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Er ist die entscheidende Waffe in einem Krieg der Dämonen. Er weiß es nur noch nicht. Der fünfzehnjährige Marten Grimm kehrt nach dem Tod seiner Schwester und Mutter in die Stadt zurück, in der er aufgewachsen ist. Er ist in sich gekehrt, wütend und verletzt, und er legt sich mit jedem an, den er trifft. Doch ein Geheimnis umgibt das Tech-Unternehmen, für das sein Vater arbeitet, und schreckliche Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Denn Kreaturen aus einer anderen Welt kämpfen ihr letztes Gefecht in einer Stadt, die ihr eigenes düsteres Geheimnis birgt, und Marten steckt mitten drin. Er ist auf die Hilfe alter und neuer Freunde angewiesen, um das gefährlichste Rätsel von allen zu lösen: sich selbst. Für alle Fans von Ben Aaronovitch und Neil Gaiman: In einer ungewöhnlichen Mischung aus Urban Fantasy und klassischem Horror kämpft Marten mit unglaublichen Kreaturen und den Geheimnissen einer Stadt, um alles zu retten, was ihm geblieben ist.
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Seitenzahl: 465
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Er ist die entscheidende Waffe in einem Krieg der Dämonen.
Er weiß es nur noch nicht.
Der fünfzehnjährige Marten Grimm kehrt nach einer Familientragödie in die Stadt
zurück, in der er aufgewachsen ist. Er ist in sich gekehrt, wütend und verletzt, und
er legt sich mit jedem an, den er trifft. Doch ein Geheimnis umgibt das Tech-Unternehmen, für das sein Vater arbeitet, und schreckliche Ereignisse werfen ihre
Schatten voraus. Kreaturen aus einer anderen Welt kämpfen ihr letztes Gefecht in
einer Stadt, die ihr eigenes düsteres Geheimnis birgt, und Marten steckt mitten drin.
Er ist auf die Hilfe alter und neuer Freunde angewiesen, um das gefährlichste
Rätsel von allen zu lösen: sich selbst.
Axel Niebergall, Jahrgang 1975, schreibt seit seinem 14. Lebensjahr Geschichten
und Romane. Er ist Althistoriker, Buchhändler und Rollenspieler und seine
Leidenschaft gilt der Fantasyliteratur, der Antike und dem Kino. Er spielt Das
Schwarze Auge seit Anbeginn, heute mit einer sehr bunten Truppe aus Jugendlichen
und Erwachsenen, und liest am liebsten verzwickte Fantasyromane mit überraschender Magie, einzigartigen Settings und spektakulären Kämpfen. Neben
wissenschaftlichen Aufsätzen hat er Kurzgeschichten an obskuren Orten veröffentlicht. Axel Niebergall lebt mit seiner Familie in Königswinter.
Dies ist sein sechster Debütroman
There ain’t no cure for the summertime blues.
Eddie Cochrane
Kapitel 1 – Das Tote Gleis
Kapitel 2 – Das Moor
Kapitel 3 – Das Spiel
Kapitel 4 - Das Haus Im Wald
Kapitel 5 - Die Stunde Um Mitternacht
Kapitel 6 - Die Suche
Kapitel 7 - Märchenstunde
Kapitel 8 - Die Nacht Ist Kurz
Kapitel 9 - Versteckspiele
Kapitel 10 - Andere Magie
Kapitel 11 - Marten, Entfesselt
Kapitel 12 - Der Wunsch
1
Da geschah es.
Sie überquerten die Stadtgrenze und Marten zuckte aus seinem Dämmer empor als öffnete sich eine Kapsel auf einen elektrischen Impuls hin, einen Trigger, den er mit seiner Ankunft auslöste. Beinahe war er erleichtert über das vorzeitige Ende seines Traumes, der sich gerade von einem Abenteuer in ein Grauen verwandelt hatte. Spannung rieselte über seine Haut, schoss in seine Glieder, diese unangenehme Beklemmung, wie sie nur ein Alptraum verursachte. Er blinzelte in die grelle Julisonne und fröstelte zugleich in der Hitze, die sich in den letzten Stunden im Wagen aufgestaut hatte. Er war auf einmal wacher denn je zuvor, durch den Gedanken: Wir sind da. Merkwürdig, dass er die Beklemmung nicht abschütteln konnte.
In seinem Traum hing Marten kopfüber von der Decke einer gewaltigen Halle. Sie erinnerte ihn an das Innere des Kühlturmes eines Kraftwerks, die gekrümmten Wände strahlten eine Energie aus, die ihm nicht wohlgesonnen war. Direkt unter ihm, nur wenige Meter entfernt, befand sich ein Podest, und er spürte Enttäuschung unter dem Nervenkitzel. Das Podest war leer und er hatte erwartet, darauf etwas vorzufinden. All die Mühen waren umsonst.
Marten wusste nicht, ob er an einem Bungeeseil baumelte oder von seinem eigenen Willen in der Luft gehalten wurde, aber das schien egal zu sein in dem Traum. Er hörte ein Lachen, leise und mit einem geisterhaften Nachhall, das sich in der Weite der Halle verlor. Nicht seine eigene Stimme. Dann stellte er fest, dass er sich getäuscht hatte, das Podest war nicht leer. Spielwürfel lagen darauf. Drei mit sechs Seiten, einer mit zehn, der letzte mit den zwanzig dreieckigen Flächen, die aus ihm beinahe schon eine Kugel machten. Ein Ikosaeder, dachte er, aber seine Traumzunge verhedderte sich nicht in dem komplizierten Wort. Sie lagen dort, als warteten sie darauf, dass er ein Spiel fortsetzte, das gerade begonnen hatte. Er wollte schon die Hand danach ausstrecken, als er realisierte, dass er nicht allein war. Etwas bewegte sich in den Schatten, die in den Sanduhrschwüngen des Turmes lauerten. Etwas ringelte sich dort, wälzte sich um und um, ein mattschwarz glänzendes Ding von gigantischen Ausmaßen, das die Schatten kaum unter Kontrolle hielten. Es wollte die Düsternis um sich herum sprengen und sich Marten in seiner furchtbaren Pracht zeigen, sein gewaltiges Maul aufreißen und ihn verschlingen. Dann zog etwas an ihm, riss ihn empor wie eine Marionette an ihren Fäden. Der Traum verging in dem Moment, in dem er herausfinden würde, ob es das Ding war, das an ihm zog.
Aus der Hügelkuppe vor dem Auto schoben sich nach und nach fünf Kirchtürme wie Lanzenspitzen durch eine dünne, grünbraune Haut. Die Stadt lag in einer Talsohle, in alle vier Himmelsrichtungen ausgestreckt, entlang Fluss und Bahnschienen gespreizt, die neben dem Stadtkern fast im Neunziggradwinkel zusammentrafen, sie sah von oben wie ein abgezogenes Fell aus, das von fünf gewaltigen Nägeln aufgespannt wurde. Kreuztal, der Name hat schon immer gepasst, dachte er. Der Fluss ein Rinnsal, die Bahnlinie stillgelegt, fuck, Kreuztal, die Stadt war damals schon in jeder Hinsicht abgehängt und das hatte sich in den letzten vier Jahren nicht gebessert. Letztendlich war es Marten aber gleichgültig, wohin es ihn gerade trieb, aus München weg, auf Kreuztal zu oder wer weiß wohin. Der Himmel hatte überall dieselbe Farbe.
„Na, wach?“, fragte sein Vater, und lächelte aufmunternd.
„Hab die Augen offen“, sagte Marten und ließ das Fenster hinunter. Das Knattern des Fahrtwindes riss seinem Vater die nächsten Worte von den Lippen. Erinnerst du dich an dies, schau mal da, hier warst du, dort hast du. Marten würde sich kein Gespräch aufzwingen lassen. Nicht über die Kleinstadt, in der er geboren worden war, nicht über nostalgische Erinnerungen noch über etwas anderes. Mit dumpfer Befriedigung stellte er fest, dass sein Vater tatsächlich schwieg.
„Da wären wir“, rief er dann doch, und lachte, weil Marten zusammenzuckte. Dem empörten Seitenblick seines Sohnes begegnete er mit einem sanften Spott, der Marten nur noch wütender machte.
Die Hitze flirrte auf der Hügelkuppe und brachte das Gras zum Flimmern. Als Marten den alten Güterbahnhof erreichte, warteten die drei auf ihn. Ob das Zufall war oder ein besonders gehässiges Spiel des Schicksals, scherte ihn nicht. Er freute sich sogar darüber. Die Jungen würden ihn ein wenig aufmuntern, ein bisschen Spaß bringen am Ende des Tages, oh ja doch, das hatte er sich verdient. Und wie er sich das verdient hatte.
Seine Ankunft in Kreuztal lag sieben Stunden zurück und endlich passierte etwas, mit dem er sich aufmuntern konnte. Die drei ahnten nicht, worauf sie sich eingelassen hatten.
