Marthas Mission - Kerry Drewery - E-Book
Beschreibung

Sie fragten mich, ob ich den Verstand verloren hätte. 'Wieso hast du die Schuld auf dich genommen?' Ich antwortete nicht. Ich hielt meinen Mund und versuchte nicht hinzuhören, während sie mir die Haare abrasierten, mir befahlen, mich auszuziehen, und zusahen, wie ich den weißen Gefängnisoverall überstreifte. Und jetzt sitze ich hier in Zelle 1. Martha konnte im letzten Moment aus Zelle 7 entkommen. Aber sie ist noch lange nicht in Sicherheit, denn die korrupte Regierung verfolgt jeden ihrer Schritte und lässt sie nicht aus den Augen. Ausgerechnet ihr Freund Isaac hat ihren Platz im Todestrakt eingenommen. In diesem perfiden Spiel auf Leben und Tod muss nun er dieselben Qualen wie Martha durchleiden. Die Chancen, Isaac zu befreien, verringern sich jedoch mit jedem Tag. Die Regierung ist ihnen dicht auf den Fersen. Immerhin stehen Martha die Anwältin Eve, ihr Sohn Max und Richter Cicero zur Seite. Gemeinsam schmieden sie einen Plan, um Isaacs Leben zu retten, und legen sich dabei mit der Regierung der Vereinigten Staaten an.

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EPUB

Seitenzahl:434


Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber den AutorTitelImpressumWidmungZitatPrologTag 1FernsehstudioIsaacMarthaIsaacDer PremierministerVor den Royal Courts of Justice18.30 Uhr. Die Sendung – Death is Justice – beginntPatty und der PremierministerMarthaTag 2IsaacMarthaMrs. BMartha18:30 Uhr. Death is JusticeMarthaEveMarthaDer PremierministerTag 3MarthaIsaacMarthaIm Haus der StantonsIsaac14:30. Uhr Death is JusticeMarthaDas Haus der StantonsMarthaPatty und der PremierministerMarthaTag 4Das Haus der StantonsMarthaMax und Cicero10:30 Uhr. Der Vorspann für Buzz for Justice läuftVor dem Old BaileyBuzz for JusticeVor dem Old Bailey18:30 Uhr. Death is JusticeIm Haus der StantonsIsaacMarthaDer PremierministerTag 5MarthaIsaacMaxMarthaMax18:30 Uhr. Death is JusticeMarthaJoshuaMarthaIsaacTag 6MarthaDie WolkenkratzerMartha18:30 Uhr. Death is JusticeMarthaDeath is JusticeIsaacDeath is JusticeMarthaIsaacDer PremierministerTag 7MarthaIsaacMaxMarthaIm Haus der StantonsMaxMarthaIsaacMaxMarthaIsaacMaxDer PremierministerEve und CiceroMartha18:30 Uhr. Death is JusticeMax und JoshuaMarthaEve und CiceroIsaacMarthaDeath is JusticeMarthaIsaacMax und JoshuaMarthaDeath is JusticeIsaacEve und CiceroMax und JoshuaDeath is JusticeMarthaAuswirkungenMax und JoshuaIm TodestraktMarthaIm Haus der Stantons1:30 Uhr. Der Vorspann für Buzz for Justice läuftDer PremierministerMarthaTodestraktMarthaDanksagungen

Über dieses Buch

Sie fragten mich, ob ich den Verstand verloren hätte. ›Wieso hast du die Schuld auf dich genommen?‹ Ich antwortete nicht. Ich hielt meinen Mund und versuchte nicht hinzuhören, während sie mir die Haare abrasierten, mir befahlen, mich auszuziehen, und zusahen, wie ich den weißen Gefängnisoverall überstreifte. Und jetzt sitze ich hier in Zelle 1. Martha konnte im letzten Moment aus Zelle 7 entkommen. Aber sie ist noch lange nicht in Sicherheit, denn die korrupte Regierung verfolgt jeden ihrer Schritte und lässt sie nicht aus den Augen. Ausgerechnet ihr Freund Isaac hat ihren Platz im Todestrakt eingenommen. In diesem perfiden Spiel auf Leben und Tod muss nun er dieselben Qualen wie Martha durchleiden. Die Chancen, Isaac zu befreien, verringern sich jedoch mit jedem Tag. Die Regierung ist ihnen dicht auf den Fersen. Immerhin stehen Martha die Anwältin Eve, ihr Sohn Max und Richter Cicero zur Seite. Gemeinsam schmieden sie einen Plan, um Isaacs Leben zu retten, und legen sich dabei mit der Regierung der Vereinigten Staaten an.

Über die Autorin

Kerry Drewery ist Autorin für Kinder- und Jugendbücher. Zelle 7 ist der erste ihrer Titel, der auf Deutsch übersetzt wird. Die Geschichte über ein Justizsystem, das ad absurdum geführt wurde und eine Gesellschaft, in der eine Fernsehshow über die Urteile für Straftäter entscheidet, wird in einem zweiten Band (Seven Days) fortgesetzt, der voraussichtlich 2018 ebenfalls im ONE-Programm erscheint.

KERRY DREWERY

MARTHAS MISSION

Übersetzung aus dem Englischen von Sabine Bhose

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe:

Copyright © Kerry Drewery 2017

Originally published in the English language as »Day 7« byHot Key Books, an imprint of Bonnier Zaffre Limited, London

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Umschlaggestaltung: FAVORITBUERO, München unter Verwendung eines Motivs von © getty-images/Lauren Bates

eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-5700-4

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für die Barons:Janet, Jack, Helen und Paulund nicht zu vergessenEdward, Prince und ›beef it‹ Rocky

In Zeiten allgegenwärtigen Betrugs wird das Aussprechen der Wahrheit zu einem revolutionären Akt.

Unbekannt

Prolog

Ich sollte tot sein.

Ich

sollte

tot

sein.

Ich fühle die kalte Luft in meinen Lungen.

Spüre, dass jemand meine Hand hält.

Höre, wie sie schreien.

»Martha, was …?«

»Martha, wann …?«

»Martha, wie …?«

Zu laut.

Zu laut!

Haltet die Klappe! Bitte.

Ich sehe Lichter –

grellweiß.

Handyaugen, die mich beobachten.

Riesige Fernsehkameras, die mich blenden.

Blitzlichtgewitter.

Peng, Peng, Peng.

Ich habe keinen Kommentar für sie.

Gehe weiter.

Halte den Ring fest umklammert, den du mir gegeben hast, und gehe weiter.

Von dir fort, und es tut mir leid,

so unendlich leid.

Ich bin zerrissen.

Ein Teil von mir bleibt bei dir.

Und falls du sterben musst, wird dieser Teil von mir mit

dir sterben.

Tag 1

Fernsehstudio

10:30 Uhr. Der Vorspann der beliebten neuen Fernsehshow – Buzz for Justice – läuft.

Im hinteren Teil des geräumigen Studios befindet sich eine Zuschauertribüne, wo das Publikum auf den Beginn der Sendung wartet. Auf der rechten Seite der Bühne steht ein Podest, auf dem sich eine glänzende schwarze Anklagebank befindet, die an der oberen Hälfte von Sicherheitsglas umfangen ist. An der Wand zur Linken der Bühne hängt ein großer Bildschirm.

Zwischen der Bühne und dem Publikum befindet sich ein langer Tresen mit drei Jurymitgliedern. Vor jedem von ihnen ist ein übergroßer blauer Buzzer montiert, und darüber hängen dreidimensionale Buzz for Justice-Auge-Logos, die schwach erleuchtet sind und langsam aufblinken.

Eine flotte Titelmelodie wird langsam ausgeblendet, und Kristina, die Moderatorin der Sendung, kommt auf die Bühne stolziert. Sie trägt einen figurbetonten grauen Hosenanzug im Nadelstreifenmuster und eine hellblaue tief ausgeschnittene Bluse und wirft lächelnd ihre welligen blonden Haare zur Seite. Der Applaus des Publikums verebbt.

KRISTINA: Hallo und herzlich willkommen zu unserer heutigen Ausgabe von Buzz for Justice. Ich versichere Ihnen, auch heute erwartet Sie wieder eine exklusive Mischung aus Verbrechen, Lügen und Gefängnisstrafen. Von lautstarken Unschuldsbeteuerungen bis hin zu tränenreichen Geständnissen ist bestimmt alles mit dabei. Höchstwahrscheinlich gibt es auch wieder den ein oder anderen Wutausbruch!

Das Publikum reagiert mit einem aufgeregten ›Oooh‹ und applaudiert.

