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François-Achille Bazaine, geboren 1811 in Versailles, war Oberbefehlshaber der französischen Rheinarmee im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Nach längerer Belagerung durch die deutschen Truppen kapitulierte er am 27. Oktober 1870 und übergab die Festung Metz den Deutschen. Nach dem Krieg wurde er wegen Hochverrat angeklagt; ein Schauprozess mit vorhersehbarem Urteil folgte: Todesstrafe. Der Prozessbericht basiert auf dem neunten Band des 1874 erschienenen "Neuen Pitaval" von Willibald Alexis. Der Text wurde stark überarbeitet. Die Dialoge wurden hingegen unverändert wiedergegeben.
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Seitenzahl: 302
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Rainer V. Schulz
Marschall Bazaine Hochverrat
Ein Prozessbericht
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Marschall François-Achille Bazaine
VORREDE
DER SALON FÜR LITERATUR,
FRANÇOIS-ACHILLE BAZAINE
VORUNTERSUCHUNG
KAPITULATIONSURKUNDE
ZEITTAFEL
BEGINN DES PROZESSES
VERNEHMUNG DES ANGEKLAGTEN
ZEUGENVERNEHMUNGEN ERSTER TEIL
ZEUGENVERNEHMUNGEN ZWEITER TEIL
ZEUGENVERNEHMUNGEN DRITTER TEIL
ZEUGENVERNEHMUNGEN VIERTER TEIL
ZEUGENVERNEHMUNGEN FÜNFTER TEIL
PLÄDOJER DER ANKLAGE
PLÄDOJER DER VERTEIDIGUNG
DAS URTEIL
PROVINZIAL-CORRESPONDENZ;
SAINTE-MARGUERITE
EIN OFFENER BRIEF
QUELLEN
Impressum neobooks
Marschall François-Achille Bazaine
Unmittelbar nach der Eröffnung der ersten Reichstagssitzung des Norddeutschen Bundes am 19. Juli 1870, ergriff der –damals noch Bundeskanzler- Graf Bismarck das Wort: „Ich teile dem hohen Hause mit, dass mir der französische Geschäftsträger heute die Kriegserklärung Frankreichs überreicht hat. Nach den Worten, die Se. Majestät soeben an den Reichstag gerichtet hat, füge ich der Mitteilung dieser Tatsache nichts weiter hinzu.“ Die Worte Se. Majestät war die vergleichsweise gemäßigte Thronrede Wilhelms I.
Anlass für die Kriegserklärung war die Kandidatur des Hohenzollernprinzen Leopold, dem zweiten Sohn des Prinzen Anton, für den Spanischen Königsthron.
Bereits einen Tag später bewilligte der Reichstag den beantragten Geldbetrag in Höhe von 120 Millionen Taler - ohne Debatte und einstimmig. Wiederum einen Tag später verkündete Reichstagspräsident Simon: „Möge der Segen des allmächtigen Gottes auf unsrem Volke ruhen, auch in diesem heiligen Krieg. Der oberste Bundes-Feldherr der deutschen Heere, König Wilhelm von Preußen, er lebe hoch!“
Ganz so harmonisch verlief die vorausgegangene Sitzung (15. Juli) des „gesetzgebenden Körpers“ in Paris zwar nicht, denn es gab teils heftige Auseinanderset-zungen zwischen den Fraktionen. Aber am Ende setzte sich das Regierungslager durch: Das Parlament bewilligte einen „Credit“ von 50 Millionen Franc mit 245 gegen 10 Stimmen. Bereits am 16. Juli begab sich eine Deputation, um den Kaiser Napoleon III. darüber zu informieren. Er erwiderte: „Ich empfinde eine hohe Befriedigung, … Ihnen für die patriotische Unterstützung, welche Sie meiner Regierung gewährt haben, zu danken. Ein Krieg ist legitim, wenn er mit der Zustimmung des Landes und der Bewilligung seiner Vertreter geführt wird.“ Schließlich zitierte er noch Montesquieu: „Der wahre Urheber des Krieges ist nicht, welcher ihn erklärt, sondern der, welcher ihn notwendig macht.“
An dieser Stelle sei der Wortlaut der Kriegserklärung wiedergegeben:
„Der unterzeichnete Geschäftsträger Frankreichs hat in Ausführung der Befehle, die er von seiner Regierung er-halten, die Ehre, folgende Mitteilung zur Kenntnis Sr. Excellenz des Herrn Ministers der auswärtigen Angelegenheiten Sr. Majestät des Königs von Preußen zu bringen:
Die Regierung Sr. Majestät des Kaisers der Franzosen, die den Plan, einen preußischen Prinzen auf den Thron von Spanien zu erheben, nur als ein gegen die territoriale Sicherheit Frankreichs gerichtetes Unternehmen betrachten kann, hat sich in die Notwendigkeit versetzt gesehen, von Sr. Majestät dem Könige von Preußen die Versicherung zu verlangen, dass eine solche Combination sich nicht mit seiner Zustimmung vereinheitlichen könnte.
Da Se. Majestät der König von Preußen sich geweigert, diese Versicherung zu ertheilen, und im Gegentheil dem Botschafter Sr. Majestät des Kaisers der Franzosen bezeugt hat, dass er sich für diese Eventualität, wie für jede andere, die Möglichkeit vorzubehalten gedenke, die Umstände zu Rathe zu ziehen, so hat die kaiserliche Regierung in dieser Erklärung des Königs einen Frankreich eben so wie das allgemeine europäische Gleichgewicht bedrohenden Hintergedanken erblicken müssen. Diese Erklärung ist noch verschlimmert worden durch die den Cabinetten zugegangene Anzeige von der Weigerung, den Botschafter des Kaisers zu empfangen und auf irgend eine neue Auseinandersetzung mit ihm einzugehen.
In Folge dessen hat die französische Regierung die Verpflichtung zu haben geglaubt, unverzüglich für die Vertheidigung ihrer Ehre und ihrer verletzten Interessen zu sorgen, und, entschlossen zu diesem Endzweck alle durch die ihr geschaffene Lage gebotenen Maßregeln zu ergreifen, betrachtet sie sich von jetzt an als im Kriegszustande mit Preußen.