Braunblondes Gras bedeckte die Schienenstränge, deren Verlauf gerade noch zu erahnen war. Hier und da ragten zerschundene Prellböcke empor. Von dem verlassenen Lagerhaus, in dem er in einem anderen Leben Freunde getroffen hatte, stand nur noch eine verwitterte Betonplattform. Über allem wehte ein erstickender Wind und die Luft flirrte. Marten nahm die Hitze jedoch nicht wahr. Er trug einen eisigen hohlen Körper mit sich herum, durch den eine Feder gespannt war. Jeden Moment konnte sie unter der Kälte zerspringen, und was dann geschah, wenn sich die Spannung der Feder löste, darauf war er neugierig. Einer war ihm dumm gekommen, einer hatte sich über ihn lustig gemacht, einer hielt ihn für einen miesen Verräter (was stimmte). Die drei würden nicht wissen, wie ihnen geschah. Das machte den Reiz aus. Ihre Ahnungslosigkeit.
Im Näherkommen beobachtete er seine Gegner. Der Blonde mit dem absurden Namen und der Lange mit dem albernen Bärtchen kannten sich trotz ihres Altersunterschiedes. der Blonde war etwa drei Jahre älter als Marten. Jedenfalls flüsterten sie vertrauter miteinander als es eine Zufallsbegegnung zuließ. Andrej stand abseits. An seinem Verhalten hatte sich in den vergangenen Jahren anscheinend nichts geändert, er hielt Abstand zu den unbekannten Jugendlichen. Aus dem enttäuschten Sarkasmus, mit dem er Marten vor ein paar Stunden zur Rede gestellt hatte, war eine wütende Verbissenheit geworden. Sicher hatte er bereits durchschaut, was Marten bezweckte. Oder er sorgte sich um seine eigene Gesundheit. Die Debatte der beiden fremden Jungen wurde hitziger, als sie Marten bemerkten, wobei vor allem der Lange gestikulierte, Worte spuckte, und der Blonde ihn zu beschwichtigen suchte.
Das letzte, was Marten heute Abend wollte, war allerdings Beschwichtigung.
Er sprang nach hinten aus dem Sattel, so dass sein Fahrrad ohne ihn weiterrollte und nach einem Stück mit sirrenden Rädern ins Gras fiel. Er war so aufgeregt, dass er ein Zittern unterdrücken musste.
„Wer von euch drei Hübschen will zuerst?“, rief er, und das verwirrte Schweigen, das darauf folgte, zauberte ein Grinsen auf sein Gesicht.
Marten wirkte schmal, in der Runde hier war er der Kleinste. Körperlich alles andere als eindrucksvoll, aber sollten sie seine selbstbewusste Pose doch lächerlich finden, Marten wusste selbst, dass er abgesehen von seiner Himmelfahrtsnase kein besonders auffälliger Typ war, keiner, an den man sich später noch erinnerte oder der durch eine pompöse Erscheinung Ehrfurcht einflößte. Er stellte sich vor, wie sie zu dritt auf ihn losgingen, ihr wehrloses Opfer. Ihn erst wie ein Rudel Wölfe einkreisten und dann zu reißen versuchten. Sie konnten es eben abgesprochen haben. Wer ihn festhält und wer ihn mit Fäusten bearbeitet. Vor Aufregung wäre Marten beinahe auf und ab gesprungen, wie ein Boxer im Ring, der auf die Glocke wartete. Marten überlegte, wie lange er sich ihre Untätigkeit gefallen lassen sollte. Dann schoss eine kaltblütige Freude über den bevorstehenden Kampf in seine Adern wie Säure. Greif sie an, jetzt!
Zum ersten Mal seit Monaten fühlte er sich wieder richtig lebendig.
„Warte mal“, sagte der Ältere, „du bist Ann-Sophie Grimms kleiner Bruder.“ Und er grinste glücklich. „Das ist ja geil, sie ist wieder da?“
Hätte der Lange nicht eine so kurze Zündschnur gehabt, dass ihn die Erkenntnisse über irgendwelche Familienverhältnisse nicht bremsten, Marten hätte sein Fahrrad an sich gerissen und wäre geflohen. Der Lange stürzte sich wie ein Tiger auf ihn und stahl ihm die Gelegenheit.
2
Martens Vater hatte versprochen, dass die Firma in Kreuztal ein Haus für sie finden würde, das ihrem alten glich. Ihm schien es wichtig zu sein – Marten beunruhigte der Gedanke. Eine Zeitlang schien es, als könnten sie sogar das Haus zurückbekommen, in dem Marten aufgewachsen war. Er war erleichtert, als sich diese Hoffnung seines Vaters zerschlug: Dorthin zurückzukehren wäre wie wissentlich in ein Spukhaus ziehen.
Der Beschreibung nach lag das neue Haus in einem Neubauviertel und war himmelblau angestrichen. Als sie in die Septemberstraße einbogen, gab es dort aber nur ein einziges blaues Haus. Zunächst vermutete selbst Marten, dass der Wagen, der in der Einfahrt stand, dem Makler gehörte, der ihnen die Schlüssel übergeben wollte.
Das Garagentor stand offen und ermöglichte den Blick in einen Abstellraum voller Gartengeräte, Fahrräder, Lackeimer, zwischen die sich auch der Smart vor der Einfahrt nicht hätte quetschen können. An den Fenstern hingen angebräunte Geranien und neben der Eingangstür lehnte ein dekorativer Reisigbesen, dessen Borsten zum Himmel wiesen.
Hier bemerkte Marten zum ersten Mal den Langen. Er stand auf der anderen Straßenseite, dem himmelblauen Haus gegenüber, und schaute zum ersten Stock hinauf. Marten suchte die Fassade ab und sah noch, wie dort oben Gardinen schwangen. Der Lange sackte enttäuscht in sich zusammen. Martens Vater beharrte darauf, dass er die richtige Adresse habe, und stieg aus. Die Haustür öffnete sich, als wäre das ihr Signal gewesen.
Ein kugelrunder Bauch schob sich Martens Vater entgegen, in T-Shirt und einer gelben Strickweste, die sich niemals würde schließen lassen. Er rollte den Weg hinab und fuhr ein Paar massiger Hände aus, mit denen er die schmalen Technikerhände von Martens Vater über die Pforte hinweg umschloss. „Meine Güte, Sie müssen Herr Grimm sein, nicht wahr? Verflixt früh dran sind Sie.“ Eifrig wurden Hände gepumpt und die Worte schwallten geradezu aus dem Bauch. „Willkommen in Kreuztal! Willkommen! Damit hätten wir ja noch gar nicht gerechnet! Ich meine, wissen Sie?“
Martens Vater ließ es zu, dass er geschüttelt wurde, während sich der Bauch weiter über ihre frühe Ankunft verwunderte. Dann fasste er sich. „Wann haben Sie uns denn erwartet?“ fragte er, kurzatmig vor Empörung. „Nächstes Jahr?“
„Na sagen Sie!“ rief der Bauch, und lachte freundlich.
Der Lange auf der anderen Straßenseite lehnte nun an seiner Mauer und verfolgte grinsend das Geschehen. Martens Vater blamierte sich gerade vor Publikum, und was er sagte, machte es nicht besser.
„Sie sind doch der Makler?“, fragte er vorsichtig, und das brachte den Bauch erst richtig zum Beben.
Marten hielt es nicht mehr im Auto. Er öffnete seine Tür und stellte einen Fuß auf die Straße. In diesem Moment hielt hinter ihm der Möbelwagen. Er nahm beinahe die komplette Breite ein, steckte in der Septemberstraße wie ein Korken im Flaschenhals.
„Ich sage ihnen mal was“, fuhr der Bauch in vertraulichem Tonfall fort. „Hier ist alles ein bisschen durcheinander. Termine verschieben sich“, Schulterzucken, „und manchmal klappt es hinten und vorne nicht, verstehen sie?“ Er seufzte jovial. „Man steckt einfach nicht mehr drin. Ich verstehe nicht, warum Ihr Makler sie nicht in Kenntnis gesetzt hat! Ich beschwöre, dass ich ihm schon letzte, nein vorletzte, nein – dass Sie aber auch!“
„Aber Sie müssten doch längst –“
„Ja jaa,“ sagte der Bauch gedehnt. „Jaaa“, und dieses langgezogene Ja wurde immer kehliger, als müsste er ein Lachen unterdrücken, „aber Sie wissen doch, wie das!“
„Aber Sie können doch nicht –“
Marten war ausgestiegen, aber bevor er sich einmischen konnte, drängte ihn der Vorarbeiter der Möbelpacker beiseite. Marten stieß gegen das Auto und der Mann ging einfach weiter.
„Aber Sie –“
Der Möbelpacker, ein winziger Kerl im Blaumann, der seinen Werkzeuggürtel lässig auf den Hüften trug, baute sich vor Martens Vater auf.