KRISTINA: Ja, tatsächlich haben wir eine Menge in petto, glauben Sie mir, und deshalb sollten wir jetzt schnell beginnen und unsere Jurymitglieder begrüßen, die diese außerordentliche Chance bekommen haben, für Gerechtigkeit zu sorgen. Vergessen Sie nicht, meine Damen und Herren, es wird lediglich eine einfache Mehrheit benötigt: Wenn zwei Buzzer betätigt werden und somit zwei Schuldsprüche erfolgt sind, geht der oder die Beschuldigte ab ins Gefängnis!

Sie macht eine kurze Pause, bis die Studioscheinwerfer die drei Jurymitglieder ausleuchten, und wendet sich ihnen dann zu.

KRISTINA: Ein herzliches Buzz for Justice-Willkommen an Jurymitglied Nummer eins – Ava, eine Rentnerin aus London, die sich schon ihr ganzes Leben lang gewünscht hat, einmal im Fernsehen auftreten zu dürfen.

Die Kamera zoomt auf die überschwängliche Ava, die frenetisch winkt. Dann folgt ein Schnitt zum nächsten Jurymitglied.

KRISTINA: Wir begrüßen Jurymitglied Nummer zwei, Sadiq, bei uns. Er kommt aus einem kleinen Dorf in Derbyshire und träumt von einer Karriere in der Musikbranche.

Sadiq lächelt freundlich in die Kamera.

KRISTINA: Und zu guter Letzt Jurymitglied Nummer drei – unsere aufstrebende Schauspielerin Candice aus Birmingham. Hallo, Candice.

Die Kamera schwenkt zu Candice hinüber, die sich in Pose stellt, ihre Haare nach hinten wirft und breit grinst.

KRISTINA: Da haben wir wirklich eine inspirierende Gruppe von Leuten, die heute nach Gerechtigkeit suchen und die Entscheidungen treffen wird! Lassen Sie uns nun unseren ersten Kriminellen vorführen, jemanden, den viele unter Ihnen wahrscheinlich schon kennen. Ich für meinen Teil kenne ihn ganz bestimmt – denn es ist kein anderer als der ehemalige Todestrakt-Insasse, der erst kürzlich Studiogast bei Death is Justice war, ja, der unvergleichliche … Gus Evans!

Musik setzt ein, und ein Lichtkegel schwirrt durch das Studio, bis er schließlich Gus anstrahlt, der in Begleitung eines Wärters hinter der Kulisse zum Vorschein kommt. Sein dürrer Körper steckt in einer zerrissenen Jeans und einem zerknitterten T-Shirt, und seine Haare stehen wirr ab. Mit gesenktem Kopf nimmt er seinen Platz auf der Anklagebank ein. Dann schließt der Wärter die Anklagebank ab, die Musik wird langsam ausgeblendet, und das Studio wird wieder ausgeleuchtet.

KRISTINA: Gus, wie wunderbar, Sie wiederzusehen. Lassen Sie mich überlegen, das letzte Mal war vor … einer ganzen Woche?

Sie lacht gehässig. Gus nickt langsam.

KRISTINA: Nun, ich für meinen Teil kann es kaum erwarten zu erfahren, was Sie in den letzten sieben Tagen angestellt haben. Aus welchem Grund sind Sie heute hier und müssen sich unserem Urteil stellen? Kommen wir also jetzt zur Sache und werfen einen Blick auf die Geschehnisse.

Sie dreht sich zu dem Bildschirm hinter ihr um, auf dem die Aufnahmen der Überwachungskameras vor dem Todestrakt vom Vortag zu sehen sind. Die Fassade des Todestraktes wirkt imposant und furchteinflößend.

Auf dem Bildschirm im Studio ist jetzt eine Großaufnahme des Beschuldigten, Gus, zu sehen. Er steht ein wenig abseits einer demonstrierenden Menge. Die Demonstranten halten Schilder hoch, auf denen ›Ein Leben für ein Leben‹ steht und ›Wir verlangen sichere Straßen‹. Gus trägt ein Schild mit dem Slogan ›Eine Person, eine Stimme‹. Man sieht, wie er etwas skandiert und von einem Fuß auf den anderen tritt, um sich aufzuwärmen. Dann reckt er eine Faust in die Luft.

Jetzt fährt ein Wagen vor. Gus wirft sein Schild auf den Boden und stürmt nach vorn. Während sich die Menge um das Auto schart und es hin und her schaukelt, schwenkt die Kamera aus, sodass sich Gus in der Menge verliert. Der Wagen kippt auf die Seite und landet dann auf dem Dach. Glas zerbirst, und Splitter fliegen auf die Straße. Nach einem Schnitt zoomt die Kamera jetzt unscharf an eine junge Frau heran, die weinend am Straßenrand kauert, dann an einen älteren Mann, der auf der Bordsteinkante sitzt und sich ein Stück Stoff gegen eine blutende Kopfwunde hält. Ein weiterer Schnitt, und man sieht ein Standbild von Gus. Er steht jetzt wieder etwas abseits der Menge, sein Gesicht ist vor Wut verzerrt.

Kristina wendet sich wieder Gus zu und schüttelt den Kopf.

KRISTINA: Ich denke, ich spreche für uns alle, wenn ich sage, dass ich doch recht schockiert über Ihr Verhalten bin. Es hat eindeutig dazu geführt, dass unschuldige Zivilpersonen verletzt wurden, wie die junge Frau und der gebrechliche Herr und viele andere mehr.

Sie dreht sich erneut zum Bildschirm um.

KRISTINA: Aber lassen Sie uns jetzt herausfinden, wie die Anklage lautet.

Das Bild von Gus rutscht in die rechte Bildschirmhälfte, während auf der linken Seite das Wort ›STRAFTAT‹ in blauen Großbuchstaben aufleuchtet. Darunter blinken LED-Lichter. Ein Knall ertönt, und die Lichter werden zu Buchstaben: ›STÖRUNGDERÖFFENTLICHENORDNUNG, ERREGUNGÖFFENTLICHENÄRGERNISSES, AUFSTACHELUNGZUMLANDFRIEDENSBRUCH‹.

Die Zuschauer murmeln aufgeregt.

Gus hebt die Hände in die Luft und sagt etwas, aber man kann es nicht hören. Der Wärter zieht seinen Schlagstock aus dem Halfter und schlägt damit drohend gegen das Glas der Anklagebank.

KRISTINA:Drei Vergehen gegen die öffentliche Ordnung. Drei. Was halten wir davon, meine Damen und Herren?

Ein missbilligendes Schnalzen geht durch das Publikum.

KRISTINA: Ist das eine Person, die wir frei auf unseren Straßen herumlaufen lassen wollen? Jemand, dem wir eine zweite Chance gaben – und das ist nun der Dank? Jemand, der sich als Verbündeter unserer Schwestersendung Death is Justice ausgab, aber weiterhin Kontakt zu Kriminellen pflegte? Jemand, der aus den verarmten Kratzern stammt, mit dem wir uns angefreundet und den wir unterstützt haben, doch der unsere Güte nicht zu schätzen weiß? Möchten wir so jemanden auf unseren Straßen?

Das Publikum buht.

KRISTINA: Nicht mit mir, sage ich! Aber die Entscheidung liegt nicht in meinen Händen. Sie liegt bei Ihnen: dem Volk. Ihr Land, Ihre Regeln, Ihre Demokratie – alles liegt in Ihrer Hand. Die Entscheidung wird heute von Ihren drei Repräsentanten gefällt, die sich mutig dieser Aufgabe stellen, die gutes Geld für diese Ehre gezahlt haben und für die Verantwortung, die Gedanken und Meinungen von Ihnen, dem Volk, hier zu vertreten. Aber lassen Sie uns zunächst sehen, welches Strafmaß Gus Evans erwartet, falls ihn die Jury schuldig sprechen sollte.

Wieder dreht sie sich zum Bildschirm um. Unter der Liste der Vergehen erscheint jetzt das Wort GESAMT, und daneben läuft eine Reihe blinkender LED-Lichter über den Schirm, die erneut mit einem Knall anhalten: ›7 JAHRE‹.

Kristina entweicht ein leiser Pfiff.

KRISTINA: Das ist eine ganz ordentliche Gefängnisstrafe, die Sie da eingefahren haben, Gus. Finden Sie nicht auch, liebe Zuschauer? Meine Güte. Aber auf jeden Fall verdient, wie ich meine. Und das ist natürlich auch eine überaus wichtige Botschaft der Abschreckung für andere, die vielleicht daran denken, die bestehende Ordnung zu untergraben.

Sie durchquert das Studio und geht auf Gus zu.

KRISTINA: Aber natürlich können wir in unserer wahren Demokratie die Jurymitglieder nicht darum bitten, ein Urteil abzugeben, ohne zuerst den Angeklagten selbst angehört zu haben.

