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Marlin weiß ganz genau, was Es will. Es outet sich als non-binär und seine Mitmenschen sollen Es genauso sehen und respektieren, wie Es ist. Leider bekommt Marlin ständig verletzende Kommentare zu hören und spürt oft die Abneigung anderer, sogar im eigenen Familienkreis! Trotz des großen Drucks und persönlicher Niederlagen weigert sich Marlin, aufzugeben und versucht, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Die Erfüllung dieses Wunsches lässt bedauerlicherweise lange auf sich warten und die Probleme aufgrund seiner Geschlechtsidentität schwächen sowohl seine Kraft als auch sein Selbstvertrauen zunehmend. Marlin steht vor großen Herausforderungen und muss eine Entscheidung treffen …
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Seitenzahl: 671
Veröffentlichungsjahr: 2023
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2023 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99146-219-4
ISBN e-book: 978-3-99146-220-0
Lektorat: Birgit Himmüller
Umschlagfoto: Ibnu Chaidir Gaffar | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Personen der Handlung
Familie Gerber:
Marlin, Protagonist der Geschichte
Hanspeter, Marlins Vater
Sandra, Marlins Mutter
Michael, Marlins Großvater
Nadia, Marlins Großmutter
Familie Portmann:
Noah, Marlins bester Freund
Luisa, Noahs Schwester
Marcel, Vater von Noah und Luisa
Anita Huber, Mitarbeiterin von Hanspeter Gerber
Bernadette, Anitas Assistentin
Joachim, Chefkoch der Cateringfirma
Manuel, Mitarbeiter der Cateringfirma
Mario, Marlins Freund
Anton Weber, Manager von der Hotelkette Sonnalu
Frau Schmid, Antons Sekretärin
Levi Salamin, Leiter Personalabteilung der Hotelkette Sonnalu
Paar Schweizer, Bekannte von Hanspeter und Sandra Gerber
Archie Bühler, Marcels und Hanspeters Freund
Adelaide, Haushälterin von Archie
Stephanie, Luisas Freundin
Daniel, Stephanies Bruder
Livio und Toni, Noahs Freund
Vorwort
In diesem Roman werden die LeserInnen das PersonalpronomenEsund den bestimmten ArtikelDasgroßgeschrieben sehen, die sich auf Marlin (Hauptfigur des Romans) beziehen.
Marlin ist non-binär, was bedeutet, dass non-binäre Menschen sich nicht mit dem männlichen und auch nicht mit dem weiblichen Geschlecht identifizieren, sondern mit dem neutralen (es). Aus diesem Grund werden Sie, liebe LeserInnen, das PersonalpronomenEsin der Geschichte sehr oft geschrieben finden, anstattEr.
Lassen Sie sich bitte nicht von den obengenannten Änderungen irritieren, aber es ging nicht anders und es war mir wichtig zu respektieren, wie non-binäre Menschen bevorzugen, genannt zu werden.
Non-binäre und auch gender-neutrale Begriffe bezeichnen ein sehr aktuelles Thema unserer Gesellschaft, das ich in diesem Roman versuchte, so gut wie möglich zu erläutern.
Ich möchte dennoch nicht viel dazu zu sagen, da ich die Neugier der LeserInnen auf diese Geschichte nicht mindern möchte, sondern betonen, wie wichtig es ist, unsere Mitmenschen zu respektieren, egal, welche geschlechtliche Haltung, Religion, Hautfarbe, Interessen sie haben.
Ich wünsche nun Ihnen, liebe LeserInnen,genauso viel Spaß bei der Lektüre, wie ich beim Schreiben hatte.
Eure
Gina Ferreira
2023
1.
Endlich sonnig. Der Frühling hatte sich bis jetzt noch nicht von seiner besten Seite gezeigt und die wenigen freien Minuten in der Wärme taten Marlin gut. Mit dem Gesicht in Richtung der strahlenden Sonne und mit geschlossenen Augen erinnerte Es sich daran, dass die Familie schon längst im Restaurant angekommen sein musste und nur darauf wartete, dass Es ankam.
Eigentlich war es für Marlin wichtig, pünktlich zu sein und Es versuchte immer, sich an Termine zu halten. Aber manchmal schien seine Uhr anders zu ticken und so war es genau heute.
Mit einem breiten Lächeln kam Marlin ins Restaurant herein, das die Großeltern für das familiäre Treffen vorgeschlagen hatten. Sobald Es durchdie Tür des fast vollen Restaurants trat, entdeckte Es schon den Rücken von Hanspeter, seinem Vater. Anseiner Seite saß seine Frau Sandra und ihnen gegenüber Marlins Großeltern, die Eltern väterlicherseits.
Die ganze Familie war also gekommen und saß schon am Tisch.
„Guten Tag, allerseits.“ Aus Respekt vor dem Alter begrüßte Marlin zuerst das ältere Paar und anschließend seine Eltern.
Ganz deutlich und wahrscheinlich absichtlich, um ihn zu irritieren, blickte Hanspeter auf seine Uhr und zeigte eine Grimasse. „Wir warten schon auf dich seit …“
„Ich weiß“, unterbrach ihn Marlin, während Es sich auf die rechte Seite der Großmutter setzte. „Ich bin ungern unpünktlich, aber heute ging es nicht anders.“
„Es waren nur ein paar Minuten“, seine Großmutter legte eine Hand auf seinen Arm. „So hatten wir eine entspannte Möglichkeit, uns miteinander auszutauschen.“ Und anschließend blickte sie zu ihrem Sohn mit warnenden Augen.
„Zwanzig, umpräzisezu sein“, korrigierte ihr Sohnsie und ignorierte die Warnung.
Um das Thema zu wechselnund das Klima am Tisch wieder zu beruhigen, hob Michael sein Glas Wein. „Wir stoßen jetzt auf die Familie an, die es endlich geschafft hat, zusammen zu kommen.“
Alle folgten seinem Beispiel und Marlin zwinkerte dem Großvater zu. „Danke für die Einladung.“
Die Wärme von Nadias Augen war für Marlin schon sein ganzes Leben lang ein Geschenk gewesen und heute war keine Ausnahme.
„Ich habe schon Appetit“, schlug Nadia vor. „Lasst uns schon bestellen, bevor die Menschenmasse kommt.“
So viel Hunger fühlte Marlin an jenem Mittag noch nicht, denn er hatte in der letzten Nacht noch lange mit Luisa vor dem Computer gesessen, um einen Film anzuschauen, und immer wieder Chips zusammen mit ein paar Bieren konsumiert.
Marlin wusste, dass Es an jenem Morgen nicht besonders gut aus aussah, denn Es war recht spät aufgestanden. In der kurzen Zeit, die Marlin noch vor seinem Termin mit der Familie hatte, duschte Es sich schnell, griff nach dem erstenKleidungsstück, das Es auf einem Stuhl liegend fand, und sauste praktisch zum Restaurant.
„Muss das wirklich sein?“
Am Anfang merkte Marlin nicht, dass der Satz in seine Richtung gesagt wurde. Sein Vater stellte Marlin die Frage mit einem kritischen Blick und Es schaute sofort seine Fingernägel an, die abwechselnd blau und gelb lackiert waren.
Am vorigen Abend, während Marlin die Nachrichten sah, hatte sich Luisa die kleinen Lackflaschen mit den verschiedenen Farben geholt und sich ohne zu fragen ans Werk gemacht. Ein Lächeln huschte über Marlins Lippen und sein Vater glotzte immer noch die bunten Fingernägel an mit einem angeekelten Blick.
Marlin entschied sich, die Reaktion seines Vaters lieber zu ignorieren und zuckte mit den Schultern. „Ein Spaß von Luisa.“
„Und du hast heute, als du aufgestanden bist, nicht daran gedacht, das abzuwischen?“ Hanspeter deutete mit dem Kinn in Richtung Marlins Hände.
Das Thema fing allmählich an, Marlin zu irritieren, aber Es wollte seinem Vater das Leben nicht zu leicht machen. „Es stört mich nicht, im Gegenteil!“
„Puff“, reagierte der Vater sofort.
„Lass Es in Ruhe“, mischte sich Nadia ins Gespräch ein, das sie schon zu gut kannte. „Marlin hat einen eigenen Stil und wir müssen Es respektieren.“
Wenn sie dachte, dass sie ihren Sohn mit ihrer Aussage beruhigt hatte, dann dachte sie falsch. Hanspeter trank seinen Wein ganz aus und goss sich mehr ein. Plötzlich spürte er die Hand seiner Frau auf seinem Arm.
„Bitte, Hans, denke an dein hohes Cholesterin.“
Ohne richtig auf seine eigene Reaktion zu achten, ließ er die Hand seiner Frau ein bisschen zu brüsk los und sein Gesicht wurde leicht rot.
Er sah Marlin in die Augen und beugte seinen Körper ein wenig über den Tisch, damit die Personen am Nachbartisch nichts davon mitbekämen, was er zwischen den Zähnen zischte: „Ich hatte einen Sohn, der sich vor ein paar Jahren noch ganz normal benommen hat. Ein Sohn, der sich als Mann …“
„Was denn?“, kam plötzlich die ruhige Gegenfrage von Marlin.
Sein Gesicht war ernst, aber die Ecken seines Mundes zuckten leicht, unauffällig. Das Thema hatten sie schon so oft zu Hause; Gespräche, die zeitweise zu hitzigen Diskussionen wurden. Mittlerweile amüsierte sich Marlin öfter darüber, als dass sie Es aufregten.