Der Unterzeichner hat die Ehre, Sr. Excellenz die Versicherung seiner hochachtungsvollen Ergebenheit aus-zudrücken.
Le Sourd
Berlin, den 19. Juli 1870“
Noch am selben Tag überschritten französische Chasseurs d’Afrique die Grenze bei Saarbrücken.
Der Bundesfeldherr Wilhelm von Preußen verfügte zu Beginn des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 über rund 520 Tsd. Mann, denn die vier süddeutschen Staaten (Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt) traten zur Überraschung Napoleons III. an seine Seite. Währenddessen blieb das übrige Europa neutral, da es Frankreichs Angriff als unbegründet an-sah. Die Franzosen stellten unter ihrem Feldherrn 336 Tsd. Mann. Nach übereinstimmenden Angaben stieg die Kopfzahl des deutschen Heeres in dem nur wenige Monate dauernden Krieg auf 1,3 Millionen.
Die deutschen Kräfte traten in drei Armeen aufgeteilt an, in der Rheinpfalz, an der Saar und Mosel. Die 2. Armee wurde vom Prinzen Friedrich Karl befehligt, die 3. durch den Kronprinzen Friedrich Wilhelm, zu ihr gehörten auch alle süddeutschen Verbände. Gemäß dem Aufmarschplan des Generalstabes kam es zu dem Gefecht bei Weißenburg. Wörth und Spichern erlagen dem preußischen Ansturm. Es mag verwundern, dass nur gesiegt wurde, und zwar schnell.
Bei Metz sammelte der Franzosenfeldherr sein Heer, und unterlag bei Mars-la-Tour, bei Vionville, bei Gravelotte/St. Privat; am 18. August schloss das deutsche Bundesheer 180 Tsd. Franzosen unter Marschall Bazaine in der Festung Metz ein. Der andere Marschall der Franzosen, Mac-Mahon, eilte mit einem Entsatzheer nach Metz und musste, bei Sedan abgefangen, kapitulieren. Da sich Napoleon III. bei dieser Armee aufhielt, kam er in schimpfliche Gefangenschaft.
Bazaine kapitulierte am 27. Oktober, nach mehreren erfolglosen Ausbruchsversuchen und übergab die Festung den Deutschen. Das sollte schwerwiegende Folgen für ihn haben, wie wir sehen werden.
Beenden wir den kurzen Siegesbericht mit der Wiedergabe zweier Handschreiben. „Mein Herr Bruder! Da es mir nicht vergönnt war, in der Mitte meiner Truppen zu sterben, so bleibt mir nichts übrig, als meinen Degen in die Hände Eurer Majestät zu legen“, schrieb der Kaiser der Franzosen an den König der Preußen. Der antwortete im gleichen Stil: „Mein Herr Bruder! Indem ich die Um-stände, unter denen wir uns begegnen, bedauere, nehme ich den Degen Eurer Majestät an und bitte Sie, einen Offizier zu bevollmächtigen, um über die Kapitulation der Armee zu verhandeln, welche sich so tapfer unter Ihrem Befehl geschlagen hat. Meinerseits habe ich den General von Moltke hierzu bestimmt.“
Wen es wundert, dass sich der Herr Bruder zwar in die Hände seines Besiegers begeben, nicht aber für seine Armee sprechen durfte, mag bedenken, dass die Franzosen neben einem Kaiser auch noch eine Regierung hatten, die sogenannte „Regierung der nationalen Verteidigung“. Und diese setzte den Krieg fort. Trotz einiger kleinerer Erfolge wie etwa bei der Rückeroberung von Orléans oder Villersexel, war die Niederlage nicht aufzuhalten – im Februar 1871 gab es einen Vorfrieden und am 10. Mai 1871 endete der Krieg.
Das Deutsche Reich entstand, Wilhelm I. wurde Kaiser und Bismarck Reichskanzler. In Frankreich wurde die Monarchie endgültig abgeschafft.
Doch Zurück zu Marschall Bazaine: Seine Kapitulation erregte in Frankreich höchste Erbitterung. Als der Innenminister Gambetta von der Kapitulation hörte, rief er aus: „Ich würde es vorgezogen haben, die Armee von Metz in ein Beinhaus verwandelt zu sehen.“ Bazaine wurde zunächst der Unfähigkeit und der Feigheit, später des Hochverrats beschuldigt. 1872 wurde er auf ei-genes Verlangen verhaftet und vor ein Kriegsgericht gestellt. Dieses Gericht trat nach einer umfangreichen Voruntersuchung im Oktober 1873 im Schloss Trianon, nahe dem Schloss von Versailles zusammen.
Der Prozess war ein Schauprozess und von Beginn an umstritten. Vicomte de Gontand-Biron, der von 1872 bis 1877 Botschafter in Berlin war, schrieb in seinen Erinnerungen: „Was man auch über den Marschall Bazaine denken mag, ich bezweifle, dass sein Proceß einen Nutzen hat. Welches Interesse haben wir, unsere Armee herabzusetzen. Die Fehler der Untergebenen vermindern diejenigen des Staats-Oberhauptes, und, wenn man Herrn von Arnim glauben darf, werden diese Verfolgungen uns in Europa nur schaden. Herr Thiers hat vergeblich gekämpft, um sie zu verhindern.“
Der Prozess erregte großes Aufsehen. Bücher wurden verfasst, die die Ereignisse minutiös darstellten oder er-örterten, ob die Niederlage Bazaines überhaupt vermeidbar war. Dazu später mehr.
Natürlich nahm auch die Presse regen Anteil am Geschehen. Ein Beispiel für viele: Zwischen 1867 und 1890 erschien in Leipzig das Blatt „Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft“, herausgegeben von Ernst Dohm, Julius Rodenberg und anderen.
Diese schickte den österreichischer Schriftsteller und Journalisten, Paul d’Abrest, nach Versailles. D’Abrest wurde als Friedrich Kohn in Prag geboren und kam schon mit zehn Jahren zu Verwandten nach Paris. 1877 wurde ihm auf Antrag die französische Staatsbürgerschaft verliehen.
