Marta - Dirk War - E-Book

Marta E-Book

Dirk War

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Beschreibung

Unterschiedliche Blicke ruhen auf einer jungen, schönen Frau. Drei Blickwinkel, und keiner scheint der richtige zu sein. Die Lüge von drei Seiten betrachtet? Oder doch: das Leben? Melancholie und Verliebtheit, oder Depression und Klischee? Eine Reise nach Zandvoort, aus der mehrere Reisen werden, und auch: ein Ende. Drei Männer auf der Suche. (Drei Streifzüge durch die Ratlosigkeit.) Zwei fürchten, auf der Strecke zu bleiben. Einer zumindest hofft. Bis zuletzt.

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Seitenzahl: 75

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Dirk War

Marta

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Düsseldorf

Heimat

Richtung Zandvoort

Am Meer

Im Ort

Grauer Block

Himmel

Terrasse

Sand

Suite

Tiefe

Abreise

Und Marta

Good Night

Impressum neobooks

Düsseldorf

Ich erreichte Düsseldorf an einem milden Abend im Mai. Um acht Uhr wollte Marta mich am Busbahnhof abholen. Gegen einen Zigarettenautomaten gelehnt stand ich müde in der milden Abendluft, umgeben von hektischen Menschen und hässlichen Stadttauben. Ich konnte mich nicht entscheiden, wen ich abstoßender finden sollte. Versunken in diesen reizlosen Gedanken bemerkte ich gar nicht, dass Marta plötzlich vor mir stand, freudestrahlend. Sie umarmte mich und küsste meinen Hals.

So ging es also los.

Gemeinsam schlenderten wir die kurze Strecke zu ihrer kleinen Wohnung.

Nie zuvor war ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln in den Urlaub gefahren. Marta hingegen verschmähte im Grunde genommen jede andere Art und Weise, die Ferienreisen zu verbringen. Mit dem Bus, mit der Bahn, und, ganz wichtig: ohne Ziel. So sollte, so musste man unterwegs sein.

Im Vorfeld unserer Tour hatte mir Marta immer wieder E-Mails gesendet, die konkrete Anweisungen zur Gestaltung meines Gepäckes beinhalteten. So war ich nun ratloser Besitzer eines riesigen Rucksackes, der zahlreiche Kleidungsstücke und Gegenstände in sich barg, die ich ohne Martas Empfehlungen niemals erworben hätte.

Rote und braune Straßenbahnen ruckelten langsam durch den lauen Abend. Taxifahrer rauchten neben ihren Autos und warteten geduldig auf Kunden. Dönerbuden aromatisierten die Luft. Auf dem Bürgersteig saß ein Obdachloser und spielte Mundharmonika. Marta warf eine Münze in seinen Hut, als wir an ihm vorbeigingen.

Bald schon kamen wir an.

Im Treppenhaus roch es nach Bier. Hinter einer Wohnungstüre im ersten Stock dröhnte laute Musik. Im dritten Stock, direkt unter dem Dach, lag Martas kleines Zuhause. Es war eine Einzimmerwohnung mit winziger Küchenzeile in der Ecke.

Die beiden Fenster waren zwar gekippt, doch die Luft war stickig. Volle Aschenbecher standen auf den Fensterbänken. In der Spüle lag dreckiges Geschirr.

Wir setzten uns auf die bereits ausgezogene Schlafcouch. Auf einem kleinen Holztisch neben der Couch standen zwei Gläser und eine Flasche Rum.

Marta ließ die kostbare Flüssigkeit andächtig in die Gläser laufen.

Warm war er, der kubanische Rum, und stark. Wir tranken ihn gemächlich.

Langsam verabschiedete sich das Licht aus der Stadt. Marta zündete eine dicke, rote Kerze an, die mit einem Dessertteller verwachsen war. Die Farbe des Rums wurde daraufhin noch lieblicher.

Doch die befreiende Wirkung des kubanischen Getränkes blieb aus, und wir saßen meist schweigend und vielleicht ein wenig ratlos nebeneinander.

(Sie schwieg; ich war ratlos.)

