Marlene fährt nach Köln - Christel Wagner - E-Book

Marlene fährt nach Köln E-Book

Christel Wagner

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Beschreibung

Wenn die Eltern alt werden, die Mutter einen nicht mehr erkennt und der Vater verzweifelt, erscheint das Leben mit einem Mal vollkommen verändert. »Wer bin ich überhaupt?«, fragt man sich dann. »Wo gehöre ich hin? Und was bedeutet Heimat?« Heimat ist, wenn Oma Irmi vom Krieg erzählt, vom Opa, der von einer Bombe getroffen wurde. Heimat ist, wenn Marlene fragt, ob ihr Vater auch mal ein Kind gewesen sei. Heimat ist Berlin, sagt Marlene, da wo Oma Kathie wohnt. Heimat ist Köln, sagt Frank, da bist du aufgewachsen. Doch Marlene hat sich in Köln nie heimisch gefühlt, dort, wo immer noch ihre unperfekten Eltern und ihre perfekte Schwester leben. Erst als in Köln nichts mehr geht, Demenz, Verwahrlosung und Schlaganfälle passieren, kehrt Marlene immer wieder an den Ort ihrer Kindheit zurück. Dort findet sie Erinnerungen, gute und schlimme. Begegnungen, verstörende und berührende. Sie sichtet, räumt auf, entdeckt sich selbst.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Christel L. WagnerMarlene fährt nach Köln

Christel L. Wagner

Marlene

fährt

nach

Köln

Eifeler Literaturverlag 2021

1. Auflage 2021

© Eifeler Literaturverlag

In der Verlagsgruppe Mainz

Alle Rechte vorbehalten

Printed in Germany

Eifeler Literaturverlag

Verlagsgruppe Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.eifeler-literaturverlag.de

Gestaltung, Druck und Vertrieb:

Druck & Verlagshaus Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.verlag-mainz.de

Umschlaggestaltung: Dietrich Betcher

E-Book::ISBN-10: 3-96123-041-2

ISBN-13: 978-3-96123-041-9Print:ISBN-10: 3-96123-022-6

ISBN-13: 978-3-96123-022-8

Prolog

Berlin, April 1968

Im kleinen Koffer waren Nachthemden, Unterwäsche, Waschzeug, Hausschuhe. In der blauen Zusatztasche Heft und Stifte, falls es etwas aufzuschreiben gab, Zigaretten, man weiß ja nie, und ein Lippenstift, neu.

Hennys Mutter hatte darauf bestanden, dass der Koffer schon seit einer Woche fertig gepackt war.

Wenn es losgeht, hatte sie gesagt.

Später schrieb Henny auf: Ich war naiv, hatte keine Ahnung, fühlte mich allein. Gerhard war sowieso kaum zuhause. Er hatte Revolution, sonst nichts. Von Mutti wollte ich keine Geschichten hören über ihre eigene Schwangerschaft und wie das war, als ich selbst zur Welt kam.

Noch später versuchte Henny den Schmerz zu beschreiben, das Drücken und Reißen, als das Kind kam. Morgens um zwei Uhr dreißig.

Der Arzt hatte ihr was gegeben, so dass sie wegsackte, nach unten ins Dunkle.

Aus dem Dunklen und dem unendlich Weitwegsein hörte sie auf einmal ein Piepsen, Vogellaut. Sie tauchte auf, so langsam, so seltsam, sah das Kind auf einem Gestell neben ihrem Bett, es machte diesen Laut. Lag da, fremd, war winzig.

1. Kapitel

Mainz, September 2014

Marlene hatte gleich im Schlafanzug Frühstück gemacht, den Tisch gedeckt, nach Frank gerufen, er möge sich mal beeilen, wobei ihre Stimme heller klang als um diese Uhrzeit üblich. Jetzt stand sie vor dem Spiegel im Bad, betrachtete die Spuren der frühmorgendlichen Umarmungen an Gesicht und Hals. So ließ sich dieser Freitag gut an und Marlene sagte sich, dass sie an diesem Wochenende auf keinen Fall das warme Gefühl verlieren wollte, das sie im ganzen Körper spürte.

Als Frank sich setzte und sie gerade begann, ihm zu sagen, was sie sich für das Wochenende ausgedacht hatte, unterbrach er sie. Sagte ja ja, während er seinen Blick auf die Zeitung richtete. Und sagte weiter, dass die ganze Familie am Wochenende, also Samstag und Sonntag, in Neuwied erwartet werde. Und fügte mit Nachdruck hinzu: »Du weißt ja, warum.«

Marlene, die einen Anflug von Schrecken in sich spürte, starrte Frank nur stumm an, als Alexander, der fünfzehnjährige Sohn, in der Tür auftauchte. »Muss sofort weg, bin schon viel zu spät!«

Frank schüttelte den Kopf, Marlene sprang auf, lief hinter Alexander her, wollte wissen, ob er alles habe, und wieder ohne Frühstück, aber der Sohn, ohnehin durch Kopfhörer und Kapuze vor elterlichen Zurufen geschützt, ließ schon die Tür hinter sich zufallen.

Die Unterbrechung nutzend, ging Marlene wieder ins Bad, verschloss die Tür, setzte sich auf den Rand der Badewanne.

Sie merkte ihre Enttäuschung, hatte sich doch das Wochenende mit weiteren Umarmungen ausgemalt. Und nun Neuwied. Der Todestag des unbekannten Schwiegervaters.

Marlene stand auf, betrachtete ihr Spiegelbild, sagte zu sich selbst, mein Gott, Marlene, wie siehst du wieder aus. Sie nahm die Flasche mit der Reinigungsmilch, auf der »entknittert die Haut« stand, gab einen großen Klecks auf die linke Handfläche und verteilte die angenehm weiche Creme auf ihr Gesicht. Mit der Zunge umkreiste sie sorgfältig ihre Zähne, um den Entknitterungsvorgang um die Lippen herum zu verstärken, spülte alles mit lauwarmem Wasser ab, war nun schon zufriedener mit ihrem Gesicht. Frank klopfte an der Tür und fragte, wann sie endlich wiederkäme, er wolle jetzt auch los, aber vorher wissen, was denn mit Neuwied sei.

»Du, ich muss drüber nachdenken«, rief Marlene und drückte auf die Wasserspülung des Klosetts, um Frank hören zu lassen, dass sie jetzt im Augenblick auf keinen Fall herauskommen könnte.

»Wir können heute Abend drüber sprechen«, fügte sie hinzu und hörte erleichtert, wie Frank sich draußen im Flur hin- und herbewegte und mit einem »Tschüss, bis heute Abend!« die Eingangstür schloss.

