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Marlene, ehemaliges Starmodel und alleinerziehende Mutter von drei Kindern, verunglückt schwer mit ihrem Wagen. Martin Weber, der den Unfall beobachtet, rettet sie in einer dramatischen Aktion und bringt die Ohnmächtige in ein Krankenhaus. Die Schulleiterin, in die er sich verliebt, gibt die mutterlosen Kinder in seine Obhut. Sie verbringen zwei ereignisreiche Tage miteinander. Martin gewinnt ihr Zutrauen und ihre Herzen. Marlene taucht überraschend zu Hause auf und beschimpft Martin, den sie ja nicht kennt, in ihrer rasenden Angst um die Kinder als Kinderschänder. Der flüchtet, nun selbst in Angst vor Verleumdung, zu Renate, die ihm die Kinder übergeben hat. Sie verabreden sich für den Abend in einem Lokal vor der Stadt. Als er dort eintrifft, sieht er sich zwei Frauen gegenüber, die zu allem entschlossen scheinen.
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Seitenzahl: 245
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Kapitel 1: Vor allem...
Kapitel 2: Der Unfall
Kapitel 3: Im Ahornweg und in der Schule
Kapitel 4: Mittagessen
Kapitel 5: Schularbeiten
Kapitel 6: Der Waldgang
Kapitel 7: Eierkuchen, eine Schlacht, Rüben ziehen
Kapitel 8: Marlene
Kapitel 9: Auf Station
Kapitel 10: Pizzabacken
Kapitel 11: Betten
Kapitel 12: Im Glashaus
Kapitel 13: Die Beamten
Kapitel 14: Auf der Couch
Kapitel 15: Der Morgen mit den Kindern
Kapitel 16: Die Fahrt zur Schule
Kapitel 17: In der Schule, allein mit Renate
Kapitel 18: Mit Niki am Kindergarten
Kapitel 19: Recherche
Kapitel 20: Die Verabredung mit Renate
Kapitel 21: Martin zu Hause, laufen
Kapitel 22: Martin zu Hause, schlafen
Kapitel 23: Martin zu Hause, Welt, Zeit und Zeitung
Kapitel 24: Zum Nobiskroog
Kapitel 25: Die drei Hasen
Kapitel 26: Mit Renate und Marlene bei den Kindern
Kapitel 27: Mit Renate auf der Couch
Kapitel 28: Ohne Anfang und Ende
Am Beginn der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, als die Welt schon genauso war wie sie ist, nämlich undurchschaubar und ohne Gegenteil, ohne Aussen und Innen und die Worte Weltgericht, Weltbürger, Weltliteratur Jedermann überforderten, als schon fast alle Entscheidungen, die heute bereut werden, entschieden und die Zukunft noch ein Fortschritts- nicht ein Gefahren- und Risikohorizont war, endete dieser eine Tag an einem resopalbeklebten Küchentisch mit einer Demonstration.
Marlene senkte den Kopf tief über die gefalteten Hände und sagte das Wort, die Kinder hoben die Arme und hielten den Atem an. Renate neben Martin rückte mit dem Stuhl näher, und Martin blickte mit weiten Augen in die Runde. Hier bildete sich eine der gänzlich unwahrscheinlichen Varianten des massenhaft auftretenden, unverwüstlichen Ur-Systems Familie: Martin wurde von Marlenes Kindern, Fabian, Betty und Nicki zum Vater bestimmt, der entschied sich für Renate als Geliebte, die warf zwei Augen auf Marlene, die nun aufblickte und die Koalitionen billigte.
Martin wird aus seinem Modus: frei, einsam, unbestimmt, an dem er selbstbewusst hängt, herausgelöst. Er weiss, dass er sein Schicksal selbst bereitet und sich neu justieren muss. Aber die Götter über den Opferfeuern im Wald überwachen ihre Ansprüche und nur in den alten Geschichten sind sie manchmal dem Einzelnen gnädig.
Diese Geschichte ist Martins letzte Fassung der Erinnerung an die Ereignisse. Erinnerungen sind keine Zeitmaschinen sondern Gegenwartsverlängerer, daher...
Früher Morgen im Herbst des Jahres, in dem John Lennon starb, kaum sichtbarer Dunst, in der Luft ein Windwirbel, der die ersten Blätter über die Strasse trieb.
Martin fuhr in seinem alten Kombiwagen auf einer ehemaligen Schussschneise im grossen Wald der Landgrafen von Hessen nach Osten wie durch einen Tunnel. Fuhr aus der Vergangenheit, die er mitschleifte durch sein Jetzt in die Zukunft, die er sich vorstellte aber nicht kannte.