Hier Auszüge aus seinem Bericht, der 1873 in zwei Teilen erschien; sein Artikel bietet einen anschaulichen Eindruck von den Ereignissen im Trianon:
KUNST UND GESELLSCHAFT
DAS GERICHTSDRAMA IM TRIANON
Es war ein recht trauriger Herbsttag, als sich im belagerten Paris die Hiobspost verbreitete, dass die letzte Karte Frankreichs ausgespielt sei, dass Sedan ein fürchterliches Seitenstück gefunden, dass Bazaine mit seinen 150.000 Mann, mit seinen 5 Marschällen und 22 Divisionsgenerälen, mit seiner stolzen kaiserlichen Garde kapituliert, dass Metz, die jungfräuliche Veste, zum Raube des Feindes geworden.
Düster wie der aschgraue Himmel dieses 31. Oktober 1870 klang die Kunde, welche über die umzingelte Metropole hereinbrach. Im Innern begann der Mangel an Lebensmitteln fühlbar zu werden, und grausam nagten die ersten Bisse des Hungers; die Flamme der Zwietracht loderte hell auf in der Reihe der Bevölkerung, die da, für ein und die nämliche Sache bewaffnet, eine aus-gedehnte Waffenbrüderschaft bilden sollte. Vor den Toren der Stadt hatten die Verteidiger derselben bei Le Bourget nach zweitägiger blutiger Schlacht eine Schlappe erlitten, die umso bedeutender schmerzte, als der Anfangs errungene Sieg weit überholt wurde. Und nun zu dem allem das Unglück von Metz!
Das Fieber bemächtigte sich dieser ohnehin schon nervös gereizten Menge. Jeder witterte Verrat und die unheimliche Parole „Wir sind verkauft“ lief von Straße zu Straße, von Haus zu Haus, von Mund zu Mund. Sie erhob sich zuerst wie ein Gemurmel, wuchs aber zum fürchterlichen, die Luft erfüllenden Getöse. Die Trommeln rasselten unaufhörlich, in einigen Quartiers zog man an allen Strängen die Sturmglocke. Zehntausende von Bewaffneten irrten kopflos und ohne Ziel, das Gewehr auf der Schulter, die Patronentasche gefüllt, um-her. Die traditionelle Lösung der großen Paradetage der Revolution ertönte „zum Stadthause, zum Stadthause!" Und hinunter wälzte sich die Lawine von den Höhen der Buttes Chaumont, von Belleville, vom Montmartre, vom lateinischen Viertel und von den Boulevards. Dichte Gruppen, ganze Bataillone in Reih und Glied, aufgelöste Haufen, einzelne Gardisten. Alles wälzte sich dem ehr-würdigen Bau, dem „Hotel de Ville“ zu. Jeden Moment wuchs die Menge; um zwölf Uhr waren sie 5.000, um ein Uhr dreimal so viel, und um zwei Uhr starrten die Quais, die Rue de Rivoli und die Umgebung von 30.000 „intelligenten“ Bajonetten Und es fehlte nicht viel, so hätte dieser Auftritt einen tragischen Ausgang genommen; die Tobsüchtigen wollten an der Regierung von Paris Rache nehmen für die Schmach von Metz. Bazaine fühlte sich damals in der ihm angewiesenen Residenz sicher, aber Trochu und Jules Favre hätten bald für ihn gebüßt. Stundenlang hielt sie der Aufstand in einem Zimmer des Stadthauses gefangen.
Eine aufs Äußerste gereizte Menge füllte das Gemach und es ist ein Wunder, dessen sich weder la Salette noch Paray le Monial zu schämen hätten, dass die so oft angelegten Gewehre nicht losgingen. Hatte diese Regierung nicht vor drei Tagen Bazaine den „Glorreichen“ genannt, hatte sie nicht einen Journalisten, der die Nachricht der Übergabe von Metz erfahren und mitgeteilt hatte, als einen preußischen Spion zu brandmarken gesucht? Dieses Gefühl bewegte die Menge.
Als sich aber die erste Aufregung gelegt hatte, da er-schien die Kapitulation von Metz den Meisten in einem viel milderen Licht. Man dachte wohl, Bazaine hätte am Ende nicht anders zu handeln vermocht; man vermutete, dass er alle Mittel erschöpft und seine sämtlichen Kerntruppen in offener Schlacht verloren.
Mit jener Mobilität des Gedankens, welche die ständige Parole dieser Tage war, galt Bazaine damals im eingesperrten Metz für einen unglücklichen, aber nicht verräterischen Feldherrn und als endlich die Taubenbriefpost jene Proklamation Gambettas brachte, in welcher der ehemalige Chef der mexikanischen Expedition des offenen Verrats beschuldigt wurde, erregte die vor ganz Europa erfolgte Anklage peinliches Erstaunen. Die Behauptung aber, dass um republikanische oder gar demagogische Rachegelüste zu befriedigen, der Marschall des Kaiserreiches heute – drei Jahre nach den Ereignissen, die ihm vorgehalten werden – zum Richterstuhle geschleppt wurde, ist eine unrichtige. Nein, die Sühne, die ihn er-reicht, ist eine militärische. (…)
Jetzt hörte man zum ersten Mal von der unbegreiflich mysteriösen dunklen Haltung des Marschalls während der Belagerung. Dieser absolute Gebieter über 300.000 Bewaffnete, den die Umstände von jeder Kontrolle befreit hatten, dieser Mann, der alle Vollmachten in Händen hatte, um Großes zu leisten, dieser Oberkommandant einer der schönsten Armeen, die Frankreich je besessen, lebte behaglich aber still als Roi Fainéant (Anm.: König Tagedieb) in der fürstlich eingerichteten Villa des von Saint Martin. Mit weit geringeren Hilfsmitteln hielt ein Tottleben zwei Jahre lang eine ebenso starke Armee, wie jene des Prinzen Friedrich Karl in Schach. (Anm.: Gottlob Curt Heinrich Graf von Tottleben, 1715 – 73 war ein russischer General unter Katharina II. „Der tollkühne Sachse im russischen Dienst“) Aber ein Tottleben dachte nur an eine aktive Verteidigung; Bazaine dachte an al-les, nur an das nicht. Mit seinem Hofstaate befasste er sich mit allerlei Intrigen und erwies sich als ein armseliger Stümper in diesem Fach. Und wie der Obergeneral, so intrigierten seine Leutnants untereinander. Die Armee war entmutigt, die Führer zerstritten und der Generalissimus spielte meistens Billard. Für jeden Abenteurer, wie den jetzt noch kaum enträtselten Régnier zugänglich, zeigte sich Bazaine niemals weder den Truppen, noch den niedergedrückten Bewohnern der Stadt. Am wenigsten durften die Sendboten der Regierung von Tours zu ihm gelangen. Am meisten verkehrte er noch mit seinem Gegner, dem Prinzen Karl und über diesen Verkehr gibt der Anklageakt nur beschränkte Andeutungen. Die Korrespondenzregister waren verbrannt und dass der Sieger sich in diesem Falle keine Indiskretionen zu Schulden lassen kommen würde, da-für war gesorgt. Aber die vorgefundenen Beweise genügten, um unwiderruflich darzutun, dass der Marschall gegen den Geist und den Buchstaben des Militärreglements, nach welchem jede Relation mit dem Feinde (außer in gewissen hier nicht zutreffenden Fällen) unzulässig ist, schwer gesündigt hatte.