Erleichterung brachte die Idee, früh schlafen zu gehen. Sanft drückte Marta ihren zarten, kleinen Körper an meine müden Knochen, und die Ratlosigkeit wich ohne Gegenwehr der Lust. Martas Atem roch nach Erdbeeren und ihre weiche, braune Haut duftete nach Urlaub am Meer.

(Sie hatte einen Erdbeerkaugummi im Mund, und sie hatte sich am Nachmittag ihren Nacken mit Sonnencreme eingeschmiert.)

Es war überraschend für mich, mit welcher Selbstverständlichkeit Marta mich auszog.

Ihre Selbstsicherheit schien mit schwindender Helligkeit rasch zuzunehmen.

Sie blies die Kerze aus.

Die Nacht war lang und schwarz und schmeckte köstlich.

Am nächsten Morgen fuhr unser Zug Richtung Amsterdam. Schnell erwiesen sich all meine Vorurteile gegenüber dem Bahnfahren als vollkommen berechtigt. Mit Mühe, mit Glück und nur dank Martas unwiderstehlichem Lächeln ergatterten wir die beiden letzten Sitzplätze in einem stickigen Wagenabteil. Mit unseren riesigen Rucksäcken quetschten wir uns auf das kunstlederne Bänkchen. Die Ablagefächer waren alle schon mit diversen Reisetaschen vollgestopft.

Die anderen Menschen in unserem Waggon gehörten scheinbar zu einer merkwürdigen Gemeinschaft. Sie rauchten Zigaretten und schauten dabei ganz traurig.

Ein sehr dickes Kind wurde auf dem Gang von einem nur unwesentlich weniger fettleibigen Kind gehänselt. Zum Glück stiegen die beiden am nächsten Bahnhof aus. Vermutlich um Schokolade und Chips zu kaufen.

Marta lächelte; und sie küsste mich von Zeit zu Zeit. Ihre braunen Augen funkelten mich an.

Ihr Gesicht war halb verdeckt von ihren dunkelbraunen, langen und leicht lockigen Haaren.

Der Bahnhof von Amsterdam war unser erstes Etappenziel. Die Zugfahrt dorthin dauerte etwas mehr als drei Stunden. Wir schliefen die meiste Zeit, oder taten so.

Als wir ankamen, stand die Sonne weit oben, inmitten eines tiefblauen Sommerhimmels. Es war ein heißer Tag, der bisher wärmste in diesem Jahr.

Klassisches Burger-Wetter, sagte Marta, und steuerte auf ein amerikanisches Fastfood-Restaurant zu.

Sie hatte keine Probleme mit dem schweren Rucksack, während ich nur mit Mühe meinen Weg durch die vielen hastenden Menschen fand. Die Ausmaße des Rucksackes machten mir dabei noch mehr zu schaffen, als das enorme Gewicht, das auch unserem großen Zelt geschuldet war.

Wir aßen unser Mittagsmahl tief in den Eingeweiden des Bahnhofes. Vollklimatisiert. Kalt war es dort, und überall roch es nach Essen. Die Menschen rannten herum und fraßen dabei.

Wir saßen auf roten Plastikstühlen an einem roten Plastiktisch. Alles war schmierig und eklig. Und dann auch noch Unterschicht am Nebentisch. Ein junger Mann mit Bierbauch. Obligatorisches Feinripp-Hemdchen und selbstverständlich auch Tätowierungen an beiden Armen. Und im Nacken. Und auf den Waden. Auf der Schulter das Logo eines Fußballvereins. Ausgerechnet Wolfsburg.

Neben ihm saß eine junge Frau von beispielloser Fettheit. Alles an dieser Frau war dick. Fettrollen im Nacken. Beine wie Baumstämme. Dazu eine Schweinenase mit Ring.

Das Töchterchen, derweil, grinste recht debil ins Nichts. Gekleidet war sie wie eine Barby-Puppe. Doch schon mit fünf Jahren deutlich übergewichtig. Fette, kleine Barby-Puppe. Ein Speichelfaden seilte sich langsam aus ihrem linken Mundwinkel ab.

Der Papa will Dir was erklären, Chantal, jetzt komm mal schön da her. Kommst Du jetzt her? Oder muss ich Dich erst patschen?

Chantal kam her. Und der Papa erklärte.