Beide Hände auf dem Lenkrad, im Ohr die Musik des Tages eines Dritten Senders, im Sinn eine Bewerbung auf die Stelle seiner Wahl an der internationalen Schule an der Bergstrasse ganz in der Nähe. Wieder Pestalozzi sein, voller Erbarmen aber ohne Metaphysik und Ohrfeigen. Lehren! Lernfähigkeit für ganz abstrakte Erziehungsziele aktivieren: Wahlfähigkeit in der Sachdimension, Änderungsfähigkeit in der Zeitdimension und Kommunikationsfähigkeit in der Sozialdimension. Kinder gewinnen und normalisieren.
Sich niemals damit abfinden, dass so viele Leute aus Spökenkiekerei und Pseudowissen Lügen verbreiten, ihr Selbst erhöhen und erhaben machen und dann Macht- und Herrschaftsansprüche stellen.
Nun vor Augen den Vigiliushof im Odenwald, einem ausgegrabenen römischen Landgut, über das er als Amateurarchäologe einen Vortrag vorbereitete, zu dem er von der Dantegesellschaft eingeladen worden war. Der Brunnen der Anlage bereitete ihm Sorgen. Sieben Skelette hatte man im Grunde gefunden.
Alle Gedanken verglimmen beim Aufleuchten der Bremslichter des Wagens vor ihm. Ein Schatten schiesst nach links, die kleinen roten Sonnen erlöschen, der Wagen strebt nach rechts ins Grün, wirft Grass und schwarze Erde auf und verschwindet mit einer Drehung um die Mittelachse.
Als Martin in den schwarzen Spuren die Heckklappe mit dem Warndreieck auf der Innenseite aufriss und den Laderaum betrachtete, rauschte ein Windstrom durch die Bäume, dem eine reine Stille folgte. Sie fiel ihm auf weil Schreie aus dem Wald, die er erwartet hatte, nicht kamen.
Der kleine blaue Wagen lag neben einem Baum, dem er die Rinde aufgerissen hatte, auf dem Dach. Entschlossen folgte Martin, einen Verbandskasten in der Linken, den schwarzen Spuren, durchsuchte das Rettungsprogramm: Stille die Blutung, finde die Leute… Als er nicht weiter wusste und der umgestürzte Wagen beim Hinstarren die Farbe wechselte, hielt er an und sah nur auf die schwarzen Räder, die sich nicht mehr drehten.
Neben dem Wagen ein Körper in Seitenlage – zum Schlaf gelegt. Eine Frau, ohne Blutgeruch, das Haar so bleich wie das Gras; ganz schwacher Puls, der unter dem eigenen Klopfen in den Fingern kaum zu spüren ist; keine weissen, zersplitterten Knochenenden; ein nackter Fuss und dort eine Handtasche.
Diese Frau war nicht angeschnallt gewesen, ob sie Glück oder Pech gehabt hat? Er legte eine Hand auf das schwarze Rad und brachte es in Schwung. Gleich wird sich die Frau mit den strohgelben Haaren aufrichten und sprechen: ich habe mich nur ein wenig von dem Schrecken erholt, bringen sie mich bitte nach Hause.
Die reine Stille verlangsamte ihn. Sie lähmte, was ihn als Martin auszeichnete: in einem Nu! die Lage wahrnehmen, abschätzen, beurteilen, abwägen, entscheiden und sofort umsetzen. War so die Langsamkeit gemeint? Nicht nur die Stille, die Erinnerung setzte ihm zu: du bist kalt vorbeigefahren, da lag sie schon hier.
Wenn ich ein Protokoll abliefern muss, will ich sagen können: alles weitere geschah erst einmal ohne Überlegungen. Macht der Automat einen Fehler, lassen sich Entschuldigungen finden, missraten die Gedanken, gibt es kein Pardon. Lieber schweigen.
Die Vorstellung, die Frau hier liegen zu lassen, um Hilfe zu holen, wenigstens ein Telefon zu finden, stellte sich einfach nicht ein. Und später konnte man immer noch sagen: es war viel zu kalt für sie in dem gelben, nassen Gras, sie wäre erfroren.
Wie sollte er den Körper, ohne ihn zu zerbrechen, in die Arme bekommen. Auf den Bildern der Maler und Kameramänner ist es immer schon geschehen und man bewundert den Farbfleck, das hängende Gesicht.
Ein Knacken liess ihn zusammenfahren. Der Startschuss kam aus dem Rad, das er angestoßen hatte. Es blieb mit einem Ton, der tief in ihn eindrang, stehen. Er nahm die Tasche auf den Rücken, stürmte senkrecht die glatte Böschung hinauf, hielt oben Ausschau nach einem Wagen, richtete den Laderaum her und stellte die Warnblinkanlage endlich an.