Dass es Bazaine, dem Freunde des Kaiserreiches und dem Verächter der Advokaten angenehmer war, mit einem Prinzen von königlichem Geblüt und einem der vorzüglichsten Generäle unserer Zeit zu verkehren, als mit den Republikanern von Tours, wäre begreiflich gewesen, wenn der Prinz in diesem Moment nicht der Feind und der verachtete Advokat die Regierung de facto gewesen wäre.
Die Mitglieder der Kommission d’enquéte sind gewiss nicht republikanischer gesinnt als Bazaine selber und dennoch verurteilten sie streng diese Bevorzugung des persönlichen Geschmacks auf Kosten des Patriotismus Die Enthüllung all dieser Tatsachen, die Affäre Régnier, die Überlieferung der Fahnen etc., erfüllte die Armee mit Zorn und Scham; um ihr volle Satisfaktion zu geben, musste die Untersuchung eingeleitet werden.
Befreundete Personen suchten damals den Marschall zu bewegen, sich ins Ausland zu flüchten; aber dem Einfluss seiner stolzen Frau folgend, blieb Bazaine. Er wollte die Schmach des Contumazialverfahrens (Anm.: Verurteilung in Abwesenheit) nicht den übrigen auf seinem Namen lastenden Verunglimpfungen hinzufügen.
Ehe noch das für seinen Aufenthalt bestimmte Häuschen an der Avenue de Paris bereit stand, meldete er sich als Gefangener an. Sein Hausarrest unter strenger Bewachung dauerte volle achtzehn Monate vom Mai 1872 bis Oktober 1873. Allerdings war die Prozedur eine höchst langwierige; trotzdem hätte die Sache schon ihre Lösung gefunden, wenn nicht damals ein maßgebender Einfluss den Gang der Untersuchung verschleppt haben würde, in der Hoffnung, die ganze Angelegenheit würde im Sande verlaufen.
Der Protektor Bazaine's war niemand anderer als Herr Thiers, der Präsident der Republik; er kannte den Generalissimus von Metz von früher her, er hatte ihm eigentlich den Posten anvertraut. Er fühlte eine geheime Zuneigung für ihn. Außerdem aber fürchtete der Präsident, dass der Prozess zumal in Deutschland eine üble Wirkung machen, ja vielleicht Komplikationen veranlassen könnte. „Das Territorium zu befreien und Bazaine zu befreien“, dies erklärte Thiers für seine Hauptaufgaben. Der zweite Teil aber fiel ihm schwerer als der erste, und als endlich der 24. Mai einen Soldaten an die Spitze der französischen Republik brachte und dazu noch einen Soldaten, welcher direkt unter der Handlungsweise Bazaine's zu leiden gehabt hatte, war keine Temporisation mehr zu hoffen. Dem Gesetz wurde, wie der technische Ausdruck lautet, freie Bahn gelassen und deshalb wartet sein Beginn Oktober die Menge der Zeugen, Neugierigen und Journalisten zweimal täglich im Rote der Versailler Avenuen. (…)
Fürwahr, wer ein auch nur bescheiden entwickeltes poetisches Temperament besitzt, wird hier viel eher an eine Idylle denken, als an die Gerichtszeitung. Aber die Prosa findet ihre Rechte. Sie tritt den ganzen Weg entlang an uns heran in Gestalt der schwerfälligen Omnibusse der Westbahn, die anstatt zu fahren, wie die Böcke gezogen, satzweise springen und deren Conducteure den Vorübergehenden mit bedeutsamer Gebärde einladen, die Lücke im Kasten auszufüllen.
Noch sprechender aber gibt sich diese Prosa kund, wenn man an das Ziel der Wanderung, das Gitter vor dem großen Trianon gelangt ist. Hier prangt ein Lustort, in des Wortes lustigster Bedeutung. Aber ein Cordon von in dunkle Mäntel gehüllten Sergeants de Bille verbietet jedem, der nicht Träger einer grünen, gelben, roten oder weißen Karte ist, den Eintritt in dieses Para-dies.
Über diese Hindernisse setzen wir Mittels Vorzeigung des grünen Coupons, den wir der Gnade unseres Syndikus, des altehrwürdigen Herrn Crawford, verdanken, hinweg und betreten ebenbürtig mit all den als Zeugen berufenen Marschällen, Generalen, Expräfekten, Intendanten, ehemaligen Ministern etc. den „Ehrenhof“. die cour d‘honneur.
Das große Trianon ist gleichsam das Vaudeville zum gewaltigen architektonischen Drama des Versailler Schlosses. Das Gebäude bildet drei zusammenhängende Tracte, ein Mittelstück und drei hervorspringende Flügel. Roter Marmor mit graziösen weißen Adern füllt die Räume zwischen den Kolonnaden aus, und während die beiden Seitenflügel die für die Zeugen, die Billetverteilung, die Stenographen etc. bestimmten Salons und das kleine Local umschließen, wo der Angeklagte die Pausen zubringt: fasst der gesamte von vierzehn monumentalen Fenstern beleuchtete Mitteltract (er diente unter Marie Antoinette als Tanz- unter Louis Philippe als Speisesaal) den Gerichtshof und das Publikum.