Schau her, das sind zwei Scheine. Siehst Du die? Zwei grüne Scheine. Und obwohl das zwei Scheine sind, sind die nur gleichviel wert, wie der eine rote Schein. Der da hier, schau hin! Weil der mehr wert ist, als wie die grünen Scheinen. Schau hin!

Die Mutter unterbrach die Lektion.

Das checkt die sowieso nicht, sagte sie, und nahm die dicke, stark speichelnde Barby-Puppe auf den Schoß. Weiß Gott ein vorzüglich gepolsterter Sitzplatz. Das kleine Mädchen lächelte voller Dankbarkeit. Sie wollte einfach nichts lernen. Sondern lieber auf dem Schoß der weichen Mama sitzen und Pommes in sich reinschieben.

So lernt die nie was, grummelte der Vater.

Die checkt das eh nicht, konterte die Mutter.

Ketchup tropfte auf die rosafarbene Kinderbluse.

Das Unterschichten-Kleinod fesselte mich. Staunend betrachtete ich das kleine Schauspiel. Es war ein bisschen, wie im Zoo. Oder es fühlte sich zumindest so ähnlich an.

Marta holte uns Kaffee zum Nachtisch.

Die drei Dicken hievten sich unter lautem Stöhnen von den Plastikstühlen hoch, ließen das Tablett stehen und gingen davon. Sie hatten alles aufgefressen. Bis auf die Styropor-Verpackungen.

Während wir Kaffee tranken, stritten sich vor uns zwei holländische Mädchen. Beide sahen aus wie drogenabhängige Nutten. Die eine lächelte sehr hübsch zu mir herüber. Wenn sie die Aussagen ihrer Freundin nicht mehr ertragen konnte, blickte sie mir fassungslos in die Augen. Als könnte ich ihr helfen. Als könnte ich sie verstehen.

Wir müssen gehen

Heimat

Zuhause, in meiner mittelpopulären Heimatstadt, pflegte ich seit einigen Wochen eine unverbindliche Liaison (weniger Niveauorientierte Zeitgenossen würden an dieser Stelle wohl von einer Fickbeziehung sprechen, einer reinen Fickbeziehung) mit einer Bäckereifachverkäuferin. Sie hieß Carmen. Wir haben uns in einer Disco kennengelernt. Ich war ziemlich betrunken. Genauer gesagt: vollgesoffen. Schamlos hat sie das ausgenutzt, damals.

Seitdem fuhr ich in unregelmäßigen Abständen zu ihr. Immer abends. Niemals nüchtern.

Carmen redete viel zu viel und viel zu gern. Tagsüber musste sie sich berufsbedingt mit den klassischen Fragen mit Salz, oder ohne?, beziehungsweise darf es sonst noch etwas sein? begnügen.

Am Abend holte sie dann alles nach. Kaum war ich in ihrer Wohnung angekommen, fing sie an. Es begann sofort ein unsäglicher Schwall gebündelter Nichtigkeiten aus ihr heraus zu schwappen. Lange konnte sie reden. Pausen machte sie keine. Schön war das nicht.

Immer versuchte ich, schnellstmöglich zur Sache zu kommen, um ihre Redezeit zu minimieren, und die nackte Liaison-Zeit zu maximieren. Der in mir vorhandenen Resthöflichkeit war es zuzuschreiben, dass ich ihr nicht unmittelbar nach dem Begrüßungskuss die Hose runterzog. Einige Minuten Elend, dachte ich, könne ich schon ertragen, im Vorfeld. Doch schnell verließ mich die Geduld, und selten vergingen mehr als fünf Minuten, ehe ich ihr die fleischigen Möpse zu massieren begann. Ihren Redefluss zu stoppen, war eine schwierige Aufgabe. Sie schwieg erst, wenn sie etwas im Mund hatte, das sie am sprechen hinderte. Eine Zunge, zum Beispiel, oder halt was anderes.

Dennoch gab es Momente, in denen ich froh war, Carmen zu haben. Es waren die Momente der schläfrigen Melancholie, der Katerbedingten Lethargie, der Einsamkeit und Ratlosigkeit. Und vor allem, die Momente der überkochenden Bockigkeit.

Doch es waren Momente. Immerhin.