Marlene & Alberto - Anita Babic - E-Book
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Anita Babic

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Beschreibung

1958: Rock’n’Roll erobert die Welt Alberto tritt der US Army bei und wird eines Tages nach Deutschland versetzt, in das Städtchen Grafenwöhr mitten in der Oberpfalz. Marlene ist eine junge Witwe, die sich gerade ein Leben als unabhängige Frau, in einer Zeit der Bräuteschulen und Hausfrauen, aufbaut. In Grafenwöhr begegnen sich Marlene & Alberto das erste Mal und verlieben sich Hals über Kopf ineinander. Alles scheint perfekt zu sein, bis Marlene von Alberto's Geheimnis erfährt. Sie verlässt ihn ohne ein Wort. It was over before it even began - Marlene & Alberto. 8 Jahre später sollte sie das Schicksal erneut zusammenführen. Gibt es jetzt nach so vielen Jahren überhaupt eine Chance für die beiden?

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Marlene & Alberto

Never too late

Anita Babic

tolino media

Inhalt

Marlene & Alberto

Über den Autor

1. Alberto - Prisoner in disguise

2. Marlene - Blue Moon

3. Willkommen in good ol’ Germany

4. Das chaotische Leben

5. Was ist das für ein Gefühl Darling?

6. Almost Love

7. Don’t tell me lies, baby

8. Leb wohl, my dear

9. Lonesome nights

10. Always on my mind, always in my heart

11. Never too late

12. Always on time

13. Never forget me

14. Brandon & Eva

Never forget me

Marlene & Alberto

- NEVER TOO LATE

Band 1 der Never Serie

VON

ANITA BABIC

Impressum

Copyright © 2022 Anita Babic

c/o AutorenServices.de

Birkenallee 24

36037 Fulda

Alle Rechte vorbehalten

Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verfassers unzulässig.

Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.

Covergestaltung: Anita Babic

Korrektorat / Lektorat: Jörg Querner

Erstellt mit Vellum

Über den Autor

Anita Babic wuchs mit ihren Eltern und drei Schwestern in der Nähe von Würzburg in einer Kleinstadt auf, nachdem ihre Eltern als Gastarbeiter aus Kroatien nach Deutschland gezogen sind.

Dem Schreiben widmete sich Anita in Form von kleinen Gedichten vorwiegend als Teenager. Nach Jahren des Nicht-Schreibens, fasste sie endlich den Mut ihren Traum vom Bücher schreiben in die Tat umzusetzen.

Dabei kam das erste Buch „Marlene & Alberto - Never too late“, sowie die Idee zur Never-Serie zustande. Marlene & Alberto sind die Hauptrollen in Teil 1 der Serie. Die Fortsetzung schmücken die neuen Protagonisten Brandon & Eva.

Anitas Kopf sprudelt nur so vor Kreativität, also dürfen wir uns in Zukunft auf weitere Geschichten von ihr freuen.

Für weitere Infos besucht ihre Facebook- oder Instagram-Seite. Ihre neue Website ist gerade in Bearbeitung.

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Für dich.

Für mich.

Für uns alle.

Kapitel1

Alberto - Prisoner in disguise

12.04.1956 – der Tag, an dem ich mir die Ketten anlegen musste. Die Ketten der Ehe mit Amanda. Aber was sollte ich machen? Wir waren während der Highschool zusammengekommen. Sie war ein Jahr über mir. Im Schulgang flirteten wir immer heftiger miteinander. Erst waren es kleine Blicke verbunden mit zwinkern und zulächeln und nach ein paar Tagen sprach ich sie an. Einem Date sagte sie sofort zu.

Ich führte sie zum Tanzen aus, das ließ die Mädchen schneller locker werden. Die beste Tänzerin war sie nicht, doch das interessierte mich wenig. Ich fand sie heiß. Schnell war sie bereit weiterzugehen. Bei unserem ersten Date hagelte es Küsse, ja sogar fummeln war erlaubt.

Für unser zweites Rendezvous lieh ich mir den Wagen meines Onkels Antonio, einen 1948er Cadillac Fleetwood in dunklem Blaugrün – ein Schmuckstück. Sie war beeindruckt. Ich führte sie zu einem Aussichtspunkt über der Stadt.

An diesem Abend gingen wir richtig zur Sache. Ich wusste, sie würde nicht Nein sagen. Die anderen Freundinnen, die ich vor ihr hatte, waren wohl behüteter. Es hatte lange gedauert, bis ich ihnen überhaupt den ersten Kuss entlocken konnte. Amanda konnte ich schneller rumkriegen.

Jedenfalls, die ersten Wochen lief alles gut, dachte ich. Es ging bei uns nur um das eine, viel zu sagen hatten wir uns nicht. Ich nahm unsere Beziehung nicht allzu ernst. Sie hingegen sehr. Sie beobachtete mich mit Argusaugen. Sobald ich ein anderes Mädchen nur ansah oder auch sie mich fuhr sie die Krallen aus. Weder mich noch ihre Konkurrentinnen verschonte sie.

Schnell merkte ich, das war keine Frau für mich. Sie war schlicht und ergreifend verrückt. Drama, Drama den ganzen Tag. Heute Liebe, morgen Hass und Eifersucht. Also wollte ich nach sechs Monaten endlich raus aus dieser Endlosschleife.

Ichmach’ Schlussmitihr, beschloss ich.

Es war ein verregneter, kalter Sonntag im Januar 1956. Wie bezeichnend. Ich war auf dem Weg zu Frankie’s Diner in der Innenstadt. Ich wollte alles sehr kurz halten, weil ich mich danach noch mit meinem Kameraden Luis treffen wollte.

Luis und ich besuchten die gleiche Klasse, obwohl er ein Jahr älter war als ich. Er musste die Klasse wiederholen, weil er sich in San Diego, Kalifornien mehr für die Girls als für die Schule interessierte. Seine Familie zog vor zwei Jahren hierher nach Columbus, Texas. Damals war ich ein schüchterner, kleiner Junge. Wir verstanden uns auf Anhieb und er nahm mich unter seine Fittiche, brachte mir alles bei, was ich über das schöne Geschlecht wissen musste, was einerseits sehr viele Vorteile mit sich brachte, doch nicht für meine Noten.

So schnell und kurz konnte ich dann doch nicht raus aus dieser Beziehung, wie ich dachte.