Ehe wir uns der ernsten Ausgabe, den Debatten Schritt aus Schritt zu folgen, hingeben, werfen wir einige Blicke seitwärts auf das „kleine Trianon“. Wir gelangen dahin durch einen Seitenpfad. Dieser führt mitten in eine Millionärschweizerlandschaft. Aber eine Landschaft im Kriegszustand. Hinter den Gebüschen stehen Wachen, längs der unschuldigen Mauer, die dem Trianon entlang läuft und noch niemandem wehtat, stehen von hundert zu hundert Schritt Geniesoldaten mit aufgepflanztem Bajonett und geladenem Chassepot.
Hinter der Umzäunung blickt das liebliche Schloss empor, wo Ludwig XV. manche süße Stunde verlebte und Marie Antoinette am liebsten schwärmte. Der Bau trägt gleichsam ein Schild, auf dem zu lesen ist, dass hier die galanten Freuden des Lebens recht königlich zu genießen wären. Das architektonische Kleinod aber ist heute zum Käfig geworden, zu einem Käfig mit vergoldeten, aber desto festeren Stäben. Wenige dürfen hinein, noch wenigere dürfen heraus. Bei allen Rücksichten für die hohe Stellung des Marschalls vergisst man doch nicht, dass er Staatsgefangener und von Belang ist. Der kommandierende Offizier weiß, dass es ihm an den Hals ginge, wenn Bazaine entkommen würde und er trifft darnach seine Vorkehrungen.
Im Innern des Gartens von Trianon afficirt keine lästige Bewachung die Blicke des Marschalls, er kann hier ungestört inmitten der prächtigen Partien des Parkes lustwandeln, wo einst La Ouintinie einen andern französischen Marschall, den Großen Condé, in der Botanik unterwies.
Aber es wäre Bazaine nicht zu raten, die herboristischen Studien außerhalb der Grenzmark fortzusetzen. Die Schildwachen haben Befehl, alles Verdächtige ohne Barmherzigkeit niederzuschießen und, um die Ausführung dieser Ordres zu sichern, lustwandeln Dragoner-patrouillen bei Tag und Nacht und krönen überall Bajonette das grüne Laub.
Wie viel glücklicher fühlen sich da die einfachen Aktuare und Verwaltungsbeamte, die in dem ländlichen Gehöfte der Schlossmauer gegenüber ihr Lager aufschlugen. Sie sind frei und können frei aus- und eingehen, wenn sie nach der schweren Tagesarbeit den Uniformrock ausgezogen und sich es in dem Zivilrock bequem gemacht haben. Aktuare haben gewöhnlich sehr friedliche Gelüste und die beiden Männchen, welche d'Aumale für das Amt bezeichnet, verleugnen diese Tendenz nicht. Wenn sie einige hundert Seiten des Rivière'schen Rapports gelesen haben, widmen sie sich der Pflege zahmen Hausgeflügels, und Hähne und Hähnchen gedeihen, dass es eine Freude ist. (…)
Es versteht sich von selbst, dass die Verlegung der Verhandlungen nach Versailles so manchen industriellen Eifer anspornte. Zuerst sollte für das leibliche Wohl der Zuschauer gesorgt werden. Im Nu stieg aus dem Boden eine recht geräumige luftige Holzhütte empor; in dieser Hütte gab es und gibt es noch ein Dutzend gedeckter Tafeln, ein Büffet, den allerlei verlockende Weine und Liqueure schmücken und ein paar „Garcons“ nach echtem Pariser Schnitt. Der Hauswirt schleppt sich, soweit es ihm sein Leibesumfang gestattet, von Tisch zu Tisch, und erkundigt sich nach der Zufriedenheit seiner Herren Gäste Diese bewundern an ihm die auffallende Ähnlichkeit mit General Trochu, fast hat man die Forderung aus den Lippen „Wir bitten um Ihren Plan.“
Abseits von der großen Hütte befindet sich eine Kantine für leichtere Beutel. Und nun die Cigarrenhändler, die Boten mit oder ohne Garantie, die Überbringer der Telegramme, die Kutscher, die man im Voraus bestellt und alle anderen Vertreter von Gewerbszweigen, welche auf die Bedürfnisse und Gelüste der Zuschauer so und so viel trassirten und nun mit eisernem Eifer auf die Einkassierung erpicht sind! Doch schmähen wir sie nicht. Der kleine Imbiss während der Pause schmeckt zuweilen nicht übel und einen Weg erspart man sich auch gern.
Betreten wir nun das Allerheiligste der Militärjustiz. Wie von außen herrschen hier die weißen und rosigen Töne des Marmors vor. Eine hübsche monumentale Kolonnade teilt den Saal der Länge nach in drei ungleiche Teile. Der Raum in der Mitte, ungefähr wie das Schiff in der Kirche, nimmt den weit größten Platz ein. Die marmornen Pforten sind sehr hübsch, mit unvergleichlicher Eleganz ausgeführt. (...)
Aber mancher Zuschauer verwünscht sie, da sie ihm das Interessanteste decken. Hätte der Architekt zu seiner Entschuldigung das Wort, er würde gewiss und nicht mit Unrecht anführen: „Ich habe diese Galerien für Festessen, Bälle, Konzerte, für lustige Partien hergestellt, für die Sitzungen eines Gerichtshofes sicher nicht.“
Für die Beleuchtung des Saales ist mehr als hinreichend gesorgt. Es gibt hier sogar des Guten zu viel. Die Sonne spiegelt sich vierzehnfach und blendet. Regnet es dagegen ein wenig stark, dann beginnt ein Sabbat auf den Fenstern und der Glasdecke, dass sonst nichts zu hören ist als das Toben der Elemente.