Kniete und hob nun, nachdem er Lage und Gewicht eingeschätzt hatte, sanft den leichten, sich biegenden Körper aus dem Gras, das in der langen Zeit mit den Haaren verwachsen war, trug ihn in einem Zuge schräg die Böschung hinauf bis zur schwarzen Spur unter der Heckklappe, verschnaufte eine Sekunde lang mit einem Blick in ihr unberührtes Gesicht und legte ihn dann in den Laderaum zwischen die weggeräumten Sachen auf die Decke. Mit dem Parka deckte er sie zu. Ein Schuh fehlte.
Langsam fuhr er bis auf die Höhe des Wägelchens vor, stieg nach einigem Zögern aus, rutschte auf dem Hosenboden die Böschung hinab und untersuchte noch einmal die Stelle nach einer weiteren Person, fand nur den Sandalette. Aus dem Protokoll mussten Sorge und Sorgfalt hervorgehen. Eine Idee löschte die Flammen der Sorge: er steckte den Kopf in den Wagen und zog den Zündschlüssel mit Schlüsselbund und Ledertäschchen ab.
Trauer und Trägheit ersetzten nun Eifer und Sorge. Es war nur Naheliegendes zu tun. Sie hiess Marlene Schneider, wohnte im Ahornweg in Langen und hatte in ihrer Handtasche nichts weiter als ein Scheckheft, einen Ausweis und ein kleines Portemonnaie mit Kleingeld und zwei Zwanzigern. Die blaue Schachtel machte er auf. Ovale, kurze Zigaretten ohne Filter und ein besonderer Duft.
Die letzten Häuser hatte er dort gesehen, also wenden. Warum fährt hier niemand entlang, ich bin auf dem falschen Weg. Martin schaltete das Radio wieder ein. Seit dem Verschwinden der Bremslichter waren noch nicht zehn Minuten vergangen. Wenn man an die Zeit denkt, ist sie sofort da, aber nach vier Sekunden bleibt nur noch das Wort, das man lesen oder murmeln kann. Beim nächsten Gedanken verlischt das Wort und silberne Ewigkeit ohne Augenblicke… , es gibt kein Verbum dafür. Die Paradoxie der Gegenwart bleibt, wenn es nicht gelingt, sie aus den Gedanken zu verbannen. Martin versuchte, den Kopf so zu wenden, dass er ihr Gesicht sehen konnte, das sogleich in der Vorstellung da war und auf Deckung mit der Realität im Kofferraum wartete.
Die Frau im weissen Kopftuch im Vorgarten richtete sich aus den Bohnenbüschen auf, ein Bündel Grün in der Rechten; mit der Linken griff sie an den Kopf und wischte mit dem Handrücken über die Stirn unter dem Tuch entlang. Noch einmal Ewigkeit.
Sie gab sachlich, vollständig und vor allem bereitwillig Auskunft. Als sie begann, alles noch einmal von vorne zu erzählen, fuhr er los, gab entschuldigende Zeichen, enttäuschte sich und die Frau durch die Eile der Trennung. Endlich ist da einer der genau das sagt, was du hören musst um weiterzukommen und du würgst ihn ab, lässt ihn enttäuscht stehen, kannst nichts erklären. Ich werde nachher noch einmal zurückkehren und Danke sagen und sehen, dass alles schon wieder verborgen, aber nicht vergessen ist.
Auf dem kleinen Parkplatz mit der Orientierungstafel und dem schönen Stadt- und Regionalplan studierte er die Aussagen der Kopftuchfrau nach, lernte auswendig, erkundete dann in Sekunden das friedliche Gesicht Marlenes, griff nach ihrem Puls, spürte ihn auf und sah hin und wollte und konnte genau sehen: sie atmete. Ein Grashalm übertrug die winzige Hebung der Brust in einen zentimeterweiten Ausschlag. Und diese Gegenwart blieb stabil.
Martin versetzte Gesicht und Gemüt in eine offene Zuversicht, ja Heiterkeit und lieferte mit dieser Einstellung Körper, Handtasche und Bericht – Unfall, Wild vor dem Wagen, Überschlag, sie hat neben dem Wagen gelegen – in dem Kreiskrankenhaus ab, prüfte, ob er Name und Adresse behalten hatte, schnaufte erleichtert darüber, dass er ohne Vorwürfe wegen des unprofessionellen Transports zu hören im Hafen aufgenommen wurde: sie nahmen die Leinen wahr und löschten die Fracht mit zupackender Bereitschaft und liebevoller Sanftheit.
Das weisse Kopftuch der alten Frau im Garten und der lange Blick einer Schwester auf die schlafende Marlene beschäftigten ihn als er nun auf der weissen Besucherbank der Station saß, das Heft eines Lesezirkels auf den Knien, mit knurrendem Magen.