„Alberto, ich bin im zweiten Monat schwanger mit deinem Baby.“ Dabei legte sie eine Strähne ihrer schulterlangen, haselnussbraunen Haare hinter ihr linkes Ohr, während sie einen räuspernden Laut ausstieß. Das tat sie, wenn sie nervös war.

Mir fiel die Kinnlade runter. Puh, diese Nachricht musste erst mal verarbeitet werden. „Du bist was? Wie konnte das passieren?“, entgegnete ich ihr.

„Na wie wohl?“

„Entschuldige. Du hast mich kalt erwischt, Amanda.“

„Schon gut. Also, was machen wir?“, wollte sie wissen.

Kinder liebe ich, aber Vater werden? Dafür war ich noch zu jung. Ich war gerade mal siebzehn Jahre alt und die Schule hatte ich noch nicht abgeschlossen. Wie würde ich dieses Kind ernähren? Was konnte ich ihm schon bieten? Wie sollte ich das alles schaffen? Andererseits wusste ich, dass es in meiner Verantwortung lag. Ich musste meine Pflicht erfüllen.

„Wir werden das Richtige tun, Amanda. Mach dir keine Sorgen, ich werde für dich und das Baby sorgen.“

„Wie stellst du dir das vor?“

„Überlass das mir. Ich werde mir eine Arbeit suchen und eine Wohnung für uns finden.“

„Und dann leben wir in wilder Ehe?“

„Ich werde dich heiraten.“ Ich klang bestimmter als ich vorhatte.

„Gut, aber ich erwarte einen richtigen Antrag. Nicht so. Alle sollen es sehen, vor allem die gaffenden Mädels, die dir immer nachstellen.“

„Amanda, was kümmert es dich, was die anderen dazu sagen?“

„Sie sollen einfach wissen, dass sie ihre Griffel bei sich behalten sollen. Und du genauso, mein Schatz.“

Ich presste die Zähne zusammen. „Also gut.“ Ich wusste nicht, warum sie immer so eifersüchtig sein musste. Das war auf Dauer sehr anstrengend.

Sogleich verkündigte ich Luis die Neuigkeit, der mir als Antwort auf die Schulter klopfte und mir scherzhaft sein Beileid aussprach. Er hielt nichts vom Heiraten, für ihn würde dies nie zur Debatte stehen, zu sehr liebte er seine Freiheit. Ungeachtet dessen half er mir einen Antrag auf die Beine zu stellen.

Für dieses Baby würde ich der bestmögliche Vater sein. Ich könnte mir es nie verzeihen, wenn ich es wie meiner tun würde. Einfach abhauen. Ich habe meinen Vater nie kennengelernt. Als er erfuhr, dass Mama schwanger war, machte er sich aus dem Staub und hinterließ eine alleinerziehende Mutter. Ich kannte nur seinen Namen, Wesley. Als ich klein war, hatte ich ihn vermisst oder zumindest einen Vater, obwohl Onkel Antonio stets an meiner Seite war. Er war mehr eine Vaterfigur für mich als irgendein Wesley, der sich einen feuchten Dreck um mich scherte.

Nachdem wir unseren Eltern die Botschaft überbracht hatten, gingen die Vorbereitungen für das Baby los. Meine Mutter Lupita freute sich über den Nachwuchs, obwohl ihr mein Schicksal schwer auf dem Herzen lag. Ihr Wunsch für mich wäre gewesen, erst den Abschluss zu machen, um eine gute Anstellung zu bekommen. Sie wollte, dass wir Kinder es mal besser hätten. Mama war nie greifbar für uns, ständig hatte sie gearbeitet, um meine Schwestern Alejandra, Lorena und mich über Wasser zu halten.

Alejandra war die Älteste von uns Geschwistern und verheiratet mit Esteban. Sie waren die Highschool-Sweethearts, welche mit meinem Neffen Miguel schließlich gesegnet worden sind. Lorena war seit einem Jahr mit Simon Brennan verheiratet. Von meinen beiden Schwagern mochte ich Simon am wenigsten. Er war nicht gut genug für meine Schwester. Warum sie sich auf dieses Niveau herabließ, war mir schleierhaft.

Vielleicht lag es daran, dass wir nicht sehr traditionell aufgewachsen sind. Wir hatten alle einen anderen Vater. Einer schlechter als die anderen. Gesellschaftlich waren wir deswegen nicht sonderlich angesehen. Viele Familien mieden uns, redeten sogar schlecht über Mom. In der Schule musste ich mich oft prügeln, sie beschimpften sie als Hure und uns als Bastarde.

Meine Mutter war in der Vergangenheit nicht gesegnet mit viel Liebe. Alejandras Erzeuger trank die ganze Zeit, Lorenas hatte das Geld an Glücksspielen verloren. Mein Vater war wie vom Erdboden verschluckt.

Erst als sie Roy ein Jahr zuvor kennengelernt hatte, änderte sich alles. Meine Mom war richtig aufgeblüht. Endlich ein Mann, den sie verdiente. Er akzeptierte sogar uns Kinder, auch wenn wir nicht sein Fleisch und Blut waren. Nicht nur das, er trug sie auf Händen. Sie hatte schon mit der Männerwelt abgeschlossen, er holte sie wieder zurück. Aufgeben war für ihn keine Option. In ihr erkannte er, was ich schon immer in ihr gesehen hatte: eine aufopfernde, liebevolle Frau und Mutter, wunderschön von innen und außen.

Die letzten Jahre war sie sehr in sich gekehrt gewesen, hatte sich nur um uns gekümmert. Roy hatte sie das erste Mal bei ihrer Schicht im Food City Markt gesehen. Mit dem Vorwand, dass er Hilfe beim Aussuchen einer Reissorte brauchte, hatte er sie angesprochen. Sie hatte nicht verstanden, was da so schwer sein konnte, seine Fragen jedoch mit Engelsgeduld beantwortet.

Sie war die beste Mutter, die sie irgend sein konnte. Sie liebte uns von ganzem Herzen und hatte alles versucht, um uns glücklich zu machen.

Amanda dagegen war in einem, na ja, etwas normaleren Familienumfeld aufgewachsen. Die Eltern waren nach wie vor verheiratet. Ihr Dad John McKenna, ein großer stämmiger Kerl mit Halbglatze, war ziemlich streng und alles musste so laufen, wie er es angeordnet hatte. Ihre Mom Claudia, winzig im Gegensatz zu John, Amanda und ihr zwei Jahre älterer Bruder Michael taten, was befohlen worden ist.