Mehr als einmal mussten interessante Vorlesungen oder Verhöre unterbrochen werden, weil der Regen oder das Hagelwetter den Worten nicht einmal gestattete, die Distanz zwischen der sogenannten „Barre“ und dem Stuhle des Präsidenten zu überfliegen. Das Ameublement des Saales ist einfach aber bequem. Die Richter, welche im Hintergrunde an dem Tisch sitzen, haben einen mit grünem Teppich bedeckten Tisch und rote Fauteuils. Um sich von den übrigen Richtern zu unterscheiden, nimmt d'Aumale auf einem grünen Sessel Platz. Auf dem Tische liegen große kostbare Karten. Dieselben gestatten den Richtern allen auf Örtlichkeiten bezüglichen Angaben mit Genauigkeit zu folgen. Eine noch größere Karte ist auf einem Tisch hinter dem von den Richtern gebildeten Halbkreis ausgebreitet. Ein großes Christusbild in Lebensgröße hängt schräg über dem Kopf Aumale's, das einzige Tableau in der Dekoration. Der Angeklagte und die drei Verteidiger haben den nämlichen grünen Teppich und ähnliche sammetrote Fauteuils. Rechts vom Gerichtshof sind die reservierten Plätze für die „distinguierten“ Zuschauer, deren Zahl immer und immer anwächst. Während der ersten Woche waren die Fauteuils ganz frei und jedermann zugänglich. Die zweite Woche füllten sich nach und nach beide Reihen. In der dritten Woche musste man eine dritte und eine vierte Reibe hinzufügen und selbst das genügt nicht. Auch die sogenannte Prosceniumsloge, eine geräumige Fensternische, welche wirklich eine Loge hinter dem für den Marschall bestimmten Sitz bildet, ist überfüllt. Die Journalisten sind rechts vom Gerichtshof hinter den privilegierten Sitzen einquartiert. Die Einrichtung ist eine höchst primitive: hölzerne Bänke und hölzerne Tischchen.
Als es kalt zu werden begann, erbarmte man sich der Journalisten insofern, dass das Parkett und die Bänke mit einer Art von Sackleinwand überzogen wurden. Auch in der Tinte erprobte sich die Freigebigkeit der Aumale'schen Verwaltung, blieb aber wohlweislich dabei stehen. Man verkauft wohl den Wein aus den Privatbesitzungen Aumale's, aber man kredenzt ihn nicht her-um. Das große Publikum teilt sich in drei Farben, gelb, grün, rosa, welche besseren oder niederen Sitzen korrespondieren. Besonders zu erwähnen braucht man nicht, dass die Neugierde die Töchter Eva's in großen Schaaren hierher trieb und dazu in großer Toilette. Wie soll ein Gendarmerieoffizier einer derart präsentierten Bitte gegenüber kalt bleiben? Oft aber folgt die Enttäuschung auf dem Fuße. Die Emotionen, die man sich zu holen hoffte, bleiben aus. Statt der wilden Scenen gegeneinander kämpfender, sich widersprechender Zeugen trifft man glatte, wohlerwogene Aussagen und Bazaine, der alle Augenblicke außer dem Häuschen zu geraten pflegte, so lange er ein Kommando auszuüben hatte, ist seiner vollkommen Herr.
Marschall Bazaine vor dem Kriegsgericht (Zeitgenössischer Holzstich)
Der Präsident ist ebenfalls ein Beispiel des Präsidenten, wie er sein soll und muss. Streng und korrekt „arbeitet“ er mit peinlicher Gewissenhaftigkeit und manchmal werden ganze Sitzungen mit technischen Details ausgefüllt, welche manchen niedlichen Mund zum Gähnen bringen.
Der Angeklagte: Dem Gesicht nach ein stets knurrender Bulldogg von massivem Bau, breit geschultert. Nein, untersetzt, wohlbeleibt, ist die Gestalt des angeklagten Marschalls nicht leicht zu skizzieren. Wenn man ihn vor seinem kleinen Tischchen sitzen sieht, auf den Arm des roten Fauteuils zurückgelehnt, oder die Brille auf der Nase die Papiere durchstöbernd, so muss man eine gute Weile nachdenken, ehe man den richtigen Ausdruck dieser Physiognomie wahrnimmt.
Auf den ersten Blick zwar gleicht er einem behäbigen, ziemlich bornierten, aber mit sich selbst und seinem Lose zufriedenen Bürger, der für die Sache, welche sich hier abwickelt, nur das begrenzte Interesse eines Zuschauers bekundet. Beobachtet man aber mit Aufmerksamkeit die kleinen, glitzernden Augen, sucht man jeden Strahl, den sie auswerfen, zu analysieren, weiß man die Bedeutung jeder der nervösen Gebärden, deren sich Bazaine besonders anfangs nicht zu erwehren wusste, abzuschätzen, so wird die Vermutung auftauchen, dass diese phlegmatisch-olympische Haltung eine bloße Maske ist und dass, wenn der Angeklagte seinen inneren Trieben nachgeben würde, an stürmischen Zwischenfällen und aufregenden Scenen kein Mangel wäre. (…)
Während der ersten Sitzungen hatte zwar das Ding hier und da einen Haken, aber nach und nach fügte sich Bazaine ganz und gar in die von ihm gewählte Rolle eines Biedermannes, gerade wie ein Gefäß, welches die ersten Proben bestanden hat, sich nach und nach ans Feuer gewöhnt. Er scheint sich also mit dreifachem Gleichmut umgürtet zu haben, der Mann, der nach einem tatenvollen Leben an den Gestaden eines Martialgerichtes strandet. (…)
Der Präsident: Heinrich von Orleans Herzog von Aumale, zeigte sich seinen Zeitgenossen schon von verschiedenen Seiten. Man kennt den Militär, den Akademiker, man erzählt sich so manches vom Privatmann; aber diese Gestalt war doch nur gewissen ziemlich begrenzten Kreisen zugänglich.
Der Prozess in Trianon enthüllt den Sohn Louis Philippe's vor den Augen der Menge und verschafft ihm Popularität, er zeigt ihn als einen Mann von hohem Verständnis und seltener Arbeitskraft.
Wie spottete man in den Kreisen der „Basoche“ über diesen improvisierten Gerichtshofpräsidenten, der als Debüt in der richterlichen Karriere den langwierigsten und verwickeltsten Prozess der Neuzeit zu führen hat. Welch eine ergiebige Spottquelle! Was versprach man sich nicht Heiteres im Justizpalast von den zahlreichen Schnitzern, Missgriffen und Irrungen, die sich der Prinz zu Schulden kommen lassen würde! Aber die Lacher verstummen und stehen staunend da. Wie? Sollte es nicht mehr notwendig sein, zehn Jahre lang alle Gesetzbücher durchzuarbeiten, die ganze geheiligte Scala durchzumachen, um ein perfekter Präsident zu sein? Gehört wirklich nur Geistesschärfe und Ausdauer dazu?