Schade war nur, dass sein Vater noch nicht in der Lage war, die Situation endlich anzunehmen. Aber das sollte auch nicht mehr sein Problem sein, denn Marlin hatte ihm schon viele Male erklärt, wie Es war. Mittlerweile rechnete Es nicht mehr mit der Akzeptanz seines Vaters.
Marlin beugte sich auch leicht über den Tisch und sprach leise: „Ich bin ein Mensch, der sich sehr wohl bewusst ist, dass er die Gesellschaft schockiert, obwohl ich nichts Falsches tue. Und das macht mich nicht weniger Mensch als die Männer und die Frauen, die hier sitzen.“ Es ließ seinen Blick im Restaurant umherschweifen und hörte dann bei seinem Vater auf. „Du solltest eigentlich am besten wissen, dass ich damals nur meine Identität versteckt habe, bis ich mich ganz offen vor euch und vor der Öffentlichkeit gezeigt habe. Und du weißt genauso auch, wie erleichtert ich seitdem lebe. Nur Marlin. Nicht mehr, nicht weniger.“
Zum Glück kam der Kellner schon mit zwei vollen Tellern, die er zuerst vor Sandra und anschließend bei Nadia servierte. Hinter ihm erschien ein zweiter Kellner, der beim Rest der Familie jeweils einen Teller abstellte.
„Ich wünsche Ihnen einen guten Appetit.“ Der Kellner lächelte höflich und entfernte sich langsam.
Alle bedankten sich und Hanspeter bemerkte die schönen Farben der Krevetten und Miesmuscheln, die in einer pinken Soße schwammen. Unsicher wegen der neuen und gewagten Bestellung pickte er mit seiner Gabel eine Krevette auf und führte sie mit einer langsamen Bewegung zum Mund. Auf einmal war sein Appetit nicht mehr so groß.
Im Gegensatz zu ihm schien Marlin die vorherige Nacht längst vergessen zu haben. Mit sichtbarem Genuss zerschnitt Es sein großes Stück Steak und kaute mit zufriedener Miene. Beim Duft des gegrillten Fleischs auf seinem Teller rumorte sein Magen plötzlich, sodass Marlin zugeben musste, dass Es eigentlich mehr Appetit hatte als gedacht.
Michael goss seiner Schwiegertochter noch etwas Wein ein, die sich sofort bei ihm bedankte.
„Schmeckt dir dein Reis mit Pute?“ Er schaute zu ihrem Teller und bedauerte innerlich, dass Sandra nichts Neues probieren mochte. Fast immer aß sie Pute, egal, ob sie zu Hause oder in einem Restaurant war.
„Sehr“, antwortete sie mit einer forcierten Zufriedenheit, sodass die anderen sich fragten, ob sie ihre Enttäuschung über das Essen oder über das vorige Gespräch zu verstecken versuchte.
Nadia war in ihrem Alter auch nicht mehr viel an kulinarischen Experimenten interessiert und bestellte für sich einen Gemüseeintopf mit Fleisch. Das war etwas, was sie sehr gerne aß.
Sie wandte sich Marlin zu. „Wie läuft’s mit deinem Abschluss? Schaffst du es, ein gutes Zeugnis zu kriegen?“
Hanspeter hörte sofort auf zu kauen und schaute in Marlins Richtung. Er war ebenfalls neugierig auf die Antwort, denn vor drei Jahren hatte Marlin einfach so eine traumhafte Ausbildung als Jurist abgebrochen und sich für etwas anderes entschieden. Mittlerweile hatte Es seine Ausbildung als Kaufmann fast fertig und hatte schon ein paarmal über eine Weiterbildung gesprochen und über die Möglichkeit, einen Master zu machen.
Hanspeter hatte sich schon oft gefragt, was das wohl werden würde. Er war wütend, weil Marlin eine Chance für eine gute Karriere als Jurist verpasst hatte. Aber im Moment entschied er sich, seine Gedanken nicht laut auszusprechen und trank lieber einen Schluck seines Rotweines.
Langsam kaute Marlin sein Stück Fleisch, schluckte es runter und blickte dann zu seiner Großmutter. „Ich bin so gut wie fertig. Nur ein paar letzte Prüfungen und ich bin durch.“
„Freut mich für dich.“ Sie lächelte ehrlich. „Und dann? Suchst du dir einen Job?“
„Eine andere Chance hat Marlin auch nicht, denn von mir bekommt er keinen Rappen mehr.“
Sofort richteten sich Nadias Augen auf ihren Sohn. „Warum bist du immer so unfreundlich, wenn wir mit Marlin über seine Zukunftspläne reden?“
Ihr Sohn hatte nicht mit dieser Frage gerechnet und griff nach seiner Gabel, ohne ein weiteres Wort zu äußern.
Nadia wandte sich wieder Marlin zu. „Also, erkläre mir, was du vorhast!“
Dankbar, dass die Großmutter so beharrlich war, schenkte Marlin ihr ein charmantes Lächeln, mit dem Es jede Frau schwach machen könnte.
„Als Nächstes muss ich mir einen Job suchen, da ich bald meine eigenen Rechnungen zahlen muss. Ich würde mich später allerdings weiterbilden, aber dies muss noch warten.“ Marlin blieb ein paar Sekunden lang ruhig und sah nachdenklich aus. Als Es merkte, wie die Familie angespannt in seine Richtung starrte und auf eine weitere Erklärung wartete, zuckte Es leicht mit den Schultern. „Ich gebe mir zuerst Zeit, mich dem Arbeitsmarkt anzupassen und werde dann entsprechend entscheiden.“
Vom Vater blickte Marlin zu seiner Mutter, die plötzlich nicht sehr glücklich zu sein schien; Es fragte sich, woran das liegen konnte. Es war für jeden in der Familie sichtbar, dass sie heute besonders schweigsam war.
Nichtsdestotrotz entschied sich Marlin, die schlechte Stimmung der Eltern zu ignorieren und begegnete wieder den freundlichen Augen der Großmutter, die ihn ermutigte, weiter zu erzählen.
„Wahrscheinlich“, lächelte Marlin schließlich die Großeltern an, „ich betone wahrscheinlich, werden ich und Luisa bald zusammenziehen.“
„Oh!“, kam es sofort von der Mutter.
„Das sind Pläne!“, reagierte der Opa mit einem breiten Lächeln.
„Das kannst du wohl vergessen!“, sagte Hanspeter prompt. Und als alle Augen zu ihm blickten, lächelte er freudlos. „Marcel wird es nie erlauben.“
„Warum nicht?“, fragte ihn seine Mutter in der nächsten Sekunde.
Ihr Sohn zuckte mit den Schultern. „Ganz einfach. Luisa ist noch zu jung und ihr kennt ihn. Marcel wird seine Tochter nicht einfach gehenlassen, ohne dass sie zuerst ihre Ausbildung beendet.“
„Sie ist neunzehn Jahre alt“, entgegnete Marlin schnell.
„Vergiss nicht“, Hanspeters Augen waren nun in Marlins Richtung gerichtet, „dass er verwitwet ist und seine Kinder alles für ihn bedeuten. Luisa ist noch kaum volljährig und nicht einmal fertig mit ihrer Ausbildung …“
„Ich werde für sie sorgen. Sobald ich einen Job gefunden habe, mieten wir eine schöne Wohnung und ich bezahle ihre Ausbildung.“
„Und wie denkst du das genau zu tun?“ Der Vater vermied den Blick zu Marlins Fingernägeln, die immer wieder seine Aufmerksamkeit erregten. „Warte mal ab, ob du so schnell eine Stelle findest.“
„Hans!“
„Es ist so, Mutter.“ Seine Stimme wurde lauter. „Der Stellenmarkt ist klein und es gibt viel Konkurrenz…“ Wieder schaute er zu den bunten Fingernägeln. „Nicht alle sind so offen wie …“
„Wie wir?“ Zum ersten Mal seit Langem sprach Michael, der die Diskussionen bis dahin ruhig verfolgt hatte. Da sein Sohn ihm nicht auf die Schnelle eine Gegenantwort lieferte, nickte dieser nur mit dem Kopf. „Ich glaube, ein Kaufmann wird immer wieder gesucht, und soweit ich weiß, hat Marlin ausgezeichnete Noten. Abgesehen davon, dass er mehrere Fremdsprachen gut beherrscht. Nein.“ Michael trank von seinem Wasser, weil sein Mund trocken geworden war. „Marlin wird es schon schaffen, eine Stelle zu finden. Daran zweifle ich überhaupt nicht.“
„Suchst du schon etwas? Eine Wohnung, meine ich.“ Endlich hörte Marlin die Stimme seiner Mutter.
„Noch nicht, aber bald werde ich damit anfangen müssen. Luisa muss auch mitkommen, weil es schließlich für uns beide ist.“
„Da bin ich froh, dass du von deinem kleinen Zimmer ausziehst. Es sieht mehr wie ein Loch aus als ein eigenständiges Zimmer.“
„Na ja“, Marlin blickte auf seinen Vater, „viel mehr Geld habe ich nicht für die ganzen monatlichen Rechnungen und dieses Zimmer war das Beste, was ich finden konnte.“
„Ich an deiner Stelle würde mich nicht beklagen. In deinem Alter habe ich schon für mein eigenes Einkommen gearbeitet und gleichzeitig gelernt“, entgegnete Hanspeter ruhig.
