Martha und das Meer - Gillian Best - E-Book
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Martha und das Meer E-Book

Gillian Best

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Beschreibung

Anfangs war das Meer ihr Gegner, dann wurde es ihre erste Liebe: Gillian Bests "Martha und das Meer" ist ein berührender Roman über eine Frau, die ihre Familie liebt und doch nur im Meer wahre Freiheit findet. Ein Buch, das Mut macht – für Frauen, die Veränderung suchen! Dover, um 1950: An einem klaren Sommertag fällt Martha bei einem Angelausflug ins Wasser – aus dem Schock wird eine tiefe Faszination für das Meer. Zehn Jahre später ist sie mit ihrer Jugendliebe John verheiratet, kümmert sich um die Kinder und macht den Abwasch. Doch sie sehnt sich nach Freiheit, und eines Tages geht sie hinunter zum Strand und schwimmt ins offene Blau. Zehn Mal wird sie den Ärmelkanal durchqueren. Aber kann die Liebe, die ihre Familie zusammenhält, den Wellen des Lebens standhalten? Ein wunderbar authentischer Familienroman über drei Generationen von Frauen, über die richtigen und falschen Entscheidungen und über den Mut zur Selbstbestimmung. »Wer ›Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry‹ gelesen hat, der wird Gillian Bests ›Martha und das Meer‹ lieben.« Kathleen Winter, Autorin des Bestsellers »Annabel«

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Seitenzahl: 520

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Gillian Best

Martha und das Meer

Roman

Aus dem Englischen von Claudia Feldmann

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Dover, um 1950: An einem klaren Sommertag fällt Martha bei einem Angelausflug ins Wasser – aus dem Schock wird eine tiefe Faszination für das Meer. Zehn Jahre später ist sie mit ihrer Jugendliebe John verheiratet, kümmert sich um die Kinder und macht den Abwasch. Doch sie sehnt sich nach Freiheit, und eines Tages geht sie hinunter zum Strand und schwimmt ins offene Blau. Zehn Mal wird sie den Ärmelkanal durchqueren. Aber kann die Liebe, die ihre Familie zusammenhält, den Wellen des Lebens standhalten?

Inhaltsübersicht

Widmung

Die letzte Welle

Reinfall

Springflut

Coming-out

John fragt

La Manche

Von Frankreich nach England

John, Lieber

Gezeitenwechsel

Der 5. September

Nach Hause

Erwachsen werden

Verinnern

Menetekel

Neuauflage

Ein letztes Bad

Abschied

Taufe

Danksagung

Für Mom, Dave und Kerri –

die besten Bests

 

Und für den Künstler Richard Stone,

der einen Roman in sein Bild gepackt

und den ersten Entwurf auf Raten gelesen hat

Die letzte Welle

John, 2014

Ich streckte die Hand nach meiner Frau aus, berührte die Stelle, wo ihre Schulter hätte sein sollen. Dann vergrub ich mein Gesicht in ihrem Kopfkissen und spürte, wie ein paar Sandkörner meine Wange streiften. Ihr Körper war nicht da, aber ich konnte trotzdem genau sagen, wo ihre Hüften liegen sollten.

Ich wusste nicht, wo sie war, aber es war nicht schwer zu erraten. Schließlich hatte sie immer lieber in den Wellen gelegen.

Meine geistigen Schnappschüsse von ihr waren voller Wasser. Ihr Haar war nie trocken, über den Heizkörpern hingen immer nasse Handtücher, und nachdem sie schwimmen war, tropfte ihre Nase noch ungefähr eine Stunde lang, als versuchte das Meerwasser, an seinen angestammten Platz zurückzukehren.

Die Schwimmanzüge – alle dunkel und praktisch –, die Badekappen und das Wollfett, das sie benutzte, damit die Haut sich nicht aufscheuerte, folgten ihr überallhin. Sie schwamm immer nur im Meer, nie im Schwimmbad und nie in geheiztem Wasser. Das Meer ist lebendig und weit, ein Schwimmbad tot und beengend. Das Meer ist Freiheit. In einem Schwimmbad ist nichts: keine Strömung, keine Gezeiten, keine Wellen und vor allem keine Geschichte. Schwimmbäder sind antiseptisch und kalt in ihrer Perfektion. Scheußlich.

Sie schwamm bei jeder Gelegenheit, bei jedem Wetter und jeder Temperatur. An den kältesten Tagen machte ich mir Sorgen, dass sie zu lange im Meer blieb, denn einmal hatte eine Unterkühlung sie gezwungen, an Land zurückzukehren. Im tiefsten Winter, wenn es wirklich zu kalt war, saß sie, um nicht verrückt zu werden, zitternd am Strand und blickte auf die schäumenden Wellen, voller Sehnsucht, in sie einzutauchen.

Sie sagte oft: Das Meer ist schon immer hier gewesen. Es hat alles gesehen.

»Martha«, rief ich.

Unten in der Küche stapelte sich schmutziges Geschirr, überall lagen Krümel, und ich dachte bei mir, dass das selbst für ihre Verhältnisse ein bisschen viel war. Ihre Liebe zum Wasser hielt sie normalerweise nicht davon ab, das Haus in Ordnung zu halten. Als ich das Geschirr in die Spüle räumte und die Krümel mit der Hand auf den Boden fegte, kam Webb angehumpelt. Das Fenster stand offen, und es wehte ein kräftiger Wind. Die geblümten Vorhänge flatterten wie die Flaggen der Rettungsschwimmer im Sommer am Strand und konnten jeden Moment die Muscheln von der Fensterbank fegen.

Webb stupste mit dem Kopf gegen mein Bein, und ich tätschelte ihn. »Guter Junge.«

»Wir verpassen die Flut«, sagte ich zu der geschlossenen Badezimmertür.

Webb bellte, und ich gab ihm ein übrig gebliebenes Stück Toast von der Arbeitsfläche, das er gierig hinunterschlang. Er grinste mich an, und Sabber troff ihm aus dem Maul.

»Beeil dich, Martha«, sagte ich. »Sonst hast du keine Zeit mehr zu frühstücken.« Ich wartete an der Tür auf eine Antwort, doch es kam keine, und so suchte ich im Küchenschrank nach dem Porridge, das sie jeden Morgen aß. Ich konnte es nicht finden.

Wieder kam ein Windstoß herein, und als ich mich umdrehte, sah ich auf dem obersten Regal die alte Teedose, in der ich meinen Tabak aufbewahrte. Ich nahm sie herunter, und gerade als ich das Papier zusammenrollen wollte, fegte erneut der Wind durch die Küche, und die halb fertige Zigarette flog zu Boden. Webb schnüffelte neugierig daran.

»Nein«, sagte ich und schob sein Maul mit dem Fuß weg. »Böser Hund.« Doch er ließ nicht locker, und ich musste ihn energischer wegschieben. Er verlor das Gleichgewicht, stürzte mit einem Jaulen zu Boden, und ich kam mir vor wie ein Ungeheuer. Er war älter als ich und noch wackeliger auf den Beinen, weil ihm eins fehlte.

Ich hob die Zigarette auf und versuchte erneut, sie zu rollen, doch es war mühsam; meine Finger waren nicht mehr so gelenkig wie früher.

»Martha, wir verpassen die Flut«, rief ich noch einmal zur geschlossenen Badezimmertür.

Es war Anfang September, aber das Wetter sah eher nach November aus; der Himmel war trüb wie Hochzeitssilber, das seit Jahren nicht mehr benutzt worden war.

Als ich zum Rauchen in den Vorgarten trat, sah ich unseren Nachbarn Henry. Furchtbar neugierig, der Kerl. Er winkte, aber ich reagierte nicht darauf. Martha würde das unhöflich finden, aber ich hatte keine Lust, mit ihm zu reden. Er stellte zu viele Fragen, und ich hatte nicht die Absicht, auch nur eine davon zu beantworten.

Ich gab das mit der Zigarette auf und ging nach oben ins Schlafzimmer, wo Martha vermutlich ihre Schwimmsachen zusammensuchte. Doch sie war nicht da.

Als ich am Fenster vorbeikam, sah ich, dass die Eingangspforte offen stand. War sie eben nicht noch geschlossen gewesen? Ich lief nach unten, um nach Martha zu suchen. Da bemerkte ich, dass ich meine Hausschuhe anhatte und es regelrecht schüttete.

Wer ging denn an so einem Tag schwimmen?

Martha.

Aber sie war nirgends zu sehen. Ich schlurfte bis zur Pforte und spähte durch den Regen die Straße hinunter bis zur Kurve; das war der Weg, den sie immer nahm, wenn sie zum Meer wollte.

Henry rief mir von seinem Fenster aus etwas zu, und ich fragte: »Haben Sie Martha gesehen?«

Er antwortete, aber die Worte drangen nicht bis zu meinen Ohren durch, da der prasselnde Regen und der Dunst seine Stimme dämpften. Mittlerweile klingen die meisten Dinge, als befände ich mich unter Wasser.

Gut, würde Martha sagen. So sollte ich auch klingen.