So musste ich auch tun, wie es sich gehört. Sie heiraten. Ich wollte es nicht, aber an mich selbst konnte ich dabei nicht mehr denken. Mein Sohn war unterwegs.

Schließlich hatten wir an diesem Tag im April in sehr kleinem Kreis standesamtlich geheiratet. Da gibt es nichts Weltbewegendes zu erzählen, eigentlich wussten wir beide, dass es nicht die wahre Liebe war. Versuchen wollten wir es trotzdem. Auch wenn es nur darum ging, den Schein zu wahren…

18.08.1956 – der bis dato glücklichste Tag in meinem Leben. Mein Sohn Alberto Junior ist auf die Welt gekommen. Ich liebe diesen kleinen Kerl so sehr. Von der Minute an, als ich ihm in seine kleinen bernsteinfarbenen Augen blickte, wusste ich, ich würde ihn nie verlassen. Bei der Geburt musste ich einfach dabei sein, was nicht üblich war für werdende Väter. Die meisten warteten vor dem Kreißsaal. Das wäre nichts für mich gewesen, stundenlang im Warteraum auf und abzulaufen. Nein.

Ich war nervös, machte mir Sorgen darüber, dass etwas schiefgehen könnte. Ich fühlte mich neben Amanda so hilflos. Bei jeder Wehe schrie sie laut auf, ich hielt ihre Hand, die mir fast abgefallen war, jedes Mal, wenn sie gepresst hatte. Ich wusste nicht, dass sie so viel Kraft haben konnte. Als ich endlich das kleine Schreien vernahm und den schwarzhaarigen Kopf sehen konnte, fiel ich fast in Ohnmacht. Ich spürte, wie sich meine Augen mit Wasser füllten, vor allem als der Arzt meinen Kleinen hochhob und freudig mitteilte:

„Herzlichen Glückwunsch, Familie Arroyo, das ist Ihr Sohn!“

Ich erschrak. War es normal, dass Babys so zerknautscht aussahen? Der Arzt bemerkte meinen Blick und erklärte, dass alles in bester Ordnung sei und sich alles entwickeln würde. Das beruhigte mich wenig. Amanda war noch völlig platt, also war ich der Erste, der AJ wickeln durfte.

Ich war so unsicher, wollte nichts kaputt machen. Er war so zart. Die Schwester meinte zu mir, dass Babys robuster seien, als sie aussehen. Ich sah sie nickend an, dann widmete ich mich wieder meinem Sohn. Still lag er auf dem Wickeltisch und ließ mich gewähren. Jetzt konnte ich ihn bewusst betrachten. Er hatte jetzt schon sehr viele schwarze Haare, seine grünbraunen Augen sahen gigantisch aus, verglichen mit seinem Kopf und Körper. Er kam ganz nach mir, kam mir ihn den Sinn.

Das war mein Sohn und er würde es für immer bleiben. Ich war so stolz auf ihn. Was so ein kleines Baby für ein Wunder sein konnte. Habe ich schon erzählt, wie wunderbar er ist? AJ, diesen Spitznamen gaben wir ihm kurz darauf, war ein sehr neugieriges Baby, wollte alles entdecken und schenkte mir jeden Tag ein Lächeln. Da wurde und wird mir wieder und wieder aufs Neue ganz warm ums Herz.

Ich versuchte so viel ich nur konnte für ihn da zu sein.

Ich hatte zwei Jobs, um uns alle über Wasser zu halten. Bei einem großen Supermarkt und danach bei Luigi’s, dem italienischen Restaurant zwei Blocks entfernt. Da konnte ich hinlaufen und mir das Geld für den Bus sparen. Das Geld reichte aber hinten und vorne nicht. Die Kosten für Windeln, Babynahrung, Miete und alles andere stiegen mir über den Kopf. Amanda lag mir ständig in den Ohren deswegen. Ja, das konnte sie gut.

Was konnte ich noch tun? Ich arbeitete schon fünfzehn Stunden am Tag. Ich betete jeden Tag für ein Zeichen. Immer das gleiche Spiel. Gefühlt hatten Amanda und ich jeden Tag gestritten wegen jeder Kleinigkeit. Nichts war ihr recht, nichts war gut genug. Sie selbst war die Faulheit in Person, fand ich. Wenn ich nicht gewesen wäre, wäre AJ verkommen. Von Babys hatte sie keine Ahnung. Wenn ich nach Hause kam, war sie mit einer ihrer Freundinnen am Telefon. Wahrscheinlich hat sie mich die ganze Zeit schlecht gemacht.

AJ setzte sie vor den Fernseher. Kein Hallo, kein wie geht’s, wie war dein Tag. Gekocht hatte sie auch nicht gerne. Meistens machte ich mir selbst etwas nach meiner ersten Schicht oder ich aß etwas bei Luigi’s. Ich fragte mich, was sie den ganzen Tag getrieben hatte. AJ war bei ihrer Mutter, während sie ihre sechs Stunden beim Food City Supermarkt abarbeitete. Den Job hatte ihr meine Mama vermittelt. Die meiste Zeit gingen wir uns beide auf die Nerven. An manchen Tagen ging es aber und wir verstanden uns. Da dachte ich, es könnte besser werden. Der Sex war gut, nicht spektakulär. Das brachte uns dann etwas näher zusammen. Das Glück hielt nur kurz an und wir waren wieder im gleichen Trott.

Eines Tages stand ein Recruiter der US Army vor der Tür. Die Army? Sie rekrutierten regelmäßig neue Leute. Das bedeutete einen sicheren Job mit gutem Einkommen. Er schilderte mir, welche Vorteile ich als Soldat hätte. Neben dem guten Einkommen und sicheren Job hätten wir auch eine Krankenversicherung. Klang optimal für mich. War das mein Zeichen? Wir würden sehen.

Daraufhin machte ich einen Termin in seinem Büro, um zu schauen, ob ich überhaupt aufgenommen werden würde. Sergeant John Smith erklärte mir ausführlich, welche Möglichkeiten der Dienstzeiten es gab und wie die Aufnahme funktionierte. Ich müsste mich einer medizinischen und geistigen Testung unterziehen, denn ich musste sowohl bei guter gesundheitlicher als auch geistiger Verfassung sein. Ich war ziemlich aufgeregt, weil ich nicht wusste, was mich erwarten würde und ob ich es überhaupt schaffen würde, aufgenommen zu werden. Zu meiner Freude hatte ich den Test bestanden. So weit, so gut, der erste Schritt war getan.