– Sie haben die junge Frau gefunden und hergebracht? Die freundliche Ansprache ermunterte ihn. – Ich bin Doktor Gündogan. Wir haben keine Angehörigen, am Telefon der Wohnung meldet sich niemand, es geht ihr gut, keine Lebensgefahr. Er machte sich klein um nicht auf das liebe Gesicht herabsehen zu müssen. Was sollte er nur sagen?
– Ich werde zur Polizei und zur Wohnung fahren. Der Pförtner wies ihn ein: wieder steht er vor einer Karte und lernt Wege auswendig. Marlene Schneider, Ahornweg 39, und hier ist der blaue Stern des zweiten Reviers. Die Kartenzeichen sagen ihm, der geübt ist, Symbole zu lesen: in der Wirklichkeit sitzen auf den Dächern Tauben und die Autos unterscheiden sich stärker voneinander als die Leute, da findest du dich leicht zurecht; auf dem Weg wird auch noch ein Bäcker zu finden sein, der Kaffee und Teilchen, die nach Hefe duften, anbietet.
Martin hob die Arme und winkelte sie an, so wie er die junge Frau getragen hatte. Sie kehrte nicht zurück, weder real mit Gewicht und Gesicht noch symbolisch verschlüsselt. Sein Traumgesicht enthält nur das Traumgesicht, nichts ist darin zu lesen und durch das Gesicht hindurch kann niemand gelangen. Musste er unbedingt zur Polizei? Parke den Wagen so, dass sie ihn nicht sehen können.
An dem Auftritt arbeitete er in der Nähe des zweiten Reviers, nachdem er aufgeräumt, die Decke zusammengelegt und die Zeitung von der Rückbank genommen hatte. Er legte seine Weltquelle auf die warme Haube, beugte sich darüber und operierte mit hellem Bewusstsein zugleich auf vier Ebenen oder in vier Räumen. Aus den Überschriften der Zeitung formulierte er den Text für den Auftritt im Revier: grüne Röcke und helle Hosen mit Bügelfalte, keine Waffen, keine Frauen, aufmerksame Gesichter: ich möchte eine Unfallmeldung machen.
Dazu Marlene mit dem bleichen Haar, das an der steilen Böschung das Gras streift, die Sicherheit und Genauigkeit der Rede der Frau am Zaun, die Ärztin mit dem Ü im Namen und er selbst, lauter Leute die nett zu ihm waren, geh endlich hinein und mach´ einen Eindruck. Du hast ein Ereignis bewältigt, das nicht vorgesehen war, jedenfalls für dich nicht. Es geht den Polizisten doch genauso! Sie haben einen festeren Rahmen, du hast sehr weite, unsichtbare Grenzen um dich herum. Sie sehen es dir nicht an, dass du zuerst vorbeigefahren bist, stahlhart und tumb. Du riechst nicht danach, nur Hunde wittern sofort deine Erbärmlichkeit, dich vor Verantwortungen zu drücken. Nun verfing er sich schon in fünf Szenarien.
Es macht keinen guten Eindruck, wenn man unvorbereitet redet und erst im Moment konstruieren muss, was man sagen will. Kann ich mir in der Schule auch nicht leisten. Auf einmal sagst du etwas, das sie hell aufleuchten lässt, sie bringen dich in Verbindung mit Sachverhalten, von denen du keine Ahnung hast und plötzlich liegst du mit deinem Schiffchen quer im Maul des grossen Wals und die Möven, die viel mehr wissen als du, schreien noch lauter. Die Verfertigung der Gedanken beim Reden funktioniert nicht so einfach. Niemand kann über seinen Pimmel springen, niemand kann hinsehen und zugleich sehen, wie er sieht, niemand kann aus der Gegenwart heraus und in der Zukunft operieren. Sie wussten schon von dem Unfall; Martin füllte das Bild ohne Rahmen weiter aus, er kam nur mit Namen und Adresse darin vor.
Auf dem Weg zum Wagen schnaufte er sich frei. Einen Bäcker gab es im Bauhaus; die neue Strasse, Nummer 39 lag am Waldrand. Dort würde das Theater erst losgehen.
Muss Martin den Ahornweg aufsuchen? Er wird es tun und jedermann kann ihm Motive unterstellen, er sich selbst sogar. Die Griechen wussten, wie das zuging, wir arbeiten heute mit einem motivationalen Komplex, der eine schlechtere Hypothese darstellt als die Annahme eines Gottes, Merkur zum Beispiel, der Nachrichten erfindet und neugierig ist.
Was haben sie mit meinem Kind gemacht?
Er wird allein sein, ohne Beistand; Handelnder und Beobachter seiner Taten zugleich. Er übte nur und immer wieder, sich auf absehbare Lagen einzustellen. Und das musste mit Schnelligkeit, Wendigkeit und mit Grenzziehungen geschehen, mit Bedacht ohne Bedächtigkeit.