Henry tauchte in der Haustür auf, den Kragen seiner Trainingsjacke hochgeschlagen. »John«, sagte er. »Ist alles in Ordnung?«

Ich machte mir Sorgen um ihn: keine Frau, keine Kinder, ein Mann in den besten Jahren, der ganz allein lebte. Sein ständiger Drang zu helfen hatte etwas Abstoßendes. Henry war der Typ von Mann, der beim Tanken in der Seitenscheibe überprüfte, ob seine Frisur noch saß. Entweder stand er kurz vor der Midlife-Crisis, oder er war schon mittendrin.

»Alles bestens«, sagte ich und verschwand eilig wieder im Haus. Er hatte die Angewohnheit, sich auf eine Tasse Tee einzuladen, und obwohl ich Unhöflichkeit nicht schätzte, hatte ich keine Lust, mich mit ihm zu befassen.

»Martha?«, rief ich. »Liebling?« Ich öffnete die Badezimmertür. Dann ging ich nach oben. »Liebste?«

Doch sie war nicht da. Auf der weißen Bettdecke waren ihre Kleider ausgebreitet: ein schwarzes mit langen Ärmeln, ein dunkelblaues mit weitem Rock und ein grünes aus Tweed. Ich konnte sie mir in keinem davon vorstellen; so etwas trug sie normalerweise nie. Sie waren nicht praktisch.

Ich hörte ein Klopfen an der Haustür und stellte mir vor, wie Martha auf der Schwelle stand, verlegen zugab, dass sie ihren Schlüssel vergessen hatte, und sich dafür entschuldigte, dass sie ohne mich und Webb losgezogen war. Hoffentlich bedauerte sie es, dass sie sich ein klein wenig mehr Zeit im Meer gestohlen hatte, indem sie ohne uns gegangen war.

Doch als ich mich aus dem Fenster lehnte, sah ich, dass es Henry war. Rasch zog ich den Kopf wieder ein.

»John«, rief er. »Machen Sie auf.«

Ich knallte das Fenster zu und schloss den Vorhang, in der Hoffnung, dass Henry den Wink verstehen würde. Mir war noch nie jemand begegnet, der so aufdringlich war. Wie hatte Martha es geschafft, sich an ihm vorbeizuschleichen? Wenn er sie gesehen hätte, hätte sie sich verpflichtet gefühlt, ihn hereinzubitten, und dann säßen sie immer noch in der Küche, und Henry würde über die Löcher in seinem Dach plappern oder über Füchse oder Biber.

Die Scharniere unserer Haustür quietschen auf eine ganz bestimmte Weise, und zwar schon seit dem Tag, an dem wir das Haus gekauft haben. Dieses Geräusch würde ich überall und jederzeit erkennen.

»John«, rief er, nun aus dem Innern unseres Hauses.

»Gehen Sie«, rief ich.

Henrys Schritte auf der Treppe klangen selbstsicher, als sei er überzeugt, er habe das Recht zu tun, was immer er wollte, und sich in unserem Haus zu bewegen, als gehöre es ihm.

»Was ist los?« Er stand auf der Schwelle, wo die Dielen im Flur auf den taubengrauen Teppich unseres Schlafzimmers trafen, die eine Hand in der Hosentasche, die andere am Türrahmen. Eine Pose, wie man sie vielleicht im Pub einnahm, wenn man lässig wirken wollte.

Ich kehrte ihm den Rücken zu. »Dringen Sie immer einfach so bei anderen Leuten ein?«

»John«, sagte er.

Ich wandte mich ihm zu, dabei fiel mein Blick auf den Schrank, und da sah ich ihn: den Koffer, den ich bei ihren Durchquerungen immer dabeigehabt hatte. Er war nicht da, wo er hingehörte. Ich bewahrte ihn eigentlich unten auf, neben ihrer Schwimmtasche. Martha musste ihn bei einer ihrer Aufräumaktionen hierhin gestellt haben.

Ich nahm ihn hoch und strich über das abgenutzte Leder, spröde und rissig vom häufigen Kontakt mit Salzwasser. Er war nur so groß wie eine Aktentasche und weich, ohne harte Kanten. Und obwohl die Schnallen ihren Glanz verloren hatten und sich in einer Ecke ein Loch zu bilden begann, war er perfekt. Manche Dinge werden mit dem Alter immer besser, ihre Geschichte überlagert den Glanz frisch gekaufter Schönheit.

Ich öffnete ihn, um mich zu vergewissern, dass alles an Ort und Stelle war: das Glas mit den Kieselsteinen, die Land- und Seekarten, die Dose mit dem Fett. Eine Thermosflasche für Hühnerbrühe und ein Päckchen altbackener Kekse. Hätte Henry nicht neugierig hinter mir gestanden, hätte ich das Kieselsteinglas aufgemacht. Der Geruch des Meeres ist hartnäckig, er dringt in alles ein, was mit ihm in Berührung kommt, sogar in Stein, und an den Tagen, an denen sie gerne hineingegangen wäre, aber nicht konnte, brachte sein Geruch sie dorthin. Wenn sie den Duft einatmete, schloss sie immer die Augen.

»Webb«, rief ich und schob mich an Henry vorbei. Ich ging nach unten, der Hund kam in die Küche, und um den Anschein zu wahren, befestigte ich ein Stück Seil an seinem Halsband.

Als ich Henry die Treppe herunterkommen hörte, beeilte ich mich. Den Koffer in der einen Hand, die »Leine« in der anderen, stieß ich die Tür auf und steuerte auf die Pforte zu. Doch er folgte mir.

»Bitte, John, Sie werden es bereuen.«

Ich drehte mich halb um und sah ihn fragend an, doch er gab keine Erklärung dazu ab. Webb und ich setzten uns wieder in Bewegung.

Als wir durch die Pforte gehen wollten, legte er mir die Hand auf die Schulter.

»Fassen Sie mich nicht an! Wir kommen ohnehin schon zu spät.«

»Zu spät wofür, John?«

Jeden Tag dasselbe. Wo wollen Sie hin? Was machen Sie da? Wollen Sie zum Abendessen rüberkommen? Wie wär’s nachher mit einem Tee? Brauchen Sie Hilfe? Und er schnüffelte auch dauernd herum, in den Schränken und im Kühlschrank. Er dachte wohl, ich merke es nicht.

»Heute ist ein Trainingstag«, sagte ich.

»Was denn für ein Training?«

Es war, als spräche man mit einem Dreijährigen.

»Es regnet«, sagte er. »Wollen Sie heute nicht lieber aussetzen?«

Ich stand im Regen, also wusste ich, dass es regnete. Er schien mich für einen Idioten zu halten.

»Ich muss los«, sagte ich und bog auf den Gehweg ab. »Will sie nicht warten lassen.«

Ich stellte sie mir im Meer vor: starke Arme, die durch das Wasser kraulten, die Ellbogen hoch erhoben, und in regelmäßigen Abständen ihr Gesicht mit der Schwimmbrille, wenn sie den Kopf zum Atmen drehte, während sie parallel zum Ufer schwamm. Das war besser, als wenn sie hinausschwamm, weil ich dann in gewisser Weise mit ihr gehen konnte. Ich war ihr Leuchtturm, aber ich war weniger dazu da, sie vor Gefahren zu schützen, als dazu, sie zurück an Land zu locken.

»John, ich glaube, Sie sollten besser nicht gehen.«

Ich drehte mich zu ihm um. »Um ehrlich zu sein, Henry, interessiert es mich nicht die Bohne, was Sie glauben.«

Wieder legte er mir die Hand auf die Schulter, fest diesmal. »Sie ist nicht da.«

»Woher wollen Sie das wissen? Können Sie jetzt plötzlich hellsehen?«

»Warum kommen Sie nicht zu mir? Ich mache uns ein Feuer, und es ist noch ein bisschen von dem Kuchen da, den meine Schwester mir am Wochenende mitgebracht hat.«

»Wie reizend«, sagte ich zähneknirschend.

»John, Martha ist gestorben.«

Trotz der Regentropfen auf meiner Brille sah ich das Mitgefühl auf seinem Gesicht. »Wie können Sie so etwas sagen!«

Ich zerrte an Webbs improvisierter Leine, und wir setzten uns wieder in Bewegung. Henrys Rufe gingen im Regen unter.

Als wir am Meer ankamen, fielen mir zwei Dinge auf: dass der Wind ablandig war, was bedeutete, dass Martha nicht nur gegen die Strömung ankämpfen musste, sondern auch gegen den Wind, und dass ich immer noch meine Hausschuhe anhatte. Ich hielt Ausschau nach ihrer gelben Badekappe.

Obwohl es erst Nachmittag war, sah es aus, als hätte bereits die Dämmerung eingesetzt, aber das machte nichts. Martha schwamm sogar lieber, wenn der Himmel bedeckt war. Die Sonne verwandelte das Wasser in einen Spiegel. Ich will unter die Oberfläche sehen, sagte sie. Ich will wissen, womit ich es zu tun habe.