Marlene wartete noch einen Moment, ging dann in die Küche und sah vom Fenster aus, wie ihr Mann vorsichtig rückwärts aus der Garage fuhr und mit seinem Auto in die Straße abbog, die heute Morgen schon wieder regennass war. Septemberwetter.

Ich bin, sagte Marlene in dieses Wetter hinein, ich bin in Berlin geboren.

Dieser Satz richtete sie auf. Sie sagte ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit, zu sich selbst und zu anderen.

Ich bin in Berlin geboren. Versteht ihr? Großstadtluft, das Leben in Berlin ist ganz anders. Wenn Frank dabei war, bemerkte er, sie sei doch noch ganz klein gewesen, als die Familie von Berlin nach Köln zog. Sie sei doch keine echte Berlinerin, was sie da rede.

»Aber ich war in allen Ferien bei den Berliner Großeltern«, verteidigte sie sich, »ich war so oft dort, dass es doch reicht, um sich als Berlinerin zu fühlen«. Frank schüttelte den Kopf, sagte, sie solle doch bei den Tatsachen bleiben. Von sich allerdings könne er behaupten, er sei ein Neuwieder, weil er in Neuwied Kindheit und Jugend verbracht habe. Und natürlich stamme ja auch seine Familie aus Neuwied und wohne noch dort, seine Mutter, Onkel, Tanten und die ganze Verwandtschaft. Und selbstverständlich sei sein jung verstorbener Vater in Neuwied begraben.

Dagegen kam Marlene nicht an, sie rief dann: »Ist mir doch egal!«, was Frank wie üblich mit einem Kopfschütteln beantwortete. »Du verstehst mich nicht!«, rief sie lauter. »Du weißt gar nicht, worum es mir geht.« Wenn Frank versuchte, die Stimmung zwischen ihnen zu retten, sagte er zum Beispiel in versöhnlichem Ton: »Dann erklär es mir doch«, aber Marlene antwortete seit Jahren nur: »Ach Frank, wie oft habe ich es dir erklärt und wenn du es immer noch nicht weißt, dann ist sowieso alle Mühe vergebens. Du verstehst eben nicht, was mir Berlin bedeutet.«

Wenn Marlene an Neuwied dachte, sich über Neuwied beschwerte, dann hatte sie besonders ihre Schwiegermutter im Blick, die klein und leicht gebeugt über allen herrschte.

Sie sagte etwas, und war es noch so leise hingemurmelt, zwischen den Zähnen hinausgepresst, alle hatten es gehört und richteten sich danach, als sei es göttlicher Befehl. Und der war sowieso allmächtig gegenwärtig.

Der liebe Gott – auch wenn er mal nur Unglück schickte, wurde er als lieb bezeichnet – dieser Gott hing in Bildern oder Kruzifixen an den Wänden, in jedem Zimmer einer, als Baby, als Bub im Tempel, als strahlender junger Mann, als trauriger immer noch junger Mann am Kreuz, als Auge über den Wolken.

Und Franks Mutter vereinte die Familie wie der liebe Gott.

Franks Vater Hans war nicht so oft wie Gott, aber doch drei Mal zu betrachten: im Flur, im Wohnzimmer und in der Küche hingen seine Fotografien in schmalen silbernen Rahmen. Im Wohnzimmer war ein hochbeiniges Tischchen unter sein Abbild gestellt, darauf immer frische Blumen und eine Kerze, die fünfmal im Jahr angezündet wurde. An seinem Namenstag, seinem Geburtstag, seinem Todestag, an Weihnachten und Ostern. Und an diesen Tagen erwartete Franks Familie, seine Sippschaft, wie Marlene sie nannte, nicht nur den Sohn aus Mainz, sondern auch seine Frau und die beiden Kinder zu Besuch.

In den ersten Jahren ihrer Ehe war Marlene dieser Erwartung nachgekommen, hatte es sogar genossen, Annika, ihr erstes Kind, in Neuwied zu präsentieren, von allen begutachtet und beglückwünscht, obgleich ein Mädchen, also nicht der ersehnte Träger des Vaternamens. Franks Mutter hatte unter beifälligem Nicken einer anwesenden Nachbarin zu Marlene gesagt, sie werde sicher auch noch einen Jungen bekommen, der dann den Namen Wurz weiterführen könne.

»Die sind ja beschränkt«, hatte Marlene nach diesem Besuch zu Frank gesagt, »immer dieser Kult mit den Namen!« Sie selbst habe lange gezögert, ob sie seinen Namen annehmen und sich von Marlene Gerich in Marlene Wurz verwandeln sollte oder lieber doch in Gerich-Wurz. Aber die freie Namenswahl sei ja wohl in Neuwied noch nicht angekommen, vielleicht in der Innenstadt von Neuwied, aber nicht in dem kleinen Kaff, was ja eh nur eingemeindet und ein rückständiges Dorf geblieben sei. »Und«, fügte Marlene boshaft hinzu, »vielleicht wird unsere Tochter Annika ja lesbisch, heiratet ihre Freundin oder sie heiratet nie und behält von daher ihren Namen. Nach dem Motto Wurz ist schnurz.«

Frank hatte nur müde dazu genickt, gemurmelt: »Wozu sagst du solche Sachen? Musst du immer meine Familie lächerlich machen?«

»Ist doch wahr!«, beharrte Marlene und nannte ihn Otto, bei seinem zweiten Namen, den er von seinem Großvater geerbt hatte.

Diese alten Geschichten fielen ihr wieder ein, als sie, immer noch im Bademantel, am Esstisch saß, unschlüssig, was jetzt zu tun und zu entscheiden sei. Sollte sie dem Gefühl nachgeben, von Frank abgewiesen zu sein? Schließlich war sie mit ihrem Wunsch nach einem Wochenende zu zweit bei ihm nicht gelandet, und das nach diesen besonders heftigen und schönen Umarmungen vorher. Er hatte sie nicht einmal ausreden lassen und sofort den Pflichtbesuch verkündet. Also könnte sie doch zu Recht gekränkt sein. Womöglich bis zum Abend schmollen. Oder sollte sie einfach so tun, als sei nichts und mit nach Neuwied fahren?

Und dann auch noch im Regen auf dem Friedhof.

Bei dieser Vorstellung fröstelte sie. Um sich anzuziehen, stand sie auf, gleichzeitig vibrierte ihr Handy. Auf dem Display erschien: Nachricht von Sabine. Welche Sabine?, dachte sie und war einen Moment lang irritiert. Ach so, meine Schwester, fiel ihr ein, oh Gott Sabine. Das ist aber lange her. Sie öffnete die Nachricht, las: Hallo Marlene, kannst du bald mal nach Köln kommen? Besuch der Eltern wäre gut. Gruß Sabine

Um Gottes Willen, was soll das denn bedeuten?, fragte sich Marlene, rannte aufgeregt ins Schlafzimmer, zog sich in Eile an, als könnte sie die Entscheidung, was zu tun sei, nur angezogen treffen.