Sie hält vor der Anklagebank an. Spots leuchten auf sie und Gus.

KRISTINA: Gus Evans, Sie haben dreißig Sekunden für Ihre Aussage, ab …

Auf dem Bildschirm hinter ihnen erscheint eine große Digitaluhr mit einem 30-Sekunden-Countdown. Gus’ Mikrofon kratzt laut, als es eingeschaltet wird.

KRISTINA: … jetzt!

Die Uhr zeigt sofort 00:29.

GUS: Ähm …

KRISTINA: Diese kostbaren Sekunden gehören Ihnen, um uns von Ihrer Unschuld zu überzeugen, Gus. Sie sollten sie nicht verschwenden!

GUS: Alles … ähm … alles, was ich gemacht hab …

KRISTINA: Vielleicht wäre hier ›ehrlich währt am längsten‹ angebracht. Obwohl ich an dieser Stelle darauf hinweisen muss, dass wir – ganz anders als das überholte Justizsystem – keine Deals abschließen!

Sie lacht auf.

KRISTINA: Wir glauben an echte und faire Bestrafung für Straftaten und geben keine mildernden Umstände für das Eingeständnis, schuldig zu sein, wenn das sowieso glasklar ist!

Die Uhr springt auf 00:16.

GUS: Ich hab überhaupt nix gemacht! Ich hab ein Schild hochgehalten, das war’s! Ich hab kein öffentliches Ärgernis erregt! Ich hab keinen Landfriedensbruch nich angezettelt! Das ist alles absolute Schei–

Die Zeituhr schaltet auf 00:00, und das Mikrofon wird ausgestellt. Man sieht, wie Gus aufgebracht etwas ruft, wie Speichel auf der Scheibe landet, wie er mit den Handflächen gegen das Glas hämmert, das beschlägt.

Die Kamera schwenkt zu Kristina hinüber, die lächelt.

KRISTINA: Ich fürchte, Ihre Zeit ist abgelaufen, Gus. Lassen Sie uns unsere Aufmerksamkeit nun den Jurymitgliedern zuwenden. Halten Sie die Gerechtigkeit für genauso wichtig wie wir, liebe Zuschauer zu Hause und liebes Publikum im Studio?

Auf ihren hochhackigen Schuhen durchquert Kristina jetzt das Studio und schreitet auf die Jurymitglieder zu. Das Licht im Studio wird abgedunkelt, und drei Spots sind auf Ava, Sadiq und Candice gerichtet. Die dreidimensionalen Auge-Logos über jedem von ihnen kratzen wie statisch aufgeladen, und jede Iris glüht eisblau.

Die Schaltuhr, die auf dem Bildschirm eingeblendet ist, springt auf 00:30 zurück.

KRISTINA: Jurymitglied Nummer eins, Ava, Sie sind als Erste an der Reihe. Sie haben die Videoaufnahme gesehen und Gus’ Verteidigung gehört. Ab jetzt stehen Ihnen 30 Sekunden zur Verfügung, um Ihre Entscheidung zu treffen.

Die Schaltuhr tickt laut, während die Sekunden ablaufen. Avas faltige Hände schweben über dem Buzzer vor ihr.

KRISTINA: Ava, ich muss Sie bitten, sich zu beeilen. Falls Sie Gus schuldig sprechen und ihn für die nächsten sieben Jahre ins Gefängnis schicken möchten, haben Sie jetzt …

Sie wirft einen kurzen Blick auf den Bildschirm.

KRISTINA: Noch zehn Sekunden Zeit für Ihre Entscheidung. Denken Sie daran, drücken Sie auf den Buzzer für schuldig, betätigen Sie ihn nicht, falls Sie ihn für unschul…

Avas Hände sausen auf den Buzzer hinab. Das Auge-Logo über ihr leuchtet auf, und das statisch aufgeladene Kratzen wird lauter.

KRISTINA: Das erste Urteil ist gefällt! Noch bleiben zwei, allerdings wird nur eine einfache Mehrheit benötigt. Gus, falls Sadiq Sie für schuldig hält, werden Sie umgehend zum Gefängnis gebracht und Ihre Strafe antreten. Sadiq, Ihre Entscheidung bitte.

Auf dem Bildschirm beginnt der Countdown erneut. Sadiq hat seine Hände zu beiden Seiten des Buzzers auf den Tresen gelegt und starrt auf ihn hinab. Das Blau des Auge-Logos über ihm wirft ein unwirkliches Licht auf ihn. Man sieht, dass seine Hände zittern.

KRISTINA: Fünfzehn Sekunden, Sadiq.

Er hebt beide Hände und hält sie über den Buzzer.

KRISTINA: Zehn.

Das Display pulsiert mit jeder verstreichenden Sekunde. Das Publikum skandiert den Countdown. Sadiq sieht zu Gus hinüber, überkreuzt die Arme vor der Brust und schüttelt den Kopf.

KRISTINA: Fünf. Noch haben Sie die Zeit, Sadiq. Drei, zwei, eins, null.

Das Auge über Sadiq schließt sich und verblasst, bis es nicht mehr zu sehen ist. Sadiq verschwindet in der Dunkelheit.

KRISTINA: Nun, meine Damen und Herren, liebe Zuschauer zu Hause, was für eine Überraschung! Ich für meinen Teil dachte, das sei ein eindeutiger Fall. Es scheint, Gus, dass man Ihnen eine Rettungsleine zugeworfen hat – aber die Frage ist, wie lange sie hält!

Kristina macht einen Schritt auf die dritte Person zu.

KRISTINA: Jurymitglied Nummer drei – Candice –, die Entscheidung liegt bei Ihnen. Gus’ Schicksal liegt in Ihren Händen. Aber sind diese Hände bereit, Gerechtigkeit walten zu lassen? Wir wollen es hoffen. Alles hängt jetzt von Ihnen ab. Wenn Sie auf den Buzzer drücken, wird Gus Evans, der ehemalige Insasse des Todestrakts, sieben Jahre im Gefängnis sitzen. Ihm wird zur Last gelegt, drei – ja, gleich drei – Straftaten gegen die öffentliche Ordnung begangen zu haben. Straftaten, die die Verletzung Hunderter unschuldiger Bürger nach sich zogen. Candice, folgen Sie Ihrem Herzen. Ihre dreißig Sekunden beginnen … jetzt.

Die Schaltuhr startet erneut den Countdown. Jede Sekunde blinkt bläulich im dunklen Studio auf.

Gespielt entsetzt schlägt Candice die Hände vors Gesicht. Die Zuschauer im Studio rufen ihr zu, und sie dreht sich zu ihnen um. Einige zeigen mit dem Daumen nach unten, andere schütteln den Kopf.

CANDICE (rufend): Ich weiß nicht, was ich machen soll!

Sie zuckt mit den Schultern, beugt sich vor und legt ihre zitternden Hände auf den Buzzer. Die Zuschauer im Studio jubeln auf, aber als sie zu Gus hinübersieht, treffen sich ihre Blicke. Er lächelt sie an, und sie zieht die Hände wieder zurück.

Das Publikum buht und johlt.

KRISTINA: Fünfzehn Sekunden, Candice. Fragen Sie sich: Wären Sie gern in einen Tumult mit diesem Mann verwickelt? Was ist mit Ihrer Mutter? Oder vielleicht sogar Ihrer Großmutter? Was rät Ihnen Ihr Herz? Noch haben Sie zwölf Sekunden.

CANDICE (rufend): Ich weiß es nicht!

Das Display blinkt zehn … neun …

Candice schaut wieder hilfesuchend in das Publikum im Studio. Ihr Blick bleibt an einem Mann hängen, der sie direkt anstarrt.

KRISTINA: Sieben Sekunden, Candice, sechs … Sie müssen jetzt handeln.

Der Mann formt lautlos etwas mit den Lippen, und Candice fasst daraufhin in ihre Jackentasche. Die Kameras im Studio fangen nicht ein, wie sie auf eine Visitenkarte schielt. Jemand hat eine Adresse darauf gekritzelt und die Worte ›Vorsprechen morgen, falls er verurteilt wird‹.

KRISTINA: Drei … zwei …

Candice sieht wieder zu dem Mann im Publikum hinüber und starrt dann auf den Buzzer.

KRISTINA: Eins …

Candice schlägt mit beiden Händen auf den Buzzer. Sofort leuchtet das Auge auf und taucht sie in ein schillerndes Blau.

Auf der Bühne schwankt Gus leicht auf der Anklagebank und fährt sich mit einer Hand durch seine zerzausten Haare. Er ruft verzweifelt, doch sein Mikrofon ist ausgestellt, und niemand kann es hören. Das Publikum jubelt. Kristina lächelt.