Schon seit wir jung waren, sah ich oft zu, wie sie im Schaum und in den Wellen verschwand, aus denen sie zwei oder mehr Stunden später wieder auftauchte, vollkommen erschöpft. Ich legte die Arme um sie, wir setzten uns auf den Kiesstrand, und sie nannte mir ihre Zahlen: in der ersten halben Stunde bei jedem fünften Zug atmen, in der zweiten halben Stunde bei jedem dritten, dann zwanzig Minuten Brustschwimmen. Es war genau berechnet und wiederholte sich ständig. Sie sagte, das endlose Zählen sei meditativ. Eins, zwei, drei, atmen. Beinschlag, Armzug, gleiten, atmen. Konzentration. Nicht daran denken, wie kalt es ist, wie weit es noch ist, wie die Arme schmerzen oder wie das Salz brennt. Einfach schwimmen.

Es war schwer zuzusehen, wie sie da draußen war, hin- und hergeworfen von den Wellen, die sich über ihr brachen. Ich wollte sie bei mir an Land haben, aber ich wusste, wenn ich das versuchte, würde ich sie erst recht ins Meer treiben. Stattdessen freute ich mich auf den Moment, wenn sie aus dem Wasser kam, genoss es zuzusehen, wie ihre Gestalt sich aus den Wellen erhob und direkt auf mich zukam. Und ohne ihre Schwimmabenteuer hätte ich nicht das Vergnügen gehabt, sie in meine Arme zu schließen, wenn sie sich an mich lehnte und ihre Haare mich durchnässten. Ich war froh, dass ich zumindest dabei sein durfte, eine Aufgabe hatte. Ich gab ihr zurück, was das Meer ihr nahm, ihre Wärme und ihre Kraft.

Die Kieselsteine am Strand waren kalt und hart; der Regen ebenso. Es war niemand zu sehen außer ein paar Heranwachsenden, die auf halber Strecke unter einem Felsvorsprung hockten; mit Anoraks, Getränkedosen und blecherner Musik, die vom Regen gedämpft wurde.

Ich setzte mich auf die Steine und versuchte herauszufinden, wo Martha sein konnte. Webb lief bellend im Kreis um mich herum.

»Aus!«, sagte ich. Normalerweise machte er so etwas nicht.

Ich sah zu den Jugendlichen hinüber, und irgendetwas an der Szenerie kam mir vertraut vor. Ich hatte das Gefühl, dass ich schon mal hier gewesen war, mit einer Gruppe von Leuten, aber vielleicht näher am Pier. Ich spürte ein Echo – keine richtige Erinnerung – von fürchterlichem Wetter, Marmite und Käse.

Die Bewegung des Meeres hatte etwas Beruhigendes, obwohl der Wind die Wellenkämme zu Sprühregen zerstäubte, und ich dachte, vielleicht war das der Grund, warum ich sie nicht sehen konnte, vielleicht verbarg das Wasser sie, versteckte sie vor mir. Ich musterte den Horizont, schaute mit offenen Augen und ohne zu blinzeln Richtung Frankreich, doch sie war nicht da.

Aber wenn sie nicht hier war und auch nicht zu Hause, wo war sie dann? Das waren ihre Orte. Man konnte sich darauf verlassen, dass sie sich zu jedem beliebigen Zeitpunkt an einem von beiden befand. Es sah ihr nicht ähnlich, das Schwimmen ausfallen zu lassen oder gar zu verschwinden.

Ich stand auf und ging zu den jungen Leuten, suchte dabei aber weiter. Was, wenn ihr etwas zugestoßen war? Wenn sie sich überschätzt hatte? Oder die Bedingungen unterschätzt? Was, wenn sie Hilfe brauchte?

»Habt ihr sie gesehen?«, rief ich. »Meine Frau Martha? War sie hier?«

Ein Mädchen von etwa vierzehn Jahren kam mir entgegen und lächelte, als würde sie mich kennen.

»Sie schon wieder?«

»Hast du sie gesehen? Kinnlanges Haar, ungefähr eins siebzig groß. Gelbe Badekappe.«

Sie blickte zu Boden. »Nein, heute nicht.«

»Das ist unmöglich. Sie muss hier sein.«

»Sind Sie sicher?«

»Warum wäre ich sonst hierhergekommen?«

Sie nahm ihre Kapuze ab, als würde sie etwas suchen, aber ich wusste nicht, was. »Ich habe Sie hier schon öfter gesehen.«

»Martha kommt jeden Tag hierher. Anfang September versucht sie wieder die Kanaldurchquerung.«

»Es ist schon fast November«, sagte sie.

Ich blickte Richtung Land. Die Stelle, wo die Zuschauer stehen, ist ein mit verfilztem Gras bewachsener Vorsprung. Ich hatte noch nie Anlass, dort zu stehen, denn wenn Martha schwamm, war ich im Begleitboot, aber ich konnte mir vorstellen, wie der Ausblick von dort oben war, beziehungsweise wie es war, dort zu stehen.

Und dann saß ich zu Hause mit den drei ausgebreiteten Kleidern, und es war jemand bei mir in unserem Schlafzimmer. Vielleicht unsere Tochter. Ich blinzelte, und ich stand im Regen und hörte zu, wie Henry etwas sagte. Alles war ein Durcheinander aus jetzt und damals, vorher und nachher, Vergangenheit und Gegenwart.

Die Kieselsteine taten mir weh, als ich in meinen Hausschuhen darüberschlurfte, und meine Zehen waren taub vor Kälte. Da wusste ich, wo sie war. Ich fiel auf meine Knie und klappte den Koffer auf. Alles, was Martha ausmachte, war da: das Fett, die Ohrstöpsel, die Badekappen, ihre alte Schwimmbrille und die Kieselsteine. Ich zählte sie, es waren zehn. Einer für jeden Versuch.

Ich betrachtete sie in meiner Hand, und sie sahen genauso aus wie die, auf denen ich kniete, rostfarben mit weißen und schiefergrauen Einsprengseln. Ich strich mit dem Finger darüber, und da sprang Webb aus dem Wasser und lief auf mich zu.

Sein Fell, das dieselbe Farbe hatte wie einige der Steine, war klatschnass, und als er sich schüttelte, spritzte sandiges Wasser in alle Richtungen. Ich schob ihn weg, sobald er versuchte, mir das Gesicht abzulecken, aber er spürte, das etwas nicht stimmte, und stupste mich immer wieder an, bis mir die Steine aus der Hand fielen.

Ich brüllte ihn an und versuchte, die richtigen wieder aufzuheben, aber es war unmöglich zu erkennen, welche ihre waren und welche nicht.

Ich schaute in den Koffer. Das war alles, was von ihr noch übrig war. Alles und nichts. Webb bellte mir vom Flutsaum aus zu, und mit dem Koffer in der Hand jagte ich ihn ins Meer. Es war der einzige Ort, wo wir sie finden, wo wir bei ihr sein konnten.

Das Wasser war so kalt, dass es brannte. Das Meer war in Bewegung. Es ist lebendig, hatte sie oft gesagt. Lebendiger als jeder von uns.

Es war beunruhigend. Der steinige Boden veränderte sich mit jeder Welle, und die Strömung zog mich vor und zurück, bis ich das Gleichgewicht verlor und ins Wasser fiel. Ich zappelte mit Armen und Beinen, um wieder hochzukommen, und bei dem Versuch, den Kopf aus dem Wasser zu kriegen, glitt mir der Koffer aus der Hand. Ich schrie auf, als ich ihn davonschwimmen sah.

Ich schnappte nach Luft, atmete stattdessen jedoch Wasser ein. Ich konnte nicht schwimmen. Es war töricht, so nah am Meer zu leben und es nicht zu lernen, aber was das anging, war ich abergläubisch: Damit sie gut schwimmen konnte, durfte ich es nicht können.

Es fühlte sich an, als würde das Meer mich zu ihr bringen, wenn ich es zuließ, doch dann schlangen sich Arme um mich, und ich hörte Gebell. Ich wurde ans Ufer gezogen, und sobald ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte, setzte ich mich hin, den Kopf zwischen die Knie, und hustete, keuchte, spuckte Wasser. Das Mädchen setzte sich neben mich, völlig durchnässt.

»Was soll das werden?«, fragte sie. »Wollen Sie sich umbringen?«

Ich sah, wie sie nach dem Koffer schaute.

»Lass nur. Er gehört ihr.«

»Wem?«, fragte sie. »Da draußen ist niemand.«

»O doch.«

Ich wandte mich zu dem Vorsprung um, und ein paar Erinnerungen kamen zurück. Sie hatte um eine Seebestattung gebeten, und ich hatte es ihr versprochen. Ich sah meine Tochter oder meinen Sohn, und jemand sagte etwas von Gefahr, von Herumirren, von verdammt knapp.

Ich hatte ihre Asche in die Wellen gestreut, schimmernd wie Makrelenschuppen.

Das Mädchen saß rechts von mir, Webb ließ sich zu meinen Füßen nieder, und wir schauten alle hinaus auf den Ärmelkanal.