Dann setzte sie sich zurück an den Esstisch, schlug ihr Heft mit den To-do-Listen auf, dachte, dass sie auf jeden Fall zunächst Ess- und Wohnzimmer aufräumen und reinigen werde und bei dieser Tätigkeit, da war sie sich auf einmal sicher, zu einer Entscheidung kommen würde. Entweder mit nach Neuwied oder alleine nach Köln.

Während sie vor sich hinarbeitete, fiel ihr plötzlich ein, wie Frank die Besuche in Neuwied oft mit dem Satz rechtfertigte: Wer weiß, wie lange meine Mutter noch lebt! Und sie dachte, oh Gott, ob Sabine geschrieben hat, weil unsere Eltern vielleicht? Ja was denn vielleicht, fragte sie sich, und dachte, dass sie ja auch nicht wisse, wie lange diese Eltern noch leben. Das bereitete ihr sofort ein Unbehagen, fast ein schlechtes Gewissen.

Den Vormittag über versuchte sie sich weiter abzulenken, merkte aber, dass sie immer wieder an die Eltern in Köln denken musste.

Marlene hatte keine klare Erinnerung an die Kölner Wohnung.

War sie warm oder kalt gewesen? Wie hatte sie gerochen?

Marlene wusste nur noch, dass sie sich dort nie richtig wohlgefühlt hatte. Lieber war sie bei Gerhards Mutter. Oma Irmi in der Kittelschürze. So ganz anders als Oma Kathie in Berlin. Aber auch sehr lieb. Das waren beide Großmütter gewesen, jede auf ihre Art.

Beide waren ja nun schon lange tot. Opa Richard auch.

Marlene bedauerte sehr, dass sie ihren Kindern keine liebevollen Großeltern bieten konnte. Sie hielt weder ihren Vater Gerhard noch ihre Mutter Henny dafür geeignet. Sofort spürte sie Zorn in sich aufsteigen, als sie sich an den spöttischen Ton erinnerte, in dem Gerhard selbst mit ihren armen kleinen Kindern geredet hatte. Die sich ja nicht wehren konnten. Henny war als Oma eigentlich netter gewesen, überlegte Marlene. Jedenfalls bevor sie so vergesslich und verwirrt wurde.

Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal ihre Mutter im Pflegeheim besucht hatte. Und Gerhard, allein in der Wohnung. War er nicht auch schon über siebzig? Marlene dachte, dass sie sich noch nie mit dem möglichen Tod ihrer Eltern beschäftigt hatte, so als ob sie einfach immer weiterleben würden.

KölnKölnKöln. Wieviel Köln kann ich ertragen? dachte Marlene. Aber sofort danach dachte sie: Und wieviel Neuwied kann ich ertragen? Sie griff zum Telefon, um Gerhard anzurufen. Sie könnte ihn einfach mal fragen, wie es geht. Beim langen Klingeln des Telefons verließ sie ihr Mut, aber als sie gerade wieder auflegen wollte, hob Gerhard ab.

Sie hörte ihn schwer atmen, dann ein ungeduldig fragendes »Ja?«, worauf sie mit einer ihr selbst dünn erscheinenden Stimme sagte: »Hier ist Marlene, ich wollte fragen, wie es geht.«

»Ach, meldet sich das Fräulein auch mal wieder«, knurrte der Vater, und ließ, unterbrochen von heftigen Atemgeräuschen, eine Welle von Flüchen und Vorwürfen auf sie los, die mehr oder weniger sagten, dass sie sich ja nie kümmere, undankbar, nicht zu erreichen und eine elende Spießerin sei.

»Ich komme morgen«, antwortete Marlene schnell und ohne ein weiteres Mal zu überlegen, ob Köln oder Neuwied das größere Unbehagen bedeutete.

Schon hatte Gerhard abrupt aufgelegt, so dass die Entscheidung feststand. Sie tröstete sich damit, dass Köln zumindest mehr Freiheit versprach, da sie die Besuche bei Henny und Gerhard ja kurz halten und möglicherweise in einem Hotel übernachten könnte. Diese Vorstellung verschaffte ihr so viel Erleichterung, dass sie nun mit Schwung Essen vorbereitete und ruhiger Alexanders und Franks Rückkehr abwartete.

Beim Sohn probierte sie die Sätze, die eigentlich für Frank bestimmt waren, aber auf ihre Wirkung hin überprüft werden mussten, besonders, was den stimmlichen Klang und den begleitenden Gesichtsausdruck betraf.

Alexander war angemessen beeindruckt, nahm sogar seine Kopfhörer ab und fragte mit einer Kleinjungenstimme, ob OpaOmaKöln jetzt sterben würden. Marlene schüttelte den Kopf und kam sich schuldig vor.

Bei Franks Rückkehr milderte sie ihre Worte, Alexander war längst in seinem Zimmer verschwunden, und sie sagte, dass erst Sabine sich gemeldet und dann Gerhard angerufen hätte, weil es Henny schlechter ginge, und auch der Vater hätte keinen guten Eindruck gemacht. Frank war sofort besorgt und bot an, in Neuwied anzurufen, da das hier ja schließlich ein Notfall sei und man könne auf dem Rückweg von Köln, wohin er natürlich mitfahre, immer noch in Neuwied anhalten. »Nein, nein«, wehrte Marlene entschieden ab, »das muss ich alleine machen, ich weiß ja nicht, in welchem Zustand ich die Beiden vorfinde, vielleicht ist ja alles halb so wild, und wenn ich nicht dableiben muss, komme ich auch noch nach Neuwied.«

Frank, der in Katastrophen gerne als Retter auftrat, schien nicht zufrieden mit dieser Regelung, gab aber nach, als Marlene ihn daran erinnerte, dass erstens Alexander und zweitens Annika besonders gerne mit nach Neuwied fahren wollten. »Sie kommt extra aus Mannheim, unsere fleißige Tochter unterbricht ihre Arbeit, reißt sich los von ihren Büchern, sie freut sich auf Neuwied, da kannst du nicht absagen.« Mit diesem Argument hatte sie Frank vollkommen überzeugt. Die zwanzigjährige Annika war eine Vatertochter, ein Papakind, immer schon so gewesen, von klein auf.