„Ich beklage mich nicht, Vater. Ich erkläre Mama nur, warum ich so lebe, wie ich lebe.“
„Ich glaube, dass es eine gute Idee wäre, jetzt das Dessert zu bestellen“, schlug Michael schnell vor, um das nächste unangenehme Thema zu vermeiden.
2.
Luisa war noch dabei, sich die richtige Bluse zu suchen, die sie an jenem Nachmittag zum Treffen mit Marlin tragen wollte. Sie hatte gerade zwei ihrer Lieblingsblusen auf dem Bett liegen und schielte von einer zur anderen. Sollte sie die Hellblaue oder die Rote tragen. So unentschieden war sie selten bei der Auswahl ihrer Kleidung, aber heute war eine Ausnahme. Luisa seufzte und griff nach der roten Bluse. So, sie hatte sich dafür entschieden und Punkt.
Schnell zog sie sie an und betrachtete sich im Spiegel. Eine schlanke Frau mit enger schwarzer Hose und passender Bluse; sie fühlte sich weiblich und hübsch. Luisa lächelte sich selbst an.
Sie kannte Marlin sehr gut, denn Marlin liebte sie sogar, wenn sie ganz in Schwarz oder in Gelb mit riesigen Bällen als Muster erscheinen würde. Es spielte für Marlin keine Rolle, welche Kleidung sie trug. Sie musste sich nur gut fühlen dabei.
Als Luisa einen Blick auf ihre Uhr warf, erschrak sie. Bald würde Marlin vor der Tür stehen und sie hatte sich noch nicht geschminkt. Mit einer raschen Bewegung nahm sie den rosa Lippenstift und betupfte sich damit sorgsam die Lippen. Mit sicherer Hand schminkte sie sich weiter, Eyeliner über die Augenlider und dunkle Tusche auf die Wimpern. Noch ein letzter Blick auf ihr Werk und sie warf sich selbst einen Kuss in der Luft zu.
Als sie schon auf dem Weg die große Treppe hinunter war, hörte Luisa die Klingel und eilte zur Tür, um zu öffnen. Das war sicher Marlin, denn Es war normalerweise pünktlich.
Plötzlich nahm sie die Gestalt ihres Vaters aus ihrem rechten Augenwinkel wahr und sah, wie er die Tür noch vor ihr erreichte.
„Ah, Marlin!“, hörte Luisa die ersten leise ausgesprochenen Worte ihres Vaters. Obwohl sie sein Gesicht nicht sehen konnte, nahm sie am Ton seiner Stimmesofort wahr, dass er sich nicht besonders freute, ihren Freund zu sehen.
„Guten Tag, Herr Portmann.“ Im Gegensatz zu ihrem Vater klang Marlins Stimme fröhlich. „Darf ich reinkommen?“
Luisa spürte eine gewisse Unsicherheitin ihrer Brust und fragte sich, was ihr Vater noch vor Marlin dort machte. Wollte er Marlin nicht ins Haus lassen? Marcel bewegte sich endlich etwas zur Seite, um Marlin zu erlauben, in sein Haus zu treten, und in diesem Moment erreichte Luisa die beiden Männer.
Als Marlin sie sah, lächelte Es breit und küsste sie flüchtig auf die Lippen. Aus Respekt dem älteren Mann gegenüber wollte Marlin ihn nicht provozieren mit einem richtigen Kuss. Denn die Art und Weise, wie Herr Portmann in ihre Richtung schaute, zeigte unmissverständlich, dass er keine gute Meinung über die Beziehung seiner Tochter mit ihm hatte.
Im Bewusstheit, dass sie beobachtet wurden, wandte sich Marlin ganz Luisa zu, die leicht verwirrt aussah, und lächelte sie an. „Bist du schon bereit?“
„Gerade eben“, antwortete sie mit leicht zitternder Stimme. „Gehen wir zu unserem Lieblingsrestaurant?“
„Ich fürchte schon, dass Marlin nicht in der Lage ist, deine verwöhnten Wünsche zu erfüllen.“ Wie aus dem Nichts spuckte Luisas Vater seine Worte aus.
Seine Tochter wollte schon den Mund aufmachen, um etwas zu erwidern, als sie Marlins Antwort hörte: „Bei allem Respekt, Herr Portmann, Luisa ist keine verwöhnte Frau. Bis jetzt hatten wir keine Schwierigkeiten, unsere eigenen Interessen selbst zu finanzieren.“
„Das klingt gut.“ Marcel gab nicht nach und dies gefiel seiner Tochter gar nicht. Luisa spürte den Wunsch ihres Vaters, Marlin ins Schwitzen zu bringen, was er manchmal liebend gern tat, wenn er jemanden nicht besonders mochte. „Es wird eine Frage der Zeit sein, bis du verstehen wirst, was ich meine“, erwiderte Marcel weiter mit bestimmter Stimme.
„Das glaube ich nicht.“ Marlins Ton klang noch ruhig, aber die Enttäuschung war nicht zu überhören.
Was war auf einmal los mit dem Mann, den Marlin schon als kleiner Junge kannte?
Luisa wandte sich nun ihrem Vater zu. „Papa, lass es bitte so sein, wie es ist. Marlin und ich verstehen uns gut, und ob wir die Rechnung bezahlen können oder nicht, ist unser Problem.“
Marcel erkannte, dass er seine Tochter verletzt hatte und ihr trauriges Gesicht verriet ihm, dass seine Kommentare unangebracht waren. Er bereute nun seine Worte, deswegen nickte er leicht mit dem Kopf und versuchte zu lächeln, was ihm jedoch nicht gelang.
„Ich habe es nicht so gemeint.“
„Selbstverständlich“, entgegnete Marlin leise und nahm Luisas Hand in seine. „Gehen wir?“, fragte Es sie, während Es weiterhin Marcel anschaute.
Noch sprachlos nickte Luisa und verabschiedete sich von ihrem Vater mit einem Kuss auf die Wange. „Bis später.“
„Komm nicht zu spät. Deine Prüfungen stehen vor der Tür und du darfst nicht zu erschöpft sein.“
Ohne ein weiteres Wort machte seine Tochter die Tür des Haupteingangs auf und sah noch, wie Marlin ihrem Vater die Hand zu einem Gruß entgegenstreckte, bevor Es zu ihr kam.
Vom Fenster des Wohnzimmers aus beobachtete Marcel die beiden jungen Leute draußen. Marlin öffnete langsam die Beifahrertür und stieg ins Auto.
Luisas Auto, wohl gemerkt, überlegte sich Marcel. Das Auto, das er ihr zu ihrem neunzehnten Geburtstag geschenkt und worüber sie sich sehr gefreut hatte.
Das Auto wurde vom Parkplatz weggefahren und entfernte sich langsam. Marcel folgte ihm noch für eine Weile mit den Augen und sah, wie es das Ende der Straße erreichte und langsam um die Ecke bog.
Er wusste, und deswegen fühlte sich Marcel ruhig, dass seine Tochter eine sichere Fahrerin war, sonst hätte er ihr kein Auto gekauft. Denn er hatte schon seine Frau vor sechs Jahren verloren und wollte keine solch schmerzhaften Verluste mehr erleben.
Seine Kinder waren alles für ihn und Marcel war bewusst, dass die Angst, dass ihnen etwas passieren könnte, mit den Jahren stieg. Luisa war noch sehr jung und ihr zwei Jahre älterer Bruder war auch noch daran zu lernen,sich im Leben unabhängig zu machen. Mit anderen Worten, die beiden brauchten ihn noch eine Weile, bis sie endgültig selbstständig sein würden,und Marcel hatte die Absicht, seine Aufgabe als umsorgender Vater richtig zu machen.
Aber Marlin …
Marcel kannte den Jungen seit Es klein war, denn er war mit dessen Vater schon seit vielen Jahren befreundet. Die beiden Männer fühlten sich miteinander verbunden, nicht nur aus persönlichen Gründen, sondern auch aus beruflichen. Daher wusste Marcel sehr gut, dass Marlin aus einer guten und respektablen Familie stammte. Genauso wusste er Bescheid über die gute Erziehung, die Marlin seit seiner frühen Kindheit genossen hatte, was allerdings ein Grund mehr war, nicht zu verstehen, warum Marlin damals sein Jurastudium abbrach, um stattdessen einen viel weniger angesehenen Beruf zu erlernen.
Marlin hatte so oft mit seinen eigenen Kindern gespielt und sie hatten viel gemeinsamunternommen, dass Es praktisch zur Familie gehörte. Es war wirklich eine Freude gewesen zu sehen, wie sich alle drei Kinder während der Jahre gut verstanden. Deswegen war es keine große Überraschung für die beiden Familien, als Noah und Marlin sich als „beste Freunde“ bezeichneten.
Es wäre eigentlich bestens gewesen, wäre da nicht die Andersartigkeit von Marlin, die ihn störte.
Marcel entfernte sich vom Fenster und setzte sich auf seinen Lieblingssessel. Nach vorne starrend, machte er sich weiter Gedanken über Marlin. Er musste das jetzt angehen, um endlich zu einem Schluss zu kommen, denn er hatte die unerwünschten Gedanken schon zu lange weggeschoben.
Marcel war heute mit der Beziehung seiner Kinder zu Marlin überhaupt nicht glücklich. Es handelte sich hier um seine Kinder und er musste die gegenwärtige Lage ändern, bevor es zu spät war.