KRISTINA (laut, das Publikum übertönend): Nun, meine Damen und Herren, liebe Zuschauer zu Hause und hier im Studio, ein gerechtes Urteil, wie ich finde. Damit fühlen wir uns bestimmt alle sicherer. Gus Evans, obwohl Sie Ihre Unschuld beteuert haben, hat die Gerechtigkeit gesiegt. Das Volk hat entschieden. Sie gehen ins Gefängnis!

Spots tanzen quer über die Bühne, und ein Triumphmarsch spielt auf. Der Wärter zieht Gus von der Anklagebank hoch.

KRISTINA: Gus Evans, Sie werden mit sofortiger Wirkung Ihre Haftstrafe antreten. Aufgrund der Schwere Ihrer Verbrechen werden Sie das volle Strafmaß – sieben Jahre – absitzen, ohne jede Chance auf Bewährung oder vorzeitige Haftentlassung.

Einige Zuschauer im Studio erheben sich und klatschen, während Gus, dessen Hände auf dem Rücken mit Handschellen gefesselt sind, hoch erhobenen Hauptes abgeführt wird.

GUS (rufend): Das ist doch ein Witz! Ein absoluter Schwindel! Ich habe nichts als die Wahrheit gesagt, aber keiner will die hören. Also hängense mir einfach was an! Wacht auf, ihr Schwachköpfe. Wacht auf!

KRISTINA: Vielen Dank, dass Sie dabei waren, liebe Zuschauer, und vielen Dank, liebe Jurymitglieder, dass Sie wieder einmal für Gerechtigkeit gesorgt haben. Nach einem kurzen Spot geht es weiter mit unserem nächsten Fall bei Buzz for Justice.

Der Wärter zerrt Gus über die Bühne. Als er am Tresen der Jurymitglieder vorbeikommt, weg von den Kameras, beugt sich der Mann, der Candice angestarrt hat, aus den Schatten zu ihm herüber.

MANN (flüsternd): Wir haben Sie gewarnt, Gus. Sie haben sich nicht an unsere Abmachung gehalten. Das ist nun das Ergebnis. Wir sitzen am längeren Hebel, das hätten Sie nicht vergessen dürfen.

Der Mann lehnt sich zurück in die Dunkelheit. Gus lässt den Kopf hängen und wird abgeführt.

Isaac

Eine Stille wie diese kannte ich bisher nicht. Es ist so still, dass ich sogar beim Blinzeln meine Augenlider hören kann und wie der Speichel beim Schlucken gegen meine Zähne schlägt.

Sie erlaubten mir nicht, eine Aussage zu Protokoll zu geben. Sie sagten, das, was ich gestern in meiner Rede gesagt habe, würde als Aussage dienen.

Sie fragten mich, ob ich den Verstand verloren hätte.

›Wieso um alles in der Welt hast du die Schuld auf dich genommen? Und dann auch noch für dieses Dreckstück, dieses Honeydew-Mädchen.‹

Ich antwortete nicht. Ich hielt den Mund und versuchte nicht hinzuhören, während sie mir die Haare abrasierten, mir befahlen, mich auszuziehen, und zusahen, wie ich den weißen Gefängnisoverall überstreifte.

›Lass dich nicht provozieren‹, ermahnte ich mich selbst.

Und jetzt sitze ich hier in Zelle 1.

Sechs weitere Zellen und sechs weitere Tage stehen mir noch bevor. Ich bin in die Mühlen eines Rechtssystems geraten, an das ich nicht glauben kann. Denn es fördert Lügen und Sensationsgier, hält Schlagzeilen und Gerüchte für wichtiger als Ehrlichkeit und Wahrheit. Die Öffentlichkeit wird geblendet und getäuscht und entscheidet auf der Basis von Propaganda und Fehlinformationen darüber, ob jemand leben darf oder sterben muss.

Alles ist entweder schwarz oder weiß. Man ist schuldig oder unschuldig. Kein Grau, keine Gründe. Ja oder nein, ohne jede Erklärung.

Das Gesetz besagt Auge um Auge.

Das wusste ich. Wusste es, als ich die Pistole in die Hand nahm, abdrückte und meinen sogenannten Vater erschoss.

Dass er Martha getötet hätte, wenn ich ihm nicht zuvorgekommen wäre, spielt keine Rolle in einem System, in dem es keine Erklärungen geben darf.

Fakt ist, ich habe ihn getötet.

Fakt ist, ich bin schuldig.

Fakt ist, ich werde sterben.

Martha

Ich würde die Mahlzeit, die sie mir vorgesetzt haben, wirklich gern essen, weil sie mir gesagt haben, dass es helfen würde. Eve und Cicero und Max, meine ich.

Aber ich kriege keinen Bissen runter.

Und ich lege mich ins Bett, weil sie mir gesagt haben, dass ich mich besser fühlen würde, wenn ich erst mal geschlafen hätte, und dass wir alles morgen regeln könnten. Aber wie soll ich jetzt schlafen?

Ich sehe dein Gesicht vor mir, Isaac.

Stelle mir vor, wie sich unsere Hände berühren.

Höre deine Worte in meinen Ohren.

Ich

kann

nicht

schlafen.

Kann

nichts

essen.

Kann

eine Welt ohne dich nicht akzeptieren.

Mir ist schwindlig.

Plötzlich bekomme ich keine Luft mehr.

Nach Atem ringend stolpere ich aus dem Schlafzimmer, taumle erst durch den Flur, dann durch die Küche und schließlich durchs Wohnzimmer. Ungebetene Tränen laufen meine Wangen hinab.

Mir ist übel.

Meine Hände kribbeln.

Mit tränenverschleierten Augen taste ich nach dem Schloss der Terrassentür. Als ich es endlich aufbekomme, stürze ich hinaus in den Garten.

Die Kälte trifft mich wie ein Ziegelstein.

Weckt mich auf.

Zwingt mich dazu, eisige Luft einzusaugen.

Der Frost knirscht unter meinen Füßen, als ich durch den Garten laufe, bis ich mitten auf dem Rasen zusammenbreche.

Gott, ich vermisse dich so sehr, Isaac.

Es tut mir leid,

so verdammt leid.

Ich rolle mich auf den Rücken.

Ein Windstoß fegt durch den Garten und lässt mich erzittern. Ich starre zum blassblauen Himmel hinauf und wünschte mir, es wäre Nacht und ich könnte die Sterne sehen.

Unsere Sterne, Isaac.

Die weder Schuld noch Unschuld kennen.

Siehst du jetzt gerade aus dem winzigen Fenster und starrst genau wie ich in den Himmel?

Ich blende alles aus und stelle mir vor, dass du hier neben mir liegst, und plötzlich bin ich mir sicher, dass ich spüre, wie du meine Hand nimmst.

Isaac

»Abstreiten, abstreiten, abstreiten«, riet mir mein sogenannter Vater einmal. Ich hatte ihm gebeichtet, in einer Arbeit geschummelt und von dem Jungen neben mir abgeschrieben zu haben. Erzählte ihm mit vor Scham glühenden Wangen, dass ich in Panik geraten war, weil ich ein Blackout hatte, und erklärte ihm, dass der Junge mich beim Abgucken erwischt und es dem Lehrer gepetzt hatte.

Er lachte mich aus. »Zeig mal etwas Rückgrat«, höhnte er.

Meine Stiefmutter kam in die Küche und sah, wie wir beide beisammenstanden, was äußerst selten vorkam. Ich erinnere mich daran, wie Jackson den Kopf schüttelte, als er ihr erklärte, was geschehen war.

»Ich hab ihm gesagt«, fügte er hinzu und zeigte mit einem Finger auf mich, »dass die ihm gar nichts beweisen können. Einfach abstreiten. Nichts, worüber man sich den Kopf zerbrechen sollte.«

Aber ich wollte bestraft werden, denn ich hatte es nicht besser verdient. Ich hatte eine Eins bekommen und gehörte somit zu den Klassenbesten, was mir nicht zustand. Und doch sah ich in Jacksons Blick, dass er eher stolz als enttäuscht war.