Ich wurde anschließend meinem Berater, Master Sergeant Carlos Fernandez, zugeteilt, der mir meine Karrieremöglichkeiten bei der Army aufzeigte. Fernandez war ein erheblich nüchterner Kerl, dennoch sehr hilfsbereit. Das Gespräch mit ihm war für mich sehr informativ und aufschlussreich. Er erklärte mir alles sehr ausführlich sowie die weiteren Benefits, die der Job als Soldat mit sich brachte. Der wichtigste Punkt für mich waren die Sicherheiten für meine Familie, auch wenn es kein Zuckerschlecken sein würde und ich zeitweise von AJ getrennt sein müsste. Es ging nicht anders, wenn ich ihm alles bieten wollte.

Ich verpflichtete mich für acht Jahre und wurde am 01.03.1957 für die zehnwöchige Grundausbildung nach Fort Jackson, South Carolina geschickt. Wir neuen Soldaten fuhren mit dem Bus dorthin. Dort angekommen, stellte sich einer unserer Drill Sergeants, Max Pain, vor. Pain, der Name passte zu ihm, wie ich wenig später schmerzlich feststellen musste. Dieser Mann kannte keine Gnade. Er sagte wiederholt, der Feind würde uns Waschlappen keine zuteilwerden lassen, also warum er.

Männer und Frauen wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Rucksack in der rechten Hand und unsere Papiere in der linken Hand. Die Instruktionen wurden uns wenig später eingebrannt, indem wir erst mal beginnen mussten Liegestütze zu machen. Nach 60 oder 70 hörte ich auf zu zählen. Währenddessen gab uns Drill Sergeant Pain unsere in seinen Worten simplen Anweisungen. Ich merkte jetzt schon, es würden harte zehn Wochen. Egal, da musste ich durch. Für AJ.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatte ich mich an den Alltag des Basic Trainings gewöhnt. Die Wochen vergingen, nun stand ich kurz vor meiner Abschlussprüfung. Fast alle hatten bestanden, bis auf Carl und Ferris. Ich war froh über meinen Erfolg, was gleichzeitig bedeutete, bald heimzukommen zu meinem Sohn.

Am 16.05.1957 wurde ich offiziell aus dem Basic Training entlassen. Mir wurden die Papiere ausgehändigt, in denen stand, wohin ich als Nächstes versetzt werden würde. Fort Benning, Georgia. Nach meiner Rückkehr ging es ans Packen und Entrümpeln für den Umzug. Ich sollte mich in Fort Benning bereits am 01.07.1957 zum Dienst melden. Uns wurde eine der Military-Housing-Wohnungen zugeteilt, welche zweckmäßig eingerichtet waren. Fürs Erste würde es auf jeden Fall reichen.

Im Handumdrehen gewöhnte ich mich in Benning und gewann einige Freunde, mit denen wir öfter ein Barbecue veranstalteten. Der ganz normale Familienalltag hatte uns wieder. Gestritten haben wir häufig. Eines Tages dachte ich, das wäre normal. Zumindest sah es bei meinen Kumpels Harris und Ortiz ähnlich aus. Andererseits schien es bei Sanders, Birkman und Diaz viel besser zu laufen, wenn ich mich auf meine Beobachtungen verlassen konnte.

Ich wünschte mir etwas Anderes, es musste noch etwas Besseres geben.

Ist das alles, was mir das Leben zu bieten hatte?

Ich betrog Amanda immer öfter, ich denke, sie auch mich, aber geredet haben wir nicht darüber. Jeder machte für sich sein Ding und dazwischen kümmerten wir uns um AJ. Als mich eines Tages Roy, Moms Lebensgefährte, anrief, zog es mir den Boden unter den Füßen weg. Roy erzählte mir, Mom sei zusammengebrochen und im Krankenhaus. Diagnose Krebs im Endstadium. Ihr blieben noch zwei, mit Chemotherapie vielleicht sechs Monate. Sie hatte es schon seit zwei Jahren und uns verschwiegen, um uns nicht zu beunruhigen.

Mom?Nein, nichtdu, duhastdochnochsovielvordir. Wiesollichbloßohnedichleben?

Ich überbrachte Amanda die schreckliche Nachricht, die bemüht war Verständnis zu zeigen. Ich schäumte vor Wut. Wie konnte sie nur so abwesend sein? Es war, als ob sie etwas vorhatte und ich durchkreuzte ihre Pläne. Wortgefechte flogen hin und her wie nie zuvor. Geschlagen habe ich sie selbstverständlich nicht. Nur ein feiger Mann könnte Hand an eine Frau anlegen. Der Küchenwand verpasste ich dafür eine schöne Beule. Im Loch konnte man die Holzscharniere deutlich erkennen. AJ fing an zu weinen, als er das Geschrei aus dem Wohnzimmer hörte. Amanda nahm ihn zu sich. Ich stand da, unfähig mich zu bewegen. Wie konnte ich mich nur so gehen lassen? Das schlechte Gewissen überkam mich; ich musste raus.

Die nächste Bar war nicht weit weg, der Whiskey kaltgestellt. Scharf lief mir die braune Flüssigkeit den Rachen runter. Es blieb nur bei diesem einen Drink. Wenig später verließ ich die Bar, fuhr ohne Ziel mit dem Auto durch die Gegend. Ich bemerkte gar nichts um mich herum, noch wohin mich mein Weg führte. An einem Parkplatz blieb ich stehen. Da saß ich nun, still, ohne Gefühlsregungen starrte ich vor mich hin in die Nacht. Es verging gut eine Stunde, bis ich meinen Wagen wieder in Gang setzte und nach Hause fuhr. Meinen Schmerz hinterließ ich dort, ich nahm ihn nicht mit.

Amanda und AJ schliefen schon, als ich in unser dunkles Haus zurückkehrte. Leise nahm ich mir eine Decke aus dem Schlafzimmerschrank, Amanda regte sich nicht. Ob sie schlief oder nur so tat, wusste ich nicht. Auf der Couch machte ich es mir gemütlich. In dieser Nacht schwor ich mir, es nie wieder so weit kommen zu lassen. Nein, keine Ausraster mehr. Das würde ich nicht zulassen. Niemals wieder.