In den vergangenen Jahren hatte Marcel keinen Verdacht geschöpft. Nie hatte er Indizien in Marlins – damals noch Martin – Benehmen wahrgenommen. Der Junge, der so oft in seinem Haus mit seinen Kindern spielte und manchmal an seinem Tisch saß, teilte eines Tages allen mit, dass er ab jetzt nur Marlin und nicht mehr Martin hieß. Wie war es denn möglich, den Namen so rasch zu ändern? Und warum tat Es das?
Marlin fand irgendwann Geschmack daran, besondere und extravagante Tendenzen zu verfolgen, fing an, weibliche Kleidung anzuziehen, sich die Fingernägel zu lackieren oder Lippenstift zu tragen und seitdem ließ Es diese verrückte Angewohnheit nicht mehr los.
Am Anfang dachte Marcel, dass Marlin damit nur Spaß machte oder Karneval spielte. Aber im Sommer war es nicht üblich, Faschingsmontag zu feiern … Aus diesem Grund war es unmöglich, weiter zu glauben, dass Marlin ewig Witze über sein Aussehen machte.
Die Bestätigung dieser Umwandlung kam von seinem langjährigen Freund Hanspeter – Marlins Vater. Schockiert bekam Marcel eine persönliche Erklärung von ihm, dass Marlin eigentlich kein Transvestit war und keine anderen geschlechtlichen Tendenzen besaß. Sondern, dass Marlin sich als non-binär definierte.
Noch nie in seinem Leben hatte Marcel so etwas gehört und fragte dann Hanspeter, ob Marlin Witze mache. Aber die angespannte Haltung seines Freundes sagte ihm alles und nach längerem Überlegen fragte Marcel endlich,was das auf einmal zu bedeuten hätte. Er traute kaum seinen Ohren, als er die Erläuterung dazu von Hanspeter erhielt.
Gab es in der Sprache so eine Definition überhaupt oder erfand Marlin gerade eben eine Ausrede für sein mehr als ungewöhnliches Benehmen, einfach damit Es mehr Aufmerksamkeit bekam?
Lange glaubte Marcel, dass Marlin es irgendwann nicht mehr schaffen würde, weiter mit seinem aktuellen extravaganten Stil fortzufahren, aber er irrte sich. Das dauerte nun schon mehrere Jahre! Und so wie Marlin heute bei ihm erschienen, war Marcel mittlerweile überzeugt, dass Es auch in der Zukunft so bleiben würde und Marlin es damit ernst meinte.
Jetzt musste er an seine liebe Tochter denken und Marcel fürchtete, dass Marlins Gesellschaft nicht mehr so gut ankommen würde wie früher.
Was würden seine Freunde sagen oder denken, wenn sie Luisa zusammen mit einem Mann trafen, der sich wie eine Frau und ein Mann gleichzeitig anzog und geschminkt rumlief? Was für eine Schande das wäre!
Er hatte wirklich nicht das geringste Interesse daran, von seinem Freundeskreis ausgelacht zu werden, genauso hatte er auch nicht umsonst sein Leben lang hart gearbeitet, um seinen Kindern die besten Schulen bezahlen zu können und ihnen eine gute Erziehung zukommen zu lassen, damit einer kam und seiner guten gesellschaftlichen Position schadete.
All dies nur, weil Marlin plötzlich Lust hatte, anders zu sein!
Etwas musste er machen, damit Luisa ihre Beziehung mit Marlin so rasch wie möglich beendete und sich endgültig von ihm distanzierte.
Bevor Marlin und Luisa ins Restaurant gingen, entschieden sie sich zuerst einen Spaziergang entlang des Vierwaldstättersees zu machen. Luisa ging das vorherige Gespräch zu Hause nicht aus dem Kopf und obwohl Marlin ihr schon mindestens drei Mal versichert hatte, dass das Verhalten ihres Vaters Es nicht störte, konnte sie es trotzdem nicht vergessen und fühlte sich immer noch beunruhigt.
Wenn ihr Vater Marlin schon seit jeher kannte, warum behandelte er Es, als ob Marlin ein Fremder wäre? Seine Anspielungen auf Marlins miserable finanzielle Lage verletzten sie unheimlich. Außerdem war sie auch keine außergewöhnlich verwöhnte Frau, wie ihr Vater es darstellen wollte. Nein, so war sie nicht.
Es war Luisa klar, dass ihr Vater mit solch absurden Kommentaren wie vorhin Marlin beleidigen wollte …
„So nachdenklich.“ Marlins schönes Gesicht erschien an ihrer Seite, als Es eine Strähne ihrer Haare nach hinten zog. „Bist du noch zu Hause?“
Luisa lächelte wegen der empfindsamen Frage. Es war manchmal so typisch von Marlin mit ihr zu sprechen, als ob Es Angst hätte, dass sie unter dem dauernden Druck zusammenbrechen würde. Und genau dies war einer der Gründe, warum sie sich in ihn verliebt hatte.
„Ich fürchte ja!“, seufzte sie und sog danach die frische Luft des Frühlings in ihre Lungen ein. „Ich mag nicht, wenn mein Vater so mit dir spricht, wie vorhin.“
„Es macht mir nichts aus.“
Sie drehte sich komplett zu ihm um. „Wie kann es dir nichts ausmachen, wenn die Menschen dich respektlos behandeln?“ Sie schloss kurz die Augen. Marlins ruhige Haltung machte sie noch ärgerlicher.
Es wäre nur normal, in einer solchen Situation die Ruhe zu verlieren und sogar fast gewalttätig zu werden. Aber Marlin nicht. Das ging zu weit und sie hatte es satt zu sehen, wie Marlin alles einfach hinnahm und nichts dagegen unternahm.
Marlin legte seine Arme um ihre Taille und sprach leise: „In dem Moment, als ich mich entschieden habe, es zuzugeben, was für eine Person ich bin, mein wahres Ich zu zeigen, wusste ich, dass es nicht einfach sein würde.“ Es küsste sie auf den Kopf. „Die Menschen sind sehr traditionsgebunden und brauchen zum Teil eine Ewigkeit, etwas Neues zu verstehen und zu akzeptieren. Bei deinem Vater ist es nicht anders.“
Mit dem Gesicht auf Marlins Brust antwortete Luisa traurig: „Was gibt es hier zu verstehen? Du bist, wer du bist und die anderen haben dich zu akzeptieren, wie es ist. Sonst nichts.“
„Schön gesagt, aber du bist eine der wenigen Personen, zusammen mit deinem Bruder, die es verstehen. Sogar meine Eltern haben ein riesiges Problem damit, es zu akzeptieren und normal mit mir umzugehen. Um genau zu sein, mein Vater hasst diese Vorstellung. Es ist fast ein Wunder, dass er immer noch mit mir redet.“
Eine schwere Pause lag zwischen ihnen und Marlin massierte Luisas Rücken langsam mit der Hand.
Sie hob den Kopf und küsste Marlins Kinn. „Es wäre so schön, eine Welt ohne Konventionen zu haben. Ohne Kritik, ohne Definitionen, was richtig oder falsch ist. Ganz einfach leben und leben lassen.“
„Du bist eine intelligente Frau, Luisa.“ Marlin senkt den Kopf und küsste sie auf die Lippen. „Darum sind wir heute zusammen.“
„Nur, weil ich intelligent bin?“, kicherte sie leise und steckte ihren Kopf tiefer zwischen ihre Schultern.
Marlin lachte auf. „Na ja. Andere Facetten hast du schon, aber diese lassen wir lieber für später.“ Und Es beugte sich zu ihr, um sie noch einmal zu küssen.
Luisa lächelte geschmolzen. Sie wusste, dass Marlin seit einer Weile romantische Gefühle für sie hatte und sie genoss seitdem seine spezielle Aufmerksamkeit. Begehrt zu sein, machte sie glücklich, bis sie irgendwann seinem Charme nicht mehr widerstehen konnte und sich ihm endlich hingab.
Es war eine schöne Beziehung. Marlin war lustig und gab ihr viel Spielraum, ihr eigenes Leben zu leben. Eigenschaften, die Luisa in der Beziehung mit Marlin genoss, denn Probleme hatte sie schon genug zu Hause mit ihrem Vater und mit seinem zu konventionellen Stil.
Nachdem ihre Mutter gestorben war, intensivierten sich Marcels Sorgen um seine Kinder und dadurch wurde seine Kontrolle noch stärker. Besonders was sie betraf. Manchmal hatte Luisa den Eindruck zu ersticken und Marlin kam genau zum richtigen Zeitpunkt, um sie davon zu erlösen.
Im Großen und Ganzen lief alles gut zwischen ihnen, wenn da eine Kleinigkeit nicht wäre … und dies machte Luisa nachdenklich. Es konnte altmodisch klingen, aber sie hatten noch nicht miteinander geschlafen.
Luisa wusste auch nicht genau, warum sie dafür noch nicht bereit war, aber mit Marlin zu schlafen war für sie, als ob sie mit dem eigenen Bruder schlafen würde. Dieses Gefühl ließ sie nie los und Marlin darüber aufzuklären, kam für sie nicht infrage. Außerdem hatte sie keine Ahnung, wie sie über diese Gefühle Marlin gegenüber sprechen sollte.