„Was’n für Problem, Meisser?“ fragte er. „Wir müssen heut noch nach Köl’.“
Da sagte der Bauch etwas, und der Vorarbeiter wandte sich ihm zu. Martens Vater mühte sich vergeblich, das Gespräch zwischen dem Möbelpacker und dem Bauch zu unterbrechen. Der Möbelpacker meinte, ihm wäre gleich, wo sie die Ladung ablieferten, für Einrichtung wären sie nicht zuständig. Der Bauch meinte, dass er ja wohl keine Schwierigkeiten haben würde, irgendwo unterzukommen, sie kämen ja ursprünglich aus Kreuztal. Wo wäre das Problem? Der Bauch könne ja jetzt schlecht mit Packen anfangen und eine Familie auf die Straße setzen, das wolle doch keiner. Der Möbelpacker sagte, für solche Probleme seien sie nicht zuständig.
Am Ende fand sich eine Lösung, die der Bauch akzeptierte und die den Vorarbeiter zufrieden stellte. Martens Vater kapitulierte, und der Lange feixte vor Vergnügen. Was auch immer gerade bei ihm vorgefallen war, was sich hinter dem Vorhang abgespielt hatte, das war vergessen. Marten wäre am liebsten gleich zu ihm hinüber gegangen, aber sein Vater kam ans Auto.
„Mannomann“, sagte er. Ihm war es gar nicht peinlich, solche Ausdrücke zu verwenden. „Manno. Ich kenne da ein schönes Hotel. Dann sehen wir weiter.“
Die Möbelpacker arbeiteten in Rekordzeit und hatten dabei gute Laune. Sie lachten jedenfalls, wenn keiner zu ihnen hinschaute, und grinsten, wenn sie Martens düstere Miene sahen: Die Schränke aus dem Wohnzimmer, die Bettgestelle und Tische, alle Stühle, die zwei Sessel und die Couch, die drei Schreibtische, der ergonomisch geformte Bürostuhl seines Vaters, die vier Fahrräder und die vielen großen, kleinen und mittleren Kartons mit Büchern, Geschirr und Kleinkram, die Transportkartons für die Kleidung, die Bestandteile der Einbauküche, die vier in Folie eingeschlagenen Matratzen – all das wanderte auf und unter Planen und Decken in den Garten des himmelblauen Hauses.
Regen war schließlich keiner angesagt.
Als Marten einige Stunden später aus dem stickigen Hotelzimmer floh, das sein Vater ihm als „prima Unterbringung“ anpries, fand er den kompletten Hausstand seiner Familie auf frisch gemähtem Rasen vor, als wäre er von Strandräubern aus dem Inneren eines geborstenen Wracks geborgen worden. In einem der Kartons, die Marten mit einem A markiert hatte, befingerte der Lange gerade eine geringelte Strumpfhose. Als er Marten bemerkte, grinste er so charmant, als wäre ihm noch niemals jemand ernsthaft böse gewesen.
„Hey“, sagte er, „Ich bin Tom. Wer bist du?“
„Hey“, sagte Marten zurück. „Was Interessantes gefunden?“ Er ging nicht auf das Grinsen ein, obwohl es ansteckend war. Tom hatte etwas an sich, das ihn bei jedem anderen Anlass hätte grundsympathisch erscheinen lassen: Seine weichen Züge, ein verspielter Zug um den Mund. Ein Babyface. Marten musste sich aber nicht dazu zwingen, ihn nicht zu mögen.
„Nur so Zeugs halt“, sagte Tom. Er strich sich mit einem Finger über die Oberlippe, und dabei fiel Marten der Anflug eines Bärtchens auf, den jeder, der etwas Selbstwertgefühl besaß, längst abrasiert hätte. „Ist dir irgendwie kalt?“ Er deutete mit dem Kinn auf Martens Aufzug: Lange Hose, langärmeliges Hemd, alles zugeknöpft. Als Marten die Frage nicht beantwortete, huschte sein Blick zur Terrassentür und wieder zurück. Ihn schien nicht zu beunruhigen, dass Marten sein Lächeln nicht erwiderte.
Marten schaute demonstrativ ebenfalls zur Terrassentür und wieder zu dem Jungen. Tom hatte sich die Kartons ausgesucht, die am weitesten von dem Haus entfernt standen.
„Hast du Hausverbot?“
Tom schaute verblüfft. „Ja“, sagte er.
„Die Eltern deiner Freundin haben was gegen dich?“
„Hey, Sherlock, was glaubst du wohl? Ich bin sowas wie ihr Schwiegersohn.“ Er sah verblüfft aus.
Marten nickte, und ermutigt fuhr der Junge fort: „Es ist nur so, dass die fortziehen werden, und keiner hat Lily oder mir was gesagt. Da sind alle ein wenig gereizt. Verstehst du?“,
fügte er verunsichert hinzu.
„Wirst schon drüber wegkommen“, sagte Marten beruhigend. „Fette Mädchen gibt es viele, die sind sicher alle dankbar für deine Aufmerksamkeit.“
Toms Gelassenheit entgleiste, aber es dauerte erstaunlich lange, bis er komplett realisierte, was Marten gesagt hatte.
„Lily“, brachte er mit vor Wut bebender Stimme hervor, „ist das schönste Mädchen –“
„Ja klar“, unterbrach Marten. „Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters, Junge. Ich würde mich allerdings nicht mit einem Michelin-Mädchen abgeben. Kriegst du genug Luft, wenn du unter ihr liegst?“
Der Rest war geschenkt. Tom wollte sich nicht im Garten seiner „Schwiegereltern“ prügeln und da Marten dabei auch lieber ungestört blieb, machten sie Treffpunkt und Uhrzeit aus. Dann trennten sich ihre Wege.
Marten öffnete den Karton, den der Junge durchwühlt hatte, und legte die Sachen wieder sorgfältig zusammen.
Der Lkw hatte beinahe Hannover erreicht, als es einen Knall gab und ein Ruck durch die Zugmaschine ging. Dann ging der Motor aus. Der Umzugswagen rollte noch auf den Seitenstreifen, während hupende Autos vorbeirasten. Der Vorarbeiter stieg aus, aber weder er jetzt noch später der Pannendienst konnten den Motor wieder zum Laufen bringen.
Den Jungen mit dem unmöglichen Namen traf Marten nur wenig später, als er die Stadt erkundete. Der Sommerwind bestimmte, in welche Straße er einbog, vor welchem Haus oder Schaufenster er stehen blieb und in welche Richtung er blickte. Wie wenig Überwindung es ihn kostete, die alten Wege abzulaufen, überraschte ihn dann doch. Hier ein Geschäft, das seinen Namen geändert hatte oder aufgegeben worden war, dort eine Straße, an deren Kopfsteinpflaster er sich erinnerte und das nun eine schon rissige Teerdecke bedeckte. Erschreckender als die subtilen Veränderungen war, was sich nicht verändert hatte.
Die meisten Geschäfte in der Fußgängerzone hatten am späten Samstagnachmittag bereits geschlossen, aber viele Schaufenster waren auch mit braunem Papier ausgeschlagen und in dem Schaukasten des einzigen Kinos der Stadt bewarben die Plakate Filme, die es längst auf DVD gab. Das einzige, as nicht trostlos oder verfallen wirkte, war eine in frischem Weißrot leuchtende Markise. Sie beschattete eine Reihe Bistrotische, an denen sich ausschließlich Jugendliche aufhielten.
Little Mix sang bis auf die Straße. In zwei Schaufenstern, hinter denen sich ein freier Blick auf die Sitznischen ergab, verkündeten gebogene Leuchtreklamen in blauem und grünem Neonlicht ice-cream und 23-Hour-Coffeeshop.
Hinter dem nächsten Fenster sah Marten einen blonden Haarschopf aufleuchten. Mit einer Kopfbewegung, die ihm vertraut schien, wurde schulterlanges Haar nach hinten geworfen, und das lachende Profil, das nun zum Vorschein kam, glich Anns so sehr, dass sich alles in ihm verkrampfte.
Dann erfasste ihn ein eisiger Schauer und ihm wurde klar, dass das Mädchen dort unmöglich Ann sein konnte. Im selben Moment entdeckte er das Motorrad.
Es war eine rostrote, windschnittige Maschine, auf deren Tank drei Häuptlingsfedern aufgesprüht waren. Die 1937er
„Chief“ Indian, Marten kannte sie von Postern. Er konnte nicht widerstehen. Der Ledersitz fühlte sich geschmeidig und heiß an, er verbrannte beinahe seine Fingerspitzen. Einen Tagtraum lang spürte Marten Fahrtwind im Gesicht und Kilometer zwischen sich und – und obwohl es nur ein sanftes, bewunderndes Streicheln war, brachte er die Maschine aus dem Gleichgewicht.