Marlene gestand sich ein, dass sie eifersüchtig auf diese Beziehung war, obwohl Eifersucht zu den von Köln diffammierten Gefühlen gehörte. Sie tröstete sich mit ihrer Beziehung zum Sohn Alexander, der zumindest in den ersten Lebensjahren mehr an ihr als an Frank gehangen hatte. Also ein richtiges Mamakind.

Früh am Samstagmorgen fuhr Marlene nach Köln. Beim Frühstück gab Frank ihr eindringlich den Rat, die A 61 zu nehmen, auf keinen Fall die A 3 wegen eines gemeldeten Staus, den er fürsorglich im Netz recherchiert hatte. Um ihn zu unterbrechen, war sie nochmals ins Bad gegangen. Hatte der Tür, hinter der Frank seinen Redefluss fortsetzte, zugerufen: »Ja ja, ist gut, ich mach das so, wir sehen uns dann heute Abend oder morgen, je nachdem, ich weiß ja auch nicht, wie das Wetter wird. Also tschüss dann, ich kann jetzt nicht.«

Erst als sie sein Auto hörte, kam sie aus dem Bad, in der Zeit des Wartens doppelt geschminkt.

Im Stau auf der A 3 empfand sie die Langsamkeit als wohltuend, überhaupt fuhr sie nicht gerne schnell, wenn es regnete. Und ausgerechnet Nieselregen, bei dem nur die Scheiben beschlugen. Sie dehnte ihre Arme, stellte Musik an, ließ ihren Oberkörper ein wenig tanzen. Durch das geöffnete Fenster sah sie, wie ein Mann auf der Nebenspur ihr aus seinem Auto, ebenfalls mit offenem Fenster, zulächelte. Sie lächelte zurück, er warf ihr eine Kusshand zu. Marlene spürte eine heiße Welle in sich hochsteigen, kramte mit der rechten Hand in der Tasche auf dem Beifahrersitz nach dem Spiegel, beugte sich zur Seite, um zu prüfen, ob sie rot geworden sei. Dann wollte sie eine Kusshand zurückwerfen, aber der Mann hatte sich schon abgewandt, die Autos fuhren an, es ging weiter.

Immer noch gut gelaunt, sang Marlene Töne in die Radiomusik hinein. Man fuhr jetzt sehr langsam, und sie stellte sich vor, wie der Mann von eben sie küsste, hinters Ohr, auf den Hals und zuletzt auf den rot getönten Mund. Nein, nein, so nicht. Zuerst geben sie sich Zeichen, fahren raus aus der Schlange auf den nächsten Parkplatz, öffnen die Türen, fallen sich in die Arme, zerren sich gegenseitig durchs Gebüsch. Dahinter eine Sommerwiese, auf der sie eng umschlungen durchs Gras rollen. Und dann erst die Küsse. Nichts trennt sie, keine Besorgnis, keine Scham, keine Zukunft.

Marlene seufzte tief, sie kam jetzt gut voran, war befreit, fühlte sich jung.

2. Kapitel

Köln, Samstagvormittag

Selten hatte sie ihre Mutter im Pflegeheim besucht, fand sie jetzt im Rollstuhl, der schräg vor dem weit geöffneten Fenster stand.

Von der offenen Tür aus, in der Marlene stehenblieb, betrachtete sie die mehr hängende als sitzende Gestalt, das kantige Profil und den Kopf mit den strähnigen grauen Haaren. Alles kam ihr fremd vor.

»Hallo Henny«, sagte Marlene, schloss die Zimmertür und ging einige Schritte auf die Mutter zu. »Ich bin da, wie geht es dir?«

Im gleichen Moment dachte sie, dass es womöglich gar nicht ihre Mutter wäre, sie sich im Zimmer geirrt und jetzt eine Fremde angesprochen hätte. Aber die Frau hob ganz leicht den Kopf, murmelte etwas, was sich anhörte wie Sabine und streckte wie zur Begrüßung die Finger der rechten Hand, wobei sich ihre Augenlider halb öffneten.

Also doch Henny, die Marlenes Schwester erwartete, was nicht verwunderlich war, da Sabine in Köln lebte und sicher häufiger kam, um den Verfall der Mutter zu begleiten. Gleichzeitig spürte sie den wohlbekannten Ärger auf die jüngere Schwester.

»Ich bin’s, Marlene«, sagte sie forsch, um das Gefühl zu vertreiben. »Ich bin extra aus Mainz angereist, um nach dir zu sehen.« Die Mutterfinger krümmten sich wieder zusammen. Henny senkte den Kopf, als wolle sie von diesem betonten »extra« nichts wissen. Marlene wusste nicht weiter, verharrte eine Weile schweigend, nahm dann einen Stuhl, der an der Wand stand, setzte sich so vor Henny, dass die Mutter nur eine geringe Bewegung machen und die Augen öffnen musste, um sie zu sehen.

Marlene konnte nichts weiter denken außer Mist, Scheiße, was mache ich bloß und das mehrmals hintereinander wie ein stummes Gebet, wobei sie gleichzeitig spürte, wie krumm sie auf diesem Stuhl saß, so als ob sie sich klein machen wollte.

So klein, dass sie sofort in den Mutterblick geriete, wenn Henny endlich bereit wäre, zu ihr hinzuschauen.

Da diese sich aber nicht rührte, vielleicht eingeschlafen war oder nur so tat, als schliefe sie, hatte Marlene Zeit, die Mutter zu betrachten. Ihr Blick fiel zuerst auf die Pantoffeln, die Henny an den Füßen trug und die man vielleicht auf die Fußablage des Rollstuhls gestellt hatte, um die mütterlichen Füße hinein zu schieben. Niemals hatte Marlene Pantoffeln an Henny gesehen, solche kleinbürgerlichen Bekleidungsstücke waren den Neuwiedern vorbehalten. Die Reihe graubrauner oder plüschigbunter Exemplare, im Flur auf die Abwesenden wartend oder an den Füßen der Anwesenden, riefen bei Marlene je nach Laune Belustigung oder Entsetzen hervor. Nun also Henny in Pantoffeln, nicht mehr barfuß, nicht mehr in diesen korkbesohlten Sandalen, die Jesuslatschen genannt wurden, wie ihr auf einmal wieder einfiel.

Zwischen den Pantoffeln und dem Saum des Rockes war ein Teil der nackten Beine zu sehen, von fahler Blässe mit braun und blau schimmernden Flecken.