Marlin zeigte sich ihr gegenüber gefühlvoll und war nicht böse auf sie. Wie könnte Es auch? Geduld war eine seiner Tugenden und Marlin hatte vor, diese nicht zu verlieren.
Die starke Hand auf der ihren brachte Luisa zurück in die Gegenwart und sie sah Marlins lächelndes Gesicht. „Gehen wir langsam rein? Ich verhungere.“
Lachend zog sie Marlin hinter sich her und versuchte, die dunkle Wolke in ihrem Innern zu ignorieren. So einen schönen Moment wollte sie definitiv nicht mit schlechten Gedanken vermasseln.
3.
„Wie lange kannst du noch bleiben?“ Marlin brachte von dem kleinen Kühlschrank ein Bier für den jungen Mann, der auf einem alten Sessel saß.
Noah machte es sich auf seinem engen Sitz bequem und lächelte frech. „Mensch, Marlin, woher hast du diesen unmöglichen Sessel? Es gibt kaum Platz für meinen Hintern.“ Noah lachte, als er Marlins Beklommenheit bemerkte. „Schon gut. Ich weiß es schon.“
Marlin setzte sich ihm gegenüber auf das Bett und streckte die Beine nach vorne. „Wenn du es weißt, warum fragst du jedes Mal, wenn du hierherkommst?“ So barsch wollte Marlin seinen Freund nicht ansprechen und Es entschuldigte sich rasch.
„Kein Thema, dass du dich hier nicht wohlfühlst.“ Noah schaute sich um in dem engen Raum, der das Reich seines Freundes sein sollte. „Aber es ist, wie du sagst, du kannst dir nichts anderes leisten und es ist auch nur eine Frage der Zeit, bis du etwas Besseres findest.“
Marlin öffnete die Flasche Bier und trank einen langen Schluck davon, als ob Es den ganzen Nachmittag nichts getrunken hätte.
Von seinem Sitz aus beobachtete Noah seinen Freund und seufzte. Es war nicht fair von Marlins Vater, dass er nur das Notwendigste überwies, damit der Sohn über die Runden kam. Hanspeter war höchstwahrscheinlich nie in diesem Zimmer gewesen, sonst hätte er seine Meinung längst geändert.
„Ich weiß, woran du denkst“, meinte Marlin, Das seinen Freund die ganze Zeit nicht aus den Augen verlor.
Noah schüttelte den Kopf, als ob er seine düsteren Gedanken wegwischen wollte und trank noch einen Schluck von seinem Bier. Die frische Flüssigkeit tat seinem Hals gut. Und wahrscheinlich auch seinem Kopf, der sehr müde war.
Noah spürte, wie die dunklen Augen von Marlin seine Bewegungen sorgsam studierten und schaute zu ihm. „Woran denke ich jetzt eigentlich?“
Marlins schwaches Lächeln konnte in jeder Situation charmant sein, egal in welcher Lage Es sich gerade befand, und Es antwortete besser gelaunt: „An meine Misere.“ Es putzte sich den Mund mit dem Ärmel. „Habe ich recht?“
„Ja und nein.“ Noah schaute nach rechts, seine Augen blieben am großen Fenster hängen. „Nicht an deine Misere, sondern an … dein Pech.“
„Pech?“ Marlin hob eine Augenbraue.
„Und auch an deinen Mut.“ Jetzt drehte sich Noah zum ihm und beide fixierten sich sekundenlang, ohne ein Wort zu sagen. Noah räusperte sich als Erster und fing an, langsam zu sprechen: „Seitdem du deine Stimme gegen alle Prinzipien deiner Umgebung erhoben hast, bezahlst du leider einen hohen Preis dafür.“ Marlin sagte noch nichts und schlug mit der Flasche gegen ein Bein. Noah schüttelte bedächtig den Kopf und Marlin verstand, dass er in seinen Gedanken verloren war, bis er plötzlich anfing weiterzureden: „Dein Vater straft dich auch, weil du dich entschieden hast, nicht Rechtsanwalt zu werden. Eine Sache, die ich nicht verstehen kann, weil er doch selber auch keiner geworden ist …“
„Genau aus dem Grund will er, dass ich einer werde.“
„Du … stehst auch zu deiner Entscheidung, gender-neutral zu sein, und zeigst allen, woran sie mit dir sind. Du versteckst dich nicht …“
„Das habe ich lange genug gemacht …“
„Aber seit Jahren bist du, wer du bist, ohne dich kleinmachen zu lassen. Du gehst weiter, ohne Rücksicht auf Meinungen, Kritik oder Bedrohungen.“
Die Bewunderung in Noahs Gesicht war ehrlich und Marlin schluckte einmal leer. „Ich verstehe wirklich nicht, warum du gerade jetzt …“
Noah unterbrach Marlin, indem er sich mit einem einzigen Sprung aus dem Sessel befreite, um das Fenster mit zwei weiteren Schritten zu erreichen.
Noch mit dem Rücken zu Marlin fuhr Noah leise fort: „Weil ich merke, wie du immer wieder behandelst wirst. Überall wirst du ausgelacht und nicht ernst genommen.“ Er drehte sich langsam um und traf Marlins Blick. „Deine eigene Familie macht dir das Leben schwer. Stell dir vor …“ Noah atmete tief ein. „Stell dir vor, in der Schule, auf der Straße, egal, wohin du gehst, musst du immer kämpfen.“
„Warum jetzt diese negative Stimmung?“ Marlin stand auch auf und stellte sich vor den Freund. „Darüber haben wir schon oft geredet. Und kämpfen ist nicht das Richtige …“
„Doch.“ Noahs Ton wurde aufgeregter: „Siehst du nicht, wie die Personen auf der Straße dich anschauen, wenn du einen Rock oder Lippenstift trägst? Sogar …“ Noah gestikulierte schnell mit den Armen, „… die Personen, die dich seit deiner Kindheit kennen, akzeptieren dich nicht. Das ist doch ein Kampf, was du jeden Tag erlebst, und trotzdem versuchst du es gleichzeitig zu übersehen!“
Noahs offensichtliche Enttäuschung machte Marlin nachdenklich. Sie hatten schon oft über seine Selbstfindung gesprochen und auf einmal kam Noah mit diesem Thema aus dem Nichts, was Marlin, ehrlich gesagt, richtig überraschte.
Konnte es sein, dass Noah sich jetzt unsicherer fühlte und sich fragte, ob er mit Marlins Entscheidung umgehen konnte? Wollte er Marlin etwas sagen, wofür er den Mut nicht fand? Noahs Stimmungswechsel genügte ihm als Zeichen, dass etwas bei seinem Freund nicht in Ordnung war und Es machte sich innerlich bereit für das, was noch kommen könnte.
„Noah“ Marlin legte den Arm auf den seines Freunds, „was meinst du damit so plötzlich? Natürlich werde ich nicht von allen verstanden und akzeptiert, aber … das wusste ich schon.“ Es ging einen Schritt zurück, um Noahs Gesicht besser zu sehen. „Okay, es ist nicht immer einfach, mich durch eine verschlossene und altmodische Mentalität zu quälen und ja, ich leide sehr oft darunter. Aber hey, ich bin nicht mehr so unsicher und mache weiter …“, Es breitete die Arme aus, „als ob nichts wäre.“
Nun herrschte ein beklommenes Schweigen.
Um etwas gegen die schwere Stimmung zu tun, nahm Marlin seine Flasche wieder, die fast leer war, und trank noch den Rest des Biers aus. Anschließend brachte Es sie zum Flaschencontainer, der sich ganz nah an der Tür befand, wischte sich die Hände an seiner alten Jeans ab und schaute dann zu Noah, der immer noch auf seinem Platz stand.
Das gefiel Marlin nicht. War Noah nur zu ruhig oder war er unsicher?
Eigentlich kannten sich die beiden, seit sie Kinder waren und hatten sich von Anfang an gut verstanden. Seit ihrer Kindheit verbrachten die beiden viel Zeit zusammen, das hatte sie zu fast unzertrennlichen Freunden gemacht. Gegenseitig wussten sie alle Geheimnisse voneinander, dessen war sich Marlin ganz sicher.
Aber heute …
Heute war Noah ein Berg aus Unsicherheit, was Marlin völlig neu war.
Marlin machte einen entschlossenen Schritt in Richtung Noah und legte eine Hand auf seine Schulter. „Sag mal, ist alles in Ordnung mit dir?“
Aufgeschreckt aus seiner Erstarrung schaute Noah den Freund an und hob eine Braue.
„Sicher … Warum die Frage?“ Marlin zuckte mit den Schultern. „Deine urplötzliche Verunsicherung wegen mir oder wie die Menschen mich behandeln …“ Ein schwaches Lächeln huschte über Marlins Lippen. „Du wirkst die ganze Zeit angespannt, seitdem du angekommen bist, als ob du mir etwas sagen willst, aber keine Ahnung hast, wie du damit anfangen sollst.“
„Quatsch.“ Mit einem schnellen Schritt lief Noah an Marlin vorbei und erreichte die Tür, wo er sich umdrehte, weil er nirgendwo mehr hingehen konnte.
Marlin beobachtete alles aufmerksam und entschied sich, nicht weiter über das Thema zu diskutieren, denn die Nervosität des Freunds war fast schon greifbar und Marlin war definitiv nicht in der Lage, ihm weiterzuhelfen.