Der Ständer klappte um und wenn Marten nicht sofort zugegriffen hätte, wäre die Indian zur Seite gekippt und hätte die daneben stehenden Fahrräder unter sich zertrümmert.
Ein mörderischer Ruck schoss seine Arme hinauf und dann durch seinen Rücken.
Als er Atem holte und das Motorrad wieder in eine aufrechte Position gezogen hatte, wurde er sich bewusst, dass das Lachen und Reden, das Durcheinander aus hellen, dumpfen und schrill gebrochenen Stimmen verstummt war. Er stand zwar mit dem Rücken zum Coffeeshop, war sich aber sicher, dass ihn alle anstarrten. Er klappte mit dem Fuß den Ständer auf und stellte die Maschine ab.
Das zutiefst erstaunte Schweigen der Jugendlichen gab die perfekte Kulisse für den Auftritt des Blonden ab: Mit beiden Daumen in den Schlaufen seiner Jeans und den Oberkörper leicht zurückgelehnt nahm er die zwei Stufen vom Coffeeshop auf die Straße wie ein Revolvermann, der gerade den Saloon verließ, um sich zu duellieren. Clint Eastwood in Zwei glorreiche Halunken.
(mir ist langweilig, hast du Lust auf einen Film?)
„Du kannst doch nicht den Häuptling anfassen“, schrie jemand in die Stille, so entsetzt als habe Marten dem Blonden zwischen die Beine gegriffen. Marten blendete das Publikum aus und erwartete das Unvermeidliche: Sein Gegner hatte einen Ruf zu verteidigen.
Der Blonde versicherte sich aber erst einmal mit einem Blick über Martens Schulter, dass die Indian wieder korrekt stand.
Seine Finger blieben in den Gürtelschlaufen, und so beugte er sich zu Marten vor. „Man fasst nicht anderer Leute Maschinen an“, sagte er. Der Tonfall war verbales Kopftätscheln. Nicht einmal besonders drohend, aber wenn Marten eines nicht wollte, dann wie ein Fünfjähriger gemaßregelt zu werden.
„Du hast deine Maschine nicht richtig abgestellt“, sagte Marten. „Da hast du einen Ständer und weißt nicht, wie man damit umgeht.“
Er hielt dem Blick der stahlgrauen Augen stand – dann drehte er sich um und im Davonschlendern strichen seine Finger noch einmal über den Sitz. Zumindest beim Publikum verfehlte das seine Wirkung nicht.
„He du!“ rief der Blonde, die Überlegenheit war komplett aus der Stimme gewichen. Marten wusste nicht, wer er war, aber so war er anscheinend noch nicht behandelt worden.
„Mach das Arschloch fertig, Rutger!“, krähte jemand.
Marten blieb stehen und drehte sich langsam um, wartete, bis der Junge zu ihm aufgeschlossen und „Ich bin noch nicht fertig“ gesagt hatte.
„Du heißt Rutger?“, fragte er amüsiert. „Hast du grausame Eltern.“
Es kam nicht in Frage, ins Hotelzimmer zurückzukehren. Bis zu seiner ersten Verabredung hatte er noch ein wenig Zeit und allmählich fand Marten Gefallen an dem Spaziergang.
Es stellten sich weder besonders nostalgische Gefühle ein noch kramte er in besonders schmerzhaften Erinnerungen.
Es war vielmehr so, als sehe er noch einmal einen alten Gruselfilm, dessen Atmosphäre ihn als Kind das Fürchten gelehrt hatte, und der jetzt lächerlich und bieder wirkte. Die verstaubte Kulisse seiner Kindheit.
Sein Samsung vibrierte und auf dem Display schaute ihn der Schnappschuss seines Vaters verlegen an. Marten hatte ihn irgendwann am frühen Morgen geblitzt, kurz nach dem Aufstehen. Sein Vater gab auf, als Marten sich nicht meldete, schob dann aber eine Nachricht über WhatsApp nach, die Marten nicht lesen musste. Sein Vater würde weder den Makler erreicht haben noch einen Verantwortlichen in der Firma; das einzige, was er haben würde, waren Ausflüchte, und die wollte Marten nicht.
Als er wieder aufschaute, sah er einen Mann in einem Hawaiihemd auf der anderen Straßenseite neben der Fußgängerampel stehen. Das wäre nicht weiter bemerkenswert gewesen, abgesehen von dem grotesken Aufzug (schreiende Hemdfarbe, kurze Khakihosen, weiße Socken in Sandalen), wenn Marten nicht noch im Augenwinkel das blaue Flämmchen gesehen hätte, mit dem sich der Mann einen Zigarillo ansteckte.
Aber kein Feuerzeug. Da war auch kein Streichholz in der Hand, zumindest sah Marten keines. Die Flamme schien vielmehr direkt auf der Daumenkuppe zu tanzen.
Es musste sich um eine Täuschung handeln. Doch auch als sich die bläuliche Flamme der Zigarillospitze zuneigte und Rauch aus Mund und Nasenlöchern quoll, war da nichts zu erkennen außer Feuer. Dann nahm der Mann seine blauweißen Einkaufstüten wieder auf.
Marten wäre dem Hawaiihemd nachgegangen, wenn Andrej sich ihm nicht in den Weg gestellt hätte. Er musste ihm schon eine Weile gefolgt sein, denn er war nicht nur besonders gefasst, er hatte sich auch die Worte zurechtgelegt.
Das letzte Mal als sie sich gesehen hatten, war Marten in einen Wagen gestiegen und sein Freund am Straßenrand zurückgeblieben. Wie ein trauriger Teddybär, der im Trubel des Umzugs vergessen worden war.
Für einen Moment suchte Marten nach etwas, das ihn nicht an Andrej erinnerte. Die Brille war anders, das Körpergewicht noch einmal deutlich größer, er sah aus wie eine aufgedunsene Birne, und als Andrej den Mund öffnete und ihn in fehlerfreiem Deutsch begrüßte, wäre er beinahe sicher gewesen, dass er sich irrte. Das hier konnte unmöglich Andrej sein. Als Marten klar wurde, was der Junge sagte, schmolzen die Zweifel jedoch dahin.
„Du brauchst offenbar länger, dich an abgelegte Freunde zu erinnern, als mit völlig Fremden Streit anzufangen“, sagte er.
Andrej war der Vorletzte, dem Marten an seinem ersten Tag in Kreuztal begegnen wollte.
Andrej sprach jetzt vollkommen akzentfrei und er hatte einen komplizierten Satz zustande gebracht ohne sich zu verhaspeln. Früher hätte ihn das stolz auf seinen Freund gemacht. Als sie noch Freunde gewesen waren.
„Hallo Andrej“, sagte er, und überlegte zugleich, wie er ihn am schnellsten abwimmeln konnte.
„Oh, wie schön. Du kannst dich an meinen Namen erinnern.
Das ist wohl das Minimum dessen, was man verlangen kann.“
Wie viel Wut in diesen Worten mitschwang, wie gut es Andrej dabei gelang, sich zu beherrschen. Wenn er früher wütend gewesen war und sich hilflos gefühlt hatte, waren ihm die Tränen gekommen und an den Worten hatte er gewürgt.
Der Spott war ebenfalls neu.
Marten hatte besseres zu tun, als sich mit Andrej auseinanderzusetzen. „Du bist fett geworden“, sagte er.
Die letzte Überraschung, die Andrej für ihn bereithielt, war, dass er nicht weinend davonlief.
3
„Hast du dir nicht ein bisschen viel vorgenommen?“, fragte Rutger.
„Einer nach dem anderen“, erwiderte Marten. „Jeder kommt dran.“ Er warf Andrej einen raschen Blick zu, wollte ihn dann aber nicht ausnehmen. Er sollte selbst entscheiden.
Wenn er mit angesehen hatte, was Marten mit den beiden anderen machte, würde er es sich schon noch überlegen.
Tom fand nun zu seinem breiten Grinsen zurück, das Martens in nichts nachstehen sollte. „Du hast eine so große Klappe“, presste er hervor, „ich werd dir zeigen –“, dann verlor er den Faden. Er riss sich zusammen und setzte neu an: „Du bist dem Falschen am falschen Tag begegnet!“, sagte er mit triumphierend ausgestrecktem Zeigefinger.
Marten blinzelte. „Über den Spruch hast du bestimmt lange nachgedacht.“
Tom wollte sich auf Marten stürzen, aber Rutger hielt ihn zurück. „Mach’s dem Angeber doch nicht so leicht.“
„Was soll das Ganze?“ fragte Andrej, so leise, dass Marten ihn gerade noch verstand. „Wartest du auf die Männer des Kardinals?“
Marten verstand nicht, was Andrej meinte, und beschloss, ihn zu ignorieren. Er fühlte sich so aufgepumpt mit Energie, dass er jetzt wirklich nicht mehr stillstehen konnte. „Was ist jetzt?“
Rutger schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, was mit dir los ist, Kleiner, aber falls du es noch nicht bemerkt hast: Hier wird sich keiner mit dir prügeln.“
„Bist du so ’ne Art Schiedsrichter?“, fragte Marten, „oder einfach nur ein Hosenscheißer? Hast du schon mal was einstecken müssen?“
„Rutger macht so was nicht“, sagte Tom.