»Kann man ihr nicht Strümpfe anziehen, das sieht ja schrecklich aus«, sagte Marlene in die Stille hinein. War sofort ein wenig erschrocken, so unüberlegt über Henny zu sprechen statt zu ihr. Wusste sie doch keineswegs, in welchem geistigen Zustand ihre Mutter sich befand und musste damit rechnen, zurechtgewiesen zu werden mit diesem ihr immer noch vertrauten kritischen Mutterblick. Vorsichtshalber fügte sie hinzu: »Ich meine natürlich, ob man dir nicht Strümpfe anziehen kann, so warm ist es doch auch wieder nicht.«

Der Anblick der mütterlichen Beine machte, dass Marlene sich der eigenen bewusst wurde, die sie rechts und links um die Stuhlbeine geklemmt hatte und die unangenehm schmerzten, als sie versuchte aufzustehen. Schwerfällig hievte sie sich hoch. Ich bin auch nicht mehr die Jüngste.

Diesen bekannten Satz aus Hennys Mund, seufzend, gleichzeitig kokett, Widerspruch erwartend, DU doch nicht, DU bleibst doch ewig jung, wiederholte Marlene jetzt. Wiederholte ihn noch einmal mit festerer Stimme, so als ob sie erwartete, Henny könnte sie verstehen. Und ganz besonders verstehen, vielleicht in einer mehr schwesterlichen Art und Weise, dass sich die Tochter jetzt ebenfalls in diesem Zwischenalter befände, in dem unklaren Gefühl von Abschied und auswechselbaren Alterszuständen.

Henny bewegte sich nicht, hielt die Augen noch immer geschlossen. »Also dann«, sagte Marlene, »vielleicht ein anderes Mal.« Sie blieb stehen, schaute abwartend auf den strähnigen Kopf. Wenigstens zucken könnte sie zum Abschied.

Egal. Vielleicht ist sie ja schon tot, auch egal. Aber wenn Sabine käme, wenn sie gerade jetzt im Augenblick hereinkäme und nach Henny riefe, Enni, Enni, mit diesem Nutellamund, der überall Spuren hinterließ. Das durfte sie natürlich. Sabine durfte alles, alles wurde bejubelt. Also wenn sie jetzt käme, dann wäre Henny wieder lebendig. Henny, die blöde Kuh, aber eben keine Mutterkuh, jedenfalls nicht für sie, die erste Tochter.

Diese Gedanken halfen ihr, aus der Tür zu gehen, sie fest zu schließen. Ohne Bedauern.

Sie hoffte, auf dem Flur keiner Schwester zu begegnen, um nicht doch der Versuchung zu erliegen, nach dem mütterlichen Allgemeinbefinden zu fragen. Womöglich den Satz herauszubringen, ob sie Alzheimer habe. Nein, keine Lust, sich dem auszusetzen, was ihr Angst machte und sie beschämte. Auch nicht aus Höflichkeit dem Personal gegenüber.

Als sie das nach Desinfektionsmitteln und Schlimmerem riechende Gebäude verlassen hatte, überlegte Marlene, was sie jetzt tun sollte.

Sie blieb neben der großen Eingangstüre stehen, prüfte den Himmel, ob es sich lohnte, den Schirm aus dem Auto zu holen oder ob sie vielleicht sogar gleich im Auto bleiben solle. Sie verharrte einen Moment lang bei der Frage: Regnet es gleich oder regnet es nicht oder erst später? Welche Art von Wolken waren das? Falls es trocken bliebe, könnte sie auf dem von einem schmalen Grünstreifen gesäumten Gehweg vor dem Haus spazieren gehen. Bewegung an der frischen Luft, das war es, was sie jetzt brauchte. SMS-Geräusche aus ihrer Tasche. Frank schrieb: Ruf mich an, wenn du kannst. Mache mir Sorgen. LG

Marlene merkte Tränen hochsteigen, wollte das nicht haben, sagte halblaut: »Ach, immer dieses Getue, soll wohl was passieren, dann kann er gleich wieder der Retter sein.«

Sie schrieb zurück: Kann jetzt nicht, melde mich später.

Drückte zum Schluss kurz entschlossen auf das Zeichen mit dem Kussmund.

Köln, später am Tag

Im Auto tippte Marlene die Adresse ins Navi ein.

Köln war ihr vollkommen fremd geworden, und sie glaubte nicht, dass sie ohne Navi ihr altes Zuhause wiedergefunden hätte.

So langsam wie möglich fuhr sie durch das belgische Viertel, dann die Brüsselerstraße entlang. Konnte sich nicht wirklich erinnern, stellte sich aber vor, wie sie als kleines Mädchen durch diese langelange Straße gelaufen war, zum Beispiel zur Schule in der Genterstraße. Wie müde müssen ihre kleinen Beine gewesen sein. Und dann war noch die Aachenerstraße zu überqueren, dieses gefährliche Monstrum, das ihr Angst machte, und die blöde Henny hatte nur gelacht und gesagt, das schaffst du schon. Marlene sagte jetzt zu sich, dass sie weinen könnte vor Traurigkeit über dieses arme kleine Mädchen, das sie war, sie weinte aber nicht.

Vor dem Haus blieb sie stehen, beugte sich im Auto vor, um die Fassade zu betrachten, die renoviert zu sein schien, jetzt rotbraun, in ihrer Erinnerung schmutzig grau. Wie lange ihr letzter Besuch zurücklag, wusste sie nicht mehr. Sie bemerkte, dass in dem Kellerladen, zu dem rechts vom Eingang einige Stufen hinunterführten, ein Friseur war, so einer, der einem für zwölf Euro die Haare wäscht oder vielleicht auch abschneidet, und föhnen muss man selbst. Marlene glaubte, dass hier früher der Schuster sein Geschäft hatte, der auf der Straßenseite gegenüber, ganz oben in der Mansarde wohnte. Der Angstmann. Sie beugte sich im Auto zur anderen Seite, um die Fenster sehen zu können. Da hingen schmutzig graue Gardinen, zum Zeichen von ekliger alter Schuld oder von Wahnsinn.

Sie war fünf oder sechs, als er sie in sein Auto lockte, es stand nicht hier, sondern auf der anderen Seite, etwas weiter weg. Sie saß auf dem Beifahrersitz, voller Erwartung, was kommen würde. Er hatte ihr irgendetwas versprochen, einen Ausflug oder Süßigkeiten, musste noch mal kurz in die Wohnung oder in den Laden. Plötzlich stand der Vater am Auto, aufgeregt, schrie etwas, was sie nicht verstand, rüttelte an der verschlossenen Tür. Er rettete sie, sie wusste nicht mehr wie.

Die Erinnerung war unangenehm, brachte sie aber in eine milde Stimmung Gerhard gegenüber, der ja doch auch wie ein guter Vater sein konnte, sogar ein lieber Papa, der sie vor dem Angstmann beschützte.