„Gehen wir woanders hin?“ Der Raum um sie wurde Marlin irgendwie zu eng und Es wünschte sich jetzt nur rauszugehen, irgendwohin, wo Noah sich auch wohlfühlen konnte.
Noah nickte kaum mit dem Kopf. „Ja … wir können zu unserem gewohnten Pub gehen. Aber lange darf ich nicht bleiben. Ich muss heute noch etwas lernen …“
Marlin rollte mit den Augen. Marcels Hand ließ sich in dieser Entscheidung spüren und Es wusste, dass Noah keine andere Möglichkeit hatte als zu gehorchen. Marlin holte sich die Schlüssel, die auf dem Tisch lagen, und griff nach seiner Jacke.
„Gehen wir, bevor du dich in einen Kürbis verwandelst.“
Marcel saß auf seinem Sessel und versuchte sich auf die Lektüre seiner Zeitung zu konzentrieren. Aber es wollte ihm nicht gelingen und irgendwann faltete er sie zu und legte sie auf den Tisch.
Sich zurücklehnend atmete er laut ein und legte eine Hand auf sein Gesicht. Einige Sachen liefen in seinem Haus nicht, wie er wollte, um konkreter zu sein mit seinen Kindern, und das störte ihn.
Noah traf sich gerade mit Marlin und Luisa würde auch bald von einem Treffen mit Freundinnen zurückkommen. Sobald die beiden sich zu Hause und in Sicherheit befanden, atmete Marcel jeweils erleichtert auf. Es war beinah lächerlich, wie er sich benahm, denn seine Kinder waren gewiss längst keine mehr.
Eigentlich lief alles gut mit ihnen und er hatte keinen Grund, sich Sorgen zu machen.
Seit dem Tod seiner Frau hatte er die alleinige Verantwortung für die Kinder; dies beschäftigte ihn stark und Marcel war sich bewusst, wie ängstlich er in diesen Jahren geworden war. Kaum wurde einer von ihnen krank oder zeigte ein trauriges Gesicht, fühlte er sich verantwortlich dafür.
So hatte Marcel endlich verstanden, wie gut und wichtig es für ihn war, eine Partnerin neben sich zu haben. Denn Adriana hatte diese Rolle seit der Geburt ihrer Kinder übernommen und er konnte sich in aller Ruheder Arbeit in seiner eigenen Baufirma widmen.
Das lief alles gut bis vor sechs Jahren.
Seitdem änderte Marcel seine Routine dramatisch, da Luisa noch ein Mädchen von dreizehn Jahren war und Noah ein fünfzehnjähriger Teenager. Marcels Präsenz im Leben seiner Kinder wurde verlangt und er machte das ganz gut. Zumindest dachte er das.
Obwohl ein paar Freunde ihm vorgeschlagen hatten, wieder zu heiraten, lehnte er diesen Vorschlag vehement ab. Dies würde wahrscheinlich nur noch mehr Probleme mit sich bringen, wenn Marcel sich überlegte, wie lange sie alle gebraucht hatten, um sich an die Abwesenheit der Frau des Hauses zu gewöhnen.
Deswegen war eine solche Vorstellung für ihn undenkbar, abgesehen davon, dass er selber keine andere Frau in seinem Leben haben wollte. Adriana war eine sehr gute und wichtige Partnerin in seinem Leben gewesen, die er jetzt nicht so einfach ersetzen konnte und wollte.
Aber die Leere ihrer Abwesenheit und die steigende Einsamkeit begleiteten seinen Alltag wie zwei Mitbewohner. Solange mit Noah und Luisa alles gut lief, sah Marcel keinen Grund für Änderungen.
Nur …
Es war eine Frage der Zeit, dass sie ihren eigenen Weg fanden und ihr Leben woanders weiterführten. Ewig würden sie nicht bei ihrem Vater bleiben und dieser Gedanke machte ihn irgendwie traurig. Es konnte lächerlich klingen, aber er konnte nichts dafür.
Um sich schauend erkannte Marcel seinen Lieblingsraum im großen Haus. In dem kleinen Wohnzimmer, fast wie eine Bibliothek, saß er gern stundenlang. Es war damals auch Adrianas Lieblingsraum gewesen, wo sie sich oft unterhalten und sich alles über die Ereignisse des Tages erzählten hatten.
In der Ecke der Kamin aus Marmor, an den Wänden standen wie eine Art Beschützer zwei lange Bücherregale, gefülltmit Sammlungen und wertvollen Büchern. Das kleine Sofa, das im Hintergrund stand und mittlerweile kaum benutzt wurde, diente Adriana früher als Schlafplatz, wenn sie sich am Nachmittag immer wieder ein Nickerchen gegönnt hatte.
Langjährige Routinen und eingeschliffene Gewohnheiten sowie etablierte Sicherheit waren das, was Marcel am meisten schätzte.
Beunruhigt stand Marcel auf und lief zum Tisch, auf dem sich ein Tablett mit einigen Flaschen Wein und stärkeren Flüssigkeiten befand. Er angelte sich die Flasche Portwein und goss sich ein volles Glas ein. Die Wärme des Getränks, zusammen mit der Süße, beruhigten seine angespannten Nerven.
Er fuhr mit der Zungenspitze über seine Lippen und genoss den süßen Geschmack. ‚Es gab wirklich gute Sachen im Leben‘ schoss es ihm sich durch den Kopf und er überlegte, ob er sich ein zweites Glas einschenken sollte.
Ein plötzlicher Knall, der von der Haustür kam, erschreckte ihn, und ehe er sich von dem Schreck erholt hatte, öffnete sichdie Tür des Wohnzimmers. In diesem Moment sah er die langen Beine seiner Tochter, was bedeutete, dass sie auf dem Weg in ihr Zimmer war.
„Luisa?“, rief er leicht besorgt.
Die Beine hörten auf, sich zu bewegen und kurz danach erschien Luisas Gesicht über dem Geländer. „Papa! Du bist noch wach.“ Sie lief die Treppe runter und unten angekommen, umarmte sie ihren Vater leicht, sodass Marcel den Geruch von Zigaretten gemischt mit Essen wahrnehmen konnte. Wo war sie gewesen?
„Hattest du deinen Spaß?“, fragte er, ohne seine Besorgnis zu zeigen.
Luisa ging mit ihm ins Wohnzimmer und setzte sich auf den Sessel, der früher ihrer Mutter gehört hatte.
„Schon.“ Als sie merkte, dass ihr Vater eine Augenbraue hochzog, lachte sie leise. „Es ist immer dasselbe. Beinah schon langweilig“, seufzte sie.
„Ich dachte, dass deine Freundinnen dir eine gute Gesellschaft seien.“
„Sind sie auch, aber wir machen immer das Gleiche.“ Luisa rülpste leicht und warf ihm einen entschuldigenden Blick zu. „Essen, trinken. Trinken und essen. Nicht viel mehr.“
„Es gibt auch Kinos in der Stadt“, lächelte Marcel und setzte sich wieder auf seinen Sessel.
„Es läuft derzeit nichts Interessantes. Ich habe mich informiert.“
„Ausstellungen?“
„Hier am Abend?“ Sie lachte. „Papa, wo wohnst du?“
Marcel ignorierte ihre Frage. „Es gibt aber eine Menge Konzerte“, meinte er, mit einem Finger zu ihr zeigend, „das weiß sogar ich.“
„Stimmt.“ Luisa streckte ihre Beine nach vorne.
Marcel sah dies und dachte leicht gekränkt, dass seine Tochter früher diese Position nie eingenommen hätte. Damals hatte sich Luisa fast schon wie eine Dame benommen. Wo hatte sie sich diese schlechten und uneleganten Gewohnheiten angeeignet? Marcel war sich auch sicher, dass dies nicht von ihrem Bruder kam.
„Also, du kannst aber nicht sagen, dass es nichts anderes zu machen gibt.“
Seine Tochter schaute ihn liebevoll an. „Du verstehst, was ich meine. Es ist so, dass Sybille und Anna nicht die gleichen Interessen haben wie ich. Ich mache mittlerweile lieber andere Sachen.“
Das war neu für Marcel. „Was machen denn deine Freundinnen anders als du?“
„Sie suchen sich gern Freunde.“ Diese Aussage kam so schnell, dass nicht nur Marcel davon überrascht war. Die Art und Weise, wie Luisa sich gerader auf ihrem Sessel zurechtsetzte, zeigte ihm, dass sie nicht so weit hatte gehen wollen. „Ich meine …“
„Sie suchen sich einen Freund?“
Luisa saß immer noch unsicher da, ohne richtig zu wissen, was sie als Nächstes sagen sollte. Sie öffnete und schloss den Mund ein paar Male wie ein Fisch auf dem Trockenen.
„Sie wünschen sich einen Partner, mit dem sie sprechen können, sie wollen begehrt werden, eben alles, was eine Beziehung mit sich bringt.“
Für eine Weile blieb Marcel ruhig und gab sich Zeit, die Worte seiner Tochter zu überdenken. Was eine Beziehung mit sich bringt … Meinte Luisa alles, was sie in ihrer Beziehung mit Marlin erlebte?
„Papa?“ Marcel hob seine Augen und richtete den Blick auf sie. „Du bist sehr schweigsam.“
„Habe ich keinen Grund dafür?“
Luisa zuckte mit den Schultern. „Was weiß ich? Ich glaube nicht.“
Marcel schaute seine Tochter penetrant an und als sie sich unsicher zeigte, ergriff er die Initiative, sie etwas zu fragen, wovon er sich fast sicher war, die Antwort schon längst zu kennen.