„Ach, Rutger macht so was nicht“, äffte Marten ihn nach.
„Ist Rutger so ein lieber Kerl? Na dann können wir uns doch alle gemütlich hinsetzen und plaudern. Andrej hat vielleicht Karten dabei.“ Marten schaute zu Andrej, sah dann aber sofort wieder zu Tom und Rutger zurück. Alles in allem ließ er sie nur eine Sekunde aus den Augen. „Andrej hat aber eigentlich nie Karten dabei, also – “ Rutger schüttelte den Kopf, aber Tom war außer sich.
„Wolltest du uns alle nacheinander verprügeln oder gleichzeitig? Hast du mal einen Blick in den Spiegel geworfen?“
„Wenn’s dir lieber ist, kannst du dich auch hinter Rutgers breitem Arsch verstecken. Memmen machen so was.“
„Gleich spuckst du Zähne.“
Rutger fasste ihn an der Schulter. „Komm wieder runter“, sagte er sanft. „Der will dich nur provozieren.“
„Das hat er geschafft!“
„Weiß Lily, dass du hier bist?“, fragte Rutger.
„Wieso? Hast du dich bei Juli abgemeldet? Was hat denn das damit zu tun?“
„Leute“, unterbrach Marten, „ich will hier nicht ewig herumstehen und euch Heulsusen zuhören.“
„Du hältst die Schnauze!“, schrie Tom, und während sich Rutger an Andrej wandte und fragte, „Wer ist der Kerl eigentlich?“, warf sich Tom auf Marten.
Oder er versuchte es zumindest.
Marten wich ihm mit Leichtigkeit aus. Er fühlte seine Muskeln beben, hielt sich aber zurück. Dafür bist du hier, dachte er. Tom war zwar schneller, als Marten ihm zutraute, fing sich auch schneller, aber es würde trotzdem ein kurzer Kampf werden. Tom hob die Fäuste, war aber auf einmal unschlüssig, weil er Marten nicht gleich beim ersten Versuch niedergestreckt hatte.
Das war der Moment. Die Verunsicherung, die Marten genug Aufmerksamkeit versprach. Er zog sich das Hemd über den Kopf und ließ es fallen.
Tom schaute wie erstarrt auf Martens Oberkörper, und auch die anderen beiden waren von dem Anblick überrascht. Als Marten einen knappen Blick zur Seite warf, sah er, wie Rutgers Mund sich erstaunt öffnete und Andrej gerade seine Augen abwandte.
„Nimmst du irgendwelche Hormone?“, fragte Tom. Die Verunsicherung überlagerte jetzt die Wut. Tom sah zu den anderen, wie um sich zu vergewissern, ob Rutger immer noch bei ihm war, aber der flüsterte mit Andrej. Dann nestelte er mit gerötetem Gesicht am Ausschnitt seines T-Shirts.
Für einen Moment schien es, als verengten sich Toms Pupillen zu schmalen Ovalen, dann war die Sinnestäuschung vorüber.
Marten war zwar nicht besonders groß und massig, aber sein gesamter Körper bestand aus drahtigen Muskeln. Keine Berge, die aus Ärmeln oder Hosenbeinen quollen, sondern die fein gemeißelte Kraft eines Leoparden. Außen Clark Kent, innen – Rutger allerdings interessierte sich nicht mehr für Martens Oberkörper. Er hatte von Andrej eine Antwort bekommen und sein Blick wanderte dorthin, wo er sie überprüfen konnte: In Martens Gesicht.
„Warte mal“, sagte er, „du bist Ann-Sophie Grimms kleiner Bruder.“ Und er grinste glücklich. „Das ist ja geil, sie ist wieder da?“
Marten wollte Rutger nicht hören. Er weidete sich an Toms Unentschlossenheit, wollte sich immer noch schlagen, aber langsam dämmerte ihm, worauf er sich eingelassen hatte. Zugleich wollte Marten zuschlagen, aber das, was Rutger gesagt hatte, ließ ihm die Situation entgleiten. Dieselbe Nase.
Die Himmelfahrtsnase. Ihre – Er durfte nicht zögern, er musste Tom – Rutgers Feststellung – ohne Zweifel zuzulassen, diese Gewissheit – war wie ein Zauberspruch, der die Kraft aus Martens Gliedern sog.
Tom bemerkte allerdings, dass jetzt Marten zögerte, und da ihm Rutgers Entdeckung gleichgültig war – vielleicht hatte er auch nichts gehört –, schlug er einfach zu.
Marten wäre es beinahe nicht gelungen, ihm auszuweichen.
Doch Toms Faust ging mitsamt dem Körper daran ins Leere. Er wurde von seiner eigenen Wucht nach vorn gerissen und Marten versetzte ihm mit der flachen Hand einen Stoß, so dass er auch sein Gleichgewicht verlor. Tom fing sich, statt zu stürzen. Er wirbelte herum, für ihn war der Kampf noch nicht vorbei, aber Marten tänzelte zwei, drei Schritte zur Seite. Er wollte nicht mehr kämpfen. Er wollte fort. Bevor Rutger Fragen stellte. Eine Frage, die unweigerlich kommen musste.
„Hey“, entfuhr es Tom, „du bist ja ein ganz Fixer.“
„Warte“, sagte Rutger, zu niemandem im Besonderen, vielleicht zu Tom, vielleicht zu Marten. „Anns kleiner Bruder!
Ihr habt echt dasselbe Temperament. Dein Freund hier –“
„Ich bin nicht sein Freund“, fuhr Andrej dazwischen, aber Rutger ließ sich nicht beirren.
„– meint, dass ihr heute nach Kreuztal zurückgekommen seid?“
„Was soll der Scheiß!“, schrie Tom. „Ist doch egal, wer der Kerl ist!“
„Das müssen wir erstmal klären. Vielleicht darfst du ihn dann ja verprügeln.“
„Der kleine Tom wird hier niemanden verprügeln“, sagte Marten.
Tom wollte wieder loslegen, aber Rutger hielt ihn zurück.
„Lass das. Der kann doch nichts dafür, dass du einen schlechten Tag hast.“
„Der Tag ist beschissen. Ich frag dich mal, wie’s dir geht, wenn du Juli –“
„Ich habe ihrem Vater auch nicht gesagt, er soll sich ins Knie ficken.“
„Stiefvater“, murmelte Tom, der trotz seiner Wut schmunzeln musste, als er sich erinnerte. Rutger zog Tom an sich und ein wenig beiseite. „Glaub mir, das lose Mundwerk liegt in der Familie. Ann konnte jeden in so kurzer Zeit“, er schnippte mit den Fingern, „zur Weißglut treiben.“
Marten fühlte sich, als wäre ein Versprechen gebrochen worden, von dem sein Leben abhing. Der Kampf war abgeblasen. Er suchte sein Hemd und fand es ein Stück weit vor Andrejs Füßen. Der wich Marten aus, als er es aufhob.
Eine kleine Chance, der Frage zu entgehen, hatte er noch.
Der einzigen Frage, die zählte.
Als er zum Fahrrad wollte, standen ihm Rutger und Tom im Weg, Tom halb abgewandt. Er machte ein Gesicht als kaue er auf einer unreifen Pflaume, aber Rutger streckte Marten die Hand entgegen: „Vielleicht haben wir uns einfach auf dem falschen Fuß erwischt“, sagte er.
Er sollte jetzt gehen. Bevor es zu spät war. Die Erwartung in Rutgers Gesicht löste in Marten das Bedürfnis aus, so rasch wie möglich mindestens ein Lichtjahr zwischen sie zu bringen.
„Ist nicht meine Art“, fuhr Rutger ungerührt fort, „aber meine Maschine ist eben meine Maschine. Und du warst auch nicht gerade nett. Also: Ich bin Rutger“, und er wedelte auffordernd mit der Hand.
Was für ein Weichei, dachte Marten. Jetzt könnte er sich zwischen ihnen durchdrängeln, sein Fahrrad nehmen, abhauen, jetzt jetzt. mach’s. schon.
Widerwillig nahm Marten die Hand, obwohl sich alles in ihm dagegen sträubte. „Marten“, schob er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. So verschwand der einzige Ausweg aus der Falle, und er ließ es auch noch zu.
Tom war als nächster dran, aber wenigstens schaute er Marten nicht an. „Thomas Lutz. Darfst Tom sagen, wenn’s sein muss.“ Wieder Händeschütteln. Unglaublich, diese Dorfbuben.
„Jetzt ist das alles doch wesentlich ziviler, oder nicht?“, sagte Rutger erleichtert. „Erzähl mal, wie geht es deiner Schwester?“
„Pass bloß auf, was du sagst, sonst kriegst du noch Probleme mit meiner Schwester“, sagte Tom.