Es muss so sein, denn der „improvisierte" Präsident waltet seines Amtes mit einer minutiösen (manchmal zu minutiösen) Fürsorge und einer Unparteilichkeit, die man nicht immer bei den ergrauten Veteranen der Gerichtshöfe findet, die oft gewöhnt sind, vom Vornhinein in jedem Angeklagten einen Schuldigen zu sehen.
Jedermann lässt aber auch dem Herzog vollständige Gerechtigkeit widerfahren und die Republikaner, welche Anfangs gegen seine Ernennung als eine ungerechte Bevorzugung demonstrierten und die den Saal mit nichts weniger als sympathischen Gefühlen betraten, singen jetzt am lautesten sein Lob. Die sachkundigen Juristen bewundern seine Schlagfertigkeit und die Damen im Publikum sind von dem eleganten Schliff seines ganzen Wesens entzückt. Ja, für die Popularität Aumale's war die Ernennung zum Präsidenten ein gewinnendes Los.
Von der großen Schlossuhr hat es ein Uhr geschlagen.
Der Gendarmerieunteroffizier, der hier das Amt des Gerichtsdieners versieht, schreit aus vollem Halse in den Saal hinein „Aufgestanden! Der Gerichtshof, „debout, le conseil!“
Während durch die kleine Seitentür der greise General Pourcet, der öffentliche Ankläger mit seinem Stabe von Auditoren eintritt, öffnet sich im Hintergrund des Saales eine Tapetenportiere und langsam schreiten die neun Richter und Ersatzrichter herein.
Aumale erscheint regelmäßig zuletzt.
In Folge eines Sturzes vom Pferde, den er vor einigen Jahren erlitt, hinkt er nicht unbedeutend und seine Kollegen stehen bereits alle um den Tisch, wenn er den goldbordierten Hut abnimmt und die Lederhandschuhe ausziehend die sakramentalen Worte ausspricht: „Die Sitzung ist eröffnet!“ Seitdem die Photographen so ungeheuer viel in Vervielfältigung von Prätendentengeschlechtern zu machen belieben, gibt es keine größere Papierhandlung, die nicht das Antlitz des Präsidenten des ersten Militärgerichtshofes zur öffentlichen Schau stellt. Jeder, der Zeit oder Lust hat, vor einem dieser Glaskästen sich aufzuhalten, kennt die Physiognomie des Sohnes Louis Philippe's.
Die nervigen, fast wie aus Stahl geschmiedeten Züge verraten, jeder vereinzelt und im Zusammenhang, eine prägnante Individualität. Der kurzgestutzte Kinn- und Schnurrbart drücken der Physiognomie einen militärischen Stempel auf, was auch der Absicht des Trägers entspricht, denn er ist sehr stolz von Jugend auf der Armee angehört zu haben und wie freute er sich so kindisch, als er einmal kurz nach seiner Rückkehr nach Frankreich an ich weiß nicht welchem Bahnhof für einen pensionierten Unteroffizier gehalten wurde.
Herzog Henri d‘Aumale
Der Prinz liebt es noch heute im Umgang die zwanglose Brüskerie des alten afrikanischen „dur á cuire" nachzuahmen. Und dies ist seine Schwäche, in allem und je-dem als durch und durch für einen Militär zu gelten, während seine Intelligenz und Bildung gegen diese Landsknechtsmanieren demonstrieren.
Die Sitzung ist eröffnet.
Durch den Gang, der auf die cour d'honneur Aussicht hat, wurde Bazaine eingeführt, er hat sich leise vor dem Gerichtshof verbeugt und auf seinem Fauteuil niedergelassen.
Die Tagesarbeit kann beginnen.
Betrachten wir Aumale im Feuer der Aktion.
Der kleine Greffier, (Anm.: Justizbeamter) dessen Gesicht aus einem alten Stück ärarischen Pergamentes geschnitten zu sein scheint und der allen Befehlen, Bemerkungen und Zurechtweisungen seines Chefs ein stereotypes, gemütliches Lächeln entgegensetzt. Herr Alla verliest ein Schriftstück.
Die Vorlesung dauert lange. Das Publikum aber nimmt kein Interesse daran, die Herren Richter kümmern sich wenig darum. Der fetteste aller Kriegsobersten, General Guyot, dem man zwei Fauteuils statt eines einräumen darf, dreht den linken Zeigefinger über den rechten Daumen und den linken Daumen über den rechten Zeigefinger. Der lange, hagere General Lallement gähnt, während sein Nachbar, der kleine Reffayre gegen den ihn überwältigenden Schlaf kämpft und Martineau-Deogenais, der ohnedies Wolle genug in den Ohren hat, um gar nichts zu hören, mit dem Papiermesser auf seinem engen Pult einen Marsch trommelt. Die Vorlesung ist eine bloße Formalität für alle ... nur nicht für die zwei hellblauen Augen des Präsidenten. Wie geladene Mitrailleusen richten sich diese auf den unglücklichen, vielgeplagten Greffier. Wehe ihm, wenn er emé ohne Accent spricht, wenn er ein Komma oder ein Semikolon nicht genug andeutet! Wie ein Professor der Deklamation, welcher einem Schüler die bei einer Vorlesung oder Rezitation gemachten Fehler in der Aussprache korrigiert und das Richtige nachweist, ebenso korrigiert Aumale den „Schüler“ Alla. Er muss wirklich alles, was da vorkommt, im Kopfe haben und es wundert uns nicht, wenn man erzählt, dass der Präsident alle Nächte bis zwei Uhr die Sitzung des andern Tages vorbereite. Und gewiss muss er sich einer Riesenarbeit unterwerfen. Jede Frage, die er stellt, ist im Voraus bemessen, grammatikalisch konstruiert, wohlerwogen und verstanden. Alle Zwischenfälle, die sich da ereignen könnten, sind genau und bis ins geringste Detail vorausgesehen.