„Bist du glücklich in deiner Beziehung mit Marlin?“
Das strahlende Lächeln auf ihrem Gesicht hätte ihn früher erleichtert, ja sogar glücklich gemacht;aber jetzt spürte er nur Entmutigung.
„Ja, ich bin gern mit Marlin zusammen.“ Schnell vergaß Luisa, wen sie vor sich hatte und fing an, frei über ihre Gefühle zu erzählen. „Marlin ist sensibel und intelligent. Mit ihm ist es nie langweilig, weißt du?“ Luisa schaute ihren Vater mit großen Augen an. „Es kennt mich sehr gut, was für mich sehr angenehm ist, da ich kaum etwas sagen muss, damit ich verstanden werde.“ Sie legte ihren Kopf nach hinten, ohne die versteinerte Miene ihres Vaters zu bemerken, und fuhr fort. „Marlin ist ein guter Mensch und ein sehr einfühlsamer Freund.“
Das saß. Marcel war betroffen.
Es wäre ihm lieber gewesen, das Gegenteil zu hören, aber ihr Gesicht, als sie ihm ihre Beziehung zu Marlin beschrieb, konnte er nicht einfach so ignorieren. Warum musste er auch fragen?
Wie konnte er es schaffen, seine Kinder von Marlin zu trennen, wenn sich beide so wohl fühlten in seiner Gegenwart? Seufzend überlegte sich Marcel, was er diesbezüglich machen konnte. Bald musste er eine Lösung finden, wenn er in Zukunft keinen Ärger haben wollte.
Normalerweise fühlte sich Marlin sehr wohl in diesem Pub. Es war sozusagen sein Lieblingspub, aber heute schien eine Ausnahme zu sein, denn diesmal war es nicht so angenehm, wie Marlin es sich wünschte.
Drei Bekannte von Noah setzten sich an ihren Tisch und die Blicke, die sie immer wieder untereinander wechselten, wurden irgendwann zu nervig für Marlin. Zu seiner großen Erleichterung bemerkte Es, wie Noah diese Blicke einfach ignorierte und so tat auch Marlin, als ob Es nichts bemerken würde.
Die Gespräche, die am Anfang noch neutral und locker verliefen, wurden allmählich mit indirekten Kommentaren und Witzen bestückt, von denen alle sehr wohl wussten, dass sie an Marlin adressiert waren.
„Noah hat uns schon erzählt, dass du dir kein Geschlecht zuschreibst. Um ehrlich zu sein, habe ich noch nicht verstanden, was das zu bedeuten hat“, meinte der junge Mann, der neben Marlin saß. Marlin versuchte, sich an seinen Namen zu erinnern, den Es schon vergessen hatte. Ah ja, Livio hieß er.
„Ganz einfach.“ Marlin schaute auch dem anderen kurz direkt in die Augen. „Hast du schon von non-binär oder gender-neutral gehört?“ Als Livio seinen Kopf schüttelte, fing Marlin an, weiter zu erklären: „Sehr einfach zu verstehen. Ich identifiziere mich weder als Mann noch als Frau. Ich bin genderfrei.“
„Wie geht das denn?“, platzte ein anderer heraus, der bei Noah saß. „Wurdest du operiert? Hast du kein Geschlecht mehr?“
Es war nicht zu übersehen, wie die jungen Männer sich bemühten, ihr Lachen zu unterdrücken. Das ignorierend fuhr Marlin fort, als ob Es ihnen eine Gutenachtgeschichte erzählen würde.
„Nein, nichts dergleichen. Ich bin heute genauso, wie ich geboren wurde. Meine Einstellung ist anders, das ist alles. Ich kann heute Jeans und morgen ein Kleid anziehen oder mich schminken. Je nach Lust und Laune, eben weil ich kein bestimmtes Geschlecht habe. Ich bin ganz neutral, was das angeht.“
Ein Dritter, der bei Noah saß, sah Marlin mit geöffnetem Mund an. Livio prustete laut und zeigte mit dem Zeigefinger auf diesen Freund. „Mach den Mund zu, Toni. So siehst du echt doof aus.“
Toni machte seinen Mund sofort zu und stieß Noah an. „Hast du ihn“, er neigte den Kopf in Marlins Richtung, „schon mit einem Kleid gesehen?“
Es war Noah nicht wohl mit der Richtung, in welche das Gespräch lief, aber er wollte den anderen nicht zeigen, wie unbehaglich ihm dabei war. „Natürlich.“
„Und?“ spuckte Livio die nächste Frage aus, während er sich über den Tisch beugte und mit amüsiertem Gesicht weiterredete. „Sah Marlin heiß aus darin?“ Er schaute lächelnd hoch in Marlins Richtung.
Alle drei fingen an, laut zu lachen, und Marlin schüttelte wieder einmal enttäuscht den Kopf. Es schaute dann in Noahs Richtung und verneinte mit dem Kopf als Zeichen, die Ruhe nicht zu verlieren. Leider war das nicht die erste derartige Erfahrung, die Marlin machte, und Es wusste auch, dass es nicht die Letzte sein würde.
Ein paar Personen im Pub drehten sich zu ihnen und einige schüttelten den Kopf wegen des Lärms.
Livio war der, der am lautesten lachte und sich schon die Augen mit den Händen wischte. „Oh, Mann. Wenn ich so zu Hause oder an der Uni erscheinen würde, würde ich sofort rausgeschmissen.“
„Nein.“ Marlins Stimme ließ sich jetzt hart und laut hören. „Das passiert nicht, weil wir in einem zivilisierten Land leben und mit noch zivilisierteren Menschen zu tun haben.“
Livio beherrschte sich noch rechtzeitig, um nicht wieder loszuprusten, als er Noahs Blick kreuzte. „Zivilisierte Menschen, sagst du? Natürlich sind wir alle normal. Du …“, sein Gesicht wurde krebsrot, „scheinst derjenige zu sein, der sich anders …“, mehr konnte er nicht sagen, weil er wieder anfing zu lachen.
Marlin stand langsam auf und legte einen Schein auf den Tisch. Es schaute zu Noah und seine Stimme zitterte leicht: „Du kannst bleiben, wenn du möchtest.“
Wie eine Feder erhob sich Noah von seinem Platz und wie Marlin bezahlte er sein Bier und verließ den Pub unter den Protesten seiner Bekannten.
Draußen gingen Marlin und Noah Seite an Seite, ohne ein Wort zu wechseln.
Auf der Promenade liefen sie langsamer und Marlin atmete hörbar laut. „Solche Idioten!“ Es drehte sich zu Noah. „Wie kannst du dich mit ihnen unterhalten, ohne dass sie etwas verstehen und sich wie Kinder benehmen?“
Auf seiner Seite schüttelte Noah den Kopf enttäuscht. „Sie sind nicht meine Freunde. Nur Bekannte.“
„Na, da bin ich erheblich beruhigt.“ Nicht einmal eine Minute würde Marlin mit diesen Tölpeln zu tun haben wollen.
Dass einige Menschen ihn fragten, was non-binär bedeutete, war normal, denn genderfrei zu sein war unter den meisten noch sehr unbekannt. Komisch angestarrt zu werden oder unangenehme Kommentare über sein Outfit zu erhalten, war noch erträglich, aber mit solch einer kindischen Reaktion hatte Marlin nie zu tun gehabt und auch nicht damit gerechnet. Sein Herz pumpte immer noch aufgeregt und Marlin zwang sich, ein paar Male ein- und auszuatmen, um seine Ruhe wieder zu finden.
An seiner Seite lief jetzt auch ein ruhigerer Noah. Es war selbstverständlich, dass ihn die Kommentare der drei Bekannten getroffen hatten. Sie hatten seinen besten Freund in der Öffentlichkeit blamiert und sich wie Arschlöcher benommen.
Trotzdem störte Marlin Noahs Schweigsamkeit. Er zeigte weder Interesse, etwas zu Marlins Verteidigung zu sagen, noch die anderen zu kritisieren. Noah blieb nur ganz einfach in sich verschlossen.
Als die beiden schon für einige Zeit entlang der Promenade spazierten und noch kein anderes Thema gefunden hatten, meldete sich Noah wie aus dem Nichts: „Ich laufe in die Richtung“, er deutete mit dem Kinn auf die Straße, die steil nach oben ging und Marlin wusste, dass Noah zu Fuß den ganzen Weg nach Hause gehen wollte.
Sein Auto ließ er absichtlich in der Garage mit der Entschuldigung, dass er sich mehr bewegen musste.
Etwas anderes konnte ihm Marlin auch nicht anbieten, weil er kein Geld für ein eigenes Auto hatte. „Nimmst du dir kein Taxi?“
„Es ist nicht zu spät für einen kurzen Spaziergang“, entgegnete Noah mit einem schwachen Lächeln.
Die beiden umarmten sich kurz und Marlin blieb noch lange an derselben Stelle und beobachtete, wie Noah mit gesenkten Schultern die Straße langsam hinauflief.
4.
Anita Huber liebte ihren Job und an dem Morgen machte sie nur eine routinierte Aufgabe, die trotzdem ihre ganze Konzentration verlangte. Mit der Liste in der Hand kontrollierte sie zum letzten Mal, ob alle geplanten Details für die nächste Veranstaltung organisiert waren und zum Transport zum Lokal bereit wären.