Ich dachte an Marthas Stimme, daran, wie sie meinen Namen gesagt hatte. Die Worte in meinem Kopf waren alle zerknüllt und schwer wie nasse Handtücher. Ich versuchte mich zu erinnern, wann ich zum ersten Mal gehört hatte, wie sie ihn sagte. War es, als sie mit ihrem Fahrrad zwischen den Beinen dastand, nachdem ich mich vorgestellt hatte? Ich war mir nicht sicher, aber ich sah das Ganze vor mir, als wäre es gestern gewesen. »John«, hörte ich sie sagen. Es war wie mit so vielen Dingen, an die ich mich nicht erinnern konnte, die ich nur fühlte. Ich wusste genau, was ich empfand, wenn sie es sagte. Ich hätte nie gedacht, dass es so aufregend sein könnte, meinen Namen zu hören, aber so war es. Ihre verschiedenen Tonfälle verrieten mir alles, was ich wissen musste. Kurz und scharf, wenn sie sich ärgerte; in der Mitte lang gezogen, wenn sie zärtlich war.

Je mehr ich mich bemühte, es noch einmal zu hören, desto mehr entfernte es sich, wie das ablaufende Wasser.

»Ist sie je dort angekommen?«, fragte das Mädchen.

»Wo?«

»Auf der anderen Seite.«

»Cap Gris-Nez«, sagte ich.

Im Begleitboot hatte ich Hühnerbrühe in einen Becher gegossen, der an einer langen Stange befestigt war, und versucht, ihn ruhig zu halten, während sie gegen die Wellen kämpfte. Sie musste Wasser treten, um mit dem Kopf oben zu bleiben. Meerwasser zu trinken ist keine gute Idee, hatte sie gemeint. Die Kraft in ihren Beinen war nicht zu leugnen. Ich sah die roten Stellen an ihren Schultern, am Hals und unter den Armen, wund vom Salz. Wenn die Veranstalter nicht schockiert gewesen wären, wäre sie nackt geschwommen, hatte sie gescherzt.

»Warum hat sie es getan?«, fragte das Mädchen.

»Weil sie es wissen wollte«, antwortete ich.

Webb hob den Kopf, als wollte er bellen, gab jedoch nur ein gedämpftes Wuffen von sich, und ich sah zu dem Felsvorsprung hinüber, von wo die Freunde des Mädchens ihr Zeichen gaben.

Sie spähte in die Ferne, doch in Anbetracht des Wetters war da nicht viel zu sehen: das trübe Wasser, das vor- und zurückrollte, die Schaumkämme der Wellen, wie Zuckerguss auf der Horizontlinie, alles in Bewegung, tosend und schäumend.

Sie stand auf und ging darauf zu, mit hocherhobenem Kopf, unbeirrt vom Wetter. Ohne zu zögern ging sie ins Wasser. Sie machte ein paar Schritte, nur bis es ihr über die Knie schwappte, bückte sich und fischte den Koffer heraus. Dann kehrte sie wieder um.

Der Abstand zwischen uns betrug vielleicht vier, fünf Meter, und meine Augen waren noch recht gut. Es hätte alles Mögliche sein können, die Art, wie sie ging, ihre Zielstrebigkeit, ihr Selbstvertrauen, oder vielleicht nur der Anblick des Koffers in ihrer Hand. Oder vielleicht waren es noch ganz andere Dinge.

Es gibt Momente, da ist das Warum nicht mehr wichtig. Warum verlieben wir uns? Warum leben wir, und warum sterben wir? Irgendwann wissen wir plötzlich, dass es nur darum geht, überhaupt etwas zu sein: verliebt, lebendig oder auch tot. Den Jungen ist der Luxus des Warum geschenkt, den Alten die Weisheit zu erkennen, dass das Warum letzten Endes egal ist.

»Den können Sie nicht hier lassen. So was gilt als Müll«, sagte sie und stellte den Koffer neben Webb.

»Wie war das Wasser?«, fragte ich.

Sie stutzte. »Nass.«

Ich musste lächeln und dachte an die Badewanne, das kalte Wasser und das Salz, das ich für sie geholt hatte. Das kannst du mir nicht abschlagen, hatte Martha gesagt.

Ihre Freunde riefen nach ihr, und sie drehte sich zu ihnen um. Das Mädchen hatte die Hände in die Taschen gestopft, ihre Zähne klapperten, und auf ihrem Gesicht klebten ein paar Haarsträhnen.

»Ich komme schon zurecht«, sagte ich, um sie von dem Gefühl der Verpflichtung zu befreien, doch sie ging nicht.

»Warum sehen Sie mich so an?«, fragte sie.

Ich wollte ihr sagen, dass sie aussah wie meine Frau. Die Art, wie sie aufs Meer hinausschaute, die Augen ein wenig zusammenkniff, wenn sie etwas aufmerksam musterte, und wie das nasse Haar auf ihren Wangen lag. Ich wollte ihr sagen, dass sie mich, wenn auch unabsichtlich, quälte und das hohle Gefühl in meinem Innern, das mich ständig begleitete, noch verstärkte. Ich vergaß oft den Grund für dieses Gefühl, und wenn er mir dann wieder einfiel, war es so schmerzhaft wie beim ersten Mal. Es war ein Gefühl, das mir den Atem aus der Lunge sog, ein Gefühl, das sich anfühlte, als würde ich ertrinken.

»Geh«, sagte ich. »Bitte.«

Als sie weit genug den Strand hinuntergegangen war, drehte ich mich zu der Stelle, wo sie gesessen hatte, und grub ein Loch in den Sand unter den Kieseln. Als es groß genug aussah, öffnete ich den Koffer und nahm heraus, was noch darin war: die Kekse und die Land- und Seekarten. Ich schüttete die Kieselsteine, die ich vor Webbs Übermut gerettet hatte, obendrauf, überlegte es mir im letzten Moment jedoch anders. Ich hob diejenigen auf, von denen ich meinte, dass es ihre waren, und gab noch ein paar dazu, sodass es wieder zehn waren.

Zehn Steine für zehn Durchquerungen.

Ich betrachtete die handschriftlichen Notizen auf der einen Karte. Da stand etwas über die Strömungen, und an der schmalsten Stelle zwischen England und Frankreich hatte Martha »Straße von Dover« dazugeschrieben.

Unser Küchentisch war oft mit diesen Karten bedeckt gewesen. Wenn sie eine Durchquerung plante, fuhr Martha zahllose Male mit dem Finger über die Route, die sie schwimmen wollte – die kleinen Sandkörner unter ihren Nägeln hatten die Oberfläche mattiert wie die Schale eines Eis –, prägte sich den genauen Verlauf ein und schrieb jedes noch so winzige Detail daneben, das sie aus den häufigen Gesprächen mit den Fischern aufgeschnappt hatte. Hier Felsen, dort Algenknäuel. Alles war in blauer Tinte und ihrer ordentlichen Schreibschrift notiert, derselben Schrift, die auf den Karten war, die sie mir zu Geburts- und Jahrestagen gab und manchmal auch einfach so, als überraschendes Zeugnis ihrer Zuneigung. Ihre Schrift war auf zahllosen Listen, Erinnerungszetteln und Nachrichten, die sie auf die Rückseite alter Briefumschläge geschrieben oder auf dem Tisch liegen gelassen hatte, und jedes Mal, wenn ich daran dachte, sah ich: Lieber John. John, Lieber.

Ich grub die Finger in den Sand und die Kiesel und schaufelte beides in das Loch im Boden. Dann trat ich mit den Füßen noch mehr Sand und Kiesel auf das, was von ihr übrig war, um sie aus den Augen zu bekommen.

»Du musst hierbleiben«, sagte ich.

Als ich aufstand, folgte Webb mir, und wir gingen gemeinsam nach Hause. Ich machte mir nicht die Mühe, das Seil wieder an seinem Halsband zu befestigen; wir waren zwei alte Männer, die im Regen heimwärts trotteten.

Es war schon fast dunkel, als wir in unsere Straße einbogen, und Webb bellte ungeduldig, während ich vor der Tür stand und nach dem Schlüsselbund suchte. Er war in keiner von meinen Taschen, weder im Mantel noch in der Hose, und ich fragte mich, wie ich es fertiggebracht hatte, ohne ihn loszugehen. Und dann sah ich nach unten und stellte fest, dass ich noch meine Hausschuhe anhatte.

Ich blickte nach nebenan und betete, dass dort Licht brannte und Henry einen Zweitschlüssel hatte. Der Gedanke, mich mit ihm unterhalten zu müssen, erschöpfte mich, aber mir blieb nichts anderes übrig; entweder das, oder ich würde im Garten schlafen müssen.

Der flackernde bläuliche Schein des Fernsehers war zu sehen, begleitet nur von einem schwachen Lichtschimmer irgendwo in der Küche.

Ich klingelte, und als er die Tür aufmachte, sagte ich nur: »Schlüssel?«

»Kommen Sie erst mal ins Trockene«, sagte er und trat zur Seite. »Gehen Sie durch ins Wohnzimmer, John, ich bringe Ihnen eine Tasse Tee.«

Ich wollte mich nicht hinsetzen, und ich wollte auch keinen Tee, aber Webb schien das Angebot eines warmen, trockenen Zimmers, in dem er sich niederlassen konnte, sehr einladend zu finden und schob sich an mir vorbei in die Dunkelheit. Obwohl unsere Häuser den gleichen Grundriss hatten, herrschte in unserem eine Helligkeit, die Henrys nicht aufwies. In seinem Haus hatte man den Eindruck, dass es selbst an einem strahlenden Sonnentag noch dunkel wirken würde. Es war vollgestellt, kalt und ungemütlich.