Noch besser wurde ihre Stimmung, als sie das Treppenhaus weiß gestrichen und die Stufen sauber geputzt vorfand. Keine Schmierereien an den Wänden, nicht mal Flecken. Sie klingelte an der Wohnungstür, wartete, hörte aber nichts.

Sie klingelte wieder und wieder. Nichts. Marlene beschloss, sich auf die Stufen zu setzen, da sie auf einmal eine Schwäche in ihren Beinen spürte.

Sollte sie gleich zurückfahren oder vielleicht in dem kleinen Café am Lindenplatz etwas trinken? Am besten draußen sitzen, um von dort aus den Hauseingang zu beobachten. Gerhard war sicher nur kurz weg, er wusste doch, dass sie kommen würde.

Was habe ich für eine Familie, dachte sie. Das ist in Neuwied doch anders. Die sind immer da, warten schon, selbst wenn man pünktlich ist. Marlene holte tief Luft, hatte aber Mühe beim Ausatmen, da blieb etwas hängen, wie ein Luftklumpen. Den kannte sie. Ja, ja, nur nicht immer daran denken, an dieses andere Warten, das Kölner Warten, wo keiner kam, jedenfalls nicht pünktlich, immer sehr, sehr spät.

So, als sei es nun wirklich genug, stand Marlene auf und hörte gleichzeitig ein Geräusch hinter der Tür. »Gerhard!«, rief sie, »ich bin’s, Marlene.« Dann ein undeutliches Gemurmel, und die Tür öffnete sich einen schmalen Spalt, so dass sie die geschlossene Türkette dahinter sehen konnte. »He Gerhard«, sie schrie jetzt, »Gerhard, bitte, ich bin’s doch.«

Sie konnte den flehenden Ton in ihrer Stimme nicht unterdrücken, hätte am liebsten geheult, bitte, bitte, mach doch auf, wurde gleichzeitig wütend, keifte: »Jetzt reicht’s mir! Entweder du machst richtig auf oder ich fahre wieder.« Die Türkette fiel mit einem leichten Rasseln, Gerhards schlurfende Schritte waren zu hören.

Marlene betrat den dunklen Flur, ihre Hand fand den Lichtschalter sofort. Die Zeitungsstapel und die Bücherkisten hatten sich seit ihrem letzten Besuch – war das drei oder vier Jahre her? – erhöht und verdoppelt, so dass sie Mühe hatte, vorbei zu kommen, ohne etwas zu berühren. Der Vater saß im Wohnzimmer in seinem alten Sessel, starrte in den Fernseher, der neu zu sein schien, dennoch flimmerte.

»Wie geht es dir?« Diese ungeplante Frage, die Marlene einfach entwischte, breitete sich im peinlichen Schweigen aus.

Gerhard, dessen Kleidung in den letzten Jahren unverändert schien, Jeans von undefinierbarer Farbe, braunrotes Karohemd, saß im Sessel mit zusammengesunkenem Oberkörper, aber weit ausgestreckten Beinen. Die Arme hatte er vor der Brust verschränkt, seine Hände in die Achselhöhlen geklemmt.

Marlene fragte, wo sie sich setzen könne, schaute sich um in dem Durcheinander von Zeitungen, Weinflaschen, dreckigen Gläsern, Klamotten, angegessenen Pizzastücken in ihren alten braungefleckten Kartons. Gerhard deutete mit dem Kopf in den Raum: »Da.«

»Okay, ich guck mal«, sagte Marlene versöhnlich, befreite einen Stuhl von Kleidungsstücken, indem sie ihn einfach zur Seite kippte. Anfassen wollte sie hier nichts.

Erst jetzt nahm sie den Geruch wahr, der ihr sofort Übelkeit bereitete. Alkohol, Moder, Schweiß, Urin, was auch immer. Wahrscheinlich Marihuana.

»Kann ich mal kurz das Fenster aufmachen?«

»Nee«, antwortete Gerhard, »wird zu kalt.«

»Es ist immer noch Sommer und warm draußen«, sagte sie.

»Na, dann geh doch raus. Wenn es dir da besser gefällt«, schnarrte der Vater.

Marlene suchte ein Kleenex aus ihrer Handtasche, drapierte es sorgfältig auf dem Stuhl und setzte sich mit angespannten Pobacken.

»Warst du mal bei Henny?«, fragte sie. Und er, nachdem sie schon keine Antwort mehr erwartete: »Nee, kennt mich nicht mehr.«

»Mich auch nicht. Sie hat mich mit Sabine verwechselt.« Ihre Stimme klang vorwurfsvoll, was sie verärgert feststellte. Wie der Vater starrte sie jetzt auch auf den stummen flimmernden Bildschirm, auf dem sie ohne Brille sowieso nichts erkennen konnte. Sie suchte nach einer weiteren Frage. Gab Acht, dass sie möglichst nur durch den Mund, nicht durch die Nase atmete.

Um sich besser konzentrieren zu können, spannte sie die allerdings schon leicht schmerzenden Pobacken noch etwas fester an. Dann fiel ihr eine typische Frankfrage ein, die hier auch angebracht schien: »Brauchst du etwas?« In der folgenden Pause überlegte sie, wie gut es wäre, wenn Gerhard etwas brauchte, was ihr die Chance gäbe, aus der stinkenden Bude herauszukommen. Sie würde es ihm bringen und sich dann guten Gewissens verabschieden.

Aber Gerhard antwortete nicht, schnaufte nur heftig, wobei der letzte Schnaufer in einen lang gezogenen Räusper in der unteren Kehle überging. Nach dem Räusper folgte ein Hustenanfall, der wohl Schleim hochbrachte, den er zwar nicht ausspuckte, aber in seinem Mund hin- und herschob, als sei es ein zäher Kaugummi. Marlene versuchte, ihre aufsteigende Übelkeit zu kontrollieren, indem sie ihrerseits hustete, ein weiteres Kleenex aus der Handtasche zog und es sich vor den Mund hielt. Sie sehnte sich jetzt doch nach Franks Gegenwart, nach seiner zuverlässigen Sauberkeit und nach seiner Hand, die er häufig beruhigend auf Marlenes Arm gelegt hatte, früher jedenfalls. Nein, besser so, dachte sie, er muss ja nicht wissen, wie das hier aussieht. Dann muss ich mich jedenfalls nicht vor ihm schämen. Als hätte Gerhard ihre Gedanken gelesen, knurrte er jetzt in Richtung Fernsehen: »Ich komm allein zurecht.« Und nach einer Pause: »Hau ab nach Mainz.«