Die nächsten Monate pendelte ich von Columbus nach Fort Benning, um so oft wie möglich Zeit mit Mom zu verbringen. Ich konnte mich auch nach drei Monaten nicht mit dem Gedanken auseinandersetzen, mir eine Welt, ohne sie vorzustellen. Ich hoffte so sehr auf ein Wunder.

Leider wurden meine Gebete nicht erhört, Mom starb kurz vor ihrem 44. Geburtstag am 13.12.1957…

Weihnachten 1957. AJs zweites Weihnachten war zur Abwechslung sehr schön und harmonisch. Amanda und ich hatten Harris und seine Frau Diana zu Besuch. AJ und Thomas, der Sohn der Harris’, spielten und wir feierten ausgelassen. Rundum ein gelungenes Fest. Das lenkte mich von meinem Verlust ab. Nach unserem Streit redeten Amanda und ich kaum noch miteinander, wohingegen AJ schnell wieder Vertrauen fasste. Die Trauer über Moms Tod hatte ich ganz weit hinten in mein Herz geschoben, wo es niemand finden konnte. Mehr noch, ich begrub all meine Gefühle wie einen Schalter, den man umlegt. Der Einzige, der meine Liebe zu spüren bekam, war AJ.

Die weiteren Monate war ich wie eine Maschine, ich arbeitete nur noch, um die Zeit rumzubekommen, um nicht daran denken zu müssen, dass Mom gegangen war. Wenn mich Amanda nervte, ging ich mit meinen Kumpels weg oder verzog mich mit AJ woanders hin.

Kurz nach Silvester, am 15.01.1958 erfuhr ich, dass ich Ende Juni oder Anfang Juli versetzt werden würde. Diesmal nach Deutschland. Wow, da war ich noch nie. In einen Ort namens Grafenwöhr, kaum auszusprechen. Aber ok, wir würden sehen, was uns dort erwartet. Damals wusste ich nicht, dass sich mein Leben oder besser gesagt meine Gefühle bald drastisch ändern würden …

Kapitel2

Marlene - Blue Moon

02.11.1933 „Herzlichen Glückwunsch, Frau Engels. Sie haben ein Mädchen“, teilte der Arzt freudig mit. „Wie soll die Kleine heißen?“, fragte er weiter.

„Marlene, sie heißt Marlene“, entgegnete Maria Engels berührt. Marlene Engels war geboren…

Meine Mutter erzählte mir ständig die Geschichte, wie es zu meinem Namen kam, als ich klein war. Sie sagte dann immer: „Marlene, kennst du eigentlich schon die Geschichte zu deinem Namen?“ Die kannte ich schon in und auswendig, aber ich liebte es, wie meine Mutter sie erzählte. Und so begann sie …

„Es war im Jahre 1930. Ich war noch ein junges Mädchen, gerade achtzehn geworden. In diesem Jahr kam ein neuer Tonfilm mit Marlene Dietrich heraus, „Der blaue Engel“. Ich hatte schon einige Filme, in denen sie die Hauptrolle spielte, gesehen. Dieser war mit Abstand mein Lieblingsfilm. Ich liebe das Lied „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“. Die Nacht zuvor konnte ich kaum schlafen, nicht nur wegen des Films, vor allem wegen deines Vaters. Es war unsere zweite Verabredung und ich begann mich langsam in ihn zu verlieben, so auch in diesen Film. Marlene Dietrich ist eine bezaubernde Persönlichkeit und eine wunderbare Schauspielerin. Vielleicht finde ich sie so grandios, weil ich mich selbst gerne in diese schillernde Welt hineinträume. In eine Welt voller Abenteuer.

Nach diesem Film wusste ich, ich werde meine Tochter Marlene nennen. Ein großer Name für mein wundervolles kleines Mädchen.“ Sie schaute dann immer sehnsüchtig zur Seite, als ob sie noch die Bilder genau vor ihren Augen hatte und sich wünschte, sie wäre diese Abenteurerin. „Nein, nein. Diesen Mut hätte ich nicht gehabt. Hinaus in die große weite Welt zu gehen und das zu tun, wonach mir der Sinn stand. Was hätten die Leute geredet? Deine Großeltern hätten mir das nie erlaubt. Heiraten, für den Mann und die Familie sorgen. Das war und ist mein Platz.

Du aber, meine Marlene, du bist anders. Du wirst eines Tages einen besonderen Weg einschlagen, denn du bist so viel stärker, als ich es jemals war.“

Was wir beide damals noch nicht wussten, sie sollte recht behalten. Ich würde einen gänzlich neuen Weg einschlagen…

Bis dahin war es noch ein weiter und steiniger Weg, den ich gern gegangen bin.

Es vergingen nicht viele Jahre und mein Bruder Max kam auf die Welt. Er ist drei Jahre jünger als ich. Wir zankten uns als Kinder recht oft, später wurde er zu meinem besten Freund. Als der große Krieg kam, waren wir noch Kinder. Oft gab es keinen Unterricht in der Schule und wir mussten uns im Luftschutzbunker unseres Nachbarn verstecken. Herr Weiß war ein Witwer ohne Kinder und war froh, auch wenn es unter schlimmen Umständen war, über die Gesellschaft mit uns Kindern.

Mutter und Vater waren nie glücklich über die Machtübernahme Hitlers. Viele hatten den Führer verehrt, weil er viele Dinge in unserem Land verbesserte. Unsere Eltern hatten aber stets das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Wir durften darüber nie reden. Man hörte oftmals von Menschen, die dann weggebracht worden sind und nie wieder zurückkamen.

Als der Krieg endlich zu Ende war, war ich inzwischen zwölf Jahre alt. Viele Dinge waren ans Tageslicht gekommen und die ganze Wahrheit über das Deutsche Reich und Hitler. Ich war noch zu klein, um alles verstehen zu können.

Nach Kriegsende hatte sich vieles geändert. Die Alliierten übernahmen die oberste Regierungsgewalt über das gesamte deutsche Land. Ein neues Deutschland sollte entstehen. Ab Herbst 1945 konnten Max und ich wieder zur Schule gehen. Es gab viel nachzuholen. Leicht war es keineswegs, doch wir haben es meistern können.