Ich schaute mich um, sah aber keine Fotos von einer Frau, Kindern oder sonstigen Verwandten. Es gab überhaupt keine Fotos. Martha sorgte dafür, dass die Gesichter unserer Familie nie weit weg waren. Henry hatte einen großen Spiegel über dem Kaminsims, in dem ich mich erblickte. Ich war krummer, als ich mich in Erinnerung hatte. Wenn ich an mich selbst dachte, sah ich mein Gesicht als eine Mischung aus der Zeit, als Martha und ich geheiratet hatten, und aus der einige Jahre später, als die Kinder noch zur Schule gegangen waren, aber mein Spiegelbild sagte etwas anderes. Meine Augenbrauen hatten sich selbstständig gemacht und wucherten über meiner Brille hervor wie ungepflegte Hecken, die wenigen Haare, die ich noch hatte, klebten mir vom Regen auf dem Kopf, und die natürliche Schlankheit, mit der ich immer schon gesegnet war, ließ mein Gesicht hager und ausgemergelt wirken.

Henry kam mit einem Tablett voll Teesachen herein und stellte es auf dem Tisch ab. Er sah mich erwartungsvoll an.

»Geben Sie mir Ihren Mantel«, sagte er und kam auf mich zu, als wollte er mir heraushelfen.

»Lassen Sie nur, das geht schon so.«

»Er ist völlig durchnässt.«

Das stimmte, aber ich hatte nicht die Kraft, den Mantel selbst auszuziehen, und wollte nicht, dass Henry mir half. Ich setzte mich in einen Sessel und er sich aufs Sofa.

»Sie waren also wirklich am Strand«, sagte er.

Offenbar sah ich verwirrt aus, denn er zeigte auf meine Hausschuhe, die mit Sand bedeckt waren. Es ist eine Sache, sich selbst bei einem peinlichen Versehen zu ertappen, aber eine ganz andere, wenn es jemand wie er tut.

»Hab ich auch schon gemacht«, sagte Henry. »Bin während der Halbzeit zu dem kleinen Laden gegangen, um noch ein paar Bier zu holen. Hätte es gar nicht gemerkt, wenn ich nicht in Kaugummi getreten wäre. Hätte mir fast den Teppich ruiniert, aber immerhin hat Arsenal gewonnen.«

So, wie er lachte, hatte ich den Eindruck, er hatte sich das nur ausgedacht. Ich wollte nicht hier in seinem Haus sitzen. Ich konnte nicht. Ich hatte das Gefühl, dass es etwas Dringendes zu erledigen gab. Der Raum kam mir immer beklemmender vor, und ich stützte mich auf die Sessellehnen, um aufzustehen.

»Bleiben Sie doch«, sagte er.

»Ich muss gehen.«

»Warum?«

»Da ist etwas, das ich erledigen muss.«

»Nämlich?«

Stotternd suchte ich nach den richtigen Worten, die mich aus seinen Klauen befreien würden. »Martha braucht mich.«

Henry füllte zwei Becher mit Tee und gab Milch hinzu. »Zucker?«

Ich antwortete nicht, und er reichte mir einen Becher.

»John«, sagte er. »Sie ist nicht …« Er seufzte und lehnte sich auf dem Sofa zurück. »Trinken Sie Ihren Tee.«

»Sie hat bestimmt schon das Abendessen auf dem Herd.« Ich rückte meine Krawatte zurecht. »Ich werde zu Hause gebraucht.«

»Ich möchte es Ihnen nicht noch mal sagen müssen.«

»Sagen? Was denn? Wie reden Sie überhaupt mit mir?«

Er stellte seinen Becher hin und rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht, als hätte er meinetwegen Kopfschmerzen bekommen. Als wäre ich anstrengend.

»Ich habe nicht darum gebeten, hier reingezerrt zu werden, um Ihnen Gesellschaft zu leisen.«

»Sie wurden nicht hereingezerrt. Sie haben bei mir geklingelt. Sie haben sich mal wieder ausgesperrt.«

»Falls ich tatsächlich meinen Schlüssel verlegt habe, was sonst nie vorkommt, wird meine Frau mich reinlassen.« Ich stand auf und klopfte mir auf den Oberschenkel, als Zeichen für Webb, dass er mitkommen sollte. Der Raum war so eng und dunkel, dass ich kaum sehen konnte, wo es hinausging, aber Webb kannte den Weg, und ich folgte ihm den Pfad runter zur Straße, einmal um die Ecke und wieder rauf, bis wir vor unserem Haus standen.

Ich klingelte, und Webb bellte.

»Ich glaube nicht, dass jemand zu Hause ist«, sagte Henry von hinten in selbstgefälligem Tonfall. »Es ist nirgendwo Licht an.«

»Es ist sicher spät. Sie ist bestimmt schon zu Bett gegangen.« Ich trat einen Schritt zurück, hob einen Kieselstein auf und warf ihn gegen das Schlafzimmerfenster. Er landete daneben. »Martha!« Ich wartete ein paar Sekunden, dann rief ich erneut. »Martha!«

Alles blieb dunkel. Sie kam nicht an die Tür.

»Was ist passiert?«, fragte ich Henry. »Es muss etwas passiert sein. Sie waren doch hier. Haben Sie nichts gesehen?« Ich blickte mich um, suchte nach einem Hinweis, doch ich sah nur unser Haus, unseren Garten und unsere Straße, verlassen und reglos in der Dunkelheit.

Er legte mir die Hand auf die Schulter, steckte den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür. »Gehen wir rein«, sagte er.

Drinnen war es kalt und dunkel. Henry schaltete das Licht ein, und wir sahen schmutziges Geschirr in der Spüle, halb volle Teller mit Suppe und ein allgemeines Durcheinander, wie ich es von Martha nicht kannte.

»Liebling?«, rief ich.

»John«, sagte er. »Sie ist nicht hier.«

Ich ließ ihn stehen und suchte in allen Zimmern im Erdgeschoss, machte überall Licht und rief ihren Namen. Henry wartete in der Küche, bis ich erfolglos zurückkam.

»Sie ist gestorben, John«, sagte er. »Sie war krank, sie hatte Krebs. Sie haben sich um sie gekümmert. Sie ist letzten Monat hier gestorben, bei Ihnen. Es gab eine kleine Trauerfeier, dort, wo sie immer geschwommen ist. Sie haben ihre Asche ins Meer gestreut.«

»Lügner!«, sagte ich und stieß ihn beiseite. »Verschwinden Sie!«

»Es ist schwer, sich an so etwas erinnern zu müssen.«

»Sie lügen!«

Er sah mir unverwandt in die Augen, etwas geschah zwischen uns, und auf einmal sah ich die drei Kleider auf dem Bett und schmeckte die Sandwiches mit Käse und Marmite. Ich stolperte und zog mir einen Stuhl heran, als die Erkenntnis wieder einsickerte.

Henry half mir aus dem Mantel. »Haben Sie Hunger?«

»Nein.«

»Haben Sie heute schon was gegessen?«

»Wo ist Martha? Sie sollte hier sein, es ist schon spät. Sie schwimmt nie im Dunkeln. Was, wenn etwas passiert ist? Was, wenn sie mich braucht?« Ich ging zu Tür und drückte das Gesicht an die Scheibe.

»John, bitte. Beruhigen Sie sich.«

»Nein, ich beruhige mich nicht! Es ist mitten in der Nacht, und meine Frau ist nicht da.«

Er griff nach meinem Arm und versuchte, mich wieder zum Tisch zurückzuführen.

»Lassen Sie mich los!«

»Sie regen sich auf.«

»Wo ist Martha?«, brüllte ich, so laut ich konnte.

Er schloss die Augen. »Martha ist tot, John.«

Ich schwankte und sank zurück auf den Stuhl. Er öffnete den Küchenschrank und nahm eine Dose Bohnen heraus. »Ich mache die mal heiß.«

Während er einen Topf abwusch, schaute ich mich in der Küche um. Wie konnte sie tot sein? Sie war doch heute Morgen noch im Bad gewesen. Die Tür war zugeknallt. Die Muscheln hatten auf der Fensterbank gelegen. Die Gummihandschuhe, die sie immer zum Abwaschen überzog, hatten über dem Rand der Spüle gehangen.

»Martha ist bestimmt nur kurz weggegangen. Vielleicht hat sie beim Einkaufen was vergessen.«

Henry sagte nichts. Das Plätschern des Wasserhahns war das einzige Geräusch im Haus, bis er ihn zudrehte. Dann gab es nur noch die leisen, fernen Stimmen in meinem Kopf. Er öffnete die Dose, schüttete den Inhalt in den Topf und schaltete den Herd ein.

»Toast?«, fragte er.

Ich antwortete nicht, und als er sich umdrehte, sah ich, dass seine Augen feucht glänzten. Er wandte sich rasch wieder ab und blickte zur Decke.

Das Scharren von Porzellan auf Fliesen durchbrach die Stille. Webb schob mir seine Schale hin. »Du hast kein Wasser mehr«, sagte ich.