»Du hast eine Gelegenheit wahrgenommen, die sich dir bot«, kommentierte er. »Richtig so!«

»Die können dir überhaupt nichts beweisen«, stimmte Patty zu. »Dein Wort steht gegen seins. Der Lehrer hat es ja nicht gesehen, nicht wahr? Nur der Junge.«

»Sie hat recht«, pflichtete Jackson ihr bei. »Wenn du etwas im Leben erreichen willst, musst du dich nur um dich selbst kümmern und dafür auch bereit sein, über Leichen zu gehen. Du hast bloß die Initiative ergriffen.«

»Nein«, flüsterte ich. »Ich habe gemogelt.«

Patty bedachte mich mit einem Blick, der sagte, dass ich wohl schwer von Begriff war. »Ungefähr genauso naiv wie du damals, als wir uns kennenlernten«, warf sie Jackson an den Kopf und machte dann einen Schritt auf mich zu. »In diesem Leben hilft dir niemand, wenn du dir nicht selbst hilfst. Sieh dir nur deinen Vater an – wie, glaubst du, hat er das alles erreicht? Indem er Gelegenheiten nutzte, die sich ihm boten«, erklärte sie. »Das habe ich ihm beigebracht.«

Jackson antwortete nicht. Er war schon halb aus der Küche.

Am nächsten Tag stand ich in der Schule vor meinem Klassenlehrer, der mich beschuldigte, abgeschrieben zu haben. Ich konnte es einfach nicht abstreiten und sagte die Wahrheit. Als Patty hörte, dass ich zur Strafe eine ganze Woche nachsitzen musste, nannte sie mich einen Dummkopf. Aber Jackson hob bloß die Zeitung hoch und las weiter. Sein Gesicht wurde von der Überschrift ›Isaac Paige zum Nachwuchs-Kriminalbotschafter ernannt‹ verdeckt, und mein eigenes Foto starrte mir entgegen.

Damals hatte ich dem nichts entgegenzusetzen, denn ich wusste, dass ich schuldig war. Wusste es, als ich auf die Arbeit meines Tischnachbarn geschielt hatte.

Und jetzt habe ich dem auch nichts entgegenzusetzen, denn ich bin schuldig. Wusste es, als ich den Abzug drückte, und tat es trotzdem.

Auge um Auge.

Ich zerre die Pritsche zum Fenster hinüber. Sie kratzt laut über den Boden, aber niemand kommt. Der Himmel ist klar und winterblau. Unser Himmel, Martha, und unsere Sterne sind immer noch da, auch wenn sie im Moment vom Tageslicht überdeckt werden.

Wenn ich meinen Kopf ganz weit zur Seite drehe, kann ich den Pfad sehen, den ich nahm, als ich zum Zuschauerraum für deine Hinrichtung geführt wurde. Da unten steht ein Baum. Er wirkt dort fehl am Platz, als hätte ihn jemand viel zu dicht an das Gebäude gepflanzt.

Die Äste sind kahl und warten darauf, im Frühling zu neuem Leben zu erwachen.

Na, aber da ist ja doch noch Leben: Da sitzt ein Vogel, der sich ein Nest gebaut hat. Ich frage mich, ob er wohl den Winter überstehen wird. Vielleicht hat jemand Futter für ihn in den Baum gehängt. Ich hoffe es jedenfalls.

Hast du ihn auch gesehen, als du hier drin warst, Martha?

Ich wünschte mir, wir hätten wenigstens miteinander sprechen können, nach Zelle 7.

Ich wünschte mir, ich hätte länger bei dir bleiben können, hätte dich in meinen Armen halten und dir sagen können, dass ich dich liebe und so stolz darauf bin, dein Freund zu sein.

Vor sieben Tagen warst du hier drin, lagst auf dieser Pritsche, von diesen weißen Wänden umgeben.

Die Zeit schreitet so schnell voran. Steht für nichts und niemanden still.

Martha, du und ich haben dafür gekämpft, das Rechtssystem zu ändern, damit es keine Korruption mehr gibt und es wieder fairer wird. Wir kämpfen immer noch dafür. Aber selbst wenn wir erfolgreich sein sollten, wird es die Todesstrafe dann trotzdem noch geben? Ist es das, was die Menschen in diesem Land wollen?

Und nur, weil sie es wollen, heißt das auch, dass es das Richtige ist?

Der Premierminister

Unter einem klaren blauen Novemberhimmel kommt ein Privatjet auf einer Landebahn zum Stehen.

Die Flugzeugtür schwingt auf, und der Premierminister tritt von zwei Bodyguards flankiert nach draußen. Er bleibt kurz auf der Metalltreppe stehen und rückt seine verspiegelte Sonnenbrille zurecht, deren Gläser im Licht der Wintersonne funkeln. Mit einem blendend weißen Zahnpastalächeln läuft er schließlich leichtfüßig die Treppe hinunter und überquert die Landebahn auf dem Weg zu den wartenden Journalisten.

Mit erhobener Hand blickt er auf die zahlreichen Gesichter und Kameras und bittet um Ruhe und die ungeteilte Aufmerksamkeit, ehe er zu sprechen beginnt.

»Meine Damen und Herren, ich bedanke mich bei Ihnen, dass Sie mich bei meiner Rückkehr in unser Land so warmherzig begrüßen, insbesondere an einem Tag, der alles andere als warm ist.«

Die anwesende Menge schmunzelt, und der Premierminister lächelt erneut.

»Im Gegensatz zum blauen Himmel hier über uns scheinen wir allerdings gerade etwas stürmische Zeiten zu durchleben. Während meines Auslandsaufenthaltes habe ich die Entwicklung der Ereignisse im Zusammenhang mit unserem Justizsystem verfolgt. Insbesondere habe ich gewisse Insassen im Todestrakt mit höchstem Interesse und größter Sorge beobachtet.«

Er hält inne, streckt die Schultern durch und hebt das Kinn.

»Es wäre fatal, aus den Augen zu verlieren, dass unser Justizsystem weltführend, innovativ und inspirierend ist. Es ist unerlässlich, dass wir uns angesichts der neuesten Entwicklungen nicht zu überstürzten Handlungen hinreißen lassen. Und es ist unsere Bürgerpflicht, unser System vor jenen zu schützen, die von anderen mittels lächerlicher Behauptungen manipuliert wurden.

Lassen Sie mich Ihnen eine Frage stellen: Welches andere Land auf der Welt gestattet jedem seiner Bürger, Jurymitglied in jedem einzelnen Fall zu sein? Können Sie mir das sagen?«

Sein Blick schweift ruhig und gelassen über das Publikum.

Niemand meldet sich zu Wort.

»Und wissen Sie auch, warum Sie keine Antwort auf diese Frage wissen? Weil es keine gibt. Wir haben den Maßstab gesetzt, wir sind Pioniere, eine Weltmacht, an der sich andere orientieren. Lassen Sie uns das nie vergessen. Vielen Dank.«

Er wendet sich von der Menge ab.

»Premierminister!«, ruft ein Journalist. »Was ist mit Martha Honeydew? Sie war unschuldig. Was wäre, wenn man sie hingerichtet hätte? Was hätte das für unser Justizsystem bedeutet?«

Der Premierminister bleibt stehen.

Er überlegt einen Augenblick, dann dreht er sich um und nickt dem Journalisten zu. »Im Leben und insbesondere in der Führung eines Landes muss man sich oft fragen, was gewisse Begriffe wie beispielsweise Unschuld eigentlich bedeuten und welche Erwartungen die Gesellschaft an solche Konzepte knüpft. Derlei Fragen sind in diesem Fall auch angebracht.«

»Premierminister!«, ruft jetzt jemand anders. »Sie hat unser System zum Narren gehalten, wie stehen Sie dazu?«

Der Premierminister lächelt und schüttelt den Kopf. »Wenn Sie das glauben, sind Sie selbst ein Narr«, entgegnet er. »Wenn sich diejenigen, die solche Anschuldigungen erheben, die Zeit nähmen, einmal genau zu studieren, wie unser Justizsystem funktioniert, wäre ihnen klar, dass die Möglichkeit, Einfluss auf die Entscheidung über Schuld oder Unschuld zu nehmen, verschwindend gering ist.«

Als er sich erneut abzuwenden versucht, löst er eine Flut an Fragen aus, und Mikrofone und Aufnahmegeräte werden ihm entgegengestreckt. Lässig tritt er einen Schritt zurück und lächelt in die Menge.

Eine Frage übertönt alle anderen.

»Was ist mit den Korruptionsvorwürfen?«

Er nimmt seine Sonnenbrille ab. »Was soll damit sein?«, entgegnet er.