„Nicht so gut“, erwiderte Marten. Glücklich, endlich zuschlagen zu dürfen. „Sie ist tot.“
4
Marten hatte die Tür zu einem schwarzen Zimmer geöffnet, in dem etwas zuckte und sich wand, gerade außerhalb des einfallenden Lichtes. Rutgers lächelnde Erwartung verschwand mit diesen Worten so schnell, wie Marten es mit einer Ohrfeige nicht geschafft hätte.
„Sie und meine Mutter sind bei einem Unfall ums Leben gekommen.“ Er hatte diesen Satz so oft wiederholt, dass er wie in seine Zunge geätzt war. Was für eine schöne Umschreibung war das doch dafür, dass die beiden vollkommen zerschmettert worden waren.
„Scheiße“, entfuhr es Tom.
Dann waren alle beide zumindest für den Moment still.
„Wie lange ist das her?“ fragte Andrej, so leise, als flüstere er in Martens Ohr. Ein Gedanke, der ihm in seiner aufgesetzten Vertrautheit absolut zuwider war.
„Fast genau ein Jahr.“ Marten schloss den obersten Knopf seines Hemdes und auch die Knöpfe an den Aufschlägen.
„Lange genug“, fügte er noch hinzu.
Er suchte nach mehr. Nach Bildern oder irgendetwas, mit dem er den anderen begreiflich machen konnte, was er empfand. Da er nichts empfand, fehlten ihm die Worte.
„Das tut mir leid“, sagte Rutger.
„Muss es nicht“, sagte Marten. „Konntest du ja nicht wissen.“
„Hey, Scheiße“, Tom klang mitfühlend. „Nicht dass dir das das Recht gibt, dich wie ein Arschloch aufzuführen.“
„Tom“, sagte Rutger mahnend, aber Marten musste lächeln, das erste echte Lächeln heute: „Weißt ja nicht, wie ich früher war.“
„Ein jüngeres Arschloch?“
Marten suchte nach der passenden Erwiderung, und als sie nicht sofort kam und Tom deshalb grinsen musste, ließ er es bleiben.
Rutger wollte jetzt wissen, was ihn nach Kreuztal zurückgebracht hatte, und Marten nahm den Faden bereitwillig auf.
Er war inzwischen so geschickt darin, über all das hinwegzugehen, was Mitleid erregt hätte, dass es ihm gar nicht mehr auffiel. Er erzählte, dass sich die Firma seines Vaters Kreuztal als Standort für ihre neue Forschungseinrichtung ausgesucht hatte und dass er dort eine Abteilung leiten würde. Er erwähnte auch den Namen der Firma und auf einmal lebte Tom auf. Marten hätte das kommen sehen müssen und jetzt musste er Fragen beantworten: Ob sein Vater Spiele programmiere, ob er vielleicht einer von den Berühmten war, aber selbst Martens nüchterne Betrachtung der Aufgabe seines Vaters (Hardwareentwicklung), dämpfte nicht die Begeisterung. Tom sagte, er verbringe ganze Nächte mit den
„Gesandten der Zeit“, dem großen Onlinerollenspiel, und seine Freunde auch.
Tom entging die bittere Seite der Arbeit seines Vaters. Er war sein ganzes Leben dem Traum nachgelaufen, selbst Spiele zu entwerfen, und hatte sich deshalb auch bei Escapist Games beworben (allerdings auf eine ganz andere Stelle). Dafür waren sie aus Kreuztal fortgezogen und nach München gekommen. Es lag eine böse Ironie darin, dass nur vier Jahre später der Job zu ihm gekommen wäre. Wären sie alle in Kreuztal geblieben – aber natürlich wollten die anderen nicht hören, wie seine halbe Familie umgekommen war und was anders hätte sein können, wenn –. Die Geschichte der Möbel im Garten war viel besser. Wie leicht es war, ihnen das zu geben und sich gleichzeitig in Sicherheit zu bringen, wie leicht er selbst darauf hereinfiel. Sie lachten über die Schilderung, wie Marten noch kurz vor der Wohnungsübergabe an den Hausmeister eine Wand im Wohnzimmer hatte streichen müssen, weil sein Vater sie einfach vergessen hatte. Wie man drei Wände anstreichen und die vierte übersehen konnte, das ging über Martens Vorstellungskraft. So leicht, alles zu verdrängen. Sie hatten sich auf der warmen Plattform ausgestreckt – auch Andrej, der aber kein weiteres Wort sagte – als wären sie Freunde, die einander alles erzählten, und das war der beste Schutz vor dem dunklen Zimmer.
Als Marten zu Ende war, fragte Rutger, was nun genau zwischen Tom und Lilys Eltern vorgefallen war. Während Tom erzählte, warf er Marten einen fast fürsorglichen Seitenblick zu, den der jedoch ignorierte. Mochte Rutger glauben, dass Marten mit seinen Erinnerungen und der Trauer zu kämpfen hatte, mochte er glauben, dass er Marten irgendwie half, wenn Tom sich aufplustern durfte. Im Grunde interessierte er sich nicht für dessen Geschichte, aber bemitleidet werden wollte er auch nicht. Das hier waren keine Freunde. Er blieb, weil ihn die Stimmung einlullte. Ein kurzer Moment der Täuschung. Wenn Tom die Schilderung beendet hatte, wie er sich Lilys Eltern vorgenommen hatte, würde Marten sein Fahrrad nehmen – Ein kaum merkliches Beben in der Erde, ein rhythmisches Stampfen oder Klopfen, das die Plattform leicht zum Vibrieren brachte. So sachte, dass der Wind das Gemurmel aus dem Boden übertönen konnte. Tom brach mitten in seinem Bericht ab, lauschte, und sagte: „Hört sich an –“, aber Rutger brachte ihn mit einem Fingerschnippen zum Schweigen.
Was es auch war, es kam näher.
Der Waldrand war im Abendlicht zu einer schwarzen Scherenschnittlandschaft geworden, doch an einer Stelle dünnte die Finsternis aus. Ein trübes Glimmen bewegte sich zwischen den Bäumen.
„Die Gleise sind doch stillgelegt“, sagte Andrej, als wäre das keinem anderen bewusst außer ihm.
Inzwischen waren alle vier aufgestanden und spähten zu dem Licht, von dessen Quelle auch das Murmeln im Boden auszugehen schien. Ein leises taktak-taktak und das mechanische Keuchen eines Triebwagens.
„Ein Geisterzug“, flüsterte Tom mit düsterer Stimme, und die Jungen lachten aufgekratzt. Zugleich beschlossen sie, hinter der Plattform in Deckung zu gehen.
Die Scheinwerfer der Lokomotive waren gerade stark genug, die vorausliegenden Schienen zu beleuchten. Die schwindende Helligkeit und das gespenstische Grummeln im Boden verstärkten den Eindruck, dass der Zug nicht den Gleisen folgte, sondern sich seinen Weg selbständig bahnte. Wie eine groteske Raupe, die sich in Zeitlupe auf die grasige Ebene schob.
Als sich der Zug vollständig vom Wald gelöst hatte, enthüllte die Dämmerung mehr Einzelheiten: Hinter dem Triebwagen befanden sich drei offene Transportanhänger mit jeweils einem weißen Container. An deren Seiten war etwas aufgemalt, zu klein, um es auf diese Entfernung zu erkennen. Der Triebwagen selbst war schwarz gestrichen und machte den Eindruck, dass er schon mindestens so lange außer Dienst gestellt gehörte wie der Güterbahnhof aufgegeben worden war.
Ein Mann löste sich von der Seite des Zuges und lief dem Triebwagen voraus. Nach einigen Metern blieb er stehen und beugte sich ins Gras. Es sah aus, als suchte er etwas, und dann richtete er sich wieder auf. Der Zug hatte ihn inzwischen eingeholt und als er den Mann passierte, wechselte er abrupt die Richtung. Er bewegte sich von Marten und seinen Begleitern fort auf ein entfernter liegendes Gleis.
Der Mann blieb, wo er gerade stand. Marten konnte nicht erkennen, ob er dem Zug hinterher sah, oder ob er sie entdeckt hatte und nun in ihre Richtung starrte. Er hatte einen Arm in die Seite gestemmt, als stütze er sich dort auf irgendetwas, der andere hing locker herunter. Hinter ihm stoppte der Zug. Für einige Zeit bewegte sich nichts und insgesamt schien auch alles um Marten und die anderen still zu stehen.
Die Sonne war gerade untergegangen und das Licht auf einmal so klar, dass alle Einzelheiten – des Waldes in der Ferne, des glühenden Graslandes – wieder hervorzutreten schienen.
Dieser Moment schien sich ewig hinzuziehen, bis der Himmel von silberfarben zu blau wechselte, die Nacht begann.