Zu Anitas Aufgaben – und nicht den kleinsten und simpelsten – zählten auch die Verarbeitung der E-Mails und Anfragen der vielen Kunden sowie die ganze Organisation von Anfang bis Ende des Events. Sie war oft unterwegs, denn in ihrem Vertrag stand klar und deutlich, dass sie verantwortlich für die Kontrolle der Veranstaltungen vor Ort war, was für Anita bedeutete, dass sie regelmäßig mit vielen Stunden Arbeit unter der Woche und an den Wochenenden rechnen musste.
Wie bei jeder Firma, die erfogreich sein wollte, musste Anita ihren Job fehlerfrei erledigen und die Kunden ständig zufriedenstellen.
Vor ungefähr drei Jahren wurde sie bei der Cateringfirma – Gerber Catering – engagiert und seitdem arbeitete sie wie eine Biene. Hochkonzentration bei der Gestaltung der Veranstaltungen – kleine oder große – wurde mit der Zeit ihre beste Begleiterin, genauso wie eine hohe Qualität, inspiriert von einer guten Dosis Kreativität.
Das Team im Büro zählte insgesamt sechs Mitarbeiter. In der Küche arbeiteten weitere fünf Personen, die auch nicht weniger wichtig für den Erfolg der Firma waren.
Wenn es notwendig war, mehr Personal zu engagieren wie bei einer größeren Veranstaltung, suchten sie sich sofort bei Gastronomieschulen einige Aushilfen, wo sie ohne Probleme motivierte Studenten finden konnten, die bereit waren, ein bisschen Geld zu verdienen.
Im Großen und Ganzen lief die Firma gut und hatte gute Cancen besser zu werden, denn der Chef gönnte sich keine Ruhe, um neue Kunden zu gewinnen.
Anita sollte es nur recht sein, denn sie war in ihrem Job sehr glücklich und hatte auch vor, diesen noch für eine Weile zu behalten. Sie spielte manchmal mit dem Gedanken, sich irgendwann selbstständig zu machen und ihre eigene Cateringfirma zu gründen, aber erst in ein paar Jahren, wenn sie mehr Erfahrung haben würde. Ein Wunsch, den sie schon seit ihrer Teenagerzeit hegte.
„Anita?“ Bernadette, ihre Assistentin, lief ihr im Flur entgegen. „Ein Kunde hat schon zweimal angerufen und will unbedingt mit dir sprechen.“
„Wirklich?“ Anita hob eine Augenbraue, aber sie machte auch keine Anstalten stillzustehen, sondern ging an Bernadette vorbei. Diese sah keine andere Alternative, als ihre Abteilungsleiterin mit schnellen Schritten zu begleiten und trampelte energisch hinterher. „Hat er gesagt, was er will?“
„Nein, ich konnte nichts von ihm erfahren. So stur wie ein Fisch.“
Anita presste die Lippen übereinander, damit sie nicht loslachte. Fische waren stur? Das wusste sie nicht. „Danke Bernadette. Ich rufe ihn sofort an.“
„Ah, nicht vergessen …“, obwohl Bernadette ihr noch etwas mitzuteilen hatte, öffnete Anita trotzdem die Tür ihres Büros, ohne sie noch eines Blickes zu würdigen, und bereitete sich schon vor, darin zu verschwinden.
Nach zwei Jahren Zusammenarbeit kannte Bernadette mittlerweile Anitas Macken sehr gut und schüttelte nur lächelnd den Kopf. „Um elf Uhr hast du einen Termin beim Chef“, rief sie etwas lauter, damit Anita sie gut hörte.
Ohne sich umzudrehen, winkte Anita mit der Hand. „Danke. Ich weiß.“ Und verschwand endgültig in ihrem Büro.
Einmal drin in ihrem Büro lehnte sich Anita an die Tür und schloss die Augen. Wenn der Morgen schon so aufregend angefangen hatte, wie würde der Nachmittag dann aussehen? Sie musste sich jedoch selbst eingestehen, dass dieser Stress und die Lebendigkeit in ihrem Beruf ihr irgendwie gefielen. Ohne das würde sie an Langweile sterben, da war sie sich sicher. Nichtsdestotrotz wünschte sie sich manchmal, einen ruhigeren Job zu haben, und heute war einer dieser Momente.
Sie lief in Richtung ihres vollen Tisches und griff nach dem Telefon. Blickte auf die Nummer, die Bernadette ihr gegeben hatte, und wählte sie an.
Kurz vor elf klopfte ihre Assistentin an der Tür und gab ihr ein Zeichen, dass sie bald zum Chef gehen sollte. Anita hatte nur Zeit zu nicken und beendete zuerst ihre Liste, an der sie gerade arbeitete. Eine Minute vor ihrem Termin erhob sie sich schnell vom Stuhl und griff nach ihrem Block zusammen mit einigen Dokumenten.
Nachdem sie leicht an der schon geöffneten Tür geklopft hatte, gab ihr der Chef wortlos ein Zeichen mit der Hand, dass sie reinkommen durfte. Sie setzte sich, wie es ihr befohlen wurde, und versuchte ihre Gedanken zu ordnen, während sie das telefonische Gespräch ihres Chefs mithörte.
Ihre Augen suchten rasch nach einem Gegenstand, der, wie sie wusste, zur Dekoration im Raum gehörte. Und da! Wie immer an derselben Stelle entdeckte Anita den Fotorahmen.
Dieses Gesicht!
Das Antlitz des jungen Mannes auf dem Foto hatte sie immer fasziniert und oft hatte sie sich gefragt, wie alt er jetzt sein konnte. Er musste mittlerweile schon älter sein, denn sie kannte dieses Foto schon seit ihrem Anfang bei der Firma.
Das breite Lächeln auf einem wunderschönen und klassischen Gesicht war es, was ihre Aufmerksamkeit besonders weckte. Von ihrem Platz aus konnte Anita es nicht so genau sehen, aber sie war der festen Überzeugung, dass die Augen recht dunkel sein müssten. Braune helle Haare, die ganz zerzaust aussahen, zeigten ihr, dass der Porträtierte damals draußen im Wind stand …
„… Frau Huber.“
Mit immer noch träumerischem Blick hob Anita ihre Augen vom Fotorahmen und richtete ihre Aufmerksamkeit auf die große Gestalt vor sich. Frisch ertappt, rückte sie sich auf ihrem Stuhl zurecht und wurde leicht rot.
„Entschuldigung, ich war …“, murmelte sie noch kaum hörbar.
„Es scheint so, als ob eins der Fotos Ihnen gefällt.“ Der große Mann lächelte sie an und sah über seine Schulter. „Da meine Frau Sie kaum interessieren wird, nehme ich an, dass es sich um meinen Sohn handelt.“
„Er hat ein schönes Lächeln“, kamen ihr die Worte schnell aus dem Mund, ohne dass sie Zeit gehabt hätte, sich zu überlegen, was sie da vor ihrem Chef sagte.
„Denken Sie das wirklich?“ Ihr Chef drehte sich nun demonstrativ nach hinten und betrachtete das Foto für ein paar Sekunden, als ob es ihm auf einmal klar wurde, dass er ein Foto seines Sohnes auf dem Schrank hatte. „Ich weiß nicht mehr, wann dieses Foto geschossen wurde.“ Jetzt sprach er leise und studierte das junge und lächelnde Gesicht.
Plötzlich drehte er sich auf dem Stuhl um und tippte auf einen Ordner, der auf seiner linken Seite lag. „Hier haben wir die Veranstaltungen für den nächsten Monat. Es gibt einige Änderungen, über die ich gern mit Ihnen diskutieren würde.“
Konzentriert notierte sich Anita die Wünsche und Vorschläge ihres Chefs auf ihrem Block und versuchte, dem Bild im Fotorahmen keine Beachtung mehr zu schenken, obwohl ihr das alles andere als leichtfiel.
Eineinhalb Stunden später wurde Anita entlassen, doch bevor sie den Raum verließ, warf sie einen letzten flüchtigen Blick auf das Foto des jungen Mannes; als ob sie eine Motivation für den Rest des Tages brauchen würde. Sie verabschiedete sich schließlich von ihrem Chef, der sich schon am Computer an die Arbeit gemacht hatte.
Dennoch war dem Chef der letzte Blick seiner Mitarbeiterin nicht entgangen und als er sich sicher fühlte, ganz allein zu sein, betrachtete er das Foto seines Sohnes noch einmal sorgsam.
Ja, Anita Huber hatte gut erkannt, wie schön der junge Mann war. Sein entspanntes Lächeln strahlte definitiv positive Energie aus und begrüßte alle herzlich, die in sein Büro kamen. Aber leider war dieses Foto schon vor ein paar Jahren aufgenommen worden, als er …
Nach einem letzten Seufzen in die Richtung des Jungen drehte er sich um und machte sich erneut an die Arbeit.
Nadia arbeitete im Garten und freute sich, endlich Erde auf ihren Händen zu spüren. Es war noch nicht so heiß, wie sie es sich wünschte, aber ihre Geduld war erschöpft nach einem langen Winter und sie wollte nicht noch länger auf bessere Tage zu warten. Ohne Zeit zu verlieren, hatte sie sich am vorigen Tag ein paar Blumen und Säcke mit Erde gekauft, um sich in den nächsten Wochen viele Stunden im Garten zu beschäftigen.