»Gestern wurden einige Anschuldigungen erhoben. Der Paige-Junge hatte eine Menge Beweismaterial, das diese schwerwiegenden Anschuldigungen zu bestätigen scheint. Zum Beispiel hat er gesagt, dass sein Vater, Jackson Paige, Martha Honeydews Mutter umgebracht hat. Falls das stimmen sollte, würde das bedeuten, dass der junge Mann, der für dieses Verbrechen hingerichtet wurde, unschuldig war. Und dann war da noch dieses Video …«

Der Premier hebt beschwichtigend eine Hand. »Ich muss Sie leider unterbrechen. Aus der Luft gegriffene Behauptungen wie diese sind nichts weiter als hässliche und unprofessionelle Versuche zu untergraben, wofür unser Land steht. Ich kann es wirklich nicht ertragen …«

»Aber sie waren ja gar nicht aus der Luft gegriffen. Er hatte Beweise. Und die Dokumente, die er von seinem Vater …«

Der Premier lacht laut auf und wird sofort wieder ernst. »Und genau das macht mir Angst – Angst um unser Land. Wir müssen uns mit vereinten Kräften gegen diese Leute wehren, die derartige Gerüchte in die Welt setzen. Denn damit untergraben sie die Werte, für die so viele von Ihnen, die Öffentlichkeit, über Jahre hinweg gekämpft haben und die Sie alle verdienen: Frieden, Beständigkeit und Sicherheit.

Lassen Sie uns nicht vergessen, wie dramatisch die Statistiken für Gewaltverbrechen seit der Einführung des Stimmen-für-Alle-Systems zurückgegangen sind. Möchten Sie diese gewonnene Sicherheit wirklich einfach aus dem Fenster werfen? Das bezweifele ich. Diese Anschuldigungen sind nichts als das: Anschuldigungen. Wir dürfen ihnen keinerlei Beachtung schenken. Tatsächlich war einer der vielen Gründe für die Abschaffung der Gerichte das fortwährende Risiko der Korruption, die oft genug verhinderte, dass die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen wurden. Drogendealer bekamen ein milderes Strafmaß, wenn sie Geschäftspartner verrieten. Mörder, die auf schuldig plädierten, bekamen ein milderes Strafmaß, um den Gerichten Geld zu sparen. Anklagen gegen korrupte Polizisten wurden wieder fallengelassen, wenn sie bei anderen Angelegenheiten ein Auge zudrückten. Das musste einfach aufhören!«

Er hebt beschwörend beide Hände. »Und das hat es. Dank Ihnen, der Öffentlichkeit. Deshalb flehe ich Sie an: Seien Sie stolz auf das, was wir gemeinsam erreicht haben. Riskieren Sie nicht, all das aufgrund von Gerüchten und Hörensagen aufs Spiel zu setzen. Wir – Sie und ich und das Kabinett, das mich unterstützt – haben gelobt, keine Form der Korruption zuzulassen und unermüdlich gegen sie anzukämpfen. Meine Damen und Herren, ich bin stolz darauf, sagen zu können, dass das auch weiterhin unser größtes Bestreben ist.

Wir haben Paiges Anschuldigungen äußerst ernst genommen, und die Polizei und das Dezernat für Schwerverbrechen haben sie, meinen Anweisungen aus dem Urlaub folgend, gründlich untersucht und analysiert. Sie sind zu dem Schluss gekommen, dass sie vollkommen unbegründet sind. Die Dokumente, die angeblich aus Jacksons Büro entwendet worden sein sollen, und die sogenannte Aufnahme einer Sicherheitskamera waren nichts weiter als schlau eingefädelte Lügen.«

Er hält inne und lässt seinen Blick über die anwesende Menge schweifen.

»Lassen Sie uns vereint an unseren moralischen Wertvorstellungen festhalten, und lassen Sie uns gemeinsam stark sein. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Launen derer, die schwächer sind als wir, das in den Dreck ziehen, was uns so sehr am Herzen liegt.«

Die Antwort des Premiers löst ein Blitzlichtgewitter aus, und weitere Fragen hageln auf ihn nieder, während ihm die Journalisten ihre Mikrofone entgegenstrecken. Unterdessen tritt eine junge Frau unauffällig an seine Seite.

»Wir sollten jetzt gehen, Sir«, flüstert sie.

Er nickt, lächelt beständig weiter, winkt der Menge zu und geht dann mit schnellen Schritten zum Terminal.

Sofia – unauffällige Schuhe, Hose, adretter Pullover – folgt ihm diskret. Sie hält einen Stapel Akten in den Armen, auf dem ein Klemmbrett thront. Sie bleibt im Hintergrund, doch ihre Augen sind überall, und ihr entgeht nichts.

Als sie das Flughafengebäude betreten, außer Reichweite neugieriger Blicke und lauschender Ohren, fällt das Lächeln des Premierministers in sich zusammen. Sein Gesicht verzieht sich vor Wut, und er marschiert aufgebracht auf und ab.

»Verdammte Scheiße!«, brüllt er. »Dieses Gör hat eine verdammte Schweinerei angerichtet. Das muss auf der Stelle unterbunden werden!« Er bleibt stehen und schüttelt den Kopf. »Verdammte Scheiße«, wiederholt er und bläst die Wangen auf. »Sofia, wie sieht mein Terminkalender heute aus?«

»Es gibt ziemlich viele Leute, die mit Ihnen sprechen möchten, Sir«, antwortet sie und liest von einer Liste auf ihrem Klemmbrett ab. »Die National News möchte ein Interview mit Ihnen, Death is Justice fragt nach, ob Sie als Ehrengast im Studio auftreten könnten oder vielleicht in einer Live-Schaltung. Sie haben eine Talkshow-Einladung, und Celebrity Now! möchte gern einen Artikel mit …«

Er fällt ihr ins Wort. »Nichts davon. Ich will mit Patty Paige sprechen. Organisieren Sie das.«

Vor den Royal Courts of Justice

Martha sitzt auf der Rückbank in Eves Wagen und trommelt mit den Fingern gegen die angestaubte Plastikverkleidung der Tür.

Eve stellt den Motor ab und blickt mit müden Augen in den Rückspiegel.

»Ich denke nicht, dass das eine gute Idee ist«, sagt sie zu Martha.

»Dann schlagen Sie was Besseres vor«, entgegnet Martha. »Sie haben doch lauter so gute Ideen gehabt, seit ich Sie vor, was, … einer Woche kennengelernt habe.«

Cicero dreht sich auf dem Beifahrersitz zu Martha um und sieht sie mit erhobenen Augenbrauen an. »Sie leben noch, oder etwa nicht?«, blafft er sie an. »Was glauben Sie, wäre passiert, wenn Eve nicht Ihre psychologische Betreuerin im Todestrakt gewesen wäre?«

Eve schüttelt den Kopf. »Das ist doch egal«, entgegnet sie.

»Das ist es nicht!« Cicero schlägt mit der Faust auf das Armaturenbrett. »Wir haben uns Ihretwegen in Gefahr gebracht, Martha! Und Max noch dazu. Was meinen Sie wohl, würde passieren, wenn die Behörden herausfänden, dass Max sich in das Sicherheitssystem von Zelle 7 gehackt und den Leuten gezeigt hat, dass Sie Jackson nicht umgebracht haben? Oder wenn sie herausbekämen, dass ich beim Fernsehsender mit verzerrter Stimme angerufen habe, damit ich Sie in der Öffentlichkeit verteidigen konnte? Oder wenn sie wüssten, dass Eve Nachrichten zwischen Ihnen und Isaac überbracht hat?« Er wirft ihr einen gereizten Blick zu und schüttelt den Kopf.

Martha schreckt vor ihm zurück.

»Hmm?« Seine Stimme wird etwas versöhnlicher. »Haben Sie mal eine Sekunde darüber nachgedacht, was dann passiert wäre?«

Eve legt eine Hand auf sein Knie. »Nicht jetzt«, flüstert sie.

Cicero seufzt und dreht sich zurück nach vorn.

Einen Moment lang sitzen die drei stumm da.

Martha hebt einen Arm, wischt über die beschlagene Fensterscheibe und schielt nach draußen. Auf der anderen Straßenseite warten Reporter, die ihren Wagen neugierig beobachten.

»Tut mir leid«, murmelt sie schließlich. »Sie haben recht: Sie haben mir geholfen, da rauszukommen. Danke.«

»Das war eine Gemeinschaftsleistung«, erwidert Eve. »Wir waren nicht diejenigen, die dadrin festsaßen.«

Martha zuckt mit den Schultern. »Ich muss mich der Öffentlichkeit stellen«, sagt sie leise.

Eve legt ihren Sicherheitsgurt ab, dreht sich zu Martha um und sieht sie durchdringend an.

Martha blickt zu ihr auf. »Ich verstehe Sie ja«, fügt sie jetzt hinzu. »Aber die Menschen sollen wissen, dass ich kein Monster bin. Und wie sehr …«

Sie hält inne, schluckt schwer und holt tief Luft. »Isaac … wie sehr … was er …« Sie sieht weg und fährt sich mit dem Ärmel über das Gesicht.