„Ist das unheimlich, oder was?“, fragte Rutger flüsternd.
„Meint ihr, die haben was Illegales vor?“ Tom schaute aufgeregt von einem zum anderen.
„Selbstverständlich“, sagte Andrej. „Hier werden gewiss Drogen angeliefert, in großen weißen Containern auf Zügen und in Sichtweite der Stadt.“
„Kann doch sein, dass sie was Geklautes verladen. Elektronik oder Computer oder so.“
„Das ändert nichts an der Tatsache“, sagte Andrej, „dass der Bahnhof von der Stadt aus zu sehen ist und ein Zug, der sich unverhofft hier einstellt, durchaus Aufmerksamkeit auf sich ziehen könnte.“
Tom schaute Marten an: „Redet Justus Jonas hier immer so komisch?“
Andrej verdrehte die Augen und Marten spähte wieder über die Plattform. Der Mann stand nicht mehr an seinem Platz.
Er war überhaupt nicht mehr zu sehen.
„Wo ist er hin?“ fragte Rutger.
Es war inzwischen so dunkel geworden, dass sie nur noch mit Mühe etwas erkennen konnten, aber die weißen Container schimmerten in der Nacht, als ginge von ihnen ein blasses Leuchten aus.
„Was meinst du?“, fragte Rutger leise.
Marten registrierte, dass er von dem älteren Jungen angeschaut wurde, und auch die anderen sahen ihn neugierig an.
Er hatte bislang als einziger nichts zu der Sache bemerkt.
Als der Zug aus dem Wald gekommen war, war Martens Anspannung zurückgekehrt. Als habe die Feder nur darauf gewartet, dass etwas Ungewöhnliches geschah, um sich wieder zu spannen. Andrej mochte damit Recht haben, dass der Zug mit seiner Ladung viel zu auffällig war für eine illegale Aktion. Auf der anderen Seite – Ein Lichtstrahl schwenkte über die Plattform hinweg und die Jungs duckten sich instinktiv dahinter.
Dort, wo die Asphalttrasse des alten Güterbahnhofs in die Landstraße mündete, waren vier Lkw eingebogen, deren vorderster mit Fernlicht fuhr. Drei waren Tieflader, der vierte transportierte einen Kran.
Auch bei dem Zug tat sich etwas. Der Mann von vorhin – dieselbe Armhaltung – stand abseits davon und schwenkte eine Taschenlampe. Dann ging er den Lkw entgegen.
Im Moment wies deren Fernlicht noch an der Plattform vorbei, aber da die Trasse nicht weit davon entfernt verlief, würden die Lkw sie direkt passieren.
„Die Indian“, sagte Marten.
Es stand direkt neben der Straße, und wenn der Mann mit der Taschenlampe das Motorrad eben noch nicht entdeckt hatte, dann sicher bald. Die Räder lagen im hohen Gras und waren nicht zu sehen.
Rutger reagierte schnell. Er rutschte flach über die Plattform und auf der anderen Seite tauchte er ins Gras. Geduckt lief er über die Straße und legte dann sein Motorrad nieder. In diesem Moment nahmen die Lkw den weiten Bogen, den die Trasse beschrieb, und das Fernlicht tastete wie ein Finger noch einmal über die Plattform, die Straße daneben und die Stelle, an der sich Rutger mit seinem Motorrad verbarg.
Kurze Zeit später rumpelten sie vorbei.
Inzwischen war der Mann nicht mehr allein. Dutzende Schemen schwärmten neben dem Zug, Taschenlampen blitzten, und nach und nach erhoben sich zwei hohe Masten. Der Mann mit dem angewinkelten Arm wies die Lkw ein, und während die drei Tieflader in einer Reihe blieben, setzte sich der Kranwagen neben den Zug. Als seine Scheinwerfer erloschen, flammten an den Masten Strahler auf, die das Gelände in ein grelles Halogenlicht tauchten. Marten sah nun, dass sich auf dem ersten Container zwei Männer zu schaffen machten und dort mit Kabeln hantierten.
Rutger erschien wieder bei ihnen.
„Netter Stunt“, sagte Tom.
Der Kran fuhr Füße aus und er wurde ein gutes Stück in die Höhe gehoben.
„Eine seltsame Zeit, um Container zu verladen“, bemerkte Andrej. „Vielleicht revidiere ich mein Urteil.“
„Das solltest du“, sagte Marten.
Die anderen schauten ihn erwartungsvoll an.
„Der Zug steht zwischen der Stadt und den Scheinwerfern“, erklärte er. „Die Scheinwerfer beleuchten absichtlich nur einen Container und sie sind so aufgestellt, dass sie nicht über die Container hinweg strahlen. Sie haben abgewartet, bis es ganz dunkel geworden ist, bevor sie mit dem Verladen anfingen, und sie versuchen so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf sich zu ziehen.“
„Warum benutzen die dann einen Zug?“ fragte Andrej gepresst, und verzichtete darauf, sich so kompliziert wie möglich auszudrücken.
„Vielleicht die beste Methode? Wahrscheinlich wäre es ihnen lieber gewesen, wenn sie die Gleise näher am Wald hätten benutzen können, aber dort hat es gebrannt, nicht wahr?“
Marten waren die rußgeschwärzten Stümpfe der Prellböcke aufgefallen.
„Ist zwei Jahre her“, sagte Rutger, hörbar beeindruckt. „Aber ich war es nicht.“
„Sie mussten die Gleise nehmen, die noch intakt waren. Vielleicht haben sie manche auch wieder instandgesetzt.“
Mit einem metallischen Seufzen erhob sich der erste Container in die Luft und einer der beiden Strahler erlosch. Die vier beobachteten, wie der Container auf den ersten Tieflader aufgesetzt wurde. Zugleich fuhr der Zug ein Stück vor.
„Außerdem gibt es noch einen deutlichen Hinweis darauf, dass Zuschauer nicht erwünscht sind“, sagte Marten. Er imitierte dabei Andrejs Sprachmelodie, so dass dieser ihn wütend anschaute. „Das sind die Wachen an der Straße, die zwei auf dem Zug und einer, der schon die ganze Zeit um das ganze Gelände herumstreicht.“
Verblüfft prüften die anderen seine Beobachtungen nach.
„Was soll das Ganze?“ fragte Tom. „Die können doch nicht vor aller Augen heimlich Sachen verladen. Das ist doch ein Widerspruch, oder?“
„Hier geht es nicht um heimlich“, folgerte Andrej. „Hier geht es nur darum, dass niemand aus der Nähe sieht, was sie machen. Da steckt vielleicht gar nicht mehr hinter.“
Marten registrierte Andrej Rückfall in die lokalen Spracheigenheiten (wie gut er das kannte, die Sprache vorgehalten zu bekommen). „Der Aufwand ist einfach zu groß“, widersprach er.
„Habt ihr übrigens das Logo gesehen?“, fragte Rutger. „Ich hab’s gesehen, als sie an mir vorbeigefahren sind. Ein Kreis mit irgendwas drin, einem Vogel oder so.“
Marten beugte sich zu ihm vor: „Kannst du es genauer beschreiben?“
„Nein, ich hab’s vorher noch nie gesehen.“
Marten brauchte nicht lange zu überlegen. „Ich sehe mir das mal aus der Nähe an.“
„Was ist, wenn die bewaffnet sind?“, sagte Tom.
„Sind sie nicht“, erwiderte Marten.
Rutger wollte protestieren, aber bevor er ihn zurückhalten konnte, war Marten schon unterwegs.
Er schlug einen weiten Bogen von der Plattform fort und näher an den Waldrand heran, um die Dunkelheit auszunutzen. Die Wächter auf der Straße schauten zur Stadt hinüber.
Waffen konnte Marten keine erkennen, aber Pistolen waren leicht zu verstecken. Er erinnerte sich an die Pose, in die sich der Mann mit der Taschenlampe geworfen hatte, und fragte sich, ob seine Hand auf einem Pistolengriff lag. Vor den Männern oben auf den Containern musste er sich in Acht nehmen. Sie wurden nicht von den Scheinwerfern geblendet und hatten auch einen wesentlich besseren Überblick als die anderen.
Außerdem war er sich gar nicht so sicher, dass die Leute unbewaffnet waren. Die Haltung des Mannes war seltsam.
Der erste Lkw wendete. Er fuhr an, stoppte vor einem Hindernis, und rumpelte dann so sanft es ging darüber hinweg.
Bevor er in Richtung Stadt fuhr, hätte er drei oder vier Schienenstränge überqueren müssen, aber der Boden war eben.
Die Gleise dort waren entfernt worden, aber von wem?
Schon früher? Oder für diesen Anlass?
Marten schlich sich von hinten an den Zug heran, mit der Stadt im Rücken. Er behielt sowohl die Arbeiter auf dem mittleren Container im Auge als auch den Einen, der um das Gebiet herum Patrouille ging. Als er die abgewandte Seite erreichte, näherte sich Marten bis auf wenige Schritte dem letzten Container. Marten stellte fest, dass er nicht weiß gestrichen, sondern mit einer Folie überzogen war, unter der sich die Metallrippen eines Überseecontainers abzeichneten.