Henry verteilte die Bohnen auf zwei Teller, brachte sie zum Tisch und reichte mir eine Gabel. »Sie müssen was essen.«

»Ich warte auf meine Frau, sie ist bestimmt bald wieder da.«

Wenn sie nach Hause kam, während er noch hier war, würden wir ihn gar nicht wieder los. Er würde darauf bestehen, ihr Hallo zu sagen, was zu einem Gespräch darüber führen würde, warum sie so spät zurückkam, was sie gemacht hatte und bei wem sie gewesen war. Und daraus würde sich ein banales Geplauder über Gärten und andere Nachbarn entwickeln. Henry war ein Mann, der alles tat, um nicht in sein leeres Haus zurückkehren zu müssen.

Er ließ den Kopf hängen und starrte auf die Bohnen. »Sie sind in letzter Zeit oft am Strand.«

»Martha trainiert.«

Ich schob meinen unberührten Teller weg und trat ans Fenster. Ich reckte den Hals und blickte die Straße hinunter, aber es regnete stark, und ich konnte nichts sehen, erst recht nicht die Gestalt, nach der ich so verzweifelt Ausschau hielt.

»Es sieht ihr gar nicht ähnlich, so lange wegzubleiben«, sagte ich.

Als ich mich umdrehte, tippte Henry auf seinem Telefon herum.

»Soll ich jemanden anrufen? Harriet vielleicht?«

Ich schüttelte den Kopf. »Bei ihr ist Martha nicht.«

»Möchten Sie, dass ich hierbleibe?«

»Wozu?«

Ich spürte, wie sein Blick sich in meinen Hinterkopf bohrte, während ich aus dem Fenster sah, und ich begriff nicht, wieso er meinte, ich wäre derjenige, der Hilfe brauchte.

Sein Handy summte, und ich ließ ihn seine Nachricht lesen, während ich die Teller in die Spüle stellte.

»Die sollten besser wieder sauber sein, wenn sie zurückkommt«, sagte ich.

Henry seufzte, und ich wusste, dass ich kein guter Gastgeber war, aber es war mir egal, was er dachte. Wichtig war nur, dass die Küche nicht aussah wie ein Schlachtfeld, wenn meine Frau nach Hause kam.

»Ich weiß nicht, was ich machen soll«, sagte er halb zum Telefon und halb zu mir.

Ich zog mir die Gummihandschuhe an. »Es ist spät. Ich sage ihr, dass Sie hier waren.«

Endlich ging er zur Tür. »Kommen Sie zurecht?«

»Natürlich.« Ich machte mir Sorgen um ihn, ganz allein da nebenan. Es war nicht richtig, und er schien mir nicht besonders patent zu sein.

»Denken Sie dran, die Tür abzuschließen«, sagte er.

»Gute Nacht, Henry.«

Ich wusch die Teller ab, und er tat mir leid, so ganz ohne Familie, ohne jemanden, der ihn zu Hause erwartete. Aber es gab nichts, was ich tun konnte. Ich ließ für Martha das Licht in der Küche an und ging nach oben. Webb folgte mir, was ungewöhnlich war; normalerweise wartete er bei der Tür, bis alle da waren. Aber ich nahm es nicht weiter wichtig. Wahrscheinlich hatte Henry den Hund nervös gemacht; er hatte diese Wirkung.

Ich schaute ein letztes Mal aus dem Fenster, aber unsere Straße lag verlassen da, und so legte ich mich ins Bett und zog die Decke bis zum Kinn. Ich drehte mich auf die Seite und legte die Hand auf den leeren Platz, wo Martha sein sollte. Und als ich die Augen zumachte, nahm ich einen Hauch von ihrem Duft wahr, dieser unverwechselbaren Mischung aus Seife, frisch gewaschener Wäsche und dem Meer. Ich sog ihn tief ein, und es war fast so, als wäre sie da.

Reinfall

Martha, 1947

Richard«, hörte ich meine Mutter in der Küche sagen, in dem Ton, der nicht zu Fragen ermutigte. »Nimm sie mit.«

»Martha interessiert sich nicht fürs Angeln«, erwiderte mein Vater. »Sie ist ein Mädchen und erst zehn. Beim letzten Mal –«

»Sie hockt schon viel länger hier im Haus, als ihr guttut. Und sie geht mir auf die Nerven.«

Die Nerven meiner Mutter sorgten oft für Ärger. Ihre Stimmung schwankte schnell, und man wusste nie, welche Seite man erwischte. Aber es gab Zeichen, die mein Vater und ich zu deuten gelernt hatten. Wenn sie sich schwer auf die Arbeitsfläche stützte, um den Verdruss über unsere Unzulänglichkeit zu ertragen, oder wenn ihre Stimme höher klang als sonst – wie es häufig der Fall war, wenn sie von einem Besuch bei einer ihrer besser gestellten Freundinnen zurückkam –, wussten wir, dass die Wahrscheinlichkeit, ihre schlechte Seite zu erwischen, ungefähr so hoch war wie die, dass es an einem Feiertag regnete. Oft schienen mein Vater und ich sie in dem Bild, das sie von unseren zahlreichen Mängeln hatte, nur noch mehr zu bestätigen. Wenn wir besonders lästig waren, saßen mein Vater und ich meist still im Wohnzimmer und lasen.

»Schick sie doch zum Spielen in den Garten«, sagte mein Vater.

»Richard«, warnte meine Mutter ihn in einem Tonfall, den ich nur zu gut kannte.

Ich sah vor mir, wie mein Vater den Kopf hängen ließ, als er antwortete. »Gut, Liebes.«

Obwohl mir die Art nicht gefiel, wie meine Mutter meinem Vater befohlen hatte, mich mitzunehmen, freute ich mich auf den Ausflug. Meine nackten Füße machten kaum ein Geräusch auf den Dielen, als ich von meinem Lauschplatz am oberen Treppenabsatz in mein Zimmer zurücklief. Auf diesem Posten hatte ich den Großteil dessen erfahren, was ich über die Gedanken meiner Eltern wusste. Zumindest über die, die sie miteinander besprachen. Ich nehme an, ihre intimsten Gedanken bewahrten sie in dunkleren, verborgenen Nischen auf, die sie selbst kaum aufsuchten.

»Martha!«, hörte ich meinen Vater von unten rufen. »Zieh dir Schuhe an und nimm dir eine Jacke mit.«

Ich schaute aus dem Fenster meines Zimmers über die Dächer, die sich bis zum Glitzern des Meeres am Horizont erstreckten. Es war zwar nicht so blau wie auf den Ansichtskarten, aber der Himmel war klar. Der Sommer hatte bereits begonnen, und es sah so aus, als wäre es warm genug, um ohne eine Jacke loszuziehen, die wahrscheinlich nur vergessen oder verloren gehen würde. Doch ich tat, was man mir gesagt hatte, und nahm die, die ich am wenigsten mochte – eine quietschgrüne mit einem Bubikragen, die ich nicht leiden konnte, weil sie aussah wie Wackelpudding mit einem Klecks Sahne obendrauf –, in der Hoffnung, dass sich bei dem Ausflug eine glaubwürdige Gelegenheit finden würde, sie loszuwerden.

Ich interessierte mich wirklich nicht fürs Angeln, aber die Aussicht, das eng begrenzte Reich von Haus, Garten und Straße zu verlassen, war aufregend. Solche Fluchtgelegenheiten gab es nur selten, selbst jetzt, wo der Krieg vorbei war, und ich wusste, je besser ich mich benahm, desto größer war die Chance, dass die Einladung wiederholt wurde.

Mein Vater stand bereits an der Tür, die Angel in der Hand und neben sich die metallene Proviantkiste, in der die Haken und Würmer waren, für die er meine Hilfe brauchte. Ich fragte mich, wie er zurechtkam, wenn ich nicht dabei war, aber wahrscheinlich war das Angeln nur ein Vorwand, um aus dem Haus zu kommen. Ich stellte mich vor ihn hin und salutierte, Füße zusammen, Rücken gerade. Das hatte ich mir angewöhnt, seit er aus dem Krieg zurückgekommen war. Ich hoffte, es würde ihn davon überzeugen, dass ich respektvoll und informiert genug war, damit er mir von seinen Abenteuern in Frankreich erzählte. Vor allem wollte ich natürlich hören, wie er seinen rechten Arm verloren hatte. Das war etwas, worüber ich meine Mutter noch nie sprechen gehört hatte. Dass sie darüber schwieg, war bemerkenswert, denn sonst war für sie kein Thema tabu.

»Du trägst die Kiste«, sagte er und trat zur Seite, damit ich die Tür für ihn aufmachen konnte.

Er ging an mir vorbei und blieb nicht mal stehen, um sich zu vergewissern, dass ich die Tür wieder richtig zugemacht hatte. Die Botschaft war klar: Er und ich gingen nicht zusammen angeln; ich war ein unerwünschtes Anhängsel und würde selbst zusehen müssen, wie ich zurechtkam.