Früher sagten die Leute: der Mensch denkt, Gott lenkt, und damit war das irdische Geschehen bei allem Wissensstand zureichend beschrieben. Mit grosser Erklärungskraft. Heute bin ich nur noch Martin, von allen Himmeln und Göttern befreit – einsam, frei und unbestimmt – passe mich vorübergehend an vorübergehende Lagen an, bereite mir mein Schicksal selbst.
Kaffee und ein Hefestückchen brachten Martin voran; die erste Seite der Zeitung ohne Bild versprach Neuigkeiten und Einsichten durch Worte; der Parka wärmte, er roch nach Marlene. Der Vigiliushof mit den Skeletten im Brunnen konnte warten.
Dann sah er Leuten zu, die neben ihm ihre Sachen aus dem Einkaufswagen verstauten, drehte die Scheibe herunter und fragte nach dem Ahornweg. Wie viele Leute sind hier zu befragen, bevor ein Treffer gelingt? Sie fangen an zu reden, freuen sich, dass jemand zuhört, verbergen lange, dass sie keine Ahnung haben. Er war dabei, anzuschwärzen und ermahnte sich.
Der Ahornweg. Eine Strasse mit einseitiger Bebauung, Einfamilienhäuser mit grossen Vorgärten auf der rechten Seite, links Graben und Rain. Karte und Wirklichkeit hatten nichts miteinander zu schaffen aber in seinem Kopf kamen sie zusammen und passten. Ist eine Landkarte ein Bild? Nein, eine hohe Abstraktion, die nicht leicht verstanden wird. Die roten Dächer leuchteten und der Waldrand stand als brennende Wand vor ihm; das wird im nächsten Moment ohne Sonnenstrahl ganz anders sein. Situationen, die nun folgen, hat Martin später in einem Brief an Marlene beschrieben – auf der Suche nach Anerkennung und Verständnis. Marlene las ihn wie eine Bewerbung.
„Ich verzögerte mich wieder, sprang nicht aus dem Wagen, bewunderte nicht Euer Fachwerkhaus mit seinem roten Dach, den Erkern und dem schwarzen Gebälk, das eine Spur zierlicher geschnitten und genau auf die Größe des Hauses und die der Gefache abgestimmt war. Ich wich aus in eine Vorstellung, die kein Tagtraum war, sondern ein Problem: Hat James Joyce Finnegans Wake mit Hilfe einer Formel verschlüsselt, so, dass man die Worte bei Kenntnis der Formel in einen Text umstellen könnte, bei dem die neuen und alten Worte einen zusammenhängenden Sinn ergeben und nicht nur die Worte auf sich selbst und vielleicht auf ein Geschwisterchen verweisen und Möglichkeiten aufzeigen, die man weiterverfolgen kann? Oder hat sein Kopf unter Zuhilfenahme dessen, was schon drinnen gewesen ist, eine Sinnsphäre geschaffen, die an unseren universalen Sinn nicht anschließbar ist? Oder hat er nur eine Parodie auf alle Erkenntnistheorien ge-schrieben? Man traut sich nicht von Unsinn zu reden, da er nicht das Gegenteil von Sinn ist, sondern selbst Sinn ohne Gegenwert bleibt. Liebe Marlene, Welt und Sinn haben weder Geschwister noch Vater und Mutter.
Der grüne Lattenzaun mit seinen herausgebrochenen Lücken und die Entdeckung einer Pforte, löschten meine Gedanken. Ich stieg aus, beobachtete jetzt genauer noch einmal, was ich schon wahrgenommen hatte, entdeckte die Rhododendrongebüsche neben dem Haus, sah das Dach viel röter, als die anderen Dächer und blieb dann, nachdem ich die Pforte passiert hatte, mit den Blicken und dem Körper an den roten und blauen und grünen und gelben Gläsern hängen, die die Haustür als schmales Band umrahmten. Ihretwegen kauft man solch ein Haus. Mein Freund Manfred würde eine Bemerkung zum eigenen Kirchenfenster machen. Ohne Ironie, er hat Sehnsucht nach farbigem Licht vom Rand der Welt.
Mich zogen sie vor die Tür. Ich ging über den sandigen Platz, auf dem nur harte, graue Gräser standen, stieg die Stufen empor und zog an einem Griff unter dem die Aufforderung stand: läuten. Und dort war auch ein Schildchen mit Eurem Namen, den ich schon kannte. Dich konnte ich beleben, Du hattest in meinen Armen gelegen. Ein Hund schlug nicht an. Dann wird es auch kein Försterhaus mehr sein.