Aus dieser Entfernung war das Firmenlogo gut zu erkennen:
Rutger hatte zwar einen Vogel gesehen, aber tatsächlich war es eine Fackel, deren Strahlen die Linie des Kreises durchbrachen.
Die Arbeiter auf dem mittleren Container befestigten nun Stahlseile an den Kanten und verbanden sie mit dem Haken des Krans.
Marten nutzte den Moment. Er duckte sich tiefer ins Gras und eilte so schnell es ging auf den letzten Container zu, der tief im Schatten lag.
Die Folie bestand aus einem faserigen Material, deren Strukturen er aus der Nähe erkennen konnte. Er versuchte, einen Finger in die Zwischenräume der Rippen zu bohren, aber es gelang ihm nicht. Es fühlte sich nicht wie Kunststoff an, obwohl es entfernt wie die Folie aussah, mit der Heuballen aufgerollt wurde. Es war ein Material, das Marten noch nie unter den Fingern gespürt hatte. Das Firmenlogo war nur aufgeklebt und ließ sich mit Fingernageleinsatz lösen.
Etwas schlug mit solchem Getöse gegen den Container, dass er wie eine Glocke widerhallte. Zuerst dachte Marten, dass sich eines der Stahlseile gelöst hatte, aber dann wiederholte sich das Geräusch. Wieder und wieder.
Es kam von innen.
Marten stolperte zwei Schritte zurück, und das gerade rechtzeitig. Mit dem nächsten Schlag gegen die Hülle beulte sich der Container aus und mit den dann folgenden erschienen mehr und mehr Ausbuchtungen, über denen sich die Folie spannte wie Trommelfell. Marten war immer weiter zurückgewichen und als er über eine Schiene stolperte, war er zu überrascht, um sich abzufangen. Unsanft setzte er sich auf den Hintern und starrte atemlos auf den Container.
Für einen Moment hörten die Schläge auf, und dann drückte es, was auch immer es war, mit ungeheurer Gewalt gegen die Wandung. Marten machte sich darauf gefasst, dass die Seiten des Containers und die Folie wie Papier zerrissen und sich irgendetwas seinen Weg nach draußen bahnte. Das Metall knirschte und quietschte verzweifelt – aber es hielt.
Ein einzelner Lichtkreis erschien auf Martens Seite des Containers, und das Ächzen des Metalls verstummte. Jemand leuchtete die Seitenwand ab und der Lichtstrahl tanzte, als sich der Mann mit der Taschenlampe näherte.
In die Stille hinein – denn auch die Arbeiter oben auf dem mittleren Container und die Männer auf der beleuchteten Seite des Zuges konnten dieses Wüten nicht überhört haben – erklang auf einmal ein gedämpftes, metallisches Singen, das Marten zunächst für das letzte Aufbäumen des Containers hielt, bevor er zerriss. Ein schrilles, dissonantes Klagen, das abrupt verstummte, als der Mann mit dem angewinkelten Arm erschien.
Von oben schauten zwei Arbeiter über die Kante ihres Containers, einen verunsicherten, halb verängstigten Ausdruck im Gesicht.
Der Mann richtete die Taschenlampe nach oben. „Macht schon weiter!“, rief er. „Wir haben weniger als eine Stunde!
Beeilung!“
Seine Stimme klang ebenfalls schrill, wie eine menschliche Parodie auf den Gesang.
Die Arbeiter verschwanden und einen Augenblick später erhob sich auch der zweite Container in die Luft. Als das Licht des Scheinwerfers auf der abgewandten Seite des Zuges erlosch, drehte sich der Mann mit der Taschenlampe um und schaute direkt in Martens Richtung.
Es war ausgeschlossen, dass er Marten übersehen konnte, der nur wenige Meter von ihm entfernt im Gras saß. Seine Lampe hatte er auf den Boden gerichtet und so wie er dastand, war sich Marten beinahe sicher, dass er jeden Moment die Pistole ziehen würde, auf die er sich schon die ganze Zeit gestützt hatte. Hinter ihm fuhr der Zug ein Stück weiter und die Männer, die oben auf dem letzten Container standen, brachten ihre Stahlseile an.
Der Mann hob seine Taschenlampe, der Lichtstrahl tastete durch das Gras vor Martens Füßen, dann setzte er seine Patrouille fort.
Noch bevor der letzte Container angehoben wurde, war Marten wieder zur Plattform unterwegs. Für einen Moment hatte er das Gesicht des Mannes gesehen, aber später konnte er sich an kein Merkmal erinnern. Die Stimme dagegen blieb im Gedächtnis haften, wie Gänsehaut in den Ohren.
Als Marten wieder hinter der Plattform war, wartete er darauf, dass Tom eine Bemerkung über seinen Stunt machte, aber der wollte nur wissen, was er gesehen hatte.
„Wie spät ist es?“, fragte Marten flüsternd, und ignorierte Tom.
Rutger schaute auf seine Uhr. „Viertel vor elf. Wieso?“
„Die haben einen bestimmten Zeitplan.“
„Na, gut zu wissen“, spottete Andrej. „Auf die Idee wäre hier wirklich keiner gekommen.“ Er warf Tom einen Seitenblick zu. „Fast keiner vielleicht.“
„Was soll das denn heißen?“, fragte Tom.
Marten wollte von den anderen wissen, ob sie etwas gehört hatten, aber abgesehen von einem metallischen Hämmern hatten sie nichts Ungewöhnliches bemerkt.
„In dem Container ist etwas“, sagte Marten, und erzählte ihnen, was er gesehen und gehört hatte.
„Was soll das denn gewesen sein?“, fragte Rutger danach.
„Muss riesig sein, so wie es den Container behandelt hat.“
„Bist du sicher?“ fragte Andrej skeptisch. „Vielleicht ist nur irgendetwas darin umgefallen, das die Geräusche verursacht hat. Außerdem, wenn etwas Metall verbiegen kann, sollte Plastikfolie kein Problem darstellen.“
„Ich bin mir ganz sicher. War außerdem kein Plastik.“
Wortlos beobachteten sie, wie auch der letzte Container angehoben wurde, und kurz bevor beide Scheinwerfer erloschen, sahen sie, dass dessen Seitenwand so zerbeult war wie Marten es geschildert hatte.
Der Zug setzte sich in die entgegengesetzte Richtung in Bewegung, die Lkw fuhren an, und als die Arbeiter auch die Scheinwerfer abgebaut und im Kranwagen verstaut hatten, waren die Jungen auf dem alten Güterbahnhof bald allein.
Marten überlegte, ob er den anderen von dem Logo erzählen sollte, Die Fackel und Der Kreis von Escapist Games, und er entschied sich dafür. Tom witzelte, dass es sich noch um ein paar Möbel für Wetzolds Garten handeln könne, aber Rutger blieb ernst. Er vermutete, dass es sich um einen streng geheimen Prototypen handelte, irgendein Gerät, das nicht bei Tageslicht in Kreuztal ankommen sollte. Marten wusste aber, dass die Forschungsabteilung erst Ende Oktober eingerichtet werden würde, mit dem Projekt, an dem sein Vater seit vergangenem Jahr arbeitete. Marten hatte keine Ahnung von Computern, von Programmen oder der Aufgabe seines Vaters, und er wollte auch gar nichts davon wissen, aber bislang gab es in Kreuztal nur eine Baustelle. Das war kein Ort für strenggeheime Prototypen.
Das ging noch eine Weile hin und her, bis Andrej sie darauf aufmerksam machte, dass die Bandbreite dessen, was in der Nacht angeliefert worden sein könne, wesentlich größer sei als das, was sie sich auszudenken vermochten.
Als die anderen sich ratlos ansahen, schwiegen, und einer nach dem anderen auf seine Uhr sah, wurde Marten klar, dass er mit ihnen nichts mehr anfangen konnte. Er schlug halbherzig vor, gemeinsam zur Baustelle zu fahren, um sich davon zu überzeugen, dass die Container dorthin verfrachtet wurden. Einer nach dem anderen schüttelte den Kopf.
Martens Zeit mit ihnen war offensichtlich aufgebraucht.
In Kreuztal angelangt verabschiedeten sie sich eilig voneinander und bald war Marten allein auf der Straße. Er wollte sich gerade auf sein Fahrrad schwingen und zur Baustelle fahren, da hörte er den einzelnen Schlag einer Glocke, blechern und schrill zugleich.
Dunst sank auf die Straße, so wie sich eine klamme Hand auf den Mund legte, um einen Schrei zu unterdrücken. Hastig und alles verschließend.
„Was ist das?“, sagte sich Marten, seine Stimme kam ihm fremd vor.
Etwas regte sich im Dunst.
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