1952 konnte ich mit einem Jahr Verspätung die Schule abschließen. Ich war bereit für die Berufswelt und nahm eine Stelle als Sekretärin des Bankdirektors in der örtlichen Bank an. Es machte mir sehr viel Freude, dort zu arbeiten. Ich konnte viel von meinem Chef, Herrn Walter lernen. Er war ein guter und gerechter Vorgesetzter. Herr Walter war zu dieser Zeit 50 Jahre alt. Nach dem Krieg begann er in der Bank als Angestellter zu arbeiten und war für die Kreditvergaben zuständig.

Der Slogan der Politiker war und ist noch „Wohlstand für alle“. Viele wünschten sich ein Häuschen im Grünen, ein bisschen Urlaub, etwas Wohlstand nach dem Krieg. Die Arbeit stapelte sich regelrecht, weil die Kredite besonders günstig angeboten wurden. Als ich im Sommer 1952, ich glaube, es war Ende August, dort anfing, war Herr Walter schon zum Direktor aufgestiegen. Hauptsächlich koordinierte ich seine Termine und übernahm seine Korrespondenz. Für eine Frau war es sehr unüblich zu arbeiten, ich war zu dieser Zeit noch jung und unverheiratet und ausgesprochen dankbar für diese Möglichkeit. Natürlich bestand Vater darauf, dass ich die Bräuteschule besuchte. Ich sollte nun mal nicht vergessen, was eine perfekte Hausfrau und Mutter zu leisten hatte.

Mutter war wahnsinnig stolz auf mich, Vater drängte andererseits darauf, dass ich endlich heiraten sollte. Ich sollte mich fügen, meinte er. Es ziere sich nicht für eine Frau, nur zu arbeiten. Eine Frau müsse unter die Haube und für die Familie sorgen.

Eine ganze Weile konnte ich mich herausreden, doch eines Tages kam Vater mit dem Satz: „Kind, ich habe eine hervorragende Partie für dich. Karl Goldblatt“, presste er stolz hervor. Karl war ein angesehener Verkaufsleiter bei Motor-Nützel, einem Volkswagen-Vertragshändler. Der „Käfer“ war damals der Renner. Jeder wollte so einen Flitzer wie diesen. Karl selbst fuhr ebenfalls einen Käfer in Schwarz.

Im Krieg war er die meiste Zeit in Jugoslawien stationiert und kam 1946 nach Nürnberg. Was er in Nürnberg gemacht hat, weiß ich bis heute nicht. Er war wohl 1950 hierher nach Bayreuth gezogen und heuerte als Verkäufer bei Nützel an. Jugoslawien. Da war ich noch nie, ich hörte aber, wie schön die Küste der Adria war. Auf der Landkarte entdeckte ich einen kleinen Ort namens Senj direkt an der Küste und wollte seitdem dort wenigstens einmal Urlaub machen. Vielleicht ermöglichte ich es mir eines Tages.

Jedenfalls, um auf Karl zurückzukommen – Vater hatte ihn im Jahr zuvor beim Stammtisch kennengelernt und die beiden freundeten sich an. Ich lernte ihn kurze Zeit später kennen, als Vater ihn ohne Vorwarnung zum Abendessen einlud. Er bekam seine Zähne kaum auseinander, was ein wirkliches Kennenlernen erschwerte. Karl war zudem 13 Jahre älter als ich. Für meinen Geschmack war das viel zu alt. Zu meinem Unmut gab Vater keine Ruhe und erlaubte Karl, mich zu umwerben.

Wir gingen einige Male zum Tanzabend. Ja, tanzen, das konnte Karl gut. Er war immer höflich und freundlich. Ich war mir nie sicher, ob er wirklich zu mir passte, doch Vater hatte schon recht, er war eine gute Partie. Zumindest dachte ich das zu dieser Zeit. Ich wäre versorgt, doch wollte ich „versorgt“ sein? Ich wollte raus in die große weite Welt, einer guten Arbeit nachgehen und einen Mann haben, der groß, herzlich und gütig war. Einen modernen Mann, mit dem ich auch reden konnte und der mich verstand. Einen Mann auf Augenhöhe.

Es kam alles anders. Karl und ich gingen sehr lange miteinander aus und er umwarb mich energisch, bis ich seinen Heiratsantrag am Ende annahm.

Am 12.05.1955 heirateten wir in einer kleinen Kapelle und feierten bei uns im Hof. Liebte ich ihn? Ich weiß nicht, es flammte etwas Kleines auf, was aber nach der Hochzeit sehr schnell wieder verpuffte. Die Hochzeitsnacht stellte ich mir anders vor, ich kam mir vor wie ein Karnickel, das bestiegen worden ist. Ganze fünf Minuten ertrug ich es, bis er endlich fertig war.

Meine Freundin Maria und ich redeten bei unserem wöchentlichen Kaffeeklatsch darüber. Sie war schon zwei Jahre verheiratet und war zufrieden, doch sie sagte mir immer wieder: „Meine Liebe, Männer sind einfach so, da gibt es nicht viel Leidenschaft im Schlafzimmer. Mein Mann Hans sagt mir einmal in der Woche: ‚Maria, mach dich bereit‘, und ein paar Minuten später ist alles vorüber. Das sind die zehn Minuten, die Männer einfach brauchen.“

„Na ja, gut, Maria, wenn du das sagst. Aber Karl ist auch so distanziert und kalt, er wird mir von Mal zu Mal unheimlicher. Seit der Hochzeit haben wir noch weniger miteinander geredet. Es ist, als ob er ständig wütend auf mich ist, egal was ich tue.

Neulich hat er mir gesagt, es wird Zeit, meine Arbeitsstelle zu kündigen. Wir wollen schließlich bald Kinder haben.“

Maria entgegnete mir: „Marlene, das solltest du auch machen. Diese Arbeitsstelle war ohnehin nur vorübergehend, bis du heiratest. Du solltest dich vollkommen auf deine Rolle als Hausfrau konzentrieren.“

Ich nur Hausfrau? Damit konnte ich mich nicht abfinden.

Es vergingen ein paar Wochen und Karl drängte mit Nachdruck darauf. Es kam häufiger zu Streitereien. An anderen Tagen war er wie ein Eisklotz. Seine Augen verdunkelten sich zunehmend. Ich hatte Angst, dass er sich vergaß und mich anfing zu schlagen.