Die Aufforderung abzuhauen, meist verbunden mit »pack doch deine Koffer!«, war ein alter wohlbekannter Satz aus seinem Mund. Das konnte jeden treffen, am häufigsten Henny, die dann entweder mit »hahaha« antwortete oder mit »pack du doch deine«. Marlene war es nie gelungen, Henny einfach nachzuahmen, wenn sie diejenige war, die packen sollte, sondern sie brach fast immer in Tränen aus. Die ungeduldige Aufforderung »hör auf zu heulen« verstärkte ihren Tränenfluss. Auch jetzt spürte sie die alte Kinderkränkung in sich aufsteigen. Unterdrückte allerdings den Wunsch, einfach loszuheulen und sagte sich, um Tapferkeit bemüht, dass sie schließlich mit 46 Jahren zu alt für derartige Reaktionen sei. Da Gerhard sie aber nun nicht hier haben wollte, stand sie auf, nahm ihre Tasche und sagte, ohne ihren Vater anzublicken: »Also tschüss dann, ich fahr jetzt zurück.«

An der frischen Luft, die sie heftig einatmete, beschloss sie, dass sie jetzt einen Schnaps brauchte, um ihre Gedanken zu ordnen. Die kleinen runden Tische vor dem Café waren unbesetzt, bis auf einen, an dem ein alter Mann saß und auf die vor ihm liegende Zeitung blickte. Sie setzte sich auf die andere Seite, möglichst entfernt von ihm. Noch einen Altmännerräusper oder gar Husten würde sie heute nicht mehr ertragen. Damit sie nicht für eine Alkoholikerin gehalten würde, bestellte sie bei der Bedienung zunächst einen großen Kaffee, um dann hinzuzufügen: »Ach ja, vielleicht noch einen Cognac – oder? Was passt zum Kaffee?« Die junge Frau zuckte mit den Achseln, es war ihr gleichgültig, wies aber mit dem Finger auf die Getränkekarte, die auf dem Tisch lag. »Suchense sich wat aus.«

Freundlichkeit wäre jetzt besser gewesen, dachte Marlene, bestellte schließlich einen Remy Martin und schwankte, während sie auf ihn wartete, zwischen Ärger und Selbstmitleid.

Sie wusste im Augenblick wirklich nicht, was sie von allem halten sollte, vom Zustand der Eltern, und vor allem vom Zustand der Wohnung, ach, von ihrem ganzen Besuch hier in Köln. Ob sie nicht doch besser mit nach Neuwied gefahren wäre? Auf diese Frage fand sie keine Antwort. Sie kippte den Remy Martin in einem Zug hinunter, ohne darauf zu achten, ob der alte Mann oder die Bedienung sie beobachten und wer weiß was denken könnten.

3. Kapitel

Köln, Samstagabend

Die Brüsseler Straße zog sich länger hin, als sie gedacht hatte, und das Gehen in den hochhackigen Sandalen war anstrengend. Marlene ärgerte sich jetzt, dass die bequemen Schuhe nutzlos im Auto lagen, zumal ihr Vater den Unterschied sicher nicht bemerkt hatte. Sie bog nach rechts in die Aachener Straße ab, wollte bis zum Rudolfplatz, dann würde sie weitersehen. Am Millowitschtheater blieb sie stehen, betrachtete die ausgestellten Fotos, überlegte, ob sie am Abend einfach in die Vorstellung gehen sollte oder ob sie das unerträglich finden und, dem Kölschen doch so lange entfremdet, eventuell kein Wort verstehen würde.

Der Zustand der oft erlebten Unschlüssigkeit nervte sie, aber im Augenblick fiel ihr einfach nichts ein, was diesen beenden könnte. Sie nahm das Handy aus der Tasche, das allerdings keine neue Nachricht anzeigte. Jetzt hätte sich doch jemand melden können, sogar Frank die Rolle des Erlösers mal wieder übernehmen. Aber nichts.

Sie stakste weiter bis zum Rudolfplatz, der seltsam unbelebt erschien. Diese Stunde des späten Kaffeetrinkens oder frühen Abendessens, bevor man in abendliche Veranstaltungen aufbrach, versetzte Marlene in eine fast unerträgliche Stimmung. Sie gab Köln die Schuld, dachte flüchtig an frühere Zeiten, als sie hier noch studierte und kaum richtige Freunde fand. Sie versuchte, diese Gedanken wegzuschieben, aber das vertraute Alleinseingefühl breitete sich dennoch einfach aus in ihr.

Um sich davon zu befreien, ging Marlene jetzt schneller. Sie eilte die Straße entlang zur Innenstadt, als hätte sie eine in Kürze stattfindende Verabredung. Blieb nicht einmal an allen Schaufenstern stehen, nur an einem, weil dort an einer Fenstersäule eine Spiegelfläche angebracht war, in der sie den Zustand ihres Gesichtes überprüfen wollte. Es ging, es ging, fand sie, hätte schlimmer sein können, und fast beflügelt, schritt sie jetzt noch eifriger aus. Strebte zur Schildergasse, dann über die Hohestraße Richtung Dom, als aus einer der zahlreichen Lokale ein Mann direkt auf sie zukam, ihr den Weg versperrte und sie erschrocken stehen blieb.

»Na, was hat se denn«, sagte der Mann, seinen Bieratem herausblasend, der sofort nicht nur Übelkeit, sondern eine Mischung aus Angst und Wut in Marlene auslöste.

»Hau ab, verpiss dich«, zischte sie ihm entgegen, wich zur Seite aus und rannte weiter, während der Mann sein Lachen hinter ihr her grölte. Als die Rettung einer Seitenstraße kam, merkte Marlene, wie ihre Kraft nachließ, ja sogar der Wunsch kam, einfach loszuheulen, Scham und Rotz.

Du brauchst jetzt Ruhe, sagte sie zu sich wie zu einem Kind, das die Mutter erwartungsvoll anblickt, weil nur sie eine gute Lösung weiß. Warum nicht in den Dom? Sich unter die Touristen mischen, nach oben schauen und bewundern. Das beruhigt und lenkt ab.

Als sie aber auf der Domplatte die vielen Menschen sah, erinnerte sie sich auf einmal an die Andreaskirche, hier ganz in der Nähe. Sie wusste den Weg noch zur Komödienstraße, da war die Kirche, in die Oma Irmi, die geliebte, mit Marlene an der Hand so gerne gegangen war.

Komm komm, Lenchen, ich zeig dir, wo der Herrgott wohnt. Und das Jesulein?, fragte Marlene. Ich will das Jesulein auch sehen und all die Götte. Gibt nur einen, antwortete Oma Irmi, gibt nur einen.