Die Scene belebt sich, der trockene Vortrag des Pergamentmännchens ist überstanden. Ein Zeuge wird vorgerufen. Ein General im vollen Kostüm mit allen seinen Orden, ein Gentleman, ein hoher Beamter, ein ehemaliger Minister im korrekten schwarzen Anzug, das rote Bändchen im Knopfloch, oder es ist ein schlichter Forstwächter im grünen Gewand, ein Zoll- oder Eisenbahnbeamter in der Amtstracht, oder wieder ein Arbeiter, ein Polizeiagent oder ein Bauer.
Das Verhör beginnt. Zuerst stellt Aumale die üblichen Fragen.
„Wie heißen Sie? Wie alt sind Sie? Ihr Stand? (Nach Religion wird nicht gefragt.) Wo wohnen Sie? Kennen Sie den Marschall? Haben Sie mit ihm früher Beziehungen gehabt? Sind Sie mit ihm verwandt oder verschwägert? Und standen Sie in seinem Dienste oder er in dem Ihrigen?“
All diese Fragen sind vom Gesetz vorgeschrieben.
Es nimmt sich nun sonderbar aus, wenn man einen Wilddieb aus dem Ardennenwald fragt, ob der Marschall je in seinen Diensten gestanden, oder einen Zollwächter, ob der Marschall sein Verwandter ist.
Viele der braven Leute vom Lande reißen den Mund wie eine Scheune weit auf, wenn man sie um diese Auskunft ersucht. Der Präsident unterdrückt dann rasch ein Lächeln und schreitet vor ohne die Antwort abzuwarten. Wenn er die Zeugen auffordert, ihre Aussage zu machen, bedient sich Aumale gern des Titels, der dem Verhörten zusteht Die Militärs nennt er mit Kürze bei ihrem Grad meistens „Colonel“, „General“, „Commandant“ ohne die Zutat des nach Philistertum duftenden „Monsieur“.
Es ist merkwürdig, wie er mit jedem Zeugen gleich den richtigen Ton zu treffen weiß, der dem gesellschaftlichen Stande, dem Charakter und dem Fassungsver-mögen der Zeugen entspricht. Man möchte glauben, dass er diese Leute, von denen er die meisten zum ersten Mal zu Gesicht bekommt, in der Westentasche stecken habe.
Auf diese Weise versteht jeder, auch der beschränkteste, Zeuge gleich die Frage; denn die Fragen mit mehr Klarheit zu präsidieren ist gar nicht möglich, und zuweilen würde man bald den Faden aus lauter Sorge für die Details verlieren, wenn nicht Aumale selber Sorge trüge, ihn im geeigneten Moment wieder anzuknüpfen.
Hat er z. B. einen Zeugen auszufragen: „Um wie viel Uhr haben Sie den Herrn Marschall verlassen?“, so wird Aumale folgendermaßen die Fragen stellen: „Erinnern Sie sich mit einer gewissen Genauigkeit, ob Sie von da an beim Herrn Marschall verblieben sind oder nicht? Und als Sie, wie es zu vermuten ist, von ihm Abschied nahmen, können Sie behaupten, ob sich in ihrem Gesichtskreise eine Pendeluhr, eine Wanduhr, eine Taschenuhr aus Gold, Silber oder Messing, eine Kirchen- oder Turmuhr, ein Wecker, ein Sandmesser oder irgend ein Gerät, auf dem die Stunden zu ersehen sind, befand? Und in diesem Falle durften Sie annehmen, dass die im Momente, wo Sie aus dem Zimmer traten, angedeutete Stunde die richtige war? Ich frage Sie nun, ob Sie vermuten, behaupten können, auf welcher Ziffer der Minuten- und auf welcher Ziffer der Stundenzeiger stand, als Sie Ihren Körper in Bewegung setzten? In anderen Worten bitte ich Sie mir zu sagen, um wie viel Uhr Sie das Zimmer verließen?“
Grundsätzlich benimmt sich der Vorsitzende gegen alle Zeugen höflich und wohlwollend. Er ermuntert sie in ihren Aussagen, wenn er mit der größten Spannung zuhört und jeden Satz mit einem beifälligen Kopfnicken begleitet; die eingeschüchterten Zeugen und jene, welche mit Stimmmitteln nicht hinreichend versorgt sind, schützt er willig gegen das Gemurmel des in seiner Neugier betrogene Publikum. Der Ordnungsruf erfolgt hier weder mit der kleinen Glocke, die vor ihm steht, noch mittels der Stimme. Ein grimmiger Blick der Mitrailleusenaugen und es wird alles still. Mit welch schöner, aufrichtiger Entrüstung schleuderte er zwei Blicke, als die junge Dame aus Metz aussagte, die ruhig durchkam, um ihren alten Vater zu besuchen, da wo die schönen Gandins des Generalstabs sich nicht hintrauen wollten. Der Dame imponierte selbstverständlich der ganze gerichtshöfische Apparat und statt zu sprechen, lispelte sie bloß.
Die Journalisten hätten gern die Aussage aufgenommen und äußerten vielleicht etwas zu laut den Wunsch nach einem höheren Diapason. Wie entrüstet richtete der Herzog seine Lunten gegen die Holzblöcke, als begreife er nicht, dass man solches von einer Dame verlangen könnte. Aber die Geduld und die Gleichmütigkeit des Präsidenten können auch ihre Grenzen erreichen, wenn er zu merken scheint, dass es dem Befragten an Aufrichtigkeit mangelt. Dann wird die Stimme, welche wie liebkosend klingt, entweder schneidend ironisch oder sie dehnt sich langsam zu schlangenartiger Zurechtweisung. Die boshafte Ironie wählt der Präsident noch am liebsten und für die Gedächtnisschwächen (und wie viele gab es nicht in diesem Prozesse!) hat er eine Menge giftiger Pfeile im Köcher. Er macht sich in ergötzlicher Weise über ihre „Lücken“ lustig und erlaubt sich hierüber Bonmots, die jedermann belacht, außer demjenigen, auf dessen Kosten sie gemacht werden. Selbst in der höchsten Aufregung aber weiß er die Reserve, welche den Weltmann auszeichnet, zu bewahren. Er erhebt nie die Stimme und seine Gestikulation hält sich in den gebotenen Schranken.