Ich ging, so schnell ich konnte, musste jedoch bald in ein unbeholfenes Laufen wechseln, um mit ihm Schritt halten zu können. Die Metallkiste, die ich in der Hand trug, schlug bei jedem Schritt gegen meine nackten Knie. Ich würde lauter blaue Flecken haben, wenn ich nach Hause kam, und bestimmt würde meine Mutter genervt anmerken, dass ich mich absichtlich so ungeschickt anstellte. Sie hielt es einfach nicht für möglich, dass ein Mädchen so unweiblich sein konnte, und in dieser Hinsicht – wie auch in vielen anderen – war ich eine Enttäuschung für sie. Ich wusste, dass sie lieber eine Tochter wie meine Freundin Cath gehabt hätte, die zwar ihre Haare nicht selbst flechten konnte, aber die Art von Kleidern liebte, in denen ich mich eingeengt fühlte und die lauter überflüssige Rüschen und Spitzen hatten.

Wir wohnten ganz oben auf dem Hügel. Wenn ich mich auf die Zehenspitzen stellte, konnte ich vom Küchenfenster aus die Fähren sehen, die jetzt, wo der Krieg vorbei war, wieder fuhren. Von meinem Zimmer aus waren da, wo keine zwischen den Eichen und Platanen standen, Teile der gewundenen Straße zu sehen, die zum Meer hinunterführte. Sie sah aus wie eine Schlange und machte jeden Weg länger. Aber ihre vielen Kurven gaben der langweiligen Straße, die nichts weiter zu bieten hatte als lauter fast gleich aussehende Häuser, etwas Fröhliches.

Der Hafen am Fuß des Hügels war kaum zu sehen, sodass mein Vater und seine Anglerfreunde versteckt waren, falls meine Mutter auf die Idee kommen sollte, ihm nachzuschnüffeln. Aber ich wusste, dass sich auf der anderen Seite des Hafens, näher bei den Docks, ein leicht gebogener Wellenbrecher befand, der wie ein Finger auf den Pier zeigte. Dort standen auch manchmal Männer und angelten, aber nie die Freunde meines Vaters.

»Es wird nicht geredet«, sagte mein Vater, als ich ihn eingeholt hatte.

Ich nickte. Jetzt wurde es ernst.

»Du spießt jeweils einen Wurm an jeden Haken. Nicht mehr und nicht weniger.«

Wieder nickte ich.

»Pass auf, dass dir der Wurm nicht runterfällt. Ich will nicht den Rest des Tages von toten Würmern umgeben sein.«

Ich nickte erneut.

»Und du hüpfst und tanzt nicht herum. Nicht wie beim letzten Mal.«

Beim letzten Mal hatte ich mich daneben benommen. Ich hatte in der Woche davor ziemlich viel Radio gehört und mir einen komplizierten Tanz ausgedacht, den ich meinem Vater und seinen Freunden unbedingt zeigen wollte. Mein Vater war nicht beeindruckt gewesen, aber das hatte mir nichts ausgemacht. Ich war so fasziniert vom Geräusch meiner Schritte auf dem Pier gewesen, das sich mit dem der Wellen vermischte, die dagegenschlugen, dass ich vor Aufregung fast geplatzt wäre und überhaupt nicht mehr an seine Ermahnungen gedacht hatte.

»Bleib mir aus den Füßen«, sagte mein Vater. »Und sei still.«

Diese letzte Anweisung war die wichtigste. Zum Pier zu gehen war eine der wenigen Gelegenheiten für meinen Vater, seine Freunde zu sehen – vor allem die, die meine Mutter nicht mochte – und über Dinge zu sprechen, von denen ein junges Mädchen nichts wissen sollte. Seine Anweisung, still zu sein, galt nicht nur für den Tag, der vor uns lag, sondern auch für den Abend, wenn wir nach Hause kamen. Soweit es meine Mutter anging, waren wir angeln gewesen und sonst nichts. Es wurde nicht darüber geredet, welche von seinen Freunden wir getroffen hatten, und erst recht nicht darüber, dass wir nachmittags einen Abstecher zum Bowls Club gemacht hatten, wo mein Vater und seine Kumpel heimlich einen Flachmann hatten herumgehen lassen. Dieser Teil des Nachmittags war so heikel, dass wir nicht einmal unter uns darüber sprachen.

Mein Vater, so nahm ich an, hatte viele Geheimnisse, und dass er mich für zuverlässig genug hielt, Dinge für mich zu behalten, selbst wenn es nur um einen heimlichen Schluck Alkohol ging, bedeutete mir sehr viel. Als er mir das Zeichen gab, dass wir zum Bowls Club gehen würden, sah er mir einen Moment länger in die Augen, und ich hatte das Gefühl, dass er etwas in mir erkannt hatte, das meine Mutter niemals sehen würde.

Als wir um die letzte Kurve gingen, streckte mein Vater den Arm aus, damit ich nicht einfach über die Straße lief. An der Kreuzung kamen die frisch aus Frankreich angekommenen Autofahrer regelmäßig durcheinander, weil sie den Linksverkehr nicht gewohnt waren, und mein Vater war lieber zu vorsichtig als zu wenig. Er schaute einmal und noch einmal, und als er sicher war, dass niemand kam, überquerten wir die Straße und gingen hinter dem Seaview Hotel mit seinen cremeweißen Mauern und den schmiedeeisernen Balkonen entlang, das exotische Orte erahnen ließ, an denen ich nie gewesen war.

Als wir am Ufer angekommen waren, sah ich zur Linken die Promenade, die sich bis zu den Docks mit ihren Kränen und Schiffen erstreckte. An unserem Ende war alles in einem kleinen Maßstab gehalten, und je weiter man zu den Docks ging, desto größer wurde alles, bis man sich neben den Fähren und Dampfern vorkam wie ein Zwerg. Doch der Teil interessierte mich nicht, und ich stand auf der Seite meines Vaters, der nur selten in diese Richtung blickte. Dort gab es immer noch ausgebombte Gebäude, Schutt und Staub und überall Löcher. Dorthin gingen wir nie. Der Grund dafür war mir nie erklärt worden, aber ich begriff, dass dieser Teil der Stadt nicht für Leute wie uns gedacht war. Außerdem war es da, wo wir standen, schöner, und man konnte so tun, als wäre alles wieder normal. Wenn man die Augen ein wenig zusammenkniff, konnte man sich vorstellen, wie das Seaview Hotel eigentlich aussehen sollte; man konnte an den Teilen vorbeigucken, die kaputt waren, wie bei meinem Vater. Und ein Stück weiter draußen lag der Wellenbrecher, der uns unter anderem vor Winterstürmen beschützen sollte.

Aber das Faszinierendste war der Pier, gesprenkelt mit Männern und ihren Angeln. Solange ich denken konnte, war der Pier gesperrt gewesen, aber jetzt, wo der Krieg vorbei war, gehörte er uns. Die Männer standen in zwei Gruppen zusammen – vielleicht wegen besserer Fangaussichten oder weil sie eine Stelle der anderen vorzogen –, eine näher zum Ufer, die andere kurz vor dem Ende.

Der Pier hatte etwas Solides, Vertrauenerweckendes, das mir gefiel. Selbst während der Luftangriffe, als wir in die Höhlen gehen mussten, hatte ich das Gefühl, dass der Pier selbst dann noch stehen würde, wenn sonst nichts mehr übrig war. Und jetzt wurde er wieder zu seinem eigentlichen Zweck genutzt, als Vergnügungspier.

Ich hatte mittlerweile gelernt, dass es etwas Besonderes war, in diesen Kreis der Männlichkeit aufgenommen zu werden, etwas, das man nicht leichtnehmen durfte. Ich war oft Gast in der Welt meiner Mutter gewesen, hatte zugehört, wie sie und ihre Freundinnen über Frisuren und Diäten und Hausmittel gegen hartnäckigen Schimmel redeten, aber diese Art von Gesprächen war so langweilig, dass ich nicht mal so tun konnte, als würden sie mich interessieren. Ab und zu gab es mal etwas halbwegs Interessantes, das auf die Möglichkeit einer Intrige hindeutete oder auf ein Leben, das verlockender schien als das, was mich erwartete, wenn ich erwachsen war und mein sogenanntes häusliches Glück begann. Doch selbst der Hauch eines Skandals, wie zum Beispiel eine vermutete Affäre, kam seltener vor als Weihnachten.

Die Männer auf dem Pier erzählten Geschichten, die an Orten spielten, die weit entfernt waren von Dover, England und unserem alltäglichen Leben. Die meisten Geschichten handelten vom Krieg, aber sie waren nicht halb so schrecklich, wie meine Mutter es immer darstellte. Zu meinen Lieblingsgeschichten gehörten die von Peter dem Taubenmann, der für den Nachrichtendienst der Armee gearbeitet hatte.

Und es waren nicht nur die anderen Männer dort auf dem Pier, die erzählten, sondern auch mein Vater. Wenn die Männer mich vergaßen und das Gefühl hatten, dass sie unter sich waren, erfuhr ich manches von dem, was er durchgemacht und was er im Krieg gesehen und getan hatte. Ich spitzte die Ohren, stets auf der Suche nach Hinweisen, was mit seinem Arm passiert war.