Im Raum der Kirche, in der nur wenige Menschen herumliefen, setzte Marlene sich in eine Seitenbank, schloss die Augen, streifte ihre Schuhe von den schmerzenden Füßen, rieb einen Fuß am anderen, verharrte dann, ohne sich zu bewegen. Merkte, wie müde sie war, wie sich langsam Schläfrigkeit in ihrem ganzen Körper ausbreitete.

Erinnerungen, Bilder von früher tauchten auf. Marlene wunderte sich, dass sie wieder so da waren, als seien sie nie wirklich weggewesen.

Oma Irmi auf dem Stuhl in der Küche. Omi, Omi, hörte sie sich rufen. Da ist die warme Hand von Oma, an der klammert sie sich fest und lässt sich auf den Schoß ziehen. Omi hat einen Schoß, auf den passt sie, sie ist das Lenchen. Sie sitzt auf Omis Schoß und Omi singt auf Kölsch in ihren Ohren. Sie singt: Opa ist so früh gestorben, stell dir vor, Kind, der Krieg war schon aus, da ist die Bombe gefallen, der Krieg war doch aus, aber die Bombe hat den Opa totgemacht.

Oma in der bunten Kittelschürze ist traurig, so traurig. Marlene gibt ihr dicke Küsse auf die Wange, damit alles wieder gut wird. Oma putzt die Wohnung und sagt: Das hilft. Weißt du, putzen hilft fast immer. Und für deinen Papa, den Gerhard, war’s auch traurig.

Und Marlene fragt: War der Papa auch mal ein Kind?

Ja natürlich, sagt die Oma. Er war mal ein kleines Kind und traurig. Und es war schlimm, weil er ja keinen Papa hatte, der ihm sagen konnte, was richtig oder falsch ist.

Und sie hörte sich fragen: Was ist richtig, Oma, und was ist falsch?

Das weiß ich auch nicht, Kind, erwidert die Oma.

Marlene spürte auf einmal ihren Rücken, der schmerzte in der harten Kirchenbank, sie bewegte sich, setzte sich aufrecht hin, schüttelte ihre Arme, rieb sich die Stirn. War sie eingenickt, hatte sie geträumt?

Zurück auf der Straße sah sie, dass es schon halb sieben war. Sie beschloss, nicht gleich nach Mainz zurückzufahren, sondern ein Hotel zu suchen, möglichst in der Nähe der alten Wohnung, da ihr Auto immer noch vor Gerhards Haus stand.

Auf dem Weg zurück, der ihr jetzt sehr lang erschien, las sie im Handy die Nachricht von Frank: Ruf an!!!oderschick ne SMS!! Endlich!! Machen uns alle Sorgen!

Alles klar, tippte sie zurück. Alles so lala, muss noch zu Sabine. Komme erst morgen.

Erleichtert, dass es jetzt entschieden war, suchte sie noch unterwegs im Handy ein Hotel, fand eines und rief, endlich im Auto sitzend, dort an, ja, sie hatten noch ein Zimmer und sogar einen Parkplatz.

Ihre Laune hatte sich sofort verbessert, sie fand das Hotel am Barbarossaplatz, parkte ein, nahm ihre Tasche und freute sich auf den Abend alleine.

Im Zimmer blieb sie erst stehen, hörte die Geräusche von der Straße, betrachtete die karge Einrichtung, die ihr aber so sauber erschien, dass sie sich auf dem Bett niederlassen konnte.

Sofort merkte sie ihre Müdigkeit, gegen die sie mit aller Kraft ankämpfte, schließlich aufstand, aus der Minibar eine Flasche Bier nahm und eine Packung Salzgebäck. Irgendwohin essen zu gehen, konnte sie sich nicht vorstellen.

Marlene schaffte es schließlich, ohne großes Nachdenken Sabine anzurufen, fragte, ob sie morgen vorbeikommen solle, sie habe die Eltern besucht. Die Schwester hörte sich fremd an, sagte, sie freue sich, dass Marlene gleich gekommen sei, schließlich sei sie ewig nicht hier gewesen. Und jetzt auf einmal. Darauf wusste Marlene nichts zu antworten, sagte aber, es sei ihr notwendig erschienen, sofort nach den Eltern zu schauen, wie sie sich ausdrückte und was Sabine mit einem in die Länge gezogenen »hm« beantwortete.

Am nächsten Morgen schien die Sonne. Mit dem Navi fand sie die Straße, in der Sabine jetzt wohnte.

»Keine gute Adresse, ich kenn die Straße, viele Ausländer«, hatte Frank gesagt. Sie war ärgerlich geworden.

»In Berlin bin ich am liebsten in Kreuzberg, international fühle ich mich wohl.«

Marlene blieb im Auto vor dem Haus sitzen. Sie war angespannt, merkte keine Vorfreude auf die Begegnung mit Sabine, deren mürrisches Gesicht sie sich jetzt vorstellte. Spätestens seitdem sie dreizehn war, hatte sie diesen Dauermürr gezeigt. Vorher die niedliche kleine Schwester. Lief ihr entgegen, Lene, Lene rufend, mit strampelndem Lachen, hüpfend, glucksend. Die Erinnerung an die Kleine besänftigte Marlene, vielleicht konnte sie Sabine, ihre Bine, daran erinnern. Konnte mal wieder Freundlichkeit herzaubern, wenn sie selbst freundlich blieb.

Im Autospiegel versuchte sie ein Lächeln. Ein inneres Lächeln zeigt sich auch außen. Dieser Satz aus ihrem Yogakurs fiel ihr ein. Vielleicht konnte sie das Lächeln ja auch von außen nach innen bringen. Erstmal. Lächelte nochmals in den Spiegel hinein. Dann legte sie die Hand auf die Brust, wo das innere Lächeln sich ausbreiten sollte. Sie stieg aus, ging auf die Türe zu. Blieb in dieser Konzentration, ließ sich auch von den vergrauten Namensschildern neben den Klingeln nicht verunsichern.

Erst als sie die Stufen hochstieg durch das dämmrige Treppenhaus, grünlicher Putz, der an der unteren Leiste von den Wänden abzufallen schien, erst da war das innere Lächeln nicht mehr da. Marlene spürte, wie sich etwas in ihr verkrampfte. Mühsam aufwärts, dritter Stock endlich, zwei Türen rechts und links. An der rechten drei Namensschilder.

Sie las Sabine, Elke, Rolfi. Erst einatmen, dann langsam aus, ruhig werden, Marlene, entspann dich, denk ans Lächeln, sei locker.

Sie klingelte, wartete. Klingelte zweimal, dann ein drittes Mal.