»Möchtest du, dass ich dich begleite?«, fragt Eve.

Martha schüttelt den Kopf. »Ich schaffe das schon«, erwidert sie. »Aber« – sie stockt und holt tief Luft – »Sie warten hier auf mich, bis ich wiederkomme, oder?«

Eve schenkt ihr ein dünnes Lächeln und nickt. »Selbstverständlich«, antwortet sie.

18.30 Uhr. Die Sendung – Death is Justice – beginnt

Auf einem dunkelblauen Bildschirm tanzen weiße Flecke, die wie statisch aufgeladen summen und knistern. Jetzt erscheint ein überdimensionales Auge mit einer eisblauen Iris auf der Mitte des Bildschirms. Es blinzelt, und die Wörter ›Auge um Auge‹ drehen sich im Kreis um die schwarze Pupille.

MÄNNLICHESTIMME: Auge um Auge Productions präsentiert …

Die Wörter halten an, und das statisch aufgeladene Knistern erklingt erneut. Jetzt laufen die Buchstaben spitz zu, das Auge wird rot und schließt sich schließlich.

MÄNNLICHESTIMME: … unsere heutige Ausgabe von Death is Justice mit Ihrem Gastgeber …

Das Blau wird langsam ausgeblendet, und die Scheinwerfer im Fernsehstudio erhellen ein protziges Set. Ihr Licht spiegelt sich auf dem glitzernden eisblauen Fußboden. Rechts von der Bühne befindet sich ein überdimensionaler Bildschirm, auf dem das Auge-Logo zu sehen ist. Die Wörter drehen sich langsam im Kreis, und das Auge blinzelt.

Auf der linken Seite des Studios befindet sich ein sanft geschwungener Hochglanz-Tresen. Dahinter stehen glitzernde Barhocker, die auf das Studiopublikum ausgerichtet sind, das im Schatten sitzt und nicht zu sehen ist.

MÄNNLICHESTIMME: … Joshua Decker!

Ein Spot geht an und beleuchtet Joshua, der vor dem Tresen steht. Er trägt einen dunkelblauen, schmal geschnittenen Anzug und ein blütenweißes Hemd. Seine gemusterte Krawatte glänzt im Scheinwerferlicht des Studios, und die Absätze seiner Schuhe klackern, während er das Studio durchquert. Er winkt den johlenden und klatschenden Zuschauern im Studio zu.

JOSHUA: Meine Damen und Herren, liebe Zuschauer zu Hause, liebes Studiopublikum, was für ein Empfang! Herzlichen Dank! Es freut mich wirklich sehr, wieder hier zu sein und Sie durch unsere Kultsendung führen zu dürfen.

Der Applaus schwillt an.

JOSHUA: Unsere liebe Kristina Albright widmet sich derweil einer neuen Aufgabe. Sie ist ab jetzt Gastgeberin unserer Sendung Buzz for Justice, die nachmittags ausgestrahlt wird. Falls Sie sie noch nicht gesehen haben sollten, kann ich Sie nur inständig bitten einzuschalten. Sonst verpassen Sie ein regelrechtes Feuerwerk der Unterhaltung! Wir sorgen live im Studio für Gerechtigkeit. Eine Jury, die sich aus drei Bürgern wie Sie und ich zusammensetzt, fällt ihr Urteil mithilfe großer blauer Buzzer. Falls sie jemanden für schuldig halten, betätigen sie den Buzzer: Bäm! Dann müssen sie nur noch abwarten, ob die Mehrheitsentscheidung zu ihren Gunsten ausfällt. Klingt spannend, oder? Möchten Sie mitmachen?

Das Publikum reagiert nicht.

JOSHUA: Ich kann Sie nicht hören. Also, noch einmal: Möchten Sie mitmachen?

PUBLIKUM (einstimmig): Ja!

JOSHUA: Dann schauen Sie im Internet auf www.augeumaugeproductions.com vorbei, klicken Sie den Buzz for Justice-Tab an, und bewerben Sie sich für den Kauf einer Eintrittskarte! Ein absolutes Schnäppchen: nur £99 für eine Publikumskarte und £499 für einen der ausschlaggebenden Juryplätze. In welcher anderen Gesellschaft gibt es die Gelegenheit, direkt an vorderster Front der Justiz mitzuwirken? Was für ein Abenteuer! Die Warteliste wird stetig länger, deshalb zögern Sie nicht, und loggen Sie sich noch heute mit Ihrer Bewerbung ein. Aber jetzt zurück zu unserer Sendung …

Er hält einen Augenblick inne, die Scheinwerfer werden heruntergefahren, und er geht auf das Publikum zu.

JOSHUA: Ich kann wirklich kaum glauben, dass ich Ihr Gastgeber sein darf, und danke Ihnen für Ihren Enthusiasmus und Ihren warmherzigen Empfang. Ich fühle mich geehrt und privilegiert.

Wilder Applaus ertönt.

JOSHUA: Und da wir gerade von Privilegien sprechen … wohl kaum jemand war privilegierter als unser neuester Insasse im Todestrakt – Isaac Paige. Er hatte eine rosige Zukunft vor sich, doch warf sie aus einer Laune heraus weg. Oder war es vielleicht doch ganz anders? Was meinen Sie?

Ein aufgeregtes Raunen geht durch das Publikum.

JOSHUA: Viele sind der Meinung, dass er sein Leben verschwendet hat. Und doch könnten seine Absichten gut gewesen sein. Geschah dies alles vielleicht aus Liebe? Womöglich war es eine Tat aus Leidenschaft. Falls es so war, frage ich Sie, liebe Zuschauer, was würden Sie für die Person tun, die Sie über alles in der Welt lieben?

Im Studio ist es mucksmäuschenstill. Doch Joshua zuckt zusammen und fasst sich kurz mit einer Hand ans Ohr, bevor er sich wieder sammelt und fortfährt.

JOSHUA (wie beiläufig): Oder vielleicht, wie manch einer glaubt, wurde er manipuliert und fälschte die sogenannten Beweise angeblicher Korruption. Eine schwierige Frage, über die man nachdenken muss.

Er bleibt dicht vor dem Publikum stehen und lächelt einer Frau in der ersten Reihe zu. Sie kichert, und ein Murmeln geht durch die Reihen. Er zwinkert der Frau zu und dreht sich dann zurück zur Kamera.

JOSHUA: Vielleicht kann unser heutiger Gast etwas Aufschluss über die Situation geben. Ja, meine Damen und Herren im Studio und liebe Zuschauer zu Hause, heute Abend dürfen wir einen wirklich ganz besonderen Gast bei uns willkommen heißen. Womöglich die einzige Person, die in der Lage ist, das alles zu erklären. Ich bin mir sicher, Sie hätten das nicht für möglich gehalten, aber heute sprechen wir das erste Mal nach ihrer Freilassung aus dem Todestrakt mit ihr höchstpersönlich. Bitte begrüßen Sie nun mit mir im Studio … Martha Honeydew!

Laute Musik dröhnt durch das Studio, und die Spots tanzen über die Bühne, als Martha hinter der Kulisse hervortritt. Das Publikum applaudiert nur mäßig, während sie zu Joshua hinübergeht, der neben dem Tresen auf sie wartet. Joshua lächelt und kommt auf sie zu, als wollte er sie umarmen, doch sie versteift sich merklich und tritt einen Schritt zurück, sodass sie einander ungelenk begrüßen.

Die Musik verblasst, die Spots erlöschen, und Joshua und Martha setzen sich hinter dem Tresen auf die Hocker.

JOSHUA: Martha, es freut uns wirklich, dich zu sehen. Wirklich. Wir sind alle unglaublich erleichtert, dass du freigelassen wurdest.

MARTHA: Vielen Dank.

JOSHUA: Wir haben gehört, dass du zurzeit bei der psychologischen Betreuerin – Ex-Betreuerin muss man wohl sagen –, Eve Stanton, wohnst. Stimmt das?

MARTHA (nickend): Ja, das ist richtig.

JOSHUA: Vorübergehend.

MARTHA: Wie bitte?

JOSHUA: Eve erlaubt dir, vorübergehend bei ihr zu wohnen.

MARTHA: Das … das verstehe ich nicht.

Joshua lacht auf, wirft einen Seitenblick auf das unterkühlt reagierende Publikum im Studio und sieht sie dann wieder an.

JOSHUA: Ist dir zu Ohren gekommen, was Kommissar Hart vom City-Dezernat für Schwerverbrechen gestern gesagt hat, nachdem du freigelassen wurdest?

Martha starrt ihn an.

MARTHA: Ich … nein …

Im Studio herrscht gespannte Stille. Joshua blickt ins Publikum.