Er ließ sich stets etwas Neues einfallen, um mich von der Arbeit abzuhalten. Er schloss mich sogar im Haus ein, damit ich nicht weggehen konnte. Ich stieg zwar aus dem Fenster, kam allerdings immer häufiger zu spät, bis Herr Walter mich dann schließlich entlassen musste. Seit dem 25.4.1956 war ich nur noch Hausfrau. Ein Albtraum.

Er bestand darauf, dass alles blitzblank aufgeräumt war und das Essen um 18 Uhr auf dem Tisch stand, wenn er nach Hause kam. Nach dem Abendessen verzog er sich ins Wohnzimmer und schaute die Nachrichten im Fernsehen. Wenn nicht alles an seinem Platz stand, drohte er mir unaufhörlich, und wenn ich nicht gehorchte, würde er Vater erzählen, was für ein nutzloses Weib ich sei. Ich wollte Vater nicht enttäuschen, also tat ich, wie mir befohlen wurde.

So hatte ich mir mein Leben nicht vorgestellt. Ich fühlte mich gefangen. Es war aussichtslos. Zuletzt durfte ich nicht mal mehr meine Freundin Maria besuchen. Ich war es nicht gewohnt, im Haus eingesperrt zu sein und nur sonntags rauszukommen, um bei Mutter und Vater zu Mittag zu essen.

Ich wusste, ich konnte es nicht länger aushalten. Ich musste etwas unternehmen. Mit Karl zu kommunizieren führte zu nichts, Mutter und Vater konnten mir auch nicht helfen. Ich hörte von ein paar Frauen, die sich haben scheiden lassen. Ich beschloss eine von ihnen zu besuchen, während Karl auf der Arbeit war.

Ich wollte wissen, wie sie es geschafft hatte, ihren Mann zu verlassen. Susanne, so hieß sie, erzählte mir, dass ihr ehemaliger Mann sehr gewalttätig war, so konnte sie vor Gericht leichter die Scheidung erwirken. Einmal in der Woche trafen wir uns heimlich. Sie besorgte mir auch diese neuartige Pille, die verhindert, dass man schwanger wird. Wenn ich jetzt schwanger werden würde, könnte ich nie von Karl loskommen. Beim Arzt konnte ich die Pille nicht verschreiben lassen, wenn Karl das erfahren hätte, wüsste ich nicht, was er getan hätte. Selbst die Vorstellung ließ mich erschüttern.

Auf Schritt und Tritt fühlte ich mich beobachtet, in jeder Ecke hätte er lauern können. Mir lief es jedes Mal eiskalt den Rücken runter, wenn ich jemanden sah, der ihm ähnelte. Die Pille wirkte, was Karl immer cholerischer machte. Als er eines Tages die Schlafzimmerkommode auf den Kopf stellte, wurden meine Augen ganz weit.

„Du dreckiges Weibsbild, zu nichts bist du fähig. Was sind das für Pillen? Woher hast du die?“, schrie er. Noch bevor ich antworten konnte, spürte ich mit voller Wucht seine ganze Kraft. Ich sackte zu Boden und mir wurde schwarz vor Augen.

Später kam ich wieder zu mir und sah mich auf dem Boden liegend, an der Stirn hatte ich einen Bluterguss. Ich fühlte mich benebelt und lief aus dem Haus. Wie durch ein Wunder war ich schneller als Karl. Ich lief zu Susanne, die mir, ohne zu zögern, Unterschlupf gewährte. Ich war so erleichtert jemanden wie sie in meiner Nähe zu wissen.

Die Papiere für die Scheidung sollten in ein paar Tagen fertig sein. Ich konnte es kaum abwarten, sie endlich einreichen zu können. Mein Ziel, diesen Tyrannen ein für alle Mal zu verlassen, rückte in greifbare Nähe. Mir war nicht klar, wie ich es überhaupt so lange mit ihm aushalten konnte. Warum hatte ich bloß eingewilligt ihn zu heiraten?

Marlene, jetzt ist nicht die Zeit für Selbstvorwürfe, konzentrier dich, du schaffst das, fokussierte ich mich immer wieder.

Mir fiel ein, dass ich zur Wohnung zurück musste. Bei meiner unerwarteten Flucht war nicht genug Zeit, irgendetwas mitzunehmen. Ich wusste, zu welcher Zeit Karl außer Haus sein würde und ich ihm nicht begegnen würde. Ich ergriff meine Chance am nächsten Tag und öffnete vorsichtig die Tür.

Ich schrie auf.

„Nein!!!“

Ich hatte mich geirrt.

„Marlene!“

Kapitel3

Willkommen in good ol’ Germany

01.06.1958 Ankunft in Deutschland. Nach drei Umstiegen und 16 Stunden Flug kam ich endlich am Flughafen in München an. Ein Sergeant namens Rider wartete auf mich, um mich abzuholen. Meine Familie würde in ein paar Monaten nachkommen. Mir fehlte AJ schon jetzt. Ich hoffte, er würde mich in der Zeit, in der wir getrennt waren, nicht vergessen.

Ich schüttelte den Gedanken ab und konzentrierte mich darauf, mich auf das Wiedersehen zu freuen. Auf der langen Fahrt nach Grafenwöhr unterhielten sich Rider und ich über diverse Dinge. Es begann mit etwas Small Talk über unsere Herkunft, wie unsere Familienverhältnisse waren und wann wir in den Dienst getreten sind. Er schien ein cooler Kerl zu sein. Er erzählte mir von dem Standort hier und wie das Leben in Grafenwöhr war. In Nürnberg gab es einen Nachtclub, wo viele Soldaten hingingen, und er meinte, wir sollten eines Abends zusammen hingehen. Ich willigte ein, obwohl mir nicht unbedingt nach Feiern zumute war. Andererseits würde es eine gute Ablenkung vom Alltag sein.

Ich war gespannt auf das Abenteuer Deutschland.

Das Eingewöhnen an das neue Leben fiel mir leichter als erwartet. Die anderen Soldaten waren hilfsbereit und ich bekam relativ schnell eine Wohnung für meine Familie und mich gestellt.

Es gefiel mir hier. Die Leute hier waren ziemlich entspannt und das Leben in Deutschland schien leichter zu sein als in den USA. Nach der Arbeit hing ich meistens mit ein paar Soldaten rum und am Wochenende zogen wir durch die wenigen Bars und örtlichen Tanzcafés. Mit Private Brandon Morgan verbrachte ich die meiste Zeit.