Ich trat so weit wie möglich zurück, um der Person, die die Tür öffnen würde, nicht gleich zu nahe zu sein. Nicht alles war schon im Kopf präsent als ich wieder Tür und Umgebung absuchte, in den bunten Gläsern meine Heiterkeit erneuerte und da auch erst die Briefklappe sah, die sich bewegte. Eine kleine Hand kam heraus, stellte die Klappe senkrecht, und verschwand. Als ich mich hinkniete und hineinschaute, sah ich in die Augen eines Kindes. Das Dreieck: Auge, Auge, Nasenspitze, passte in die Form. Und die Beleuchtung reichte aus, um abzulesen: ich bin neugierig, ich habe keine Angst.
– Hau ab, was willst du?, rief das Kind hinter der Tür. Entschiedenes und sicheres Auftreten verleihen den Anordnungen des Postens Nachdruck, sagt die Dienstvorschrift. Dein Wächter war gut und sein Eröffnungszug liess mich betroffen ohne Anschluss zurück. Er spielte Schach und ich?
– Ich bin der Wolf und will das siebte Geislein holen. Das ist kein guter Zug, spielen wir Halma. Und endlich:
– Wie alt bist du? Fünf. – Kannst du schon telefonieren? Nein. – Wo ist dein Papa? —Wir haben keinen Papa. — Hast du noch Geschwister? — Ja. — Wie heißen sie? — Fabian und Betty, Fabian ist schon elf. — Wo sind Fabian und Betty jetzt? In der Schule. – Gehst du nächstes Jahr auch in die Schule? — Weiß nicht, ich habe schon eine Tasche von Fabian. — Wann kommen Fabian und Betty nach Hause? — Weiß nicht.
Der Kerl ermüdete. Jetzt musste ich nur noch wissen, wie die Schule heißt.
— Wie heißt die Schule?
Eine lange Pause begann, mein Knie, mit dem ich auf den Rand des Vorlegers drückte, schmerzte, und ich traute mir keine Bewegung zu. Hatte ich schon einen einzigen Versuch gemacht, in das Haus hineinzukommen? Ich habe auch nichts angefasst. Wenn man weder geduldig noch ungeduldig ist, dann kann man gespannt sein. Ich hatte Schmerzen, nun im ganzen Bein.
– Ehrlich-Käster-Schule, sagte das Kind, das noch keinen Namen für mich und für sich hatte. Auch das noch. Ich wechselte das Knie auf dem Vorleger aus und wollte zu allerletzt fragen, wo denn die Schule liege. Gnadenlos befragen! Wenn ich gewusst hätte, was alles in Erfahrung zubringen war, ich hätte die Hand durch den Briefkastenschlitz gesteckt und...
— Deine Mama kann nicht so schnell nach Hause kommen. Also ich hole jetzt deine Geschwister von der Schule ab, wir warten dann zusammen auf die Mama, o.k?
Er antwortete mit o.k. Ein Junge oder ein Mädchen? Ich habe nicht gefragt.
— Du kannst die Klappe wieder zumachen.
Jetzt hätte die Tür aufgehen können. Komm rein, sagt das Kind, meine Mama kommt gleich zurück.
Ich sah Dich in dem hohen Bett am Tropf liegen, hörte ein leises Pling, sah Dein Gesicht unter der Haube, ohne Augen, ohne Mund, eine Blesse im Grün.
Die Schule war leicht zu finden. Immer neue Schilder. Sie lag einsam, weiter hinten; flache Dächer, gelbgrüne Büsche und halbhohe Bäume, eine einzige Fensterfront, Lamellen, davor ein Schulhof, gepflastert und bemalt.
Zum fünften Mal heute drang ich als Fremder ein, machte mir zu schaffen, fragte und sagte aus, erkundete. Auch hier war ich allein und unbekannt.
Meine Schulzeit lag lange hinter mir, ich sah damals wie heute dasselbe: drei Fenster hier, drei Fenster daneben, darüber, darunter und dahinter Tafel und Kreide und eine Stimme. Es hat sich nichts verändert. Das ist alte Moderne, Struktur, weltweit. Nicht ersetzbar.
Die Erinnerung wollte schummeln und auslassen: Ein Fenster, zehn Bänke, darinnen ich und ich und darüber der Lehrer auf der Bank, und der schlug zu, wenn die Antwort nicht kam. Ich habe später an seinem Grab gestanden und wußte nicht, ob ich ihn verfluchen sollte für die Schmerzen und die bleibende Pein der Erniedrigung, oder ihn lobpreisen konnte für die so erworbene Hemmung, anderen etwas zuleide zu tun.
In der Halle hinter den Glastüren verschwand die Gänsehaut auf den Armen. Beinahe hätte ich kehrt gemacht. Der Geruch meiner Schulen fehlte. Ich war in der Fremde.