JOSHUA: Oje. Nun, es scheint fast, meine Damen und Herren, dass wir unserer armen Martha eine ziemliche Hiobsbotschaft überbringen müssen. Martha, wenn du einmal dort hinschauen könntest …

Das Auge-Logo auf dem Bildschirm schwebt auf die rechte Seite. Auf der linken Seite erscheint das Standbild einer Videoaufnahme von Kommissar Hart in Uniform. Seine an der Brust aufgereihten Orden glitzern im Licht der Scheinwerfer.

Die Aufnahme wird abgespult, und Martha sieht gebannt zu.

KOMMISSARHART (Videoaufnahme): Diese ganze Affäre ist komplett fingiert. Ich habe ja von Anfang an gesagt, dass mehr an der Sache dran ist, und ich habe recht behalten. Honeydew hat nicht nur die Autoritäten zum Narren gehalten, sondern auch das Opfer, Isaac Paige, die Polizei und selbst Sie, das Volk. Es macht mich unglaublich wütend, dass Honeydew unschuldige, schutzlose Mitbürger ausgenutzt hat, und ich verspreche Ihnen allen höchstpersönlich, dass so etwas nie wieder vorkommen wird. Obwohl sie nicht dafür belangt werden wird, die Zeit der Polizei verschwendet zu haben, kann ich Ihnen versichern, dass in diesem Augenblick bereits Vorkehrungen getroffen werden, um sie so schnell wie möglich in eine psychiatrische Anstalt einzuweisen und ihren geistigen Gesundheitszustand zu überprüfen. Bis dahin wird sie ununterbrochen unter Beobachtung stehen. Es mag sein, dass sie in Bezug auf besagtes Verbrechen unschuldig ist, doch das heißt noch lange nicht, dass sie dazu in der Lage ist, frei auf unseren Straßen herumzulaufen. Wie immer genießt die Sicherheit der Öffentlichkeit unsere allerhöchste Priorität.

Das Video wird angehalten, und Harts Gesicht ist in Großaufnahme zu sehen. Martha starrt es an.

JOSHUA (leise): Wie fühlst du dich gerade?

Martha schwankt auf ihrem Hocker, schließt die Augen und sucht am Tresen Halt.

JOSHUA: Martha, wie fühlst du dich dabei?

Sie öffnet die Augen und starrt wieder auf den Bildschirm.

MARTHA: Mir ist schlecht.

JOSHUA: Es tut mir sehr leid, das zu hören. Wirklich sehr leid. Du hast letzte Woche viel durchgemacht im Todestrakt, nicht wahr?

MARTHA: Nicht mehr als alle anderen Insassen auch, aber was hat Kommissar Hart gemeint, als er gesagt hat …

JOSHUA: Schon, aber du …

MARTHA: Können Sie mir das bitte noch mal zeigen? Ich will wissen, was er damit gemeint hat, als er sagte, ich hätte Isaac zum Narren gehalten.

JOSHUA (betroffen): Darauf können wir später noch einmal zurückkommen, Martha. Wie schon gesagt hattest du es ziemlich schwer dadrin. Schließlich warst du ja unschuldig.

Martha löst ihren Blick vom Bildschirm und sieht Joshua an.

MARTHA: Ja, aber andere waren oder sind, das auch. Oliver Barkova zum Beispiel.

JOSHUA: Das behauptest du, aber –

MARTHA: Aber Sie wissen das jetzt doch, nicht wahr?

Sie wendet sich an das Publikum.

MARTHA: Sie wissen, dass er meine Mutter nicht umgebracht hat. Sie wissen, dass es dieses Schwein Jackson Paige getan hat, stimmt’s?

Niemand reagiert.

JOSHUA: Martha, ich muss dich bitten, deine Ausdrucksweise zu mäßigen.

MARTHA: Sie wissen doch, dass er schuldig war! Jackson Paige? Ich meine, das weiß jetzt jeder, oder? Sie haben die Videoaufnahme gesehen, die Tonaufnahme gehört, den ganzen Kram gelesen, den Isaac gefunden hat …

Ein Murmeln geht durch das Studiopublikum. Einige schütteln den Kopf oder zischen missbilligend. Martha runzelt die Stirn, sieht erst die Zuschauer an, dann Joshua.

Joshua mahlt mit dem Kiefer. Er hält einen Augenblick inne, als überlegte er, was er sagen soll, aber fährt dann fort.

JOSHUA (leise): Meinst du diese Aufnahme?

Auf dem Bildschirm erscheint die körnige Aufnahme einer Sicherheitskamera. Sie ist so stark vergrößert, dass man lediglich sieht, wie Isaac die Waffe auf Jackson richtet. Martha ist nicht im Bild. Der Schuss fällt, ein weißer Blitz leuchtet auf, Jackson geht zu Boden. Diese kurze Sequenz wird in einer Endlosschleife wiederholt. Immer und immer wieder.

Die Zuschauer im Studio zucken zurück. Die Aufnahme hält an dem Zeitpunkt an, an dem Jackson zu Boden fällt. Die Kameras im Studio sind auf Joshua und Martha gerichtet.

MARTHA: Da ist nicht alles drauf! Sie haben nicht gezeigt, wie Jackson mich bedroht hat! Das hat jemand zusammengeschnitten. Das ist irreführend. Und was ist mit …

ZUSCHAUER (laut rufend): Isaac hat es verdient zu sterben! Auge um Auge!

Das Publikum jubelt auf.

MARTHA: Aber … das stimmt nicht … Sie können gar nicht sehen, was wirklich passiert ist … Er hat es gemacht, um mich zu retten!

ZUSCHAUER (aufgebracht): Er hat es getan, weil er ein undankbarer, egoistischer Bastard ist. Jackson hat ihm eine Chance gegeben und ihn aus den Kratzern geholt – und wie hat er es ihm gedankt? Er hat die Hand gebissen, die ihn genährt hat!

Martha springt so hastig auf, dass der Hocker hinter ihr umfällt.

MARTHA (laut rufend): Nein, das ist nicht wahr!

Sie kommt hinter dem Tresen hervor und hebt beschwörend beide Hände.

MARTHA: Was ist mit den Leuten, die Jackson in der Tasche hatte? Die Verbrechen, die sie begangen haben, die vertuscht wurden! Die Bestechungsgelder! Das haben Sie doch alles gesehen? Und diese Aufnahme – Jackson hatte seinen Gürtel um meinen Hals geschlungen, Herrgott noch mal! Er wollte mich umbringen! Isaac rettete …

JOSHUA: Martha, ich fürchte, die Behörden sind der Ansicht, dass du alles gefälscht …

ZUSCHAUER: Du bist eine verlogene und berechnende Schlampe!

MARTHA: Nein! Sie haben es gesehen. Sie haben es alle gesehen, als ich in Zelle 7 saß! Es wurde im Fernsehen gezeigt!

Sie dreht sich zu Joshua um, der regungslos am Tresen sitzt.

MARTHA: Haben die das nicht gezeigt? Haben Sie es nicht? Es war in der verdammten Sendung! Das war es doch … oder nicht?

Ihre Augen füllen sich mit Tränen.

JOSHUA (leise): Setz dich bitte … Es gibt keinerlei Nachweis für diese Aufnahme, Martha.

ZUSCHAUER: Lügnerin! Du willst bloß die Aufmerksamkeit auf dich ziehen, deshalb hast du dir das alles ausgedacht! Du machst dir was vor! Du bist nicht ganz richtig im Kopf! Die sollten dich einsperren!

JOSHUA: Lassen Sie uns bitte Ruhe bewahren …

MARTHA (laut rufend): Scheiß auf Ihre Ruhe! Er hat meine Mutter umgebracht! Er hat sie einfach absichtlich überfahren. Wir hatten die Aufnahme einer Sicherheitskamera zum Beweis. Isaac hat sie live im Fernsehen gezeigt!

Als Marthas Stimme bricht, beginnt das Publikum zu lachen.

MARTHA (weinend und laut rufend): Wir hatten Beweise für seine Korruption – Listen, Dokumente. Die Schmiergelder, die er an die Polizei gezahlt hat. Die Lügen. Alles!

Das Lachen des Publikums wird lauter. Tränen strömen über Marthas Gesicht, während sie die Zuschauer anstarrt. Die Kamera schwenkt aus. Joshua steht jetzt neben ihr und legt eine Hand auf ihren Arm, aber sie zieht ihn weg.

JOSHUA (leise): Martha, komm bitte, setz dich wieder hin, du tust dir damit keinen Gefallen.

Martha beachtet ihn nicht und stürzt auf das Publikum zu.

MARTHA: