzügen gierig erschien, als wollten die Bäume mich verschlingen. Bis zum nächsten Supermarkt mit Gemüseabteilung fuhr man zwanzig Minuten, bis zu der Highschool, die ich ab Januar besuchen würde und die in einem anderen Bezirk lag, waren es dreißig. Der märchenhafte Wald und die klare, saubere Luft waren nicht schlecht, das musste selbst ich einsehen, aber im Grunde lebten wir im Niemandsland.
Ich wickelte mir den Schal um den Kopf und zog ihn mir tief ins Gesicht, zum Schutz vor der Kälte. Die Öffnung war gerade so groß, dass ich atmen und rauchen konnte. Mein Hals war schon ganz geschwollen von der Qualmerei. Wenn ich schluckte, schien ein Knoten durch meine Kehle zu rutschen. Eine Viertelmeile hinter dem Klettergerüst entdeckte ich die Spuren eines Schneemobils, das im Zickzack über den Waldweg gefahren war und Achten um die Baumstämme gezogen hatte. Kurz darauf hörte ich Musik, blechern und weit entfernt. Ich folgte dem Geräusch, bis ich die Melodie erkennen konnte und die Stimme eines Radiomoderators. Ich verstand ihn so deutlich, als hätte ich ihn am Telefon. Der Wald lichtete sich, und weiter vorn tat sich eine freie Fläche mit einer Art Gebäude auf, langgezogen und niedrig und so dunkel wie ein Hämatom. An der Längsseite standen mehrere Schneemobile dicht beieinandergeparkt. Ich umrundete die Lichtung, ohne meine Deckung zu verlassen. Das Ding erinnerte mich an einen Zug, an einen Bahnwaggon. Die Fensterscheiben waren geschwärzt, alle bis auf eine, die herausgebrochen war; in der Öffnung stand ein Ventilator, dessen Rotorblätter sich langsam drehten. Es war ein Güterwaggon, wie ich ihn aus dem Kinderfernsehen kannte. Die Tür wurde aufgeschoben, ein Mann sprang heraus und schloss sie wieder. Er schaute in meine Richtung. »Hey«, rief er und setzte sich in Bewegung, »wer ist da?«
Ich wich zurück. »Ich gehe hier nur spazieren«, sagte ich. Ich musste mich anstrengen, laut genug zu sprechen.
»Komm mal kurz her«, sagte der Mann.
Ich drehte mich um und rannte los. Ich spürte seinen Blick in meinem Rücken und hörte erst zu rennen auf, als ich wieder beim Klettergerüst war. In der dicken Winterjacke hatte ich zu schwitzen angefangen. Ich ließ mich auf den halbwegs schneefreien Fleck unter der Rutsche sinken und wartete, bis mein Herz nicht mehr so stark klopfte, dann zündete ich mir die nächste Zigarette an. Ich beruhigte mich, rauchte auf und zerrte die braune Papiertüte aus meinem Rucksack. Ich biss in das Sandwich, schmeckte aber nichts als Salat und Mayonnaise und mehlige Tomate. Meine Mutter hatte den Aufschnitt vergessen.
***
Als ich wieder zu Hause war, mir ein sauberes T-Shirt angezogen und die Hände gewaschen hatte, sodass die Zigaretten nur noch zu riechen waren, wenn ich mir die Finger unter die Nase hielt, klingelte es an der Tür. Immer war ich diejenige, die darauf reagierte. Dad, dachte ich, wann immer ich ein Geräusch vor dem Haus hörte, und dann verdrängte ich das Wort schnell wieder.
»Ich wollte mich nur mal vorstellen«, sagte der Mann. Er stand unangenehm dicht vor mir. »Aber wir kennen uns ja schon. Ich wohne da drüben. Habe eine Tochter in deinem Alter.« Er sprach mit einem ganz leichten, merkwürdigen Akzent, als wären ihm alle Vokale verrutscht. Aus der Nähe betrachtet ähnelte er meiner zierlichen Mutter; sein Gesicht wirkte ausgemergelt, aber nicht unfreundlich. Abgesehen davon, dass er ziemlich klein war und sein Haaransatz von wunden Stellen bedeckt – auch rechts neben seiner Nase war eine, frisch aufgekratzt und blutig –, sah er aus wie ein ganz normaler Dad. Er hatte mich gerade noch beim Herumschnüffeln im Wald erwischt, aber hier machte er mir keine Angst.
»Hallo«, sagte ich. »Ja, Ihre Tochter habe ich schon kennengelernt, und Sal auch.«
»Sal? Dieser kleine Spinner«, sagte der Mann, als wären wir gute alte Freunde. »Dahinten im Wald gibt es nichts zu sehen, Mädchen.«
»Okay.«
»Das ist bloß ein Privatgrundstück mit Bäumen drauf«, sagte er und ließ den Blick durch unseren Flur wandern. »Habt ihr gesehen, dass eure Regenrinne fast abgefallen ist?« Ich trat auf die Veranda hinaus, die kaum groß genug für uns beide war. Er zeigte in die Höhe, wo eine Reihe von Eiszapfen die Blechrinne vom Hausdach getrennt hatte. »Siehst du?«
»Ich hole meine Mom.« Ich schloss die Tür hinter mir und ließ ihn einfach draußen stehen. In dem Sweatshirt und der zu großen Jeans sah er aus wie ein kleiner Junge mit gealtertem Gesicht.
Meine Mutter lag noch im Bett, unter einem Haufen Decken. Sie trug ihre Brille, hinter der ihre Augen aussahen wie am Grund eines Brunnens. »Wer ist da?«, fragte sie und blätterte eine Seite in dem dicken Taschenbuch um, das sie gerade las. Es ging um Zeitreisende und Sex in Schottland. Ich hatte sie alle gelesen.
»Ein Nachbar. Er sagt, unsere Dachrinne fällt bald runter.«
»Ist es das Wiesel aus dem Schuppen nebenan?«, fragte meine Mutter und schwang die Beine aus dem Bett.
Marlenas Vater ging mit uns ums Haus und schlug mit einem Schneeschieber die Eiszapfen ab. Sie bohrten sich in den Schnee. »Um diese Jahreszeit sollte man das alle paar Wochen machen, besonders wenn man in einem Fertighaus wohnt«, sagte er. »Wo die Regenrinne mit Knete angeklebt ist.«
»Vielen Dank.« Wenn er mit dem Rücken zu uns stand und sich nach den Eiszapfen reckte, stieß meine Mutter mich in die Seite und verdrehte die Augen. Was für ein Typ, flüsterte sie, der weiß wohl alles. Ein dutzend Eiszapfen fiel klirrend herunter. Der Mann stützte sich atemlos auf seinen Schneeschieber und sah meine Mutter an, als warte er auf ein Lob. »Das wusste ich gar nicht«, sagte sie.
»Wenn Sie noch einen Tag länger gewartet hätten, wäre alles kaputtgegangen.«
»Verstehe.«
»Wenn Sie möchten, mache ich Ihre mit, wenn ich meine mache. Ist gar kein Problem.«
»Ist schon gut«, sagte meine Mutter. Ich sagte gar nichts, ich spielte die stumme Zeugin, oder vielleicht war ich einfach nur neugierig. »Ob Sie es glauben oder nicht, ich habe einen erwachsenen Sohn. Das wäre doch mal eine Aufgabe für ihn.«