Meine Vorstellung: ich erzähle die Geschichte, verschaffe mir Legitimation und Sicherheit, bringe die Kinder nach Hause, mache ihnen etwas zu essen und dann fahren wir ins Krankenhaus zu Dir und holen Dich ab. Wer sollte das sonst machen? Und ich wollte Dich wiedersehen. Wir haben keinen Papa, hatte das Kind hinter der Tür gesagt.
Und ich wusste nicht, wem ich gleich gegenüberstehen würde; dies war keine Polizeistation. Schach spielen… In die Verwaltungsbürokratie feuern… Entschiedenes und sicheres Auftreten… Vielleicht würde man sich hier darüber totlachen.
Sicheres Auftreten, gehüllt in sanfte Schüchternheit, liebenswürdig, aber bestimmt sein, und an den richtigen Stellen offen oder lautlos lachen; ich hatte keine rechte Übung darin. An der Tür stehen die Namen: Wagener und Arndt.
— Mein Name ist Martin Weber... ich erklärte, dass ich Frau Wagener in einer tragischen und dringenden Sache sprechen müsste; sie habe mit zwei Kindern dieser Schule und mit deren Mutter zu tun.
Frau Arndt machte ein Gesicht, das verstehen wollte. Sie nickte, erhob sich rasch und fortstrebend, klopfte kurz an die Tür gegenüber, öffnete, sprach meine Sätze beinahe wörtlich und winkte mich dann an sich vorbei."
Die erste Begegnung mit Frau Wagener sparte Martin in dem Brief an Marlene aus. Er hatte Gründe dafür. Er hatte nur ein paar Unterscheidungen getroffen und auf deren eine Seite hingesehen: eine Frau hinter dem Schreibtisch, ein Gesicht, eine Stirn, ein Mund. Noch bevor sie stand wusste er: ich kenne sie. Kein anderes Nervensystem ist so geeicht, aus ein paar uralten Merkmalen eins und eins zusammenzuzählen: das war Renate. Martin zog im gleichen Moment des Erkennens die Gleichgültigkeitsmiene mit freundlichem Einschlag über das Gesicht. Was für eine Bewegung! Sie ist Figur, hätte seine Grossmutter gesagt.
Sie gaben sich die Hand, nannten ihre Namen und setzten sich. Er sah in ein schönes Gesicht, wandte den Blick nicht von ihren Augen und glaubte zu sehen: sie hat ihn nicht erkannt. Die weiße Bluse blendete er aus. Noch hast du nichts erreicht, jetzt schüchtern lächeln und nicht die Lippen Spitze pfeifen lassen.
Er trug seine Geschichte vor, der Reihe nach, keine Überlegungen, keine Ausschmückungen. Wieder ein Gesicht, das verstand, ohne zu sprechen, nur Interesse, ohne Misstrauen um den Mund herum unter schmal gewordenen Augen. Eine ganz neue Renate. Wenn man könnte, sähe man Wohlwollen; Vertrauen kann man nie sehen. Sie braucht nicht zu wissen, dass er sie und ihre Vergangenheit kennt; die Frau muss vor ihrer Entscheidung unbelastet bleiben.
Das alles, bevor er zum Schluss kam und seine Vorstellung mitteilte, mit den Kindern nach Hause zu fahren, sie zu versorgen, Angehörige aufzutreiben, die Mutter zu besuchen. Als er dann Name und Vornamen der Mutter aussprach und damit seine noch nicht gewonnene Gönnerin zum ersten Mal in die Lage brachte, den Gesamtzusammenhang zu verstehen, machte ihr Gesicht mehrere Verwandlungen durch: die Stirn bildete kurz eine Falte, senkrecht, die Augenlider bewegten sich aufeinander zu und machten dann weit auf, der Mund wurde geschlossen, wurde schmal durch den Druck der Lippen, die sich einzogen und dann weit auseinander gingen. Sie beeindruckte ihn ebenso wie sich selbst. Ihn liess dieses Spiel im Gesicht nicht los. Er streifte darüber hin. Die Informationen abwischen, nicht erbohren. Das Gesicht entschied sich. Kein Berühren mehr mit den Augenblicken!
Aber wohin konnte er genauer sehen? Nicht auf die Brüste, besser auf die Hände, mit denen sie spielte oder rang. Weißer Lack, die Fingerspitzen nun zusammengelegt, blaue Monde. Er wandte nicht den Kopf, drehte nur die Augen auf ein Bild neben dem Fenster; fünfunddreißig farbige Quadrate, jedes so groß wie vier Streichholzschachteln, ungefähr; einfacher, ganz einfacher Klee. … sie sieht jetzt bestimmt, wohin ich sehe und forscht in meiner Miene herum.
Er sah zu sicher aus, seine Erwartungen standen mit hoher Konzentration in seinen Zügen: geh hin und nimm die Kinder, morgen ist Schule, wie immer.
Konnte man die Quadrate in eine andere Ordnung bringen, hatten sie überhaupt eine Ordnung? Kann ein Maler jede Ordnung vermeiden? Sie bemerkte, dass er sie nicht mehr ansah. Die Bewegungen der Finger, die er wahrnehmen konnte, obwohl er das Bild fixierte, hörten auf.
Das Mysterium der Entscheidung ist lautlos und unsichtbar. Eingreifen konnte er nun nicht mehr. Er würde durch Gerede nur eine günstige Wendung zerstören.
Zurück mit den Blicken auf die Hände! Die Entscheidung war getroffen, die Hände lagen einfach da, sie sprachen schon, als sich die Innenflächen nach außen wölbten. Die Augen sahen die Hände; die Gedanken waren noch bei dem Bild und er sagte auf einmal:
— Ich denke, dass der Maler in dem Bild versucht hat, jede Ordnung der Farben in den stark geometrisch geordneten Quadraten zu vermeiden.
Renate, die Leiterin, nahm die Hände von der Schreibunterlage und stieß sich mit den Füßen nach rückwärts ab, rollte zum Fenster, drehte sich aber nicht zum Bild um. Sie sah ihn unmittelbar an und stellte ihre Mienen im Schatten des hellen Fensters in eine freundliche und lockere Kombination, und als er weitermachen wollte mit seinen Ordnungproblemen unterbrach sie ihn:
— Sie haben jetzt andere Sorgen. Ich lasse die Kinder holen, sie sollen mitentscheiden. Vielleicht gibt es auch Verwandte, Väter muss es auch geben.
Sie rief ihre Anweisungen mit einer Stimme voller Härte. Sie würde immer Gránada sagen, mit rollendem „r“, auf der ersten Silbe betont und niemals die Melodie anklingen lassen, die mit dem Wort verbunden ist. Der Schrecken erfasste ihn nicht, das Gesicht in seinen Wandlungen und die weiße Bluse glichen alles aus und außerdem hatte er schon einen besonderen Gedanken: sie hat nicht gesagt, das sei eine schwierige Entscheidung, da müssen wir mal sehen. Ihre Stimme erschliesst: schwarze Haare auf den Warzenhöfen, mehr nicht, ihre Worte vermitteln Ordnung.
Als sie ihm die Hand gab wurde das für stumme Miene geschminkte Gesicht für eine Sekunde ein Obermeer aus Lieblichkeiten, in dessen Augenspiel er, ohne es gleich zu wissen, beider Sehnsüchte und Hoffnungen erkannte.
Aus den winzigen Bewegungen des Gesichts heraus der Blitz mit Einschlag, den er nur hinnahm und erst Minuten später erinnerte und dann immer wieder als Bilderfolge erlebte. So etwas kann nur Leben hervorbringen, niemals die Leinwand des Malers und lädt er sie noch so intensiv mit Linie und Farbe auf. Kino kann es vielleicht, aber nicht ohne einen Martin, der seine Neuronen auf Bewusstsein hin arbeiten lässt.
– Danke, sagte Martin und brachte den Kopf aus den Linien des Sujets.
Im Brief an Marlene ging es dann weiter: "Renate übergab mir die Kinder mit einem Zeichen. Die Worte für sie musste ich erfinden: Eure Mutter liegt im Krankenhaus, der Bruder ist alleine, ich bin jetzt eure Mutter, es geht nicht anders, sollen wir Spaghetti mit Tomatensauce kochen?
Renate bot mir eine Tasse Kaffee an und liess mich mit Frau Arndt allein. Ich probierte an meinen Worten den Kindern gegenüber herum und hatte nichts vom Kaffee, da ich ihn nicht wahrnahm. Er drang weder mit Duft noch mit Geschmack herein, alle Plätze waren schon von den Kindern besetzt. Warum hilft sie mir nicht? Sie schont dich, du bist entlastet von ihren Blicken und den unsichtbaren Gedanken.
Frau Arndt, im blauen Rock und brauner Bluse, die nicht zur Farbe des Rockes passte, munterte mich auf. Sie hatte die Lage verstanden.
Und ich beschäftigte mich ausserhalb der Plätze, die die Kinder hielten, mit Rock und Kittel, verschob zunehmend die Gedanken zu dem was ich den Kindern sagen musste, über einen Rand, und nahm dann wieder einen Schluck Kaffee, der nun mit seinem schlechten Geschmack, den aber mein ausgetrockneter Mund verursachte, den Gedanken hinterher stürzte.