Als wir weitergingen, endete das Pflaster, und wir traten auf die Holzplanken, die von den Stürmen des Ärmelkanals verwittert waren. Mein Vater begann sich nach einer passenden Stelle umzusehen und hielt Ausschau nach vertrauten Gesichtern und Kumpeln, mit denen er vielleicht plaudern wollte. Je nachdem, in welcher Stimmung er war, saßen wir neben jüngeren, gesprächigeren Männern oder – wenn er seine Ruhe haben wollte – neben den älteren, schweigsameren. Für mich war beides gut: Die Jüngeren erzählten oft lustige Geschichten, die völlig ungeeignet für meine jungen Ohren waren, und die Älteren solche, die ich mir niemals hätte vorstellen können.

Mein Vater nickte zwei jüngeren Männern zu, und ich nahm es als Zeichen, dass er gute Laune hatte. Wir stellten uns zu ihnen, und sie unterhielten sich kurz, dann lehnte mein Vater seine Angel ans Geländer. Das war mein Zeichen.

Ich öffnete die Proviantkiste und holte erst die Butterbrote heraus, die meine Mutter uns geschmiert hatte, und dann den Behälter mit den Würmern, und während mein Vater sich über die neuesten Anglernachrichten informierte, spießte ich den ersten Wurm auf den Haken und gab ihm die Angel zurück.

Er wandte sich um und nickte mir schweigend zu. Das bedeutete, dass ich mich jetzt zurückziehen sollte.

Das Ganze folgte einem Rhythmus, und es war wichtig, so schnell wie möglich hineinzufinden. Wurm an den Haken, Angel zurückgeben und dann für eine Weile Abstand halten, während er sein Glück versuchte. Ich durfte tun, wozu ich Lust hatte, solange ich aufmerksam blieb und ihm rechtzeitig einen neuen Wurm aufspießte.

Ich nahm an, dass ihm sonst seine Freunde halfen, ohne dass er darum bitten musste, so wie er mir immer wieder gezeigt hatte, wie man die Schnürsenkel band, indem er mir half, wenn er sah, dass ich alleine nicht weiterkam. Aber wenn ich dabei war, spielten alle mit: Das mit dem Wurm war die Aufgabe eines Kindes, und indem er mir gestattete, ihm zu helfen, tat er mir einen Gefallen und brachte mir etwas bei, das mir später vielleicht noch nützlich sein würde.

Er warf die Angel aus, und ich trat zurück, zufrieden, dass meine Aufgabe erledigt war und ich nun Zeit für mich hatte. Ich hüpfte zum Ende des Piers.

Das war einer meiner Lieblingsplätze. Dort angelte niemand, und ich konnte so viel singen und tanzen, wie ich wollte, ohne jemanden zu stören. Hier konnte ich mich laut mit meiner imaginären Freundin Charlotte unterhalten und einige von meinen ausufernden Fantasien durchspielen. Diese Fantasien basierten auf Orten, über die ich in der mehrbändigen Enzyklopädie gelesen hatte, die meine Mutter gekauft hatte, um mich während der langen Kriegsjahre, als wir kaum aus dem Haus kamen, beschäftigt zu halten. Ich las mit unterschiedlichem Interesse darin: Ich zog das Exotische dem Alltäglichen vor, das Ferne dem Vertrauten, die Antilopen und Alpakas den Ameisen und Albatrossen. Vor Kurzem hatte ich mit dem Band »H« angefangen, den Eintrag zum Hadrianswall übersprungen und stattdessen immer wieder begeistert den zu Hawaii gelesen. Es war eine Insel wie die, auf der ich lebte, es hatte einst eine Königin gehabt, und östlich davon befand sich ein großer Kontinent. Obwohl das auch schon alle Ähnlichkeiten waren, genoss ich es, mir im Laufe der Wochen und Monate eine neue Reihe von Möglichkeiten für mich auszumalen.

An dem Tag war etwas an dem Wasser anders als sonst. Die Sonne schien, und das Licht spiegelte sich an einigen Stellen so gleißend im Meer, dass man kaum hinsehen konnte. Es war ruhig, die Wellen schwappten träge vor sich hin, aber direkt vor dem Ende des Piers war eine Stelle, an der sich ein kleiner Strudel gebildet hatte. So etwas hatte ich noch nie zuvor gesehen: Das Wasser wechselte von einem metallischen Blau zu einem schlammigen Braun, und die Riffeln kamen und gingen in unterschiedliche Richtungen. Ich stellte mir vor, dass sich darunter ein brodelnder, blubbernder Kessel befand und vielleicht sogar der Eingang zu einer geheimen Welt, das Tor zu Atlantis oder zu Neptuns Königreich.

Ich wollte mir das genauer ansehen, aber ich hatte eine ungünstige Größe, zu klein, um über die obere Stange des Geländers hinwegzusehen, aber wiederum zu groß, um mich über die untere zu beugen. Also ging ich in die Hocke und kroch unter dem Geländer hindurch, um näher an den Rand zu gelangen, den Blick die ganze Zeit auf den Strudel unter mir gerichtet. Ich fragte mich, ob mein Vater und seine Freunde von diesem Strudel wussten und ob sie mir mehr darüber erzählen konnten. Ich wollte wissen, wie es sich anfühlte, die Oberfläche zu berühren, dort, wo das Wasser hochsprudelte, wie es war, wenn die Strömungen über meinen Körper strichen. Doch daraus würde wohl nichts werden, da ich nicht schwimmen konnte.

Ganz in meine Gedanken versunken, kroch ich vorwärts, wobei meine nackten, blau geschlagenen Knie bei jeder Bewegung auf dem splitterigen alten Holz wehtaten. Auf einmal hörte ich, wie mein Vater mich rief. Ich fuhr hoch und knallte mit dem Kopf gegen das Geländer. Instinktiv hob ich die Hand, um es wegzuschieben, und in dem Moment verlor ich das Gleichgewicht.

Alles schien wie in Zeitlupe abzulaufen. Selbst als ich abends in meinem Bett lag und das Ganze noch einmal in Gedanken durchging, hatte ich das Gefühl, es müsste doch jede Menge Zeit gewesen sein, mich irgendwo festzuhalten; ich hätte es, wie meine Mutter mir vorhielt, als wir nach Hause kamen, schaffen müssen, trocken zu bleiben.

Aber ich schaffte es nicht. Das war das erste Mal, dass ich nass wurde.

Ich fiel mit dem Kopf voran, und es passierte so schnell, dass ich nicht einmal Zeit hatte, vorher Luft zu holen. Ich weiß noch, wie ich auf dem Wasser aufschlug und mich wunderte, dass es so wehtat. Es fühlte sich an, als wäre ich gegen etwas Festes, Hartes geprallt. Dieser Moment veränderte meinen Blick auf das Meer für immer. Vorher war es eine Weite gewesen, die nichts mit mir zu tun hatte. Es war da, und es war kalt, und abgesehen von ein paar lustlosen Spritzern, um meinen Freundinnen einen Gefallen zu tun, blieb mein Desinteresse unerschütterlich. Ein paar Mal, als ich bis zu den Knien hineingegangen war, hatte ich gespürt, wie das Wasser um mich herumfloss und mir Platz machte. Aber als ich an dem Tag auf dem Wasser aufschlug, begriff ich, dass es mehr als nur ein Gesicht hatte.

Offenbar hatte ich geschrien oder um Hilfe gerufen, denn kurz bevor ich aufschlug, hörte ich, wie jemand meinen Namen rief.

Der Aufprall war so hart – wie ich später erfuhr –, dass ich leicht eine Gehirnerschütterung oder Schlimmeres hätte davontragen können. In dem Moment jedoch wusste ich nur, dass ich vom kalten, dunklen Meer verschlungen wurde. Es war überall, ich hatte schreckliche Angst, und das Schlimmste war, dass ich nicht wusste, wo oben und wo unten war. Alles war schwarz, dunkler als eine mondlose Nacht. Und die salzige, trübe Brühe war überall, in meiner Nase und in meinen Ohren. Ich sehnte mich verzweifelt danach, Luft zu holen, aber irgendwie schaffte ich es, den Mund geschlossen zu halten.

Während ich wild mit Armen und Beinen ruderte, um die Oberfläche zu erreichen oder irgendetwas, das mich retten könnte, hatte ich das Gefühl, in einer Kiste gefangen zu sein, die von Sekunde zu Sekunde kleiner wurde. Das Meer schien immer dunkler zu werden und sich um mich zu schließen, und meine Brust fühlte sich an, als würde sie gleich platzen. Ich war wütend auf mich, weil ich so dumm gewesen war und mich so weit vorgebeugt hatte. Aber diese Gedanken galten nicht mir, sondern meinem Vater, der nach Hause gehen und alles würde erklären müssen.

Die Strömung erfasste mich, und nach einer gefühlten Ewigkeit – wahrscheinlich war es höchstens eine Minute – spürte ich, wie mein Körper sich entspannte. Ich traute mich, die Augen zu öffnen und hatte mit einem Mal keine Angst mehr. Ich fühlte mich nicht länger vom Meer gefangen, sondern von ihm getragen und ließ mich mit der Strömung treiben. Und bevor ich merken konnte, dass mir kälter war als je zuvor in meinem Leben, sah ich etwas auf mich zukommen. Ich wusste nicht, was es war oder was es von mir wollte, aber ich empfand keine Angst. Immer noch unter Wasser, wurde ich vom Meer gehalten und wartete ab.