Wir freundeten uns gut an und vertrauten uns gegenseitig Dinge an, die wir dem Großteil der Menschen um uns nie preisgeben würden. Brandon war schon im Januar nach Deutschland versetzt worden, nachdem er ebenfalls mit 18 Jahren der Army beigetreten war.

Er war Einzelkind und wuchs mit seiner Mutter auf, sein Vater war beim Angriff auf Pearl Harbor gefallen. Er kam aus Chicago und seine Mutter konnte ihm das College nicht bezahlen, also entschied er sich nach der Highschool für die Army. Nachdem er erst in Fort Drum war, wurde er im Januar hier nach Grafenwöhr versetzt. Wir fühlten uns beide ziemlich verbunden aufgrund des viel zu frühen Verlustes eines Elternteils. Brandon war Single und genoss das Leben. Mittlerweile war er 21 und dachte noch nicht an Frau und Kinder.

Seiner Mutter schickt er jeden Monat Geld, damit sie besser über die Runden kommen konnte. Das ermöglichte ihr, einen ihrer zwei Jobs aufzugeben. Sobald er mehr Geld verdiente, wollte er finanziell komplett für sie sorgen, sodass sie nicht mehr arbeiten musste und das Leben genießen konnte. Brandon wusste, wie viel seine Mutter für ihn aufgegeben hatte, und mochte ihr so etwas zurückgeben. Sie vermisste ihn wahnsinnig und machte sich noch größere Sorgen. Trotz allem war sie mit Stolz erfüllt. Er hatte sich für die Richtung Aviation entschieden und wollte, sobald es ging seinen Officer machen, damit er einen besseren Rang erreichen konnte.

Ich arbeitete, seitdem ich hier war, in der Logistik. Es war ein guter und leichter Job, bestimmt nicht mein Traumjob. Gewiss hatte ich keinen Grund zur Beschwerde.

Die Monate verflogen schnell und meine Familie sollte bereits in drei Monaten, im Dezember hierherkommen. Bis dahin sollten auch schon alle Möbel da sein, was mich ruhig stimmte, denn ich wusste, ich würde pünktlich zu ihrer Ankunft fertig sein. Ich dachte daran, wie das Wiedersehen mit meinem einzigen Sohn sein würde. Er konnte mittlerweile schon sehr gut laufen, nach den kleinen holprigen Schritten zu Anfang. Amanda schrieb, dass er fast jeden Tag ein neues Wort lernte und somit nur zum Schlafen ruhig wäre. Mein kleines Plappermaul.

Ob er mich noch kennt? Er soll wissen, dass sein Daddy immer für ihn da ist, auch wenn er meilenweit weg ist.

Zu dieser Zeit schrieb ich etliche Briefe, ständig schoss ich neue Fotos, die ich unverzüglich entwickeln ließ. Ich hoffte, Amanda redete mit ihm über mich und sagte ihm, dass ich an ihn dachte. Ich musste darauf vertrauen. Nachdem ich Nürnberg das erste Mal besuchte, war wieder einer dieser Tage, an dem ich meinen Stift zückte und erzählte Amanda davon, dass ich einige Spielsachen für AJ gekauft hatte, die er dann als Begrüßungsgeschenk bekommen sollte. Fotos von Nürnberg legte ich bei und–

„Alberto!“, hörte ich Brandon rufen.

„Wo bleibst du? Es ist schon sieben Uhr. Wir wollten doch los in die Micky Bar.“

„Ich komme sofort, ich schreibe noch einen Satz und klebe den Umschlag zu. Sorry Man, habe die Zeit beim Schreiben vergessen“, entgegnete ich.

„Kein Problem. Ich warte. Hast du etwas zu trinken?“, fragte Brandon.

„Im Kühlschrank müsste noch ein Bier sein. Bedien dich.“

Brandon kam mit zwei Bier in den Händen auf mich zu. Diese genehmigten wir uns, bevor wir in das Nachtleben aufbrachen.

Bereits von der Straße aus vernahm ich „Hard headed woman“ von keinem Geringeren als Elvis. Elvis war ein junger Sänger mit neuen, modernen Klängen. Ich liebte seine Musik.

Alle Leute tanzten und amüsierten sich prächtig. Auch die Damen.

„Alberto, die Kleine auf 12 Uhr. Die gehört mir heute Abend.“, stupste mich Brandon von der Seite an und deutete auf ein Mädchen mit langen blonden Haaren, rotem Lippenstift und einem Rock, bei dem man ein bisschen die Knie sehen konnte.

Ich lächelte wissend. Brandon war noch nie verliebt, doch er hatte immer eine hübsche Dame um sich rum. Die deutschen Mädels flogen auf ihn. Kein Wunder, er war charmant und gutaussehend, da wurde jede schwach. Und er, er genoss es in vollen Zügen.

Nicht aber das blonde hübsche Mädchen mit dem roten Lippenstift. Ich sah von Weitem zu, wie er sie ansprach, lächelte und redete. Sie drehte ihm den Rücken zu, wenig beeindruckt von seiner Show. Um meine Mundwinkel spielte sich ein Lächeln. An eine Dame, die Nein sagt, musste er irgendwann geraten.

Ich setzte mich indes an die Bar und bestellte mir einen Drink, sah eine Dame wenige Meter von mir, die mich beobachtete. Ich nickte zurück. Ich wollte sie nicht weiter beachten, doch sie ließ nicht ab. Also ging ich zu ihr rüber, um mich vorzustellen.

„Hi, ich bin Alberto. Wie heißen Sie?“

„Monika, mein Herr“, antwortete sie. Sie interessierte mich nicht weiter, aber tanzen konnte nicht schaden.

„Möchten Sie gerne tanzen?“ Es lief gerade „Bye bye love“ von den Everly Brothers.

„Sehr gern, Alberto.“

Sie schmiegte sich eng an mich und wir tanzten einen Song. Ich sah Brandon an der Bar stehen und verabschiedete mich von Monika.

„Kommen Sie wieder. Ich bin hier.“ Sie lächelte mich an.

„Gut“, antwortete ich. Das war eine von diesen leichten Mädchen. Attraktiv, aber nicht viel im Köpfchen. Eine von den Frauen für eine Nacht.

„Brandon, hattest du kein Glück bei der Blondine?“, fragte ich, als ich an der Bar ankam.

---ENDE DER LESEPROBE---